Materialkunde Snowboard 1. Konstruktionsmerkmale 1.1 Gesamtlänge Die Entfernung von Schaufelspitze bis Heckende gibt die Gesamtlänge eines Boards an. Bei konstantem Fahrergewicht zeigen sich längere Boards, durch die größere Auflagefläche auftriebstärker im Tiefschnee. Auf der Piste bieten sie Führungsstabilität und Laufruhe. Kürzere Boards sind drehfreudiger Ein Board mit großer Gesamtlänge ist auftriebsstärker, führungsstabiler und laufruhiger als ein kürzeres. Ein kürzeres Board ist dagegen drehfreudiger. 1.2 Effektive Kantenlänge Diese hängt von der Gesamtlänge, sowie der Aufbiegung an Schaufel und Heck ab. Sie ist definiert als die Länge der Kante zwischen dem vorderen und dem hinteren Auflagepunkt der Lauffläche des Boards. Sie gibt an, wie lang die Kante ist, die tatsächlich bei flacher Gleitfahrt im Schnee läuft. Boards mit einer langen Kante verfügen über einen guten Kantengriff und große Laufruhe. Sie sind sehr vorteilhaft bei hohen Geschwindigkeiten und auf harten Pisten (vor allem wichtig für Carving- oder Race-Boards). Eine kurze effektive Kante ist dagegen drehfreudiger, was vor allem für Freestyle- oder Anfängerboards gewünscht wird. Eine lange, effektive Kante gewährleistet einen guten Kantengriff sowie große Laufruhe. Sie ist vorteilhaft für geschnittene Schwünge und hohes Tempo auf Pisten. Eine kurze, effektive Kante begünstigt die Drehfreudigkeit des Boards. Abb. 1: Konstruktionsmerkmale Länge und Breite 1
1.3 Aufbiegung von Schaufel und Heck Die Aufbiegung von Schaufel (Nose) und Heck (Tail) ist ausschlaggebend dafür, ob ein Brett durch Auftrieb oder durch Laufruhe bestechen soll. Ein breite und stark aufgebogene Schaufel (Nosekick oder Scoop) verhindert ein Einstechen in den Schnee und eignet sich somit besonders gut für das Fahren im Tiefschnee und auf Buckelpisten. Bei höheren Geschwindigkeiten beginnt diese Schaufel jedoch leichter zu flattern. Carving- oder Raceboards werden deshalb mit flachen und kurzen Schaufeln, die mehr Laufruhe gewährleisten, gebaut. Ähnlich verhält es sich mit der Aufbiegung am Heck bzw. Tail. Auch hier gilt, je weniger Aufbiegung (Tailkick oder Rocker), umso länger ist im Verhältnis zur Gesamtlänge die effektive Kante. Bei den Alpinboards wird auf eine hohe Aufbiegung verzichtet. Die Freestyleboards benötigen eine höhere Aufbiegung auch im Tail zum Rückwärtsfahren. Eine starke Aufbiegung der Schaufel verleiht dem Board Auftrieb, was es leichter durch den Tiefschnee oder über Hindernisse kommen lässt. Eine flache und kurze Aufbiegung der Schaufel leistet geringeren Luftwiderstand und beeinflusst damit positiv die Laufruhe des Boards bei hohen Geschwindigkeiten. Abb. 2: Konstruktionsmerkmale effektive Kantenlänge und Aufbiegung 2
1.4 Breite Bei diesem Merkmal wird zwischen der Schaufelbreite, der Heckbreite sowie zwischen der schmalsten Stelle im Bindungsbereich unterschieden. Freeride-Boards verfügen über eine größere Schaufel- als Heckbreite, damit das Board im Tiefschnee genügend Auftrieb hat. Auf breiten Brettern ( wide-boards ) ist es auch Fahrern, die auf großen Fuß leben, möglich, flache Bindungswinkel zu verwenden. Schmale Boards hingegen überzeugen durch geringes Gewicht und der Möglichkeit zum schnellen Kantenwechsel, was im alpinen Rennsport wichtig ist. Das internationale Regelwerk schreibt vor, dass ein Snowboard an der schmalsten Stelle die Breite von 18 cm nicht unterschreiten darf! Breite Boards liefern einen hohen Auftrieb im Tiefschnee, gewährleisten eine hohe Stabilität beim Landen von Sprüngen und lassen Raum für flache Bindungswinkel. Schmale Boards erfordern spitzere Bindungswinkel, sind leichter und lassen schnelleres Umkanten zu. 1.5 Taillierung Dadurch, dass sich die breitesten Stellen eines Boards an Schaufel und Heck befinden, verschmälert sich ein Board zur Brettmitte hin. Diese Verschmälerung wird als Taillierung bezeichnet. Die Ausprägung dieser Rundung wird mit dem Taillierungsradius beschrieben. Dieser gibt an, wie groß der Radius eines Kreises wäre, würde man die Rundung einer Boardlängskante bis zu einem Vollkreis fortführen. Siehe Abb. 3 Konstruktionsmerkmal Taillierung (zeigt nur einen Halbkreis) Boards mit einer starken Taillierung lassen enge Schwünge mit extremen Kanteneinsatz zu. 3
Bei höheren Geschwindigkeiten und der Landung von Sprüngen reagieren sie allerdings anfällig auf den geringsten Kantendruck. Kleiner ist die Gefahr des Verkantens bei einer mäßigen Taillierung. Boards dieser Bauweise eignen sich für hohe Geschwindigkeiten, lange Schwünge und bestechen durch stabiles Fahrverhalten. Sie erfordern aber ein starkes Aufkanten zur Schwungauslösung. Für den Racebereich werden auch Boards mit einer progressiven Taillierung angeboten. Ein größerer Radius im vorderen Teil wird mit einem kleineren Radius im hinteren Teil kombiniert. Dies unterstützt ein maximales Beschleunigen aus der Kurve heraus. Je stärker die Taillierung eines Boards ausgeprägt ist, umso engere Schwünge lassen sich mit ihm auf der Kante fahren. Gleichzeitig wird das Board aber auch anfälliger für die Gefahr des Verkantens. Je schwächer die Taillierung ausgeprägt ist, umso stabiler ist sein Fahrverhalten bei hohen Geschwindigkeiten. Dabei lassen sich aber selbst mit starkem Aufkanten nur weite Kurven auf der Kante fahren. 1.6 Vorspannung Diese bewirkt, dass bei der Ablage des unbelasteten Boards auf einer Ebene, es nicht in ganzer Länge plan aufliegt, sondern nur im Schaufel- und Heckbereich aufliegt. Je mehr Vorspannung einem Board gegeben ist, umso stärker ist der Druck beim Fahren auf Brettspitze und Heck. Dies vermindert die Neigung der Brettspitze und somit das Flattern bei hohen Geschwindigkeiten. Eine starke Vorspannung verbessert zudem den Kantengriff und sorgt für Laufruhe; Aspekte also, die charakteristisch für Carving- und Race-Boards sind. Boards mit geringerer Vorspannung sind drehfreudiger, weil die Kante kaum noch über die effektive Länge greift. Seitliches Driften und die Landung von Sprüngen wird einfacher, weil die Gefahr des Verkantens reduziert wird, perfekte Ausstattung also für Freestyler. Boards mit einer hohen Vorspannung können selbst auf eisigen Pisten noch spurstark sein und lassen hohe Geschwindigkeiten zu. Boards mit geringer Vorspannung sind drehfreudiger und reagieren weniger empfindlich auf Fehlbelastungen der Kante, z.b. bei der Landung von Sprüngen. 1.7 Härte Die Härte setzt sich gleichermaßen aus dem Verhalten bei Durchbiegung als auch bei Verwindung (Torsion) zusammen. Freestyle-Boards sind eher weicher konstruiert, was die sanfte Landung von Sprüngen begünstigt und das Board elastisch auf Unebenheiten im Gelände reagieren lässt. Dafür aber haben sie weniger Kantengriff wie ihre harten Artgenossen. Carving-Boards zeichnen sich mit einer größeren Härte aus und insbesondere im Zusammenspiel mit ihrer langen, effektiven Kante steuern sie präzise auf harten Pisten und sorgen für direkte Kraftübertragung und Beschleunigung in den Kurven. 4
Weiche Boards (viel Flex) reagieren elastisch auf Unebenheiten des Untergrundes und gewähren die sanfte Landung von Sprüngen. Sie weisen dafür nur mäßigen Kantengriff auf. Harte Bretter (wenig Flex) haben guten Kantengriff. In Verbindung mit einer ausgeprägten Taillierung sorgen sie außerdem für eine starke Beschleunigung aus der Kurve heraus. Abb. 4: Konstruktionsmerkmal Härte 1.8 Symmetrie Bei den Snowboardkonstruktionen unterscheidet man symmetrische und asymmetrische Bauweisen. Bei symmetrischen Boards sind von der Boardlängsachse aus gesehen beide Seiten gleich. Bei asymmetrischen Boards ist dagegen die effektive Kante auf der Fußspitzenseite (Frontside) gegenüber der effektiven Kante auf der Fersenseite (Backside) nach vorne zur Schaufel hin versetzt. Damit soll gewährleistet werden, dass trotz der schrägen Fußstellung auf dem Board die Kanten jeweils in ihrer Mitte belastet werden, was den Kantengriff potenziell verbessert. Abb. 5: Konstruktionsmerkmal Symmetrie Bei Freestyle-Boards spielt die asymmetrische Bauweise keine Rolle. Anders bei den Carving- und Race-Boards: Anfang der 90er wurden für diesen Einsatzbereich über- 5
wiegend asymmetrische Designs angeboten. Mit der abnehmenden Breite und immer spitzer werdenden Bindungswinkeln gewannen jedoch symmetrische Konstruktionen wieder an Bedeutung und mittlerweile wird diese Konstruktion so gut wie nicht mehr hergestellt. Asymmetrische Konstruktionen vermitteln ein ausgewogenes Fahrgefühl auf Grund der auf beiden Seiten gleichermaßen möglichen, mittigen Belastung der effektiven Kante. Sie sind jedoch weniger laufruhig als symmetrische Boards und erschweren die Kontrolle von Schwüngen auf der Fersenkante. Daher sind asymmetrische Boards inzwischen wieder weitgehend vom Markt verschwunden. 1.9 Belag Der Belag (Base) ist für die Gleiteigenschaften eines Boards verantwortlich. Er wird grundsätzlich aus Polyäthylen (PE) gefertigt. In Bezug auf die Technik der Verarbeitung wird zwischen extrudierten und gesinterten Belägen unterschieden. Kostengünstiger ist die Herstellung extrudierter Beläge, wobei der geschmolzene Kunststoff direkt auf die Boardunterseite aufgebracht wird. Aufwändiger und teuerer sind gesinterte Beläge. Der Kunststoff wird zunächst in eine Form gepresst. Nachfolgend werden von dem entstandenen Block dünne Schichten abgeschält und dann erst als Gleitfläche mit dem Board verbunden. Diese Methode macht sie abriebfester, lässt sie Wachs besser aufnehmen und gibt ihnen bessere Gleiteigenschaften. Extrudierte Beläge sind pflegeleichter, müssen weniger gewachst werden und sind einfacher zu reparieren. Eine besondere Form gesinterter Beläge stellen die schwarzen Graphitbeläge dar. Dem PE werden beim Pressen Graphitteilchen beigemischt. Diese entwickeln eine antistatische Wirkung, welche das Festsetzen von Staub und Schmutz vermindert und den Reibungswiderstand des Belags so klein wie möglich hält. Grafitbeläge verfügen über eine bessere Wärmeleitfähigkeit, die dafür sorgt, dass die mit zunehmender Geschwindigkeit sich erhöhende Reibungswärme zwischen Belag und Schnee vermehrt in das Boardinnere gelangt. Dadurch wird der Wasserfilm, auf dem das Board gleitet, möglichst dünn gehalten. Die Gleiteigenschaften werden verbessert, da sich der Belag nicht bremsend an einer dicken Wasserschicht festsaugt. Aus dem gleichen Grund werden besonders hochwertige Beläge zusätzlich mittels eines Steinschliffs mit einer feinen Struktur versehen. Für Carving- und Race-Boards sind gesinterte Beläge zu bevorzugen. Für alle anderen Einsatzbereiche reichen extrudierte Beläge völlig aus. Wegen ihrer Reparatureigenschaften und geringen Pflegebedürftigkeit sind sie im Einzelfall sogar die bessere Wahl. Quelle: Hebbel-Seeger, A.: Snowboarding. Guide to Ride. Aachen 2001 6