Die slowakische Minderheit in der Karpaten-Ukraine

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1 Die slowakische Minderheit in der Karpaten-Ukraine 1. Gruppenbezeichnungen 2. Sprache 3. Statistik und Demographie 4. Siedlungsgebiet und -schwerpunkte 5. Siedlungs- und Gruppengeschichte 6. Religion, konfessionelle Struktur 7. Politische und kulturelle Selbstorganisation 8. Schulwesen 9. Medien 1. Auf dem Gebiet der Karpaten-Ukraine bilden die Slowaken, nach den Ukrainern (Rusinen) und den angesiedelten Russen, die dritte slawische ethnische Gruppe. Sie selbst bezeichnen sich als Slowaken und werden auch von den Organen des ukrainischen Staates so genannt. (In früheren Zeiten haben sich die älteren Slowaken liptjákok genannt.) 2. Die slowakische Sprache gehört, zusammen mit dem Tschechischen und dem Polnischen, zu westlichen Zweig der slawischen Sprachfamilie. Die Sprache der Slowaken in der Karpaten-Ukraine ist dem ostslowakischen Dialekt sehr ähnlich. Die Sprachwissenschaftler unterscheiden vier lokale Typen der slowakischen Mundart: diejenige von Zemplén-Abaúj-Sáros, den Ung-Zempléner Dialekt, den Ung-Szotáker Dialekt und die Slowakisch-Zempléner-Sároser Mundárt. Lediglich der Dialekt in der Ortschaft Klenovec im Bezirk Mukacsevo ist mittelslowakischen Ursprungs. Im Unterricht sowie im Verlagswesen verwenden sie die in der Slowakei übliche Schrift.

2 2 3. Die jüngsten offiziellen Daten zur Zahl der Slowaken in der Karpaten-Ukraine bzw. die Ergebnisse der ukrainischen Volkszählung von 2001 sind noch nicht veröffentlicht. Bei der Volkszählung von 1989 wurde Personen mit slowakischer Nationalität registriert. Diese machten 0,6% der Bevölkerung in der Karpaten-Ukraine aus. Nach Schätzungen liegt ihre Zahl allerdings höher, nämlich bei ca Personen Im Laufe des 20. Jahrhunderts veränderte sich die Zahl der Slowaken, die auf dem heutigen Gebiet der Karpaten-Ukraine leben, in Abhängigkeit von den politischen und staatlich-territorialen Veränderungen: 1880 betrug die Zahl der Slowaken 7.849, , , , , , , und (Die Angaben für die Jahre 1921, 1930, 1959, 1970 und 1979 schließen die Personen tschechischer Nationalität mit ein.). Der Anteil der Slowaken sank von 1959 bis 1989 von 1,3% auf 0,6% der Gesamtbevölkerung der Region. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fand eine natürliche Assimilierung statt. Von den im Jahre 1989 registrierten Slowaken gaben lediglich das Slowakische als Muttersprache an nannten das Ukrainische, das Ungarische und 286 die russische Sprache. Gemäß den Ergebnissen von offiziellen soziologischen Untersuchungen, die von 1994 bis 1996 durchgeführt wurden, haben von den Slowaken nur 13,2% Ehepartner mit der gleichen Nationalität gewählt. (Laut Schätzungen betrug dieser Anteil allerdings 23%.) Die meisten Mischehen kamen mit ukrainische Ehepartnern zustande. Die meisten Slowaken gehen einer Tätigkeit in der Landwirtschaft nach. Außerdem sind sie in relativ großer Zahl im Staatsapparat vertreten. 4. Ein beträchtlicher Teil der Slowaken lebt verstreut unter der ukrainischen Mehrheitsnation. Es ist allerdings eine gewisse Gesetzmäßigkeit hinsichtlich ihrer territorialen Verbreitung feststellbar. Gemäß dieser lebt der größere Teil der Slowaken der Karpaten-Ukraine in westlichen Teil der Region, d.h. in den Bezirken

3 3 Uzshorod, Uzshorod und Perecsin. Die folgenden Siedlungen verfügen über eine beträchtliche slowakische Einwohnerschaft: Uzshorod, Szerednye, Sztorozsnicja, Mukacsevo, Antaloc, Szvaljava und Berehove. Die Mehrzahl der Slowaken lebt in Städten. 5. Bereits in mittelalterlichen Quellen stoßen wir auf tóthok im Gebiet der heutigen Karpaten-Ukraine. Es kann allerdings nicht festgestellt werden, ob sich diese Bezeichnung auf die Slowaken oder aber auf die Vertreter der hier lebenden slawischen Urbevölkerung bezog. Aus dem 17. Jahrhundert gibt es bereits gesicherte Quellen darüber, daß im Komitat Ung, insbesondere in der Gegend von Uzshorod, eine kleinere Zahl von Slowaken lebte. Von Siedlungen in der Karpaten- Ukraine, in denen eine größere Zahl von Slowaken leben, berichten erst Quellen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und vom Beginn des 19. Jahrhundert. Als erste zogen einige Familien aus Liptovský Mikuláš (damals Liptószentmiklós im Komitát Liptó) in diese Gegend und ließen sich in Perecsin, Velikij Bereznij und Turji Remeti nieder. In späteren Jahren kamen Siedler aus den Komitaten Szepes, Abaúj und Zemplén. Die Mehrheit von diesen beschäftigte sich mit handwerklichen Tätigkeiten oder arbeitete im eisen- und glasverarbeitenden Gewerbe. Dort waren auch deutsche und italienische Arbeiter beschäftigt, die allerdings von den Slowaken allmählich assimiliert wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Karpaten-Ukraine unter der Bezeichnung Podkarpatska Rus zu einem Bestandteil der Tschechoslowakischen Republik wurde, erfuhr die Position der dortigen Slowaken in der eine wesentliche Stärkung. Ihre Zahl erhöhte sich beträchtlich und es wurde ein Netz von slowakischen Schulen aufgebaut. Infolge der Tatsache, daß 1938/1939 der Großteil der Karpaten-Ukraine erneut an Ungarn fiel, war ein Großteil der Slowaken, vor allem diejenigen, die nach 1919 in dieses Gebiet kamen, gezwungen, in die Tschechoslowakei zu übersiedeln. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Zahl der Slowaken in der Karpaten-Ukraine erneut zu wachsen. Hierzu trug aller Wahrscheinlichkeit nach auch bei, daß sich ein Teil der Magyaren und Deutschen um dadurch den Vergeltungsmaßnahmen zu

4 4 entkommen zur slowakischen Nationalität bekannten. Später sank die Zahl der Slowaken erneut. Die Wende des Jahres 1989/1990 wirkte sich insofern aus, als sich seitdem eine wachsende Zahl von Slowaken erneut zu ihrer Nationalität bekannte. 6. und 7. Bei der Wahrung der ethnischen Identität der Slowaken spielte und spiel die Religion eine bedeutende Rolle. In der Vergangenheit gehörten die Slowaken fast ausschließlich der römisch-katholischen Kirche an. Im Laufe der Zeit, insbesondere nach 1945, kam es allerdings infolge der beginnenden Assimilierungsprozesse zu einem Zerfall der religiösen Einheit. Zwar ist auch heute noch die Mehrheit der Slowaken römisch-katholisch, es gibt allerdings auch Anhänger der Griechisch- Katholischen Kirche sowie Protestanten (Lutheraner). 17 Gemeinden der Karpaten- Ukraine verfügen über eigene slowakische Kirchengemeinden. In 15 von diesen wird der Gottesdienst auf Slowakisch zelebriert, in 2 Gemeinden auf Slowakisch, Ungarisch und Deutsch. Im Leben der Slowaken der Karpaten-Ukraine bedeuteten das Ende der 1980er Jahre und der Beginn der 1990er Jahre einen bedeutsamen Bruch. Der Zerfall der Sowjetunion und die Errichtung eines unabhängigen ukrainischen Staates eröffnete den Weg für eine erneute national-kulturelle Entwicklung. Seitdem bildeten sich eine Reihe von slowakischen Interessenvertretungen: die Kultur- und Bildungsorganisation Matica Slovenska in der Karpaten-Ukraine, die 1993 gegründet wurde und eine Zeitung herausgibt; die Slowakische Gesellschaft Ľudovit Štúr in der Karpaten-Ukraine (1990); die Gesellschaft der Slowakischen Intellektuellen in der Karpaten-Ukraine (2000); die Kultur- und Bildungsorganisation der Slowakischen Frauen Vertrauen in der Karpaten-Ukraine (1999 gegründet, Herausgeberin einer eigenen Zeitung).

5 5 7. und 8. Das slowakische Schulwesen, das in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen aufgebaut wurde, wurde nach 1938/1939 zerschlagen. Auch in der sowjetischen Ära gab es keinen Unterricht in slowakischer Sprache. Die Unabhängigkeit der Ukraine brachte auch auf diesem Gebiet eine wesentliche Veränderung. Bereits im Herbst 1991 wurden in Sztorozsnicja slowakische Klassen eingerichtet und in mehreren anderen Gemeinden begann der fakultative Unterricht der slowakischen Sprache. Gegenwärtig gibt es 2 Schulen, in denen auf Ukrainisch und Slowakisch unterrichtet wird. An der Philologischen Fakultät der Staatlichen (heute: Nationalen) Universität in Uzshorod wurde 1994 ein Lehrstuhl für Slowakische Sprache und Literatur eingerichtet. Zweifellos ist das slowakische Unterrichtswesen auch heute noch nich in angemessener Weise ausgebaut. Es ist aber hervorzuheben, daß laut den Ergebnissen der Volkszählung von 1989 die Slowaken hinsichtlich ihrer Schulbildung nach den Russen den zweiten Platz in der Karpaten-Ukraine einnehmen. Die Repräsentation der Slowaken in den lokalen Selbstverwaltungen der Karpaten- Ukraine ist sehr gering (0,1% aller Abgeordneten). Etwas besser stellt sich ihr Anteil an den Positionen in der Staatsverwaltung dar: 0,5%. Dieser Wert nähert sich dem slowakischen Bevölkerungsanteil an. Im Medienwesen brachten abgesehen von der tschechoslowakischen Ära erst die 1990er Jahre eine Wende für die Slowaken. Gegenwärtig sendet das Staatliche Fernsehen und Radio in Uzshorod jährlich 24 bzw. 20 Stunden (monatlich 2 bzw. 1,6 Stunden) Programme auf Slowakisch. Es gibt 3 slowakischsprachige Zeitungen mit einer Gesamtauflage von Exemplaren. In Sztorozsnicja existiert ein slowakisches Kulturzentrum. József Kobály Übersetzung aus dem Ungarischen: Andreas Schmidt-Schweizer

6 6 Literatur Paul Robert Magocsi: The Shaping of a National Identity. Subcarpathian Rus`, , Cambridge/Massachusetts/London, Christian Ganzer: Die Karpato-Ukraine 1938/39 Spielball im internationalen Interessenkonflikt am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, in: Die Ostreihe Neue Folge, 2001, H. 12. Vincent Shandor: Carpatho-Ukraine in the Twientieth Century. A Political and Legal History, Albert S. Kotowski: Ukrainisches Piemont? Die Karpartenukraine am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 49 (2001), H. 1. S

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