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DIE MACHT DER WORTE Worte können eine große Wirkung haben. Deswegen haben Staaten, in denen die Menschen nicht offen sagen dürfen, was sie denken, Angst vor bestimmten Schriftstellern: Sie fürchten die Macht der Worte. Viele Schriftsteller aus Ländern wie China, Kuba oder dem Iran müssen sich verstecken, um nicht ins Gefängnis zu kommen. Die Organisation "PEN Writers in Prison" setzt sich für solche Schriftsteller ein. MANUSKRIPT ZUM VIDEO China, Kuba, Iran überall in der Welt werden Schriftsteller verfolgt. Doch warum fürchten Diktaturen so sehr die Kämpfer, deren einzige Waffe das Wort ist? DIRK SAGER (Vizepräsident PEN Writers in Prison): Das Wort ist die mächtigste Waffe gegen Diktatoren. Das Wort überzeugt die Menschen, die in der Diktatur leben, dass das so kein Leben ist. Seit 50 Jahren setzt sich der PEN mit seinem Writers-in-Prison-Programm für verfolgte Autoren in aller Welt ein. In Berlin lesen Schauspieler Texte von Schriftstellern, die unter Hitler und Stalin litten und ins Exil gingen. Schriftsteller wie der von den Nazis verfolgte Soma Morgenstern. SCHAUSPIELERIN (liest aus einem Werk von Soma Morgenstern): hat es noch einen Sinn, zu leben zu überleben. oder Warlam Schalamow, der den Gulag überlebte. SCHAUSPIELER (liest aus einem Werk von Warlam Schalamow): Vor ihm lag das Lager, hinter ihm das Gefängnis. Das war eine Welt des Übergangs, und der Dichter verstand das. "Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen", schrieb Heinrich Heine prophetisch schon vor fast 200 Jahren. Die Bücherverbrennung der Nazis 1933 war dann der augenscheinlichste Beweis, wie Diktaturen versuchen, das Wort zu unterdrücken. Deutschlands beste Schriftsteller wie Bertold Brecht, Anna Seghers oder Thomas Mann flohen ins Exil. Seite 1 von 6

MARIA SCHRADER (Schauspielerin): Erstaunlich ist die Kraft von Menschen in solchen Situationen, tatsächlich das Wort zu ergreifen die ganz automatisch uns an heutige Situationen denken lassen. An die 1000 Fälle listet der PEN halbjährlich in einer Liste der Verfolgten. Einer von ihnen ist der seit vier Jahren im deutschen Exil lebende Amir Valle. In Kuba war er ein anerkannter Schriftsteller, bis er mit einem Text über Prostitution in Ungnade fiel. Valle schreibt über die Schattenseiten Kubas. Seine Bücher über Prostitution, Rassismus, Kriminalität und Korruption werden in Kuba illegal kopiert und gehen von Hand zu Hand. Denn sie zerstörten den Mythos von Kuba, dem Paradies des großen Fidel Castro. AMIR VALLE (Kubanischer Schriftsteller, liest aus "Die Wörter und die Toten"): Darf ich dir einen Rat geben, Fiedel? Hör auf damit, diejenigen, die anders denken als du, als persönliche Feinde zu betrachten Auf die Art wird in diesem Land keiner mitdenken wollen. So haben alle großen Diktatoren angefangen. Valle kann heute nicht mehr als Augenzeuge berichten. Das Regime fürchtet weiter sein Wort. Täglich kommuniziert er mit Kollegen auf Kuba, nutzt dafür über 100 E-Mail- Adressen. Sein Name darf nie fallen. AMIR VALLE: Ich glaube, dass das geschriebene Wort keine Regierung stürzt. Das wissen die Diktatoren auch. Das Fundamentale daran ist, dass sie wissen, dass das Wort, das Buch, die Literatur Bewusstsein mobilisieren kann, und dort lauert die Gefahr. Den iranischen Autor Khalil Rostamkhani treffen wir in einer Berliner Autorenbuchhandlung. Bis heute will er nicht in seiner Privatwohnung gezeigt werden, weil er noch immer den iranischen Staat fürchtet. KHALIL ROSTAMKHANI (iranischer Schriftsteller): Alle solche Schriftsteller, die im Exil gewohnt haben sie haben bestimmt die Sprache vermisst. Seite 2 von 6

Weil er sich gegen den Schah einsetzte, musste Rostamkhani 1972 die Heimat verlassen. Auf Demokratie hoffend, kehrte er 1979 zurück. Doch das Regime steckt ihn viermal ins Gefängnis. Seit sieben Jahren lebt er in Deutschland. KHALIL ROSTAMKHANI: Dank Internet alles, alles erreicht die Leute. Viele Leute haben Internetanschluss und können viele lesen. Auch das Regime Ahmadinedschads fürchtet das Wort der Schriftsteller. Denn Worte legen Zeugnis ab von der Unterdrückung, egal ob sie sich per Buch, Internet oder Twitter verbreiten. MARIA SCHRADER: Das Wort kann mobilisieren, es kann berühren, es kann uns treffen. Oft genug waren offene Worte der Anfang vom Ende einer Diktatur. Seite 3 von 6

GLOSSAR Writers in Prison (englisch) Schriftsteller im Gefängnis jemanden verfolgen hier: jemanden einsperren oder sogar töten wollen (Substantiv: die Verfolgung) Diktatur, die eine Form der Herrschaft, bei der wenige Menschen die absolute Macht haben Vizepräsident/in, der/die der/die zweite Präsident/in; der/die stellvertretende Präsident/in mächtig so, dass man viel Macht hat; stark ins Exil gehen seine Heimat aus politischen Gründen verlassen müssen überleben weiter leben etwas liegt vor jemandem jemand wird etwas in Zukunft erleben Lager, das hier: der Ort, an dem Menschen eingesperrt und zur Arbeit gezwungen werden Übergang, der der Wechsel von etwas zu etwas verbrennen etwas mit Feuer zerstören (Substantiv: die Verbrennung) prophetisch so, dass man etwas über die Zukunft sagt, was später tatsächlich passiert Nazi, der Abkürzung für: Nationalsozialist; Person, die sich den politischen Zielen der Nazis in Deutschland der 1930-1940er-Jahre anschloss etwas unterdrücken hier: etwas verbieten (Substantiv: Unterdrückung) fliehen vor einer Gefahr weglaufen das Wort ergreifen etwas sagen oder schreiben automatisch sofort; von selbst anerkannt hier: so, dass die Menschen jemanden gut und klug finden Prostitution, die die Tätigkeit, bei der jemand für Geld mit jemandem Sex hat Seite 4 von 6

in Ungnade fallen sich unbeliebt machen Schattenseite, die das Schlechte Rassismus, der die Ansicht, dass bestimmte Menschengruppen wegen ihrer Hautfarbe besser sind als andere Korruption, die der Betrug; die (vom Gesetz verbotene) Tatsache, dass jemand für Geld bestimmte Entscheidungen trifft illegal gesetzlich verboten legal kopieren vervielfältigen von Hand zu Hand gehen von einer Person an eine/viele andere weitergegeben werden Mythos, der hier: das gute Bild von etwas Paradies, das hier: ein besonders schöner Ort, an dem es alles gibt, was man haben möchte mit etwas aufhören etwas nicht mehr machen Augenzeuge, der jemand, der etwas persönlich beobachtet hat Regime, das eine Diktatur; eine Regierung, die nicht demokratisch ist fallen hier: genannt werden eine Regierung stürzen einer Regierung die Macht wegnehmen Fundamentale, das das Wichtigste Bewusstsein, das hier: die Ansichten eines Menschen etwas mobilisieren hier: etwas bewegen; etwas beeinflussen die Gefahr lauert etwas ist gefährlich Buchhandlung, die das Buchgeschäft etwas vermissen traurig sein, dass etwas nicht mehr da ist Seite 5 von 6

sich gegen jemanden einsetzen gegen jemanden handeln; gegen jemanden protestieren Internetanschluss, der die Internetverbindung von etwas Zeugnis ablegen über etwas berichten und informieren Unterdrückung, die die ungerechte Behandlung von Schwächeren sich verbreiten hier: zu vielen Menschen gelangen jemanden berühren die Gefühle von jemandem bewegen jemanden treffen jemanden negativ berühren; die Gefühle von jemandem verletzen Seite 6 von 6