Hauptvorlesung Psychiatrie und Psychotherapie 1: Psychotische Funktionsstörungen I

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1 Hauptvorlesung Psychiatrie und Psychotherapie 1: Psychotische Funktionsstörungen I Professor Dr. Joachim Klosterkötter

2 Der psychische Befund Struktur und Dokumentation der speziellen Anamnese Bewusstsein und Orientierung Aufmerksamkeit und Gedächtnis Affektivität (einschl. Ängste und Zwänge) Verhalten, Antrieb, Psychomotorik formales Denken inhaltliches Denken Ich-Erleben Wahrnehmung Vegetativum Selbst- und Fremdgefährdung Besonderheiten (z.b. Minderbegabung; Sucht; auffälliges Äußeres, z.b. Kleidung) Seite 2

3 PSYCHOTISCHE FUNKTIONSSTÖRUNGEN I (Inhaltliches Denken, Ich-Erleben, Wahrnehmung) Lernziel 1) Was ist Wahn? Kriterien und Symptome Seite 3

4 Wahn Objektiv falsche Überzeugung, die ohne entsprechende Anregung von außen entsteht und trotz vernünftiger Gegengründe aufrechterhalten wird. Es ist eine Störung des Urteilens, d.h. Wahn muss sich auf einen objektivierbaren Sachverhalt beziehen, er darf nicht Ausdruck oder Beschreibung eines Gefühles sein. Wer sich in der Angst bedroht fühlt oder in der Depression unheilbar, beschreibt Gefühle, deren er sich unmittelbar gewiss ist. Dies ist kein Wahn, sondern ein subjektives Gefühl. Vorkommen: Bei Schizophrenien und wahnhaften Störungen, affektiven Störungen, organischen Störungen. Seite 4

5 Wahn Grundphänomen der Verrücktheit (Jaspers 1913) Urphänomen (Jaspers 1913). Wahn als Urteilsstörung: Nur wo gedacht und geurteilt wird, kann ein Wahn entstehen. (Jaspers 1913). Kernkriterien: 1. außergewöhnliche Überzeugung oder unvergleichliche subjektive Gewissheit 2. die Unbeeinflussbarkeit durch Erfahrung und durch zwingende Schlüsse 3. Unmöglichkeit des Inhalts (Jaspers 1913). persönlich gültige, starre Überzeugung von der eigenen Lebenswirklichkeit privat, lebensbestimmend, isolierend (Scharfetter 1976) Jaspers: Allgemeine Psychopathologie (1913); Scharfetter (1976) Seite 5

6 Wahnkriterien Subjektive Gewissheit Unkorrigierbarkeit Unmöglichkeit des Inhaltes Seite 6

7 Aufbau des Wahns Phänomene: Wahnstimmung Wahnwahrnehmung (zweigliedrig) Wahneinfall (eingliedrig) Wahnarbeit Wahnsystem Seite 7

8 Wahnstimmung Emotionale Gespanntheit und Atmosphäre des Betroffenseins im Vorfeld und Umfeld eines Wahns. Der Patient hat Gewissheit, dass etwas passiert, gibt Ereignissen nicht nachvollziehbar motivierte Bedeutungen, ohne dass der genaue Inhalt angegeben werden kann oder konkrete Wahnideen formuliert werden (Anmutungserleben). Immer starke affektive Beteiligung (Unheimlichkeit, Verändertsein, Angst, Bedrohung, auch Euphorie oder Glück). Seite 8

9 Wahnstimmung Beispiel: Irgendetwas geht hier vor. Patient fragt bei alltäglichen Vorkommnissen ängstlich nach deren Bedeutung, was mit ihm gemacht werde. Fragen: Haben Sie das Gefühl, dass irgendetwas Besonderes in der Luft liegt? Meist durch Gespanntheit, vage Andeutungen im Interview zu beobachten. Seite 9

10 Wahnwahrnehmung Die wahnhafte Umdeutung einer an sich richtigen Sinneswahrnehmung. Die Wahrnehmung erhält eine ihr nicht zukommende falsche, wahnhafte Bedeutung (Beziehungssetzung ohne Anlass). Sie ist zweigliedrig: Erst eine Sinneswahrnehmung, dann das wahnhaft falsche Urteil über die Wahrnehmung. Meist wird die Wahrnehmung auf den Betroffenen selbst bezogen (=Eigenbeziehung). Die Wahnwahrnehmunggilt von allen Wahnphänomenenals am charakteristischsten für eine Schizophrenie. Seite 10

11 Wahnwahrnehmung Beispiel: Der Verkäufer nickte, da wusste ich, dass ich heute sterben muss. (Nicken des Verkäufers = reale Wahrnehmung, Gewissheit vom eigenen Tod = Umdeutung im Sinne einer Eigenbeziehung, ohne dass dies in der Wahrnehmung enthalten war) Die Leute dort, die in meine Richtung blicken, reden über mich. (= einfache Eigenbeziehung oder Beziehungsidee, die Interpretation der Wahrnehmung ist möglich, wenn auch unwahrscheinlich); Aber: Die Leute dort, die in meine Richtung blicken, reden über mich, sie beschließen gerade, wie sie mich öffentlich bloßstellen können, das sehe ich an den Handbewegungen. (Wahnwahrnehmung, die Interpretation der Wahrnehmung ist durch wahnhafte Zusatzannahmen erweitert und nicht direkt aus dem Gesehenen als möglich abzuleiten) Seite 11

12 Wahnwahrnehmung Fragen: Hatten bestimmte Erlebnisse und Vorgänge in Ihrer Umgebung eine bestimmte Bedeutung für Sie in letzter Zeit? Haben Sie das Gefühl, dass Dinge in Ihrer Umgebung speziell mit Ihnen etwas zu tun haben? Falls keine Wahnwahrnehmungen berichtet werden, konkret nachfragen: Kommen im Radio oder Fernsehen Meldungen, die mit Ihnen etwas zu tun haben? Geben Ihnen Menschen auf der Straße Handzeichen oder reden über Sie? Seite 12

13 Wahneinfall, Wahnidee, Wahngedanken Kleinste geistige Einheiten des Wahns. Plötzliches Einfallen von wahnhaften Meinungen (=Wahneinfall) oder dauerhaftes wahnhaftes Denken (=Wahnideen, Wahngedanken). Beispiel: Ein Patient ruft beim Essen plötzlich: Das Essen ist vergiftet. (Wahneinfall). Ich bin Gottes Sohn. (Wahnidee) Seite 13

14 Wahneinfall, Wahnidee, Wahngedanken Fragen: Einstiegsfrage Wahn allgemein, Wahnideen, -gedanken: Haben Sie in letzter Zeit merkwürdige oder ungewöhnliche Dinge erlebt oder gedacht? Sind Ihnen Dinge widerfahren, die andere nicht glauben können? Beispiele nennen lassen. Wahneinfälle müssen erfragt werden, wenn im Gespräch der Eindruck entsteht: Ist Ihnen der Gedanke gerade gekommen, warum? Seite 14

15 Wahndynamik Affektive Anteilnahme am Wahn. Die Wahninhalte können mit affektiver und psychomotorischer Anteilnahme (z.b. Angst, Euphorie, Erregungszustände) und ständig neuen Ideen vorgetragen werden oder ohne affektive Beteiligung und monoton ohne weitere Ausarbeitung der Ideen. Starke Dynamik spricht für eine floride Psychose, geringe für eine abgeklungene Produktivität. Fragen: Im Interview zu beobachten. Seite 15

16 Hauptvorlesung 1: Psychotische Funktionsstörungen I Lernziel erreicht? Aufgabe für die Vorlesung am Benennen Sie die drei Wahnkriterien. 2. Erklären Sie die Zweigliedrigkeit der Wahnwahrnehmung. Seite 16

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