Rudolf Steiner MAX STIRNER

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Rudolf Steiner MAX STIRNER Erstveröffentlichung in: Magazin für Literatur 1898, 67. Jg., Nr. 26 (GA 32, S. 211-218) «Die Deutschen haben ihren kühnsten und konsequentesten Denker so lange und gänzlich vergessen, dass sie jedes Anrecht auf das Geschenk seines Lebens verloren haben.»

[212] Der tapfere Dichter derjenigen Weltanschauung, die von dem Geiste dieses kühnen Denkers durchdrungen ist, John Henry Mackay spricht diese Worte auf der ersten Seite des Buches aus, indem er s Leben beschreibt. Ich glaube, es wird heute nicht viele geben, die die Bitterkeit dieser Worte als gerecht empfinden. Aber einige Menschen gibt es in der Gegenwart, die ein gleiches Gefühl des Schmerzes haben müssen, wenn sie daran denken, dass s Hauptschrift «Der Einzige und sein Eigentum», die im Jahre 1845 erschienen ist, durch Jahrzehnte in Deutschland der völligen Vergessenheit anheimgefallen war, bis sie dem Stirner kongenialen Mackay im Jahre 1888 im Britischen Museum in London in die Hände fiel und durch dessen rastlose Arbeit eine Auferstehung erlebte. Dieses Gefühl des Schmerzes muss in denjenigen vorhanden sein, die in der Zeit, in der Stirners Buch vergessen war, ihre Jugend verlebt haben. Denn es ist nicht einerlei, in welchem Lebensalter man ein Buch auf sich wirken lässt. Die Wirkung, die ein Werk in der Mitte der zwanziger Jahre auf uns macht, kann es in uns in einem späteren Alter nicht erregen. Und so werden es manche von uns als einen großen Verlust empfinden, dass ihnen der sogenannte Zeitgeist den «Einzigen und sein Eigentum» zur rechten Zeit entzogen hat. Einer der Großen der Gegenwart würde dieses Gefühl haben, wenn nicht eine tückische Krankheit gerade in dem Augenblicke seinem Schaffen ein jähes Ende bereitet hätte, als er ausholte, eine geistige Tat zu vollbringen, die in würdigster Weise sich Stirners Lebenswerk angeschlossen hätte. Ich meine Friedrich Nietzsche. Seine «Umwertung aller Werte» hätte er aus der Vorstellungsart heraus geschrieben, aus der

[213] Stirners «Einziger» geflossen ist. Und Friedrich Nietzsche hat wahrscheinlich nie eine Zeile von Stirner gelesen. Meiner Meinung nach hätte sich Nietzsche in Stirners Gedankenwelt wie in einem Elemente gefühlt, das seine geistige Organisation zum freudigen, frischen Leben brauchte. Statt dessen musste er sich durch die Anschauungsweise Schopenhauers durchbewegen, die ihn erst nach schmerzlichen Enttäuschungen zu denjenigen Ideen kommen ließ, in denen er allein leben konnte. Das hat der Geist der Zeit verschuldet, in der er seine Jugendjahre verlebt hat, der Geist, der Schopenhauers würdelose Lehre von der Ertötung des Willens zum Leben gierig einsog, und der nichts ahnte von dem stolzen Denker, der die Freude am Leben lehrte, weil er erkannt hatte, dass das Leben des «Einzigen» das wertvollste auf der Welt und dass es eitel Aberglaube ist, wenn der Mensch nicht um seiner selbst, sondern um eines andern willen leben will. Aber wie viele solche andere Wesenheiten hat der Mensch im Laufe der Jahrhunderte erschaffen, für die er sich opfern will! Für Gott, für das Volk, für die ganze Menschheit will der Einzelne sich «opfern», und die höchste sittliche Vollkommenheit sieht er darin, dass er «selbstlos» allen Eigen-willen ertötet und hingebungsvoll sein Leben in den Dienst eines übergeordneten Wesens, einer Gesamtheit oder einer Idee stellt. Diesen opferwilligen Menschen entgegnet Stirner: «Was soll nicht alles meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache meines Volkes, meines Fürsten, meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur meine Sache soll niemals

[214] meine Sache sein... Sehen wir denn zu, wie diejenigen es mit ihrer Sache machen, für deren Sache wir arbeiten, uns hingeben und begeistern sollen...» Greifen wir nur eines heraus: Die Sache der Menschheit. «Wie steht es» - sagt Stirner - «mit der Menschheit, deren Sache wir zu der unsrigen machen sollen? Ist ihre Sache etwa die eines anderen und dient die Menschheit einer höheren Sache? Nein, die Menschheit sieht nur auf sich, die Menschheit will nur die Menschheit fördern, die Menschheit ist sich selber ihre Sache. Damit sie sich entwickle, lässt sie Völker und Individuen in ihrem Dienste sich abquälen, und wenn diese geleistet haben, was die Menschheit braucht, werden sie von ihr aus Dankbarkeit auf den Mist der Geschichte geworfen. Ist die Sache der Menschheit nicht eine - rein egoistische Sache?» Aus dieser Einsicht zieht Stirner die Lehre:... statt einem anderen Egoisten, den ich über mich stelle, zu dienen, will ich lieber selber der Egoist sein. Ich will so leben, wie diejenigen leben, denen die Menschen in ihrem demütigen Wahnglauben zu dienen bestrebt sind», sagt sich Stirner. «Warum sollte es böse sein, wenn ich dasjenige tue, was die tun, die ich über mich zu Herren mache?» Die wertvollste Idee, welche der Mensch sich bilden konnte, ist gewiss die von einem Wesen, das genug Gehalt in sich hat, um sich alles in allem zu sein, das sich ein Ziel aus sich selbst setzen und nur diesem seinem eigenen Ziel in vollkommener Selbstgenügsamkeit folgen kann. Diese Idee ist eine alte. Die Menschen haben sie immer gehabt. Aber sie haben nicht daran gedacht, dass sie, wenn sie alles aus sich herausholen, was in ihnen ist, selbst Wesen sind, die dieser Idee entsprechen. Sie haben sich für unwürdig,

[215] für zu schwach gehalten, solche Wesen zu sein. Deshalb haben sie andere Wesen sich erdacht, die würdiger sind, einen dieser Idee gemäßen Charakter zu tragen. Stirner fordert die Menschen auf, jeden einzelnen von ihnen, sich selbst zu betrachten, um zu sehen, dass die Wesenheit in ihm selber liegt, die er über sich wähnt. «Hat Gott, hat die Menschheit, wie ihr versichert, Gehalt genug in sich, um sich alles in allem zu sein, so spüre ich, dass es mir noch weit weniger daran fehlen wird, und dass ich über meine keine Klagen zu führen haben werde. Ich bin nicht nichts im Sinne der Leerheit, sondern das schöpferische Nichts, das Nichts, aus welchem ich selbst als Schöpfer alles schaffe.» Stirner will, dass die Menschen erkennen: sie seien selbst das und stellen es im Leben dar, was sie nur verehren und anbeten zu müssen glauben. Die Weltanschauung des stolzen, sich selbst genug samen Menschen vertritt Stirner. Mackay fasst sie in die Sätze zusammen: «Nicht mehr und nicht weniger als die Souveränitätserklärung des Individuums, seine Unvergleichlichkeit und seine Einzigkeit ist es, was Stirner verkündet. Bisher war nur von seinen Rechten und Pflichten, und wo beide beginnen und enden, gesprochen; er aber spricht es dieser ledig und jener mächtig. Wir haben uns zu entscheiden. Und da wir nicht in die Nacht zurück können, müssen wir hinein in den Tag.» Und Mackay blickt in die Zukunft dieses Tages und sagt: «An die Stelle unseres müden, zerquälten, sich selbst zermarternden Geschlechtes tritt jenes stolze, freie der, dem die Zukunft gehört.» Wie war das Lehen des Mannes, der das Evangelium des stolzen, seines vollen Wertes bewussten Menschen geschrieben

[216] hat? Diese Frage beantwortet Mackay in seinem Buche «Max Stirner». Es war nicht leicht, dieses Lehen zu beschreiben. Denn wie sie sein Werk vergessen hat, hat die Nachwelt auch um die Geschichte s sich nicht im geringsten gekümmert. Mit Aufwendung unendlicher Mühe musste Mackay Zug um Zug herausholen aus dem Dunkel, in das dieses wertvolle Leben gehüllt war. Jeden Menschen befragte der Biograph, von dem er an-nehmen konnte, dass er von dem Verschollenen etwas wisse. Alles, was aus der Zeit, in der Stirner gelebt hat, an Dokumenten noch erhalten ist, musste sorgfältig geprüft werden. Zehn Jahre emsiger Arbeit hat Mackay an die Biographie gewendet, einer Arbeit, die nur aus dem intensivsten Erkenntnisdrange hervorgehen kann. lebte, wie der Verkünder der Souveränität des Individuums zu einer Zeit leben musste, in der alle Einrichtungen auf Ansichten beruhten, die den seinigen entgegengesetzt waren. Abseits von dem Treiben seiner Zeitgenossen, ging er seine eigenen Wege. Seine Unabhängigkeit konnte er sich nur dadurch wahren, dass er darauf verzichtete, seine Arbeitskraft und seinen Geist in irgendeiner offiziellen Stellung zu verwerten. Als echter Kultur- Zigeuner lebte er; und er konnte sich seine Freiheit nur damit erkaufen, dass er entbehrte, was er sich hätte reichlich erwerben können, wenn er seine Fähigkeiten in den Dienst seiner Zeit gestellt hätte. Er konnte sich in kein Ganzes eingliedern. Alles, was wir über Stirner erfahren, zeigt uns ihn als einen Menschen, dem jede Beschränkung seiner Freiheit wie ein furchtbares Gift vorkommt. Mit Recht hat Mackay den Kreis ausführlich beschrieben, der Stirner in den vierziger

[217] Jahren zu seinen Mitgliedern zählte. Er bestand aus Männern, die, jeder in seiner Art, davon überzeugt waren, dass die menschlichen Ansichten und Einrichtungen einer gründlichen Verbesserung bedürftig seien, und die in rücksichtsloser Weise an dem Bestehenden Kritik übten. Sie nannten sich die «Freien» und hielten ihre zwanglosen Zusammenkünfte in der Hippelschen Weinstube in der Friedrichstraße ab. Bruno Bauer und seine Brüder, Ludwig Buhl und eine große Zahl anderer, die an der geistigen Bewegung jener Zeit lebhaft mitarbeiteten, waren allabendlich bei Hippel zu finden. Von diesem Kreise sagt Mackay: «Kaum jemals in der Geschichte eines Volkes -es sei denn zur Zeit der französischen Enzyklopädisten -hat sich ein Kreis von Männern zusammengefunden, so bedeutend, so eigenartig, so interessant, so radikal und so unbekümmert um jedes Urteil, wie die bei Hippel ihn in dem fünften Jahrzehnt des Jahrhunderts in Berlin gebildet haben. Es war ein Kreis, vielleicht nicht wert, aber auch nicht unwürdig des Mannes, der eines seiner treuesten Mitglieder und seine größte Zierde gewesen ist, eines Mannes, durch den er für die Nachwelt eine Bedeutung und ein Interesse gewonnen hat, die den Namen der mit dem seinen hinübertragen werden in das Gedächtnis der Zukunft.» Mitgesprochen scheint Stirner hier allerdings wenig zu haben. Auch diese «Freien» waren noch nicht durchgedrungen bis zu der Idee des freien Individuums, wie sie Stirner in sich ausgebildet hat; aber er fand hier wenigstens Gegner, deren Ansichten wert waren, dass der radikalste Denker seiner Zeit sich mit ihnen auseinandersetzte.

[218] In diesem Kreise hat Stirner auch die Frau gefunden, mit der er einige Jahre eine Ehe führen konnte, die seinen Ansichten entsprach: Marie Dähnhardt. Diese Ehe war das Zusammenleben zweier Menschen, die sich so weit förderten, als es der Eigenart eines jeden entsprach, und die im übrigen jeder seine eigenen Wege gingen. Und als nach zwei Jahren ein Zusammenleben den Empfindungen der Gatten widersprach, da trennten sie sich ohne Groll. In die Jahre dieser Ehe fällt die Ausarbeitung des einzigen Werkes, das Stirner uns geschenkt hat, des «Einzigen und sein Eigentum». Darin hat er seine ganze Gedankenwelt niedergelegt. Was er sonst veröffentlicht hat, sind kleinere Aufsätze, die seinem Hauptwerk vorausgingen, und Entgegnungen auf die Angriffe, die dieses erfahren hat. Diese Arbeiten hat Mackay eben in einem kleinen Bändchen «s kleinere Schriften» (Berlin 1898 bei Schuster & Loeffler) zusammengestellt. Ich werde von ihnen demnächst in dieser Zeitschrift sprechen. Dabei wird sich auch die Gelegenheit bieten, über den Entwickelungsgang des Mannes das Nötige zu sagen. Die «Geschichte der Reaktion» und das Werk: «Die National-Ökonomen der Franzosen und Engländer» sind nur zum kleinsten Teile Stirners eigene Arbeit und bereichern unsere Anschauung über sein Wesen nicht. Nach der Veröffentlichung seines Hauptwerkes führte Stirner ein Leben in völliger Zurückgezogenheit, fortwährend mit der bittersten Not kämpfend; aber ein Leben, das er mit Würde und Zufriedenheit trug, denn er wusste, dass so leben muss, wer sich nicht bequemen will, ein Bürger seiner Zeit zu sein.