Anrede und Grußformen im Deutschen

Advertisement


Advertisement
Ähnliche Dokumente
Was sich alles hinter Anredeformen verbergen kann. Tilman Berger Tübingen, 26. November 2009, 4:00 (Dauervorlesung im besetzten Kupferbau)

Wie Sie taktvoll begrüßen 13

ab abend Abend aber Aber acht AG Aktien alle Alle allein allen aller allerdings Allerdings alles als Als also alt alte alten am Am amerikanische

Wie soll ich Sie nur ansprechen?! Leitfaden zur richtigen Anrede von Ehrengästen

Wortformen des Deutschen nach fallender Häufigkeit:

KONTAKTE, INFORMATIONEN ZUR PERSON

Man benimmt sich wieder

Moderne Umgangsformen. im beruflichen und privaten Alltag

Das Anredesystem des Deutschen Duzen und Siezen

089 / / werden vierteljährlich halbjährlich

6 Herr Wolf und... Guten Tag, Frau Doktor

Begrüßungsrede zum Empfang der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Hanns-Seidel-Stiftung aus Anlass des 2. Ökumenischen Kirchentages

Formen und DIN-Normen im Schriftverkehr

Sprachliche Umgangsformen im Deutschen und mehreren asiatischen Sprachen - Beiträge zu einer multilingualen Arbeitsgruppe

UNTERRICHTSPLaN LEkTIoN 1

Rede von Bundespräsident Heinz Fischer anlässlich der Trauerfeier für Altbundespräsident Johannes Rau, 7. Februar 2006, Berlin

GRUNDLAGEN DER GERMANISTIK. Herausgegeben von Detlef Kremer, Ulrich Schmitz, Martina Wagner-Egelhaaf und Klaus-Peter Wegera

Auswahlbibliographie zum Studium der anglistischen Sprachwissenschaft

Berufssprache Deutsch für den Unterricht mit heterogenen Leistungsgruppen und für Jugendliche mit besonderem Sprachförderbedarf

Rede von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer zur. Überreichung. des Großen Goldenen Ehrenzeichens mit dem Stern. an Bischof Mag.

Wirtschaft und Sprache

Wer schrieb die Bibel?

Anschriften und Anreden

Joseph Deiss von Barberêche bis New York im Einsatz für das Gemeinwohl

Es war einmal die Frau...

Vorlesung und Übungen im Wintersemester 2010/11 Dozent: Josip Ivoš, mag. Germ. Wirtschaftsdeutsch I. Thema 1: Sich vorstellen

AVS - M 01. Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft/ Verantwortlich:

KAPITEL I EINLEITUNG

Business Etikette heute. Hallo ist keine offizielle Anredeform weder mündlich noch schriftlich. Ungefragt zu duzen ist übergriffig und ein no-go.

Voll korrekt! Warum gutes Benehmen im Berufsleben wichtig ist VORANSICHT

FACULTY OF LANGUAGES

A. FACHGEBIET GESCHICHTE

F) Germanistik. Folgende Module sind bei Germanistik als 1. Fach zu absolvieren:

Mündlicher Ausdruck, Aufgabe 1

Germanistik. Anna Mayer

Keine Rede ohne Gliederung

Neue Aufgabenformate Sprachmittlung

Mitarbeitendenbeurteilung

AVS - M 01. Nr. Veranstaltungen SWS LP A Pflichtbereich 1 Einführung in die Phonetik & Phonologie Einführung in die Morphologie und Syntax 2 5

125 Jahre KV-Ortszirkel Sprudel

Bachelor-Studiengang Betriebswirtschaft Bachelor-Studiengang International Business Administration. Klausur (90 Minuten)

UNIBERTSITATERA SARTZEKO PROBAK 2011ko EKAINA

Unser Bild vom Menschen

Christliche Kirchen und Zivilgesellschaft: Unabhängig oder verbunden? September 2007

SUE-Projekt: Zukunft. Global. Denken. SDGs fairbinden! Think globally! Act locally!

Der. Rote Teppich. ist für Sie. ausgebreitet

Kommunikative Methode

Die Hofmeister sozialhistorische Hintergründe und ihre Darstellung in Lenz Drama "Der Hofmeister"

Radio D Folge 12. Manuskript des Radiosprachkurses von Herrad Meese. Erkennungsmelodie des RSK

Frieden wahren mit schöpferischen Anstrengungen

Leitbild. der katholischen Kindertagesstätten Christ König Maria Himmelfahrt. Kindertagesstätte Christ König. Kindertagesstätte Maria Himmelfahrt

Einführung in die Erziehungs- und Bildungswissenschaft

Vortrag ADHS Deutschland Regionalgruppe Wuppertal. Kommunikation

Kapitelübergreifendes Projekt: Meine Deutsche / Mein Deutscher Projekteinführung Berliner Platz 1 NEU Was Sie brauchen:

Schriftliche Prüfung B1

Seelsorgeeinheit Karlsruhe-Hardt. Leitbild. der katholischen Kindertagesstätten und Kindergärten

Studiengebühren in Bayern in Deutschland isoliert, unsozial und Standortnachteil

die Corporate Behavior Guideline

Annäherungen Studien zur deutschen Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit

Eleonore von Aquitanien und ihre Nachkommen

Historiolinguistik I. Sebastian Bernhardt, Nils Burghardt und Florian Neuner

Lehrplan Englisch SII 2016 Raster UV Q-Phase LK

Einladung zur Weihnachtsvorlesung. 18. Dezember Uhr Auditorium Maximum

The Triple C: Checklist of Communication Competencies

I Mündlich kommunizieren Beitrag 22. Wissen, wer der Babo ist! Jugendsprache untersuchen VORANSICHT

Ist Ethik wichtiger als Religion? Di, , Schlatterhaus, Gespräch mit den Humanisten Tübingen Michael Seibt

TANGRAM 1 aktuell. Lektion 1 4. Glossar XXL DEUTSCH ALS FREMDSPRACHE NIVEAUSTUFE A1/1. German English Glossary Grammar summary Communication

Klartext Eine Arbeitshilfe für geschlechtergerechtes Formulieren

GOETHE-ZERTIFIKAT A1 FIT IN DEUTSCH 1

Persönliche Korrespondenz im Beruf. Anlass

LehrplanPLUS Gymnasium Katholische Religionslehre Klasse 5. Die wichtigsten Änderungen auf einen Blick. 1. Grundwissen/grundlegende Kompetenzen

Die Orthodoxe Kirche

Richtiges Benehmen Zeitgemäße Umgangsformen

Fremdwörter in der Jugendsprache

Grußwort von Ortsvorsteher Hans Beser zum 50-jährigen Jubiläum der Christuskirche Ergenzingen am 16. Juni 2012

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

KULLEĠĠ SAN BENEDITTU Boys Secondary, Kirkop

Guten Abend! Wie geht es Euch?

Worte von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer. anlässlich des Empfanges der. Theodor-Körner-Preisträger. am Montag, dem 24.

Naturverständnis und Naturdarstellung in Goethes "Die Leiden des jungen Werther"

Wissenschaftliches Schreiben. Recherche- und Schreibseminar Melanie Seiß

Russisch zu lernen. In ihrem Tagebuch berichtet sie am 8. November 1942 von ihren Erfahrungen: Ich nehme Russischstunden bei einem alten Armenier,

Begrüßung zum Festakt zum Tag der Deutschen Einheit am , Uhr, Ratssaal

Ehrenpromotion von Prof. Dr. DDr. hc. Franz-Xaver Kaufmann und Dr. Wunibald Müller

Kulturelle Norm und semantischer Wandel

Die Ökumene heute und ökumenische Zielvorstellungen in evangelischer Sicht. Prof. Dr. Hans-Peter Großhans

Österreichisches Sprachdiplom Deutsch

Sprachleitfaden. für die Universität Bayreuth. Empfehlungen für einen geschlechter- und diversitätsgerechten Sprachgebrauch

Evaluation Bilingualer Politik/Wirtschaft-Unterricht am FRG 1

Besuch des Bundespräsidenten

Sprachliche Höflichkeit zwischen Etikette und kommunikativer Kompetenz

Teil 1: Wider Unterdrückung und Benachteiligung: Christine de Pizan als erste Feministin

Grußwort. von. Herrn Minister. Professor Dr. Wolfgang Reinhart MdL. Buchpräsentation. Tagebuch der Prinzessin Marianne.

57 Szene 1: Der Zug der Geister 58 Szene 2: Schillers Antrittsvorlesung 59 Szene 3: Ein seltsamer Geruch Texte der Hörszenen: S.

Valenz und Satzaufbau. In: Handbuch Sprachliches Wissen, Bd. 4: Satz, Äußerung, Schema, hrsg. von Christa Dürscheid und Jan Georg Schneider

Grusswort von Regierungsrat Dr. Remo Ankli, Präsident der Diözesankonferenz des Bistums Basel und Kirchendirektor des Kantons Solothurn

Katechese Standards und Ziele der Katechese in sich verändernden Zeiten. Stefan Altmeyer

Vertrauen = 49 Mio Respekt = 35 Mio Sympathie = 10 Mio Freundlichkeit = 8 Mio Wertschätzung = 4 Mio

Angewandte Linguistik und Computer

1 B Kloster: Gelübde. 1 A Kloster: Mönch. Wie nennt man einen männlichen Bewohner eines Klosters?

Advertisement
Transkript:

Zeitschrift des Verbandes Polnischer Germanisten Czasopismo Stowarzyszenia Germanistów Polskich 3 (2014), 2: 173 187 doi:10.4467/23534893zg.14.010.2932 www.ejournals.eu/zvpg Bernd Spillner Duisburg Anrede und Grußformen im Deutschen Abstract Terms of address and personal salutation are the most important features for starting communicative contacts. There are almost no information in dictionaries and in grammars, and very few in manuals for teaching foreign languages. This paper deals, for oral and written communication in German, with the most important conventions of address: on the pronominal and nominal level and in the domain of protocol. Moreover some examples of diachronic change are discussed. Key words: Address, salutation, nominal and pronominal terms of address, historical change. 1. Anredeformen als Gegenstand der Linguistik Anrede und Grußformen gehören in einer Sprache zu den wichtigsten kommunikativen Handlungen. Dennoch werden diese Sprachhandlungen im Sprachunterricht kaum behandelt. Auch Grammatiken und Wörterbücher geben nur in seltenen Fällen Angaben über Anredekonventionen. Allenfalls findet man Hinweise in Ratgebern zum guten Ton, Benimm-Handbüchern, Briefstellern etc. Tatsächlich aber haben Verstöße gegen bestehende Konventionen beträchtliche kommunikative Folgen. Wenn man sich beim Reden verspricht, wenn einem beim Fremdsprachengebrauch ein grammatischer Fehler unterläuft, dann bleibt dies normalerweise ohne Konsequenzen. Wählt man aber unbedacht eine falsche Anrede oder irrt man sich beim Titel einer Persönlichkeit, kann dies ungeahnte Folgen haben. Langjährige Geschäftsbeziehungen können abrupt enden; Angeredete können sich beleidigt fühlen. Der Grund dafür: bei einem kleinen grammatischen Fehler oder einer nicht ganz korrekten Aussprache wird jeder Hörer dieses

174 Bernd Spillner Mißgeschick sofort auf die Sprache schieben und verzeihen. Bei einer unkorrekten Anrede aber denkt niemand an sprachliche Ursachen, sondern fühlt sich persönlich betroffen. Im Sprachenunterricht lernt man mit viel Aufwand die korrekte Orthographie, aber viel zu wenig über die angemessenen sprachlichen sozialen Konventionen. Im Fremdsprachenunterricht lernt man meistens nicht, wie man im Ausland telefoniert (nämlich oft ganz anders als im eigenen Land) oder mit welchen interkulturellen Kontrasten zu rechnen ist. Ausländer übertragen leicht irrtümlich Strukturen ihrer Muttersprache auf das Deutsche (zu kontrastiven Aspekten der Anrede vgl. u.a.: Kohz 1982; Tomiczek 1983; Braun/Kohz/Schubert 1986; Kielkiewicz-Janowiak 1992; Lubecka 1993; Buchenau 1997; Guguła 1998). Sprachliche Umgangsformen, Anredekonventionen, Grußformen, Titel, korrekte Amtsbezeichnungen sind also sehr wichtig. In Wörterbüchern und Grammatiken findet man in der Regel keine systematischen Angaben zu Anreden und Grußformen, auch nicht in Fremdsprachenlehrwerken. Die wenigen existierenden Anrede-Handbücher sind daher sofern sie nicht diachronisch angelegt sind präskriptiv angelegt. 2. Pragmatische Aspekte der Anrede Die korrekte Anrede ist für die zwischenmenschliche Kommunikation sehr wichtig. Dies lässt sich leicht aus dem situativen Handeln ableiten, das alle Anredeformen begleitet. Eine Anrede steht immer am Anfang einer kommunikativ-sozialen Beziehung. Sie ist verbunden mit einer ersten Kontaktaufnahme, oft der ersten persönlichen Wahrnehmung. Umso wichtiger ist es, den verbalen Einstieg in eine soziale Beziehung nicht durch Missgeschick zu belasten, sondern positiv zu gestalten. Und dazu gehört entscheidend die richtig gewählte Anrede. Durch Anrede wird sprachliche Kommunikation initiiert. Zu unseren gesellschaftlichen Konventionen gehört es, daß man nicht unvermittelt zu irgendeinem Thema auf jemanden einredet. Man muß erst wissen, wer mit wem spricht. Man muß sich also auf eine konventionell festliegende Weise miteinander bekannt machen. Mündliche, aber auch schriftliche Anredehandlungen sind also ein erster wichtiger Schritt zur Anbahnung sprachlicher Kommunikation. Durch Anrede wird aber auch eine soziale Beziehung zwischen den Kommunikationspartnern hergestellt und eine gesellschaftliche Rangordnung etabliert bzw. vereinbart. Schon durch die Anrede

Anrede und Grußformen im Deutschen 175 Herr oder Frau wird die oder der Angeredete einer sozialen Gruppe zugeordnet. In manchen Kulturen bzw. Sprachen kann - ähnlich wie früher durch die deutsche Bezeichnung Fräulein - der angeredete Kommunikationspartner in die Gruppe der unverheirateten weiblichen Personen eingestuft werden. Durch Anreden wie Majestät werden soziale Unterschiede ausgedrückt, durch Anreden wie Herr Kollege soziale Gleichberechtigung und Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Berufsgruppe. So tragen Anredeformen dazu bei, die sozialen Positionen der Kommunikationspartner sprachlich festzulegen. Anrede ist meist gekoppelt an Grußformen, oft auch an gute Wünsche für den Angeredeten. Sie drückt Aufmerksamkeit aus und Interesse für den Kommunikationspartner. Dies gilt, obwohl viele Anredeformen solche kommunikativen Funktionen verloren haben und reine Formeln geworden sind. Wenn man Guten Morgen sagt, muß man dabei nicht mehr an einen Wunsch für einen positiven Verlauf des Vormittags denken. Mit dem englischen How do you do? meint man keineswegs eine Erkundigung nach dem physischen und psychischen Wohlbefinden des Angesprochenen. Die Frage ist längst eine bloße Floskel geworden. Dies ändert aber nichts an der prinzipiellen Begrüßungsfunktion einer Anrede. Anreden sind Ausdruck der sozialen Tugend Höflichkeit. Wichtig ist bereits, wer den anderen zuerst anredet und begrüßt. Auch die sprachliche Form der Anrede sollte Höflichkeit und Wertschätzung ausdrücken. Die in manchen Verwaltungsbüros übliche Anrede Mahlzeit ist ein abschreckendes Beispiel dafür, wie man Takt und Höflichkeit missachten kann. Anrede ist häufig mit Namensnennung verbunden. Ein Name bezieht sich immer auf eine einzelne Person (das stimmt auch dann, wenn viele Menschen Müller heißen). Die oder der Angeredete wird personalisiert, individualisiert. Man gibt sprachlich zu erkennen, daß man nur sie oder ihn meint und niemanden sonst. Ich habe Dich bei Deinem Namen genannt, heißt es schon in der Bibel. Jemanden durch Anrede bei seinem Namen nennen heißt also, ihn als Individuum ernst zu nehmen und ihn als Persönlichkeit anzuerkennen. Eine angemessene Anrede erkennt nicht nur wertschätzend den Angeredeten an, sondern sie gibt auch Aufschluß über den Anredenden. Er gibt damit zu erkennen, daß er sprachliche und gesellschaftliche Normen beherrscht, anerkennt und respektiert. Eine korrekte Anrede ist dadurch auch eine soziale Visitenkarte dessen, der sie formuliert. Anreden können auch solidarisierende Funktionen haben. Wenn sich Mitglieder einer Gruppe gegenseitig duzen oder mit Anreden wie Genosse oder Bruder titulieren, betonen sie Zusammengehörigkeit und Identifizierung mit der Gruppe. In der Geschichte der Arbeiter-

176 Bernd Spillner bewegung haben solche Anredeformen ebenso eine Rolle gespielt wie etwa in religiösen Gemeinschaften. Eine Anrede kann auch die Anerkennung des sozialen Ranges eines Angeredeten zum Ausdruck bringen. Durch Anreden wie Herr Professor oder Herr Generaldirektor werden berufliche Leistungen anerkannt. Auch hier geht es also nicht nur um sprachliche Formulierung, sondern um gesellschaftliches Prestige. Im fremdsprachlichen Bereich gibt ein Anredender durch die zielsprachig korrekte Anrede zu verstehen, daß er Sprache und Kultur des Adressaten wenigstens teilweise kennt und angemessen verwenden kann. Eine solche Geste wird in vielen Ländern aufmerksam und dankbar registriert. 3. Anrede im deutschen Sprachraum 3.1 Soziale Konventionen der pronominalen Anrede Im Deutschen ist der wichtigste Unterschied in der pronominalen Anrede der Gegensatz zwischen du und Sie (und den jeweils zugehörigen Deklinationsformen). Üblicherweise erklärt man die Anrede Du als Form der Vertraulichkeit, der persönlichen Nähe, des informellen Gespräches, des lockeren sozialen Umfangs. Dagegen wird die Anrede Sie als Form des offiziellen Umgangs, der persönlichen Distanz, der förmlichen Kommunikation, des offiziellen gesellschaftlichen Verkehrs eingestuft. Dies ist nicht falsch, aber tatsächlich sind die Zusammenhänge etwas komplizierter. Zunächst einmal ist festzuhalten, daß es Fälle von obligatorischem Sprachgebrauch gibt, ganz unabhängig davon, ob es um ungezwungene oder förmliche Kommunikation geht. Kinder und Jugendliche duzen sich untereinander ganz gleich, in welchem Förmlichkeitsgrad sie miteinander umgehen. Ähnlich werden Kinder im Deutschen von Erwachsenen prinzipiell mit Du angeredet. Dabei kann man natürlich trefflich darüber streiten, von welchem Alter an ein Heranwachsender das Recht auf die Sie -Anrede erwirbt. Es gibt auch soziale Gruppen, in denen sich die Mitglieder aufgrund einer tradierten Norm prinzipiell duzen, ob sie sich nun persönlich kennen oder nicht. Dies betrifft politische Parteien, besonders jene, die sich historisch der Tradition der Arbeiterbewegung verpflichtet fühlen. Hier ist die Anrede Du Ausdruck von Gemeinsamkeit, Solidarität, gleicher Gesinnung. Die pronominale Anrede geht oft einher mit nominalen Anredeformen wie Genosse. Der Gebrauch des solidarischen Du scheint jedoch (im Gegensatz zum jugendlichen Du ) zurückzugehen. Auch ohne Bezug zur Arbeiterbewegung gibt es in vielen gesellschaftlichen Gruppen den gemein-

Anrede und Grußformen im Deutschen 177 schaftsbetonenden Gebrauch der Anrede Du. Dazu gehören Vereine, kleinere religiöse Gemeinschaften, Stammtische, Fußballmannschaften, Schützenbruderschaften, Karnevalsgesellschaften usw. Weniger gruppenbezogen, dafür eher situativ bestimmt ist die Verwendung der formlosen Du -Anrede bei manchen Freizeitbeschäftigungen. So gibt es eine Art Bergsteiger-Du, das mit Sprüchen begründet wird wie Über 2000 Höhenmeter wird du gesagt. Auch bei Ferienaufenthalten, insbesondere in Club-Anlagen gehört es oft zur Ideologie (zur Club-Philosophie ), dass alle Urlauber sozial gleich sind, sich mit Vornamen anreden und sich duzen. Dafür sorgen die Club-Animateure. Man könnte von einem All inclusive-du sprechen. Kennzeichen dieser situationsbezogenen Anrede ist, dass sie nach der gemeinsamen Aktivität (dem Urlaub) endet. Für etwas ältere Menschen gilt nach wie vor das Siezen als die neutrale Form, die normale Anrede unter Erwachsenen, solange nicht irgendeine nähere persönliche Beziehung besteht. Die Anrede Du auch in beruflicher Umgebung ist jedoch in der jüngeren Generation im Vormarsch. 3.2. Aspekte des historischen Wandels Als Systeme sozialer kommunikativer Beziehungen können sich Anredeformen in dem Maße verändern, in dem sich gesellschaftliche Strukturen historisch wandeln. Wenn man sich über die Anredegewohnheiten zu früheren Zeiten informieren möchte, gibt es für die mündliche Anrede einige Schwierigkeiten. Schließlich verfügen wir für zurückliegende Jahrhunderte nicht über Tonbandaufzeichnungen von Gesprächen und Begrüßungssituationen. Oft lassen sich die mündlichen Anredeformen aber aus schriftlichen Anreden erschließen oder aus Beschreibungen von Grammatikern, Höflingen, Reisenden und Kaufleuten. Von ihnen wissen wir, wie sich der deutsche Kaiser Otto oder der türkische Großwesir im ottomanischen Reich anreden ließ. Oft geben auch alte Sprachbücher durch ihre Musterkonversationen Aufschluß. Schließlich lassen sich alte Anredeformen auch aus alten literarischen Texten, insbesondere Theaterstücken, entnehmen. Eine gute Quelle für mittelalterliche mündliche Anredeformen ist das um 1200 entstandene Epos Parzival von Wolfram von Eschenbach. Aus den dargestellten Dialogen geht hervor, daß die Ritter sich untereinander mit ir anreden. Aber es gibt auch eine Du -Form und asymmetrische Kommunikation bei sozialen Standesunterschieden. Dies wird sehr deutlich an einem kurzen Dialog, den König Artus mit einem seiner Knappen führt: Hin zem knappen sprach er dô nu sage mir, ist Gâwân vrô? jâ, hêrre, ob ir wellet...

178 Bernd Spillner Der Knappe wendet sich also in der Distanzanrede ir an den König, während Artus die vertrauliche Anrede verwendet. Auch über nominale Anredeformen am mittelalterlichen Hofe gibt das Epos Aufschluß, zum Beispiel dann, wenn Artus seinen Knappen mit trûtgeselle mîn anredet (neuhochdeutsch etwa mein lieber vertrauter Gefährte ). Auch Anredewechsel läßt sich aus der zitierten Quelle erschließen. Der Gralskönig Anfortas und Parzival kommunizieren zunächst in der distanzierten förmlichen Anredeform: Anfortas sprach ze Parzivâl hêr, iwer bruoder hât den grâl... Später, nachdem sich herausgestellt hat, daß Anfortas der Onkel von Parzival ist, wird in einem neuen Gespräch auf die unter Verwandten angemessene vertrauliche Anredeform umgeschwenkt. Parzival formuliert nämlich in seiner berühmten Erlösungsfrage an den leidenden Anfortas: œheim, waz wirret dier? (neuhochdeutsch etwa: Onkel, was fehlt dir, woran leidest du? ) Gleichzeitig fällt an diesem Zitat auf, daß der Sprecher um 1200 natürlich die Verwandtschaftsanrede Oheim verwendet. Tatsächlich sind die deutschen Anredeformen Onkel und Tante erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus dem Französischen entlehnt worden und haben nach und nach die alten Anreden Oheim und Muhme verdrängt. Ein Beispiel für politisch verordneten Anredewechsel gibt die Französische Revolution, als schlagartig alle privilegierten Anredeformen für den Adel und die Geistlichkeit abgeschafft wurden. Statt dessen wurde im Sinne sozialer Gleichheit die allgemeine Anrede Citoyen verordnet. Auch in der Bundesrepublik Deutschland gab es politisch bedingt in der Zeit nach 1968 einen verblüffend schnellen Wandel in den mündlichen Anredekonventionen. Bis 1968 galt unter Studierenden, sofern sie sich nicht aus der Schulzeit kannten oder befreundet waren, die Anrede Sie. Aufgrund des politischen Aufbruchs der studentischen Jugend, gemeinsamer Protestbewegungen und egalitärer Tendenzen setzte sich um 1970/71 binnen ein bis zwei Semestern das solidarische Du durch (vgl. dazu: Augst 1977; Winter 1984; Völpel 1988; Yamashita 1990; Kretzenbacher/Segebrecht 1991; Amendt 1995; Pastor 1995; Besch 1998). Bis heute ist Du die Normanrede unter gleichaltrigen Studenten. In letzter Zeit haben im Arbeitsleben Gleichstellungsbestrebungen dazu geführt, dass Berufs- und Funktionsbezeichnungen konsequenter als früher feminisiert wurden. Bezeichnungen und Anredeformen wie Lehrerin oder Direktorin gibt es schon lange. Aber erst in den letzten Jahren setzen sich Anredeformen wie Frau Präsidentin, Frau Justitiarin Meier (früher: Frau Präsident, Frau Justitiar Meier ) wirklich durch. Ob man jedoch gramma-

Anrede und Grußformen im Deutschen 179 tisch falsche Anredeformen wie Frau Magistra Meier übernehmen sollte, muss jeder für sich selbst entscheiden. In den letzten beiden Jahren verbreitet sich unter jungen Leuten sehr schnell die generalisierende mündliche Anrede Hallo. In Situationen, in denen man bislang angemessen Guten Morgen sagt oder Guten Tag, Herr Doktor Schröder, wird jetzt Hallo verwendet. Das Wort Hallo ist im Deutschen eigentlich nur üblich als Zuruf zwischen räumlich entfernten Sprechern oder bei Kommunikationsstörungen am Telefon. Sein Vordringen im Deutschen in Anredefunktion ist mitbedingt durch andere Sprachen, insbesondere des Englischen. Hallo ist generell verwendbar, ob man einen Adressaten kennt oder nicht, ob er männlich ist oder weiblich, erwachsen oder nicht. Man muss den begleitenden Gruß auch nicht nach der Tageszeit differenzieren. Mit Hallo braucht man auch nicht mehr zu unterscheiden, ob man den Onkel vor sich hat oder den Opa. Die Antwort auf die Anrede Hallo heißt Hallo. Anerkennen muß man immerhin, daß dieser Ausdruck die Anredelücke der deutschen Sprache für erwachsene Adressaten füllt, deren Namen man nicht kennt. Davon abgesehen, läßt die modische Hallo-Form alle Anredekonventionen von Höflichkeit und individueller Zuwendung vermissen. Zumindest als Anrede für bekannte Personen ist Hallo deplaziert. Es bleibt abzuwarten, welche sprachliche Anredekonvention sich künftig im Deutschen durchsetzt. 4. Nominale Anrede im Privatbereich Wenn die pronominale Anrede du ist, geschieht die nominale Anrede im Deutschen grundsätzlich mit dem Vornamen. Beispiel: Hans, darf ich dich zu einem Bier einladen? Unter Verwandten geschieht die Anrede mit einer Verwandtschaftsbezeichnung und dem Vornamen. Onkel Fritz Tante Luise Ohne Vornamen werden Mama/Mutti/Mutter, Papa/Vati/Vater, Oma/ Omi und Opa/Opi verwendet. Unter Personen, die sich siezen, ist die Anredeform im Deutschen prinzipiell

180 Bernd Spillner Herr/Frau + Familienname Herr Meier Frau Schmidt Anmerkung: Die früher verwendete Anrede Fräulein für eine nicht verheirate Frau existiert seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr. Sie sollte auch im Fremdsprachenunterricht (Deutsch als Fremdsprache) nicht unterrichtet werden. Die Anredeform Herr/Frau + Familienname wird gewöhnlich mit einer Begrüßung verbunden, die je nach Tageszeit variabel ist: Guten Morgen, Guten Tag, Herr Meier/Frau Schmidt Guten Abend, Wenn man den Familiennamen der anzuredenden Person nicht kennt, gibt es im Deutschen ein Anredeproblem. Es gibt in diesem Fall keine neutrale Form wie in einigen anderen Sprachen (wie z.b. im Französischen Madame/Monsieur/Mademoiselle ). Das Deutsche hat hier also eine Lücke im Anredesystem. Man behilft sich dann im Deutschen mit der Begrüßungsform: Guten Morgen! Guten Tag! Guten Abend! oder mit neutralen Funktions- oder Berufsbezeichnungen: Herr Kollege Frau Nachbarin Herr Bürgermeister Herr Wachtmeister (für einen Polizisten) Kumpel (umgangssprachlich) Sportsfreund (umgangssprachlich) Guten Tag, junger Mann (sehr umgangssprachlich, wird ohne Altersunterschied verwendet) Im Deutschen spielt die Verwendung akademischer Titel (z. B. Doktor, Professor ) auch in der Anrede eine Rolle.

Anrede und Grußformen im Deutschen 181 Beispiel: Frau Doktor Baum Herr Doktor Eisenbart In Österreich wird auch der akademische Grad Magister in der Anrede verwendet. Beispiel: Herr Magister Angermeier Wenn ein Anzuredender mehrere akademische Grade hat (z. B. Professor und Doktor ), wird in der Anrede nur der höherrangige Titel verwendet. Beispiel: Herr Professor Meier Personen mit akademischem Grad lassen die akademischen Titel in der Anrede untereinander weg. Professoren reden sich also nur mit Familiennamen an. In der schriftlichen Anrede also in Briefen - sind einige Besonderheiten zu beachten. Hier wird als Zusatz zur namentlichen Anrede förmlich: Sehr geehrte (Frau + Familienname) Sehr geehrter (Herr + Familienname) vertraulich: Liebe (Frau + Familienname) Lieber (Herr + Familienname) verwendet. Nur in sehr förmlichen Briefen und nur gegenüber Damen wird mitunter folgende Anrede verwendet: sehr förmlich: Sehr verehrte (Frau + Familienname) und als Variante davon sehr förmlich/vertraulich: Sehr verehrte liebe (Frau + Familienname) In der Briefanrede werden z. T. Abkürzungen benutzt.

182 Bernd Spillner Zu unterscheiden ist allgemein die Briefanschrift (auf dem Umschlag und unter dem Briefkopf) und die Briefanrede. Briefanschrift: Herrn Prof. Dr. Julius Hinterhuber Universität Bonn Kopernikusstr. 18. 50122 Bonn Briefanschrift: Frau Akademische Rätin Dr. Ursula Neumann, Freiherrenweg 12. 45355 Essen Briefanrede: Sehr geehrter Herr Prof. Hinterhuber, Briefanrede: Sehr geehrte Frau Dr. Neumann, Anmerkung: Die Konventionen der Anredeformen im Deutschen entwickeln sich im Deutschen durch die Verwendung neuer Kommunikationsmedien wie SMS und E-mail. Allgemein ist zu beobachten, dass die Anredeformen dadurch kürzer und weniger formell werden. 5. Protokollarische Anredeformen In vielen Ländern und Kulturen gibt es Anredeformen, die mehr oder weniger streng amtlich normiert sind oder national protokollarisch geregelt sind. Zu den Bereichen, in denen dies geschieht, gehören das Militär, die Regierung und die staatliche Verwaltung, die Diplomatie und der Bereich der Religionen und Kirchen. Ähnliche protokollarische Konventionen gibt es in einigen Ländern für den Adel oder für sprachliche Relikte adliger Anredeformen. Für den Bereich der protokollarischen Anredenormen werden hier nur sehr häufige und wichtige Anreden aufgeführt. Für den Fremdsprachenunterricht sind sie nicht zentral wichtig. Für die nationale und internationale Korrespondenz und für internationale Begegnungen in Politik und Handel sind sie jedoch sehr bedeutsam, da die Empfänger und Gesprächspartner oft sehr großen Wert auf die ihrem Rang entsprechende Anrede legen. Der Adel als gesellschaftliche Institution wurde in Deutschland 1918 abgeschafft. Dennoch existieren in Namen und Anredeformen einige Elemente weiter. Das früher den Adel kennzeichnende von gibt es weiterhin. Da es offiziell Bestandteil des Namens ist, darf es weder in der mündlichen noch in der schriftlichen Anrede fehlen.

Anrede und Grußformen im Deutschen 183 Briefanschrift Schriftliche Anrede Mündliche Anrede Frau Jutta von Meisenburg Sehr geehrte Frau von Meisenburg, Frau von Meisenburg Dieselbe Regel gilt für Adelstitel (z.b. Graf, Freiherr, Freifrau, Herzog). Auch sie sind Bestandteil des Familiennamens. Briefanschrift Schriftliche Anrede Mündliche Anrede Herrn Kurt Graf von Rheinfels Sehr geehrter Graf von Rheinfels, Graf von Rheinfels Die alten Adelsprädikate (z. B. Durchlaucht, Hoheit ) existieren nicht mehr. Dennoch lassen sich Namensträger oft noch gern so anreden. Die Anredeformen des früheren Adels in Deutschland sind sehr kompliziert und regional unterschiedlich. Im Zweifelsfall sollte man sich in speziellen Nachschlagewerken (z. B. im Gothaischen genealogischen Taschenbuch der adeligen Häuser ) informieren. Streng hierarchisch sind die militärischen Ränge getrennt nach Heer, Marine und Luftwaffe (Informationen gibt es im Internet über die Startseite des Verteidigungsministeriums). Die Anredeformen entsprechen jenen des beruflich-geschäftlichen Bereiches mit dem Zusatz des Dienstgrades. Briefanschrift Schriftliche Anrede Mündliche Anrede Herrn Oberst Dieter Neumann Sehr geehrter Herr Oberst Neumann, Herr Oberst oder: Herr Neumann Im Bereich der Diplomatie legt man traditionell Wert auf konventionelle und korrekte Anredeformen. Dabei werden auch sehr komplizierte Bezeichnungen verwendet.

184 Bernd Spillner Briefanschrift Schriftliche Anrede Mündliche Anrede Botschafter An S.E. Sehr geehrter Herr Botschafter, Herr Botschafter Exzellenz, oder: oder: den Botschafter der Sehr geehrter Herr Doktor Exzellenz Bundesrepublik Deutschland Anheuser, in (Land) oder: Herrn Dr. Exzellenz, Fritz Anheuser Herrn Sehr geehrter Herr Vortragender Herr Vortragender Joachim Vogel Legationsrat, Legationsrat Vortragender Legationsrat oder: I. Klasse Sehr geehrter Herr Vogel, Herr Vogel Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in (Ort) Die Dienstränge können über die Startseite des Auswärtigen Amtes (Außenministeriums) ermittelt werden. Bei den kirchlichen Anredeformen ist in Deutschland prinzipiell zwischen der römisch-katholischen Kirche und den evangelischen (protestantischen) Kirchen zu unterscheiden. Der einfachste Dienstrang in katholischen Pfarrgemeinden lautet Priester (oder,pfarrer ). Sie werden wie folgt angeredet (vgl. dazu Spillner 2001): Beispiel: Briefanschrift Schriftliche Anrede Mündliche Anrede Herrn Pfarrer Hochwürden, Herr Pfarrer Alois Huber oder: Pfarrgemeinde Hochwürdiger St. Valentin Herr Pfarrer, Schwieriger sind die Anredeformen bei den höheren Rängen der (hierarchisch organisierten) katholischen Kirche. Briefanschrift Schriftliche Anrede Mündliche Anrede Bischof: Seiner Exzellenz Eure Exzellenz, Exzellenz Dem Hochwürdigen Herrn Bischof von Paderborn

Anrede und Grußformen im Deutschen 185 Kardinal: Seiner Eminenz Eure Eminenz, Eminenz Karl Kardinal Lehmann Bischof des Heiligen Stuhles von Mainz In den evangelischen Gemeinden lautet der einfachste Dienstrang in den Kirchengemeinden Pastor (oder Pfarrer ). Die üblichen Anredeformen lauten wie folgt: Briefanschrift Schriftliche Anrede Mündliche Anrede Herrn Pastor Sehr geehrter Herr Pastor Meier, Herr Pastor Friedrich Meier oder: Lutherkirche Herr Meier Duisburg-Meiderich Herrn Bischof Sehr geehrter Herr Bischof Jansen, Herr Bischof Jansen Jan Jansen oder: oder: Evangelisch-lutherische Sehr geehrter Herr Bischof, Herr Bischof Landeskirche Oldenburg Zu beachten ist, dass alle Amtsträger in den evangelischen Landeskirchen weiblich sein können. Die Anredeformen für höhere Funktionsträger in Verwaltung, Politik und Regierung orientieren sich prinzipiell an jenen des beruflich-geschäftlichen Bereichs. Bundeskanzlerin: Frau Sehr geehrte Frau Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel Bundeskanzlerin Merkel, Merkel Bundeskanzlerin der oder: oder: Bundesrepublik Deutschland Sehr geehrte Frau Frau Doktor Merkel Dr. Merkel Bundespräsident: Herrn Sehr geehrter Herr Herr Bundespräsident Joachim Gauck, Bundespräsident Gauck, Gauck Bundespräsident der oder: oder: Bundesrepublik Deutschland Sehr geehrter Herr Herr Bundespräsident Bundespräsident,

186 Bernd Spillner Da die protokollarischen Anredeformen in einigen Bereichen (Adel, Kirche, kirchliche Orden, Militär, Diplomatie etc.) oft sehr kompliziert sind und sich oft interkulturell beträchtlich unterscheiden, empfiehlt es sich, für die Anrede und besonders für die offizielle Korrespondenz einschlägige Ratgeber zu konsultieren (siehe u.a. Braun 1988; Dunkling 1990; Finck von Finckenstein 2 1992; Spillner 2001). Nur das letztgenannte Handbuch ist für mehrere Sprachen und interkulturell konzipiert. Literaturverzeichnis Amendt, Gerhard (1995): Du oder Sie: 1945 1968 1995, o. O.[Bremen]: Ikaru. Augst, Gerhard (1977): Zur Syntax der Höflichkeit (Du Ihr Sie). In: Gerhard Augst: Sprachnorm und Sprachwandel. Vier Projekte zu diachroner Sprachbetrachtung. Wiesbaden: Athenaion 1977 [=Studienbücher zur Linguistik und Literaturwissenschaft 7], 13 60. Besch, Werner ( 2 1998 [ 1 1996]): Duzen, Siezen, Titulieren. Zur Anrede im Deutschen heute und gestern. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht. Braun, Friederike / Kohz, Armin / Schubert, Klaus (1986): Anredeforschung. Kommentierte Bibliographie zur Soziolinguistik der Anrede. Tübingen: G. Narr. Braun, Friederike (1988): Terms of Address. Problems of Pattern and Usage in Various Languages and Cultures. Berlin u. a: de Gruyter. Buchenau, Klaus (1997): Die Distanzrede im Russischen, Polnischen und Deutschen und ihre historischen Hintergründe. Frankfurt am Main usw.: Peter Lang. Dunkling, Leslie (1990): A Dictionary of Epithets and Terms of Address. London/New York: Routledge. Finck von Finckenstein, Theodor Graf ( 2 1992): Protokollarischer Ratgeber. Hinweise für persönliche Anschriften und Anreden im öffentlichen Leben. Köln: Bundesanzeiger. Guguła, Paweł (1998): Vergleichende Analyse deutscher und polnischer Umfragen zum du/ Sie-Verhältnis. In: Studia Niemcoznawcze, 16, 351 361. Kielkiewicz-Janowiak, Agnieszka (1992): A Socio-Historical Study in Address: Polish and English. Frankfurt am Main usw.: Peter Lang. Kohz, Armin (1982): Linguistische Aspekte des Anredeverhaltens. Untersuchungen am Deutschen und Schwedischen; mit einer selektiven Bibliographie zur Linguistik der Anrede und des Grusses. Tübingen [=Kommunikation und Institution 5]: G. Narr. Kretzenbacher, Heinz Leonhard / Segebrecht, Wulf (1991): Vom Sie zum Du mehr als eine neue Konvention? Hamburg: Luchterhand. Lubecka, Anna (1993): Forms of Address in English, French and Polish. Kraków [= Universitas Iagellonica. Acta Scientiarum Litterarumque MXC. Schedae Grammaticae, Fasciculus CXV]. Pastor, Eckart (1995):»SEIT WANN SIEZEN WIR UNS EIGENTLICH?«Zur Geschichte der pronominalen Anredeformen im Deutschen. Ein Streifzug durch Literatur- und Sprachgeschichte. In: Germanistische Mitteilungen, 42, 3 17. Spillner, Bernd (2001): Die perfekte Anrede. Schriftlich und mündlich, formell und informell, national und international. Landsberg/Lech: Verlag Moderne Industrie. Tomiczek, Eugeniusz (1983): System adresatywny współczesnego jezyka polskiego i niemieckiego. Socjolingwistyczne studium konfrontatywne. Wrocław: Uniwersytet Wrocławski [= Acta Universitatis Wratislawiensis 730].

Anrede und Grußformen im Deutschen 187 Völpel, Susanne (1988): Die Entwicklung und Funktion pronominaler Anredeformen. Eine vergleichende Analyse exemplarischer Texte unterschiedlicher Epochen. Berlin: Pädagogisches Zentrum. Winter, Werner (Hrsg.) (1984): Anredeverhalten. Tübingen: Narr. Yamashita, Hitoshi (1990): Vom Sie zum Du? Eine empirische Erhebung zu Funktion und Gebrauch der deutschen Anredepronomina. Duisburg: L.A.U.D. [=Ser. B 218].