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1 6. Zusammenfassung Die zügige Entwicklung des World Wide Web und dessen rege Akzeptanz durch Gesundheitsinteressierte und Patienten hat die Akteure im deutschen Gesundheitswesen einem Handlungsbedarf ausgesetzt, dem die medizinischen Professionen erst seit wenigen Jahren gewahr werden: Patienten oder deren Angehörige tauschen sich in Diskussionsforen untereinander aus und nutzen die neuen Recherchemöglichkeiten des Internet, um ihren behandelnden Arzt mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu konfrontieren. Parallel bieten kommerzielle Medienunternehmen, ungeachtet berufsrechtlicher Regelungen, gesundheitsrelevante Beratung in Online-Diskussionsforen an, die zum Teil die Grenzen der medizinethischen Vertretbarkeit erreicht. Die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich unter Einschränkung auf die urologisch ausgerichteten Online-Angebote im deutschsprachigen World Wide Web mit den genannten Phänomenen und versucht in diesem Kontext erstmalig die Meinungen der Nutzer und der Moderatoren von Diskussionsforen zu eruieren. Konkret wurde mit den nachfolgend aufgeführten Schritten und den daraus resultierenden vier Fragestellungen versucht, sich der Thematik zu nähern: Die Recherche nach fachlich moderierten Diskussionsforen in medizinisch bzw. urologisch ausgerichteten Webseiten zur Erstellung einer Bestandsaufnahme im deutschsprachigen World Wide Web, der Aufbau eines eigenen urologischen Diskussionsforums, um das Nutzerverhalten und insbesondere die Art der Nutzerbeiträge zu beobachten, einer Online-Umfrage bei den Nutzern des eigenen Diskussionsforums und einer Online-Umfrage bei Foren-Moderatoren deutschsprachiger Medizin- Onlinedienste. Bei diesem stufenweisen Vorgehen wurden zunächst die medizinischen beziehungsweise urologischen Beratungsangebote in moderierten deutschsprachigen Diskussionsforen mit einer standardisierten und dem durchschnittlichen Online-Suchverhalten angenäherten Recherche erfasst. Im Interesse einer weitestgehenden Vollständigkeit des Rechercheergebnisses wurden auch dem 90

2 Laien nicht zugängliche Fachzeitschriften hinzugezogen, die jedoch keine zusätzlichen Ergebnisse mit sich brachten. Es konnte aufgezeigt werden, dass die Mehrzahl der 158 ermittelten Diskussionsforen mit ihren insgesamt 242 fachlichen Moderatoren dem durchschnittlich geübten Internet-Nutzer auch mit einer weniger aufwendigen Vorgehensweise zugänglich sein dürften. Die Bestandsaufnahme zeigt deutlich, dass medizinische Beratung durch Fachexperten ungeachtet der zum größeren Teil berechtigten Kritik seitens der Ärzteschaft auch im deutschsprachigen World Wide Web vielfach praktiziert wird. Unter Berücksichtigung der nachfolgend auch im eigenen Diskussionsforum ermittelten Relationen zwischen den aktiven, eigene Beiträge verfassenden Nutzern und der vielfach höheren Anzahl von passiven Nutzern, lässt sich schlussfolgern, dass die in Diskussionsforen vermittelten Informationen eine nicht unerhebliche Reichweite bei den Internet-Nutzern erzielt. Vorangestellt war dieser Recherche die Zusammenfassung der relevanten Aspekte des Internet, inklusive der Fragestellung der Qualitätssicherung im Allgemeinen und den Problemstellungen ärztlicher Aktivitäten im Internet im Speziellen. Dabei lässt sich hervorheben, dass die vielseitigen und teilweise vielversprechenden Initiativen zur Qualitätssicherung von medizinischen Internetseiten weder für statische Informationen als ausreichend, beziehungsweise genügend verbreitet, eingeschätzt werden können, noch spezifische Regelungen für interaktive Anwendungen wie Diskussionsforen beinhalten. Da die Grenze zwischen einer allgemeingültigen Informationsvermittlung und einer individuellen medizinischen Beratung schwer zu definieren ist, könnten auch die in Deutschland bestehenden berufsrechtlichen Regelungen als für die genannten Problemstellungen nicht ausreichend differenziert angesehen werden. Bestandteil des stufenweisen Vorgehens ist auch der eingehend beschriebene Aufbau und die Gestaltung der Moderation eines eigenen Diskussionsforums im deutschsprachigen World Wide Web. Die Anfragen aus einem Zeitraum von 6 ½ Monaten wurden anschließend auch im Bezug auf die Problematik des anonymen ärztlichen Engagements gesichtet und klassifiziert. Die inhaltliche Begutachtung ergab die Einschätzung, dass eine fachliche Moderation der Forenbeiträge sinnreich ist, in einigen Fällen einer Second Opinion entspricht und in nur wenigen Fällen 91

3 das dringende Anraten erforderte, umgehend einen Arzt aufzusuchen. Darüber hinaus ergaben sich Hinweise, dass die Anonymität des Internet in nicht wenigen Fällen geeignet erscheint, Hemmungen des Nutzers überwinden zu helfen, während sich für eine missbräuchliche Verwendung der Foren kaum Anhaltspunkte ergeben haben, da eine Zensur nur in 12 der ursprünglich 425 Beiträge vonnöten war. Der in dem eigenen Urologie-Forum erzielte Traffic wurde genutzt, um bei den Foren-Nutzern eine bestenfalls nur für diese Nutzerschaft repräsentative Erhebung durchzuführen. Ergänzt wurde diese von einer gezielten Umfrage unter allen ermittelten Foren-Moderatoren deutschsprachiger Medizin-Onlinedienste. Während z.b. die Health On the Net Foundation auf ihrer Homepage seit Jahren verschiedene Umfragen unter Internet-Nutzern und Ärzten durchführt, sind spezifische Erhebungen bei den Nutzern oder Moderatoren von nicht nur deutschsprachigen Diskussionsforen des World Wide Web erstmalig. Obschon eine Umfrage über das Internet weder für die Gesamtbevölkerung noch für die Gesamtheit aller Internet-Nutzer repräsentativ sein kann, weisen die Ergebnisse des demographischen Teils der Umfrage unter den Nutzern des eigenen Urologie- Forums eine deutliche Übereinstimmung mit vergleichbaren Untersuchungen über die deutschsprachigen Internet-Nutzer im Allgemeinen auf. Die inhaltlich auf die Thematik Urologie und Internet ausgerichteten Fragestellungen des zweiten Teils der Online-Umfrage verweisen auf verschiedene Aspekte, die aus den methodischen Gründen zwar keine generelle Aussagekraft beinhalten können, jedoch als Anregung für weitere, durch Mediziner vorzunehmende Entwicklungen und Regelungen, Berücksichtigung finden könnten. Bei der übergreifenden Betrachtung der einzelnen Ergebnisse imponieren zum Einen die Hinweise darauf, dass die Zielgruppe Patient ohne gebührend geregelte fachliche Betreuung bereits sehr zahlreich und mit einer sehr hohen Motivation im World Wide Web aktiv ist und von den live gestellten Foren auch erreicht wird. Zum anderen beeindruckt die positive Resonanz auf das eigene Diskussionsforum und vergleichbare Beratungsangebote bzw. deren perspektivische Chancen. Auffällig bleibt das eher kritiklose Interesse an fachlichen Informations- und Beratungsangeboten im Internet. 92

4 Die letztgenannte Beobachtung korreliert signifikant mit der zunehmenden Dauer der Internet-Nutzung oder der Nichtzugehörigkeit zu einem medizinisch ausgerichteten Ausbildungsgang bzw. Beruf. Dennoch zeigten sich auch die mehrheitlich als Nichtmediziner eingestuften Umfrageteilnehmer gegenüber einer ärztlichen Therapie und Diagnostik kritischer als gegenüber der deutlich begrüßten ärztlichen Moderation eines Online-Diskussionsforums. Gleichermaßen deutlich zeigten die Teilnehmer im Durchschnitt eine sehr geringe Bereitschaft, für medizinische Dienstleistungen im Internet Geld zu bezahlen. Bei der Einschätzung der künftigen Bedeutung des Internet für das hiesige Gesundheitswesen sahen die Teilnehmer eher eine Perspektive in der Verbesserung der Gesundheitsdienstleistungen als in der Chance auf eine Kostenersparnis. Als repräsentativ für die 242 ermittelten fachlichen Moderatoren von Diskussionsforen in deutschsprachigen Onlinediensten mit medizinischer Ausrichtung können die 91 Beantwortungen des per versandten Erhebungsbogens angesehen werden. Erstmals wurden diese teils namhaften Experten zu der Einstellung gegenüber dieser Art der Informationsvermittlung befragt. Es konnte gezeigt werden, dass die mit der Moderatoren von Diskussionsforen den neuen Möglichkeiten eher positiv gegenüberstehen: Sie betrachten die Vertrauenswürdigkeit von Internet-Informationen eher als gegeben an, sehen mit ihrer Tätigkeit keinesfalls eine Gefährdung der realen Arzt- Patient-Beziehung und betrachten sogar eine vorstellbare Therapie und Diagnostik über das Internet wenig kritisch. Darüber hinaus bestätigen sie wie auch die Teilnehmer der Nutzer-Umfrage im eigenen Urologie-Forum die Hypothese, dass über das Internet Patienten erreicht werden können, die ansonsten der gegeben medizinischen Versorgung im deutschsprachigen Raum nicht (oder noch nicht) zugänglich sind. Die ermittelte Einstellung, dass ein relevanter Anteil der Forenbeiträge dem Einholen einer Second Opinion entspricht, könnte als Hinweis darauf gesehen werden, dass in den Diskussionsforen ein Bedarf gedeckt werden kann, der im realen Medizinbetrieb in dem gewünschten Ausmaß womöglich nicht erfüllt werden kann. Zu erwähnen ist dabei jedoch, dass dieser Bedarf auch gemäß der Ergebnisse der Einschätzung der Moderatoren eher nicht von einer entsprechenden Zahlungsbereitschaft begleitet ist. 93

5 Dennoch zeigen nicht nur die eigenen Erfahrungen mit der Betreuung und Moderation eines Diskussionsforums für Patienten, dass es neben den herausgearbeiteten Problemstellungen einen Anwendungsbereich für die so genannte Cybermedizin gibt, der unter Ausnutzung der Anonymität des Internet besonders im präventivmedizinischen und präklinisch-informativen Bereich zu sehen sein könnte. Im Hinblick auf Diskussionsforen besteht jedoch unabhängig von dieser Perspektive die vordringliche Notwendigkeit, Regelungen zur Moderation derselben zu spezifizieren, wobei die Abgrenzung der Weitergabe allgemeingültiger Informationen von der individuellen ärztlichen Beratung von besonderer Bedeutung sein wird. 94

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