Rudolf Steiner ALBERT STEFFEN ALS LYRIKER

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Transkript:

Rudolf Steiner ALBERT STEFFEN ALS LYRIKER Erstveröffentlichung in: Das Goetheanum, I. Jahrgang, Nr. 22, 15. Januar 1922 (GA 36, S. 197-201) Weg-Zehrung* Albert Steffen hat den Verehrern seiner Dichtungen eine lyrische Gabe geschenkt. Von einem «Geschenk» muss man sprechen. Denn wer in diesem Dichter den ernsten Sucher in den Rätseln der Menschenschicksale gefunden hat, der Weltgeheimnisse in ringender Gestaltungskraft in Seelen-wesen offenbaren will, der hatte Verlangen nach dieser persönlichsten Mitteilung. Er muss dankbar sein für das Geschenk. Das Büchlein ist klein an Seitenzahl. Die Gabe ist groß. Denn aus einer Fülle des Herzens und der Seele gibt ein Mensch, der viel zu sagen hat von dem, was zu empfangen Bereicherung des Lebens ist. Es ist für jeden gut, der es empfängt; aber nur einer konnte es so geben, wie es ist: Albert Steffen. Denn der sieht, was jeder sehen sollte, mit einem ganz persönlichen Künstlerauge. Der erste Eindruck kann befremdend sein. Denn Steffen lebt wirklich in Empfindungswelten, die sein ganz persönliches Eigentum sind. Aber man kann schnell heimisch werden in diesen Welten. Denn das Heim, in dem der Dichter Steffen auf seine besondere Art die Welt gestaltet, ist von Herzenswärme durchdrungen, und es ist voll echter Güte. Steffens Bilder sind oft aus tiefen Bergschachten geholt; aber es hat sie ein Mensch gestaltet, der in der Gedankentiefe nie den lebendigen Künstlersinn verliert. Steffen steht oft vor Weltproblemen, bei denen Andere zu Philosophen werden. Er bleibt Künstler. Andere zeichnen alle möglichen runden Linien; Steffen setzt einige Striche hin, und gibt manche Ecken. Das Ganze ist dann bildsamer als die Rundungen der andern. Manche halten sich an der Ober-fläche, um nicht lyrische Grübler zu werden. Steffen geht oft sehr weit unter die Oberfläche; aber er kann da so eindringlich sprechen, dass dem Zuhörer alles Grübeln vergeht. - - - * Im Rheinverlag zu Basel 1921.

[198] Steffens Dichtungen sind aus dem Seelenbezirk, wo man Weltgeheimnisse schaut und Menschenrätsel empfindet. Aber der Geist, der sich da schauend und empfindend oft in Abgrundtiefen wagt, sich oft in Sternenhöhen schwingt, bleibt bildgestaltend, tonerschaffend, wird nirgends verführt zur Ideenkälte. Steffen malt in Worten. Die Worte haben Farben. Und die Farben wirken wie diejenigen auf Bildern, die Jahrhunderte überstanden und sich bewährt haben. Steffen schreitet auch schauend und empfindend durch die Natur. Und die Natur offenbart durch ihn ihre Geisteswesen. Es ist Weisheit in dieser Offenbarung. Tragische Weisheit, gütige Weisheit, liebeweckende Weisheit. Weisheit, die sich dem Rätseldeuter enthüllt, der im Deuten ganz von der Kraft des Dichters erfüllt, im Gestalten von ruhiger Künstlerbegeisterung getragen ist. Steffen steigt in die Schächte der Seele hinunter. Er holt Bilder herauf, die wie Abbilder von Naturwesen sind. Von einer Natur, die Augen nicht sehen und ohne deren Erreichbarkeit in der Phantasie die Welt der Augen ein Trug wäre. Scharfe Umrisse haben diese Geist- Naturbilder; aber es sind nicht Umrisse, welche der Verstand zeichnet, sondern das Menschenherz. Man hat gegenüber diesen Bildern oft das Gefühl: eine unbekannte Macht in dem Dichter habe sie der Natur abgerungen; und nachdem sie durch diese Macht da waren, zeichnete sie Steffen hin. Steffen, der Dichter, steht nie allein da; eine Welt ist immer um ihn. Er spricht nicht nur seine Gefühle aus; er lässt stets eine unbegrenzte Welt um sich ahnen, wenn er seine Gefühle mitteilt. Seine Bilder sprechen zunächst oft so, als ob sie aus dem leeren Raum heraus sich gestalteten; dann, wenn man sie voll empfunden hat, erhalten sie Hintergrund. Dann offenbaren sie eine Welt, während sie zuerst nur sich selber zu offenbaren schienen. Manchmal sind sie wie Menschen, die zuerst spröde sich geben, und von denen nachher eine liebespendende Wärme ausgeht. Manchmal will es einem

[199] vorkommen, als ob ein Gedicht Steffens eine Behauptung trotziger Willkür wäre; und diese scheinbare Willkür hält einen fest, dann findet man, der Schein des Trotzes umhüllt ergebene Wahrheit, die nur von seelischer Abgeklärtheit zu erreichen ist. Steffens Lyrik kommt oft aus den Bergen; aber sie hat dann als Berggeburt die Ebene durchwandelt, wie Quellen das tun, die zu Flüssen werden. Sie trägt noch den Bergursprung in sich; aber sie spiegelt in der Ebene, die ihr Ruhe gibt, die Sonne, und sie zaubert da auch den Widerschein des Mondes und der Sterne vor die Seele des Genießenden hin. Sie raunt Naturräts ei; das Geraunte wird im Hören wie eine vertraute Sprache. Ein zartes Gedicht: «Felizitas» dringt zum Herzen wie Empfindung weckend, die in kosmische Weiten sich ergießt. Man ist im stillen Kämmerlein und doch in den Weltenweiten; ein Menschenkind mit seinem Elend und ein Geschöpf der Sphärenwelten. Oft wenn ich in der Nacht von bangem Traumgesicht emporgeschreckt, betracht, wie leicht der Leib zerbricht, wenn immer schwerer lasten Angst und Wahn, ich weinen muss ob meiner dunklen Bahn: Lauf ich zum Fenster schnell die Sterne anzuschaun, wie scheinen sie so hell, dann darf ich doch vertraun, ich weiß es ja, dass mich an Kindesstatt der Sternenhimmel angenommen hat. Und wie spricht Steffens Lyrik die Frömmigkeit aus! Es ist eine Frömmigkeit, die grübeln darf, weil sie im Grübeln nie das Herz verliert. Es ist eine Frömmigkeit, die das Verehrensvollste gestalten darf, weil sie im Gestalten noch die Innigkeit des Gebetes bewahrt.

[200] Ich geh durch rote Äcker: Es schläft der Keim. Ich geh durch grüne Saaten: Es sproßt der Halm. Ich geh durch goldne Felder: Es reift das Korn. Ich find den Müller und der Müller spricht: Die Erde ist das Angesicht des Menschensohnes Und «wer mein Brot verzehrt, der setzt den Fuß auf mich». Ich knie nieder und er reicht die Speise, dass ich mich sättige auf meiner Erden-Reise. Das ist die Stimmung, welche das Gemüt dann mit den Erlebnissen aus dem Reiche des Ewigen in der Menschenseele durchdringen. Das Persönliche wird in das Unpersönliche gehoben, nicht um sich darinnen zu verlieren, sondern um sich in seiner Wahrheit und Wesenheit zu finden. Und dieses Finden hat in der Lyrik Steffens selbst seinen Abglanz. Der Dichter fühlt sich im Strome des Weltseins und spricht: Die Sprache formt Schicksal, gemäß den Lauten, streng oder milde. Näh oder Ferne vom ewigen Urwort bestimmt meine Freiheit und Not. Und wer solches hört aus Steffens Dichterseele, der empfindet, wie bei ihm das Schicksal die Geheimnisse der Sprache sucht, um «streng und milde» des Lebens Not zu formen, und in der Freiheit des Geistes dem Dasein Sinn zu geben. Wenn Steffen den Schmerz zu «Busch und Baum» trägt, um die Bäume zu seinen Lehrern des Seelenfriedens zu machen,

[201] dann offenbart sich die Empfindung in der strengen Sonette-Form, und man hat das Gefühl, was gesagt wird, kann nur in dieser Form sich offenbaren. Die Dichtungen dieser Art in der «Weg-Zehrung» sind wie ein Empfangen der Form durch den Dichter, der in ihr die Ruhe findet für die Empfindung, die ohne dieses Finden ins unbegrenzt Weite streben möchte. Dass aber die Empfindung bei Steffen ihr Maß auch in sich selbst tragen kann, das offenbart sich, wenn er im Aufschwunge von dem persönlichen Erleben zum Miterleben des Welten-seins in der Form des Hymnus sich ausspricht, und auch, wenn er die Möglichkeit findet, sich so mitzuteilen, dass das Schweigen, wenn das Herz voll ist, nur in dem allergeringsten Maße vermieden wird: Du blickst so irr, so hoffnungsleer, warum, warum? O sag's, o deut's. Christus in mir - Ist es so schwer. Er geht herum: Ich bin sein Kreuz.