Vergleichstest BMW 220i, VW Scirocco 2.0 TSI Der feine Unterschied Heck- gegen Fronttriebler? So einfach ist es schon lange nicht mehr, die ausgefeilten Fahreigenschaften moderner Sportcoupés verwischen die Unterschiede. Im Test zeigt der überarbeitete VW Scirocco, wie gut er gegen den BMW 220i abschneidet. Bosch-Testgelände Boxberg, Handlingstrecke, wrrummm, der Scirocco sticht in die schnelle Links, dritter Gang, alles easy. Nur ein ganz zarter Hauch Untersteuern, das elektronische Sperrdifferenzial XDS filtert Traktionsprobleme und Antriebseinflüsse weg, der Scirocco folgt brav dem Lenkeinschlag. Nur bei deutlich provoziertem Lastwechsel lenkt das Heck nach, der Kurvenradius wird enger, Vollgas auf der kurzen Geraden, Einlenken in die enge Rechts, zweiter Gang, das macht Spaß. Ähnlich unspektakulär läuft die gleiche Übung ein paar Runden später mit dem BMW 220i ab, er bleibt noch eine Spur gelassener, zeigt keinerlei Lastwechselreaktion, bleibt unerschütterlich neutral und das DSC aufmerksam in Warteposition. Wenn man nicht wüsste, dass eines der Coupés Front-, das andere Hinterradantrieb hat, man käme durch den Fahreindruck nicht unbedingt darauf. Zumal dann, wenn 32 2/2015
IM VERGLEICH BMW 220i: 184 PS, 0 100 km/h in 7,7 s, ab 29 950 Euro VW SCIROCCO 2.0 TSI: 180 PS, 0 100 km/h in 6,9 s, ab 26 225 Euro 2/2015 33
Vergleichstest Sportcoupés wie hier mit vergleichsweise milder Motorisierung antreten. Früher war nicht alles besser Das alles war vor genau 40 Jahren, als der erste Scirocco, noch vor dem Organspender Golf, auf den Markt kam, sehr anders. Der stärkste verfügbare Motor hatte 85 PS, das komplette Auto wog gerade mal 800 kg, war nur gut 3,8 Meter lang, und sein Vorgänger hieß Karmann Ghia Typ 14. Ein Konkurrenzmodell von BMW gab es nicht, erst ein Jahr später kam der erste Dreier, war jedoch als 316 mit 90-PS-Vierzylinder und Stufenheck eine Klasse höher eingepreist als der kompakte Schrägheck-Scirocco. Warum wir Ihnen das jetzt hier erzählen? Weil man damals in Scirocco und Dreier bereits beim Ausparken die Unterschiede erfahren hätte. Heute geht das kaum ohne Blick in die technischen Daten. Wenn Sie jetzt noch ein paar Meter mehr mit den Oldtimern von 1975 führen, merkten Sie ebenfalls, lieber Leser, dass damals wirklich nicht alles besser war. Die Vergasermotoren hängen eher zäh am Gas, puffen ungereinigte Abgase heraus, und die passive Sicherheit befindet sich nach modernen Maßstäben etwa auf dem Niveau von Seifenkisten. Und wenn Sie jetzt noch glauben, dass früher womöglich vieles nicht so gut, dafür aber billiger war: Inflations- und kaufkraftbereinigt würde heute ein 70-PS-VW Scirocco oder ein 90-PS-BMW 316 so um die 25 000 Euro kosten. Der Scirocco ist preiswerter Für den Preis gibt es heute ebenfalls bereits den billigsten Scirocco, den TSI mit 125 PS, Ab 26 225 Euro steht die Version mit 180 PS in der Preisliste, für 1900 Euro mehr ist die sogar mit Sechsgang-DSG erhältlich. Heute wie damals ist es etwas kostspieliger, wenn es ein Sportcoupé aus München sein soll: Der 220i ist ab 29 950 Euro erhältlich; wenn er wie hier mit dem Sport-Line-Paket antritt, ist er mindestens 1900 Euro teurer. Dieses enthält im Übrigen neben den 17-Zoll- Leichtmetallrädern und den Sportsitzen wenig Habhaftes, es sei denn, Sie stehen auf Außenspiegelkappen in Wagenfarbe, Sport- Schriftzüge, schwarz glänzende Nierenstäbe oder schwarz verchromte Endrohre. Die Sportsitze hat der Scirocco serienmäßig an Bord, er ist ohnehin so gut ausgestattet, dass außer Xenon-Scheinwerfern, der Fahrwerksregelung DCC, der bereits erwähnten elektronischen Sperre XDS sowie dem großen Navi nichts wirklich Wichtiges fehlt. Vielleicht bis auf den Parkpiloten, der wegen des schlecht einsehbaren Hecks eigentlich unverzichtbar ist. Den gibt es für 755 Euro sogar inklusive des sehr gut funktionierenden Parklenkassistenten. Genau 1000 Euro kostet das entsprechende System bei BMW (Parkassistent inklusive Park Distance Control vorn und hinten). Doch es ist eher verzichtbar, weil der 220i trotz seines BMW Stufenheck-Coupé auf Einser-Basis Hinten ist im Zweier mehr Platz als gedacht, hier können es selbst Erwachsene für kurze Zeit aushalten Verbrauch 8,4 l/100 km Spitze 235 km/h Kofferraum 390 l Der Zweiliter-Turbo ist kräftig und sparsam, läuft jedoch etwas rau. Der Kofferraum ist ausreichend groß 34 2/2015
VW Schrägheck-Coupé mit Golf-Genen Eng und dunkel ist s im Fond, die Sitzbank recht unbequem, Aufenthalt nicht empfehlenswert Trotz seiner Karosserieform bietet der Scirocco weniger Platz als der 220 mit seinem Stummelheck Verbrauch 8,3 l/100 km Spitze 227 km/h Kofferraum 312 l Der Zweiliter ist lang übersetzt, seine Laufkultur mustergültig, die Klapplehnen sind Serie 2,8 Meter früher kommt der VW beim Bremsen aus 130 km/h zum Stehen, er benötigt 59,3 Meter für diese Übung, beim BMW sind es eher mäßige 62,1 1 ams-messwerte auf dieser Seite VERBRAUCHSMESSUNG Fahrzeug Verbrauch in l/100 km BMW 220i 8,4 6,1 8,2 11,8 VW Scirocco 2.0 TSI 8,3 6,2 8,1 11,6 Testverbrauch Zusammensetzung: 15 % Eco 15 % Sportfahrer 70 % Pendler Eco Besonders sparsam gefahrene Runde (275 km) Pendler Typische Fahrt vom Wohnort zur Arbeit (ø 21 km) Sportfahrer Sportliche Fahrweise mit häufig hohen Geschwindigkeiten DATEN UND -MESSWERTE Fahrzeugtyp BMW 220i Sport Line VW Scirocco 2.0 TSI BMT Antrieb Motorbauart/Zylinder-ZahlReihe /4 Reihe /4 Hubraum cm 3 1997 1984 Leistung kw (PS) bei 1/min 135 (184) 5000 132 (180) 4200 max. Drehm. Nm bei 1/min270 bei 1250 280 bei 1250 KraftübertragungHinterradantrieb Vorderradantrieb Testwagenbereifung 205/55 R 16 W 1) Bridgestone Turanza ER300 Maße/Gewichte Sechsganggetriebe Sechsganggetriebe 235/35 R 19 Y Bridgestone Turanza RE050A Leergewicht/Zuladung kg1434 /426 1357 /393 Länge Breite mm 4432 1774 4256 1810 (mit Spiegeln) Höhe (1984) 1418 (2080) 1406 Radstand mm2690 2578 Wendekreis links/rechts m11,2 /11,3 10,8 /10,9 Gepäckraum l/vda390 312 /1006 Anhängelast/gebremst kg680 /1200 / Innenbreite v./h. mm1475 /1435 1450 /1275 Innenhöhe v./h. mm1010 /890 990 /915 Normsitzraum mm640 680 Verbrauch/Reichweite/CO 2 Testverbrauch l/100 km 8,4 8,3 ams Eco-Drive ams Pendlerverbrauch ams Sportfahrer CO 2 -Ausstoß im Test g/km 6,1 8,2 11,8 195 6,2 8,1 11,6 193 NEFZ-Verbrauch l/100 km Super Super Stadt/über Land/gesamt 8,7 /5,0/6,3 7,5 /5,1/6,0 SchadstoffeinstufungEuro 6 Euro 6 CO 2 -Ausstoß (NEFZ) g/km148 139 Effizientsklasse C C Tankinhalt l52 55 Reichweite km619 662 Beschleunigung/Höchstgeschwindigkeit Beschleunigung s 0 80 km/h 0 100 km/h 5,2 7,7 4,9 6,9 2 0 160 km/h 0 180 km/h 0 400 m 0 130 km/h 25,3 15,4 12,2 19,1 24,2 15,1 11,3 17,9 Zwischenspurt s 60 100 km/h 80 120 km/h 4,4 5,4 3,6 4,8 Höchstgeschw. km/h235 227 Bremswege aus 100 km/h kalt leer m 37,2 35,1 aus 130 km/h kalt/warm 63,3 /62,1 60,4 /59,3 1 aus 170 km/h kalt leer 107 103 Innengeräusche bei 80 km/h letzter Gang 63 66 bei 100 km/h db(a) 66 70 bei 130 km/h bei 160 km/h 69 71 72 75 Fahrversuche Slalom 18 m TC/ESP on/off 63,9 /64,3 68,6 /68,6 Doppelter Spurwechsel km/h 132,9 /134,7 143,5 /146,1 Fahrdynamikbewertung ø ø Lenkpräzision indirekt/direkt Balance unter-/übersteuernd ESP konservativ/sportlich Beherrrschb. leicht/anspruchsv. Fahrzeugkonzept konservativ/sportl. Kosten Festkosten Euro Steuer Haftpfl icht Teilkasko 2) Vollkasko 3) 146, 253, 151, 947, 128, 253, 134, 947, Unterhaltskosten im Monat 4) bei 15 000 km/jahr Euro 206, 211, bei 30 000 km/jahr Euro 367, 378, Grundpreis Euro 31 850, 26 225, 1) Serie 17 Zoll, Downgrade auf 16 Zoll bei Sport Line optional möglich; 2) ohne SB; 3) mit 150 Euro SB; 4) ohne Wertverlust 2/2015 35
Vergleichstest 0,8 s schneller beschleunigt der Scirocco auf 100 km/h, nur bei der Vmax ist der 220i einen Hauch besser: 235 statt 227 km/h 2 ams-messwerte auf Seite 35 stummeligen Stufenhecks übersichtlicher ist und die deutlich größeren Fensterflächen aufweist. Bleibt also unterm Strich festzuhalten, dass der VW ausstattungsbereinigt rund 3000 Euro günstiger ist als der BMW. Das ist zwar eine Menge Geld, doch womöglich für Sportcoupé- Freunde, die rund 30 000 Euro für solch ein Auto aufwenden, nicht das kaufentscheidende Kriterium. VW hat den besseren Antrieb Da spielt ein attraktiver Antrieb vielleicht die wichtigere Rolle. So gesehen war es eventuell keine so weise Entscheidung, beim Scirocco ausschließlich auf Vierzylinder-Triebwerke zu setzen. Beim BMW Zweier ist immer noch der 235i mit Reihensechser und 326 PS bestellbar. Der Zweiliter-TSI- Motor des VW ist beileibe kein schlechter, doch eine potente Sechszylinder- Topversion wäre schön. Was immerhin theoretisch denkbar ist, da der Scirocco nicht auf der MQB-Plattform, sondern der Golf-IV-Basis aufbaut. Der Zweiliter-TSI passt dennoch besser zum Zeitgeist, erweist sich zudem als ausgesprochen angenehmer und druckvoller Antrieb. Beim Spurt auf 100 km/h ist er dem 220i 0,8 Sekunden zuvor, zieht auch beim Zwischenspurt am BMW vorbei. Das macht zwar am Stammtisch mehr Eindruck als auf der Straße, doch auch subjektiv hängt der VW ein wenig Fazit feinnerviger am Gas. Dass der Scirocco-Motor dazu noch kultivierter läuft, vervollständigt den Eindruck einer rundum gelungenen Antriebsquelle. Das alles kann der BMW-Turbo kaum schlechter, es fiele zudem gar nicht auf, wenn man nicht direkt aus dem um Nuancen besseren VW umstiege. Ähnlich gering sind die Unterschiede beim Verbrauch, im wahren Autoalltag liegen sie eher im Gasfuß des jeweiligen Piloten als in den technischen Anlagen der Autos. Wer gern sparsam unterwegs ist, kommt mit jeweils rund sieben Litern Superbenzin über die Runden, ohne dabei sehr langsam zu sein. Der 220i ist harmonischer Ähnlich dicht beieinander bleiben die beiden Sportcoupés auf dem Handlingkurs in Boxberg. Wenn wir jetzt eine Zeitnahme im Auto hätten, stellten wir vermutlich fest, dass der Scirocco jeweils ein paar Sekundenbruchteile schneller durch die Lichtschranke rauscht. Er fühlt sich nicht fixer an, ist jedoch auch bei Slalom und doppeltem Spurwechsel jeweils ein paar km/h schneller, fordert andererseits wegen seiner weniger mitteilsamen Lenkung und der ausgeprägteren Lastwechselreaktionen mehr fahrerischen Einsatz als der leichtfüßige BMW. So gewinnt der Scirocco diesen Vergleich also vor dem 220i. Auch weil er das schnellere, dynamischere Auto ist, das allerdings im Innenraum weniger Platz bietet. Der BMW ist komfortabler als der VW, ist das insgesamt samtigere, kultiviertere Auto, in dem man sich auch als feinsinniger Fahrer jenseits der 40 gut aufgehoben fühlt. Im Scirocco fühlt der sich jedoch zehn Jahre jünger, alt genug für den BMW wird man schließlich ganz von selbst. Text: Heinrich Lingner Fotos: Hans-Dieter Seufert 1 Volkswagen 2 BMW Der modellgepflegte Scirocco ist schneller, dynamischer und billiger als sein Konkurrent von BMW. Zudem hat er die besseren Bremsen, ist somit also ein verdienter Erster. Der 220i ist etwas langsamer, aber gleich sparsam wie der Scirocco. Er hat das feinere Fahrwerk, bietet mehr Platz und die besseren Sitze. Zum Sieg reicht das nicht. SEigenschaftsieger ERGEBNISSE Fahrzeugtyp 1) Bester erhält volle Punktzahl (Maximalpunktzahl) VW Scirocco 2.0 TSI BMW 220i Karosserie Raumangebot (20) 6 7 Außenabmessungen (10) 8 8 Kofferraum (15) 4 4 Zuladung (10) 5 5 Variabilität/Funktionalität (10) 8 7 Instrumente/Anzeige (5) 5 5 Bedienung (10) 9 10 Rundumsicht (10) 6 8 Qualitätsanmutung (10) 9 9 Summe (100) 60 63 Sicherheit Sicherheitsausstatt./-assistenz (40) 4 7 Licht (10) 6 5 Bremsweg kalt (100 km/h) (10) 4 2 Bremsweg kalt (130 km/h) (5) 2 1 Bremsweg warm (130 km/h) (10) 7 4 Verzögerung 170 km/h (5) 5 4 Pedalgefühl (5) 5 5 Fahrsicherheit (15) 13 14 Summe (100) 46 42 Komfort Federungskomfort (25) 18 20 Sitze vorn (15) 13 12 Sitze hinten (10) 5 7 Multimedia (20) 10 12 Komfort-Assistenzsysteme (10) 3 1 Klimatisierung (10) 7 7 Innengeräusch-Messwerte (5) 3 4 Geräuscheindruck (5) 4 4 Summe (100) 63 67 Antrieb Laufkultur (10) 8 7 Durchzugskraft (10) 7 6 Leistungsentfaltung (5) 5 4 Schaltung/Getriebeabstufung (10) 8 8 Beschl./Höchstgeschwindigkeit (15) 8 7 Zwischenbeschleunigung (5) 4 3 Testverbrauch (20) 9 9 Lademöglichkeiten (10) Reichweite Elektro km (10) Reichweite (5) 3 5 Summe (100) 52 49 Fahrverhalten Fahrdynamik (20) 17 12 Handling/Fahrspaß (25) 20 22 Lenkung (20) 16 18 Wendekreis (10) 3 2 Traktion/Wintertauglichkeit (15) 12 10 Geradeausl./Windempf. (10) 5 5 Summe (100) 73 69 Umwelt Well-to-Wheel-CO2-Emission (30) 16 16 Emissionen nach NEFZ (15) 5 4 Stand- und Fahrgeräusch (5) 3 4 Summe (50) 24 24 Eigenschaftswertung (550) 318 312 Kosten Grundpreis 1) (25) 25 20 Ausstattung 1) (10) 10 9 Aufpreisgestaltung (5) 3 3 Wiederverkaufschancen (10) 6 7 Festkosten für 5 Jahre 1) (10) 10 10 Wart./Reparatur 100 000 km 1) (15) 13 15 Kraftstoffkosten 100 000 km 1) (15) 15 15 Garantie (10) 2 2 Summe (100) 84 81 Gesamtwertung (650) 402 393 1 2 36 2/2015