Vorauswahl von Azubi-Bewerbern nach Schulnoten und wie es besser geht. Kurzfassung. Prof. Dr. Heinrich Wottawa

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1 Vorauswahl von Azubi-Bewerbern nach Schulnoten und wie es besser geht Kurzfassung Prof. Dr. Heinrich Wottawa 1. Vorauswahl ist auch heute noch für viele Unternehmen unverzichtbar Auch wenn die Bewerberzahlen für betriebliche Ausbildungen tendenziell nachlassen, gibt es in vielen Unternehmen noch immer so viele Bewerber, dass man nicht alle zu einem Einstellungsgespräch oder Assessment einladen kann. Man ist daher gezwungen, eine Vorauswahl an Hand der vorliegenden Unterlagen zu treffen. Im Gegensatz zu langjährig berufserfahrenen Bewerbern enthält aber der objektive Lebenslauf von potenziellen Azubis nur seltene wirklich auffallende, zwischen den Bewerbern anforderungsbezogen differenzierende Informationen. Die oft verwendete Interpretation des äußeren Eindrucks der eingereichten schriftlichen Unterlagen ist mit dem Problem verbunden, dass viele Bewerber diese Unterlagen nicht wirklich selbst erstellt haben. Oft wird das richtige Erstellen schon gemeinsam in der Schulklasse geübt, viele Eltern helfen dabei massiv, und gerade für Jugendliche, dies sich damit schwer tun, gibt es eine große Anzahl von Hilfsangeboten durch wohlwollende Privatpersonen oder Vereine. Die Folge ist, dass auch die Gestaltung der Unterlagen nur sehr wenig über die Eignung des Bewerbers selbst aussagen. Damit verbleibt für viele Unternehmen für die Vorauswahl nur noch die Betrachtung der Schulnoten. Tatsächlich stehen die Noten in einem gewissen Zusammenhang vor allem mit den späteren Noten in der Ausbildung (viel weniger mit der Leistung im Beruf), ihre Aussagekraft dafür wird aber oft überschätzt. Sehr nützlich können Noten sein, wenn man die Schule oder im Idealfall den Lehrer kennt, da es natürlich zwischen Schulen und Klassen große Unterschiede in der Praxis der Notenvergabe gibt. Viele mit der Azubi- Auswahl beauftragte Personen haben auch die Erfahrung gemacht, dass die Besprechung der Noten im persönlichen Interview, etwa die Frage nach den Gründen für besonders gute oder schlechte Leistungen, sehr wichtige Einblicke geben kann. Aber das ist eben erst im Gespräch, nicht schon bei der Vorauswahl möglich. 2. Die Grundlagen 1

2 Es wird für die Unternehmen immer wichtiger, bei der Vorauswahl nur möglichst wenige gute, zum Unternehmen und der angestrebten Ausbildung passende Bewerber zu übersehen. Da aus den o.g. Gründen dazu oft Schulnoten herangezogen werden, wurden an der Ruhr-Universität Bochum die Zusammenhänge zwischen Schulnoten und den Noten bei der Abschlussprüfung der betrieblichen Ausbildung untersucht. Die Basis dafür war die vom Bundesinstitut für Betriebliche Bildung durchgeführte umfangreiche Studie zu diesem Thema. Die dort erhobenen Daten wurden freundlicher Weise der Ruhr-Universität zur Verfügung gestellt und dort statistisch ausgewertet. Insgesamt konnten so die Schul- und Ausbildungsnoten von Personen verrechnet werden. 3. Die Aussagekraft von Schulnoten für den Erfolg in der Ausbildung: Auffälligkeiten allgemein Eine erste Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse ist in der folgenden Tabelle dargestellt. Eingetragen sind für jede Schulabschluss-Note die prozentualen Anteile der Notenstufen der Abschlussprüfung. Die 17 links oben besagt also, dass von allen Personen, die einen Schulabschluss mit der Notenstufe 1 haben, 17% auch in der Abschlussprüfung die Notenstufe 1 erreicht haben. Die 61 darunter besagt, dass 61% der Personen mit einem sehr guten Schulabschluss ein gut bei der Abschlussprüfung der Ausbildung erzielten usw. In der Letzten Zeile sind zusätzlich die jeweils erreichen Durchschnittsnoten der Abschlussprüfung angegeben. Zusammenhang der Noten des Schulabschlusses und der Abschlussprüfung Note Schulabschluss (N=120) (N=708) (N=420) (N=29) Noten der 1 (sehr gut) Abschlussprüfung (N=110) nach der Ausbildung 2 (gut) (N=709) 3 (befriedigend) (N=420) 4 (ausreichend) (N=29) Mittelwert der Note der Abschlussprüfung 1,99 2,34 2,67 2,85 2

3 *Wertelabels Notenstufen: 1= sehr gut= 1,0-1,9 / 2 = gut = 2,0-2,9 / 3 = befriedigend = 3,0-3,9 / 4 = ausreichend = 4,0-4,5 Zunächst fällt auf, dass sich in den Mittelwerten der erwartete Zusammenhang zwischen Schul- und Ausbildungsnoten zeigt. Bessere Schulnoten sind im Mittel auch mit besseren Ausbildungsnoten verbunden, wie aufgrund früherer Studien zu erwarten war. Allerdings darf die Ähnlichkeit zwischen Schul- und Ausbildungsnoten auch nicht überschätzt werden. Weniger als die Hälfte (46,6%) der Personen haben in der Abschlussprüfung die gleiche Notenstufe wie beim Schulabschluss erreicht. Viel wichtiger ist aber das Ausmaß der Fehlentscheidungen, wenn man (wie in vielen Unternehmen üblich) die Vorauswahl nach den Schulnoten ohne Beachtung der Art des Schulabschlusses macht. Dabei ist das größte Problem das Übersehen von trotz nicht so guter Schulnoten für die Ausbildung gut geeigneten Bewerbern. Akzeptiert man nach den Schulnoten nur relativ wenige Bewerber für die weiteren Auswahlschritte, etwa nur solche mit einer Schulnote bis 1,9, dann sind das 120 von 1277 Teilnehmern, also 9,4%, eine bei der Azubi-Vorauswahl durchaus realistische Quote. Darunter sind dann aber nur 20 (16,7%) Personen, die auch in der Ausbildung eine so gute Note (bis 1,9) erhalten haben, 61% haben gut und 21% nur befriedigend erhalten. Viel unangenehmer ist aber, dass bei dieser Vorauswahl nach sehr gute Schulnote von den 110 Personen mit sehr guter Abschlussnote in der Ausbildung 90 (81,8% der sehr guten Ausbildungsabschlüsse!) übersehen werden. Dieser hohe Anteil später sehr guter Azubis kann bei der Auswahl nach sehr gutem Schulabschluss gar nicht mehr in die weiteren Auswahlschritte, etwa zum Einstellungsinterview, kommen. Akzeptiert man stattdessen nach den Schulnoten deutlich mehr Bewerber, etwa bis zum Schulnotenschnitt gut (bis 2,9), sind das in diesen Daten 828 Personen, also fast zwei Drittel (65%) der Bewerber, eine in den meisten Fällen aus Kostengründen viel zu hohe Quote von Bewerbern für die aufwändige persönliche Endauswahl. Mit dieser sehr großzügigen Vorauswahl hätte man dann in den folgenden Auswahlschritten zwar 86 Personen von den 110 mit sehr guter Abschlussprüfung nach der Ausbildung dabei und würde nur noch knapp ein Viertel (22%) der später sehr guten Azubis übersehen. Allerdings haben aber auch 318 dieser so ausgewählten Personen eine Ausbildungsnote von 3 oder schlechter, das sind 38% der in die weiteren Auswahlschritte kommenden Bewerber. 4. Auffälligkeiten bei Berücksichtigung der Art des Schulabschlusses 3

4 Macht man die Vorauswahl nach Noten ohne Berücksichtigung der Abschlussart, werden vor allem bei den Abiturienten viele Potenziale systematisch übersehen. So erreichen z.b. Abiturienten mit der Schulnote 3 im Schnitt bessere Abschlussnoten als sehr gute Absolventen mit einem Realschulabschluss. Man sollte daher, wenn man die Vorauswahl nach Schulnoten macht, zumindest die Abschlussart dabei mit berücksichtigen. Die diesbezüglichen Ergebnisse aus den BIBB-Daten sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst. Die Struktur ist die gleiche wie in der vorherigen Tabelle, es wurden nur die Spalten nach der Abschlussart weiter ausdifferenziert. Eingetragen sind wieder die Prozentanteile der Schulnotenstufen bzw. die Mittelwerte der Ausbildungsnoten. Bei der Interpretation ist allerdings zu beachten, dass trotz der insgesamt untersuchten Personen die Besetzungszahlen in den einzelnen Zellen der Tabelle oft relativ klein sind. Zusammenhang der Noten des Schulabschlusses (Spalten) und der Abschlussprüfung (Zeilen) Erreichter Schulabschluss Hauptschulabschluss (N=363) Realschulabschluss (N=704) Fachhochschulreife (N=110) Allgemeine Hochschulreife (N=100) Note Schulabschluss Noten der 1 (sehr gut) Abschlussprüfung 2 (gut) nach der 3 (befriedigend) Ausbildung 4 (ausreichend) Mittelwert der Note der Abschlussprüfung 1,82 2,54 2,81 3,11 2,14 2,34 2,73 2,25 1,82 2,25 2,54-1,56 2,09 2,12 - Bei der Betrachtung der Daten fällt u.a. folgendes auf: 4

5 Hauptschulabschluss: Sehr gut benotete Hauptschüler erhalten bei der Abschlussprüfung deutlich bessere Noten als sehr gute Realschüler und gleich gute Noten wie sehr gute Personen mit Fachhochschulreife. Dies weist darauf hin, dass die Leistungsfähigkeit gerade der sehr guten Hauptschüler aufgrund der Darstellung dieser Schulform in der Öffentlichkeit stark unterschätzt wird. Sogar von den schlechten Hauptschülern mit der Notenstufe 4 erreicht jeweils knapp ein Drittel einen befriedigenden bzw. sogar einen guten Ausbildungsabschluss. Realschulabschluss: Von den sehr guten Realschüler erhalten nur 11% auch in der Ausbildung die Note 1, dieser Anteil ist deutlich geringer als bei den sehr guten Absolventen aller anderen Schulformen. Allerdings sind die Ergebnisse der schlechten Realschüler (Notenstufe 4) erfreulich, mehr als die Hälfte (55%) erreicht einen guten oder sogar sehr guten Ausbildungsabschluss. Auch der Mittelwert dieser Gruppe in der Abschlussnote der Ausbildung ist mit 2,25 besser als der Mittelwert der Ausbildungsnoten insgesamt (2,44). Fachhochschulreife: Hier zeigen die Daten, dass sehr gute Abschlüsse dieser Art nicht mit besseren Noten nach der Ausbildung verbunden sind, als sich bei den sehr gute Hauptschülern zeigt, sie sind aber besser als sehr gute Realschüler. In allen Notenstufen sind die Ausbildungsabschlüsse der Personen mit Fachhochschulreife deutlich unter denen mit Abitur, besonders groß ist der Unterschied bei der Notenstufe 3 Abitur: Abiturienten erbringen bei allen Notenstufe eher eine sehr gute Ausbildung als die sehr guten Absolventen aller anderen Schulen, sie haben in diesen Daten auch alle einen sehr guten oder zumindest guten Ausbildungsabschluss. Auch bei allen Stufen der Schulnoten sind Abiturienten bezüglich der Abschlussnoten im Schnitt besser als die anderen Abschlussarten mit den gleichen Schulnoten. Bei Abi spielt es praktisch keine Rolle, ob die Schulnote 2 oder 3 ist, bei allen anderen Schulformen ist der Unterschied zwischen der Schulnote 2 und 3 bezüglich der Abschlussnote der Ausbildung hoch. Einschränkend muss bei allen diesen Ergebnissen gesagt werden, dass die Unterschiede zwischen den Schulabschlüssen über alle Ausbildungsberufe hinweg ein verzerrtes Bild geben kann, da z.b. Abiturienten meist andere Ausbildungsberufe wählen als Personen mit Hauptschulabschluss. Für eine diese Unterschiede berücksichtigende Detailanalyse sind aber die Fallzahlen im vorliegenden Datenmaterial zu gering. 5

6 5. Konsequenzen Nach den vorliegenden Daten ist eine Vorauswahl von Azubi nach Schulnoten trotz des bestehenden Zusammenhangs von Schulund Ausbildungsnoten problematisch. Geht man dabei eher großzügig vor und akzeptiert man Bewerber bis zum Notenschnitt 2,9, verbleiben sehr viele Bewerber für die aufwändigen Auswahlinterviews (in diesen Daten knapp zwei Drittel). Geht man restriktiv vor und nimmt als Notengrenze etwa 1,9, werden sehr viele (über 80%) der Bewerber mit dem Potenzial für später sehr gute Ausbildungsabschlüsse zu Unrecht schon in der Vorauswahl abgelehnt. Die Gefahr einer ungerechten Ablehnung von Bewerbern dürfte vor allem bei Hauptschülern besonders groß sein. Die Ergebnisse hier zeigen, dass nicht nur sehr gute (bis 1,9) Hauptschüler bezüglich der Ausbildungsnoten voll konkurrenzfähig mit sehr guten Bewerbern mit Realschulabschluss und Fachhochschulreife sind, sondern auch ausreichende Hauptschulabschlüsse überwiegend mit guten und befriedigenden Ausbildungsabschlüssen verbunden sind. Nach den Ergebnissen zu den einzelnen Abschlussformen wäre es naheliegend, vor allem Abiturienten für die betriebliche Ausbildung zu gewinnen, die hier mit den besten Abschlussnoten zu rechnen ist. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass der Erfolg in der Ausbildung nicht identisch ist mit der Zufriedenheit im Beruf. Bei Abiturienten ist mit jetzt schon hohen und sicher steigenden Übergangsquoten auf Hochschulen nach der Ausbildung zu rechnen, was für die Bindung an das Unternehmen spezielle Angebote wie etwa duale Studien erfordert. Eine zufriedenstellende Lösung für die aus Kostengründen unverzichtbare Vorselektion von Azubi-Bewerbern ist nach diesen Ergebnissen jedenfalls auch dann nicht möglich, wenn man die spezifischen Unterschiede zwischen den Abschlussarten berücksichtigt. 6

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