Ästhetik ist die Theorie der ästhetischen Erfahrung, der ästhetischen Gegenstände und der ästhetischen Eigenschaften.

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Transkript:

16 I. Was ist philosophische Ästhetik? instrumente. Die Erkenntnis ästhetischer Qualitäten ist nur eine unter vielen möglichen Anwendungen dieses Instruments. In diesem Sinn ist die Charakterisierung von Ästhetik als Theorie der sinnlichen Erkenntnis viel zu weit. 2. Nicht jedes ästhetische Erlebnis ist ein Wahrnehmungserlebnis. Denken wir zum Beispiel an die Literatur. Literatur gehört sicher zum Gegenstandsbereich der Ästhetik. Literarische Texte haben ästhetische Qualitäten. Aber die ästhetischen Qualitäten von literarischen Texten sind nur zum Teil Sinnesqualitäten. Mit Sinnesqualitäten meine ich Qualitäten, die sinnlich wahrnehmbar sind. Rhythmus- und Klangeigenschaften eines Gedichtes oder Prosatextes sind sinnliche ästhetische Qualitäten. Aber ein literarisches Werk kann auch andere ästhetische Qualitäten haben, zum Beispiel Spannung, Poesie und Witz. Diese ästhetischen Qualitäten können sehr wesentlich sein für ein literarisches Werk, aber sie sind keine Sinnesqualitäten. Wenn wir uns eine Geschichte vorlesen lassen in einer Sprache, die wir nicht verstehen, dann können wir diese nicht-sinnlichen ästhetischen Qualitäten allenfalls aus dem Tonfall der Vorleserin erahnen, aber wirklich erfassen können wir sie nicht. In diesem Sinn ist die Charakterisierung von Ästhetik als Theorie der sinnlichen Erkenntnis zu eng. Ästhetik als Theorie der sinnlichen Erkenntnis zu charakterisieren ist also einerseits zu weit, weil das Gebiet der sinnlichen Erkenntnis vieles umfasst, was nicht zur Ästhetik gehört. Die Charakterisierung ist aber andererseits auch zu eng, weil die Ästhetik vieles umfasst, was nicht zur sinnlichen Erkenntnis gehört. Wir können also festhalten, dass keine der drei berühmtesten traditionellen Definitionen von Ästhetik adäquat ist. Jede einzelne ist entweder zu eng oder zu weit, oder sogar beides: in einer Hinsicht zu eng und in einer anderen Hinsicht zu weit. Es ist im Lichte des Gesagten unschwer einzusehen, dass auch keine Kombination der drei diskutierten Charakterisierungen eine adäquate Definition ergibt. Eine alternative Definition der Ästhetik Ich schlage nun eine Definition der Ästhetik vor, die sowohl die Theorie der Kunst als auch die Theorie des Schönen als auch einige Aspekte der Theorie der sinnlichen Wahrnehmung einschließt. Sie lautet: Ästhetik ist die Theorie der ästhetischen Erfahrung, der ästhetischen Gegenstände und der ästhetischen Eigenschaften. Auf den ersten Blick könnte es scheinen, dass diese Definition zirkulär ist. Eine Definition ist zirkulär, wenn man das Definiens (das ist der erklärende Teil der Definition) nur dann verstehen kann, wenn man bereits das Definiendum (das ist der Terminus, den es zu definieren gilt) verstanden hat. Im vorliegenden Fall ist das Definiendum der Terminus Ästhetik ; das Definiens ist Theorie der ästhetischen Erfahrung, der ästhetischen Gegenstände und der ästhetischen Eigenschaften. Die Definition wäre also zirkulär, wenn man die Ausdrücke ästhetische Erfahrung, ästhetischer Gegenstand und ästhetische Eigenschaft erst dann verstehen könnte, wenn man bereits wüsste, was Ästhetik bedeutet.

2. Die Gegenstände der philosophischen Ästhetik Es ist klar, dass eine zirkuläre Definition mangelhaft ist; denn sie verhilft uns nicht zu einem besseren Verständnis des definierten Ausdrucks und das ist schließlich der Zweck einer Definition. Aber die vorgeschlagene Definition von Ästhetik ist nicht zirkulär. Zwar sind die Termini ästhetische Erfahrung, ästhetischer Gegenstand und ästhetische Eigenschaft gewiss noch erklärungsbedürftig. (Ein großer Teil dieses Buchs ist dieser Aufgabe gewidmet.) Aber sie müssen nicht mit Hilfe des Terminus Ästhetik definiert werden. Die Definition wäre zirkulär, wenn zum Beispiel ästhetische Erfahrung definiert werden würde als die Art von Erfahrung, mit der sich die Ästhetik beschäftigt (und analog für ästhetischer Gegenstand und ästhetische Qualität ). Aber dieser schwere Fehler lässt sich leicht vermeiden. Die Ergebnisse der folgenden Untersuchungen können hier noch nicht vorweggenommen werden. Aber man kann doch versuchen, eine erste Idee davon zu vermitteln, was gemeint ist, wenn von ästhetischen Erlebnissen, ästhetischen Gegenständen und ästhetischen Eigenschaften die Rede ist. Die Begriffe des ästhetischen Erlebnisses, des ästhetischen Gegenstandes und der ästhetischen Eigenschaft hängen sehr eng zusammen, und zwar in der Weise, dass sie wechselseitig durch die jeweils anderen definierbar sind. Man könnte zum Beispiel den Begriff des ästhetischen Gegenstandes und den Begriff des ästhetischen Erlebnisses mit Hilfe des Begriffs der ästhetischen Eigenschaft definieren: 17 Ein ästhetischer Gegenstand ist ein Gegenstand, der (mindestens) eine ästhetische Eigenschaft hat. Ästhetischer Gegenstand Ein ästhetisches Erlebnis ist ein Erlebnis, welches das Erfassen einer ästhetischen Eigenschaft einschließt. Ästhetisches Erlebnis In diesen Definitionen wird der Begriff der ästhetischen Eigenschaft benutzt, um den Begriff des ästhetischen Gegenstandes und den Begriff des ästhetischen Erlebnisses zu erklären. Diese Definitionen sagen freilich nichts darüber, was wir unter einer ästhetischen Eigenschaft verstehen sollen. Man könnte nun den Begriff der ästhetischen Eigenschaft folgendermaßen definieren: Eine ästhetische Eigenschaft ist eine Eigenschaft, die nur durch ein ästhetisches Erlebnis erfasst werden kann. Ästhetische Eigenschaft Diese Definition erklärt den Begriff der ästhetischen Eigenschaft mit Hilfe des Begriffs des ästhetischen Erlebnisses. Diese Definition ist, für sich allein genommen, nicht zirkulär, ebenso wenig wie die Definition des ästhetischen Erlebnisses. Aber diese beiden Definitionen zusammen genommen ergeben einen Zirkel: Ein Begriff A wird durch einen Begriff B erklärt; und der Begriff B wird durch den Begriff A erklärt.

18 I. Was ist philosophische Ästhetik? Undefinierte Begriffe Selbstverständlich ist so etwas als Definition mangelhaft. Denn wenn wir den Ausdruck A nur verstehen können, wenn wir den Ausdruck B verstehen, und wenn wir B nur verstehen können, wenn wir A verstehen, dann verstehen wir entweder sowohl A als auch B oder weder A noch B. In beiden Fällen wäre eine Definition eines Begriffes A durch B (oder umgekehrt) nutzlos. Im ersten Fall wäre sie nutzlos, weil wir ja die Bedeutung von A und B bereits verstehen, also keine Definition brauchen. Im zweiten Fall wäre sie nutzlos, weil sie uns nicht weiterhilft. Das bedeutet allerdings nicht, dass Definitionszirkel in jeder Hinsicht völlig nutzlos sein müssen. Wenn wir bereits ein Verständnis von A oder B (oder sogar von beiden) haben, dann kann es auch ein Erkenntnisgewinn sein, wenn uns klar wird, welche Beziehungen zwischen den Begriffen A und B bestehen. Das ändert aber nichts daran, dass wir nicht, in ein und derselben ästhetischen Theorie, den Begriff des ästhetischen Erlebnisses durch den Begriff des ästhetischen Gegenstandes definieren können und den Begriff des ästhetischen Gegenstandes durch den Begriff des ästhetischen Erlebnisses. Wir können höchstens eine dieser Definitionen als Definition in unsere ästhetische Theorie aufnehmen. Der jeweils andere Begriff muss entweder anders definiert werden oder er muss undefiniert bleiben. Undefinierte Begriffe gibt es in jeder Theorie, und zwar notwendigerweise. Denn, wie an unseren Beispielen schon ersichtlich ist, für jede Definition eines Begriffs müssen wir wiederum Begriffe benutzen. Wir können freilich diese Begriffe ihrerseits definieren, wozu wir wieder Begriffe brauchen, und so fort. An irgendeinem Punkt müssen wir allerdings diese Definitionskette abbrechen ganz einfach deshalb, weil wir endliche Wesen sind. Da jede Theorie nur endlich viele Definitionen enthalten kann, müssen in jeder Theorie einige Begriffe undefiniert bleiben (vorausgesetzt, wir wollen Zirkularität vermeiden). Diese unvermeidliche Konsequenz unserer Endlichkeit kann man unbefriedigend finden, aber sie ist nicht fatal. Denn zum Glück gibt es viele Ausdrücke, die wir recht gut verstehen, ohne sie jemals definiert zu haben. Vermutlich können Sie mit den Ausdrücken ästhetischer Gegenstand, ästhetische Eigenschaft und ästhetisches Erlebnis irgendeinen Sinn verbinden, wenn auch vielleicht keinen sehr klaren. Aber es dürfte ein Grundverständnis vorhanden sein, das als Ausgangspunkt dienen kann. Wenn das nicht der Fall ist, können Beispiele Abhilfe schaffen. Auf die Frage Was ist eine ästhetische Eigenschaft? könnte man durch Angabe von typischen und unumstrittenen Beispielen antworten: Schönheit, Erhabenheit und Anmut sind allgemein anerkannte Beispiele für ästhetische Eigenschaften. Falls es uns gelingt, den Begriff der ästhetischen Eigenschaft allein durch Angabe von Beispielen hinreichend klar zu machen, könnten wir diesen Begriff als undefinierten Grundbegriff behandeln und zur Definition des ästhetischen Erlebnisses und des ästhetischen Gegenstandes heranziehen, ohne in einen Zirkel zu geraten. Später in diesem Buch wird sich allerdings zeigen, dass der Begriff der ästhetischen Eigenschaft doch problematischer ist als er auf den ersten Blick scheint. Daher schlage ich vor, lieber den Begriff der ästhetischen Erfahrung

2. Die Gegenstände der philosophischen Ästhetik als undefinierten Begriff zu wählen. Dann kann dieser Begriff zur Definition des ästhetischen Gegenstandes und der ästhetischen Eigenschaft verwendet werden. 19 Vorausgesetzt, dass Schönheit eine ästhetische Eigenschaft ist, gilt: Ein Gegenstand, der schön ist, ist ein ästhetischer Gegenstand. Wenn wir die Schönheit eines Gegenstandes erfassen, dann haben wir ein ästhetisches Erlebnis. Ich spreche bewusst vom Erfassen einer ästhetischen Eigenschaft und nicht vom Wahrnehmen. Wahrnehmen ist eine Art des Erfassens, aber nicht jedes Erfassen ist ein Wahrnehmen. Die Wahrnehmung sagt uns zum Beispiel nicht, dass ein Roman spannend ist. Die Qualität des Spannend-Seins erfassen wir nicht durch die Sinne. Es ist leicht zu sehen, dass die vorgeschlagene Definition der Ästhetik die traditionellen Definitionen der Ästhetik ganz oder teilweise einschließt: Erstens ist gemäß dieser Definition die Theorie des Schönen ein Teilgebiet der Ästhetik, weil Schönheit eine ästhetische Eigenschaft ist. Zweitens ist gemäß dieser Definition die Theorie der Kunst ein Teilgebiet der Ästhetik, insofern Kunstwerke ästhetische Gegenstände sind. Drittens ist gemäß dieser Definition die Theorie der sinnlichen Wahrnehmung ein Teilgebiet der Ästhetik, insoweit sinnliche Wahrnehmung eine Form der ästhetischen Erfahrung ist bzw. insoweit die sinnliche Wahrnehmung ein wesentlicher Bestandteil der ästhetischen Erfahrung ist. Der Begriff des ästhetischen Erlebnisses wird, wie gesagt, ausführlich im nächsten Kapitel erläutert werden. Ich sage bewusst, dass ein ästhetisches Erlebnis das Erfassen einer ästhetischen Eigenschaft einschließt und nicht dass ein ästhetisches Erlebnis im Erfassen einer ästhetischen Eigenschaft besteht. Denn ein ästhetisches Erlebnis (wie der Begriff hier verstanden werden soll) kann ein sehr komplexes Erlebnis sein, das vieles einschließt nicht nur das Erfassen ästhetischer Eigenschaften. Die Grundfrage lautet aber: Was geht in uns vor, wenn wir ästhetische Erfahrungen machen, und was unterscheidet ästhetische Erlebnisse von Erlebnissen anderer Art? Die Frage, welche Gegenstände ästhetische Eigenschaften haben (und damit ästhetische Gegenstände sind) wird im dritten Kapitel behandelt. In diesem Kapitel wird auch die Natur ästhetischer Eigenschaften diskutiert. Die Ästhetik muss sich unter anderem mit folgenden Fragen beschäftigen: Was ist das Besondere an ästhetischen Eigenschaften? Welche ästhetischen Eigenschaften gibt es überhaupt? Welche Beziehungen bestehen zwischen ästhetischen und nicht-ästhetischen Eigenschaften? Wie kann man ästhetische Eigenschaften erkennen? Die oben gestellte Frage Mit welchen Gegenständen beschäftigt sich die philosophische Ästhetik? kann nun also wie folgt beantwortet werden: Die philosophische Ästhetik beschäftigt sich mit ästhetischen Eigenschaften, mit ästhetischen Gegenständen (das heißt: mit Gegenständen, die ästhetische Eigenschaften haben) und mit ästhetischen Erlebnissen (das heißt: mit Erlebnissen, die das Erfassen ästhetischer Eigenschaften einschließen). Die Gegenstände der Ästhetik

20 I. Was ist philosophische Ästhetik? 3. Die Fragen der philosophischen Ästhetik Die Frage nach der Existenz ästhetischer Eigenschaften Die Frage nach der Gültigkeit ästhetischer Urteile Wir haben nun also eine Antwort auf die Frage gegeben, mit welchen Gegenständen sich die philosophische Ästhetik beschäftigt. Die Frage, welche Fragen die Ästhetik in Bezug auf diese Gegenstände stellt und zu beantworten sucht, lässt sich nicht in derart konziser Form beantworten. Aber ein paar Hinweise können gegeben werden bzw. wurden teilweise bereits gegeben. In Bezug auf ästhetische Eigenschaften geht es unter anderem um folgende Fragen: Gibt es (echte) ästhetische Eigenschaften überhaupt, oder lassen sich vermeintliche ästhetische Eigenschaften auf andere, nicht-ästhetische Eigenschaften zurückführen? Wenn es ästhetische Eigenschaften gibt, welche gibt es? In welchen Beziehungen stehen sie zueinander und zu nicht-ästhetischen Eigenschaften? Der Begriff der Schönheit ist einer der zentralen Begriffe der Ästhetik. Von der Antike an haben sich Philosophen die Frage gestellt, was Schönheit ist. Diese Frage kann in der folgenden Weise verstanden werden: Was meinen wir eigentlich damit, wenn wir von einem Gegenstand sagen, dass er schön ist? Wollen wir damit dem Gegenstand eine Eigenschaft zusprechen (so, wie wenn wir sagen, dass ein Gegenstand rot oder zwei Meter hoch ist), oder wollen wir damit nur sagen, dass uns der Gegenstand gefällt? Das ist nicht dasselbe. Im ersten Fall sprechen wir nur von dem Gegenstand unserer Betrachtung und wir charakterisieren ihn, indem wir ihn beschreiben. Im zweiten Fall sprechen wir von dem Gegenstand der Betrachtung und von uns selbst, und wir beschreiben den Gegenstand nicht eigentlich, sondern charakterisieren ihn nur durch seine Beziehung zu uns, indem wir sagen, dass er auf uns in einer ganz bestimmten Weise wirkt. Mit dem Problem der ästhetischen Eigenschaften hängt eng zusammen die Frage nach der Gültigkeit und der Bedeutung ästhetischer Urteile, insbesondere ästhetischer Werturteile. Ein ästhetisches Werturteil ist ein Urteil, mit dem einem Gegenstand ein ästhetisches Wertprädikat zugesprochen wird. Schön ist ein ästhetisches Wertprädikat. Ein Urteil der Form x ist schön, zum Beispiel Dieses Bild ist schön, ist also ein ästhetisches Werturteil. Hier lauten die wichtigsten Fragen: Wie ist ein Urteil der Form x ist schön zu interpretieren? Handelt es sich um ein echtes Werturteil oder nur um den Ausdruck eines Gefühls? Wenn es sich um ein echtes Werturteil handelt, kann es dann wahr sein? Wenn es wahr sein kann, wie kann man erkennen, ob es wahr ist oder nicht? Angenommen, zwei Personen A und B sprechen über ein neues Bauwerk x. A sagt, dass x schön ist, B bestreitet das. Es hat den Anschein, dass hier eine Meinungsverschiedenheit zwischen A und B besteht. Aber wenn x ist schön so viel heißt wie x gefällt mir, dann kann zwischen A und B keine Meinungsverschiedenheit bestehen, denn, wie eine bekannte Redewendung sagt: Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Wenn aber x ist schön sich nicht reduzieren lässt auf x gefällt mir, dann stellt sich die Frage, was für eine Eigenschaft die Schönheit ist. Das Merkwürdige an der Schönheit ist nämlich Folgendes: Einerseits scheint Schönheit etwas zu sein, das man wahrnimmt, falls es vorhanden ist. Schönheit erkennt man nicht, indem man Schlüsse zieht. Jemand, der urteilt, dass