(Eine) Queer-feministische Perspektive auf Kapitalismuskritik (einnehmen) Einladung zu einem Gedankenexperiment. Oder: Warum Feminist_innen schon

Advertisement
Ähnliche Dokumente
Emanzipation und Kontrolle? Zum Verhältnis von Demokratie und Sozialer Arbeit

Die große Transformation? Feministische Perspektiven auf aktuelle Krisen- und Konfliktdynamiken

Weltbilder und Weltordnung

Vorlesung: BA, Kulturwissenschaften-Einführung // GS, Typ C Montag, 11:15-12:45 Uhr, Ort: GD Hs

Weltbilder und Weltordnung

Die Repressionshypothese am Beispiel von Freuds "Unbehagen in der Kultur" und ihre Kritik durch Michel Foucault

DIE FILES DÜRFEN NUR FÜR DEN EIGENEN GEBRAUCH BENUTZT WERDEN. DAS COPYRIGHT LIEGT BEIM JEWEILIGEN AUTOR.

Sozialisation und Geschlecht. Frauenkörper Männerkörper und vieles dazwischen

Emanzipation. Lebensführung


! Didaktik, die sexuelle Vielfalt auch im Fachunterricht berücksichtigt. Prof. Dr. Martin Lücke Didaktik der Geschichte, FU Berlin

Europäisches Sozialmodell? Erste Antworten auf gestellte Fragen

Prof. Dr. Ulrike Schildmann: Verhältnisse zwischen Geschlecht und Behinderung

Arbeitsbeziehungen im Rheinischen Kapitalismus. Zwischen Modernisierung und Globalisierung

Anforderungen an eine Re-Kontextualisierung der Traumaarbeit. Einführung in das Thema.

Vielfalt als Normalität

Ohne Angst verschieden sein

Critical Whiteness/ Anti- Rassismus Seminar am 26./ in Köln

Who cares? Who pays? Zur Frage der frühkindlichen Erziehung im modernen Welfare State.

Bachelor of Arts Sozialwissenschaften und Philosophie (Kernfach Philosophie)

Individualität, Geschlechterverhältnis und Liebe

Über den Zusammenhang von Gehirn, Gesellschaft und Geschlecht

Internes Curriculum Praktische Philosophie

Die Rolle der Gewerkschaften vor, in und nach der Krise.

Begegnung von Vielfalt und Diskriminierung im pädagogischen Alltag

Die offene Gesellschaft und ihre Feinde I Der Zauber Platons 10. Kapitel

Teacher's Guide. Inwiefern bietet die Rekonstruktion der Kategorien Geschlecht und Identität einen Analyseansatz für Fundamentalismus?

Qualifikationsphase (Q2) GRUNDKURS Unterrichtsvorhaben XIII: Unterrichtsvorhaben XIV:

Geschlecht- Intersektionalität - Diversität: Eine Einführung zur Relevanz von Gender

Wie Kriege beginnen. Wolfgang Schreiber, AKUF, Universität Hamburg. Wolfgang Schreiber für Ringvorlesung Friedensbildung 1

Nachhaltigkeitsökonomik: Prinzipien

Aktuelle Alternativen

PHILOSOPHIE. Qualifikationsphase (Q2) GRUNDKURS Unterrichtsvorhaben XIV: Unterrichtsvorhaben XIII:

Facetten der Globalisierung

MENSCH.MACHT.GEWALT. Sozialwissenschaftliche Reflexionen zur Gewaltproblematik moderner Gesellschaften. AWC-Herbsttagung 2013

1. Karl Marx: Biographie

Bachelor of Arts in Ethnologie

Ey bist Du schwul oder was Homophobie und schwule Jungs in der Jungenarbeit erkennen und zum Thema machen?!

Begriffe der Friedens- und Konfliktforschung : Konflikt & Gewalt

Handbuch Kinderwelten

Europäische Öffentlichkeit. EUROPA VERDIENT ÖFFENTLICHKEIT.

Zur Einführung II: Perspektiven und Orientierungen. Gleichheit, Differenz, De/Konstruktion. Gleichheit vs. Differenz

Diversity-Kompetenz in sozialen Berufen

Kritische Theorie (u.a. Horkheimer, Marcuse, Adorno..., Habermas)

Ist Ethik wichtiger als Religion? Di, , Schlatterhaus, Gespräch mit den Humanisten Tübingen Michael Seibt

Thema: Die Frage nach der Existenz

Lehrveranstaltungen. Universität Kassel. Winter 2015/2016 B.A. Vorlesung, FB5 Politikwissenschaft Europäische Integration!?!

Utilitarismus - Ein Konzept für die Zukunft?

Entwicklung, Sozialisation und Erziehung unterschiedliche Erklärungsansätze und ihre pädagogischen Konsequenzen Unterrichtsvorhaben I

II. Geschlecht im Feld der frühen Kindheit Forschungen zu Geschlecht im frühpädagogischen Kontext Die Rolle von Geschlecht in den

Alltägliche Lebensführung

David Ricardo ( ), Engländer und einer der Hauptvertreter der

Schulinternes Curriculum für das Unterrichtsfach Philosophie: Einführungsphase

Adam Smith und die Gerechtigkeit

Schulinterner Lehrplan für das Fach Philosophie in der Einführungsphase der Gesamtschule Aachen-Brand

Schulinternes Curriculum Philosophie Gymnasium Schloss Holte-Stukenbrock

Das WSG-S am TLG. Informationen zur Zweigwahl

GRUNDBEGRIFFE DER SOZIOLOGIE. Markus Paulus. Radboud University Nijmegen DIPL.-PSYCH. (UNIV.), M.A.

Frage 1: Wie lässt sich der Gegenstandsbereich der Industriesoziologie charakterisieren?

Von Marx zur Sowjetideologie

Kernlehrplan Philosophie - Einführungsphase

Kommunistische Diktatur und Individualrechte. Lehren aus freiheitlicher Perspektive am

Europa stärken für seine Bürgerinnen und Bürger, für seine Städte

Es ist mir eine große Freude, heute das Zentrum für Israel-Studien an der Ludwig- Maximilians-Universität München mit Ihnen feierlich zu eröffnen.

Power Flower. Was ist Diskriminierung? Ablauf: Auf Overhead wird allen TN das Arbeitsblatt: Power Flower gezeigt und deren Funktion erläutert.

Die Philosophie und das Ereignis

Shere Hite. Hite Report. Erotik und Sexualität in der Familie. Aus dem Amerikanischen von Helmut Dierlamm, Sonja Göttler und Karin Laue.

Lebenswerte Gesellschaft

Kognitiver Kapitalismus

FORUM: QUALITATIVE SOZIALFORSCHUNG SOCIAL RESEARCH

Die Kommunikationsgemeinschaft zwischen Politik und Medien in der BRD - Politische Selbstmediatisierung und mediale Einflusssphären

eh! Dresden, 27. April 2012 Dr. Friederike Habermann

Profilkurs. Schulinternes Curriculum Philosophie. Einführung in das Philosophieren

L E H R P L A N P H I L O S O P H I E

Was wächst (nicht)? Ein (re)produktionstheoretischer Beitrag zur Postwachstumsdebatte

Um wessen Handlungsfähigkeit geht es eigentlich? Zur Bedeutung einer rassismuskritischen Beratungspraxis {

Wirklichkeitskonstruktion im mediatisierten Wandel

Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien

Unterrichtsvorhaben I:

NICHTS FÜR KINDER!? ADULTISMUS ALS TEIL EINER FUNKTIONIERENDEN GESELLSCHAFT?

Konfliktforschung I Übung W Block 2: Analyseebenen Woche 10 Third Image Die internationale Ebene Ladina Schröter

Gefahren und Chancen Europas

Unser Workshopangebot

Unterrichtsvorhaben I

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Thoughts are free, who can guess them?

DIVERSITY MAINSTREAMING

Harald Rau. Einladung zur. Kommunikationswissenschaft. Nomos

Umsetzung von Geschlechterdemokratie in einer Organisation. Henning von Bargen Gabriele Schambach

Foucaults "Was ist ein Autor" und "Subjekt und Macht"

Behinderung = Defekt? Die Chancen und Grenzen einer medizinischen Sichtweise auf Behinderung

Soziologie. Bildungsverlag EINS a Wolters Kluwer business. Sylvia Betscher-Ott, Wilfried Gotthardt, Hermann Hobmair, Wilhelm Ott, Rosemarie Pöll

Kultur und Entwicklung in der deutschen EZ

Wohnraum dem Markt entziehen. Kollektive Eigentumsmodelle von Community Land Trust bis Mietshäuser Syndikat

John Rawls Eine Theorie der Gerechtigkeit

Inhaltsverzeichnis. Vorwort 11 Vorwort zur zweiten Auflage 12

Einführungsveranstaltung Bachelor Interkulturelle Kommunikation

Lehrbuch Pflegemanagement III

Problem der Rechtfertigung

INHALT TEIL I: HINTERGRÜNDE 1. EINLEITUNG: DER MANN, DER GOETHE RAUCHTE WARUM DER ANDERE? WARUM DER ANDERE BEI BACHTIN?...

Doing Sexism. sexistische Diskriminierung und die Reproduktion von Geschlechterrollen

Advertisement
Transkript:

(Eine) Queer-feministische Perspektive auf Kapitalismuskritik (einnehmen) Einladung zu einem Gedankenexperiment. Oder: Warum Feminist_innen schon heute mit der Revolution beginnen können.

Ziel der heutigen Veranstaltung: Einladung, gewohnte (Denk-)Pfade zu verlassen und einen kleinen Blick in die Sphäre feministischer Gedanken- und Debattenwelt zu wagen. Lust und Neugierde auf Unbekanntes sowie die Risikobereitschaft, vermeintliche Gewissheiten zu verlassen, sind potentielle Wegbegleiter_innen des Gedankenexperiments. Nochmal: Herzliche Einladung! Ich wünsche uns eine gute gemeinsame Reise.

Vorgehen/Gliederung: 1) Warum überhaupt eine (queer-)feministische Perspektive einnehmen? Grundannahmen (queer-)feministischer Überlegungen 2) Wie wird Kapitalismuskritik in (queer-)feministischen Kreisen aktuell thematisiert? Ein kleiner Einblick in die Debatten 3) Zurück zum Zitat: Gesellschaftliche Verhältnisse revolutionieren? Einführung in die Argumentation/Forschungsfragen des Autor_innenkollektivs J.K. Gibson-Graham 4) Ein Blitzlicht weiter (Ausblick): Demokratiebezug herstellen?

Ausgangsthese: Geschlechterverhältnisse (Unterscheidung zwischen Mann/Frau, Annahme der Existenz von nur zwei Geschlechtern) als auch Sexualität (Heterosexuelles Begehren als Norm) sind gesellschaftlich relevante Machtverhältnisse, die zu bekämpfen sind. Das heißt, (queer-)feministische Perspektiven artikulieren einen herrschaftskritischen Anspruch und versuchen Macht- und Herrschaftsverhältnisse aufzuzeigen und aufzubrechen. Ziel: Egalitäre, demokratische Organisation menschlichen Zusammenlebens. => Feministische Wissenschaft artikuliert explizit einen normativen Bewertungshorizont

Grundlegende Annahme: Das Wissen über die Realität, das heißt die tägliche Wahrnehmung unserer (Alltags-)Realität ist ein Ergebnis vielfältiger, ineinandergreifender Machtverhältnisse. Wissen ist folglich vermachtet und Resultat gesellschaftlicher Verhältnisse. => Die Wahrnehmung von Realität, das heißt die Produktion von Wissen öffnet bzw. schließt Handlungsoptionen

Wir halten fest: Objektive Wahrheiten sei es im Alltagsleben oder in den Wissenschaften gibt es nicht. Da uns aber tagtäglich vermeintliche Objektivitäten begegnen, ist es ein Anliegen feministischer Interventionen, diese Wahrheiten kritisch zu hinterfragen. Eine verbreitete Methode ist dekonstruktivistisches Vorgehen.

q) Queere Interventionen als Motor neoliberaler Veränderungen? Dieses Themenfeld behandelt die Frage, ob Kämpfe zur Veränderung der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse in letzter Konsequenz dazu führ(t)en, dass sich kapitalistische Ordnungsprinzipien mittels der Veränderungen verfestigt haben. Das heißt auch, es wird die Frage verfolgt ob Kämpfe gegen gesellschaftliche Marginalisierung zu neuen Formen der Unterdrückung führ(t)en.

x) Verhältnis von Ökonomie Sexualität / Begehren Identitäten Bei diesem Themenkomplex geht es um die Frage, wie Sexualität als ein Macht- und Herrschaftsverhältnis mit kapitalistischer Produktion verknüpft ist. Eine zentrale These ist es, dass die historisch konkrete Ausformung kapitalistischer Verhältnisse Auswirkungen auf die Möglichkeiten (sexueller) Identitätsbildungen hat und umgekehrt. Begriffe wie Arbeit, Prekarisierung usw. werden dabei neu definiert.

ö) Wie aus dem Schlamassel ausbrechen? Die Suche nach Handlungsfähigkeit In diesem Bereich feministischer Interventionen liegt das maßgebliche Interesse darin, zu erfassen, wie Kapitalismus gedacht wird und mit welchen Perspektiv-Verschiebungen und/oder Perspektiv-Wechsel Handlungsfähigkeit gedacht werden kann.

These queer-feministische Kapitalismuskritik (J.K. Gibson-Graham): Die Dominanz kapitalistischer Logiken ist ein Resultat hegemonialer Prozesse und kein definierendes Moment von Ökonomie selbst. Es sind Dekonstruktionen so genannter kapitalozentristischer Denkenweisen notwendig, um alternative Formen des Lebens- und Wirtschaftens denk-, und sichtbar zu machen. Wie müsste sich der Diskurs über Kapitalismus ändern, um Menschen darin als handlungsfähige Subjekte zu begreifen, die gesellschaftliche Veränderungen bewirken können?

By virtue of its central role in defining specificities of the other social moments,»capitalism«becomes the dominant term in the social articulation. Crisis is therefore not only crisis of the totality but also capitalist crisis (Gibson-Graham 2006a, 155). economy is what we (discursively and practically) make it (Gibson- Graham 2006b, XXII). Gibson-Graham, J.K. (2006a): The End Of Capitalism (As We Knew It). A Feminist Critique Of Political Economy. Minneapolis, London. Erstausgabe 1996. Gibson-Graham, J.K. (2006b): A Postcapitalist Politics. Minneapolis, London.

Schaffung von Community Economies Kollektive Gemeinschaften, die nicht auf Homogenität basieren (d.h. Heterogenität ist kein Ausschlusskriterium). Sie entstehen in offenen, experimentellen, demokratischen und politischen Prozessen. Die Vielfalt ökonomischer Prozesse ist/bleibt sichtbar, die vielfältigen Bedürfnisse der Menschen stehen im Mittelpunkt ökonomischen Handelns. Konzept von Community Economies als normatives Ideal, das ohne Idealtypus auskommt (auskommen muss), da sie immer Ergebnis konkreter Prozesse und kollektiven Handelns sind.

Ein Blitzlicht weiter (Ausblick): Demokratiebezug herstellen? Demokratie als Lebensform und Alltagspraxis... Wert für eine weitere Reise. Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit! Vortrag gehalten im Rahmen der Ringvorlesung Demokratie und Kapitalismus im Wintersemester 2011/12 an der Universität Siegen. Referent_in: Madeleine Sauer (sauer[at]riseup.net)