Sexualisierte Gewalt in Einrichtungen und Diensten der Erziehungshilfe

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1 Sexualisierte Gewalt in Einrichtungen und Diensten der Erziehungshilfe Prof. Dr. Claudia Bundschuh

2 Altbekanntes Problem neu gewachsenes Problembewusstsein Altbekanntes Problem Täter/innen sexualisierter Gewalt: auch Fachkräfte, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten Neu gewachsenes Problembewusstsein so etwas gibt es bei uns nicht gibt s nicht

3 Gründe für einen dauerhaften Handlungsbedarf Zielgruppen der erzieherischen Hilfen Hauptsächlich Kinder und Jugendliche häufig mit Erfahrung unzureichender Fürsorge, Anerkennung, Hilfestellung häufig mit Erfahrung der Kindeswohlbeeinträchtigung durch Gewalt, Vernachlässigung erhöhtes Risiko für sexualisierte Gewalterfahrung

4 Interessen und Strategien der Täter/innen u. a. Unverstellter Kontakt zu Kindern / Jugendlichen Gezieltes Aufsuchen kindlicher / jugendlicher Lebenswelten zur Kontaktanbahnung Gezielte Befriedigung ungestillter Bedürfnisse zur Förderung der Kooperationsbereitschaft Attraktivität der Tätigkeit in der Kinderu. Jugendhilfe

5 Häufigkeit der Vorfälle Regelmäßige Meldungen aus der Praxis Wenige empirische Befunde o Kleinere Anzahl von Studien in USA und England in den 1990er Jahren über sexualisierte Gewalt in Pflegeverhältnissen und Heimen o Aktuelle Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts über bekannte Fälle in bundesdeutschen Heimen 2010

6 Standardisierte Institutionenbefragung des Deutschen Jugendinstituts 2010 Prozentuale Nennungen der Verdachtsfälle in Schulen, Internaten und Heimen in den letzten drei Jahren A) Sexuelle Gewalt durch Mitarbeiter/innen B) Sexuelle Gewalt unter Kindern/Jugendlichen C) Sex. Gewalterfahrungen außerhalb der Institution Mindestens ein Fall A, B, oder C Schulen Schulleitungen Lehrkräfte Internate Heime 3,5 4,0 3,1 10,2 16,0 17,4 27,8 38,9 31,9 30,8 34,0 48,5 42,5 40,2 48,5 69,8

7 Verdacht der sexualisierten Gewalt durch Mitarbeiter/innen (rund 10% der Einrichtungen) o Fälle ohne (eindeutigen) Beleg 15% laut Heimleitungen haltlos 24% ohne eindeutige Klärung 39% nicht (eindeutig) bestätigt

8 Geschilderte Vorkommnisse versuchte Penetration Misshandlungen mit sex. Hintergrund Sonstige Missbrauch ohne Körperkontakt erfolgte Penetration verbale sexuelle Übergriffe Berührungen der Geschlechtsteile Berührungen am Körper 6,1 6,1 9,1 9,1 18,2 21,2 42,4 66,7

9 Verdacht der sexualisierten Gewalt durch Kinder/Jugendliche (knapp 40%! der Einrichtungen) o Fälle ohne (eindeutigen) Beleg 8,7% laut Heimleitungen haltlos 11,9 % ohne eindeutige Klärung 20,8 % nicht (eindeutig) bestätigt

10 Geschilderte Vorkommnisse versuchte Penetration 24,6 Misshandlungen mit sex. Hintergrund 4 Sonstige Missbrauch ohne Körperkontakt erfolgte Penetration 12,7 11,1 16,7 Berührungen der Geschlechtsteile Berührungen am Körper 58,7 65,1

11 Institutionelle Risikofaktoren Haltung in der Einrichtung Fehlendes Problembewusstsein Fehlende Einrichtungsethik Systemeigenschaften Geschlossenheit von Einrichtungen Offenheit von Einrichtungen

12 Leitungsstrukturen Rigide, autoritäre Leitung Wenig strukturierte, unklare Leitung Praxis mit Kindern und Jugendlichen Fehlende transparente Regeln für den alltäglichen Umgang zwischen Fachkräften und Zielgruppen Fehlendes Aufklärung von Kindern und Jugendlichen über ihre Rechte und Möglichkeiten der Rechtsdurchsetzung Fehlende Aufklärung von Kindern und Jugendlichen über Sexualität

13 Prävention von sexualisierter Gewalt Haltung/Systemeigenschaften/Leitung Leitbild als Fundament einer Kultur der Achtsamkeit o Klare Positionierung gegen jede Form der Gewalt und gegen jede Form erotisch sexueller Kontakte zu den Zielgruppen o Verpflichtung auf die Einhaltung der Kinderrechte o Verpflichtung zur Praxis auf der Basis fundierter Fachkenntnisse

14 Aufklärung und Qualifizierung aller Mitarbeiter/innen o Bewusstmachung der Bedarfe der Zielgruppen o Vermittlung / Auffrischung fachlich fundierter angemessener Reaktionen auf Bedarfe o Bewusstmachung von schädigender Praxis und Auswirkungen auf die Entwicklung Leitlinien für den Umgang mit Zielgruppen o Umgang mit Nähe und Distanz o Überschneidungen und Trennung von Privatsphäre/Beruf o etc.

15 Regelmäßige und offene Reflexion der eigenen Praxis o Feste Teamsitzungen / Supervision o Förderung einer offenen Kommunikationskultur Klare Regeln über Anforderungen bei Beobachtung von Anhaltspunkten für Kinderrechtsverletzung o Wer wird informiert? o Wie wird informiert? o Wie wird die Fürsorgepflicht gegenüber den Zielgruppen und Fachkräften erfüllt? Bewusste Personalauswahl o Abklärung der Vorgeschichte (erweitertes Führungszeugnis) o Abklärung der Haltung

16 Präventive Praxis mit Kindern und Jugendlichen Aufklärung über Rechte und Hilfe bei Rechtsverletzungen Informationen über Kinderrechte, Rechtsverletzungen Information über Ansprechpartner/innen im Fall des Falles Gemeinsame Entwicklung / Diskussion einrichtungsinterner Regeln Partizipation von Anfang an Vorgaben für Hilfeplanung umsetzen! Beteiligung an Entscheidungsprozessen, die sie betreffen

17 Beschwerdemanagement o o o Anregung zur Mitteilung von Einschätzungen, Erfahrungen, Problemen im Rahmen der Hilfe Transparente Bearbeitung von Rückmeldungen / Mitteilung des Ergebnisses Sicherstellung anonymer Beschwerdemöglichkeiten / von Beschwerdemöglichkeiten ohne Kenntnis der zuständigen Fachkraft (z. B. bei sozialpädagogischer Familienhilfe) Aufklärung / sexualpädagogische Konzepte o o Klärung der Zuständigkeiten Bereitstellung geeigneter Informationsquellen für die Zielgruppen

18 Zentrale Aspekte der Intervention Konkretisierung des Ablaufs für die eigene Einrichtung bei Aufkommen eines Verdachts Benennung von Zuständigkeiten und Aufgaben Benennung von einzubeziehenden externen Fachstellen bzw. Diensten Sicherstellung von Nachsorge bei begründetem / erwiesenem Verdacht

19 Das Gute zum Schluss Prävention von sexualisierter Gewalt o beugt auch allen anderen Formen der Beeinträchtigung des Kindeswohls in unserer Arbeit vor o fördert die Zielgruppen in ihrer Gesamtentwicklung fördert ihre Selbstwirksamkeitsüberzeugung erhöht ihr Selbstwertgefühl o fördert ein gutes Betriebsklima, weil wir mehr miteinander sprechen o fördert und stabilisiert unsere fachliche Kompetenz, weil wir Erkenntnisse vertiefen, verankern, erweitern

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