1 Der Botschafter des Brillenschafs 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Weil die schwarzen Ringe um ihre Augen nicht in seine Rassenlehre passten, soll Adolf Hitler die Zucht von Südtirols ältester Schafrasse, dem Brillenschaf, verboten haben. Trotzige Hirten versteckten die Tiere auf ihren Almen und sicherten damit ihr Überleben. Günther Pernthaler hat im Villnößtal die Zucht der vom Aussterben bedrohten Art wieder aufgenommen. 13 14 Von Eva Lindner 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 Pampalo, pampalo, sesesesey, ruft Günther Pernthaler in den Wald. Zumindest klingt es so, als würde man die Worte so schreiben, niedergeschrieben hat sie wohl nie jemand. Den Hirtenruf hat der Schafzüchter von seinem Vater gelernt und der von seinem Großvater. Was die Worte bedeuten, kann er nicht erklären. Aber darum geht es auch nicht, es geht um ihren Klang und um ihre Wiederkehr. Und darum, dass die Schafe seit über einem Jahrhundert auf diesen Ruf hören. 28
29 30 31 32 33 34 35 36 37 Im Südtiroler Villnößtal leben etwa 500 Tiere einer Rasse, die es eigentlich gar nicht mehr geben sollte: Brillenschafe. Bereits im 18. Jahrhundert haben die Villnösser dafür heimische Landschläge mit Bergamaskerschafen und Paduaner-Seidenschafen gekreuzt. Das Brillenschaf ist Südtirols älteste Schafrasse. 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 Ein paar Tiere schauen neugierig hinter den Bäumen hervor. Eigentlich sehen sie aus wie normale Schafe, nur die Beine sind ein bisschen staksiger und die Nase ist zur Abwehr gerundet wie ein Boxhandschuh. Um ihre Augen tragen sie dicke schwarze Ringe im weißen Fell, als hätten sie allesamt schlecht geschlafen. Die Pigmentierung wird Brille genannt. Auch die Spitzen der Ohren sind schwarz eingefärbt, als hätten sie beim Grasen im Match gehangen. 51 52 53 54 55 56 Man kann es sich kaum vorstellen, aber Adolf Hitler persönlich, so erzählt man sich im Dorf, habe etwas gegen die Brillenschafe gehabt. Er hätte sie für zu klein und dünn befunden und auch die ins
57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 Fell gezeichnete Sehhilfe nicht gemocht. Deshalb habe er die Züchtung verboten. Es gibt keine Dokumente darüber, fest steht aber, dass Hitlers Rassenlehre nicht nur für Menschen galt. Die Nationalsozialisten bewerteten Nutztiere nach Leistung. Ziel war es, die landwirtschaftliche Produktion von Fleisch, Milch und Wolle zu steigern, um die Ernährung des Volkes zu sichern. Dabei sollte in den 30er-Jahren die Zucht der Bergschafrassen vereinheitlicht und vermischtes Blut verhindert werden. Das Brillenschaf galt nicht als reinrassig. 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 Die Tiere sind noch immer vom Aussterben bedroht, mittlerweile kraxeln aber wieder etwa 1500 Brillenschafe über die Bergwiesen Südtirols. Dass es die Rasse noch gibt, liegt an den Menschen hier. Weil sie sich nicht einfach etwas wegnehmen lassen. Weil sie ihre kulturelle Identität wahren wollen. Und weil sie Helden im Kleinen sind. Pampalo, sesesesey, ruft Günther Pernthaler seinen Schafen entgegen, die mit wackelnden Ohren aus dem Wald traben. Mein Großvater und ein paar andere
85 86 87 88 89 90 91 92 93 Bauern haben die Schafe damals auf den Almen versteckt und heimlich weitergezüchtet, sagt er und greift einem Tier mit einer Brille, so dick, als hätte es mindestens 9,5 Dioptrien, in die drahtige Wolle. Auf die entlegenen Bergwiesen in über 2000 Meter Höhe sei niemand hochgestiegen, um nach dem verbotenen Brillenschaf zu suchen. 94 95 96 97 98 99 100 101 Dass die Zahl der Tiere wieder steigt, ist auch der Verdienst von Günther Pernthaler. Egal, wen man im Dorf nach den Brillenschafen fragt, alle verweisen auf ihn. Seine Freunde nennen ihn Moar, Maier war der traditionelle Hofname seiner Familie. 102 103 104 105 Der Moar ist ein Heller. Der weiß alles über das Brillenschaf, sagt Willi, der LKW-Fahrer. 106 107 108 109 110 Und ein Guter ist er auch, der hält hier alles zusammen, sagt ein Mann, der in der Dorfverwaltung arbeitet und sich als Gemeinde-Hubi vorstellt. 111 112 Kürzlich ist ein Lamm auf einer der
113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 Bergweiden verloren gegangen und in einer Felsspalte stecken geblieben. Ohne Hilfe wäre es verhungert. Die Geschichte kennt jeder im Dorf. Pernthaler hat sich 80 Meter tief abgeseilt, um das Schaf aus dem Felsen zu ziehen. Ganz ruhig hat er auf das Tier eingeredet, pampalo, sesey. Eine falsche Bewegung und das Schaf wäre vor Schreck in den Tod gesprungen. Er hat sich schließlich auf das Tier geschmissen, es mit beiden Armen fest umklammert und aus der Spalte befreit. Bei so was rufen sie immer mich, sagt Pernthaler mit seiner ruhigen Stimme, als ginge es darum, Grußworte beim Neujahrskonzert der Blaskapelle zu sprechen und nicht darum, für ein Schaf sein Leben zu riskieren. 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 Wer Günther Pernthaler im Sommer zu Hause besuchen will, braucht entweder einen Geländewagen oder stramme Waden. Vier Monate lang zieht er sich jedes Jahr mit seiner Frau und den vier Kindern auf eine Alm zurück, die man nur über einen steilen Bergpfad erreicht. Am Horizont recken die neun Felsen des Geislers ihre Spitzen in den Himmel. Es ist das
141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 bekannteste Motiv der Dolomiten, der typische Südtirol-Anblick. Reinhold Messner, gebürtiger Villnösser, hat hier das Klettern gelernt. Auch davon kann jeder Dorfbewohner erzählen. Eineinhalb Stunden nach Beginn des Aufstiegs hat man eine Höhe von 2142 Metern über dem Meeresspiegel und ein kleines Holzhaus erreicht. Die Sonne verabschiedet sich von Villnöß und nimmt den Tag mit sich. Eine rot-weiße Südtirol-Fahne schwingt sich temperamentvoll um den Mast, es riecht nach gemähtem Gras und frisch gebackenem Brot. 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 Günther Pernthaler 42 Jahre alt, hochgewachsen, Vollbart ist der Verbandsvertreter für das Villnösser Brillenschaf in Südtirol, er ist Zuchtvater und Botschafter. Er trägt einen Alm-Öhi-Hut aus Filz, Cordhose und Hosenträger mit Edelweiß, Symbol für Kühnheit und Ausdauer. Pernthaler hat Agrarökonomie studiert und anschließend in Milchlaboren gearbeitet. Schnell war ihm klar, dass er in die Natur und nicht vor die Zentrifuge gehört. Seit 1996 ist er Zuchtwart im Tal. Jeden Tag steht er
169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 um sechs Uhr auf, melkt die Kühe, frühstückt mit seiner Familie. Jonas, sein ältester Sohn, sagt: Wenn ich groß bin, züchte ich auch Schafe wie der Papa. Nach dem Frühstück fährt Pernthaler ins Tal, klammert Kälbern und Lämmern Kennzeichen in die Ohrläppchen, führt Buch über den Bestand. Südtirol sei die einzige Provinz in Europa, in der es noch den Beruf des Zuchtwarts gebe, wir halten daran fest, sagt Pernthaler. 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 Die Richtlinien für die Brillenschaf- Zucht haben Pernthaler und die anderen Züchter sich selbst gesetzt. Von anderen lassen die Südtiroler sich auch nicht gerne etwas vorschreiben. Bei ihrem Einsatz für die Tierart geht es nicht nur darum, das Überleben einer Rasse zu sichern. Die Einwohner berufen sich gerne auf ihre Wurzeln. Meine Vorfahren haben viel riskiert, um das Brillenschaf zu erhalten, sagt Pernthaler. In einer Region, in der zwei Kulturkreise so eng zusammenleben wie in Südtirol, will man sich verorten. Man braucht halt etwas Eigenes, zu dem man steht. Das Eigene ist das Brillenschaf und das lobt man in
197 198 199 200 201 dem 2500-Einwohner-Dorf in den höchsten Tönen. Die Tiere seien robust und trittsicher, das ist wichtig auf den Steilen Hängen der Dolomiten. Außerdem sei das Fleisch besonders schmackhaft. 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 Südtirol ist die reichste Provinz Italiens, heute kann man es sich hier leisten, eine Schafrasse zu züchten, die wenig Fleisch gibt. Und die Villnösser haben Erfolg damit. Jedes Jahr im September treiben sie ihre Schafe von den Almen, geschlachtet werden sie in Brixen. Das feinfasrige, zarte Lammfleisch ist bei den Spitzenköchen Südtirols beliebt, die dichte Wolle in der Verarbeitung nachgefragt. Villnöß, sagt Pernthaler, sei das einzige Tal in Südtirol, das sich in der Schafzucht auf nur eine Rasse konzentriere. Und er selbst, sagt er, sei einer von nur vier Züchtern für das seltene schwarze Brillenschaf, in ganz Europa gebe es nur noch etwa 60 dieser Tiere. Einzigartig sei er deshalb nicht, nein, aber mit Stolz erfüllt, das sei er schon. Vorher habe sich schließlich kein Schwein um das Schaf gekümmert. 224
225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 Am nächsten Morgen steigt Pernthaler in seinen Geländewagen und macht sich auf den Weg ins Tal. Es gibt Ärger mit dem Sommerhirten. Luis lebt vier Monate lang auf einer einsamen Bergalm und bewacht die Brillenschafe verschiedener Züchter. Nun hat er sich beschwert. Zu viele Wanderer und Besucher verschlage es auf den Gipfel. Luis will seine Ruhe, früher sei ja auch niemand zu ihm hochgekommen. Auch bei so etwas wird der Pernthaler gerufen. Er soll den Hirten und auch die Schafe beruhigen, pampalo sesey. 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 Er denke oft darüber nach, wie man Villnöß schützen könne, sagt Pernthaler. Gerade haben er und ein paar Viehzüchter einen neuen Verein gegründet. Der Zusammenschluss Graues Geisler Rind hat festgelegt, dass nur noch graue Kühe aus Villnöß das Gras auf den Almen des Tales fressen dürfen und keine Rinder mehr aus anderen Teilen Südtirols. Die heimischen Weiden mit ihren würzigen Bergkräutern seien schließlich besonders nahrhaft und verliehen dem Fleisch der Rinder wie auch dem der Brillenschafe eine hohe Qualität. Wir müssen die Heimat für unsere Kinder
253 254 255 256 und für unsere Tiere erhalten, sagt Pernthaler und lenkt energisch seinen Geländewagen über den Schotterweg hinunter ins Tal.