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Transkript:

ca. 1945/46 (Aus: Raymond Portefaix/André Migdal/Klaas Touber: Hortensien in Farge. Überleben im Bunker Valentin, hg. v. Bärbel Gemmeke- Stenzel/Barbara Johr, Bremen 1995, S. 116) * 21.6.1924 (Paris), 19.2.2007 Aktiv im französischen Widerstand; Januar 1941 Verhaftung; Sommer 1944 KZ Neuengamme; 1.8.1944 Außenlager Bremen- Farge; Überlebender der Bombardierung der Häftlingsschiffe in der Lübecker Bucht am 3.5.1945; Rückkehr nach Paris; Finanzbeamter; 1970 Rentner; Lyriker. KZ-Gedenkstätte Neuengamme Reproduktion nicht gestattet

2

3 wurde am 21. Juni 1924 in Paris als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs 1940 leistete er in einer Gruppe von 36 Freunden, der auch seine älteren Brüder Henri und Robert angehörten, Widerstand. Im Alter von 16 Jahren wurde er mit der gesamten Gruppe von der französischen Polizei verhaftet. wurde am 30. Juni 1941 zu sechs Monaten Jugendstrafe verurteilt, die er mit der Untersuchungshaft im Gefängnis von Fresnes verbüßt hatte. Daraufhin wurde er unter der Auflage polizeilicher Meldepflicht entlassen. Mit 18 Jahren wurde er am 24. September 1942 im Hause seiner Eltern erneut verhaftet und kam zuerst in das Lager von Pithiviers. Ab November 1943 war er im Lager Voves in der Nähe von Chartres, von wo aus er im Mai 1944 in das Sammellager Compiègne überstellt wurde. Von dort wurde am 24. Mai 1944 zusammen mit 2200 anderen

4 Häftlingen in das KZ Neuengamme überstellt. wurde als politischer Gefangener eingestuft. Am 1. August 1944 wurde er in das Außenlager Bremen-Farge zum Bau des U-Boot-Bunkers Valentin überstellt. Im April 1945 brachte die SS die Häftlinge zurück ins Hauptlager Neuengamme, teilweise auf einem langen Fußmarsch, teilweise per Bahn. Von hier aus kam im Zuge der Räumung des Hauptlagers auf das Schiff Athen in der Lübecker Bucht. Das Schiff wurde beim irrtümlichen Bombardement der Häftlingsschiffe durch die britische Luftwaffe am 3. Mai 1945 nicht getroffen, die Häftlinge wurden im Hafen von Neustadt/Holstein durch britische Truppen befreit. Erst nach der Rückkehr nach Paris erfuhr, dass seine Eltern und seine beiden Brüder ins KZ Auschwitz deportiert und ermordet worden waren. Er arbeitete in verschiedenen Berufen, zuletzt als Finanzbeamter. André Migdal heiratete, das Paar bekam einen Sohn. Aufgrund seiner seelischen und körperlichen Schäden ging er mit 46 Jahren in den Ruhestand. Er setzte seine Medikamente ab und begann, Gedichte zu schreiben. Das Schreiben wurde für ihn Teil der Befreiung von den Erinnerungen an die Zeit im KZ. Sein erster Gedichtband wurde 1975 veröffentlicht. In den letzten Jahren kehrte er wiederholt an die Orte seiner Haft zurück und trug seine Gedichte als Vermächtnis an die kommenden Generationen vor.

5, der für seine Versöhnungsarbeit in Frankreich und Deutschland vielfach ausgezeichnet und im Jahr 2000 Ehrenbürger der Hansestadt Bremen wurde, starb am 19. Februar 2007 in Paris. wurde als politischer Häftling eingestuft. Der SS war nicht bekannt, dass er jüdischer Herkunft war. Foto: unbekannt. Aus: Véronique Guillaud (Hg.): J ai vécu les camps de concentration, la Shoa, Paris 2004, S. 64.

6 Ohne meine jüdische Herkunft zu leugnen, habe ich mich nie als Jude betrachtet. [...] Daher habe ich mich nie anders gefühlt, das heißt, ich war wie die anderen, als Widerstandskämpfer. [...] Das heißt, ich lehnte es auch ab, dass man zusätzlich das rassistische Problem der Nazis, das heißt das Juden-Problem, auf mich bezog. Dies hat mir erlaubt, die Probleme auf eine gewisse Art anzugehen, weil ich mich selbst nie als Jude ansah, hatte ich keinen Grund zusätzliche Repression zu fürchten. [...] Ich kann nicht sagen: ich habe darunter gelitten. [...] Das ist ein Problem, das mich heute berührt. Es gibt ein Gefühl der Verbundenheit des Herzens und des Geistes, das diesen Vorgang verurteilt. [ ] Ein Franzose hatte seine eigene Art sich zu verhalten. Er sagte: Ich muss unbedingt vor der SS meine Kraft zeigen. Und das Mittel, das auszudrücken, ist, seine Kraft zu demonstrieren. Und zur Illustration trug er vier Zementsäcke auf dem Rücken auf einmal. Die Kapos und SS-Männer haben ihn gesehen, ihn ausgelacht: Gut! Gut! Gut! Aber als er nur noch einen Sack nehmen wollte, hat man ihm gesagt: Du musst weitermachen. Er war schneller als die anderen erschöpft, selbstverständlich, weil man seine Kräfte schonen musste. Und er hatte nicht berücksichtigt, dass er sich auf diese Weise umbrachte. Dadurch, dass er zeigen wollte, dass er stark war, starb er an Schwäche.. Interview für den Film Der Bunker von Thomas Mitscherlich, 1988. (Filmarchiv Frankfurt am Main)

7 Familie Migdal 1935. sitzt in der ersten Reihe links. Foto: unbekannt. (Privatbesitz )

8 Rechts: Einladung der Republikanischen Jugend Frankreichs vom 10. Oktober 1947 zu einer Gedenkfeier für die in Auschwitz ermordeten Brüder Robert und Henri Migdal. Aus: : Les plages de sable rouge. La tragédie de Lübeck, 3 mai 1945, Paris 2001, S. 298. Unten: zusammen mit seinen älteren Brüdern vor der Wohnung der Familie. Von links: Charles, Henri, Robert, André. Das Foto wurde im Juni 1940 aufgenommen. Sechs Monate später wurden Henri, Robert und verhaftet. Foto: unbekannt. (Privatbesitz )

10 Im U-Boot-Bunker Achtung! Brüllt der Kapo Wütend läßt er sich aus. Sein Gummiknüppel spritzt Er läßt seinen Hass raus. Er tötet gleich wen Er tötet wie er atmet Hat er erst diesen Rang Ist der Tod sein Spaß.... Meine Schaufel ruht... Ich vergesse ganz den Kapo Ich vergesse ganz den Zement Und den U-Boot-Bunker Aber wo bin ich nur? Verstopft ist meine Nase Ich vergesse die Betonmischer In denen die Zeit so vieler Düstrer Stunden fließt Der Zärtlichkeit geraubt. Jäh erlöschen meine Augen Ich sinke in einen tiefen Schacht Man taucht mich in Feuer Ich schwimme ohne Halt.

11 Mein Mund wird hart Mein Körper wird unförmig Blut schon schwarz geworden Läuft in Streifen über meinen Anzug. Und dieser Todesmeister Lacht höhnisch und unverschämt Geschieht es nicht mit Absicht Daß er mich zerbricht, daß er mich schlägt? Zement als Grab Totschlag ohne Belang In mörderischem Tempo Trägt er die Fackel Fortlaufender Verbrechen. Warum der Mord nicht gelang Das bleibt sein Geheimnis Mein Leben ging weiter Sein Knüppel wußte es nicht. Aus: Raymond Portefaix//Klaas Touber: Hortensien in Farge. Überleben im Bunker Valentin, hg. v. Bärbel Gemmeke-Stenzel/Barbara Johr, Bremen 1995, S. 117. Übersetzung aus dem Französischen: Gisela Riesenberger.

12 Familienfoto aus dem Jahr 1949: In der oberen Reihe, 4. von links,. Die jüngeren Geschwister Roger und Arlette (obere Reihe, 2. und 3. von links), Huguette, Micheline (untere Reihe, 1. und 2. von links) und Odette (untere Reihe, 5. von links) entgingen der Deportation, da sie in anderen Familien und Waisenhäusern versteckt waren. Die älteren Geschwister Charles (obere Reihe, links) und Marcelle (untere Reihe, 3. von links) überlebten ebenfalls den Krieg. André Migdals Schwester Nénette (untere Reihe, rechts) und ihr Mann Georges Cloix (obere Reihe, rechts) waren im Durchgangslager Drancy nordöstlich von Paris interniert. Ihre Kinder Anni und Jean (vorne im Bild) kamen dort zur Welt. Außerdem im Bild: s Frau Jeannine (untere Reihe, 2. von rechts) und seine Nichte Danièle (untere Reihe, 4. von links). Foto: unbekannt. (Privatbesitz )

13 mit seiner Frau Jeannine. Foto: unbekannt. (Privatbesitz )