Predigt zu Matthäus 5, 3 Liebe Gemeinde, glücklich sind, die Urlaub haben, denn sie können sich erholen und das Leben genießen. So oder so ähnlich denken viele. Schade nur, dass der lang ersehnte Urlaub so schnell vorbeigeht. Immerhin, man hat etwas erlebt und kann davon erzählen von glücklichen Momenten, von Glück im Unglück und glücklicher Weise ist der nächste Urlaub ja schon gebucht. Trotz oder gerade aufgrund der täglichen Negativschlagzeilen, sehnen sich die Leute danach, mal rauszukommen, den Alltag hinter sich zu lassen und einfach mal abzuschalten. Glücklich, wem das gelingt. Ja, alle Menschen streben nach Glück. Darin sind sich von der Antike bis in die Gegenwart Philosophen (Platon), Theologen (Augustinus) und Psychologen (Freud) einig. Die Frage ist nur, wie finden wir unser Glück?! Auf genau diese Frage geht Jesus gleich zu Beginn der sogenannten Bergpredigt ein. Er beschreibt wenn man so will einen neunfachen Weg zum Glück oder besser gesagt, zur Glückseligkeit. Ich lese aus dem Matthäus-Evangelium, Kapitel 5, 1-12! 1
Diese Seligpreisungen scheinen in sich widersprüchlich zu sein, unverständlich, provokant, irgendwie merk-würdig. Jeder merkt sofort, dass Jesus hier Menschen würdigt, die man eher bedauern als beglückwünschen möchte! Es sind jedenfalls nicht diejenigen, die einen schönen Urlaub hatten oder ansonsten wunschlos glücklich zu sein scheinen. Ich bin auf die Seligpreisungen aufmerksam geworden, als ich in der Evangelisch-lutherischen St. Matthäus-Gemeinde in Bremen Menschen kennenlernte, deren Lebensgeschichte alles andere als glücklich verlief und die trotz alledem glückselig waren. Dort in Bremen fand ein Seminar zu dem 12-Schritte-Programm Leben finden statt! Rick Warren hat dieses Programm gemeinsam mit John Baker entwickelt und es basiert auf den Seligpreisungen. In einem sehr persönlich gehaltenen Vorwort von Mitautor John Baker heißt es: Mein Leben lief aus dem Ruder. Ich war ganz unten angekommen. Ich ging physisch, emotional, geistig und auch geistlich allmählich zugrunde. Ich war bei Grundsatz 1 angelangt. Grundsatz 1 lautet: Ich erkenne, dass ich nicht Gott bin. Ich gebe zu, dass ich meine Neigung, das Falsche zu tun, nicht beherrschen und mein Leben nicht selbst steuern kann. Diesen Grundsatz hat Rick Warren von der ersten Seligpreisung abgeleitet: Glücklich die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der 2
Himmel (Mt. 5,3). Auf diese einleitende Seligpreisung möchte ich heute näher eingehen und aufzeigen, dass uns nichts Besseres passieren kann, als arm im Geist zu sein so wörtlich. Wie ist das zu verstehen? Wer ist hier gemeint? Zunächst liegt es nahe, die Aussage von Matthäus mit der von Lukas in seinem Evangelium zu vergleichen. In Lukas 6,20 heißt es: Glückselig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer. Hier werden also offensichtlich direkt die Menschen angesprochen, die nicht wissen, wie sie über die Runden kommen sollen. Keinesfalls sind Menschen gemeint, die vielleicht geistig behindert sind oder im Alter geistig abbauen. Was aber hat äußere Armut mit Armut im Geist zu tun? Vermutlich dachte Matthäus eher an eine innere Haltung unabhängig von dem, wie es uns äußerlich geht. Entscheidend ist die Beobachtung, dass Jesus sich mit seiner Bergpredigt sehr stark auf das Alte Testament bezieht. Nach Jesaja 57,15 will Gott bei denen wohnen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind. Derselben Hoffnung geben die Psalmen Ausdruck: Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben (Ps. 34,19; 51,19). Auf diesem Hintergrund wird deutlich, dass es Jesus einzig und allein darum geht, dass Menschen ihre innere Armut vor Gott erkennen und eingestehen. Die erste 3
Seligpreisung zielt darauf, dass wir im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte demütig bleiben vor dem Vater im Himmel, der seinen Sohn gesandt hat. Glückselig, die im Tiefsten ihrer Seele wissen, dass alles, was wir wollen, wissen oder besitzen im Grunde armselig ist - gemessen an dem, was Gott für uns getan hat und womit er uns immer wieder neu beschenkt. Eckhart von Hochheim, bekannt als Meister Eckhart (geboren um 1260) war ein bedeutender spätmittelalterlicher Theologe und Philosoph. Er gehörte dem Orden der Dominikaner an. Dieser Meister Eckhart spricht in einer Predigt über Mt. 5,3 von einer dreifachen Armut: Demnach ist derjenige arm im Geist, der a) nichts will, der b) nichts weiß und der c) nichts hat. Dieser Deutung möchte ich mich gerne anschließen. Plötzlich hat diese Seligpreisung auch sehr viel mit mir zu tun. Ich gehöre zu denen, die etwas wollen. Ich denke, wir alle sind so geprägt, dass wir erfolgreich sein wollen. Wir wollen Früchte sehen nicht zuletzt auch in der Gemeinde. Und es wäre schlimm, wenn es nicht so wäre. Doch ob uns das glücklich macht, ist ja noch einmal eine andere Frage. Armut im Geist versteht Meister Eckhart als Absichtslosigkeit gerade auch Gott gegenüber. Wie oft benutzen wir Gott, damit sich unsere Wünsche erfüllen?! Wir wollen reich gesegnet und nicht arm an geistlichen Erfahrungen sein. Doch 4
aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es mich glückselig macht, wenn ich ohne etwas Bestimmtes bezwecken zu wollen, nichts weiter will, als Gottes Nähe zu spüren. Dann nehme ich mich mit meinen Wünschen und Bedürfnissen immer mehr zurück, um schließlich meine leeren Hände zu Gott hin auszustrecken. Dann will ich nichts mehr erreichen, weil ich glückselig bin. Die zweite Form der Armut im Geist ist, dass wir nichts wissen. Meister Eckerhart weiß, dass er nicht wissen kann, wie Gott und wann und wo Gott wirksam ist. Und er verzichtet bewusst darauf, Gottes Wirken ständig erklären zu müssen. Er überlässt sich vielmehr dem Geheimnis göttlicher Gnade. Das fällt uns normalerweise recht schwer. Denn wir wollen ja gerne verstehen, wieso, weshalb, warum etwas geschieht oder auch nicht geschieht! Hat Gott uns doch Geist und Verstand gegeben, um Antworten auf Fragen des Lebens zu finden. Sicher werden wir auch weiterhin nach Antworten suchen. Doch manchmal werden wir keine Antworten bekommen und das Schöne ist, wir können trotz oder gerade deshalb glückselig sein. Wenn wir nämlich an den Punkt kommen, wo wir nicht wissen, wie es weiter gehen soll, wird sich Gottes Geist bemerkbar machen. Sein Geist wird uns mit 5
unaussprechlichem Seufzen vertreten (vgl. Röm 8,26), wenn wir nicht wissen, wie wir beten sollen und sein Geist wird uns zeigen, dass es weitergeht und dass Jesus bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende (Mt. 28,20)! Armut im Geist heißt drittens, dass ich nichts habe beziehungsweise ich in dem Bewusstsein lebe, dass mir letztendlich nichts gehört: weder mein Ehepartner noch meine Kinder, weder mein Haus, mein Geld oder was ich sonst noch so vorzuweisen habe. Glückselig, wer diese innere Freiheit gewinnt, nichts haben zu müssen, um glücklich zu sein. Dann kann ich mit anderen teilen, was ich habe und meinem Ego wird neu bewusst, dass ich allein von der Gnade lebe. Meister Eckhart versteht diese Seligpreisung nicht moralisierend. Wir müssen nicht auf all die schönen Dinge, die unser Leben bereichern, verzichten und asketisch leben. Doch wir sollten darauf achten, dass uns nichts und niemand wichtiger wird, als unser Herr Jesus Christus und seine Liebe. Wie gesagt, wahrscheinlich tun auch wir uns damit schwer, nicht immer noch mehr zu wollen, sondern uns an der göttlichen Gnade genügen zu lassen. Ich selbst erinnere mich noch gut an eine Situation, wo ich mich 6
innerlich ohnmächtig, erschöpft und ausgebrannt gefühlt habe. Eigentlich hatte ich gar nicht die Kraft, um eine Predigt zu halten. Während und nach der Predigt war mein Geist alles andere als frei von den Dingen, die mich bedrückten. Keine Ahnung, was ich damals gepredigt habe und was davon angekommen ist. Völlig überraschend kam schließlich nach dem Gottesdienst jemand auf mich zu und sagte: Ich habe heute von Gott ein Bibelwort für dich bekommen. Gott spricht dir zu: Glückselig die Armen im Geist, denn ihnen gehört das Reich Gottes. Natürlich habe ich dieses Bibelwort als prophetisches Wort gehört. Aber ich muss zugeben, dass ich es nicht gut annehmen konnte, weil ich ja theologisch und überhaupt glänzen wollte. Diese Erfahrung hat meinen Geist in gewisser Weise gedemütigt und das war gut so. Ich hoffe, dass ihr euch auf diese Seligpreisung einlassen könnt. In diesem 12-Schritte-Programm Leben finden geht es von dieser ersten Seligpreisung ausgehend, um die Themen Verdrängen und Ohnmacht. Ich denke, dass auch wir als Christen vieles gerne verdrängen. Wir wollen nicht wahrhaben, dass wir ohne Macht sind, gewisse Dinge zu ändern. Wir wollen, dass alles gut ist. Wir wollen alles im Griff haben. Wir wollen ja gute, vorbildliche Christen sein. Wir glauben, dass andere solch ein Programm wie Leben finden durcharbeiten müssten 7
aber wir? Wie ist das: Könntest du diesen Grundsatz 1 so unterschreiben? Ich erkenne, dass ich nicht Gott bin. Ich gebe zu, dass ich meine Neigung, das Falsche zu tun, nicht beherrschen und mein Leben nicht selbst steuern kann. Wir spüren, wie sich unser Ego dagegen sträubt und genau da beginnt Sünde. Wenn ich nicht akzeptieren will, dass ich armselig bin vor Gott. Ich kann nichts machen außer Jesus zu bitten, dass er mich glückselig macht. Das geschieht meist an dem Punkt, wenn ich innerlich kapitulieren muss und nicht weiter weiß. Vielleicht geht es uns ja auch zu gut?! Die Menschen, zu denen Jesus sprach, lebten größtenteils in Armut. Sie haben die Armut im Geist nicht eingeübt. Das Leben hat ihnen alles entrissen, nicht nur den Besitz, sondern auch das Gefühl für die eigene Würde. Aber nun, da sie von allem entblößt sind, dürfen sie die Zusage erfahren, dass ausgerechnet ihnen das Reich Gottes gehört. Das gibt ihnen ihre Würde wieder und auch die Hoffnung, dass ihr Leben trotz allem gelingen kann. Was für ein großes Glück uns verheißen ist, konkretisiert Jesus jeweils in einem Nachsatz zu jeder Seligpreisung: Denn ihrer ist das Reich der Himmel. Das Himmelreich ist bei Matthäus das, was Lukas das Reich Gottes nennt. Himmelreich ist der Ort, an dem Gott die Macht hat. Dieses Himmelreich ist schon gegenwärtig. Im Griechischen ist 8
hier eine Zeitform gewählt, die ungewöhnlich ist. Es handelt sich um ein Perfekt, das zugleich ein Präsens ist ein perfekter Zustand also, der mit Jesus Christus zustande gekommen ist und fortan bestehen bleibt, bis in alle Ewigkeit. Das heißt, wir können im Hier und Jetzt zu der Glückseligkeit finden, die uns letztendlich für alle Ewigkeit verheißen ist. Das Reich der Himmel ist mitten unter uns und in uns überall dort, wo Jesus Christus, sein Geist, unseren Geist erfüllt. Wenn Jesus vom Himmel spricht, dann tut er das im Plural. Es gibt nicht nur den einen Himmel über uns. Über den Himmel hinaus ist Gottes Geist allgegenwärtig. Aber auch hier auf Erden ist der Himmel zu finden, wenn sein Reich kommt und sein Geist unser Wollen bestimmt. Dann wollen wir vollkommen sein, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist (vgl. Mt. 5,48), in dem Wissen, dass wir vollkommene Glückseligkeit nur erreichen können, wenn wir nichts weiter wollen, nichts weiter wissen und nichts weiter haben, als Christus allein, den Gekreuzigten, seinen Geist, seine Liebe. Glückselig sind, die nichts wollen, nichts wissen, nichts haben und doch glauben. AMEN 9