Das Pflegestärkungsgesetz II Auswirkungen auf die außerklinische Kinderkrankenpflege

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1 Das Pflegestärkungsgesetz II Auswirkungen auf die außerklinische Kinderkrankenpflege Gliederung 1. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff 2. Kriterien der Pflegebedürftigkeit 3. Ermittlung der Pflegegrade a. Allgemein b. Kinder unter 18 Monaten c. Kinder über 18 Monaten d. Überleitungsregeln 1

2 1. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff Bisheriger Pflegebedürftigkeitsbegriff: - rein verrichtungsbezogen - auf somatische Einschränkungen konzentriert 2

3 1. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff Wesentliche Aspekte wie Kommunikation / soziale Teilhabe Bedarf an allgemeiner Betreuung, Beaufsichtigung und Anleitung werden kaum berücksichtigt. 3

4 1. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff 14 Begriff der Pflegebedürftigkeit (neu) Pflegebedürftig im Sinne dieses Buches sind Personen, die gesundheitlich bedingte Beeinträchtigungen der Selbständigkeit oder der Fähigkeiten aufweisen und deshalb der Hilfe durch andere bedürfen. Es muss sich um Personen handeln, die körperliche, kognitive oder psychische Beeinträchtigungen oder gesundheitlich bedingte Belastungen oder Anforderungen nicht selbständig kompensieren oder bewältigen können. 4

5 1. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff In Bezug auf Kinder werden bei der Bewertung der Pflegebedürftigkeit also nicht mehr nur die körperlichen Fähigkeiten, sondern auch kognitive und psychische Einschränkungen berücksichtigt. Maßgeblich sind Beeinträchtigungen der Selbständigkeit oder Fähigkeitsstörungen im Vergleich mit altersentsprechend entwickelten Kindern. 5

6 1. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff Zeitorientierungswerte spielen keine Rolle mehr. Ist die erforderliche Fähigkeit vorhanden? Können Tätigkeiten selbständig, teilweise selbständig oder nur unselbständig ausgeübt werden? Grad der Selbständigkeit Was kann das Kind? Wo braucht es Hilfe? (alle Bereiche) Wo hat es Defizite im Vergleich mit gleichaltrigen Kindern? 6

7 2. Kriterien der Pflegebedürftigkeit Neues Begutachtungs-Assessment (NBA): Im Rahmen des neuen Begutachtungsverfahrens sind Beeinträchtigungen in 6 Bereichen zu prüfen: 7

8 2. Kriterien der Pflegebedürftigkeit 1. Mobilität (Fortbewegen innerhalb des Wohnbereichs, Treppensteigen) 2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten Verstehen von Sachverhalten und Informationen, Erkennen von Risiken und Gefahren, Mitteilen von elementaren Bedürfnissen, Verstehen von Aufforderungen 3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen (motorische Unruhe, Abwehr, (auto-)aggressives Verhalten, Ängste) 8

9 2. Kriterien der Pflegebedürftigkeit 4. Selbstversorgung (z.b. bei Körperpflege, Ernährung etc. >hierunter wurde bisher die "Grundpflege" verstanden Bestehen gravierender Probleme bei der Nahrungsaufnahme bei Kindern bis zu 18 Monaten, die einen außergewöhnlich pflegeintensiven Hilfebedarf auslösen 9

10 2. Kriterien der Pflegebedürftigkeit 5. Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen (z.b. Medikation, Wundversorgung, Arztbesuche, Therapieeinhaltung) 6. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte (z.b. Ruhen und Schlafen, Sichbeschäftigen, Gestaltung des Tagesablaufs) 10

11 2. Kriterien der Pflegebedürftigkeit 2. kognitive und kommunikative Fähigkeiten: Erkennen von Personen aus dem näheren Umfeld, örtliche Orientierung, zeitliche Orientierung, Erinnern an wesentliche Ereignisse oder Beobachtungen, Steuern von mehrschrittigen Alltagshandlungen, 11

12 2. Kriterien der Pflegebedürftigkeit 2. kognitive und kommunikative Fähigkeiten: Treffen von Entscheidungen im Alltagsleben, Verstehen von Sachverhalten und Informationen, Erkennen von Risiken und Gefahren, Mitteilen von elementaren Bedürfnissen, Verstehen von Aufforderungen, Beteiligen an einem Gespräch; 12

13 2. Kriterien der Pflegebedürftigkeit 3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen: motorisch geprägte Verhaltensauffälligkeiten, nächtliche Unruhe, selbstschädigendes und autoaggressives Verhalten, Beschädigen von Gegenständen, physisch aggressives Verhalten gegenüber anderen Personen, verbale Aggression, 13

14 2. Kriterien der Pflegebedürftigkeit 3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen: andere pflegerelevante vokale Auffälligkeiten, Abwehr pflegerischer und anderer unterstützender Maßnahmen, Wahnvorstellungen, Ängste, Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmungslage, sozial inadäquate Verhaltensweisen, sonstige pflegerelevante inadäquate Handlungen; 14

15 2. Kriterien der Pflegebedürftigkeit 5. Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen: a) in Bezug auf Medikation, Injektionen, Versorgung intravenöser Zugänge, Absaugen und Sauerstoffgabe, Einreibungen sowie Kälte- und Wärmeanwendungen, Messung und Deutung von Körperzuständen, körpernahe Hilfsmittel, 15

16 2. Kriterien der Pflegebedürftigkeit 5. Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen: b) in Bezug auf Verbandswechsel und Wundversorgung, Versorgung mit Stoma, regelmäßige Einmalkatheterisierung und Nutzung von Abführmethoden, Therapiemaßnahmen in häuslicher Umgebung 16

17 2. Kriterien der Pflegebedürftigkeit 5. Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen: c) in Bezug auf zeit- und technikintensive Maßnahmen in häuslicher Umgebung, Arztbesuche, Besuche anderer medizinischer oder therapeutischer Einrichtungen, zeitlich ausgedehnte Besuche medizinischer oder therapeutischer Einrichtungen, Besuch von Einrichtungen zur Frühförderung bei Kindern sowie 17

18 2. Kriterien der Pflegebedürftigkeit 5. Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen: d) in Bezug auf das Einhalten einer Diät oder anderer krankheitsoder therapiebedingter Verhaltensvorschriften; 18

19 2. Kriterien der Pflegebedürftigkeit Diese sehr differenzierte Erfassung der Selbständigkeitsdefizite im Vergleich zu altersentsprechend entwickelten Kindern dürfte sich bei in der Begutachtung von pflegebedürftigen Kindern positiv auswirken. 19

20 2. Kriterien der Pflegebedürftigkeit Für Kinder im Alter bis zu 18 Monaten werden Probleme bei der Nahrungsaufnahme, die einen außergewöhnlichen pflegeintensiven Bedarf im Bereich der Ernährung auslösen, besonders gravierend bewertet. Des Weiteren werden hier auch Besonderheiten bei Sondenernährung und parenteraler Ernährung berücksichtigt. Auch die Hilfebedürftigkeit bei der Behandlungspflege wird also bewertet. 20

21 3. Ermittlung der Pflegegrade a. Allgemein Das bestehende System der 3 Pflegestufen wird in ein neues System mit 5 Pflegegraden umgewandelt. 21

22 3. a. Ermittlung der Pflegegrade Für die Beurteilung der Pflegebedürftigkeit und die Einstufung in die neuen Pflegegrade wird ein Neues Begutachtungsassessment (NBA) eingeführt. Das neue Begutachtungsinstrument gilt grundsätzlich für alle Altersgruppen und ist aus fachlicher Sicht für die Feststellung der Pflegebedürftigkeit auch bei Kindern sehr gut und besser geeignet als das bisherige Verfahren. 22

23 3. a. Ermittlung der Pflegegrade Bei der Festlegung des Pflegegrades fließen die zuvor genannten Module in unterschiedlicher Wertigkeit bzw. Prozentsätzen ein. 23

24 3. a. Ermittlung der Pflegegrade 24

25 3. a. Ermittlung der Pflegegrade 15 (3) ( ) Auf der Basis der erreichten Gesamtpunkte sind pflegebedürftige Personen in einen der nachfolgenden Pflegegrade einzuordnen: 25

26 3. a. Ermittlung der Pflegegrade Pflegegrad 1: geringe Beeinträchtigungen der Selbständigkeit oder der Fähigkeiten (ab 12,5 bis unter 27 Gesamtpunkte) Pflegegrad 2: erhebliche Beeinträchtigungen der Selbständigkeit oder der Fähigkeiten (ab 27 bis unter 47,5 Gesamtpunkte) 26

27 3. a. Ermittlung der Pflegegrade Pflegegrad 3: schwere Beeinträchtigungen der Selbständigkeit oder der Fähigkeiten (ab 47,5 bis unter 70 Gesamtpunkte) Pflegegrad 4: schwerste Beeinträchtigungen der Selbständigkeit oder der Fähigkeiten (ab 70 bis unter 90 Gesamtpunkte) 27

28 3. a. Ermittlung der Pflegegrade Pflegegrad 5: schwerste Beeinträchtigungen der Selbständigkeit oder der Fähigkeiten mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung (ab 90 bis 100 Gesamtpunkte) 28

29 3. Ermittlung der Pflegegrade b. Pflegebedürftige Kinder bis zu 18 Monate Da der Bezugspunkt für die Einstufung von Kindern der Vergleich mit einem alterstypisch entwickelten Kind ohne körperliche, kognitive oder psychische Beeinträchtigungen ist, ergeben sich für pflegebedürftige Kinder im Alter bis zu 18 Monaten Besonderheiten. 29

30 3. b. Ermittlung der Pflegegrade Denn auch Kinder in der altersentsprechend entwickelten Vergleichsgruppe sind von Natur aus in allen Bereichen des Alltagslebens unselbständig; erst mit zunehmendem Alter erlangen sie aufgrund von Entwicklungsfortschritten schrittweise eine größere Selbständigkeit. Pflegebedürftige Kinder bis zu 18 Monate werden pauschal um einen Pflegegrad höher eingestuft als Kinder. 30

31 3. b. Ermittlung der Pflegegrade 14 (7) Pflegebedürftige Kinder im Alter bis 18 Monaten werden abweichend von den Absätzen 3, 4 und 6 Satz 2 wie folgt eingestuft: 1. ab 12,5 bis unter 27 Gesamtpunkten in den Pflegegrad 2, 2. ab 27 bis unter 47,5 Gesamtpunkten in den Pflegegrad 3, 3. ab 47,5 bis unter 70 Gesamtpunkten in den Pflegegrad 4, 4. ab 70 bis 100 Gesamtpunkten in den Pflegegrad 5. 31

32 3. b. Ermittlung der Pflegegrade Außerdem besondere Bewertung in Modul 4: Selbstversorgung Bei Kindern im Alter bis 18 Monate werden bei gravierenden Probleme bei der Nahrungsaufnahme, die einen außergewöhnlichen pflegeintensiven Hilfebedarf im Bereich der Ernährung auslösen, pauschal 20 Punkte vergeben. 32

33 3. b. Ermittlung der Pflegegrade Bis zum 18. Lebensmonat entfällt in der Regel eine weitere Begutachtung. Grund für die Besserstellung der Kinder bis 18 Monate: Ohne Sonderregelung wäre für diese Kleinkinder in der Regel keine oder nur eine niedrigere Pflegegrade zu erreichen, da wie bisher der Maßstab die Selbständigkeit im Vergleich zu altersentsprechend entwickelten Kindern ist. Dies wäre pflegefachlich nicht angemessen. 33

34 3. b. Ermittlung der Pflegegrade Grund für die Besserstellung der Kinder bis 18 Monate: Zudem müssten sie auf Grund der häufigen Entwicklungsveränderungen in sehr kurzen Zeitabständen neu begutachtet werden, um die jeweils angemessene Einstufung zu erhalten. 34

35 3. b. Ermittlung der Pflegegrade Grund für die Besserstellung der Kinder bis 18 Monate: Eine Wiederholungsbegutachtung erfolgt in diesem Zeitraum nur, wenn relevante Änderungen zu erwarten sind, zum Beispiel durch eine erfolgreiche Operation einer Lippen/Kiefer- oder Gaumenspalte. Damit sollen die körperlich und psychisch stark belasteten Familien zusätzlich unterstützt und entlastet werden. 35

36 3. Ermittlung der Pflegegrade c. Pflegebedürftigen Kinder über 18 Monate Auch für pflegebedürftigen Kinder über 18 Monate gibt es eine Höherstufungsmöglichkeit in Pflegegrad 5, sofern sie eine besondere Bedarfskonstellation aufweisen. 36

37 3. c. Ermittlung der Pflegegrade 15 (4) Pflegebedürftige mit besonderen Bedarfskonstellationen, die einen spezifischen, außergewöhnlich hohen Hilfebedarf mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung aufweisen, können aus pflegefachlichen Gründen dem Pflegegrad 5 zugeordnet werden, auch wenn ihre Gesamtpunkte unter 90 liegen. Der Spitzenverband Bund der Pflegekassen konkretisiert in den Richtlinien nach 17 Absatz 1 die pflegefachlich begründeten Voraussetzungen für solche besonderen Bedarfskonstellationen. 37

38 3. c. Ermittlung der Pflegegrade Bei einem spezifischen, außergewöhnlich hohen Hilfebedarf mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung können diese Kinder aus pflegefachlichen Gründen dem Pflegegrad 5 zugeordnet werden, auch wenn ihre Gesamtpunkte unter 90 liegen. 38

39 3. c. Ermittlung der Pflegegrade Die besondere Bedarfskonstellation kann zum Beispiel bei Kindern mit infantiler Cerebralparese mit Gebrauchsunfähigkeit beider Arme und beider Beine ab dem Alter von ca. 3 Jahren gegeben sein. 39

40 3. c. Ermittlung der Pflegegrade Daher ist in den Richtlinien zur Begutachtung von diesen Kindern festzulegen, ob und in wieweit eine besondere Bedarfskonstellation auch für Kinder und bezogen auf welche Altersstufe gelten soll. Hier bleib abzuwarten, welche Regelung die entsprechende Richtlinie haben wird. 40

41 3. c. Ermittlung der Pflegegrade Außerdem wird der Besuch von Einrichtungen zur Frühförderung besonders berücksichtigt. Handelt es sich um besonders zeitaufwändige Besuche bei Ärzten oder Einrichtungen oder um zeit- und technikintensive Maßnahmen in häuslicher Umgebung, werden sie doppelt gewertet. 41

42 3. Ermittlung der Pflegegrade d. Überleitungsregelungen ( 140 SGB XI) Von Bedeutung sind auch die großzügigen Überleitungsregelungen: Somatisch beeinträchtigte Kinder erhalten automatisch ohne Neubegutachtung einen einfachen Stufensprung. Das bedeutet, dass ein pflegebedürftiges Kind zum Beispiel von Pflegestufe I zu Pflegegrad 2, von Pflegestufe II zu Pflegegrad 3 wechselt. 42

43 3. d. Ermittlung der Pflegegrade Pflegebedürftige haben die Möglichkeit, ohne Risiko die formale Überleitung durch eine Begutachtung des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) überprüfen zu lassen. Eine Herunterstufung unter den Pflegegerad, der durch die formale Überleitung erreicht wurde, ist dabei ausgeschlossen. 43

44 3. d. Ermittlung der Pflegegrade 44

45 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! 45

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