Die Landesdelegiertenkonferenz der Jusos Berlin hat beschlossen: These 1: Grundverständnis jungsozialistischer Wirtschaftspolitik

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1 Die Landesdelegiertenkonferenz der Jusos Berlin hat beschlossen: These 1: Grundverständnis jungsozialistischer Wirtschaftspolitik Eine progressive Wirtschaftspolitik betrachtet in marxistischer Tradition die ökonomische Sphäre als gesellschaftlichen Unterbau. Die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft ist maßgeblich von seiner Integration und seiner Funktion im Produktionsprozess geprägt. Unser Ziel ist die Aufhebung der Funktionslogik des Kapitalismus, der demokratische Sozialismus. In keynsianischer Tradition begreifen wir unsere Aufgabe innerhalb des kapitalistischen Systems darin, Verteilungs- und Steuerungsmöglichkeiten aktiv zu nutzen. Dabei setzen wir auf staatliches Handeln genauso wie auf Verhandlungen zwischen Kapital und Arbeit und die Demokratisierung des Wirtschaftens. Wir wollen Wirtschaft gestalten und erwirtschafteten Wohlstand für alle nutzbar machen. These 2: Ziele progressiver Wirtschaftspolitik Wirtschaftspolitik ist für uns immer das Verfolgen klarer und eindeutiger gesellschaftspolitischer Ziele. Wirtschaften muss der Gesellschaft nutzbar gemacht werden, nicht umgekehrt. Wir stehen für Umverteilung von oben nach unten zur Erreichung gleicher und guter Lebensbedingungen für alle Menschen. Erwirtschafteter Reichtum muss den ArbeitnehmerInnen und der Gesellschaft als Ganzes zur Verfügung gestellt werden. Wir wollen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt erreichen, auf der Grundlage eines schonenden Umgangs mit den natürlichen Ressourcen. These 3: Was ist BIP-Wachstum? Wirtschaftliches Wachstum wird traditionell durch den Vergleich des BIP des betreffenden Jahres mit dem des Vorjahres ermittelt. Das BIP ist eine Messgröße, die den Gesamtwert aller Güter (Waren und Dienstleistungen) angibt, die innerhalb eines Jahres in den Grenzen eines Landes hergestellt wurden und dem Endverbrauch dienen nicht mehr und nicht weniger. BIP-Wachstum sagt demnach nicht mehr aus, als dass eben dieser Gesamtwert gestiegen ist, also mehr Waren produziert und Dienstleistungen geleistet wurden als im Vorjahr. Juso LDK 2011_1 Seite 33

2 These 4: Wachstum als Grundlage kapitalistischem Wirtschaftens Kapitalismus ist eine Wirtschaftsform, die ohne Wachstum nicht auskommt. Wirtschaftliche Stagnation oder Schrumpfung hieße, dass das eingesetzte Kapital entweder keine Gewinne oder sogar Verluste einbringen würde. Grundlage des Kapitalismus ist aber die Vermehrung des eingesetzten Kapitals, geschieht dies nicht, wird das Kapital vernichtet bzw. nicht mehr eingesetzt oder sucht sich neue Verwertungsmöglichkeiten. Wachstum ist demnach Grundvoraussetzung für kapitalistisches Wirtschaften. Um den Kapitalismus zu überwinden, muss der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, die Trennung des Besitzes der Produktionsmittel und denjenigen, die ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, aufgehoben werden. Auch in einer demokratisch-sozialistischen Gesellschaft kommt es darauf an, gesellschaftliche Bedürfnisse durch die Produktion von Werten und das Angebot von Dienstleistungen zu befriedigen und gesellschaftlichen und technologischen Fortschritt durch Strukturwandelsprozesse zu organisieren. These 5: Klassisches Wachstum ist auch gesamtgesellschaftlich weiter notwendig BIP-Wachstum heißt nur, dass in einem Jahr mehr Waren und Dienstleistungen erzeugt wurden, als im Vorjahr. Die Annahme, die gesellschaftlichen Bedürfnisse seien auf aktuellem Stand gedeckt, ist falsch. Nach gängiger Wirtschaftslehre gibt es sowohl innerhalb der Industriegesellschaften, vor allem aber international, einen Bedarf an mehr Gütern und Dienstleistungen, der durch Wachstum befriedigt werden muss. Die so genannten Entwicklungsländer brauchen qualitatives und auch quantitatives Wirtschaftswachstum. Nur so kann eine wirtschaftliche Substanz hergestellt werden, die die Befriedigung der Bedürfnisse der Bevölkerung zulässt. Es muss uns aber daran gelegen sein, dass dies nicht wie in den Industrieländern zu Zeiten der Industriellen Revolution geschieht. Ein Ende des technologischen Fortschritts ist zum Glück nicht abzusehen, bestes Beispiel ist die Erfindung des Internets, nachdem in den 1980er Jahren schon ein Ende des technologischen Fortschritts vorausgesagt wurde. Die Umwandlung von Innovationen in konsumierbare Ware wird einerseits immer ein Wirtschaftswachstum in bestimmten Bereichen zur Folge haben, in anderen Bereichen können aber eben diese Innovationen zu einem Wachstumsrückgang führen. Die durch den technologischen Fortschritt eingeleiteten Strukturwandelsprozesse müssen in der Summe nicht zu einem (hohen) Wachstum des BIP führen. Wichtig ist, dass Strukturwandelsprozesse so gesteuert werden, dass sie zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse aller Menschen führen. Das Predigen eines rein konsumunabhängigen Glücks ist aus demokratisch-sozialistischer Sicht nicht fortschrittlich, das eines rein konsumabhängigen allerdings ebenso wenig. Die ArbeiterInnenbewegung hat immer dafür gekämpft, dass diejenigen, die Arbeit leisten, auch an den erzeugten Werten teilhaben. Wir wollen gutes Leben für alle auf hohem Niveau. Die Befriedigung materieller Bedürfnisse ist hierbei eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung. Juso LDK 2011_1 Seite 34

3 These 6: Zur Notwendigkeit von Wachstum für den ökologischen Umbau Vor dem Hintergrund von Umweltzerstörung, dem Klimawandel und zur Neige gehender Ressourcen ist die Zukunftsaufgabe progressiver Wirtschaftspolitik, Strukturwandelsprozesse einzuleiten und zu gestalten, die Wirtschaften umweltschonend und ressourcenschonend machen. Effizienzsteigerungen und technologischer Fortschritt sind hierbei ein wichtiger Baustein. Für den Umstieg auf eine Energieversorgung aus erneuerbaren Energiequellen, den Aufbau dezentraler Netze, die Minimierung des Kohlenstoffdioxidausstoßes durch eine Senkung des Energiebedarfs der Gebäude, die durch energetische Sanierungen erreicht werden kann, Effizienzsteigerungen in der Industrie oder den Umstieg auf alternative Antriebe im Individual- und den Ausbau des öffentlichen Verkehrs sind drastische und weit reichende Strukturwandelsprozesse notwendig. Diese werden kurz- und mittelfristig BIP-Wachstum erzeugen. In der Vergangenheit haben Effizienzsteigerungen und technologischer Fortschritt in Europa nur zu einer relativen Entkoppelung geführt, d.h. der absolute Ressourcenverbrauch blieb trotz kontinuierlichem BIP-Wachstum auf hohem Niveau konstant. In den nächsten Jahren müsste jedoch eine deutliche Senkung des absoluten Ressourcenverbrauchs und des Ausstoßes klimaschädlicher Gase erzielt werden, wenn nationale und internationale Begrenzungen eingehalten werden sollen. These 7: Zur Verknüpfung von Wachstum und Umverteilung Wir kämpfen für mehr gesellschaftliche Gleichheit und setzen dazu auf Umverteilung von oben nach unten. Diese Umverteilung hat zwei Ebenen, sekundäre Verteilungspolitik kann aber Verfehlungen in der Primärverteilung nur zum Teil ausgleichen. Im Ergebnis ist ein Wachstum des Einkommens der Masse der Menschen (Lohnerhöhungen) essentiell notwendig für eine Angleichung der Lebensverhältnisse. Eine solche Umverteilung ist wesentlich leichter, vielleicht auch nur, durchsetzbar, wenn die Gesamtmasse der verteilbaren Güter steigt. Wachstum schafft deshalb Spielräume für Umverteilung, was aber noch lange nicht heißt, dass diese Spielräume automatisch genutzt werden. Die vergangene Phase wirtschaftlichen Aufschwungs beweist, dass die Nutzung dieser Spielräume auch und gerade in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität erkämpft werden muss. In der Vergangenheit ist dies der politischen Linken nicht gelungen, im Gegenteil ist in den letzten Jahren die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander gegangen. Gleichzeitig erzeugt nach dem Prinzip Autos kaufen keine Autos mehr gesellschaftliche Gleichheit immer auch Wirtschaftswachstum. Mit steigendem Einkommen sinkt der Anteil, der in den privaten Konsum fließt, die Sparquote steigt. Mehr Umverteilung bedeutet mehr Binnenkonjunktur und damit einen exportunabhängigen Aufschwung, eben Wirtschaftswachstum. Hohe jährliche Wachstumsraten und Umverteilung bedingen einander nicht zwangsläufig. Juso LDK 2011_1 Seite 35

4 These 8: Was BIP-Wachstum nicht aussagt Der Vergleich der Bruttoinlandsprodukte zweier Jahre sagt in der Tat nichts darüber aus, wie der Mehrwert verteilt wurde oder wie er erwirtschaftet wurde. Auch Naturkatastrophen oder Kriege erzeugen BIP-Steigerungen, auch in Wachstumszeiten sind sinkende Lohnquoten möglich. Das BIP ist EINE Messgröße der ökonomischen Sphäre, die eine Aussage darüber macht, wie viel in einem gegebenen Jahr produziert wurde nicht mehr und nicht weniger. Jedoch kommt dem BIP eine überhöhte gesellschaftliche und mediale Wahrnehmung zu: Eine Regierung gilt als erfolgreich, wenn das BIP wächst. Das Wachstum des BIP ist somit zum politischen Indikator und zur Maxime politischen Handelns geworden. These 9: BIP-Wachstum ist für uns weder Selbstzweck noch alleiniges Ziel Wirtschaftswachstum ist für progressive Politik weder Selbstzweck noch alleiniges Ziel. Wirtschaftswachstum eröffnet Umverteilungsmöglichkeiten und kann gesellschaftlichen und ökologischen Fortschritt bedeuten. Aber die alleinige Tatsache, dass die Wirtschaft wächst, heißt nicht, dass Wirtschaftspolitik gut ist. Wirtschaftswachstum ist ein Mittel, das geeignet sein kann, Ziele zu erreichen auch hier wieder nicht mehr und nicht weniger. Wir Jusos wollen Umverteilung, gute Löhne, Vollbeschäftigung und ein gutes Leben für alle genauso wie einen schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen, nachhaltiges Wirtschaften und ausgeglichene Außenhandelsbilanzen. Diese Ziele sind unsere Kriterien, an denen wir Wirtschaftspolitik messen. Wirtschaftswachstum ist EIN Mittel diese Ziele zu erreichen und EIN Kriterium, an denen wir wirtschaftliche Prosperität messen. EINES unter VIELEN. These 10: Zur Debatte um andere Wachstumsindikatoren In der aktuellen Debatte werden Forderungen nach anderen Wirtschaftsindikatoren zur Ersetzung des BIP laut. Diese Forderungen werden von verschiedensten politischen und gesellschaftlichen Akteuren erhoben. Von Seiten der politischen und gesellschaftlichen Linken wird die Hoffnung verbunden, mit einem neuen Indikator, der soziale und ökologische Faktoren einbezieht, diese als Ziele leichter durchsetzen zu können. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass der Erfolg von Politik in der medialen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung gegenwärtig vor allem an einem Indikator, dem BIP, abgelesen wird. Das Messen rein quantitativen Wachstums ist jedoch für unsere Zwecke nicht zielführend. Es braucht einen neuen Wachstumsbegriff. Zwar gibt es auch heute schon neben dem BIP-Wachstum Indikatoren, die unsere Ziele für wirtschaftliche Prosperität messen. Diesen Indikatoren kommt jedoch nicht die gleiche Aufmerksamkeit zu wie dem BIP. Die gesellschaftliche Linke muss für ihre Ziele kämpfen, diese benennen und für politische Mehrheiten genauso wie für die Mitarbeit möglichst vieler in Zivilgesellschaft, Politik und Gewerkschaften werben. Das Werben für qualitative Wachstumsbegriffe, die Formen der sozialen Arbeit und des Juso LDK 2011_1 Seite 36

5 Umweltschutzes berücksichtigen, kann hierbei ein wichtiger ergänzender Schritt sein. Wären diese international anerkannter Maßstab des Wachstums und nicht mehr das BIP, wäre bereits eine wichtige Grundlage für gesellschaftliches Umdenken gelegt. Auf dieser Grundlage würde es leichter gelingen, unsere politischen Ziele umzusetzen. Juso LDK 2011_1 Seite 37

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