Angelo Sormani Der gestiefelte Kater 1 Der gestiefelte Kater The Master Cat Le Chat botté Il Gatto con gli stivali Komposition von Angelo Sormani Vor vielen Jahren stand eine alte Mühle am Ufer eines kleinen Flusses. Darin lebte ein Müller mit seinen drei Söhnen. Sie arbeiteten hart vom frühen Morgen bis zum späten Abend und mahlten das Getreide für die Einwohner des kleinen Dorfes am Fluss. Nach dem Tod des alten Müllers verteilten die Söhne die Erbschaft untereinander: Der Älteste erhielt die Mühle, der Zweitgeborene bekam den Esel und dem Jüngsten blieb der Kater. Eine gewisse Zeit lang arbeiteten die drei Brüder gemeinsam in der Mühle, dann entschlossen sich die beiden jüngeren, zusammen mit dem Esel und dem Kater in die weite Welt hinaus zu ziehen, um ihr Glück zu machen. Nach ein paar Tagen Wanderung kamen sie in ein Städtchen, in dem der Zweitgeborene bleiben wollte, um einem Bäcker zur Hand zu gehen. So wanderte der Jüngste alleine weiter. Na gut. Ganz alleine war er ja nicht. Sein Kater begleitete ihn den ganzen Weg auf Schritt und Tritt! Der junge Müller wanderte immer weiter und war gespannt, wohin seine Reise ihn führen würde. Als er müde wurde, setzte er sich unter eine grosse Eiche und genoss den Schatten ihrer Blätter. So, so!, sprach er zu sich selbst. Jetzt bin ich ganz alleine. Wer weiss, was aus mir werden soll. Er überlegte, was er machen soll und wohin er gehen könnte, und redete so vor sich hin: Ich Armer! Wie soll ich es nur schaffen, ohne Arbeit, ohne Essen und ohne Freunde. Der Kater, der immer in der Nähe seines Herrn geblieben war, streckte sich ordentlich, gähnte ausgiebig, setzte sich dann auf die Hinterbeine und wandte sich dem jungen Müller zu: Macht Euch keine Sorgen! Wenn Ihr mir vertraut, werde ich für Euer Glück sorgen. Der junge Müller wunderte sich sehr und fragte den Kater erstaunt: Was? Du kannst sprechen? Und der Kater antwortete darauf: Nicht nur! Ich bin zwar der kleinste Teil der Erbschaft Eures Vaters. Aber wenn Ihr mir vertraut, werde ich Euch Glück und Reichtum bringen! Na, du nimmst ja den Mund ganz schön voll! Dann sag mir bitte, was ich tun soll! Besorgt mir nur einen Sack, einen Hut und ein Paar Stiefel alles Andere überlasst nur mir, sprach der Kater.
Angelo Sormani Der gestiefelte Kater 2 Der Jüngling lief bis zum nahe gelegenen Dorf und kaufte alles, worum der Kater ihn gebeten hatte. Leider wurde er dadurch nur noch ärmer, aber immerhin um eine Hoffnung reicher. Bei der Rückkehr seines Herrn schlüpfte der Kater befriedigt in die Stiefel, nahm den Sack, setzte den Hut auf und ging in den Wald. Unterwegs fand er ein paar Handvoll Getreide und einen Salatkopf, die wohl einem Bauer vom Wagen gefallen waren, als er zum Markt fuhr. Er nahm sie auf und legte sie in seinen Sack. Im Wald legte er den Sack mit dem Getreide und dem Salat offen hin, versteckte sich in einem nahen Busch und wartete. Es ging nicht lange, da bemerkten ein paar Fasane und Hasen den Sack. Sie freuten sich über das frische Futter und traten pickend und nagend in den Sack. Da sprang der Kater aus seinem Versteck hervor und schloss mit einem Ruck den Sack. Mit der reichen Beute machte sich der Kater auf den Weg zum Königsschloss. Unterwegs sammelte er Pilze und Früchte und als er am Schloss angekommen war, bat er darum, beim König vorsprechen zu dürfen. Majestät, sprach der Kater, ich überreiche euch ein Geschenk vom Grafen von Carabas im Zeichen seiner Freundschaft. Einige Tage darauf fing der Kater ein weiteres Wildtier und brachte es dem König: Majestät, hier ein weiteres Geschenk von meinem Herrn, dem Grafen von Carabas. Danke ihm für seine freundliche Aufmerksamkeit, erwiderte der König. Der Kater fuhr einige Wochen lang fort, Geschenke jeder Art zum Königsschloss zu bringen. Sein Herr wusste von allem nichts und begann, sich langsam Sorgen zu machen. Hör mal zu, Kater, sagte der junge Müllerssohn. Was kann ich tun? Ich bin das Warten leid. Wartet ab, erwiderte der Kater. Euer Moment ist noch nicht gekommen. Inzwischen wurde der König auf dem Schloss langsam ungeduldig, diesen geheimnisvollen und grosszügigen Grafen von Carabas kennen zu lernen. Jedes Mal bat er den Kater darum, seinen Herrn zu treffen und kennen zu lernen. Und jedes Mal erfand der Kater eine andere Entschuldigung. Der Graf ist gerade sehr beschäftigt! Der Graf ist in Urlaub gefahren. Der Graf ist noch nicht von seiner Geschäftsreise zurückgekehrt. Immer mehr stellte der König sich diesen Grafen als einen reichen, grosszügigen und wichtigen Mann vor. Eines Tages hörte der Kater, dass der König am nächsten Nachmittag einen Spaziergang am Fluss machen wolle. Als unser gestiefelter Freund hörte, dass auch die wunderschöne Prinzessin ihren Vater auf dem Spaziergang begleiten würde, durchfuhr ihn ein Geistesblitz. Die Prinzessin war gut und freundlich, und sie war im ganzen Reich bekannt und beliebt.
Angelo Sormani Der gestiefelte Kater 3 Nun war der Augenblick für den dritten Müllerssohn gekommen. Der Kater sprach zu ihm: Morgen müsst Ihr im Fluss ein Bad nehmen! Aber ich verstehe nicht! Ich soll ein Bad nehmen, und wo? Vertraut mir und hört auf mich. Ich werde Euch den Ort und die Stunde genau angeben. Tut das, was ich Euch sage, und Ihr werdet staunen! So ging der Jüngling am nächsten Tag zur angegebenen Stunde zum Fluss, zog seine Kleider aus und sprang in das klare und kalte Gewässer. Der Kater griff rasch nach den Kleidern seines Herrn, versteckte sie unter einem grossen Stein und wartete. Der Müllerssohn wusste nicht, was jetzt passieren würde. Aber er vertraute seinem Kater und war zuversichtlich! Es verging nicht viel Zeit, bis man die königliche Kutsche von fern herankommen hörte. Der Kater war ein guter Schauspieler, lief der Kutsche verzweifelt entgegen und rief: Hilfe! Wachen, eilt her! Der Graf von Carabas ertrinkt. All seine Kleider und Habseligkeiten wurden ihm gestohlen und er wurde in den Sturzbach gestossen. Helft ihm! Um Gottes Willen, eilt! Schnell, schnell! So beeilt euch doch! Der König erkannte den Kater sofort und befahl seinen Knappen, den Grafen unverzüglich zu retten. Die Rettung gelang! Der König befahl: Gebt dem Grafen von Carabas Kleider, ein Schwert und einen Hut! So geschah es und nach wenigen Augenblicken trug der junge Müllerssohn prächtige Kleider und sah aus wie ein vornehmer Prinz. Die Prinzessin stieg inzwischen langsam, neugierig und sehr anmutig aus der Kutsche und blieb beim Anblick des Grafen verzaubert Auch der Jüngling war vom Anblick der Prinzessin sehr entzückt, näherte sich ihr, verbeugte sich, gab ihr galant einen Handkuss und schaute sie voller Bewunderung an. Dem König gefiel die höfliche und galante Art des jungen Mannes, und er lud ihn ein, in ihrer Kutsche mitzufahren. Der Kater sah dem allem zu und freute sich sehr, dass sein Plan funktioniert hatte! Er begann zu tanzen und zu singen, hüpfte auf und ab und liess seiner Freude freien Lauf. Der Augenblick war gekommen, den nächsten Teil seines Plans in die Tat umzusetzen. So fing der Kater an, den Feldern und Kornkammern entlang zu laufen. Sobald er die Bauern erblickte, rief er ihnen zu: He, ihr da! Wenn der König vorbeikommt, sagt ihm, dass diese Grundstücke Eigentum des Grafen von Carabas sind! Wenn ihr tut, was ich euch sage, werde ich euch belohnen und euch von eurem grausamen Herrn befreien. Die Bauern erschraken sehr. Noch nie hatte jemand einen Kater sprechen hören! Wenig später kam der König vorbei und fragte sie: Wem gehören diese Felder?
Angelo Sormani Der gestiefelte Kater 4 Da taten sie, wie der Kater ihnen geheissen hatte, und antworteten: Majestät, diese Felder gehören alle dem Grafen von Carabas. Der Kater lief weiter über Wiesen und Felder und ermahnte alle Leute, die er traf. Alle antworteten gleich auf die Fragen des Königs: Majestät, die Kornkammer gehört dem Grafen von Carabas! Majestät, die Wiesen gehören dem Grafen von Carabas! Majestät, die Hügel gehören dem Grafen von Carabas! Der treue und schlaue Kater kam nach seinem langen Weg zu einem Hügel. In der Ferne sah er das Schloss eines furchtbaren, bösen und wilden Riesen. Stellt euch vor: der Riese nutzte die armen Bauern aus und liess sie jeden Tag schwer für sich arbeiten, weil er der Herr aller Grundstücke jener Grafschaft war. Der Kater ging ins Dorf am Fuss des Schlosshügels, und fragte die Leute nach den Gewohnheiten und Eigenheiten des Riesen. Dann stieg er zum Schloss hinauf, um den letzten Teil seines Plans anzugehen. Er nahm all seinen Mut zusammen und ging ins Schloss hinein. Vor dem Wächter des Schlosses machte er eine höfliche Verbeugung, stellte sich vor und sprach: Ich komme von sehr weit her und möchte die Bekanntschaft Eures Herrn machen, dessen Ruf bis zu unbekannten Ländern reicht. Nach diesen Worten wurde der Kater anstandslos zum Riesen gebracht. Als der Riese in den Saal trat, erschrak der Kater. Der Riese war zweieinhalb Meter gross, am ganzen Körper dicht behaart und seine Hände und Füsse waren gross wie Wagenräder. Der Kater musste sich zusammenreissen, um nicht gleich davonzurennen. Der Riese war sehr elegant gekleidet und trug kostbare Juwelen. Langsam beruhigte sich der Kater wieder Er machte eine tiefe Verbeugung und sagte schliesslich zum Riesen: Ich habe schon viel von Euch gehört! Man sagte mir, dass Ihr der ungewöhnlichste Riese seid, den es je gegeben hat! Ich vernahm, Ihr könnt Euch in ein beliebiges Tier verwandeln! Gewiss, erwiderte der Riese mit seiner lauten Stimme. Zweifelt Ihr daran? Wollt Ihr, dass ich es Euch beweise? Gewiss, sprach der Kater. Könntet Ihr Euch zum Beispiel in einen Löwen verwandeln? Im Nu verwandelte sich der Riese in einen mächtigen Löwen. Er begann, laut zu brüllen und stürzte sich auf den Kater, um ihn zwischen seinen Pranken zu zerdrücken. Dieser sprang auf einen Schrank, um den Klauen des wilden Tieres zu entgehen.
Angelo Sormani Der gestiefelte Kater 5 Der Löwe brüllte wild, weil er den Kater auf dem Schrank nicht erwischen konnte. Wütend rannte er im ganzen Saal umher und machte ein furchtbares Durcheinander. Nach so viel Angst und Durcheinander sprach der Kater: Ihr habt mich wirklich erschreckt! Ihr seid ein furchterregender, wilder Löwe! Es gibt wohl keinen schrecklicheren und mächtigeren Löwen auf der ganzen Welt! Befriedigt nahm der Riese wieder sein menschliches Aussehen an und sprach zum Kater: Wollt Ihr vielleicht weitere Beweise meiner Fähigkeiten? Und ob der Kater weitere Beweise wollte! Schmeichelnd sprach er zum Riesen: Ich wäre sehr erfreut! Ich würde wirklich gern sehen, ob Ihr auch in der Lage seid, Euch in ein sehr kleines Tier zu verwandeln, wie... sagen wir... zum Beispiel ja, in ein Mäuschen! Ha! Ha! Ha! Ein Mäuschen? Aber sofort! Bitte! Und in Sekundenschnelle verwandelte sich der Riese in eine Maus und fing an, fiepend durch den Saal zu rennen. Der Kater schaute der Maus gespannt zu es war eine hübsche, kleine weisse Maus. Gut genährt ein schönes Frühstück für einen Kater! Mit einem Satz stürzte sich der Kater auf die Maus und frass sie mit Haut und Haaren auf. Der Riese war endlich besiegt worden. Seine Untertanen, die Diener, die Mägde, die Wächter, der Kammerherr alle waren erstaunt, ungläubig und glücklich über den Tod des Riesen. Und sie verkündeten dem gesamten Volk sofort die fröhliche Nachricht: Hört, hört! Ihr Leute vom Volk, hört alle her! Der schreckliche Riese wurde besiegt. Ihr seid nun Dank des Mutes des Grafen von Carabas frei! Er ist ein tüchtiger, mutiger und sehr grosszügiger Mann. Der Graf von Carabas lebe hoch! Hoch! schrien alle glücklich. Der Kater liess inzwischen ein prächtiges Festmahl zubereiten, mit Speisen und Getränken in Hülle und Fülle. Und nicht nur das! Aus der Schatzkammer des Schlosses holte er eine wunderschöne Halskette und einen passenden Ring und legte sie als Geschenk für die Prinzessin in ein Samt-Etui. Dann setzte er sich auf die Freitreppe des Schlosses und wartete auf die Kutsche seiner Majestät des Königs. Die Kutsche liess nicht lange auf sich warten. Der König und die Prinzessin wurden gebührlich empfangen. Der Kater ging ihnen entgegen und sprach: Willkommen im Schloss des Grafen von Carabas! An die Prinzessin gewandt, sprach er: Prinzessin, im Namen meines Herrn erlaube ich mir, Euch dieses Geschenk als Zeichen seiner Verehrung zu überreichen! Er reichte ihr das Etui und das Mädchen bedankte sich überrascht und gerührt. Der König war sehr erstaunt über die Ereignisse, aber er liess sich nichts anmerken.
Angelo Sormani Der gestiefelte Kater 6 Teurer Graf von Carabas, sprach er. Ich bin sehr stolz auf Euch! Ich wusste schon seit langer Zeit, dass es dieses Schloss hier gibt. Aber ich wusste nicht, dass es zu Eurem Besitz gehört. Der Müllerssohn verstand die Welt nicht mehr. Plötzlich sprachen ihn alle als Graf von Carabas an. War das alles das Werk des Katers? Wie hatte er das nur geschafft? Der Müllerssohn nun also Graf von Carabas bedankte sich sehr beim König. Dann fragte er die Prinzessin: Darf ich euch in mein Schloss führen? Sie nickte und so gingen sie Hand in Hand in das Schloss des Grafen von Carabas. Der Kater lud den ganzen königlichen Hofstaat zum Essen und Trinken ins Schloss, und zusammen feierten sie ein fröhliches und ausgelassenes Fest. Beim Essen, Trinken, Tanzen und Plaudern bemerkte der König, wie sehr die beiden jungen Leute ineinander verliebt waren. Er entschloss sich, den Tag würdig zu krönen und sprach: Graf von Carabas! Ich würde mich freuen, Euch die Hand meiner Tochter zu gewähren. Majestät! Ich wagte nicht, dies zu hoffen! Ich bin glücklich und stolz! Und ich verspreche Eurer angebeteten Tochter Liebe und Treue! Wenige Tage darauf feierten sie mit grossem Prunk Hochzeit. Es gab einen prächtigen Umzug mit dem König und der Königin, dem jungen Brautpaar und einem aufgeweckten kleinen Kater mit Stiefeln, Säbel und Mantel. Und ihr werdet es nicht erraten, wer diesen Umzug anführte! Es waren die beiden Brüder des jungen Grafen, die immer in seinem Herzen geblieben waren, die nun zuvorderst in diesem Umzug liefen, und sich von Herzen über das Glück ihres Bruders freuten. Die beiden jungen Leute verbrachten viele glückliche und heitere Jahre zusammen. Der Kater ass nach so langem Fasten, so viel er nur essen konnte: Rebhühner, gefüllte Hähnchen, gebratene Kaninchen, Erdbeeren mit Sahne, Zuckerstangen und Schokoküsse. Und er konnte sich ganz den zwei Dingen widmen, die er am liebsten tat: dem Jagen und dem Faulenzen! Aber er war stets bereit, seinem Herrn zur Seite zu stehen, wenn dieser seine Hilfe brauchte!