AMT FÜR SOZIALE DIENSTE

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1 Anlage 7 AMT FÜR SOZIALE DIENSTE Fachliche Weisung /2008 Stand: 24. Januar 2008 Handlungsorientierung zur Umsetzung des Schutzauftrages des 8a SGB VIII Qualitätssicherung zur Anwendung fachlicher Standards bei Kindeswohlgefährdung im Amt für Soziale Dienste

2 1. Vorbemerkung 2 Im Zusammenhang mit allgemeiner Förderung, Beratung, Betreuung und Hilfe ist es eine wesentliche Aufgabe der Dienste und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, Kinder und Jugendliche davor zu bewahren, dass sie in ihrer Entwicklung durch Missbrauch elterlicher Verantwortung oder eine Vernachlässigung Schaden erleiden: Kinder und Jugendliche sind vor Gefahren für ihr Wohl zu schützen ( 1 Abs. 3 Nr. 3 und Abs. 4 SGB VIII). Im Rahmen des Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetzes (KICK, 2005) wurde im 8a SGB VIII der allgemeine und staatliche Schutzauftrag als Aufgabe der Jugendämter konkretisiert und die Beteiligung der freien Träger an dieser Aufgabe verdeutlicht. Als letztverantwortlicher Gewährleistungsträger hat das Jugendamt durch Vereinbarungen mit Trägern von Einrichtungen und Diensten sicherzustellen, dass deren Fachkräfte den Schutzauftrag in entsprechender Weise wie der öffentliche Träger wahrnehmen. Darüber hinaus muss die Verwaltung durch interne aufbau- und ablauforganisatorische Maßnahmen sicherstellen, dass dem Schutzauftrag im unmittelbar eigenen Verantwortungsbereich jederzeit ausreichend Rechnung getragen wird. 2. Vorgehen bei einem Verdacht auf akute Kindeswohlgefährdung a. Sammeln von erreichbaren Informationen zur Situationseinschätzung. b. Protokollierung und Erstbewertung der Informationen (Meldung an den Vorgesetzten mit einer ersten Bewertung, aktuelle Gefährdungsabschätzung) unter Verwendung der entsprechenden altersspezifischen Bögen. c. Kurzberatung mit mindestens einer weiteren Fachkraft (4-Augen-Prinzip) wenn möglich mit mehreren Fachkräften zur Einschätzung des Akut-Charakters und der Dimensionen der Krise. d. Hausbesuch noch am Tag der Krisenmeldung. Diese Hausbesuche sind zu zweit durchzuführen und sollen so eine vorher abgesprochene Rollenaufteilung ermöglichen: wer beobachtet was, wer hat welche Rolle beim Gespräch mit Elternteilen oder mit anderen einzubeziehenden Personen; differenzierte Einschätzung der konkreten Situation im Hinblick auf aktuell notwendige Maßnahmen. In diesem Zusammenhang soll jede Intervention in Zusammenarbeit von Fachkräften gemeinsam durchgeführt werden. Diese zweite Person kann eine Fachkraft eines Freien Trägers sein. e. Gegenüber den Eltern und weiteren am Ort anwesenden Personen (Verwandte oder Bekannte) ist die Situation zu erläutern und der Zweck der Intervention transparent zu machen (Anlass der Intervention, Kontrollcharakter, Überprüfungsmaßstäbe, Anforderungen an die Eltern etc.). f. Erörterung und Abklärung der Gefährdungssituation mit den Personensorgeberechtigten unter Einbeziehung (entsprechend dem Alter) des Kindes / des Jugendlichen. g. Bewertung der Gefährdungssituation und nach Beratung mit der zweiten Fachkraft Entscheidung über weitere Schritte (Herausnahme oder Verbleib ggf. mit ambulanten Maßnahmen).

3 3 h. Überprüfung einer erforderlichen Anrufung des Familiengerichts: Diese Anrufung soll dann erfolgen, wenn eine (akute oder latente) Kindeswohlgefährdung von den Fachkräften eingeschätzt und begründet wird sowie gleichzeitig die Bereitschaft oder Fähigkeit (z.b. bedingt durch eigene psychische Krankheit) der Personensorgeberechtigten zur Gefahrenabwehr durch die Inanspruchnahme einer Hilfe zur Erziehung nicht besteht (und kurzfristig nicht hergestellt werden kann). Darüber hinaus muss das Familiengericht auch dann angerufen werden, wenn die Personensorgeberechtigten an der erforderlichen Risikoeinschätzung nach vorliegenden gewichtigen Anhaltspunkten nicht mitwirken oder diese boykottieren (z.b. durch die Weigerung, dass die Fachkräfte die Kinder in Augenschein nehmen können). Ggf. ist ein Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung (gem. den Standards zur Berichterstattung) zu stellen. i. Bei der Entscheidung, das Kind in der Familie zu belassen: konkrete und präzise Vereinbarungen mit den Personensorgeberechtigten zu den Handlungsanforderungen an sie sowie zu den Zeiträumen und der Art der weiteren Überprüfung; Verdeutlichen der Konsequenzen für den Fall der mangelnden Umsetzung von Anforderungen. Wenn zur Abwendung der Kindeswohlgefährdung die Einbeziehung anderer Jugendhilfeträger, einer Einrichtung der Gesundheitshilfe oder der Polizei erforderlich ist, wirkt die Fachkraft bei den Personensorgeberechtigten darauf hin, dass diese mit der jeweiligen Institution kooperieren; die genauen Modalitäten der Kooperation werden vereinbart und dokumentiert (Erstellung eines Kontraktes). j. Bei der Einschätzung, dass eine dringende und unmittelbare Gefahr für das Kindeswohl besteht und die Entscheidung des Familiengerichts nicht abgewartet werden kann, erfolgt die Inobhutnahme des Kindes gem. 42 SGB VIII; dies geschieht ggf. unter direkter Hinzuziehung der Polizei und anschließender Einschaltung des Familiengerichts. k. Eine fachliche und kollegiale Unterstützung in akuten Krisenfällen wird unverzüglich in das geregelte Verfahren der als fortlaufendem Prozess organisierten kollegialen Beratung überführt (kollegiale Beratung im Fachteam, Wochenkonferenz). Entsprechend der besonderen Anforderungen in Einzelfällen werden diese kontinuierlich im Team zum jeweiligen Sachstand und den fachlichen Perspektiven der Hilfegestaltung beraten. Die Anforderung zur kollegialen Beratung soll nicht nur von der fallzuständigen Fachkraft eingebracht werden, sondern eine solche Erwartung muss auch von den Teammitgliedern an die fallzuständige Fachkraft herangetragen werden. l. In allen Fällen, in denen eine aktuelle oder unmittelbar drohende Gefährdung des Kindeswohls angenommen wird, muss der Ambulante Sozialdienst Junge Menschen mit anderen Institutionen kooperieren: mit leistungserbringenden Einrichtungen und Diensten der Erziehungshilfe, mit Institutionen und Personen außerhalb der Erziehungshilfe, die Kontakte mit dem Kind oder den Personensorgeberechtigten haben (z.b. Erzieherinnen einer Kindertagesstätte, niedergelassene Kinderärzte, Kontaktperson aus einer Kirchengemeinde u.a.), ggf. mit dem Familiengericht, mit Einrichtungen der Gesundheitshilfe, die zur Abwendung einer akuten Kindeswohlgefährdung eingeschaltet werden, mit der Polizei (diese wird im Rahmen der Amtshilfe für den öffentlichen Jugendhilfeträger tätig). m. Im Rahmen dieser Kooperationen sind folgende Absprachen zu treffen:

4 4 Festlegung genauer Handlungsschritte (wer macht was und wann in welcher Weise?); Festlegung verbindlicher Verabredungen für den Fall, dass sich eine Absprache nicht durchhalten lässt, so dass die ASD-Fachkraft kurzfristig Handlungspläne der Situation entsprechend verändern kann; Festlegung der Modalitäten der Berichterstattung; Definition eines präzisen Auftrags, wenn die Erbringung der Hilfe an eine Einrichtung / einen Dienst delegiert wird einschließlich des im jeweiligen Fall notwendigen Kontrollauftrags; Beim Übergang von einer Intervention in einer akuten Krisensituation zu einer geregelten, auf längere Dauer angelegten Hilfe zur Erziehung soll eine genaue Einschätzungen im Hinblick auf Ressourcen und Defizite der Personensorgeberechtigten und deren soziales Umfeld erfolgen. Mit der Einrichtung, die mit der Hilfeleistung beauftragt wird, sind genaue Absprachen zu treffen hinsichtlich der spezifischen Anforderungen an die Ausgestaltung der Hilfe, die notwendigen Kontrolltätigkeiten sowie die Mitteilungspflichten an die fallführende Fachkraft im Sozialdienst Junge Menschen. 3. Anforderungen an die Dokumentation Die sorgfältige Dokumentation eines jeden Fallverlaufs ist Ausdruck professioneller Fallbearbeitung im Kontext des Schutzauftrages: Sie ist sowohl unter dem Aspekt der fachlichen Begründung und Nachvollziehbarkeit als auch unter dem Aspekt der rechtlichen Überprüfbarkeit der Entscheidungen von hervorgehobener Bedeutung. So wird Transparenz hergestellt über die Entscheidungswege und über die Begründungen, die zu Hilfen und Maßnahmen geführt haben. Dadurch wird erkennbar, von welchen Hypothesen zu einem Fall die fallführende Fachkraft sich hat leiten lassen und welche Bemühungen sie unternommen hat, ihre Hypothesen fachlich abzusichern. Ferner lassen sich in der strukturierten Dokumentation Reflexionshilfen (reflektierende Selbstkontrolle) und Anknüpfungspunkte (Strukturierungshilfen) für die weitere Fallbearbeitung sowohl für die aktuell fallführende Fachkraft als auch für möglicherweise nachfolgende Fachkräfte finden. Damit eine fallbezogene Dokumentation diese Funktionen erfüllen kann, muss sie folgende Inhalte wiedergeben: a. die Fallaufnahme und den Entscheidungsverlauf ab bekannt werden des Hilfebedarfs bis zum Einsetzen einer Hilfe; b. die inhaltliche Auseinandersetzung mit den sorgeberechtigten Eltern, insbesondere über Art und Umfang des Gefährdungsanlasses, Erfordernis notwendiger Hilfen etc.; c. die Faktenlage zur Risikoeinschätzung und die Bewertung der Risikoeinschätzung insbesondere im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte/ Dienststellen und Einrichtungen; d. die Risikoeinschätzung auf der Grundlage aller verfügbaren Informationen und psychosozialen Fakten im Sinne einer möglichst verlässlichen Prognose; e. die Entwicklung eines Schutzkonzeptes; f. geeignete Hilfen und Unterstützungen für das/die betroffene(n) Kind(er) und den/die betroffenen Jugendlichen. g. Die Entscheidungen müssen klar erkennbar benannt werden und sie müssen in einer für Dritte nachvollziehbaren Weise fachlich begründet werden. Die der Entscheidung

5 5 zugrunde liegenden Annahmen und die aus den Annahmen abgeleiteten Handlungsschritte müssen plausibel dargestellt sein. Als Hinweis darauf, ob die persönlich gewählte Darstellungsform auch für Dritte nachvollziehbar und plausibel ist, sollen die Case-Manager/-innen eine unverzügliche kollegiale Überprüfung des Plausibilitätsgehalts der Dokumentation in solchen Fällen vereinbaren, in denen es um Krisenbewältigung und nachfolgende Schritte zur Gewährleistung des unmittelbar leiblichen Kindeswohls geht. h. In der Dokumentation soll der Verlauf der Fallbearbeitung zeitnah und regelmäßig in zusammenfassenden Vermerken niedergelegt werden. Die Dokumentation darf nicht aus einer Ansammlung von Notizzetteln bestehen, weil dies zum einen für die fallführende Fachkraft selbst und für mögliche Ersatz- und Nachfolgepersonen (bei Krankheit, Urlaub oder bei Stellenwechsel) unübersichtlich wird. i. In der Dokumentation soll sich die fallführende Fachkraft bemühen, sprachlich zu differenzieren zwischen der Darstellung eines Sachverhalts, der Bewertung dieses Sachverhalts und der aus dieser Bewertung abgeleiteten Entscheidung. Auch wenn diese drei Aspekte sachlich ineinander übergehen und nicht strikt voneinander zu trennen sind, soll doch die jeweilige Ebene der Darstellung kenntlich gemacht werden und für Dritte nachvollziehbar sein. j. Die Dokumentation soll Kontakte und versuchte Kontakte benennen, die eine Fachkraft mit Personensorgeberechtigten zur Situationsklärung oder zur Einflussnahme auf deren Verhalten hatte bzw. unternommen hat. Bei gescheiterten Kontaktversuchen muss dargelegt werden, mit welchen Maßnahmen eine mögliche Bedrohung des Kindeswohls geprüft wurde. k. Die Dokumentation soll verdeutlichen, in welcher Weise die ASD-Fachkraft die Personensorgeberechtigten und das Kind / den Jugendlichen in die Einschätzung des Gefährdungsrisikos einbezogen hat, welche Hilfen den Personensorgeberechtigten zur Abwendung des Gefährdungsrisikos angeboten wurden und wie die Personensorgeberechtigten auf diese Angebote reagiert haben. l. Die Dokumentation soll Auskunft geben über den Modus der Beteiligung anderer Fachkräfte: welche anderen Fachkräfte wurden zu welchem Zeitpunkt in welcher Form und mit welchen Beratungsergebnissen beteiligt. Zu dokumentieren sind auch solche inhaltlichen Beiträge anderer Fachkräfte, die von der fallführenden Fachkraft anders bewertet und nicht berücksichtigt worden sind, und aus welchen Gründen diese nicht berücksichtigt worden sind. m. Aus der Dokumentation soll ebenfalls hervorgehen, ob und wie bzw. welche Personen der Leitungsebene über das Vorgehen und Entscheidungen im Einzelfall informiert wurden. n. Wenn Vereinbarungen (Kontrakte) mit Personensorgeberechtigten, mit betroffenen Minderjährigen oder mit anderen am Fall beteiligten Personen (Nachbarn, Verwandte, Freunde u.a.) getroffen worden sind, sollen diese Vereinbarungen schriftlich gefasst, möglichst von den Vereinbarungspartnern gegengezeichnet, und als Bestandteil der Akte eingeordnet werden. 4. Inkraftreten Diese Fachliche Weisung tritt zum in Kraft. Bremen, den Dr. Marquard

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