Frauen als Zielgruppe ehrenamtlichen Engagements im Zivil- und Katastrophenschutz

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1 Frauen als Zielgruppe ehrenamtlichen Engagements im Zivil- und Katastrophenschutz Kurzgutachten im Auftrag des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Priv.-Doz. Dr. E. M. Geenen unter Mitarbeit von Dr. R. Strangmeier Ottendorf bei Kiel im Sept ISOKIA Institut für Sozioökonomische und Kulturelle Internationale Analyse Institute for Socioeconomic and Cultural International Analysis Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Geenen

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3 Management Summary: Problemstellung und Empfehlungen Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) ist bestrebt, bisher zu wenig berücksichtigte Bevölkerungsgruppen für eine ehrenamtliche Mitwirkung im Bevölkerungsschutz zu gewinnen. Frauen gehören zu den Bevölkerungsgruppen, die im Bereich des Zivil- und Katastrophenschutzes noch erheblich unterrepräsentiert sind. Das Ziel dieses Kurzgutachtens ist es, Barrieren und Hemmnisse für die ehrenamtliche Mitwirkung von Frauen in diesem Bereich herauszuarbeiten und Ansätze für Veränderungsstrategien vorzuschlagen, die geeignet sind, eine Erhöhung des Engagements von Frauen im Zivil- und Katastrophenschutz zu erreichen. Ein internationaler Vergleich ergibt, dass in den Freiwilligen-Surveys in Deutschland das ehrenamtliche Engagement unzulänglich erfasst wird, indem nicht, wie in Österreich und der Schweiz zwischen formellem (organisationsgebundenem) und informellem (z.b. nachbarschaftlichem) freiwilligen Engagement unterschieden wird. Dies wirkt sich insbesondere dahingehend aus, dass fälschlich von geringerem Engagement von Frauen ausgegangen wird, was oft gerade im informellen Bereich höher ist als das von Männern. Es ist zu bedenken, dass informelles freiwilliges Engagement, welches öffentlich unsichtbar bleibt, in vielen Fällen die Notwendigkeit organisierten freiwilligen und sonstigen Engagements reduziert oder unnötig macht. Hinsichtlich Veränderungsstrategien zur Verbesserung des Engagements von Frauen im Zivil- und Katastrophenschutz ergibt die internationale Recherche lediglich für Australien eine Reihe praktischer und bedenkenswerter Ansätze, die im Abschnitt 2.2 vorgestellt werden. Berücksichtigt wurden (neben Deutschland) Australien, Großbritannien, Frankreich, die Niederlande, Österreich, Schweiz und die Tschechische Republik. Eine wichtige und in Australien erprobte Strategie ist die Herstellung einer sicheren und vorurteilsarmen Lern-, Übungs- und Arbeitsumgebung, in der Frauen ihre Fähigkeiten entdecken, erproben und entwickeln können. Ein weiteres Ergebnis der internationalen Recherche ist, dass auch in anderen europäischen Ländern Frauen im Ehrenamt in Leitungs- und Führungsfunktionen unterrepräsentiert sind und dass Gender- Mainstreaming-Strategien in keinem der betrachteten Länder systematisch verfolgt werden. Zu den Organisationen, die im Zivil- und Katastrophenschutz in Deutschland aktiv sind und die in die Untersuchung einbezogen wurden, 1. Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e. V. (ASB) 2. Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW) 3. Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e. V. (DLRG) 4. Deutsches Rotes Kreuz e. V. (DRK) 5. Freiwillige Feuerwehr (FF) 6. Johanniter-Unfall-Hilfe e. V. (JUH) 7. Malteser Hilfsdienst e. V. (MHD) ergeben sich folgende Befunde aus den Recherchen und Expertengesprächen (siehe Kapitel 3): Die Beteiligung von Frauen an ehrenamtlichen Tätigkeiten divergiert beträchtlich. Auf Leitungsebene grenzt nur die Frauenbeteiligung im ASB an ein paritätisches Geschlechterverhältnis. Die größten Defizite hinsichtlich der Einbeziehung von Frauen auch auf der Basisebene sind beim Technischen I Frauen im Ehrenamt ISOKIA 2012

4 Hilfswerk zu verzeichnen, auch wenn es dort zaghafte Ansätze zur Integration von Frauen gibt. Demgegenüber zeigen sich bei der Freiwilligen Feuerwehr erhebliche Fortschritte, nicht zuletzt angeregt durch ein praxisorientiert-begleitendes soziologisches Forschungsprojekt. Bei den Jugendorganisationen der Vereine sind zum Teil weiterentwickelte Ansätze zum Gender Mainstreaming und teils ebenfalls eine beachtenswerte Beteiligung von Frauen auf Leitungsebenen zu finden. Hervorhebenswert ist der durchdachte Gender-Mainstreaming-Ansatz der Johanniter- Jugend. Generell ist zu konstatieren, dass Frauen in fast allen betrachteten Organisationen auf den operativen und den Führungsebenen jeweils dort, wo es um Entscheidungen geht, erheblich unterrepräsentiert sind. Die geschlechterparitätische Besetzung der Bereitschaftsleitungen bildet eine Ausnahme in der Leitungsstruktur des DRK. Hinsichtlich der Beteiligung an Lehrgängen, die den Zugang zu Führungs- und Leitungspositionen ermöglichen, ist die Situation nicht wesentlich anders. In den betrachteten Organisationen ist die Situation jedoch sehr heterogen, sodass die Lektüre der entsprechenden Abschnitte in Kapitel 3 dringend empfohlen wird. Bezogen auf Veränderungsstrategien sind zwei wichtige Grundansätze zu unterscheiden: Einerseits muss an der traditionellen genderorientierten Sicht von Organisationen, Frauen im Non-Decision-Bereich zu situieren, gearbeitet werden. Dafür müssen das entsprechende Bewusstsein sowie günstige Voraussetzungen für die Teilnahme von Frauen an Leitungs- und Führungslehrgängen und für den Zugang zu den entsprechenden Funktionen geschaffen werden. Auf der grundlegenden Ebene, insbesondere im THW, teils auch bei der Feuerwehr, gilt es, Frauen durch überlegte Öffentlichkeitsarbeit, Schnupperkurse u. ä. als Frauen anzusprechen sowie überkommenen Geschlechterstereotypen einer weiblichen Technikdistanz die alten Zöpfe abzuschneiden und sich so inhaltlich und kulturell verstärkt für Frauen zu öffnen. Gute Wege in diese Richtung zeigen die Leitlinien der Frauen der Freiwilligen Feuerwehren im Deutschen Feuerwehrverband und die in Australien erarbeiteten und realisierten Vorschläge. Die vorliegende Organisationsstudie ist soweit bekannt die erste, in die alle im Zivil- und Katastrophenschutz relevanten Hilfsorganisationen einbezogen werden. Anders als bei Individualstudien ermöglicht eine organisationszentrierte Untersuchung, strukturelle Barrieren für Frauen, die sich in diesem Bereich engagieren (wollen), aufzuzeigen. Im Rahmen des Kurzgutachtens konnten die inneren Kulturen und Strukturen der Hilfsorganisationen nicht umfassend von der Bundeanstalt bzw. den Bundesverbänden bis zur Basis untersucht werden. Auch die befragten Expertinnen und Experten der Organisationen, die auf Bundesebene angesiedelt sind, können nicht wissen, wie z. B. Gender- Mainstreaming-Strategien in allen Ortsvereinen umgesetzt werden und wirken, zumal auch die Strukturen der Organisationen (mit Ausnahme der Bundesanstalt) föderal angelegt sind. Ausdrücklich sei angemerkt, dass die Studie Pilotcharakter hat. In einem solchen Rahmen kann keine umfassende, systematische Organisationsanalyse durchgeführt werden. Sehr wohl jedoch sind Tendenzen genderspezifischer Chancen und Zugänge zu Aufgaben und Funktionen zu konstatieren, die ernst genommen werden sollten und deutlich den Veränderungsbedarf aufzeigen. Die Erhebung eines Meinungsbildes der Organisationsmitglieder war nicht Gegenstand der Untersuchung. Wenn ein öffentliches Interesse an der Beteiligung von Frauen im Bereich Zivil- und Katastrophenschutz besteht, sollten auch die Forschungsmittel bereitgestellt werden, um einen basisgeprüften Bedarf an II Frauen im Ehrenamt ISOKIA 2012

5 Verbesserungen, z.b. von Leitlinien und Gender-Mainstreaming-Konzepten, herausarbeiten zu können. Viel zu wenig im Blickfeld der meisten Organisationen ist die Mehrfachbelastung von Frauen in den Altersgruppen, in denen sie faktisch in viel höherem Maße als Männer Familien- und kinderbezogene Arbeit leisten. Entlastende Maßnahmen, die Frauen ein freiwilliges Engagement auch in leitenden und führenden Funktionen ermöglichen, sind dringend erforderlich. Weitere Empfehlungen und Strategieansätze sind in Kapitel 4 dargestellt. Wichtige Ergebnisse der Untersuchung sind in Abschnitt 1.4 zu elf Thesen verdichtet, die erläutert und mit strategischen Konsequenzen verknüpft werden. ISOKIA 2012 Frauen im Ehrenamt III

6 Inhaltsübersicht Management Summary: Problemstellung und Empfehlungen... I Inhaltsübersicht... IV Inhaltsverzeichnis... V Abbildungen... VIII 1. Auftrag Auftragsbearbeitung Literaturlage Begriffsbildung Thesen Strategieansätze Auftrag und Vorgehen Literaturlage Begriffsbildung und methodische Probleme der Vergleichbarkeit von Studien und Daten Thesen und Strategieansätze Deutschland, Australien und ausgewählte europäische Länder Deutschland: Ergebnisse des Freiwilligensurveys 2009 mit Bezügen zu den Surveys 2004 und Australien und Großbritannien Frankreich Niederlande Österreich Schweiz Tschechische Republik Hilfsorganisationen im deutschen Katastrophenschutz Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e. V. (ASB) Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW) Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e. V. (DLRG) Deutsches Rotes Kreuz e. V. (DRK) Freiwillige Feuerwehr (FF) Johanniter-Unfall-Hilfe e. V. (JUH) Malteser Hilfsdienst e. V. (MHD) Veränderungsstrategien Lösungsansätze Lessons learned Aggregiertes Literaturverzeichnis IV Frauen im Ehrenamt ISOKIA 2012

7 Inhaltsverzeichnis Management Summary: Problemstellung und Empfehlungen... I Inhaltsübersicht... IV Inhaltsverzeichnis... V Abbildungen... VIII 1. Auftrag Auftragsbearbeitung Literaturlage Begriffsbildung Thesen Strategieansätze Auftrag und Vorgehen Literaturlage Begriffsbildung und methodische Probleme der Vergleichbarkeit von Studien und Daten Thesen und Strategieansätze Deutschland, Australien und ausgewählte europäische Länder Deutschland: Ergebnisse des Freiwilligensurveys 2009 mit Bezügen zu den Surveys 2004 und Australien und Großbritannien Ein- und Aufstiegsbarrieren für Frauen Ursachen und Hemmnisse Forschungsagenda Lösungsansätze und -initiativen Frankreich Niederlande Österreich Methodische Fragen Formelles und informelles freiwilliges Engagement zur begrifflichen Unterscheidung Freiwilliges Engagement von Frauen und Männern in Österreich Freiwilliges Engagement in Katastrophenhilfs- und Rettungsdiensten Feuerwehren Rettungsdienste Rechtliche Rahmenbedingungen freiwilligen Engagements im Katastrophenhilfs- und Rettungsdienst Untersuchungen zur Motivation im Ehrenamt bei steirischen Einsatzorganisationen und im österreichischen Roten Kreuz Frauenförderung und Gender Mainstreaming im Zivil- und Katastrophenschutz Schweiz Tschechische Republik Hilfsorganisationen im deutschen Katastrophenschutz Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e. V. (ASB) Zur Geschichte des ASB Organisation Geschlechterproportionen im ASB Frauen in Leitungs- und Führungspositionen im ASB ISOKIA 2012 Frauen im Ehrenamt V

8 3.1.5 Jugend im ASB Gleichstellungsbeauftragte und Frauenförderung Rekrutierung von Nachwuchs und aktiven Mitgliedern Politischer Handlungsbedarf bezogen auf Rettungsdienste aus Sicht des ASB-Experten Zusammenfassende Bemerkungen zum Geschlechterverhältnis im Ehrenamt beim ASB Literatur Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW) Freiwilliges Engagement im THW Frauen im THW Frauen in Führungspositionen im Ehrenamt THW und Technikorientierung Leitsätze und Leitbild des THW und Frauen Mädchen- und Frauenförderung im THW Junghelferinnen im THW und Nachwuchsgewinnung Ansprechpartnerinnen für Frauen im THW Résumierende theoriebasierte Überlegungen Literatur Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e. V. (DLRG) Zur Entstehungsgeschichte der DLRG Geschlechterproportionen in der DLRG Frauen in Leitungs- und Führungspositionen in der DLRG Jugend in der DLRG Gleichstellungsbeauftragte und Frauenförderung Rekrutierung von Nachwuchs und Halten aktiver Mitglieder Ausbildung, Fort- und Weiterbildung Politischer Handlungsbedarf Zusammenfassende Bemerkungen Literatur Deutsches Rotes Kreuz e. V. (DRK) Aufgaben, Mitglieder, Organisation Zur Entstehungsgeschichte des Roten Kreuzes Geschlechterproportionen im DRK und das geschlechterbezogene Selbstverständnis Frauen in Leitungs- und Führungspositionen im DRK Jugend im DRK Gleichstellungsbeauftragte und Frauenförderung Rekrutierung von Nachwuchs und aktiven Mitgliedern Zusammenfassende Bemerkungen Literatur Freiwillige Feuerwehr (FF) Aufgaben der Feuerwehr Zur Entstehungsgeschichte der Freiwilligen Feuerwehr Frauen in der Freiwilligen Feuerwehr in Deutschland zur historische Entwicklung Frauen in der Freiwilligen Feuerwehr Situation und Entwicklung Das Projekt von Wetterer, Poppenhusen und Voss und die Folgen VI Frauen im Ehrenamt ISOKIA 2012

9 3.5.6 Verankerung der Frauen im DFV (Leitsätze, Frauensprecherinnen, Fachgruppe Frauen) Das Netzwerk Feuerwehrfrauen e. V Geschlechtsspezifische Konnotierung von Technik Frauen in Leitungspositionen bei Freiwilligen Feuerwehren Die Jugend bei der Feuerwehr und der Übergang zur Freiwilligen Feuerwehr Rekrutierung von Nachwuchs und das Halten aktiver Mitglieder Gleichstellungsbeauftragte, Frauensprecherinnen und Frauenförderung Politischer Handlungsbedarf bezogen auf Rettungsdienste aus Sicht der Expertin der Feuerwehr Vernetzung von Feuerwehrfrauen in Deutschland und Vernetzung mit Feuerwehrfrauen aus anderen Ländern sowie Erkenntnisse über die Situation von Frauen bei der Feuerwehr im Ausland Zusammenfassende Bemerkungen Literatur Johanniter-Unfall-Hilfe e. V. (JUH) Zur Geschichte des Johanniterordens Aufgaben und MitarbeiterInnen der Johanniter-Unfall-Hilfe e.v Frauen in Leitungs- und Führungspositionen der Johanniter-Unfall-Hilfe e.v Aus-, Fort- und Weiterbildung in der Johanniter-Unfall-Hilfe e.v Die Johanniter-Jugend Gender Mainstreaming bei der Johanniter-Jugend Gleichstellungsbeauftragte und Frauenförderung Rekrutierung von Nachwuchs und das Halten aktiver Mitglieder Zusammenfassende Bemerkungen Literatur Malteser Hilfsdienst e. V. (MHD) Zur Geschichte des Malteserordens Aufgaben und MitarbeiterInnen des Malteser Hilfsdienst e.v Geschlechterproportionen im Malteser Hilfsdienst e.v Frauen in Leitungs- und Führungspositionen im Malteser Hilfsdienst e.v Die Malteser Jugend Gleichstellungsbeauftragte und Frauenförderung Rekrutierung von Nachwuchs und Halten von aktiven Mitgliedern Motivation im Ehrenamt Ausbildung, Fort- und Weiterbildung Politischer Handlungsbedarf bezogen auf Rettungsdienste aus Sicht der Experten der Malteser Zusammenfassende Bemerkungen Literatur Veränderungsstrategien Lösungsansätze Lessons learned Aggregiertes Literaturverzeichnis ISOKIA 2012 Frauen im Ehrenamt VII

10 Abbildungen Abb Abb Abb Abb Abb Abb Abb Mitgliederentwicklung der Österreichischen Feuerwehr nach Daten des ÖBFV vom 31. Dezember Quellen: Wikipedia 2012, Feuerwehr in Österreich (2012), eigene Berechnungen Unbezahlte Arbeit Ehrenamtliche Tätigkeiten im Begriffssystem des (schweizer) Bundesamtes für Statistik. Quelle: Bundesamt für Statistik (BfS) 2012a Frauenanteile in der Freiwilligen Feuerwehr Quellen: Netzwerk Feuerwehrfrauen e. V., Frauen in der Feuerwehr; Deutscher Feuerwehrverband, Feuerwehr-Jahrbuch Frauen in der Freiwilligen Feuerwehr. Quellen: Darmstädter (o. J.), Projekt Mädchen und Frauen in der Freiwilligen Feuerwehr ; Deutscher Feuerwehrverband, Feuerwehr- Jahrbuch Frauen in der Freiwilligen Feuerwehr nach Bundesländern. Quellen: Darmstädter (o. J.), Projekt Mädchen und Frauen in der Freiwilligen Feuerwehr ; Deutscher Feuerwehrverband, Feuerwehr-Jahrbuch 2011; eigene Berechnungen Mädchen in der Jugendfeuerwehr. Quelle: Deutscher Feuerwehrverband, Feuerwehr- Jahrbuch 2011; eigene Berechnungen Geschlechterproportionen bei der Johanniter-Jugend. Quelle: Johanniter-Jugend (2005), Gender Mainstreaming ist (für) uns wichtig VIII Frauen im Ehrenamt ISOKIA 2012

11 Auftrag und Vorgehen 1. Auftrag Auftragsbearbeitung Literaturlage Begriffsbildung Thesen Strategieansätze 1.1 Auftrag und Vorgehen Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) ist bestrebt, bisher zu wenig berücksichtigte Bevölkerungsgruppen für eine ehrenamtliche Mitwirkung im Bevölkerungsschutz zu gewinnen. Frauen gehören zu den Bevölkerungsgruppen, die im Bereich des Zivil- und Katastrophenschutz noch erheblich unterrepräsentiert sind. Das Ziel des vorliegenden Kurzgutachtens ist es, Barrieren und Hemmnisse für die ehrenamtliche Mitwirkung von Frauen in diesem Bereich herauszuarbeiten und Ansätze für Veränderungsstrategien vorzuschlagen, die geeignet sind, eine Erhöhung des Engagements von Frauen im Zivil- und Katastrophenschutz zu erreichen. Im Einzelnen umfasste das Vorgehen folgende Schritte: Zunächst erfolgte eine umfangreiche Literaturrecherche, um Barrieren und Hemmnissen für die ehrenamtliche Mitwirkung von Frauen im Zivilund Katastrophenschutz in Deutschland und in ausgewählten europäischen Ländern sowie in Australien zu identifizieren und herauszuarbeiten. Zudem wurde recherchiert, ob in Deutschland sowie den anderen ausgewählten Ländern bereits Veränderungsstrategien entwickelt worden sind und gegebenenfalls auch praktiziert werden, die Anregungen für eine entsprechende Strategie in Deutschland bieten. Folgende Staaten wurden bei den Recherchen berücksichtigt: Frankreich, Großbritannien, Niederlande, Österreich, Schweiz und die Tschechische Republik sowie als außereuropäisches Land Australien, um aus einer europaexternen Perspektive einen vergleichenden Blick auf europäische Länder zu ermöglichen. Die länderbezogenen Befunde finden sich in Kapitel 2. Auf der Grundlage der mittels der Recherche gewonnen Konzepte, Ansätze und Daten erfolgte soweit möglich die Einordnung der Befunde in einen konzeptionellen Zusammenhang und die Entwicklung eines themenbezogenen Leitfadens für die explorative Untersuchung. Diese wurde in Form von Expertengesprächen durchgeführt. Dazu wurden Kontakte auf Bundesebene mit folgenden Organisationen aufgenommen: Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e. V. (ASB), Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW), Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e. V. (DLRG), Deutscher Feuerwehrverband e. V. (DFV), Deutsches Rotes Kreuz e. V. (DRK), Die Johanniter-Unfall-Hilfe e. V. (JUH), Malteser Hilfsdienst e. V. (MHD). Die Gewinnung der Expertinnen und Experten 1 auf Bundesverbandsebene bzw. auf der Ebene der Bundesanstalt erwies sich teilweise als schwierig und sehr zeitaufwändig, z. T. mitbedingt durch enge 1 Um die Lesbarkeit dieses Gutachtens nicht zu erschweren, wird vielfach auf die Nennung der männlichen und weiblichen Schreibweise verzichtet und stattdessen das große Binnen-I verwendet (z. B. ExpertInnen). Dadurch sollen sich ausdrücklich auch Männer angesprochen fühlen. ISOKIA 2012 Frauen im Ehrenamt 1

12 Auftrag Auftragsbearbeitung Literaturlage Begriffsbildung Thesen Strategieansätze Terminpläne der Angesprochenen bzw. auf dieser Ebene Zuständigen. Schließlich konnten ein oder zwei Expertinnen bzw. Experten aus jeder der genannten Organisationen gewonnen werden. Das letzte Gespräch ließ sich noch in der letzten Woche vor Fertigstellung des Gutachtens realisieren. Allen ExpertInnen wurde vorab der themenzentrierte Gesprächsleitfaden, adjustiert auf die jeweilige Organisation, zur Gesprächsvorbereitung übermittelt. Die durchgeführten Gespräche dauerten zumeist ca. eine Stunde, in Einzelfällen bis zu zweieinhalb Stunden. Alle Gespräche fanden in einer überaus konstruktiven Atmosphäre statt und waren inhaltlich sehr fruchtbar. Den Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern möchten wir an dieser Stelle für ihr Engagement und Entgegenkommen herzlich danken. 1 Die Ergebnisse werden im Kapitel 3 dargestellt und erörtert. Im Verlauf der fach- und länderbezogenen Literaturrecherche und im Verlauf der Expertengespräche, wurden elf Thesen zu der Frage entwickelt und weiterentwickelt, welche Faktoren sich hemmend bzw. fördernd auf die ehrenamtliche Mitwirkung von Frauen im Zivil- und Katastrophenschutz auswirken können. Diese werden im Abschnitt 1.4 vorgestellt und begründet. Die vorliegende Organisationsstudie ist soweit bekannt die erste, in die alle im Zivil- und Katastrophenschutz relevanten Hilfsorganisationen einbezogen werden. Anders als Individualstudien ermöglicht eine organisationszentrierte Untersuchung, strukturelle Barrieren für Frauen, die sich in diesem Bereich engagieren (wollen), aufzuzeigen. Ausdrücklich sei angemerkt, dass die Studie Pilotcharakter hat. In einem solchen Rahmen kann keine umfassende, systematische Organisationsanalyse durchgeführt werden. Sehr wohl jedoch sind Tendenzen genderspezifischer Chancen und Zugänge zu Aufgaben und Funktionen zu konstatieren, die ernst genommen werden sollten und deutlich den Veränderungsbedarf aufzeigen. Die Erhebung eines Meinungsbildes der Organisationsmitglieder war nicht Gegenstand der Untersuchung. Aus den Thesen und den empirische Befunden werden Vorschläge für eine Veränderungsstrategie bei der Einwerbung von Frauen für eine ehrenamtliche Tätigkeit abgeleitet und in Kapitel 4 vorgestellt. 1.2 Literaturlage Das vorliegende Kurzgutachten hat Pilotcharakter, da zwar bezogen auf einzelne Organisationseinheiten des Zivil- und Katastrophenschutzes (für die Feuerwehr, für das Technische Hilfswerk) aussagekräftige Studien vorliegen. Jedoch fehlt es an einer Studie, die die unterschiedlichen Organisationen des Zivil- und Katastrophenschutzes systematisch berücksichtigt. Der Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009 von Gensicke & Geiss (2010) schafft wegen seiner zu breit gefächerten Fragestellungen hier keine Abhilfe. Diese Forschungslücke kann auch durch die vorliegende Untersuchung nicht geschlossen werden. Zur Situation von Mädchen und Frauen in der Feuerwehr wurde eine umfassende Studie von Wetterer, Poppenhusen & Voss 2007 verfasst, in die auch umfangreiche Vorschläge zur Frauenförderung eingearbeitet sind. In Abschnitt 3.5 wird u.a. durch Expertengespräche gestützt - erörtert, welche Wirkungen die Studie von Wetterer et al. hatte und ob und wie weitgehend die darin enthaltenen Empfehlungen umsetzbar waren. 1 Zur Wahrung der Anonymität der Expertinnen und Experten auf Bundesebene bleiben Namen und Funktionen hier mit einer Ausnahme unbezeichnet. 2 Frauen im Ehrenamt ISOKIA 2012

13 Literaturlage In einer weiteren thematisch relevanten Studie (Dissertation von Petra Krüger 2007) werden THW, eine Tafel (sogenanntes Neues Ehrenamt) und AWO bezogen auf Geschlechterdifferenzierungen im Ehrenamt vergleichend untersucht. Auch auf diese Studie wird an entsprechender Stelle eingegangen. Zudem liegen weitere Studien vor, in denen Einzelaspekte berücksichtigt sind, z. B. die Vereinbarkeit von Ehrenamt und Erwerbsarbeit, wobei auf den Wandel von Geschlechterrollen besonders eingegangen wird (Klenner, Pfahl und Seifert 2001, mit thematischem Schwerpunkt NRW). Bei den länderbezogenen Recherchen wurden neben Deutschland folgende Länder berücksichtigt: Niederlande, Schweiz, Österreich, Großbritannien (UK), Frankreich und Tschechische Republik sowie als außereuropäisches Land Australien. Zunächst ist zu konstatieren, dass die Situation bezogen auf das Ehrenamt im Zivil- und Katastrophenschutz in den berücksichtigten Ländern außerordentlich disparat ist. Verwiesen sei hier z. B. auf das Milizsystem der Schweiz und die enge Verzahnung von Armee und Bevölkerungsschutz. So findet informelle und formelle Freiwilligenarbeit in der Schweiz im Wesentlichen außerhalb von Zivil- und Katastrophenschutz statt. Bezogen auf das Verständnis von Ehrenamt sind am Ehesten Deutschland, Österreich und Australien vergleichbar. Zwar liegen für alle berücksichtigten europäischen Länder (mit Ausnahme der Schweiz) Länderberichte bezogen auf Freiwilligenarbeit (Volunteering in the European Union) vor. In ihnen wird jedoch nicht auf Freiwilligenarbeit von Frauen im Zivil- und Katastrophenschutz eingegangen. Auch bei europaweit vergleichenden Studien zum Volunteering (z. B. GHK 2010, Volunteering in the European Union, Final Report 2010) spielt der Aspekt des Zivil- und Katastrophenschutzes keine nennenswerte Rolle. In den Länderübersichten der EU-Mitgliedsstaaten (S und ) taucht er bei einzelnen Ländern (z. B. Österreich) auf, bei den meisten anderen wird er überhaupt nicht erwähnt. Die Begrifflichkeit ist zudem äußerst heterogen und einzelne Tätigkeiten, die bezogen auf die untersuchten Länder herausgefunden wurden, werden nicht systematisch dem Zivil- und Katastrophenschutz als Oberkategorie zugeordnet. Es hat sich trotz umfangreicher Recherchen als außerordentlich schwierig erwiesen, thematisch einschlägige Studien, Berichte oder sonstige Dokumente zu den genannten europäischen Ländern zu finden, die Hinweise auf die Situation für Frauen im Ehrenamt im Zivil- und Katastrophenschutz erbringen könnten. Für die Schweiz, Frankreich, die Niederlande und Tschechien finden sich in der deutsch- und englischsprachigen Literatur weder Hinweise auf Barrieren für die ehrenamtliche Tätigkeit von Frauen in Organisationen des Zivil- und Katastrophenschutzes noch Ansätze zur Förderung des freiwilligen Engagements von Frauen in diesem Feld. In Österreich wird im Freiwilligenbericht (1. Bericht zum freiwilligen Engagement in Österreich von More-Hollerweger & Heimgartner, 2009) zwar über die Teilhabe von Frauen am Ehrenamt im Zivil- und Katastrophenschutz Bericht erstattet, Barrieren und Förderungspotentiale und -wege werden jedoch nicht benannt. Dies ist ansatzweise eher in Berichten aus einzelnen österreichischen Bundesländern zu finden. Bezogen auf die Schweiz finden sich zwar ausführliche Darstellungen über das freiwillige Engagement von Frauen in vielen verschiedenen Bereichen (z. B. Stadelmann-Steffen, Traunmüller et al., Freiwilligen-Monitor Schweiz 2010), jedoch nicht im Zivil- und Katastrophenschutz. Auch in den Referaten der 2. Internationalen Vernetzungskonferenz 2010 in Rüschlikon, in der Freiwilliges Engagement in Deutschland, Österreich und der Schweiz beleuchtet wird (herausgegeben von Ammann 2011), bleibt der Zivil- und Katastrophenschutz ausgespart. Ebenso ist die Situation in den Niederlanden. So wird in einer umfangreichen Dissertation die Freiwilligenarbeit auch von Frauen untersucht (René H. F. P. Beckers, Giving and Volunteering in the Netherlands, 2004), der Zivil- und Katastrophenschutz bleibt ausgeklammert. ISOKIA 2012 Frauen im Ehrenamt 3

14 Auftrag Auftragsbearbeitung Literaturlage Begriffsbildung Thesen Strategieansätze Die Daten- und Literaturlage reflektiert das öffentlich wahrgenommene Stereotyp, dass Frauen (als Opfern ) von männlichen Rettern ( Helden ) in Katastrophensituationen geholfen wird. Dass sich dieses Stereotyp nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und Deutschland hartnäckig halten kann, liegt nicht zuletzt darin begründet, dass das Feld nahezu unerforscht ist. Hier und da finden sich Hinweise, z. B. in einem australischen Literaturreview über die Forschungssituation zum Ehrenamt (Beatson & McLennan 2005) oder in einer schwedischen Literaturstudie (Callerstig, Harrison & Lindholm 2009) über die Forschungslage und die Situation von Frauen im Zivil- und Katastrophenschutz in Schweden, Großbritannien und den USA. Am ergiebigsten im Hinblick auf Ansätze der Förderung von Mädchen und Frauen erwies sich der australische Literaturreview von Beatson & McLennan (2005), der mit einer Forschungsagenda verbunden ist. Eine weitere australische Studie von Doone Robertson (o. J.) benennt Motive für Frauen, sich gerade nicht in einschlägigen Organisationen des Zivil- und Katastrophenschutzes zu engagieren, die durchaus für die Motivlage von Bürgerinnen auch in Deutschland und im europäischen Ausland relevant sein können und die vor dem Hintergrund realer Barrieren in den entsprechenden Betätigungsfeldern gesehen werden müssen. Ansonsten werden bedauerlicherweise in einschlägigen Studien und Freiwilligensurveys eher die persönlichen Gründe erhoben, die die Individuen an der Wahrnehmung von Ehrenämtern hindern können (z. B. Arbeitssituation, Zeitbudget, Familie, Mobilität), oder es werden generelle Motive aufgelistet, die Menschen dazu führen, sich zu engagieren. Erfragt werden ihre Erwartungen an Freiwilligentätigkeiten, nicht jedoch an spezifische Organisationen, auch nicht an das potentielle oder tatsächliche Verhalten anderer Ehrenamtlicher oder Hauptamtlicher (vgl. Gensicke & Geiss, Hauptbericht des Freiwilligensurvey 2009 (2010, S. 119 ff.). Nicht untersucht werden die negativen (und positiven) Erwartungen bezogen auf das Feld, in dem das Engagement erfolgen könnte (z. B. Diskriminierungserwartungen, Vorstellungen des Erfordernisses besonderer Durchsetzungskraft in männlich dominierten Domänen). D. h., in den meisten Studien wird hinsichtlich der Situation der Frauen ein Individual-Defizitansatz verfolgt. In der genannten schwedischen (Callerstig, Harrison & Lindholm 2009) und in den australischen Studien (Beatson & McLennan 2005, insbesondere Robertson o. J.) werden demgegenüber Organisationsdefizite bei den Zivil- und Katastrophenschutzorganisationen diskutiert. Diese Diskrepanz verweist auf zwei grundsätzlich unterschiedliche Perspektiven. In der Individual- Defizit-Perspektive (IDP) geht es bezogen auf Frauen darum, inwiefern sie in die Organisationen passen, bzw. inwieweit ein Entgegenkommen seitens der Organisation erforderlich ist, wenn mehr Frauen für das Ehrenamt gewonnen werden sollen. Die Vorstellung seitens der Organisation ist in diesem Fall, dass Frauen beweisen müssen, dass sie ebenso befähigt sind, operative und leitungsbezogene Aufgaben im Zivil- und Katastrophenschutz zu übernehmen und dass sie sich, sofern dies noch nicht der Fall ist, gegebenenfalls für die Organisation fit machen. In der Organisations-Defizit-Perspektive (ODP) geht es demgegenüber darum, die Organisationskulturen und -strukturen auf den Prüfstand zu heben und sie so zu verändern, dass sie für Frauen an Attraktionskraft gewinnen, und die Organisation so zu gestalten, dass diese ihre Ziele gleichermaßen mit männlichem wie mit weiblichem Personal erreichen kann. In diesem Fall ist die Handlungskette länger, denn die Organisation muss sich verändern und diese Veränderung muss sichtbar gemacht werden. Warum die Diskussion in Australien inzwischen trotz des dort ebenfalls konstatierten Mangels an einschlägigen Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet sehr viel weiter gediehen ist und umfangreiche Maßnahmen zur Gewinnung von Frauen für den Zivil- und Katastrophenschutz auf nationaler wie 4 Frauen im Ehrenamt ISOKIA 2012

15 Begriffsbildung und methodische Probleme der Vergleichbarkeit von Studien und Daten auf der Ebene der Einzelstaaten eingeleitet wurden, liegt nicht zuletzt an dem hohen Problemdruck, der Australien in dreifacher Weise trifft: 1. Australien ist ein einwohnerarmes, flächenreiches Land, das auf Freiwillige (Volunteers) angewiesen ist. 2. Australien ist nicht selten mit folgenreichen Naturereignissen und Katastrophen unterschiedlicher Provenienz konfrontiert, die wirksam bekämpft werden müssen. 3. Die Überalterung der überwiegend männlichen im operativen Bereich eingesetzten Freiwilligen macht die Einbeziehung von Frauen unabweisbar. 1.3 Begriffsbildung und methodische Probleme der Vergleichbarkeit von Studien und Daten Die methodischen Probleme bei der sekundäranalytischen Durchsicht von Studien und dem Versuch, aus den Befunden Schlüsse zu ziehen, die sich vergleichend auf mehrere Studien beziehen, sind gravierend. Es sind bereits im deutschsprachigen Raum kaum zwei Studien zu finden, die eine ähnliche Begrifflichkeit verwenden. Je nach Vorliebe der AutorInnen wird von Ehrenamt, bürgerschaftlichem Engagement, ehrenamtlichem Engagement, freiwilligem Engagement, Freiwilligenarbeit oder Volunteering gesprochen. Dies wird im Folgenden exemplarisch erläutert: So übersetzen Annette Angermann und Birgit Sittermann (2010) bei ihrer Zusammenfassung von Ergebnissen der Studie (GHK Volunteering 2010 ) und diversen Länderberichten (GHK [Austria], GHK [France], etc.) den dort verwendeten Begriff Volunteering mit Bürgerschaftliches Engagement. 1 In der Studie wird auch Volunteering im Zivil- und Katastrophenschutz behandelt und dieser Bereich ist auch in den Länderberichten nicht ausgenommen. Demgegenüber wird z. B. von Harald A. Mieg und Theo Wehner (2003) Frei-gemeinnützige Arbeit als Sammelbegriff verwendet. 2 Da bis heute eine klärende Begriffsarbeit noch nicht geleistet wurde, werden die Bezeichnungen nahezu beliebig verwendet, wo bei auch das Verständnis dessen, welche Tätigkeitsfelder eine Bezeichnung umfasst, divergieren kann. Von der Bevölkerung wurden entsprechend der Ergebnisse des Freiwilligensurveys auf der Basis der Daten von 2009 die Bezeichnungen Freiwilligenarbeit und Ehrenamt favorisiert (Gensicke und Geiss 2009, S. 14). Demgegenüber wird von Petra Krüger das ehrenamtliche Engagement favorisiert, da sich hierbei eher traditionelle Organisationsformen des Ehrenamtes sowie neuere Formen von Engagement in Initiativen, Projekten oder Selbsthilfegruppen begrifflich fassen lassen (vgl. Krüger 2004, S. 3). Einwände gegen den Begriff Freiwilligenarbeit betreffen die Problematik, dass freier Wille und Arbeit in diesem Begriff ein widersprüchliches Amalgam bilden, zumal bei Arbeit immer noch von bezahlter Arbeit auszugehen ist. Sowohl im Freiwilligensurvey für Deutschland (Gensicke und Geiss 2010) als auch im 1. Freiwilligenbericht Österreichs (More-Hollerweger und Heimgartner 2009) wird überwiegend von freiwilligem Engagement gesprochen. Im Freiwilligensurvey für Deutschland ist aber auch bisweilen von Ehrenamt oder nur einfach von Engagement die Rede. In dem hier vorgelegten Gutachten wird, wie im Freiwilligensurvey für Deutschland und im 1. Freiwilligenbericht Österreichs, die Bezeichnung freiwilliges Engagement favorisiert. Die Bezeichnungen ehrenamtliches Engagement oder Ehrenamt werden ebenfalls verwendet und bei internationaler Literatur entweder die Bezeichnungen Volunteering oder freiwilliges Engagement. 1 Unter Verzicht auf einen Definitions- und Einordnungsversuch. 2 Mieg und Wehner (vgl. 2003, S. 5) definieren Frei-gemeinnützige Arbeit überlegt. ISOKIA 2012 Frauen im Ehrenamt 5

16 Auftrag Auftragsbearbeitung Literaturlage Begriffsbildung Thesen Strategieansätze Gerade anhand der englischsprachigen Bezeichnungen Voluntarism oder Volunteering bzw. Volunteers lässt sich zeigen, dass ganz unterschiedliche Phänomene und Aktivitäten unter diese Bezeichnungen subsummiert werden. Im Verständnis der UN erstreckt sich der Bedeutungshorizont von Vulunteerism selbst auf mutual support und self-help (vgl. United Nations Volunteers (UNV) (2011), Chapter 1, S. 3). Wird der Begriff der UNV von Volunteerism verwendet, bedeutet dies zum einen, dass selbst die auf Gegenseitigkeit beruhende Annahme von Postpaketen durch Nachbarn zum Volunteerism zählt. Zum zweiten wird der Vergleich, zumal quantitativer Daten über Volunteerism zwischen Nationen, nahezu unmöglich, wenn jeweils mit einem unterschiedlichen Verständnis und Bedeutungshorizont des Begriffes gearbeitet wird. In der Schweiz und in Österreich wird, bezogen auf freiwilliges Engagement zwischen formellem Engagement und informellem Engagement unterschieden (siehe auch die Abschnitte 2.6 Schweiz und 2.5 Österreich ). Dabei stimmt der Bereich des formellen Engagements inhaltlich mit dem überein, was in Deutschland unter der Bezeichnung Ehrenamt verstanden wird. Das informelle freiwillige Engagement ist nicht an eine unbezahlte Tätigkeit für oder in Organisationen zum Nutzen Dritter gebunden, denn auch die Nachbarschaftshilfe oder die Unterstützung von Menschen in informellen Netzwerken jenseits organisierter Freiwilligenarbeit gehört zum informellen Engagement. Diese Unterscheidung vermeidet den alleinigen Blick auf das formelle Engagement. Letzterer übersieht, dass sich Menschen vielfach für andere einsetzen, ohne dass dies öffentlich bemerkt wird. Das, was zum Teil im Rahmen informellen Engagements geleistet wird, kann auch eine Entlastung für gesellschaftliche Organisationen bedeuten. Wenn eine Frau informell und ohne Erwartung von Gegenleistungen ihrem gehbehinderten Nachbarn Rauchmelder installiert, hat sie etwas für den Brandschutz getan und möglicherweise die Notwendigkeit des Ausrückens der Freiwilligen Feuerwehr verhindert. Wenn ein Mann dem Sohn des Nachbarn informell und ohne Gegenleistung Nachhilfeunterricht in der deutschen Sprache gibt, hat er möglicherweise die Schule als Organisation entlastet und eine Unterstützungsleistung zur sprachlichen Integration des Nachwuchses und damit auch zur Bildungsförderung erbracht. Es ist darauf hinzuweisen, dass Frauen häufig stärker als Männer informell engagiert sind, dass auch unter MigrantInnen informelles Engagement verbreitet ist und dass diese Formen des Engagements nicht sichtbar werden, wenn nur auf das formelle Engagement geachtet wird. So gibt auch der Freiwilligenbericht für Deutschland nur einen eingeschränkten Einblick in freiwilliges Engagement. Das heißt, erst durch beide Formen von Freiwilligenarbeit ergibt sich ein differenziertes Bild auf das, was Menschen außerhalb ihrer Kernfamilie an Engagement und Initiativen ohne monetäre Gegenleistung erbringen. 1.4 Thesen und Strategieansätze Die folgenden 11 Thesen konnten auf der Grundlage der umfangreichen internationalen Recherchen einschlägiger Literatur, Dokumente, Diskussionspapiere, der Sichtung der einschlägigen sozialwissenschaftlichen Studien im Zivil- und Katastrophenschutz, insbesondere Organisationsstudien und Studien zum Ehrenamt und freiwilligen Engagement und der Expertenbefragungen gewonnen werden: Ungleichheit der Verteilung von Arbeit und Freizeit bei Männern und Frauen These 1: Durch die geschlechterbezogen ungleiche Verteilung zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit haben Männer erheblich mehr Freizeit als Frauen. 6 Frauen im Ehrenamt ISOKIA 2012

17 Thesen und Strategieansätze Begründung: Frauen sind faktisch immer noch ungleich stärker als Männer durch Familienarbeit einschließlich Kinderbetreuung belastet. Dies gilt insbesondere auch für alleinerziehende Mütter. Die Beteiligungsquote von Frauen mit Kindern unter drei Jahren am freiwilligen Engagement liegt in Österreich besonders niedrig, ebenso in Deutschland bei der entsprechenden Altersgruppe (20 bis 34 Jahre; Gensicke und Geiss 2010, S. 19, 31). Dies hängt nach Moro-Hollerweger (2009, S. 100) mit der besonderen Mehrfachbelastung von Frauen zusammen. Daher haben Frauen auch weniger zeitliche Möglichkeiten, sich freiwillig zu engagieren. Strategieansatz: Interessant wäre zu prüfen, ob in der Tschechischen Republik, in der der Frauenanteil freiwillig Engagierter höher ist als der Anteil unter den Männern, eine andere Aufgabenverteilung im Bereich der Haus- und Familienarbeit herrscht oder ob es hierfür andere Gründe gibt. Zeitliche Mehrfachbelastung von Frauen These 2: Die zeitlichen Belastungen von Frauen schränken ihr ehrenamtliches Engagement ein (Summe Erwerbsarbeit, Haus- und Familienarbeit einschließlich Kinderbetreuung). Begründung: Heute ist die Lebenssituation von Männern und Frauen insofern unterschiedlich, als bezahlte Erwerbsarbeit unter den Geschlechtern ungleich verteilt ist und unbezahlte Haus- und Familienarbeit vor allem von Frauen verrichtet wird. Durch die hohen zeitlichen Belastungen entsteht für Frauen ein geringerer Aktivitätsrahmen (vgl. More-Hollerweger und Heimgartner 2009, S. 95, 103). Dies zeigt sich an ihrer altersgruppenspezifischen Präsenz im ehrenamtlichen Engagement in Deutschland und Österreich. Insbesondere die Expertin und der Experte der DLRG haben auf diesen Zusammenhang hingewiesen. Strategieansatz: Kinderbetreuungsangebote, insbesondere im Verlauf von Lehrgängen für die Leitungs- und Führungsebene (ggf. Vorhalten von Kinderbetreuungsmöglichkeiten bei Gremiensitzungen). Lebensphasengeprägtes Engagement von Frauen These 3: Das freiwillige Engagement von Frauen ist stärker durch die verschiedenen Lebensphasen geprägt (Berufseinstieg, Familiengründung, Karriere) als dasjenige von Männern. Begründung: Männer sind in ihrem Engagement stabiler. Dies zeigt sich auch an den Gründen, die Frauen und Männer für die Beendigung ihres Engagements nennen. Bei Frauen sind es insbesondere familiäre Gründe, bei Männern ist dies zwar auch der wichtigste angegebene Grund. Er wird jedoch von Männern seltener genannt (von 73,4% der Frauen und 62,7% der Männer in Österreich im Jahr 2006). Männer nennen zu 53% berufliche Gründe für die Aufgabe des freiwilligen Engagements, gegenüber 38% der Frauen (vgl. More-Hollerweger und Heimgartner 2009, S. 102). Es ist zu vermuten, dass familiäre Gründe häufig ein Problem der Vereinbarkeit zwischen Erwerbsarbeit, Haus- und Familienarbeit und freiwilligem Engagement bezeichnen. Strategieansatz: Erhebung der Gründe für die Beendigung des freiwilligen Engagements (in keinem der in Deutschland befragten Bundesverbände wurden die Gründe erhoben). Sind bei Frauen und Männern die Gründe der Aufgabe des Engagements bekannt, lassen sich ggf. Haltestrategien auch gemeinsam mit Frauen entwickeln (z.b. Flexibilisierung des Engagements, partielles Engagement von zu Hause (wie bei der Telearbeit) etc.). ISOKIA 2012 Frauen im Ehrenamt 7

18 Auftrag Auftragsbearbeitung Literaturlage Begriffsbildung Thesen Strategieansätze Soziale Vernetzung und Ehrenamt These 4: Die geschlechtsspezifischen Segregationsmuster in der Freiwilligentätigkeit reflektieren die Positionen von Frauen und Männern im privaten, öffentlichen und erwerbsbezogenen Leben. Männer verfügen durch ihre stärkere Integration in das Erwerbsleben auch persönlich über Netzwerke und soziale Strukturen, die ihnen den Eintritt in das Ehrenamt erleichtern. Begründung: Die Stärke der Integration von Menschen in das Erwerbsleben wirkt sich auf den Grad ihrer gesellschaftlichen Integration aus. Daraus resultieren auch mehr Kontakte und Gelegenheiten, freiwillig tätig zu werden. Menschen, die über eine geringere soziale Vernetzung verfügen, sind häufiger von formellem freiwilligem Engagement ausgeschlossen. D. h., Personen, die nicht über den Arbeitsmarkt integriert sind (Arbeitslose, RentnerInnen und haushaltsführende Personen) sind häufiger informell freiwillig engagiert. Bei bestimmten Funktionen im freiwilligen Engagement müssen Personen zur Wahl vorgeschlagen werden. Da Männer in der Erwerbsarbeit häufiger als Frauen Leitungspositionen innehaben, erhalten sie auch öfter das Angebot, eine leitende Funktion im Bereich der Freiwilligenarbeit zu übernehmen. Die Privilegien reproduzieren sich dadurch, dass mit ehrenamtlichen Tätigkeiten oftmals die Möglichkeit verbunden ist, die eigenen Interessen zu vertreten, politischen Einfluss auszuüben sowie weitere soziale Kontakte zu knüpfen (More Hollerweger und Heimgartner 2009, S. 94 f.). Strategieansatz: Gezielte Ansprache nicht erwerbstätiger Frauen sowie Angebot von Qualifizierungsmöglichkeiten einschließlich anerkannten Zertifikaten, die ihnen auch im Erwerbsleben helfen könnten. Negative Erwartungen bezogen auf die Situation im Ehrenamt These 5: Frauen erwarten eine für sie ungünstige Situation, Diskriminierungen, sich durchkämpfen müssen, etc. und sind daher nicht motiviert (siehe auch Abschnitt 2.2). Begründung: Einer der zentralen Gründe, die von Frauen als hindernd für eine Tätigkeit in einer traditionell männlichen Domäne genannt werden, ist ihre Vorstellung, dass sie von männlichen Kollegen diskriminiert würden. Diese Befürchtung ist in traditionell männlichen Beschäftigungssektoren nicht unbegründet. In zahlreichen Untersuchungen und Publikationen werden Formen der Diskriminierung beschrieben und analysiert. Sie reichen von leichten und nicht intendierten Formen der Exklusion bis zu feindlichen Verhaltensweisen (vgl. Beatson und McLennan (2005, S. 19). Strategieansatz: siehe Abschnitt 2.2 zu Australien und Großbritannien. Fortwirken genderbezogener Stereotype und Auswirkungen These 6: Frauen wird z. T. noch eine weniger rationale und eher gefühlsmäßig-empathische Orientierung zugeschrieben (nach dem Motto, Ausnahmen bestätigen die Regel). Das macht sie aus Sicht der Zuschreibenden weniger geeignet für Leitungs- und Führungspositionen. Begründung: Bei einigen Expertengesprächen zeigte sich, dass weibliche Empathie männlicher Rationalität gegenüber gestellt wurde. Dass Frauen auch empathisch sind, aber auch als Hausfrauen und Mütter oder als teilzeitbeschäftigte Frauen mit kleinen Kindern und Ehrenamt ihren Alltag rational durchstrukturieren müssen, wird bei diesem Vorurteil nicht bedacht. Dass die sogenannte Ausnahmefrau, die ihre Ra- 8 Frauen im Ehrenamt ISOKIA 2012

19 Thesen und Strategieansätze tionalität sichtbar zeigt, dann ins Führungsteam passt, bestätigt aus männlich geprägter Sicht wiederum die Regel, dass Frauen, die eher ihre empathische Seite in der Außendarstellung betonen, auch im tiefsten Innern nicht rational, sondern gefühlsmäßig und empathisch sind. In einer scheinbar rationalen Umgebung wie einer AG Internet (DLRG) wird die einzige Frau im Team zur guten Seele stilisiert. Die Männer im Team werden lediglich aus funktionaler Sicht beschrieben: was sie tun und was sie können. Vielleicht haben ja auch sie eine Seele oder Gefühle, aber in der traditionellen Form der Geschlechterrollenzuschreibung darf dies zumindest nicht sichtbar werden. Strategieansatz: Feedbackgestützte kontinuierliche Überprüfung der Organisationskultur. Ergänzende These 6a: Die gefühlsorientierte Selbstdarstellung von Frauen nach außen kann gerade gegenüber Männern auch eine Unterwerfungsgeste unter die in der Organisation dominanten Männer sein und gibt nicht zwingend ihre innere Disposition wieder, denn wir alle spielen Theater, wie der Soziologe Erving Goffman uns aufgezeigt hat. 1. Begründung: Vielleicht besteht bei einigen Frauen, wenn sie selbstsicher auftreten, immer noch die Angst, weniger attraktiv zu wirken, aber auch, eher anzuecken und als weniger weiblich angesehen zu werden, da ein rationales und entschiedenes Auftreten entsprechend traditioneller Geschlechterstereotype eher männlich, wenn nicht gar vermännlicht wirkt und eher zum Widerspruch herausfordert. In diesem Verständnis würde es sich beim Zeigen von Gefühlen und Empathie um ein doing gender handeln. Strategieansatz: Stereotype und Rollenzuweisungen der Organisation überprüfen. 2. (alternative) Begründung: Jedoch kann der Eindruck, ein Teil der Frauen reagiere in Situationen, in denen Rationalität gefragt ist, eher gefühlsmäßig, zum Beispiel, wenn im operativen Geschehen Entscheidungen gefordert sind (da wo Männer rational reagieren), auch auf Folgendes zurückgeführt werden: Ein Mensch reagiert gefühlsmäßig, wenn er sich unsicher fühlt, entweder weil es an Kompetenz fehlt und er sich dies eingesteht oder weil die Selbstsicherheit und das Selbstbewusstsein fehlen. Insofern ist der emotionale Ausdruck rational und es kommt darauf an, die Bedingungen so zu verändern, dass die gefühlsmäßige Erscheinung nicht nötig ist. Strategieansatz: Sichere Lern-, Übungs- und Arbeitsmöglichkeiten schaffen. 3. (alternative) Begründung: Wird die These berücksichtigt, dass Frauen im Vergleich zu Männern (z. B. durch unbewusste Praktiken) oft in Non-Decision-Situationen festgehalten wurden, lässt sich die Situation auch anders erklären. Entscheidungen müssen eingeübt werden. Für Entscheidungen, die viele andere betreffen, bedarf es eines entsprechenden Selbstbewusstseins. Nehmen wir hinzu, was einer der Experten des Malteser Hilfsdienst e. V. betont hat, dass Frauen in höherem Maße die Gewissheit brauchen, dass ihnen die Bewältigung der gestellten Aufgabe zugetraut wird und ebenso die Anerkennung nach erbrachter Leistung, so resultiert hieraus auch dasjenige, was getan werden könnte, um mehr Frauen zu ermutigen. Sie brauchen, so eine weitere These, zunächst die Bestätigung, dass ihnen die Lösung der gestellten Aufgaben zugetraut wird und dies in einem viel höheren Maße als die meisten Männer, die sich ja schon sicher fühlen und in dieser Sicherheit bereits nach öffentlicher Sichtbarkeit streben können. Strategieansatz: Frauen das Zutrauen der Organisation sowie der Vorgesetzten und Kollegen in ihre Fähigkeiten vermitteln und ihre Erfolge anerkennen und bestätigen. ISOKIA 2012 Frauen im Ehrenamt 9

20 Auftrag Auftragsbearbeitung Literaturlage Begriffsbildung Thesen Strategieansätze Genderspezifische Praktiken und doing gender im Ehrenamt These 7: In der zwischengeschlechtlichen Interaktion bilden sich ein doing gender und soziale Praktiken heraus, die Frauen eher dem privaten und Männer eher dem öffentlichen Bereich zuordnen (vgl. Krüger 2007). Begründung: Anhand der soziologischen Beobachtung und Analyse von drei Organisationen (THW, AWO und der Tafel einer mittelgroßen Stadt) ließ sich feststellen, dass Männer im THW ihre Sachbezogenheit und die unpersönliche Seite ihres Engagements betonen. Daher sehen sie selbst eine Tätigkeit als Koch als männliche Tätigkeit an. In einer mittelstädtischen Tafel hingegen wird der Bereich Lebensmittel und Kochen gerade wiederum dem weiblichen Bereich zugeschlagen und erscheint als Privatbereich, während die Männer (genderspezifisch dem öffentlichen Bereich zugeordnet) Fahrdienste und das Tragen von Lebensmitteln übernehmen. Bei der AWO ordnet sich selbst die leitende Angestellte indirekt dem Privatbereich zu, indem sie das Persönliche ihrer Beziehungen betont. Strategieansatz: Frauen und Männer für ihre genderspezifischen Konnotationen sensibilisieren und das Selbstverständnis der Organisation überdenken. Genderspezifische Konnotierung von Bezeichnungen These 8: Durch Verwendung des generischen Maskulinums für bestimmte Funktionen verschwinden die Frauen symbolisch (Beispiele auf Operationsebene: Truppführer, Gruppenführer, Einsatzleiter, Zugführer. In Satzungen auch: Vorsitzender, Präsident etc.). Begründung: Ein Problem gerade bezogen auf den Einsatzbereich ist, dass eine Reihe von Bezeichnungen in der männlichen Form für beide Geschlechter verwendet werden. So sollten Bezeichnungen wie Zugführer, Truppführer, Gruppenführer oder Einsatzleiter etc. nicht nur mit generischem Maskulinum geschrieben werden. Denn dadurch verschwinden die Frauen symbolisch. Ein Beispiel: Kommt zu einer Gruppe von 99 Sängerinnen nur ein einziger Mann hinzu, sind es plötzlich 100 Sänger (vgl. Pusch o. J.). Wird die Gruppe von 100 Sängern gedanklich konstruiert, wird keine einzige Frau mehr assoziiert. Strategieansatz: Daher sollte dem Zugführer die Zugführerin, dem Truppführer die Truppführerin etc. sprachlich zur Seite gestellt werden. Das große I (sog. Binnen-I) wird am ehesten beiden Geschlechtern gerecht, wenn etwa eine Ausbildung für GruppenführerInnen angeboten werden soll, weil es eindeutig ist und dadurch beide Geschlechter angesprochen werden können. Vertikale Segregation nach Geschlecht These 9: Die hierarchische Verteilung im freiwilligen Engagement differiert größtenteils erheblich in Abhängigkeit vom Geschlecht (vertikale Segregation). Begründung: In den meisten Organisationen im Zivil- und Katastrophenschutz sind Frauen sehr viel seltener in Leitungs- und Führungspositionen vertreten. Ausnahmen bilden in Deutschland der Arbeiter-Samariter-Bund und zum Teil auch das Deutsche Rote Kreuz sowie ein Teil der Jugendorganisationen der Verbände (Johanniter- Jugend, DLRG-Jugend). Frauen leisten auch im freiwilligen Engagement häufiger Basisarbeiten, z. B. die Basisausbildung bei der DLRG, und ausführende Tätigkeiten. Zudem arbeiten Frauen häufiger im Bereich der weniger sichtbaren informellen Freiwil- 10 Frauen im Ehrenamt ISOKIA 2012

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