Filmpädagogisches Begleitmaterial Ein Film lässt sich sowohl unter inhaltlichen Aspekten als auch durch eine Analyse gestalterischer Elemente erschließen. Die inhaltliche Ebene umfasst Thema, Handlung, Figuren und Aussagen des Films. Formale Gestaltungsmittel wie Einstellungsgrößen, Perspektiven oder Bewegungen vor und mit der Kamera, Licht und Farbe, Schnitt sowie der Einsatz von Musik, Sprache und Geräuschen sind im Rahmen einer Filmanalyse ebenso wichtig. Der Einsatz genannter Gestaltungsmittel kann inhaltliche Aspekte des Films hervorheben und die Emotionen des Zuschauers maßgeblich beeinflussen und steuern. Die Analyse dessen stellt eine anspruchsvolle Aufgabe dar, bereichert aber das Filmerlebnis und fördert zudem die Kritikfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. Die folgenden Einführungstexte richten sich an Pädagoginnen und Pädagogen und dienen zur Vor- und/oder Nachbereitung des Kinobesuchs im Rahmen des Internationalen Kinderfilmfestivals LUCAS. Die Texte verstehen sich als thematischer Impuls, geben Hinweise zur Analyse genannter Gestaltungsmittel und zielen auf eine Sensibilisierung für grundlegende und besondere Aspekte der Filmsprache ab. Zur Vor- und Nachbereitung eines Kinobesuchs bietet sich unter anderem die Gruppenarbeit als Lehrmethode an. Die Arbeitsgruppen sind jeweils für die Beobachtung unterschiedlicher Elemente der Filmsprache sowie inhaltliche Aspekte zuständig (Gruppe 1: Kameraarbeit, Gruppe 2: Musik und Geräusche, Gruppe 3: Montage, Gruppe 4: Licht und Farbe, Gruppe 5: Handlung und Figuren etc.). Die Aufgabenverteilung erleichtert zudem die Nachbesprechung und Auswertung des Kinobesuchs im Unterricht. Konkrete Vorschläge finden Sie unter dem Stichwort Aufgabenstellung im Rahmen der folgenden Einführungstexte. Infos zum Festival finden Sie unter: www.lucasfilmfestival.de Literaturhinweise: Alain Bergala: Kino als Kunst. Berlin 2006 Werner Faulstich: Grundkurs Filmanalyse. München 2002 Thomas Koebner (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des Films. Stuttgart 2002 Rüdiger Steinmetz: Filme sehen lernen. DVD mit Begleitbuch. Frankfurt / Main 2005 LUCAS SCHOOL: Kurzfilmedition. DVD mit filmpädagogischem Begleitmaterial. Frankfurt / Main 2010 1
ULULU ULULU NO MORI NO MONOGATARI Japan 2009 Regie: Makoto Naganuma Spielfilm 120 min Empfohlen ab acht Jahren Themen Zusammenleben Tier - Mensch, Abenteuer, Familie, Freundschaft Inhalt Als ihre Mutter ins Krankenhaus muss, reisen die Geschwister Subaru und Shizuku zum ersten Mal nach Jahren zu ihrem Vater, der auf der Insel Hokkaido als Tierarzt arbeitet. Trotz der Freude über das Wiedersehen spüren die Kinder die fehlende Bindung zum Vater. Bei einem Ausflug in den angrenzenden Wald läuft ihnen ein verletztes Hündchen über den Weg, und sie nehmen das Tier, das sie Ululu nennen, mit nach Hause. Bei einer Untersuchung stellt sich heraus, dass es sich um einen kleinen Ezo-Wolf handelt, eigentlich seit über 100 Jahren ausgestorben. Den Kindern wird klar, dass sie den Welpen nicht behalten dürfen, und so machen sie sich auf eigene Faust in den Wäldern auf die Suche nach seiner Mutter. Begleitet von der wunderbaren Musik Joe Hisaishis, findet der einfühlsame Tierfilm in dem von Menschen unberührten Wald eine Metapher für Selbstfindung und innere Ausgeglichenheit. Filmsprache Als ihre Mutter ins Krankenhaus muss, reisen die Geschwister Subaru und Shizuku zum ersten Mal nach Jahren zu ihrem Vater, der auf der Insel Hokkaido als Tierarzt arbeitet. Gleich zu Beginn wird deutlich, dass die Interessen der Geschwister differieren. Immer wieder werden subjektive Kameraperspektiven eingesetzt, um dies hervorzuheben. Während seine kleine Schwester während der Autofahrt übers Land neugierig aus dem Fenster sieht, konzentriert sich Subaru (in E1 im Hintergrund) lediglich für seine Handyspiele. E2 und E3 stellen die entsprechenden Subjektiven dar. 2
Anmerkung: Die subjektive Kameraperspektive (kurz Subjektive) zeigt das Geschehen aus der Position und der Sicht der Hauptfigur(en): Wir sehen, das, was das Mädchen, respektive der Junge sieht. Indem wir den Blickwinkel der Hauptfigur(en) teilen, können wir uns leichter mit ihnen identifizieren, uns besser in ihre Lage versetzen. Die Subjektive bindet den Zuschauer somit verstärkt in das Geschehen auf der Leinwand ein. Einstellung (E) 1 E2 E3 E4 Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn lässt sich im dramaturgischen Sinne als Kollision unterschiedlicher Interessen und Gefühlen definieren. Dies spiegelt sich nicht nur in der gesprochenen Sprache sondern auch in der Bildsprache, bzw. komposition wieder (E4). Vater und Tochter befinden sich auf Augenhöhe, während Subaru das Gespräch der beiden argwöhnisch beobachtet. Kurz zuvor hat er die Begrüßung seines Vaters schroff abgewiesen. Das negativ gefärbte Vater Sohn Verhältnis forciert Ablehnung und Zustimmung des Publikums, kann sozusagen als Mittel der Emotionalisierung eingestuft werden. 3
Die Kinder spielen ausgelassen mit dem kleinen Wolf, dessen Anwesenheit den Geschwistern gemeinsame harmonische Stunden beschert. In der unten skizzierten Szene E5 bis E9 kommen unterschiedliche Gestaltungsmittel zum Einsatz, mit dem Ziel die Sorglosigkeit der Situation zu unterstreichen: Überblendungen deuten eine Veränderung der Zeitwahrnehmung an (Flow). Zudem befindet sich die Kamera in einer Aufsicht bei gleichzeitiger Rückwärtsbewegung. Damit wird das Gefühl der Schwerelosigkeit vermittelt. Es folgt ein Schnitt und die Kamera fotografiert den Himmel. Dies kann als gemeinsame Subjektive interpretiert werden. Sind die Blickrichtungen in E 2 und E3 noch eindeutig verschieden, so haben die Kinder wieder ein gemeinsames Ziel vor Augen: ein sorgenfreies Leben in Harmonie, das aufgrund ihrer familiären Situation aktuell nicht gegeben ist (E8). E5 E6 E7 E8 4
E9 Als Ululu fortgebracht wird, kämpfen sie zunächst vergeblich um ihren kleinen Freund. Das Tier wird ihnen buchstäblich aus den Armen gerissen, was ein emotionales Trauerspiel nach sich zieht. Die folgenden Einstellungen, alle in kaltes Blau getaucht, transportieren diesen Gefühlszustand insbesondere mittels Farb- und Lichtinszenierung. Dabei wird deutlich, dass auch der kleine Wolf in diese emotionale Klammer gesetzt wird, da E12 den Blickwinkel Ululus simuliert. In E14 recherchiert Subaru bereits nach dem mysteriösen Ort der Wölfe. Das Trauerspiel hält demnach nicht lange an, die Kinder kämpfen nach dem Rückschlag weiter. E10 E11 E12 E13 5
E 14 pointiert das letzte Drittel des Films: die Kinder müssen Gefahren bestehen (aktionsreiche Szenen), wobei sich im Lebenskampf (sie retten ihren Vater vor dem Ertrinken) der familiäre Zusammenhalt herauskristallisiert. E14 E 15 und E 16: der Abschied von Ululu (sie haben die Mutter des kleinen Wolfs gefunden) bereitet der Familie starke, bestenfalls gemischte Gefühle. Insbesondere den Kindern fällt es schwer, den kleinen Freund gehen zu lassen, obgleich sie wissen, dass er zu seiner Mutter gehört. E15 E16 E17 bis E19: in diesen Einstellungen wird deutlich, dass die beiden Schicksalsstränge (Ululus und der Kinder) keinen gemeinsamen, doch einen gleichwertigen Endpunkt haben. Auch Subaru und Shizuku liegen wieder in den Armen ihrer Mutter. In E17 kommt ein besonderes formales Gestaltungsmittel zum Einsatz: Weder der Zuschauer noch die Kinder können erkennen, wer sich auf der Fahrerseite des Wagens befindet, da sich die in E18 fotografierte Mutter in E17 noch außerhalb des Sichtbaren, respektive im Off Screen befindet. Erst als die Kamera die Perspektive der Kinder einnimmt, können auch wir die Figur in der Bildmitte sehen. 6
E17 E18 E19 Anmerkung: Die Begriffe On-Screen und Off-Screen bezeichnen das Zusammenspiel von dem im Bild Sichtbaren und dem aktuell Unsichtbaren, das sich außerhalb des Bildes befindet, aber vom Zuschauer unbewusst oder bewusst in der Phantasie ergänzt wird. Ähnlich wie bei Fotografien oder bei manchen Malereien neigt der Zuschauer dazu, den sichtbaren Bild- bzw. Raumausschnitt im Geiste zu ergänzen. Das erzeugt Spannung. 7
Aufgabenstellung Arbeitsgruppe 1 Die SchülerInnen sollen sich während der Filmsichtung auf die Figurenkonstellation konzentrieren. - Welche Gemeinsamkeiten haben Ululu und die Kinder? - Wie entwickeln sich folgende Beziehungsverhältnisse: a) Vater Sohn b) Bruder Schwester Arbeitsgruppe 2 Besprechen Sie im Vorfeld die oben erläuterten Begriffe subjektive Kameraperspektive und On-Screen und Off-Screen. Die SchülerInnen sollen entsprechende Momente im Film benennen und im Rahmen der Nachbesprechung im Klassenverband diskutieren. Arbeitsgruppe 3: Jede Schülerin / jeder Schüler dieser Arbeitsgruppe soll während der Filmsichtung drei Bilder oder Bilderfolgen auswählen, die sie / er besonders interessant oder spannend findet. In der Nachbesprechung wird die Auswahl kurz vorgestellt, begründet und gemeinsam diskutiert. 8