Generative Phonologie

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1 Universität Bielefeld Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft Phonetik k Phonologie (Hall, Kapitel ; Clark & Yallop, Chapter 4.10; ) [email protected]

2 Aufgabe 4 Lösung (1) Transkribieren Sie folgende Worte des Deutschen: (a) Halle [hal@] (b) kühl [ky:l] (c) scheußlich [SOIslIC] (d) üppig [YpIC] (2) Finden Sie Minimalpaare für folgende Segmente im Deutschen: (a) [t] [d] Torf Dorf Seite Seide (b) [s] [S] Tasse Tasche (c) [S] [C] Kirsche Kirche (d) [n] [l] Not Lot Zahn Zahl (e) [a:] [o:] aber Ober Hase Hose (f) [p] [pþf] stoppen stopfen andere Minimalpaare sind natürlich auch möglich 2

3 Aufgabe 4 Lösung (3) Betrachten Sie folgende Verteilung des 'clear l' [l] und des 'dark l' [5] im Englischen: late [leit] (spät) feel [fi:5] (fühlen) leaf [li:f] (Blatt) bel [be5] (Glocke) Was lässt sich über den Phonemstatus von [l] und [5] sagen? [l] kommt nur am Wortanfang vor, [5] nur am Wortende. Damit sind die beiden Laute komplementär verteilt (und können deshalb nicht kontrastieren). Außerdem sind sie phonetisch ähnlich, da [5] die velarisierte Variante von [l] ist. Aus diesem Grund sind beide Allophone eines Phonems /l/. 3

4 Repräsentationen Die generative Phonologie wurde 1968 mit dem Standardwerk The Sound Pattern of Englisch (SPE) von Noam Chomsky und Morris Halle begründet. Die generative Phonologiekomponente ist ein Bestandteil der generativen Grammatik, die der Syntax nachgeschaltet ist und deren Ausgabe weiterverarbeitet. Die Eingabe der Phonologiekomponente nennt man die zugrundeliegende Repräsentation/Form, die durch phonologische Regeln in die Oberflächenrepräsentation (phonetische Repräsentation/Form) überführt wird. 4

5 Repräsentationen zugrundeliegende Repräsentation phonologische Regeln Oberflächenrepräsentation Die zugrundeliegende Repräsentation ist eine abstrakte phonologische Morphemdarstellung. Durch die Regeln wird die abstrakte Repräsentation in eine konkrete phonetische Repräsentation überführt. Idiosynkratische Eigenschaften stehen im Lexikon. Vorhersagbare Eigenschaften werden durch die Regeln abgeleitet. 5

6 Repräsentationen Beispielsweise steht im mentalen Lexikon für das Wort Buch der phonemische Eintrag /bu:c/. Dass dieses Wort z.b. mit einem /b/ beginnt, ist eine idiosynkratische Eigenschaft der Sprache und nicht herleitbar. Dass das /C/ im Kontext dieses Wortes als [x] realisiert wird, ist eine vorhersagbare Eigenschaft und kann abgeleitet werden. Das Lexikon und die zugrundeliegende Struktur enthalten also nur die wirklich notwendigen Informationen, die nicht hergeleitet werden können. 6

7 Phonologische Regeln Zur Erinnerung: [C] kommt vor... nach den vorderen Vokalen [i: I E: E y: Y 2: 9], nach den Diphthongen [ai OI] (siehe (a)) und nach den Sonoranten [³ l n] (siehe (b)) [x] kommt vor... nach den hinteren und zentralen Vokalen [u: U o: O a: a] und nach dem Diphthong [au] Wenn man /C/ als zugrundeliegend annimmt, braucht man also eine Regel der Form: /C/ wird nach hinteren und zentralen Vokalen und dem Diphthong [au] zu [x]. 7

8 Phonologische Regeln Formal schreibt man eine solche Regel wie folgt: /C/ > [x] / [u: U o: O a: a au] Allgemein sind solche Regeln von folgender Form: A > B / X Y A ist die Eingabe (Input) der Regel, B die Ausgabe (Output). Der Pfeil > bedeutet etwa wird realisiert durch. Der Schrägstrich / gibt an, in welchem Kontext die Regel anwendbar ist, wobei der Unterstrich als Platzhalter für den Input steht. Solche Regeln kann man damit folgendermaßen lesen: Nach X und vor Y wird A durch B realisiert 8

9 Phonologische Regeln Die folgende Ableitung ergibt sich somit beim Wort Buch: /bu:c/ zugrundliegende Repräsentation â [bu:x] Regelanwendung: ich/ach-alternation Oberflächenrepräsentation Was passiert nun bei einem anderen Wort wie z.b. Blech? /blec/ zugrundliegende Repräsentation - Regelanwendung: ich/ach-alternation [blec] Oberflächenrepräsentation In diesem Falle ist die Regel nicht anwendbar (sie appliziert nicht), da [E] nicht den erforderlichen linken Kontext darstellt. 9

10 Phonologische Regeln Weiteres Beispiel: l-velarisierung im Englischen. In Aufgabe 4 hatten wir schon gesehen, dass [l] und [5] im Englischen komplementär verteilt und damit Allophone eines Phonems /l/ sind: leaf [li:f] feeling [fi:lin] feel [fi:5] Distribution: Am Wortende steht immer [5] sonst [l]. Die Regel der l-velarisierung sieht damit wie folgt aus: /l/ > [5] / # Das Symbol # steht für die Wortgrenze (also -anfang bzw. -ende). 10

11 Phonologische Regeln Damit ergeben sich z.b. folgende Ableitungen: /#li:f#/ zugrundliegende Repräsentation - l-velarisierung ( /l/ > [5] / # ) [li:f] Oberflächenrepräsentation Im Gegensatz zu leaf appliziert die Regel bei feel. /#fi:l#/ â [fi:5] zugrundliegende Repräsentation l-velarisierung Oberflächenrepräsentation 11

12 Phonologische Regeln Weiteres Beispiel: Plosive der Sprache Plains Cree (nach Hall, S. 42): [si:si:p] Ente [tahki] immer [ta:nispi:] wann [tagosin] er kommt an [paskua:u] Prärie [nisida] meine Füße [asaba:p] Faden [mi:bit] Zahn [na:be:u] Mann [a:bihta:u] Hälfte [kodak] einander Beobachtung: [b d g] kommen nur zwischen Vokalen vor, sonst [p t k]. [p b] sind Allophone des Phonems /p/, [t d] sind Allophone des Phonems /t/ und [k g] sind Allophone des Phonems /k/. 12

13 Phonologische Regeln Die entsprechenden Regeln würden wie folgt aussehen: /p/ > [b] / V V /t/ > [d] / V V /k/ > [g] / V V Das V im Kontext steht für einen Vokal; der Gesamtkontext bedeutet damit soviel wie zwischen Vokalen. Bei gleichem Kontext kann man mehrere Regeln wie folgt zusammenfassen /p t k/ > [b d g] / V V In dieser Notation wird jedes Element des Inputs durch das entsprechende des Outputs realisiert. 13

14 Phonologische Regeln Was passiert, wenn man /b d g/ statt /p t k/ als zugrundeliegend annimmt? Die Regel muss entsprechend geändert werden: /b d g/ werden als /p t k/ realisiert, wenn sie wortinitial, wortfinal, oder nach Konsonanten vorkommen. { # } /b d g/ > [p t k] / C # Da mehrere Kontexte für diese Regel entscheidend sind, muss man eine Disjunktion bilden, d.h. die Kontexte mit oder verknüpfen. Das C im zweiten Kontext steht für Konsonant. Durch die unschöne Disjunktion ist diese Regel wesentlich komplexer als die vorige, weshalb die Zugrundelegung von /p t k/ sinnvoller ist. 14

15 Phonologische Regeln Wichtige Punkte bzgl. phonologischer Regeln: Kontexte können auch leer sein. Input/Output können mehrere Elemente enthalten. Regeln können disjunktive Kontexte enthalten ( mittels { ). Vorkommen von Vokalen/Konsonanten werden mit V und C abgekürzt. Regeln operieren innerhalb einer Domäne, wie z.b. dem Wort. Andere wichtige Regeldomänen sind das Morphem und die Silbe. Wortgrenze: # Morphemgrenze: + Silbengrenze: $ 15

16 Phonologische Regeln Alle obigen Regeln waren Beispiele von allophonischen Regeln. Solche Regeln zeichnen sich dadurch aus, dass Allophone aufeinander abgebildet werden: /C/ > [x]... [C x] sind Allophone des Deutschen /l/ > [5]... [l 5] sind Allophone des Englischen /p t k/ > [b d g]... [p b], [t d] und [k g] sind Allophone im Plains Cree Das muss nicht immer so sein, denn es gibt phonologische Prozesse, die Phoneme auf andere Phoneme abbilden. 16

17 Allomorphie Zur Erinnerung: Morpheme sind die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten einer Sprache. Z.B. besteht die Verbform kommst aus der Wurzel [kom] und dem Flexionsmorphem [st] mit der Bedeutung zweite Person Singular. Die zweite Person Singular lässt sich im Deutschen aber auch mit anderen Suffixen kennzeichnen, z.b. -est Damit sind [st] und Morphemalternanten oder Allomorphe. Für viele Allomorphe lassen sich phonologische Kontexte angeben, in denen sie auftreten. 17

18 Allomorphie In vielen Sprachen (und insbesondere auch im Deutschen) gibt es das Phänomen der Auslautverhärtung (Final Devoicing): Lob [lo:p] Lobes Rad [ra:t] Rades Tag [ta:k] Tages Nerv [ne³f] nervös [ne³v2:s] Haus [haus] Hauses orange [?o³ans] Orange Alle Stämme lauten auf einen Obstruenten aus, der am Wortende stimmlos, sonst stimmhaft ist. [lo:p] und [lo:b], [ra:t] und [ra:d], etc. sind Allomorphe 18

19 Allomorphie Sonoranten zeigen diese Alternation nicht: Wahn [va:n] Wahnes Tal [ta:l] Tales Es gibt nun zwei verschiedene Erklärungsmöglichkeiten: 1. Das Allomorph mit stimmlosem Obstruenten ist zugrundeliegend. Dieser wird im Inlaut stimmhaft. Beispiel: > 2. Das Allomorph mit stimmhaftem Obstruenten ist zugrundeliegend. Dieser wird im Auslaut stimmlos. Beispiel: /ta:g/ > [ta:k] 19

20 Allomorphie Möglichkeit 1. (stimmlos zugrundeliegend) würde also zu einer Regel führen, die stimmlose Obstruenten im Inlaut stimmhaft macht. Damit würde man aber falsche Vorhersagen machen: Typ [ty:p] Typen Rat [ra:t] Rates Glück [glyk] Glückes Huf [hu:f] Hufes Damit scheint Möglichkeit 2. (stimmhaft zugrundeliegend) plausibler, die stimmhafte Obstruenten am Wortende stimmlos macht. 20

21 Allomorphie Die entsprechende Regel dafür lautet damit: /b d g v z Z/ > [p t k f s S] / # Diese Regel leitet die beobachteten Daten korrekt ab: /#ta:g#/ /#ta:g+@s#/ zugrundliegende Repräsentation â --- Auslautverhärtung [ta:k] [ta:g@s] Oberflächenrepräsentation Ein weiteres Indiz für die Richtigkeit dieser Regel ist ihre Produktivität, d.h. ihre Anwendung bei Lehnwörtern oder erfundenen Wörtern. Job der Schlub vs. des Schlubes 21

22 Allomorphie Die Auslautverhärtung ist keine allophonische Regel, denn die Inputund Outputsegmente gehören zu unterschiedlichen Phonemen. Z.B. wird /b/ im Auslaut als [p] realisiert, obwohl /b/ und /p/ beides Phoneme des Deutschen sind. Mit anderen Worten wird der Kontrast zwischen /b/ und /p/ am Wortauslaut aufgehoben bzw. neutralisiert. In der strukturalistischen Phonologie wurden Allophonalternationen von Phonemalternationen strikt unterschieden. In der generativen Phonologie ist dies nicht mehr so: man sieht einer Regel nicht an, ob sie allophonisch ist und dadurch wird der Begriff des zugrundeliegendes Segments eher wichtig, als der des Phonems. 22

23 Allomorphie Das bekannteste Argument für eine solche Sichtweise stammt von Morris Halle aus seiner Untersuchung des Russischen (1959). Im Russischen werden stimmlose Obstruenten stimmhaft, wenn sie vor stimmhaften Obstruenten stehen: [podnesti] ( bringen ) [potpisatj] ( unterschreiben ) [sprositj] ( fragen ) [zdelatj] ( machen ) Das gilt auch für Affrikaten, wie z.b. /ts/ > [dz], /ts/ > [dz]. Bei den Affrikaten handelt es sich allerdings um Allophonalternationen, sonst um Phonemalternationen ([djenj] Tag vs. [tjenj] Schatten ) ðeine Unterscheidung dieser beiden Begriffe würde die Generalisierung nicht fassen können. 23

24 Zusammenfassung In der generativen Phonologie als Bestandteil der generativen Grammatik geht von einer zugrundeliegenden Repräsentation aus, aus der mittels phonologischer Regeln eine Oberflächen- bzw. phonetische Repräsentation abgeleitet wird. Regeln werden in der Form A > B / X Y ( im Kontext von X und Y wird A durch B ersetzt ) notiert. Es gibt allophonische Regeln, die die Alternation von Allophonen beschreiben, z.b. die ich/ach-alternation und die l-velarisierung. Morphophonemische Regeln beschreiben die Alternation von Allomorphen, wie z.b. die Auslautverhärtung. Diese Unterscheidung tritt in der generativen Phonologie allerdings in den Hintergrund, genauso wie der Begriff des Phonems, das eher durch den Begriff des zugrundeliegendes Segments ersetzt wird. 24

25 Aufgabe 5 (1) Transkribieren Sie folgenden Text: Wenn die weißen Riesenhasen abends übern Rasen rasen und die goldnen Flügelkröten still in ihren Beeten beten, tief in ihrem Graben graben und die feisten Felsenquallen kichernd in die Fallen fallen, dann schreibt man wie jedes Jahr den hundertzwölften Januar. Was, ihr kennt ihn nicht, den Tag? Schaut mal im Kalender nach! 25

26 Aufgabe 5 (2) Übersetzen Sie folgenden Text zurück ins Deutsche: vi: kan man y:b6s vas6 laþufn= o:n@ zofo³t aptþsuzaufn=? zo: : nim p³i:ml=fet Unt pudinkraþut, tþsvaþi ki:lo: faþinst@ fli:gnhaþut d³aþi li:t6 golt Unt himbe:6t³a:n, aþin va:lfisha: Unt aþin@n tþsa:n fon aþin6 huml= Unt tu: da:s tþsuzam=: In aþin zilb6gla:s. das gantþs@ las nu:n fymf, zeks voxn aþuf klaþing@stelt6 flam@ koxn, vobaþi man StEndiC S³aþI@n mus. (weiter auf nächster Seite) 26

27 Aufgabe 5 zodan gi:s al@s In de:n flus, de:n bax, de:n tympl= o:d6 taþic, aþuf de:m du: ge:n vilst, Unt zoglaþic tre:gt dic das vas6 vi: aþin bret. zo: vaþit, zo: gu:t. ax ja, IC het fast gantþs f6gesn= tþsu beto:n=: das al di: my:@n zic kaþum lo:n=: ven man tþsum baþispi:l SvIm=: kan. du: kanst nict SvIm=:? dan ma:l ³an! (3) Nehmen Sie bzgl. der ich/ach-alternation an, /x/ würde zugrundeliegen. Wie sieht dann die entsprechende Regel aus, die die Alternation von [C] und [x] korrekt beschreibt? 27

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