Dolmetschen in religiösen Settings Religiöse Settings beschränken sich in diesem Referat auf christliche Settings, da sich alle von uns gesammelten Materialien auf das Dolmetschen in christlichen Umgebungen beziehen. Einsatzmöglichkeiten Auftraggeber/Finanzierung Arbeitsbedingungen Vorbereitung der Einsätze Spezifika Mögliche Rollenkonflikte Links und weiterführende Literatur Quellen
Einsatzmöglichkeiten (sonntägliche) Gottesdienste Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, Kommunionen, Konfirmationen Große religiöse Veranstaltungen (z.b. Kirchentage, christliche Festivals) Kirchliche Workshops, Seminare
Auftraggeber/Finanzierung Auftraggeber sind meistens Privatpersonen (hörend oder gehörlos), manchmal auch die Gemeinde. Dolmetscherkosten übernehmen entweder die Privatpersonen selbst oder die Gemeinde. Es gibt keine gesetzliche oder innerkirchliche Regelung für die Kostenübernahme. Eine eventuelle Bezahlung durch die Gemeinde erfolgt freiwillig. Momentan setzen sich mehrere kirchliche Arbeitskreise in Deutschland mit dem Thema Dolmetschfinanzierung auseinander (z.b. der Arbeitskreis der evangelisch-lutherischen Kirche Schleswig-Holstein/Hamburg/Mecklenburg- Vorpommern). In einigen Gegenden oder Städten werden solche Dolmetscheinsätze im privaten Bereich aus einem speziellen Topf des Gehörlosenverbandes bezahlt.
Arbeitsbedingungen Bei Einsätzen mit Gottesdienstcharakter arbeitet man in der Regel nicht in Doppelbesetzung Beim Redner nachzufragen ist (meist) nicht möglich Um die Arbeitsbedingungen zu optimieren, ist es wichtig, vor dem Gottesdienst zu klären, welche Position man als Dolmetscher einnimmt, und ob man sie im Laufe des Gottesdienstes wechseln muss Die beste Position hängt natürlich auch von Akustik und Lichtverhältnissen ab
Vorbereitung der Einsätze Die Vorbereitung für eine Gottesdienstverdolmetschung ist sehr zeitintensiv, da die Anforderungen sehr vielfältig sind (siehe Spezifika ) Mit der Wochenlosung kann man sich bereits auf Lesungen, Evangelien und Psalmen (siehe Links und weiterführende Literatur) vorbereiten, die an einem bestimmten Sonntag des Kirchenjahres vorgetragen werden Anhand der Gesangbücher kann man die im Gottesdienst vorkommenden Lieder vorbereiten Wegen Predigt, Fürbitten und eventuellen Ankündigungen wendet man sich an den/die jeweilige(n) Pfarrer(in). Gerade diese Gottesdienstteile werden jedoch oft erst kurzfristig fertig
...weiter Vorbereitung Die unveränderlichen liturgischen Elemente (z.b. Vaterunser, Glaubensbekenntnis, Kyrie, etc.) lassen sich gut vorbereiten (z.b. mit Gebärdenlexika, siehe Links und weiterführende Literatur) Den Ablauf des Gottesdienstes sollte man sich ebenfalls vorher von dem/der Pfarrer(in) erklären lassen Ggf. mit Chorleiter oder Organist sprechen Bei besonderen Gottesdiensten (Beerdigung, Hochzeit, Kommunion, etc.) sollte man Details über die beteiligten Personen vorher (beim Pfarrer/bei der Pfarrerin) erfragen (nicht bei den Angehörigen, insbesondere bei Beerdigungen, da pietätlos)
Spezifika das Hauptmerkmal und gleichzeitig die größte Schwierigkeit beim Dolmetschen in religiösen Settings ist die hohe Komplexität, die aus der Vielfalt der zu dolmetschenden Texte erwächst: Alltagssprache (bei Begrüßung, Ankündigungen, etc.) Bibelsprache (Lesungen, Evangelien, Psalmen, etc.) Gefrorene Register (Gebete, Formeln, etc.) Schriftsprache (bei abgelesenen Predigten, Fürbitten), oft mit Bibeltextanalyse Musik (sowohl mit, als auch ohne Text) Atmosphäre bei religiösen Settings oft emotionsgeladen (z.b. Hochzeit, Beerdigung) Sehr spezifische Terminologie (religiöse Sprache, Bibelsprache)
...weiter Spezifika Die Qual der Wahl: DGS oder LBG bei der Verdolmetschung von gefrorenen Registern (Vaterunser, Wechselgebete, Glaubensbekenntnis, etc.) Es haben sich bis jetzt noch keine DGS-Fassungen der oben aufgeführten liturgischen Texte deutschlandweit durchgesetzt, obwohl es bereits mehrere Übersetzungsvorschläge gibt (z.b. RELEX oder DAFEG) Wegen des Ritualcharakters der liturgischen Texte (den die deutschen Fassungen im Gegensatz zu den neuen DGS- Fassungen besitzen) sollte man sich vor dem Einsatz mit den gehörlosen Klienten absprechen, da einige (besonders ältere Menschen) eventuell eine (ihnen vertraute) LBG-Version bevorzugen; Entscheidet man sich als Dolmetscher für eine DGS-Version, könnte man, um für Klienten und für sich selbst einen gewissen Ritual-Charakter zu etablieren, eine Version des Vaterunsers oder des Glaubensbekenntnisses auswendig zu lernen
Mögliche Rollenkonflikte Gemeindemitglied Dolmetscher Ist man selbst aktives Gemeindemitglied, sollte man die beiden Rollen klar zu trennen wissen. Selbst zu dolmetschen schließt eine aktive (gefühlsmäßige) Teilnahme am Gottesdienst aus! Neutralitätskonflikt Beim Dolmetschen in religiösen Settings dolmetscht man unter Gläubigen und für Gläubige. Falls man sich selbst nicht mit den Inhalten identifizieren kann, hat man die Wahl, entweder besonders bewusst eine neutrale Haltung einzunehmen und ganz im Sinne des Sprechers zu dolmetschen, oder aber Aufträge in religiösen Settings gar nicht erst anzunehmen. Nur wenige Dolmetscher arbeiten im religiösen Bereich. Vielleicht besitzen persönliche Überzeugungen beim religiösen Dolmetschen einen größeren Stellenwert als in anderen Bereichen.
Links und weiterführende Literatur Zur Vorbereitung und zum Nachschlagen von Fachtermini: RELEX Gebärdensprachliches Lexikon religiöser Begriffe Gemeinsames Projekt der linguistischen Abteilung, Helen Leuninger, und der katholischen Gehörlosen-Seelsorge PAX, Frankfurt/Main DAFEG Religiöse Gebärdensprachbegriffe DAFEG Gottesdienst visuell Bausteine und Anregungen DAFEG Markusevangelium in DGS (zwei Videokassetten mit Beiheft) Losungen (der Herrnhuter Brüdergemeine) Zur Vorbereitung der Lesungen und Evangelien eines bestimmten Sonntags; Evtl. auch nützlich: Losungen für Gehörlose (in vereinfachter Sprache)
...weiter Links und weiterführende Zum Thema: Literatur Bentele, Susanne: Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge e.v.: Religiöse Gebärdensprachbegriffe Computergestütztes Gebärdenlexikon; In: Das Zeichen 46/98. Bierschneider, Tanja: Bericht über den 27. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Leipzig; In: Das Zeichen 41/97. Grindrod, Rev. Dr. Robert H.: Interpreting in religious settings, In: Views 03/98. Oettler, Dietrich: RELEX ein ökumenisches Lexikon religiöser Gebärden In: Das Zeichen 57/01. Schwager, Waldemar: Theoretische Aspekte der Bibelübersetzung in die Gebärdensprache Teil 1; In: Das Zeichen 62/03. Schwager, Waldemar: Theoretische Aspekte der Bibelübersetzung in die Gebärdensprache Teil 2; In: Das Zeichen 63/03. Warford, Penni: Religious Interpreting: The Art, The Dance, Views 12/00. Westfälischer Arbeitskreis Bibel in Gebärdensprache : Zum ersten Mal: Ein Buch der Bibel in Deutscher Gebärdensprache; In: Das Zeichen 43/98.
Quellen DAFEG: Gottesdienst visuell Bausteine und Anregungen Dolmetscherbefragung Grindrod, Rev. Dr. Robert H.: Interpreting in religious settings, Views 03/98. Schwager, Waldemar: Theoretische Aspekte der Bibelübersetzung in die Gebärdensprache Teil 2, In: Das Zeichen 63/03. Warford, Penni: Religious Interpreting: The Art, The Dance, Views 12/00. Homepage der DAFEG: www.dafeg.de