DIE KRIPPE AUSPACKEN

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Transkript:

Prälat Mag. Maximilian Fürnsinn Propst des Stiftes Herzogenburg DIE KRIPPE AUSPACKEN Gedanken für den Tag 19. 24. Dezember 2005 1. Die Krippe auspacken 2. Die Tiere auspacken 3. Hirten und Engel 4. Der hl. Josef 5. Maria 6. Das Kind Jesu

1. Die Krippe auspacken In dieser letzten Woche vor Weihnachten möchte ich die Krippe auspacken. Es gibt schlichte und künstlerisch wertvolle Krippen; es gibt Krippen mit wenigen Figuren und es gibt richtige Krippenlandschaften. Ich denke auch an sehr unterschiedliche Krippen: zum Beispiel die einfachen Krippen aus Olivenholz, die uns palästinensische arbeitslose Christen für Adventmärkte angefertigt haben; oder wir besitzen in unserem Kloster die Tonkrippe eines pensionierten Schuldirektors, der in die Gesichter der Krippenfiguren seine persönlichen Sehnsüchte, Verzweiflungen und Lebensbrüche hineingelegt hat. Oft wird die Krippe in die jeweilige Zeit, in der sie entstanden ist, hineingestellt. Damit wird ausgedrückt, dass das Weihnachtsgeschehen zu einem Ereignis von heute wird. Gott wird Mensch für uns heute; kein fernes Geschehen, sondern für uns jetzt. So schön barocke Krippenwelten auch sind aber die Kulisse für die Menschwerdung Gottes sind wir heute. Dafür sollten wir in diesen letzten Tagen der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest offen werden: Gott wird jetzt heute für uns Mensch. ER will zu uns. ER will unseren Lebensraum bewohnen und ausfüllen. Weihnachten ist so gesehen kein Krippenspiel; Weihnachten ist Leben. Deshalb packe ich in diesen Tagen die Krippe aus Figur um Figur damit wir Weihnachten unser Weihnachten besser verstehen.

2. Die Tiere auspacken Bei manchen Weihnachtskrippen stehen eine Menge Tiere: Ochs und Esel, Schafe und Ziegen; dann treffen mit den Weisen aus dem Osten noch Pferde und Dromedare ein. Eine ältere Frau, die ich kenne, stellt in ihre Krippe sogar einen Plastikhund und eine Plastikkatze. Zu den ältesten Platzanwärtern aus der Tierwelt zählen Ochs und Esel. Noch bevor es andere Krippenfiguren gab, standen beim Christuskind am Futtertrog Ochs und Esel. Diese sehr alte Krippendarstellung ist keine liebliche Idylle. Sie geht auf ein kritisches Wort des Propheten Jesaja zurück, der seinem Volk vorwirft: Ochs und Esel kennen die Krippe ihres Herrn aber du, mein Volk, erkennst die Krippe deines Gottes nicht! Das ist ein Vorwurf, der Menschen zu jeder Zeit trifft, denen andere Futtertröge wichtiger geworden sind: die Futtertröge der Wirtschaft und des Marktes, die Tröge des Konsums und des guten Lebens. Da kann man Gott sehr schnell vergessen. Dass so viele verschiedene Tiere zur Krippe kommen, das zeigt noch eine andere Tiefe von Weihnachten: nicht nur Gott und Mensch sind durch die Menschwerdung Gottes dicht und fest beieinander, sondern die gesamte Schöpfung ist in die Menschwerdung Gottes einbezogen. Dieses Kind in der Krippe der menschgewordene Gott ist der Bezugspunkt der gesamten Schöpfung. Das göttliche Design der Schöpfung läuft auf IHN zu. Deshalb sind die Tiere an der Krippe keine Nebensache, sondern wichtige Wegweiser.

3. Hirten und Engel Manchmal wird das Auspacken der Krippenfiguren zu einem Kontrastprogramm, etwa wenn man Hirten und Engel nebeneinander stellt. Die Hirten von damals waren keine harmlosen und lieblichen Menschen. So werden sie oft in Krippenspielen dargestellt: tollpatschig, albern, bäuerlich, seltsam. Das ist eine zurechtgebogene Kunstwelt. Die wirklichen Hirten von damals waren Randexistenzen. Darunter kann man alles subsumieren, was mit abstoßendem Menschsein zu tun hat: also brutal, gewalttätig, hemmungslos, verkommen, durchtrieben, versandelt eben Existenzen am Rand. Aber gerade sie sind die Ersten, denen Gottes Menschwerdung und Nähe verkündigt wird. Gott geht an den Rand, wenn ER mit uns Menschen anfängt. Die menschgewordene Liebe Gottes ist immer barmherzige Liebe. Die Engel bilden zu den Hirten einen deutlichen Kontrast. Nicht nur Gott und Schöpfung finden zusammen auch Himmel und Erde werden verbunden. Die Welt Gottes öffnet sich für die Erde aber nicht in dem Sinne, dass eine Sonderwelt über uns aufgeht, sondern dass die andere Seite unseres Lebens aufleuchtet: Gott ist immer da. Gott umgibt uns. Das merken wir oft nicht, weil wir zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt sind. In der Krippe stehen Hirten und Engel nahe beieinander. Weihnachten verbindet diese Gegensätze, führt Himmel und Erde zusammen. Weihnachten steht gegen eine gottlose Einseitigkeit.

4. Der heilige Josef Heute packen wir für die Krippe die Figur des hl. Josef aus. Meist wird er als älterer Mann und oft ein wenig kauzig und verschroben dargestellt. Damit soll die Beziehung zu seiner jungen Frau Maria ein wenig entschärft werden. Ich stelle mir den hl. Josef jung vor, als einen sympathischen Mann, beruflich tüchtig und als einen guten Liebhaber. Allerdings hat das in biblischen Zeiten in der Mann-Frau-Beziehung nicht die entscheidende Rolle gespielt. Trotzdem stelle ich mir vor, dass Josef um Maria und ihre Liebe gerungen hat. Sie ist schwanger mit Jesus aus Hl. Geist entstanden: ein Geschehen also, dass nur im Glauben an Gottes Wirken angenommen werden kann aber biologisch nicht nach zu vollziehen ist. Dieses Wunder der Menschwerdung ist ein neues Kapitel in der Beziehung von Gott, Mensch und Welt so wie auch das Wunder der Schöpfung, das Wunder der Auferstehung von den Toten und das Wunder der Vollendung der Welt. Wer sollte dieses Geheimnis erfassen? Wer sollte verstehen, dass Gott in Maria Mensch wird? Josef war für das Geheimnis und für göttliche Wunder sensibel. Er konnte staunen und hat Gott, Welt und Mensch nicht bloß mit dem Meterstab seiner Logik vermessen. Zu diesem Staunen kommt noch die sehnsuchtsvolle Liebe zu seiner Frau. Er begleitet sie nach Bethlehem und in die Stunde der Geburt Jesu. Er bleibt an ihrer Seite, respektvoll, mit Abstand und treu. Das macht Josef so geeignet, bei der Krippe zu stehen.

5. Maria Bald ist Weihnachten. Bald ist unsere Krippe komplett. Heute stellen wir die Figur Marias in die Krippe. Sie gehört wesentlich in das Zentrum der Krippe. Denn Maria ist das Tor Gottes in unsere Welt. Warum ist gerade in Maria Gott Mensch geworden? Sicher lebt Maria in einem Raum der Verheißung. Das jüdische Volk lebt in der Hoffnung, dass aus ihm der Messias, der Retter der Welt hervorgeht. Denn Gott steht zu dem Bund, den ER mit Israel geschlossen hat und ER bleibt seinen Bundeszusagen treu. Diese Verheißung hat die Frauen des palästinensischen Raumes damals bestimmt. Mit dieser Verheißung lebt auch Maria. Aber Maria ist auch die Frau, die mit einer einzigartigen Sehnsucht und Liebe für Gott gelebt hat. Sehnsucht, dass Gott das Leben erfüllt: Sehnsucht, dass Gott als schweigendes Glück, als stummer Schrei in jedem Menschen da ist; Sehnsucht, dass Gott allein genügt. Der weite Horizont der Verheißung und die Tiefe reiner Sehnsucht lassen Weihnachten werden. Das gilt auch für uns. Lassen wir unsere Sehnsucht nach Gott durchkommen! Lassen wir Sehnsucht aufblühen! Lassen wir unsere Sehnsucht zum Raum für Gott werden! So wird Weihnacht!

6. Das Kind Jesus Heute in der Hl. Nacht wird in Millionen Kirchen dieser Erde das Christuskind in die Krippe gelegt. Millionen Kerzen erleuchten den Geburtstag Jesu und mit unzähligen Liedern wird die Geburtstagsfreude in die Welt hinaus gesungen. Ich hoffe, dass auch Sie eine Krippe aufstellen und das Christuskind hineinlegen und dass auch Sie mit Freude das Weihnachtsfest feiern. Das ist kein Spiel mit Rührseeligkeit, das ist keine religiöse Folklore. Weihnachten soll in unser Leben und in unsere Welt einziehen. Wir können auf dieses Kind von Bethlehem nicht verzichten, wir können auf Jesus Christus nicht verzichten. Er ist für immer der göttliche Maßstab. Denn der in Bethlehem Geborene sagt: Ich bin gekommen, das Leben in Fülle zu bringen! ER fordert uns auf, das halbierte Leben aufzugeben und nach dem ganzen Glück zu suchen! Der in Bethlehem Geborene sagt: Ich bin der Maßstab und das Gericht! An IHM werden wir gemessen, Ihm gegenüber haben wir Verantwortung. Der in Bethlehem Geborene sagt: Ich bin gekommen, um zu retten! ER grenzt niemanden aus. ER nimmt alle an. ER ist die Liebe Gottes in Person. Seit Bethlehem schlägt das Herz Jesu voll göttlicher Liebe in unserer Welt. Weihnachten geht aus unserer Welt nicht mehr weg. Beugen wir das Knie vor Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist. Machen wir heute am Hl. Abend und in der Hl. Nacht damit wieder einen Anfang.