Mutter-Kind-Bindung, neue Ergebnisse, Risikofaktoren und Korrekturmöglichkeiten Stuttgart, 15. Oktober Prof. Dr. Gabriele Gloger-Tippelt

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1 Mutter-Kind-Bindung, neue Ergebnisse, Risikofaktoren und Korrekturmöglichkeiten Stuttgart, 15. Oktober 2009 Prof. Dr. Gabriele Gloger-Tippelt

2 Stuttgart von circa 100 Jahren Weraheim damals? Markplatz Königsstrasse 2

3 John Bowlby ( ) Begründer der Bindungstheorie: 1969 Bindung 1972 Trennung 1980 Verlust 3

4 Bindung = Liebe Bindung (attachment) als affektives Band zwischen zwei Personen in Kindheit (dyadisch) Bindung betrifft den Schutz und die Sicherheit des Kindes und die Freiheit zur Exploration Bindungsqualität entsteht durch individuelle Bindungserfahrungen mit Bezugsersonen vier Phasen zeigt sich im Bindungsverhalten und in Bindungsrepräsentationen 4

5 Bindung hat biologische Grundlagen 5

6 Zentrale Begriffe und Annahmen der Bindungstheorie als Verhaltenskontrollsystem in Form eines Regelkreises Balance von Bindungsverhalten und Exploration dient der Regulation von Gefühlen, vor allem negativer Gefühle Interindividuelle Unterschiede in Bindungstypen ab dem Ende des ersten Lebensjahres vorläufiges Entwicklungsziel für Bindungsverhalten: Phänomen der sicheren Basis längerfristig: Bildung interner Arbeitsmodelle von Bindung = Bindungsrepräsentationen 6

7 Bezugsperson als sichere Basis zur Erkundung und als sicherer Hafen bei Belastungen 7

8 im Verlauf der weiteren Entwicklung in Kindheit und Jugend deutliche Entwicklungsfortschritte in kognitiven Fähigkeiten, Sprache, Gedächtnis, Zeitverständnis ab 4 Jahren: Entwicklung der Fähigkeit zur Perspektivenübernahme von anderen Personen; Verstehen psychischer Prozesse bei Anderen = theory of mind ; Aushandeln von Trennungen möglich Aufrechterhaltung von körperlicher Nähe nicht mehr im Vordergrund, Beziehungsqualität ist internalisiert als Bindungsstrategie Aufbau eines "Inneren Arbeitsmodells von Bindung" = Bindungsrepräsentation/ Bindungsmodells 8

9 Innere Arbeitsmodelle von Bindung (Bowlby) = Bindungsrepräsentationen meint: Vorstellungen von engen Beziehungen, Gefühle und Erwartungen in diesen Beziehungen wie sie funktionieren, was davon zu erwarten ist, wie verlässlich sie sind entstehen aus den frühen Beziehungen mit engen Bezugspersonen sind teils bewußt, teils unbewußt umfassen Vorstellungen vom Selbst und von relevanten Anderen 9

10 Zugang zu Bindung über die Lebensspanne Bindungsverhalten: Wiedervereinigung nach Trennung - Attachment Q-Sort (Beobachtung durch Experten, Erzieher, Mütter) Aussagen zu Bildern und Geschichten - Symbolische Ebene, Trennungbilder & Spielverfahren sprachliche Äusserungen in Interviews 10

11 Begründerin der empirischen Bindungsforschung, entwickelte die "Fremde Situation" Mary Ainsworth ( ) 11

12 Beobachtung des Bindungsverhaltens in der Fremden Situation (FS) (12 18 Monate) Erhebung: 8 kurze Episoden in einem fremden Raum mit zwei Trennungen und zwei Wiedervereinigungen mit der Bindungsperson, dazwischen Anwesenheit einer "Fremden" Auswertung: Wie verhält sich das Kleinkind bei Rückkehr der Bindungsperson zu ihr? Video Kurzfassung 12

13 Auswertung der Wiedervereinigungsepisoden in der F.S. für Kleinkinder personspezifische Bindung Mutter/Vater Kontakt erhalten Nähe suchen Kontaktwiderstand Kontaktvermeidung A-Gruppe unsicher / vermeidend B-Gruppe sicher niedrig niedrig niedrig hoch hoch hoch niedrig niedrig C-Gruppe unsicherambivalent Kontaktwiderstand mittel bis hoch mittel bis hoch hoch niedrig 13

14 Einflussfaktoren auf die Entstehung individueller Unterschiede in der Bindungsqualität wichtigster Einfluss: elterliches (mütterliches) feinfühliges Verhalten in der Interaktion mit dem Kleinkind Bedürfnisse und Signale des Kindes wahrnehmen angemessen interpretieren angemessen und prompt reagieren erkennbar am angemessenen Verhaltensausdruck des Kindes und der Beruhigung des Kindes Beispiele in "Die Chance der ersten Monate", Ziegenhain et al,2008; über Technikerkrankenkasse erhältlich 14

15 Bindungsstrategien auf einem Kontinuum der Aufmerksamkeitsorientierung und Affektregulierung Bezugsperson nicht verfügbar, zurückweisend person- Hyper-orientieraktivierung sachorientiert Deaktivierung Akzeptanz durch Bezugsperson, Sicherheit, Nähe sicher flexibel ausbalanciert Bezugsperson inkonsistent, unberechenbar unsichervermeidend unsicherambivalent Unterdrückung emotionaler Erfahrungen emotionale Offenheit fehlende Abgrenzung Gefühlsüberflutung 15

16 Bindungsdesorganisation (D) im Kleinkindalter hoch unsichere Bindung, aber Bindung! in bindungsrelevanten Stresssituationen keine adaptiven Verhaltensstrategien bzw. Zusammenbruch einer Strategie im Kleinkindalter in der Beobachtung (Fremde Situation) auch in Kombination mit den anderen Bindungsstrategien 16

17 weitere Einflüsse auf die Entstehung individueller Unterschiede in der Bindungsqualität kindliche Merkmale wie Reizbarkeit (Temperament), Frühgeborenenstatus... Bindungsrepräsentation der Mutter/Vater bezüglich Herkunftsfamilie (Transmissionshypothese) Qualität der elterlichen Paarbeziehung 17

18 Interview- Verfahren Erwachsene: Adult Attachment Interview (AAI) (George, Kaplan & Main, 1985) Mary Main (geb. 1943) entwickelte das AAI untersuchte die Transmission von Bindung Mutter Kind 18

19 Ausgewählte Fragen Bindungsinterview für Erwachsene (Adult Attachment Interview = AAI) Frühe Beziehung zu Eltern oder frühen Bezugspersonen - frühe Erinnerungen, circa 5 12 Jahre? 5 Adjektive oder Wörter, die Beziehung zu Mutter / Vater charakterisieren - Erinnerungen oder Ereignisse dazu was getan, wenn als Kind nicht wohl gefühlt, Kummer? (Krankheit, Trennung von den Eltern) (George, Kaplan & Main 1985 / 1996; in Gloger-Tippelt 2001/2010) 19

20 Ausgewählte Fragen des AAI (II) Ablehnung, Bedrohung durch Eltern erfahren? Mißbrauch, Mißhandlung erfahren? Welchen Einfluss hatten diese Erfahrungen auf Ihre Entwicklung, auf Ihre Persönlichkeit? Verlust von Familienangehörigen durch Tod in der Kindheit? Beziehung zu Eltern heute, Änderungen in der Beziehung? Reaktion auf Trennung vom Kind - Wünsche für Kind in der Zukunft Auswertung nach sprachanalytischen und inhaltlichen Kriterien in mehreren Schritten 20

21 Bindungsrepräsentationen nach dem AAI 1. autonomes, sicheres Bindungsmodell (autonomous, secure) 2. unsicher-distanzierendes Bindungsmodell (dismissing) 3. unsicher-präokkupiertes Bindungsmodell (preoccupied, enmeshed) 4. unverarbeiteter Bindungsstatus 21

22 sicher-autonomes Bindungsmodell im AAI (F - free, autonomous) Kohärente, glaubbafte Lebensgeschichte gute Erinnerungsfähigkeit ausgewogene, differenzierte, objektive Darstellung positiver und negativer Erfahrungen Wertschätzung von Bindung Integration kognitiver und affektiver Aspekte Gloger-Tippelt

23 unsicher-distanzierendes Bindungsmodell im AAI (Ds - dismissing) Inkohärente, nicht belegte Lebensgeschichte geringe Erinnerungsfähigkeit Idealisierung der Eltern Abwertung von Bindungspersonen oder von Bindung allgemein Überwiegen kognitiver Aspekte Gloger-Tippelt

24 unsicher-präokkupiertes Bindungsmodell im AAI (E - enmeshed) Inkohärenz anhaltendes Verwickeltsein unausgewogene Darstellung und Beurteilung Überwiegen affektiver Aspekte: entweder von Ärger, Wut oder von Hilflosigkeit und Ungenauigkeit des Denkens Relative Stabilität der Bindungsmodell, sie werden zu Persönlichkeitsmerkmalen Gloger-Tippelt

25 unverarbeiteter Bindungsstatus AAI (U oder nicht klassifizierbar) unverarbeitete Erfahrungen von Verlust oder Missbrauch kognitive Desorientierung über das Ereignis Unangemessene Sprache: z.b. literarisch, zu detailliert Pausen, Blockierungen Multiple innere Arbeitsmodelle, nicht integriert (bildliches/implizites Gedächtnis anders als sprachliches Gedächtnis) Gloger-Tippelt

26 Ergebnisse zur Transmission der Bindungsqualität: beim Übergang zur Elternschaft Geburt Schwangerschaft: AAI Mutter 12 Monate: FS mit Mutter vermittelt über Feinfühligkeit (Fonagy, Steele & Steele, 1991; Gloger-Tippelt et al, 2002) 26

27 Ergebnisse zur Transmission Mütter mit sicher/autonomem Bindungsmodell Kinder mit sicherer Bindungsqualität Mütter mit unsicher-distanzierendem Bindungsmodell vermeidendekinder Präokkupiertes, verwickeltes Bindungsmodell - keine Transmission bestätigt unverarbeiteter Bindungsstatus Mutter Bindungsdesorganisation der Kinder hier: unverarbeiteter Verlust oder Trauma der Mutter führt zu kindlicher Desorganisation der Bindung 27

28 Elternseite Risikofaktoren unverbereiteter Verlust oder durch Personen verursachte Traumata (Misshandlung, Vernachlässigung, Gewalt, wechselnde/fehlende Betreuung des Kindes (z.b. in Institutionen) psychische Krankheit der Mutter (z.b. Depression) ohne sozial stützendes Netzwerk jugendliches Alter der Mutter, geringe Bildung, Multiproblemfamilien Kindseite Schwieriges, reizbares Temprament Regulationsstörung Starke Frühgeburtlichkeit (Aufenthalt auf Neonatalstation) 28

29 Ergebnisse der Neurokognitionsforschung zur Neurokognition der sicheren Bindung und zur Wirkung traumatischer Erfahrungen der Mutter in früher dydischer Interaktion Mutter-Kind Aufbau von Schaltkreisen im Gehirn des Babies (förderliche/hemmende) besonders der gefühlsverarbeitenden Teile im Gehirn (rechte Gehirnhälfte; limbisches System), verantwortlich für Stressregulation bei traumatisierten Müttern (Missbrauch, Vernachlässigung) keine angemessene Spiegelung der Gefühle, keine Korrektur (interactive repair) von (normalen) Missverständnissen dadurch direkte Beeinträchtigung des Aufbaus der rechten Hirnhälfte (über somatisches und vegetatives Nervensystem) geringe Feinfühligkeit der Mutter beeinträchtigt die Fähigkeit zur Stressregulation beim Kleinkind (Schore, 2007) 29

30 Brain-brain-Interaktion während der Kommunikation mit dem Säugling Traverson nach Schore, 2001 Auslösung von neurobiologischen Mechanismen zur Stressregulation 30

31 Fördermaßnahmen: direkte bindungsbasierte Intervention Vermittlung von Entwicklungswissen, z. B. Meilensteine der Entwicklung Feinfühligkeitstraining Stärkung der Mentalisierungsfähigkeit der Mutter für das Erleben des Kindes Frühe Stärkung der Partnerschaft Einbeziehung der Väter und des Umfelds 31

32 Theoriegeleitetes Interventionsmodell Präventive Intervention (Bakermans-Kranenburg, Juffer, van IJzendoorn, 1998; Juffer et al, 2008) Mentales Bindungsmodell der Eltern Information, Videofeedback Bindungsorientierte Gespräche Elterliche Feinfühligkeit Interventionsziele transmission gap Eltern- Kind- Bindung 32

33 Prinzip des Videofeedbacks: seeing is believing (M. Erickson) 33

34 Schematischerischer Ablauf der Videoanalyse (Ziegenhain et al, 2004, S. 154) Kind Beschreibung des kindlichen Verhaltens Auswahl einer gelungenen Interaktionssequenz: Verhalten des Kindes Auswahl einer nicht gelungenen Interaktionssequenz: Verhalten des Kindes Emotionaler Eindruck ( Elternteil Beschreibung des elterlichen Verhaltens Verhalten des Interaktionspartners Verhalten des Interaktionspartners 34

35 vor der Geburt Bedeutung der Partnerschaftsqualität beim Übergang zur im Längsschnitt Partnerschaftsqualität zum Füllen der transmission gap Tiefpunkt Partnerschaft 6 Monate Anpassung circa ab 1 Jahr nach der Geburt 35

36 Kombinierter Kurs zu Partnerschaft und Elternschaft Ziegenhain & Reichle, 2008 Ministerium Arbeit, Soziales, Familie und Gesundheit Rheinland-Pfalz im Internet

37 Schwangerschaft Kursmodule Aufgabenverteilung in der Partnerschaft Wie das Baby zu uns spricht Neugeborenenzeit Feinzeichen des Babies verstehen gestuftes Trösten Umgang schlechten Gefühlen gegenüber dem Baby (Ärger) Erstes Lebensjahr Partnerschaft und Sexualität Umgang mit Meinungsverschiedenheiten Entwicklungsmeilensteine 37

38 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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