Komplexe GML-Features in der Planungspraxis

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1 Komplexe GML-Features in der Planungspraxis Jens FITZKE, Christian KIEHLE und Hanko RUBACH Dieser Beitrag wurde nach Begutachtung durch das Programmkomitee als reviewed paper angenommen. Zusammenfassung Der vorliegende Beitrag zeigt, wie komplexe Objektartenmodelle auf Basis aktueller Geo- Standards definiert werden können. An Hand der dem Planungsbereich entnommenen Anwendungsbeispiele XPlanung (Deutschland) und DURP/IMRO (Niederlande) werden Datenmodelle und Standards im Vergleich dargestellt. Beide Vorhaben setzen mit GML, WFS und WMS auf etablierte OGC- bzw. ISO-Standards, um die Integration der Geoinformationsressource Planungsdaten in Geodateninfrastrukturen sicherzustellen. Die Implementierung der benötigten Geodateninfrastruktur-Komponenten mittels Freier Software sorgt für Transparenz in der Funktionsweise und für eine schnellere Umsetzung der neuen Standards in die Praxis. 1 Einleitung: Vom Papierplan zum digitalen Dokument Das Planungswesen in Deutschland wurde im 19. Jahrhundert begründet (z.b. Hobrecht- Plan Berlin 1862, Preußisches Fluchtliniengesetz 1875). Seither dienen Pläne in Papierform z.t. mit umfangreichem Begleitmaterial versehen dazu, menschengemachte bzw. von Menschen genutzte Strukturen im Raum zu dokumentieren und zu ordnen. Flurkarten, Fluchtlinienpläne, Bebauungs- und Flächennutzungspläne, Regional-, Landes- und Raumordnungspläne sind konkrete Produkte des Planungswesens auf den verschiedenen administrativen Ebenen. Die Schaffung von IT-Standards soll den Austausch dieser Produkte ermöglichen und effizienter gestalten. Als Motivationsfaktoren für diese Entwicklung werden die folgenden Sachverhalte angesehen: Informationen zum aktuellen Stand planerischer Festsetzungen sowie über in Zukunft vorgesehene Raumstrukturen stellen eine wichtige Entscheidungsgrundlage für das Handeln von Individuen und Institutionen dar. Raumbezogene Planungsinformationen werden beispielsweise von Investoren und Unternehmen, aber auch von Privatpersonen zur Entscheidungsfindung bei der Standortwahl herangezogen. Die für die Planung zuständigen Institutionen sind zunehmend daran interessiert und verpflichtet, mit den für das Nachbarterritorium zuständigen Stellen zusammenzuarbeiten sog. horizontaler Datenaustausch (BENNER & KRAUSE 2006). Ein Beispiele hierfür ist die Planung und Ausweisung von Gewerbegebieten. Im Rahmen von E-Government-Inititativen und beim Aufbau von Geodateninfrastrukturen sind planungsrelevante Informationen als Public Sector Information Teil von

2 Komplexe GML-Features in der Planungspraxis 191 partizipativen Prozessen Beispiel: Bürgerbeteiligung bei der Neuaufstellung eines Flächennutzungsplans. Der vertikale Datenaustausch wird zunehmend gefordert (ebd. 2006): Landkreise benötigen Zugriff auf Bebauungspläne der Gemeinden, das Land die Flächennutzungspläne der Kreise, die EU die Raumordnungsdaten der Mitgliedsstaaten. Hersteller und Distributoren planungsrelevanter Informationen wollen interne und externe Informationsflüsse optimieren, um die Kosten bei gleichzeitiger Qualitätsverbesserung zu senken. Die Zugänglichkeit von herkömmlich gespeicherten Planungsinformationen (auf Papier sowie in IT-Systemen mit proprietären Strukturen) ist naturgemäß begrenzt. Eine Umfrage der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) kommt zu dem Ergebnis, dass das Fehlen eines standardisierten Daten-Formats zum Austausch von Bauleitplänen und das Fehlen eines Standards für die Visualisierung von Bauleitplänen [..] derzeit den Aufbau elektronischer Dienste [behindern], um die Aufstellung, Genehmigung, Änderung und Nutzung von Bauleitplänen effektiv zu unterstützen (KGST 2004) Die deutsche Initiative XPlanung sowie das niederländische Programm DURP (s. u.) stellen hinsichtlich ihrer Motivation und ihrer Produkte vergleichbare Antworten auf diese ungünstige Situation dar wenn sie auch in der politischen Bedeutung vollkommen verschieden aufgestellt sind. Werdegang, Vorgehensweise und Ergebnisse von XPlanung sind in den Arbeiten von BENNER, KRAUSE & MÜLLER (2005), BENNER & KRAUSE (2007) sowie dem Abschlussbericht zum GDI-DE Modellprojekt XPlanung (GDI-DE 2007) hinreichend dargestellt. Ähnliche Ausführungen zu DURP sind in deutscher Sprache bisher nicht zugänglich. Das Programm wird daher im Folgenden kurz vorgestellt. DURP steht für Digitale Uitwisseling in Ruimtelijke Processen. Dabei handelt es sich um ein im Jahr 2000 vom niederländischen Ministerium für Wohnungswesen, Raumordnung und Umweltschutz in Zusammenarbeit mit Institutionen auf kommunaler, provinzialer und staatlicher Ebene initiiertes Programm zur Förderung des digitalen Informationsaustauschs in raumbezogenen Prozessen. 1 Wesentliche Ergebnisse des Programms sind: eine intensive Zusammenarbeit aller an Raumplanung beteiligten Akteure, ein Paket von Standards: Informationsmodell für Raumordnung IMRO2006, Standard für vergleichbare Bebauungspläne SVBP 2006, Praxisrichtlinie Bebauungspläne PRBP2006, Praxisrichtlinie Flächennutzungspläne PRSV2006, Praxisrichtlinie Provinzialpläne PRPP2006, Praxisrichtlinie Nationalpläne PRNP2006, 2 RO-Online, eine landesweite Plattform zur Bereitstellung von kommunalen, provinzialen und staatlichen Plänen, die Verankerung der o. g. Standards im Raumordnungsgesetz Wro, die gesetzliche Verpflichtung der kommunalen, provinzialen und staatlichen Planungsakteure zur praktischen Umsetzung der Standards bis spätestens Mitte 2009, wobei Mitte 2008 eine Übergangs- bzw. Erprobungsphase beginnt. 1 2 Informationen sowie die zugehörigen Standards sind in niederländischer Sprache im Internet verfügbar: Bebauungsplan wird hier für nl. Bestemmingsplan und Flächennutzungsplan für nl. Structuurvisie verwendet.

3 192 J. Fitzke, C. Kiehle und H. Rubach Gerade die letzten beiden Punkte zeigen deutlich, wie unterschiedlich die beiden Initiativen DURP und XPlanung jeweils (politisch) bewertet werden. 3 Die folgenden Abschnitte zeigen, wie die DURP- bzw. XPlanung-Standards in Geodateninfrastrukturen praktisch genutzt werden können. 2 Die Informationsmodelle von DURP und XPlanung Die Informationsmodelle von DURP und XPlanung sind in den Dokumenten Het Informatiemodel Ruimtelijke Ordening 2006, kurz IMRO2006 (VROM 2006) bzw. XPlanGML UML-Diagramme und XPlanGML-Objektartenkatalog (XPLANUNG 2007) niedergelegt. Beiden Modellen ist gemein, dass sie den jeweiligen Standards zur Modellierung von Geoinformationen und dem Modellierungsparadigma der ISO-Normenreihe folgen, wobei die raumbezogenen Objektklassen als Feature Types abgebildet werden. 4 Aufbauend auf dem abstrakten Informationsmodell gibt es in beiden Projekten ein Implementierungsmodell auf der Basis von GML, das durch teilautomatisierte Prozesse erstellt wurde. Tabelle 1 stellt die wichtigsten Merkmale der beiden Standards im Vergleich dar. Tabelle 1: Wesentliche Merkmale der Modelle von DURP und XPlanung Konzeptionelle Basis DURP NEN 3610 Basismodel Geoinformatie XPlanung ALKIS Modellumfang 33 Feature Types, davon 9 abstrakt 133 Feature Types, davon 22 abstrakt Modellstruktur IMRO voor Bestemmingsplan: Basisschema XPlanGML in 4 Submodelle: 4 Submodelle: den Erweiterbarkeit Submodell für Bebauungspläne IMRO voor Gemeentelijke Structuurvisie: Submodell für Flächennutzungspläne IMRO voor Provinciaale Plannen: Submodell für Provinzialpläne IMRO voor Nationaale Plannen: Submodell für nationale Pläne Erweiterbare Code-Listen Paketen XP_* Fachschema BPlan für Bebauungspläne in den Paketen BP_* Fachschema FPlan für Flächennutzungspläne in den Paketen FP_* Fachschema RPlan für Regionalpläne in den Paketen RP_* Erweiterbare Code-Listen 3 4 Im Abschlussbericht zum Modellprojekt XPlanung der GDI-DE (GDI-DE 2007) heißt es dazu: Für eine Einführung des Austauschformats XPlanGML sind keine Änderungen von Gesetzen bzw. Rechtsvorschriften notwendig, da der Standard XPlanung die Planzeichensymbolik der PlanzV abbilden kann. ISO-Normen sind leider nicht kostenfrei verfügbar. Eine Einführung zum Thema Features enthält der Aufsatz von FITZKE (2005).

4 Komplexe GML-Features in der Planungspraxis 193 Tabelle 1 (Fortsetzung) Fachliche Objekt ausprägung Methodik Implementierungsmodell DURP Ausprägung von Attributwerten, z.b. bestemmingsfunctie, bestemmingshoofdgroep UML-Klassendiagramme, erstellt mit Enterprise Architect; teilautomatisierte Erstellung des GML-Applikationsschemas (GEONOVUM 2006) mittels ShapeChange 5 XPlanung Zugehörigkeit zu einem Feature Type, z.b. BP_Schutzgebiet, FP_Luftverkehr UML-Klassendiagramme, erstellt mit Rational Rose; teilautomatisierte Erstellung des GML-Applikationsschemas mittels NAS-Schema- Generator 6 GML-Applikationsschema (3.1.1) GML-Applikationsschema (3.0.0) 3 GDI-Integration von Planungsinformationen Eine Geodateninfrastruktur (GDI) ist eine aus technischen, organisatorischen und rechtlichen Regelungen bestehende Bündelung von Geoinformationsressourcen, in der Anbieter von Geodatendiensten mit Nachfragern solcher Dienste kooperieren (GREVE 2003). Aus technischer Sicht spielen die Dienste in einer GDI die zentrale Rolle. Für die Erschließung von Planungsinformationen, die mittels GML-Applikationsschemata definiert sind, sind dies Vektordatendienste und Visualisierungsdienste 7, üblicherweise ausgeprägt als Web Feature Service (WFS) und Web Map Service (WMS), entsprechend den einschlägigen Spezifikationen des Open Geospatial Consortium (OGC , DONAUBAUER 2005). Im Fall von Geoinformationsressourcen gemäß XPlanung und DURP liegt die besondere Herausforderung bei der GDI-Integration in der Komplexität der Modelle begründet. Im Folgenden soll daher anhand praktischer Beispiele die Tauglichkeit der OGC-Standards WFS und GML zur Modellierung komplexer Objektartenmodelle demonstriert werden. Alle Arbeiten wurden mit dem Open Source Framework deegree (FITZKE et al. 2004) durchgeführt. 3.1 RO-Online: Landesweite Plattform für Planungsinformationen RO-Online ist eine vom niederländischen Raumplanungsministerium VROM betriebene Web-basierte Plattform zur zentralen Bereitstellung rechtskräftiger Planungsinformationen der Gemeinden, Provinzen sowie staatlicher Institutionen. Die Inbetriebnahme zum 1. Juli 2008 ist direkt verknüpft mit dem Inkrafttreten des neuen Raumplanungsgesetzes (s. o.) Software, Dokumentation und Quellcode unter Die deutschen Bezeichnungen für Data Access Service und Portrayal Service sind dem Architekturkonzept der GDI-DE entnommen:

5 194 J. Fitzke, C. Kiehle und H. Rubach Systemarchitektur Mit RO-Online stellt VROM alle den DURP-Standards entsprechenden digitalen Pläne zentral und in einheitlicher Weise zur Verfügung. Für die Bereitstellung sind die folgenden Komponenten vorgesehen: Website: Web-basierte Oberfläche zur Recherche nach und Einsichtnahme von DURP- Plänen. Dabei wird die Recherche vom WFS und die Visualisierung vom WMS unterstützt (s. u.) Index: Subsystem zur Verwaltung der datenliefernden Stellen WFS: OGC Web Feature Service (1.0.0) zur Datenabgabe mittels GML (2.1.2) 8 WMS: OGC Web Map Service (1.1.1) zur Visualisierung (GetMap) und Sachdatenabfrage (GetFeatureInfo) Zur Übertragung der Plandaten von den verantwortlichen Stellen, den sog. Bronhouders, zu RO-Online, wurde ein Import-Mechanismus entwickelt, der die technische Hürde für Bereitsteller von Plänen möglichst niedrig ansetzt: Die entsprechend IMRO2006 verfügbaren Pläne sind lediglich zusammen mit einer sog. Manifest-Datei, in der Metadaten zum Plan abgelegt sind, auf einem Webserver bereitzustellen und bei RO-Online anzumelden. Nach der Registrierung des Plans holt RO-Online die Daten ab, prüft sie auf Gültigkeit (gegenüber dem IMRO2006-Schema und mittels weiterer Regeln) und fügt sie über einen transaktionsfähigen WFS 9 in die zentrale Datenbank ein. Dieser Prozess erfolgt vollautomatisch. Im Falle eines Problems erhält die verantwortliche Stelle eine -Benachrichtigung mit einem detaillierten Fehlerprotokoll Umsetzung: deegree WFS als zentrale Komponente Entsprechend den Rahmenvorgaben von VROM (Interoperabilität, offene Standards und Open Source) wurden wesentliche Teile von RO-Online auf der Basis von Open Source- Produkten realisiert. Dazu gehört neben dem Flamingo-Viewer 10 für die Website- Kartenkomponente und der PostgreSQL/PostGIS-Datenbank insbesondere das deegree- Framework mit WFS und WMS. Die WFS-Komponente des deegree-projekts wurde eigens für die Abbildung von komplexen Feature-Modellen konzipiert, wie sie im Fall von IM- RO2006 vorliegen. Von einem komplexen Feature-Modell spricht man immer dann, wenn das Modell über die Möglichkeiten von Simple Features hinausgeht bzw. wenn eins oder mehrere der folgenden Merkmale vorliegen: Objektattribute können vom Type Feature sein, wobei die Tiefe der Verschachtelung zunächst nicht eingeschränkt ist. Attribute und Assoziationen haben 1:n- oder n:m-kardinalitäten, d.h. Attribute bzw. Assoziationen können mehrfach vorkommen, und sie können mehrere Eltern-Objekte referenzieren. 8 Für RO-Online 1.0 wurde WFS 1.0 mit GML2-Ausgabe gewählt, da (in den Niederlanden) bisher keine oder kaum WFS-Clients mit Unterstützung für WFS zur Verfügung stehen. 9 Ein transaktionsfähiger WFS unterstützt vergleichbar zu Datenbanksystemen Insert-, Updateund Delete-Aktionen. 10 Dabei handelt es sich um eine in den Niederlanden weit verbreitete Geo-Web-Applikation auf der Basis von Flash-Technologie (http://www.flamingo-mc.org/).

6 Komplexe GML-Features in der Planungspraxis 195 Geometrien können nicht-geradlinige Interpolationen zwischen zwei Stützpunkten aufweisen. Für den Einsatz des deegree WFS für die Import-Komponente von RO-Online wurden folgende Schritte durchgeführt: 1. Analyse des abzubildenden Implementierungsmodells (IMRO2006) 2. Ableitung von annotierten Feature Types entsprechend den Grundstrukturen des abzubildenden Objektmodells und mit Verknüpfungen zum Daten-Backend (Datenbank, Tabellen und Felder) in den XML-Annotationen 3. Einrichtung des Daten-Backends (i.d.r. eine um räumliche Funktionen erweiterte Datenbank, in diesem Fall PostgreSQL/PostGIS) 4. Automatisierte Erstellung des Datenbank-Schemas aus den Feature Types 5. Gegebenenfalls weitergehende XML-Verarbeitung durch XSL-Transformation 6. Nutzung des WFS Abbildung 1 stellt vereinfacht die Struktur zur Modellierung eines komplexen Feature- Modells mittels deegree WFS dar. Abb. 1: Vereinfachte Struktur des deegree Web Feature Service Das im WFS abzubildende Datenmodell wird durch Objektartendefinitionen (Feature Types) in XML-Schema-Dateien realisiert, die beim Start des WFS automatisch in der WFS- Konfiguration registriert werden. Die Datenhaltung erfolgt wahlweise in einer Datenbank (z. B. PostgreSQL/PostGIS, Oracle Spatial), im Dateisystem (z. B. Shapefiles) oder im Hauptspeicher. Sobald Geodaten vorhanden sind, können diese über die DescribeFeature- Type-Schnittstelle beschrieben bzw. über die GetFeature-Schnittstelle angefragt werden. Die zentrale Konfigurationsdatei aus fachlicher Sicht ist die annotierte Feature Type- Definition. Diese übernimmt das objekt-relationale Mapping zwischen Datenbasis und Objektmodell. Zu den deegree-spezifischen Annotationen im XML-Schema gehören das Datenbank-Mapping (Tabellen, Felder, Datentypen) sowie das Verhalten des WFS bezüglich

7 196 J. Fitzke, C. Kiehle und H. Rubach der Feature Types z.b. die Konfiguration der Transaktionsfähigkeit oder den Weg der Erzeugung von GML-IDs bei Neueinträgen. 11 Der in der Import-Komponente von RO-Online enthaltene transaktionale WFS erlaubt das Einfügen aller möglichen Ausprägungen von digitalen Plänen entsprechend IMRO2006, wobei die Datenkonsistenz stets gewährleistet ist. Darüber hinaus wurde auf derselben Datenbank ein zweiter WFS konfiguriert, der die Daten in einem vereinfachten GML2- tauglichen Schema abbildet. Dies ermöglicht die Nutzung durch Clients, die lediglich Simple Features abbilden können. 3.2 XPlanung: Bauleitplanung digital im Landkreis Elbe-Elster Der Landkreis Elbe-Elster als Teilnehmer des GDI-DE Modellprojektes XPlanung (GDI- DE 2007) und die lat/lon GmbH haben ein GDI-basiertes System zur digitalen Erfassung, Fortführung, Recherche und Visualisierung von Bebauungsplänen entwickelt Systemarchitektur Die Datenerfassung erfolgt an speziell für diesen Zweck eingerichteten Arbeitsplätzen, z. B. auf der Grundlage gescannter und georeferenzierter Pläne. Neben der Erfassung ist der GIS-Arbeitsplatz in der Lage, innerhalb aller im System verfügbaren B-Pläne zu recherchieren und vorhandene B-Pläne zu betrachten. Eine Recherche oder visuelle Auswertung kann an Arbeitsplätzen erfolgen, an denen eine Erfassung von Daten nicht möglich ist. Hier ist ein lesender Zugriff im Sinne eines GIS-Viewers ausreichend. Das System besteht aus den folgenden Komponenten: Erfassungskomponente: Ein Desktop-GIS wird durch ein PlugIn um eine B-Plan- Erfassungskomponente für XPlanGML und eine Benutzerverwaltung erweitert. Recherche- und Visualisierungskomponente: Desktop-GIS-PlugIn WMS: OGC Web Map Service (1.1.1) zur Visualisierung (GetMap) und Abfrage (GetFeatureInfo) von Plandaten SF-WFS: Simple Features-basierter Web Feature Service (1.1.0) zur Unterstützung von Erfassung und Recherche XPlanGML-WFS: Transaktionaler WFS (1.1.0) zur Speicherung valider Pläne in XPlanGML (2.0) Geodatenbank: Oracle mit Spatial-Erweiterung Die drei Grundfunktionalitäten bestehen aus der Erfassung, der Visualisierung und der Recherche von Bauleitplänen. Über die genannten OGC Web Services (OWS) in Zusammenspiel mit der Erfassungskomponente kann dieser Workflow standardisiert erfolgen, da auch das zu Grunde liegende Datenmodell standardisiert ist. 11 Beispiele für annotierte XML-Schema-Dokumente sind im Code-Repository des deegree-projekts verfügbar:

8 Komplexe GML-Features in der Planungspraxis Umsetzung Entsprechend den Vorgaben des Landkreises ist die gesamte Lösung auf Basis von Open Source-Produkten realisiert. Die besondere Herausforderung bei der Kopplung des Desktop-GIS (OpenJUMP 12 ) mit den OGC Web Services (deegree) liegt dabei in der notwendigen Unterstützung des komplexen Feature-Modells aus XPlanung. Da OpenJUMP lediglich Simple Features unterstützt, wird XPlanGML zunächst verlustfrei auf Simple Features-Strukturen abgebildet. Dies ermöglicht die in OpenJUMP übliche Layer-basierte Bearbeitung von Geodaten (Abb. 2). Die komlexen XPlanGML-Features werden nachträglich durch eine manuelle Zuordnung (Listenauswahl) zwischen Features einzelner Objektarten hergestellt. Sind alle zu einem Plan gehörigen Objekte erfasst und die Referenzen zwischen den Planobjekten gesetzt, wird durch die Erfassungskomponente die komplexe XPlanGML-Struktur erzeugt und über den XPlanGML-WFS zentral gespeichert. Neben diesem WFS wird ein weiterer WFS (SF-WFS, s. o.) für die Rechercheunterstützung sowie Zwischenspeicherung von noch nicht fertig bearbeiteten Plänen benötigt. Abb. 2: OpenJUMP-basierte Erfassungskomponente für Bebauungspläne Die Ableitung der Konfiguration des XPlanGML-WFS erfolgt in ähnlicher Abfolge wie es im Kapitel bezüglich des IMRO2006-Schemas beschrieben wird. Auf den Datenbestand, der über den XPlanGML-WFS eingefügt wurde, greift direkt der WMS zu, mit dem die Daten visualisiert und abgefragt werden können. Weiterführende Recherchen wie räumliche und attributive Anfragen erfolgen über die Schnittstelle des SF-WFS. 12 Projekt-Homepage OpenJUMP: deegree-basierte Plug-Ins: https://wiki.deegree.org/deegreewiki/deejump.

9 198 J. Fitzke, C. Kiehle und H. Rubach 4 Bewertung und Ausblick Der vorliegende Beitrag zeigt, wie mit freier Software und auf Basis offener Standards komplexe Feature-Modelle in der Praxis genutzt werden können. An Hand zweier Fallbeispiele aus der räumlichen Planung wurden mögliche Systemarchitekturen vorgestellt. Das Beispiel aus den Niederlanden zeigt, wie mit Standard-GDI-Komponenten raumbezogene Planung betrieben werden kann. Durch eine gesetzliche Verankerung eines IT- Standards wird das Problem umgangen, dass digitale Informationssysteme eine Planerstellung zu ermöglichen haben, die eigentlich nur auf dem Papier sinnvoll ist. Die deutsche Planzeichenverordnung der Baugesetzgebung ist ein Beispiel dafür, wie digitale Planerstellung unnötig verkompliziert wird. Die Niederlande definieren hier für die digitale Repräsentation optimierte, amtliche Plansymbole, welche auch in rechtsverbindlichen Auskünften Bestand haben. XPlanung hingegen fordert dagegen die Nachbildung des amtlichen analogen Kartenbildes, wodurch die Komplexität der Erfassungs- und Visualisierungskomponenten unnötig erhöht wird. Beide Projekte haben gezeigt, dass raumbezogene Planung auf Basis offener Standards mit Freier Software umsetzbar ist. Die Anforderung der komplexen Objektartenmodelle erfordert die Abbildung ebendieser mit Geodateninfrastrukturkomponenten. Der deegree WFS hat sich hier als hinreichend flexibel erwiesen, um die erforderlichen Modelle abzubilden. Die Herstellung von Interoperabilität auf Schnittstellenebene wurde durch die Implementierung offener Standards (hier WFS und WMS 1.1.1) erzielt, die Interoperabilität auf semantischer Ebene wurde durch die Implementierung der entsprechenden Objektmodelle sichergestellt. Die praktische Erfahrung mit komplexen Objektmodellen wird zeigen, ob raumbezogene Prozesse in Zukunft gänzlich papierlos abgewickelt werden können. Die technischen Voraussetzungen hierzu sind geschaffen und frei verfügbar. Danksagung Die Autoren bedanken sich bei Herrn Bimüller (Landkreis Elbe-Elster) für die Freigabe der XPlanung-Software unter LGPL sowie bei den niederländischen Projektpartnern IDgis und LogicaCMG im Projekt RO-Online für die konstruktive Zusammenarbeit, die wesentlich zu den im vorliegenden Artikel beschriebenen Ergebnissen beigetragen hat. Literatur BENNER, J. & KRAUSE, K.-U. (2006): Objektorientierte Datenmodelle für Bauleitpläne das E-Government Projekt XPlanung. In: STROBL et al. (Hrsg.) (2006): Angewandte Geoinformatik Beiträge zum 19. AGIT-Symposium Salzburg. Wichmann, Heidelberg. BENNER, J. & KRAUSE, K.-U. (2007): Das GDI-DE Modellprojekt XPlanung Erste Erfahrungen mit der Umsetzung des XPlanGML-Standards. In: SCHRENK, M., POPOVICH, V. & BENEDIKT, J. (Hrsg.): REAL CORP 007, Tagungsband. Wien, Mai

10 Komplexe GML-Features in der Planungspraxis 199 BENNER, J., KRAUSE, K. & MÜLLER, M. (2005): Elektronische Planzeichenverordnung Modellierung, Datenaustausch und Visualisierung von Bauleitplänen mit OGC- Standards. In: Proceedings of CORP DONAUBAUER, A. (2005): Web Feature Service Geodienst für den Zugriff auf objektstrukturierte Geodaten. In: BERNARD, L., FITZKE, J. & WAGNER, R. M. (2005): Geodateninfrastruktur Grundlagen und Anwendungen. Wichmann, Heidelberg. FITZKE, J. (2005). Die Welt der Features eine Welt aus Features. In: BERNARD, L., FITZ- KE, J. & WAGNER, R. M. (2005): Geodateninfrastruktur Grundlagen und Anwendungen. Wichmann, Heidelberg. FITZKE, J. et al. (2004): Building SDIs with free Software: The deegree project. In: Proceedings of GSDI-7, Bangalore, India. GDI-DE GESCHÄFTS- UND KOORDINIERUNGSSTELLE GDI-DE (2007): Modellprojekt XPlanung Abschlussbericht Ein Beitrag zum Aufbau der Geodateninfrastruktur in Deutschland. Version GEONOVUM (Hrsg.) (2006): Informatiemodel Ruimtelijke Ordening (IMRO) Modelimplementatie document: December GREVE, K. (2003): Vom GIS zur Geodateninfrastruktur. In: STANDORT Zeitschrift für Angewandte Geographie, 3/2002. KGSt KOMMUNALE GEMEINSCHAFTSSTELLE FÜR VERWALTUNGSMANAGEMENT (2004): Geodatenmanagement KGSt-Materialien, 4/2004. Köln. LAKE, R. et al. (2004): Geography Mark-up Language (GML). Chichester. OGC OPEN GEOSPATIAL CONSORTIUM (Hrsg.) ( ): Implementierungsspezifikationen zu: Filter Encoding (1.1.0), GML (3.1.1), WFS (1.0.0 und 1.1.0) und WMS (1.1.0). VROM (Hrsg.) (2006): Het Informatiemodel Ruimtelijke Ordening (IMRO) ID=776. XPLANUNG PROJEKTGRUPPE XPLANUNG (Hrsg.) (2007): XPlanGML UML-Diagramme, XPlanGML-Objektartenkatalog und XPlanGML Schema-Dateien.

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