Hintergrundinformationen zu Bleimunition

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D E U T S C H E R J A G D S C H U T Z V E R B A N D E. V. V EREINIGUNG DER DEUTSCHEN L ANDESJAGDVERBÄNDE FÜR W ILD, J AGD UND N ATUR Hintergrundinformationen zu Bleimunition Berlin, 29. September 2011 Wie ist die Haltung des DJV gegenüber bleifreier Munition? Jäger haben einen gesellschaftlichen Auftrag, den Bestand des Wildes den landschaftlichen und landeskulturellen Verhältnissen anzupassen. Hierfür benötigen sie als reine Anwender eine Munition, die unabhängig vom Material tierschutzgerecht tötet, ungefährlich ist für Schützen und Treiber (Abprallverhalten) sowie möglichst unbedenklich für Mensch und Natur ist. Diese Forderungen sind auch Inhalt einer gemeinsamen Erklärung aus dem Jahr 2009, die DJV, Nabu, BUND, ÖJV, Bundes- und zahlreiche Landesforsten sowie Landes- und Bundesministerien gemeinsam unterzeichnet haben. Bereits seit 2006 sind Jäger in ein inzwischen bundesweites Monitoring für bleifreie Munition eingebunden, das unterschiedliche Aspekte wie Tötungswirkung und Abprallverhalten untersucht. Aktuelle Erkenntnis aus dem Munitionsmonitoring: Das Abprallverhalten von Munition hängt nicht so sehr vom Material als von der Geschosskonstruktion ab. Auf Entfernungen über 100 Meter und bei schwerem Wild gibt es derzeit noch Forschungsbedarf zur Tötungswirkung von Alternativgeschossen. Frühestens Mitte 2012 sollen die Ergebnisse vorliegen. Die Toxizität von Alternativmaterialien für Mensch und Umwelt ist noch nicht ausreichend untersucht, dies ist jedoch dringend notwendig. Für Kupfer oder Zink ist beispielsweise eine toxische Wirkung auf verschiedene Organismen nachgewiesen. Der DJV fordert das zuständige Bundeslandwirtschaftsministerium auf, hier unverzüglich tätig zu werden. A NERKANNTE N ATURSCHUTZVEREINIGUNG Geschäftsstelle: Friedrichstraße 185/186 10117 Berlin Tel. 030-2091394-0 Fax 030-2091394-30 Internet: www.jagd-online.de E-Mail: DJV@Jagdschutzverband.de Pressestelle: Fax 0228-94 906-25 Internet: www.newsroom.de/djv E-Mail: Pressestelle@Jagdschutzverband.de

Der DJV fordert weiterhin von der Munitionsindustrie größere Anstrengungen, um Munition anzubieten, die höchste Standards hinsichtlich Verbraucherschutz, Tötungswirkung und Umweltschutz erfüllt. Die Hersteller sind gefordert, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse hinsichtlich Munitionsmaterial und Geschosskonstruktion zügig umzusetzen. Fazit: Der DJV fordert Munition, die ungefährlich ist für Jäger, möglichst unbedenklich ist für Mensch und Natur und die schnell tötet. Alternativmunition zu Blei, die diese Kriterien erfüllt, kann eingesetzt werden. Derzeit besteht noch Forschungsbedarf hinsichtlich Tötungswirkung und Toxizität von Alternativmunition. Hier ist das Bundeslandwirtschaftsministerium gefordert. Die Munitionsindustrie ist aufgefordert, aktuelle Erkenntnisse schnellstens bei der Entwicklung von Jagdmunition umzusetzen. Wie beurteilt der DJV die Warnungen des BfR hinsichtlich Gesundheitsgefahren durch Bleimunition? Für die Mehrzahl der Verbraucher, die Wild nur gelegentlich und in geringen Mengen verzehren, wird das Risiko einer Gesundheitsgefährdung durch Blei in Wildbret vom BfR als vernachlässigbar eingeschätzt. Die zusätzliche Bleiaufnahme über Wildfleisch ist laut BfR bei Normalverzehrern (ca. zwei Gramm Wildbret pro Tag oder 1-2 Wildmahlzeiten pro Jahr) gegenüber der tagtäglichen Blei- Aufnahme über Getränke, Getreide, Obst und Gemüse toxikologisch unbedeutend. Vielverzehrer wie Jäger oder Risikogruppen wie Schwangere und Kleinkinder sind nach Auffassung des BfR deshalb durch bleihaltige Munitionsreste im Wildbret gefährdet, weil die Grundbelastung durch Gemüse, Getränke oder Getreide bereits so hoch ist, dass theoretisch alleine dadurch schon Nierenschäden entstehen können. Die Warnungen des BfR in der Pressemeldung vom 19. September 2011 beruhen auf einer unsicheren Datengrundlage, die das BfR selbst in seiner korrespondierenden Stellungnahme hinsichtlich Verzehrmenge und Bleigehalte als unzureichend beurteilt. Die vom BfR zu Grunde gelegten Messungen von Bleiwerten in Wildbret beziehen sich fast ausschließlich auf Schwarzwild sowie Flugwild und sind nach BfR-eigener Einschätzung nicht repräsentativ für den deutschen Markt: Herkunft wurde nicht erfasst (50 Prozent des in Deutschland angebotenen Wildfleisches sind Importware). Wiederkäuer wie Reh und Hirsch wurden nicht untersucht Informationen zu untersuchtem Fleischteil, Herkunft oder Alter des Tieres sowie zur eingesetzten Munition wurden nicht erfasst. 2

Stichprobenumfang ist gering. Zum möglichen Einfluss von bleihaltiger Jagdmunition auf Bleiwerte im menschlichen Blut gibt es widersprüchliche internationale Untersuchungen. Fazit: Die Datengrundlage, die das BfR für seine Stellungnahme heranzieht ist unzureichend. Gemäß dem Vorsorgeprinzip nimmt der DJV die Warnungen des BfR trotzdem ernst. Weitere Studien zur Klärung des möglichen Einflusses von bleihaltiger Munition auf den Mensch sind dringend erforderlich. Was empfiehlt und unternimmt der DJV? Da Risikogruppen auch keine Rohmilch- und Rohfleischprodukte oder Fisch essen und kein Koffein zu sich nehmen sollten, folgt der DJV der BfR-Empfehlung, dass Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder nach dem Vorsorgeprinzip kein Wildbret essen sollten. Trotz der derzeit unzureichenden Datengrundlage hinsichtlich des Einflusses von bleihaltiger Jagdmunition. Hinsichtlich der BfR-Warnungen für Vielverzehrer startet der DJV im Oktober eine groß angelegte Umfrage in Zusammenarbeit mit dem BfR. Fragen zum Verzehrverhalten von Jägern und zu Erfahrungen mit Büchsenmunition sollen die derzeit lückenhafte Datengrundlage verbessern und die in Deutschland emotional geführte Diskussion um bleihaltige Munition versachlichen. Zudem wird der DJV mit dem BfR eine Blutuntersuchung bei Vielverzehrern von mit Bleimunition erlegtem Wild initiieren. Bei der Versorgung von mit Bleimunition erlegtem Wild empfiehlt der DJV gemäß dem Vorsorgeprinzip, den Ein- und Ausschusskanal großzügig zu entfernen auch über erkennbare Hämatome hinaus. Hämatome im Wildkörper sind ein möglicher Hinweis auf Bleisplitter. Fazit: Die Datengrundlage zu möglichen Gesundheitsrisiken durch Bleimunition muss verbessert werden. Der DJV wird mit einer Umfrage zu Jagdmunition und Blutuntersuchungen bei Vielverzehrern dazu beitragen. Jäger, die Bleimunition nutzen, sollten gemäß dem Vorsorgeprinzip bei der Versorgung von erlegtem Wild den Schusskanal großzügig entfernen. Besonderes Augenmerk gilt dabei Bleisplittern am Ausschuss, die zu Hämatombildung führen. Hämatome außerhalb des Schusskanals sind ebenfalls ein Hinweis auf Bleisplitter und sollten entfernt werden. 3

Schusskanal gründlich entfernen Bleisplitter entfernen Beschuss eines Rehs mit Teilzerlegungsgeschoss (Torpedo-Ideal-Geschoss) Schritt 1: unaufgebrochenes Wild Röntgenaufnahme Wildkörper Reh unaufgebrochen mit Schusskanal oben: seitliche Ansicht des Schusskanals unten: Zoom auf Bleisplitter im Schusskanal 4

Schritt 2: aufgebrochenes Wild Röntgenaufnahme Wildkörper Reh aufgebrochen mit Ausschuss und resultierenden Hämatomen oben: seitliche Ansicht, aufgebrochen unten: Zoom auf deutlich weniger Bleisplitter 5

Schritt 3: Schusskanal entfernt Röntgenaufnahme Wildkörper Reh aufgebrochen, Schusskanal mit Hämatomen entfernt oben: seitliche Ansicht; Schusskanal mit Hämatomen entfernt unten: Zoom; keine Bleisplitter mehr vorhanden Fotos: Deutscher Jagdschutzverband 2011 6