Johannes H. Stigler. Zentrum für Informationsmodellierung in den Geisteswissenschaften Karl-Franzens-Universität Graz

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1 Think global, act local Kernstrategien für Digitale Archive am Beispiel einer webbasierten Verwaltungsstruktur für wissenschaftliche, digitale Ressourcen Johannes H. Stigler Zentrum für Informationsmodellierung in den Geisteswissenschaften Karl-Franzens-Universität Graz Festveranstaltung und Symposium 50 Jahre Österreichische Mediathek Oktober 2010 in Wien

2 Agenda 1 Die Digitale Wende in Gedächtnisinstitutionen Modellierung Ein Schlüssel zur Nachhaltigkeit Modellierungssprachen Beispiele aus wissenschaftlichen Anwendunsgszenarien 2 Was sind Digitale Archive? The Best Practice of GAMS Das OAIS-Referenzmodell 3 Finis

3 Die Digitale Wende in Gedächtnisinstitutionen Modellierung Ein Schlüssel zur Nachhaltigkeit Was sind Metadaten? Diese Folie bei diesem Publikum??!? Begriff hat lange Tradition in den Informations- und Dokumentationswissenschaften, vor allem im Bibliothekswesen Stellvertreter-Metapher: Metadaten sind Daten, die stellvertretend für eine Informationsressource in einen Informationsprozess eingehen Metadaten beschreiben aber auch Strukturen, machen (latente) Textstrukturen maschinenverstehbar aus dem Blickwinkel einer bestimmten Domäne Erforderlich hierzu sind standardisierte Modellierungsschemata und Ansatzformen Können u.u. aus (Quell-)Daten über (semi-)automatische Prozesse abgeleitet werden

4 Die Digitale Wende in Gedächtnisinstitutionen Modellierung Ein Schlüssel zur Nachhaltigkeit Was meint Modellierung? Think global, act sustainable Digitale Wende Scannen und Fotograbüdln Nachhaltige verwendbare Inhalte erfordern nachhaltige Formate in der Datenspeicherung Manuelle oder (semi-)automatische Anreicherung des Inhalts von digitalen Objekten mit Bedeutungen als Strategie der Nachhaltigkeit (=Modellierung) Hinsichtlich textlogischer, literatur- bzw. sprachwissenschaftlicher oder hermeneutisch-interpretativer Aspekte Unter Verwendung von Annotationssprachen (z.b. TEI) Anwendungsbezogen konstituiert sich Modellierung über die Anreicherung von Text mit Metadaten, bezogen auf verschiedene Beschreibungsebenen, wie logische bzw. semantische Textstruktur, Interpretations- bzw. Erzählebenen, Lesarten, Morphologie u.v.m. (Annotation) Neue Qualität entsteht durch die (kontextgebundene) Explikation domänenspezifischen Fachwissens im Text (Text als Wissensspeicher)

5 Die Digitale Wende in Gedächtnisinstitutionen Modellierung Ein Schlüssel zur Nachhaltigkeit Die Bibliothek der Gegenwart oder der Zukunft? Think global, act sustainable Notwendig ist nicht nur eine rückwärts gerichtete Retro-Konvertierungsstrategie, sondern eine vorwärts gerichtete Strategie für neue digitiale Inhalte Die Bibliothek der Zukunft versteht sich auch als Dienstleister ins Sachen nachhaltiger Speicherung digitaler Inhalte Betreibt und betreut digitale Archiv, die mehr sind als bloße Ansammlung von gescannten Buchseiten und digitalisierten Bildern, Videos und Musikstücken Stellt interaktiv-administrierbare, webservice-basierte, Kontrollierte Vokabularien (alt Normdateien) für unterschiedlichste Anwendungszenarien zur Verfügung Ermöglicht eine zitable und transparente Verwendung der normierten Bezeichnungen dieser Vokabularien als Deskriptoren in web-basierten Dokumenten Wer (wenn nicht öffentliche Einrichtungen) betreibt nachhaltig solche Infrastrukturen und steuert die dafür notwendige (Arbeits-)Prozesse?

6 Die Digitale Wende in Gedächtnisinstitutionen Modellierungssprachen Was ist XML? Eine standardisierte, erweiterbare Auszeichnungssprache XML ist nicht nur Datenformat XML ermöglicht es Semantiken eines Textes zu explizieren XML-basierte Dokumente sind in gleicher Weise human - und machine -readable XML basiert auf der Prämisse der strikten Trennung von (strukturiertem) Inhalt und Formatierung XML ist damit ein universelles Dokumentenformat (z.b. Open Document Format for Office Applications)

7 Die Digitale Wende in Gedächtnisinstitutionen Modellierungssprachen Text Encoding Initiative (TEI) Ein universalistischer Anspruch Die Text Encoding Initiative (TEI) ist eine 1987 gegründete Organisation (das TEI-Konsortium) und ein gleichnamiges Dokumentenformat zur Kodierung und zum Austausch von Texten, das diese entwickelt hat und weiterentwickelt. Unabhängiges, portables und offenes Dokumentenformat zur Kodierung von Texten, gedruckten Werken (Editionswissenschaft), von sprachlichen Informationen (Linguistik), von Korpora gesprochener Sprache, von Urkunden u.v.m. TEI hat sich zu einem De-facto-Standard innerhalb der Geisteswissenschaften entwickelt, wo es zum Beispiel zur Kodierung von gedruckten Werken (Editionswissenschaft) oder zur Auszeichnung von sprachlichen Informationen (Linguistik) in Texten verwendet wird. Die TEI setzt sich aus verschiedenen Modulen zusammen, die beispielsweise Elemente für die Dokumentstruktur, zur Auszeichnung von Gedichten und Dramen, zur Markierung einzelner Zeilen und Seiten, für Tabellen, für textkritische Anmerkungen oder für Sprachkorpora, Terminologien und Wörterbücher enthalten.

8 Die Digitale Wende in Gedächtnisinstitutionen Modellierungssprachen Text Encoding Initiative (TEI) Ein universalistischer Anspruch The TEI Header Elements Available in all TEI Documents Default Text Structure Representation of non-standard Characters and Glyphs Verse Performance Texts Transcriptions of Speech Dictionaries Manuscript Description Representation of Primary Sources Critical Apparatus Names, Dates, People, and Places Tables, Formulæ, and Graphics Language Corpora Linking, Segmentation, and Alignment Simple Analytic Mechanisms Feature Structures Graphs, Networks, and Trees Certainty and Responsibility Documentation Elements

9 Die Digitale Wende in Gedächtnisinstitutionen Beispiele aus wissenschaftlichen Anwendunsgszenarien Ansichten: Alexander Rollett Briefedition Die Korrespondenz von Alexander Rollett, dem ersten Inhaber einer Professur für Physiologie und Histologie an der 1863 eingerichteten Medizinischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz, mit seinem Bruder Emil, sowie wissenschaftliche Briefe aus der Scientific Community an Alexander Rollett erschließen sich über eine Briefedition des Zentrums für Wissenschaftsgeschichte.

10 Die Digitale Wende in Gedächtnisinstitutionen Beispiele aus wissenschaftlichen Anwendunsgszenarien Ansichten: Alexander Rollett Briefedition TEI-Codesnippet <body > <div type =" letter " xml:lang =" deu " xml:id ="R.10 "> <head > < persname type =" creator "> < forename > Alexander </ forename > < surname > Rollett </ surname > </ persname > < persname type =" addressee "> < forename >Emil </ forename > < surname > Rollett </ surname > </ persname > </ head > < opener > < dateline > <date when =" ">1853 Januar 5</ date > <name type =" place ">Wien </ name > </ dateline > < salute > Lieber Bruder!</ salute > </ opener > <p>du wirst mir vielleicht zürnen, dass ich Dir schon so lange kein nicht offizielles Schreiben zukommen ließ... </p> < closer > < salute >Lebe wohl, es küsst Dich Dein Dich liebender </ salute > < signed > Alexander </ signed > </ closer > </ div > </ body >

11 Think global, act local Die Digitale Wende in Geda chtnisinstitutionen Beispiele aus wissenschaftlichen Anwendunsgszenarien Ansichten: Hugo von Montfort-Edition als Interface Die Basistransliteration des poetischen Werks von Hugo von Montfort wird in diesem Projekt gemeinsam mit dem Institut fu r Germanistik nicht nur mit textlogischen Einheiten wie Text, Lied, Brief, Absatz usw. ausgezeichnet, sondern erschließt sich u ber eine Modellierung auf Zeichen und Teilzeichenebene (Glyphen) einer sprach- und schriftkundlichen Analyse.

12 Die Digitale Wende in Gedächtnisinstitutionen Beispiele aus wissenschaftlichen Anwendunsgszenarien Ansichten: Hugo von Montfort-Edition die Textrepräsentation TEI-Codesnippet <body > <div type =" folio " xml:id ="H1.R"> <lg type =" column " xml:id ="H1.RA"> <l xml:id ="H1.RA.L1"> <w> <c xml:id ="H1.RA.L1.C1" type =" lombarde ">A</c> <c xml:id ="H1.RA.L1.C2" rend =" red ">n</c> </w> </l>... <l xml:id ="H1.RA.L5"> <w> <c xml:id ="H1.RA.L5.C1">h</c> <c xml:id ="H1.RA.L5.C2" ana ="#S.6"> <g xml:id ="H1.RA.L5.C2.G0" type =" rep ">â</g> <g xml:id ="H1.RA.L5.C2.G1" type =" base ">a</g> <g xml:id ="H1.RA.L5.C2.G2" type =" sup " subtype =" circum ">ˆ</g> </c> <c xml:id ="H1.RA.L5.C4" type =" slash ">/</c> </w> </l> </lg > </ div > </ body >

13 Think global, act local Was sind Digitale Archive? The Best Practice of GAMS Ein Strukturprojekt zur Bereitstellung heterogener, digitaler Ressourcen

14 Was sind Digitale Archive? The Best Practice of GAMS Ein Strukturprojekt zur Verwaltung heterogener, digitaler Ressourcen GAMS: Geisteswissenschaftliches Asset Management System Projekt ist vordergründig ein Weg und nicht nur eine technologische Lösung (Kooperationsprojekte mit Fachkolleg innen, Joint Master Degree, Wahlfachmodul) Wir verfolgen eine (soweit als möglich) durchgehende XML-basierte Contentstrategie auch für Primärdaten (TEI, OWL, MathML u.a.). Das ermöglicht die flexible und nachhaltige Nutzung der digital vorliegenden Inhalte ( Weniger ist mehr ). Repräsentationsformate (HTML-Seiten, PDFs u.ä.) werden dynamisch (on-the-fly) bei Seiten-Anforderung (zum Zeitpunkt des Request durch den Browser) automatisch generiert. Neben die Paradigmen Recherche und Archivierung tritt jenes der durch Fachwissen strukturierten Präsentation. Research Driven Development: System muss offen und flexibel auf (u.u. noch nicht bekannte) Bedarfe reagieren können. GAMS ist ein Instrument zur Öffentlichkeitsarbeit in der Scientific Community mit Anbindung an nationale- und europäische Harvestingprojekte.

15 Was sind Digitale Archive? The Best Practice of GAMS Ein Strukturprojekt zur Verwaltung heterogener, digitaler Ressourcen Ein digitales Archiv, das vordergründig zunächst kein Archiv ist Objektorientiertes Repository zur Verwaltung und Bereitstellung von digitalen Ressourcen Ermöglicht persistente Zitierbarkeit von Inhalten entsprechend einer Printpublikation Bietet eine Vielzahl standardisierter Schnittstellen zur flexiblen Weiterverwendung der verwalteten Ressourcen (z.b. für das Metadata Harvesting) Stellt (intelligente) metadatenbasierte Suchstrategien zur Verfügung Bietet fein granulierbare Vergabe von Zugriffsrechten auf Inhalte Unterstützt Kollaboration in der Assetbearbeitung und -verwaltung

16 Was sind Digitale Archive? The Best Practice of GAMS Steirisches Urkundenbuch Mit den hier im Auftrag der Historische Landeskommission Steiermark zusammengestellten 164 Texten beginnt eine Neuedition jener rechtserheblichen mittelalterlichen Dokumente (Urkunden) aus der Zeit bis 1192, welche einen Bezug zur Steiermark aufweisen. Die publizierten Texte bilden (zusammen mit dem jeweils beigefügten wissenschaftlichen Apparat) nur den Anfang einer geplanten, vollständig erschließbaren, textbasierten Online-Publikation.

17 Was sind Digitale Archive? The Best Practice of GAMS Lernmodule zur Quantenmechanik Das Institut für Mathematik visualisiert und animiert mehrsprachig quantenmechanische Grundbegriffe und Themenbereiche.

18 Was sind Digitale Archive? The Best Practice of GAMS Webbasierte Analyse qualitativer Erhebungsdaten Am Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft wird im Rahmen einer Longitudinalstudie prozessorientiert die Entwicklung von Übersetzungskompetenzen untersucht. GAMS unterstützt WissenschaftlerInnen in diesem Projekt bei der Verwaltung und Analyse multimodaler, qualitativer Daten.

19 Was sind Digitale Archive? The Best Practice of GAMS Flexible Extensible Digital Object Repository Architecture (FEDORA) Repository zur metadatenbasierten Verwaltung von digitalen Ressourcen Flexibles Design von Inhaltsmodellen für digitale Objekte Webservice-basierte (SOAP), plattformunabhängige, verteilte Systemarchitektur (AXIS) Versionsmanagment mit Integritätsprüfung der geladenen Datenströme Unterstützung standardisierter Protokolle zum Datenaustausch, wie OAI-PMH u.a. Definition von fein granulierbaren Zugriffsrechten auf Basis von XACML XML basierte Import- und Exportstandards: METS, DIDL u.a. HTTP/SOAP Manage Access Search OAI Provider Webservice Exposure Layer User Authentication and Authorisation Management Subsystem Security Subsystem Access Subsystem Object Management Object Validation PID Generation Storage Subsystem Datastreams Content HTTP/SOAP Policy Management Policy Enforcement LDAP Digital Objects HTTP/SOAP Object Reflection Dissemination Search RDBMS Kowari Metastore Lucene-Index

20 Was sind Digitale Archive? The Best Practice of GAMS Flexible Extensible Digital Object Repository Architecture (FEDORA) Strukturmodell eines digitalen Objektes aus der Hugo von Montfort-Edition Das Objekt kapselt sämtliche für die Repräsentation einer Handschriftenseite im Browser notwendigen Datenströme und Funktionalitäten (Bilder der Foliospalten, transliterierter Text der Handschrift, aber auch Zugriffmethoden, wie z.b. die Lupe). Persistent Identifier (PID) Metadaten DCM Default Schema unter FEDORA für OAI Harvester u.ä. REL-EXT beschreibt Relationen zu anderen Objekten im Repository Inhalt TEI-kodierte Transliteration einer Folioseite inkl. textkritscher Anmerkungen Faksimilies (der einzelnen Spalten) einer Folioseite Disseminatoren On-The-Fly Transformation der Objektinhalte zur Anzeige in einem Browser On-The-Fly Transformation der Objektinhalte zu einem PDF-Dokument XACML definiert Zugriffsrechte auf Inhalte und Disseminatoren des Objektes Referenzen auf XSLT-Stylesheets u.ä....

21 Was sind Digitale Archive? Das OAIS-Referenzmodell Open Archival Information System Reference Model Prämissen der Philosophie Dient zur Standardisierung von Bearbeitungs-, Ingest- und Migrationsabläufen - allgemein Workflows - innerhalb von digitalen Archiven. Wurde 2002 als ISO-Norm eingeführt. Amerikanische nationale Archivverwaltung (NARA) und die Research Libraries Group (RLG) waren maßgeblich an der Definiton des Standards beteiligt. Zielt in erster Linie auf die Standardisierung von Abläufen im Bereich der Langzeitarchivierung digitaler Bestände. Fokussiert dabei auf die Langzeitaufbewahrung und Langzeitnutzbarmachung (hauptsächlich) digital vorliegener Bestände und dies unter der Berücksichtigung sich verändernder Technologien. Versucht die klassischen archivischen Arbeitsfelder Erfassen, Aussondern, Bewerten, Übernehmen, Erschließen, Erhalten und Zugänglichmachen abzudecken. Im Prinzip beantwortet das OAIS-Referenzmodells die schon häufig gestellte Frage nach dem zukünftigen Aufgabenspektrum von Museen, Archiven, Bibliotheken und anderen einschlägigen Institutionen im digitalen Zeitalter.

22 Was sind Digitale Archive? Das OAIS-Referenzmodell Open Archival Information System Reference Model Sechs Aufgabenbereiche eines Digitalen Archivs gemäß OAIS Datenübernahme (Ingest) Datenaufbewahrung (Archival Storage) Datenmanagement Systemverwaltung Planung der Langzeitarchivierung (Preservation Planning ) Migration Emulation Zugriff (Access)

23 Finis Finis Wo die Gemse keck von der Felswand springt und der Jäger kühn sein Leben wagt wo die Sennerin frohe Jodler singt am Gebirg, das hoch in Wolken ragt: Dieses schöne Land... Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

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