(Eine) Queer-feministische Perspektive auf Kapitalismuskritik (einnehmen) Einladung zu einem Gedankenexperiment. Oder: Warum Feminist_innen schon

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Transkript:

(Eine) Queer-feministische Perspektive auf Kapitalismuskritik (einnehmen) Einladung zu einem Gedankenexperiment. Oder: Warum Feminist_innen schon heute mit der Revolution beginnen können.

Ziel der heutigen Veranstaltung: Einladung, gewohnte (Denk-)Pfade zu verlassen und einen kleinen Blick in die Sphäre feministischer Gedanken- und Debattenwelt zu wagen. Lust und Neugierde auf Unbekanntes sowie die Risikobereitschaft, vermeintliche Gewissheiten zu verlassen, sind potentielle Wegbegleiter_innen des Gedankenexperiments. Nochmal: Herzliche Einladung! Ich wünsche uns eine gute gemeinsame Reise.

Vorgehen/Gliederung: 1) Warum überhaupt eine (queer-)feministische Perspektive einnehmen? Grundannahmen (queer-)feministischer Überlegungen 2) Wie wird Kapitalismuskritik in (queer-)feministischen Kreisen aktuell thematisiert? Ein kleiner Einblick in die Debatten 3) Zurück zum Zitat: Gesellschaftliche Verhältnisse revolutionieren? Einführung in die Argumentation/Forschungsfragen des Autor_innenkollektivs J.K. Gibson-Graham 4) Ein Blitzlicht weiter (Ausblick): Demokratiebezug herstellen?

Ausgangsthese: Geschlechterverhältnisse (Unterscheidung zwischen Mann/Frau, Annahme der Existenz von nur zwei Geschlechtern) als auch Sexualität (Heterosexuelles Begehren als Norm) sind gesellschaftlich relevante Machtverhältnisse, die zu bekämpfen sind. Das heißt, (queer-)feministische Perspektiven artikulieren einen herrschaftskritischen Anspruch und versuchen Macht- und Herrschaftsverhältnisse aufzuzeigen und aufzubrechen. Ziel: Egalitäre, demokratische Organisation menschlichen Zusammenlebens. => Feministische Wissenschaft artikuliert explizit einen normativen Bewertungshorizont

Grundlegende Annahme: Das Wissen über die Realität, das heißt die tägliche Wahrnehmung unserer (Alltags-)Realität ist ein Ergebnis vielfältiger, ineinandergreifender Machtverhältnisse. Wissen ist folglich vermachtet und Resultat gesellschaftlicher Verhältnisse. => Die Wahrnehmung von Realität, das heißt die Produktion von Wissen öffnet bzw. schließt Handlungsoptionen

Wir halten fest: Objektive Wahrheiten sei es im Alltagsleben oder in den Wissenschaften gibt es nicht. Da uns aber tagtäglich vermeintliche Objektivitäten begegnen, ist es ein Anliegen feministischer Interventionen, diese Wahrheiten kritisch zu hinterfragen. Eine verbreitete Methode ist dekonstruktivistisches Vorgehen.

q) Queere Interventionen als Motor neoliberaler Veränderungen? Dieses Themenfeld behandelt die Frage, ob Kämpfe zur Veränderung der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse in letzter Konsequenz dazu führ(t)en, dass sich kapitalistische Ordnungsprinzipien mittels der Veränderungen verfestigt haben. Das heißt auch, es wird die Frage verfolgt ob Kämpfe gegen gesellschaftliche Marginalisierung zu neuen Formen der Unterdrückung führ(t)en.

x) Verhältnis von Ökonomie Sexualität / Begehren Identitäten Bei diesem Themenkomplex geht es um die Frage, wie Sexualität als ein Macht- und Herrschaftsverhältnis mit kapitalistischer Produktion verknüpft ist. Eine zentrale These ist es, dass die historisch konkrete Ausformung kapitalistischer Verhältnisse Auswirkungen auf die Möglichkeiten (sexueller) Identitätsbildungen hat und umgekehrt. Begriffe wie Arbeit, Prekarisierung usw. werden dabei neu definiert.

ö) Wie aus dem Schlamassel ausbrechen? Die Suche nach Handlungsfähigkeit In diesem Bereich feministischer Interventionen liegt das maßgebliche Interesse darin, zu erfassen, wie Kapitalismus gedacht wird und mit welchen Perspektiv-Verschiebungen und/oder Perspektiv-Wechsel Handlungsfähigkeit gedacht werden kann.

These queer-feministische Kapitalismuskritik (J.K. Gibson-Graham): Die Dominanz kapitalistischer Logiken ist ein Resultat hegemonialer Prozesse und kein definierendes Moment von Ökonomie selbst. Es sind Dekonstruktionen so genannter kapitalozentristischer Denkenweisen notwendig, um alternative Formen des Lebens- und Wirtschaftens denk-, und sichtbar zu machen. Wie müsste sich der Diskurs über Kapitalismus ändern, um Menschen darin als handlungsfähige Subjekte zu begreifen, die gesellschaftliche Veränderungen bewirken können?

By virtue of its central role in defining specificities of the other social moments,»capitalism«becomes the dominant term in the social articulation. Crisis is therefore not only crisis of the totality but also capitalist crisis (Gibson-Graham 2006a, 155). economy is what we (discursively and practically) make it (Gibson- Graham 2006b, XXII). Gibson-Graham, J.K. (2006a): The End Of Capitalism (As We Knew It). A Feminist Critique Of Political Economy. Minneapolis, London. Erstausgabe 1996. Gibson-Graham, J.K. (2006b): A Postcapitalist Politics. Minneapolis, London.

Schaffung von Community Economies Kollektive Gemeinschaften, die nicht auf Homogenität basieren (d.h. Heterogenität ist kein Ausschlusskriterium). Sie entstehen in offenen, experimentellen, demokratischen und politischen Prozessen. Die Vielfalt ökonomischer Prozesse ist/bleibt sichtbar, die vielfältigen Bedürfnisse der Menschen stehen im Mittelpunkt ökonomischen Handelns. Konzept von Community Economies als normatives Ideal, das ohne Idealtypus auskommt (auskommen muss), da sie immer Ergebnis konkreter Prozesse und kollektiven Handelns sind.

Ein Blitzlicht weiter (Ausblick): Demokratiebezug herstellen? Demokratie als Lebensform und Alltagspraxis... Wert für eine weitere Reise. Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit! Vortrag gehalten im Rahmen der Ringvorlesung Demokratie und Kapitalismus im Wintersemester 2011/12 an der Universität Siegen. Referent_in: Madeleine Sauer (sauer[at]riseup.net)