DER NEUE JOURNALISMUS MASCHINE STATT MENSCH Ein Autor schreibt einen Artikel so war es bisher. Jetzt benutzen manche Redaktionen eine Software, die einfache Berichte schreibt. Das ist für sie sehr nützlich, denn ein Computer kann damit viel mehr Texte erstellen als ein Mensch. Die Journalisten müssen nur Daten eingeben, und der Computer macht daraus einen einfachen Text. Doch das Programm macht manchmal auch Fehler. Und für viele Textsorten ist ein Computer gar nicht geeignet. MANUSKRIPT Sport ist ihr Tagesgeschäft. Das Team des Hamburger Fußballportals FussiFreunde berichtet über regionale Spiele. Das Besondere: Viele ihrer Texte schreibt eine Software. In Deutschland gehört die Redaktion zu den ersten, die mit Roboterjournalismus experimentieren. Eine künstliche Intelligenz als Reporter? Für Journalisten klingt das bedrohlich. FussiFreunde-Chef Dirk Becker sieht den Automatisierungstrend aber positiv: DIRK BECKER (Chef des Fußballportals FussiFreunde): Die automatisch generierten Texte bringen für uns den riesigen Vorteil mit, dass wir wesentlich mehr Ligen, wesentlich mehr Spiele abdecken können als Redaktion. Das war vorher mit der gegebenen Manpower schlicht nicht zu schaffen. Über 400 Vor- und Nachberichte schreibt das Programm pro Woche. Den Rest übernehmen die Redakteure. Einfache, datenbasierte Texte das bekommt die Software am besten hin. Entwickelt wurde das Programm in Berlin. Sebastian Golly leitet beim Technologie- Dienstleister Retresco den Bereich Textgenerierung. Zusammen mit seinem Team arbeitet er an Automatisierungsprogrammen. Eine so genannte Textengine wertet Daten aus, zum Beispiel von einem Fußballspiel. Die Daten werden von Redakteuren eingetragen und automatisch an die Software übermittelt. Daraus generiert sie Artikel. Mindestens fünf Texte pro Sekunde schafft das Programm. Aber wann gilt ein Team als Favorit? Und wann spricht man von einem Debakel? Immer wieder müssen Programmierer den Algorithmus anpassen, denn auch er macht Fehler. Seite 1/6
SEBASTIAN GOLLY (Programmierer): Es wäre nicht richtig, zu behaupten, die Engine macht keine Fehler. Natürlich, es sind Menschen im Hintergrund, Menschen, die die Engine programmieren, Menschen, die die Regeln festlegen. Der große Unterschied ist: Wenn die Engine einen Fehler macht und wir den korrigieren, dann wird sie diesen Fehler nie wieder machen. In den USA ist Roboterjournalismus längst etabliert. Die LA Times lässt eine Software Erdbebenmeldungen schreiben. Das Magazin Forbes und die Nachrichtenagentur AP setzen ebenso auf Automatisierung. Auch die Forschung interessiert sich für das Konzept. Ein Team der Universität München stellt computergenerierte Nachrichten zur US-Wahl online. Die ersten Texte auf der Prognoseseite PollyVote sind noch fehlerhaft. Aber die Roboter werden immer zuverlässiger, meint Journalismusforscherin Claire Wardle. CLAIRE WARDLE (Journalismusforscherin): Die Forschung zeigt, dass die meisten Leute einen handgeschriebenen Text nicht von einem computergenerierten Text unterscheiden können. Gerade weil es sich dabei um diese formelhaften Beiträge handelt, die jeder schreiben könnte. Doch was ergibt der Praxistest? In Hamburg liegen Fußballfans zwei verschiedene Berichte zum selben Spiel vor. Welcher wurde von einer Software geschrieben? Im Test liegen die meisten Probanden falsch. MANN 1: Der Spielbericht ist top, also, ich würde jetzt nicht sagen können, dass das von ʼner Maschine ist. MANN 2: Hätte ich nicht gedacht, dass das so ausführlich sein kann. MANN 3: Schon ʼn bisschen gruselig. Werden Journalisten also doch bald ersetzt? Unwahrscheinlich, denn Algorithmen haben keine Meinung, können nicht einordnen. Das weiß auch Sebastian Golly. SEBASTIAN GOLLY: Ich glaub, es gibt ganz viele Bereiche des Journalismus, die weiterhin Seite 2/6
sehr gut von Menschen bedient werden und wo der Roboterjournalismus nichts zu suchen hat. Also, ein Kommentar zum aktuellen politischen Geschehen wird so bald nicht automatisch generiert werden. Außerdem muss auch jeder Roboterartikel inhaltlich überprüft werden. Die Software verdrängt hier keine Mitarbeiter. Im Gegenteil: Durch die Automatisierung hat das FussiFreunde-Team mehr Zeit für Hintergrundberichte. Seite 3/6
GLOSSAR das Tagesgeschäft etwas, womit jemand regelmäßig sein Geld verdient Portal, -e (n.) hier: eine Internetseite Software, -s (f.) ein Programm für Computer Redaktion, -en (f.) hier: diejenigen, die für den Inhalt eines Medienprodukts (z. B. einer Zeitung oder einer Fernsehsendung) verantwortlich sind mit etwas experimentieren hier: etwas ausprobieren künstliche Intelligenz (f., nur Singular) hier: Computer, die sich intelligent und fast wie ein Mensch verhalten und selbstständig Probleme lösen können bedrohlich so, dass einem etwas Angst macht; so, dass einem etwas schaden kann Automatisierung, -en (f.) hier: die Tatsache, dass etwas automatisch läuft Trend, -s (m., aus dem Englischen) die Entwicklung in eine bestimmte Richtung etwas generieren hier: etwas erstellen; etwas herstellen (Substantiv: die Generierung) Liga, Ligen (f.) eine Gruppe von etwa gleich starken Sportmannschaften, die gegeneinander spielen; eine Spielklasse etwas ab decken hier: etwas schaffen; über etwas berichten Manpower (f., nur Singular; aus dem Englischen) alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eines Betriebs; das Personal datenbasiert hier: so, dass etwas mit klaren Tatsachen und Fakten funktioniert Dienstleister, -/Dienstleisterin, -nen jemand, der etwas gegen Bezahlung für jemand anderen tut Engine, -s (f., aus dem Englischen) hier: der Teil eines Computerprogramms, der die ganze Zeit automatisch läuft und nicht vom Benutzer gesteuert werden muss etwas aus werten Daten analysieren und entscheiden, was sie bedeuten etwas an jemanden übermitteln dafür sorgen, dass jemand etwas bekommt; etwas an jemanden weitergeben Favorit, -en/favoritin, -nen hier: die Person oder das Team, die/das bei einem Wettbewerb die größten Chancen hat, zu gewinnen Seite 4/6
Debakel, - (n.) die sehr hohe Niederlage; der große Misserfolg Algorithmus, Algorithmen (m.) eine Reihe von Vorschriften und Befehlen, damit ein Computer bestimmte Probleme lösen kann etwas an passen etwas so ändern, dass es passt; etwas so bearbeiten, dass es für bestimmte Bedürfnisse richtig ist im Hintergrund sein hier: in einer Position sein, in der man nicht sofort bemerkt wird, aber dennoch auf etwas aufpasst oder etwas steuert etwas programmieren ein Computerprogramm schreiben etabliert so, dass es etwas schon lange gibt und es allgemein anerkannt ist auf etwas setzen etwas Bestimmtes benutzen, um ein Ziel zu erreichen Konzept, -e (n.) der Plan; die Idee Prognose, -n (f.) die Aussage darüber, wie etwas in Zukunft sein wird formelhaft hier: so, dass etwas immer sehr ähnlich ist und immer nach demselben Prinzip funktioniert; so, dass es eine feste Vorgabe für etwas gibt Beitrag, Beiträge (m.) hier: der Artikel; der Text jemandem vor liegen zu jemandem gebracht worden sein, sodass er es beurteilen kann falsch liegen nicht Recht haben Proband, -en/probandin, -nen die Testperson; jemand, mit dem man einen Test macht top hier umgangssprachlich für: sehr gut ausführlich so, dass viele (auch weniger wichtige) Informationen gegeben sind; sehr genau gruselig unheimlich; hier auch: erschreckend etwas ein ordnen hier: erklären, in welchem Zusammenhang Dinge stehen irgendwo nichts zu suchen haben hier: nicht irgendwohin gehören; zu etwas nicht passen Kommentar, -e (m.) hier: ein journalistischer Artikel, in dem der Autor seine Meinung sagt Seite 5/6
jemanden/etwas verdrängen hier: den Platz von jemandem/etwas einnehmen; dafür sorgen, dass etwas weniger Bedeutung hat Hintergrundbericht, -e (m.) ein Artikel, der viele Informationen gibt, die die Situation und das Thema genau erklären Autoren: Helena Kaschel/Benjamin Wirtz Redaktion: Ingo Pickel Seite 6/6