24 1 Kinder und Medien

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2 24 1 Kinder und Medien verantwortliche Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest erhebt beispielsweise in seiner KIM-Studie das Mediennutzungsverhalten 6- bis 13- Jähriger und unterscheidet hier die Altersgruppen der 6- bis 7-jährigen, der 8- bis 9-jährigen, der 10- bis 11-jährigen sowie der 12- bis 13-jährigen Kinder (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2011). Die Sozialwissenschaftler Feil, Decker und Gieger ermitteln in ihrer 2004 veröffentlichten Studie Wie entdecken Kinder das Internet? das Internetnutzungs- und Rezeptionsverhalten 5- bis 12-jähriger Kinder (vgl. Feil/Decker/Gieger 2004). Die Alterseingrenzungen von Kindern bzw. Kindheit sind äußerst heterogen. Juristisch betrachtet sind Kinder Personen, die noch nicht das 14. Lebensjahr erreicht haben. Psychologische und soziologische Definitionen begrenzen Kindheit oft nur allgemein in Abgrenzung zu Jugend. Die Medien- und Kommunikationsforschung definiert Kindheit hingegen, je nach Zielgruppe, zwischen 6 und 13 Jahren. Einigkeit scheint aber in der Definition der Obergrenze für Kindheit (13 Jahre) zu bestehen, eine konsistente untere Altersgrenze ist bezüglich der Medienrezeption dagegen nicht eindeutig zu bestimmen. Für die vorliegende Arbeit bedeutet dies, dass ein Altersrange theoriegeleitet zu konzipieren ist und zudem auch gemäß forschungspragmatischen Überlegungen legitimiert werden kann. Kübler greift für die Beschreibung der heutigen Kindheit den von Charlton und Neumann-Braun 1992 verwendeten Begriff Medienkindheit in Abgrenzung zu den vergangenen Phasen der Nachkriegskindheit (1950er- und 1960er- Jahre) und der Konsumkindheit (Mitte der 1960er) auf, der zwar recht attribuierend, aber dennoch treffend die neuen kindlichen Lebensverhältnisse charakterisiert (vgl. Kübler 2002: 19). Bieber-Delfosse umschreibt die heutige Generation von Kindern, ausgelöst durch den Wandel der Gesellschaft und die damit einhergehende Pluralisierung der Lebensformen, als (Bieber-Delfosse 2002: 41). Diese Metapher verwendet sie, um anhand der speziellen Struktur des Internets, das sich stetig verändert, nahezu unübersichtlich, komplex und hoch dynamisch ist, die Verhältnisse in der heutigen Gesellschaft zu beschreiben, mit denen Kinder nahezu identisch wie Erwachsene konfrontiert werden. Das steht dabei als Code für das Virtuelle des Internets (vgl. Bieber- Delfosse 2002: 41). Kübler verweist weiterhin darauf, dass Entstehung und Veränderung von Kindheit eng mit der Evolution der Medien und dem von ihnen forcierten Drang verknüpft ist, Kindheit zu kommerzialisieren und letztlich auch Kinder zu festen, intensiven Rezipienten zu machen (Kübler 2002: 17). Er betont, dass dies insbesondere für die Medienforschung gewichtig sei. Der Begriff Medienkindheit impliziert bereits die enge Verbindung von Kindheit und Medien in der heutigen Gesellschaft. Letztendlich tituliert er einen Trend, der aber ohne die empirische Betrachtung nicht hinreichend belegbar erscheint. Welche Medienangebote vom Individuum präferiert werden und in

3 1.2 Mediennutzung von Kindern 25 welchem Ausmaß diese genutzt werden, hängt, neben der Verfügbarkeit und den Merkmalen der Medienangebote selbst, von zahlreichen weiteren Einflussfaktoren ab. Um die Diskussion über das Verhältnis von Kindern und dem Medium Internet bewerten zu können, ist zunächst eine Betrachtung des generellen Mediennutzungsverhaltens von Kindern erforderlich. 1.2 Mediennutzung von Kindern Zur allgemeinen Mediennutzung von Kindern gibt es einige Forschungsreihen und Einzelstudien, die sich quantitativ wie qualitativ mit dem Mediennutzungsverhalten von Kindern befassen. Wesentliche Erkenntnisse zum kindlichen Mediennutzungsverhalten liefert beispielsweise die seit 1999 regelmäßig veröffentlichte KIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest zum Mediennutzugsverhalten 6- bis 13-Jähriger (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2011) sowie die seit 1993 kontinuierlich durchgeführte und publizierte quantitative Markt- und Mediastudie KidsVerbraucher- Analyse (KidsVA) im Auftrag des Egmont Ehapa Verlages, die neben dem Verbraucherverhalten auch das Medienverhalten 6- bis 13-jähriger Kinder ermittelt (vgl. Egmont Ehapa 2010). Darüber hinaus gibt es einige Einzelstudien, die ebenfalls quantitativ die Mediennutzung von Kindern ergründen, in Nuancen abweichend aber beispielsweise die Mediennutzung von Vorschulkindern ab 2 Jahren untersuchten (z.b. ARD/ZDF-Studie Kinder und Medien 2003, vgl. hierzu: Feierabend/Mohr 2004; Frey-Vor/Schumacher 2004). Diese Studien finden jedoch in den weiteren Ausführungen keine Berücksichtigung, da sie als Einzelstudien konzipiert keine aktuellen Daten liefern 6. Über die repräsentativquantitativen Ergebnisse zur kindlichen Mediennutzung hinaus gibt es eine Reihe von explorativ-qualitativen Untersuchungen, die sich meist fokussiert auf einzelne Medien den kindlichen Umgang mit diesen ermitteln. Im Verlauf des Kapitels werden hier einige Studien herangezogen, die sich in ihren Erkenntnissen auf das zu untersuchende Medium Internet beziehen. In den KIM-Studien wird im jährlichen Turnus das Mediennutzungsverhalten von Kindern erhoben, um den medialen Wandel und die aktuelle Mediensituation bei Kindern nachvollziehen und dokumentieren zu können. Für das Jahr 2010 liegt eine Studie vor, in der eine für Deutschland repräsentative Stichprobe 6 An dieser Stelle sei aber darauf verwiesen, dass gerade aus der o.g. ARD/ZDF-Online-Studie hervorging, dass die jüngeren Kinder (2 bis 5 Jahre) nahezu gar nicht mit dem Computer und somit auch nicht mit dem Internet in Kontakt kommen (vgl. Feierabend/Mohr 2004: 455f.). Somit muss die Gruppe der Vorschulkinder im Kontext von kindlichem Internetwerbeumgang in der vorliegenden Arbeit auch nicht weiter berücksichtigt werden.

4 26 1 Kinder und Medien von n=1.214 der 6- bis 13-Jährigen und deren jeweiligen Haupterziehungsberechtigten bezüglich der Mediennutzung befragt wurde (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2011: 3f.). Die Studie umfasst ein umfangreiches Themenspektrum zu allen von Kindern genutzten Medien 7. Für die vorliegende Forschungsarbeit sind aus der KIM-Studie 2010 insbesondere die Ergebnisse zur Medienausstattung in den befragten Haushalten, zur Nutzungshäufigkeit, zur Bindung der Kinder an die Medien, zur Funktion der Medien für die Kinder und zum Zusammenhang von Medien und Freizeitaktivitäten der Kinder von Interesse. Die Darstellung des kindlichen Mediennutzungsverhaltens wird dabei hinsichtlich Computer und Internet durch Ergebnisse der vom Egmont Ehapa Verlag in Auftrag gegebenen Markt-Media-Studie Kids- VerbraucherAnalyse 2010 ergänzt. Diese Studie befasst sich neben dem Verbraucherverhalten auch mit dem Medienverhalten der 6- bis 13-Jährigen. Befragt wurden 2010 in einer repräsentativen Stichprobe Kinder und jeweils ein Erziehungsberechtigter. Die Grundgesamtheit umfasst 6,2 Millionen Kinder diesen Alters (vgl. Egmont Ehapa 2010: 2) Internetnutzung von Kindern im Kontext allgemeiner Mediennutzung Nach den Ergebnissen der aktuellen KIM-Studie 2010 verfügen alle in die Studie einbezogenen Haushalte über mindestens ein Fernsehgerät, auch die weitere medientechnische Ausstattung ist stark ausgeprägt. Handy, Festnetztelefon, Radio und CD-Player gehören hierbei zur Standardausstattung. Die meisten Haushalte (91%) können auch den Besitz eines Computers verzeichnen, 89% der befragten Eltern geben an, einen Internetzugang zu besitzen (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2011: 7f.). In der KidsVA 2010 wurden geringfügig niedrigere Zahlen für den Computerbesitz erfasst: In 75% der Fälle ist nach den Ergebnissen dieser Studie ein Computer im Haushalt vorhanden 8 (vgl. Egmont Ehapa 2010: 20). Die Ausstattung mit einem Internetanschluss wurde in der KidsVA nicht erfasst. Aufschlussreich erscheint der Anteil an Eigengeräteausstattung der Kinder: Mehr als die Hälfte der Kinder (57%) besitzt eine eigene Spielkonsole, ca. 50% der Kinder besitzen ihr eigenes Handy sowie einen eigenen MP3-Player (jeweils 48%), gefolgt von dem Besitz eines eigenen Fernsehgerätes (45%) und einem eigenen Radio (38%). Verhältnismäßig gering erscheint laut den Ergebnissen der 7 Erfasst sind Fernseh-, Radio-, Computer-, Internet-, Handynutzung sowie das Lesen (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2011: 3). 8 In der Publikation wie folgt ausgewiesen: Ausstattung im Haushalt (53%) kumuliert mit dem Eigenbesitz eines Computers (22%) (vgl. Egmont Ehapa 2010: 20).

5 1.2 Mediennutzung von Kindern 27 KIM-Studie 2010 die Ausstattung mit einem eigenen Computer. Bei nur 15% der Kinder ist er im Kinderzimmer vorhanden, nur etwa 10% der Kinder haben einen eigenen Internetzugang. Mit dem Alter steigt der Eigenbesitz des Computers jedoch an (bei 2% der 6-7-Jährigen, bei 5% der 8-9-Jährigen, bei 18% der Jährigen und bei 33% der Jährigen im Eigenbesitz). Hier zeigen sich auch geschlechtsspezifische Unterschiede. Jungen sind mit Spielkonsolen, Computern und Internet vornehmlich besser ausgestattet als Mädchen (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2011: 8, 25ff.). Zu geringfügig anderen Ergebnissen kam die KidsVerbraucherAnalyse 2010: demnach besitzen insgesamt rund 22% der befragten Kinder einen eigenen PC, die Älteren in höherem Maße als die Jüngeren (97% der 13-Jährigen und nur 34% der 6-jährigen) 9 (vgl. Egmont Ehapa 2010: 21). Generell wird der Computer in erster Linie zu Hause genutzt. Während der PC der KIM-Studie zufolge von 98% der Kinder zumindest selten zu Hause genutzt wird, findet die Nutzung in 46% der Fälle auch in der Schule statt. Eine zumindest seltene Nutzung bei Freunden erfolgt in rund 67% 10 der Fälle (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2011: 25ff.). Betrachtet man das Internetnutzungsverhalten, stellt sich heraus, dass insgesamt 57% das Internet zumindest selten nutzen. Allerdings divergiert die Internetnutzung stark im Altersverlauf. In der KIM-Studie 2010 war festzustellen, dass zwar nur 25% der jüngsten Kinder das Internet bereits nutzen. Die Nutzung erhöht sich bei den 8- bis 9-Jährigen auf immerhin 37%, steigt dann um weitere 32 Prozentpunkte auf 69% bei den 10- und 11-Jährigen. Diese unterschieden sich dann in ihrem Internetnutzungsverhalten wiederum um 21 Prozentpunkte von den ältesten kindlichen PC-Nutzern, die zu 90% das Internet zumindest selten nutzen. Bei geschlechtlicher Unterscheidung liegen die Jungen in ihrem Internetnutzungsverhalten mit 58% geringfügig vor der Gruppe der Mädchen mit 55% (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2011: 30f.). Nach Einschätzung der Eltern nutzen die Kinder durchschnittlich rund dreieinhalb Stunden (232 Minuten) pro Tag Medien. Die meiste Zeit verbringen die Kinder demnach durchschnittlich vor dem Fernsehgerät (durchschnittlich 98 Minuten). Die tägliche Nutzung des Computers beträgt im Durchschnitt 44 Minuten, etwas mehr als die Hälfte der Zeit (24 Minuten) verbringen Kinder davon 9 Angaben zum Eigenbesitz eines Internetzugangs sowie geschlechtsspezifische Unterschiede sind der veröffentlichten Analyse des Egmont Ehapa Verlags nicht zu entnehmen. 10 In der Veröffentlichung der Ergebnisse ist hier keine Prozentzahl angegeben, die genaue Angabe lautet hier: [ ] bei zwei Dritteln spielt sich die Computernutzung (auch) bei Freunden ab (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2011: 25).

6 28 1 Kinder und Medien im Internet 11. Hinsichtlich der Dauer der Internetnutzung zeigte sich, dass 28% der kindlichen Nutzer 12 nicht mehr als eine halbe Stunde täglich online sind. Für 42% ist in der Studie eine Nutzungsdauer zwischen 30 und 60 Minuten angegeben, bei 28% beläuft sich das Surfen sogar auf mehr als eine Stunde pro Tag 13. Bei den Jüngeren beansprucht das Surfen im Netz grundsätzlich ein geringeres Zeitfenster als bei den Älteren. Ist für rund 37% der 12- bis 13-Jährigen angegeben, ihr Surfverhalten überschreite die volle Stunde, tun dies nur 25% der 10- bis 11-Jährigen sowie 21% der 8- bis 9-jährigen Kinder. 15% der 6- bis 7-Jährigen nutzen in diesem Maße das Internet. Hingegen sind kurzfristige Aufenthalte im Internet bei rund 18% der älteren Kindern (12 bis 13 Jahre) geringer als bei der Gruppe der Jüngsten (6- bis 7-Jährige), die zu 48% das Internet nicht mehr als eine halbe Stunde täglich nutzen (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2011: 26ff., 60f.). Abgeleitet aus den Ergebnissen der Studie lässt sich feststellen, dass auch das Medienklima in der Familie ein entscheidender Faktor für die Mediennutzung der Kinder ist. Der Medienumgang von Kindern wird zunächst maßgeblich vom Umfeld, in dem die Kinder aufwachsen, geprägt. (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2011: 58) Die KIM-Studie 2010 ermittelte daher zur Erfassung dieser Komponente die Medienbindung der Haupterzieher sowie die der Kinder: Bei der Frage, welches Medium denn für sie am wenigsten zu entbehren sei, lagen bei den befragten Erwachsenen an der Spitze der Fernseher (59% der befragten Erwachsenen sagten, dass der Fernseher am wenigsten zu verzichten sei), gefolgt von Computer/Internet 14 mit 15% und Büchern mit 12%. Analog dazu gaben auch 58% der befragten Kinder an, dass der Fernseher am wenigsten verzichtbar sei, gefolgt von Computer/Internet (in 25% der Fälle) und Büchern mit 8%. Die Medienbindung der Eltern korreliert offenbar mit der ihrer Kinder. Ist das Fernsehen das bevorzugte Medium des Erziehungsberechtigten, liegt auch beim Kind eine starke Bindung zu diesem Medium vor. Bevorzugt der befragte Elternteil das Buch, ist analog dazu auch die kindliche Bindung an selbiges stärker, gleiches gilt für den Fernseher und Computer/Internet. Allerdings lassen sich auch geschlechtsspezifische Unterschiede feststellen: beispielsweise 11 Die Minutenzahl der täglichen Mediennutzung setzt sich weiterhin zusammen aus dem Radiohören (33 Minuten täglich), dem Beschäftigen mit Computerspielen oder Spielkonsolen (36 Minuten täglich) und Lesen (21 Minuten täglich) (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2011: 26ff., 60f.). Angaben zur Nutzungsdauer von zusätzlichen Medien, wie etwa MP3-Player, Handy und Zeitschriften sowie anderen Heftchen sind den veröffentlichten Daten der Studie nicht zu entnehmen. 12 Internet-Nutzer, n= In 2% der Fälle liegen keine Angaben vor. 14 Computer und Internet wurden hinsichtlich der Medienbindung in der Studie gemeinsam erfasst.

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