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Transkript:

58 Peter Gohle Ernst Drahn (1873 1944) Ernst Eduard Carl Drahn 1 wurde am 25. März 1873 als Sohn des Hoteliers Carl Ludwig Drahn und seiner Ehefrau Elise in Stargard/Pommern geboren. Bedingt durch den Tod seines Vaters im Jahr 1888 musste Drahn aus wirtschaftlichen Gründen seine gymnasiale Ausbildung abbrechen und eine Kaufmannslehre in einer Eisengroßhandlung in Nauen beginnen. Nach Abschluss der vierjährigen Ausbildung wurde er vom Lehrbetrieb als Handlungsgehilfe übernommen. Ab 1893 leistete er seinen zweijährigen Wehrdienst in Wittenberg ab. Danach arbeitete er mehrere Jahre in unterschiedlichen Stellungen als Lagerist und Kontorist sowie als Reisevertreter in Halberstadt, Hagen, Nauen und schließlich Berlin. Ebendort war er auch ab der Jahrhundertwende beim Institut für Deutsche Buchführung als Revisor und Lehrbeauftragter tätig. In diesem Zusammenhang begann er sich intensiver mit den Problemen der Arbeitswelt und der sozialen Frage zu beschäftigen sowie im Selbststudium seine Kenntnisse auf dem Gebiet der Kulturgeschichte und der Nationalökonomie systematisch auszubauen. Erste kleinere Veröffentlichungen erschienen ebenfalls in dieser Zeit. Ab 1906 begann sich Drahn in Richtung Lektorats- und Verlagstätigkeiten zu orientieren, schrieb ab 1907 regelmäßig für die Zeitschrift Der deutsche Buch- und Zeitschriftenhandel und arbeitete zudem u.a. auf bibliographischem Gebiet für den Reichsverband Deutscher Buch- und Zeitschriftenhändler. Wann Drahn sich der Sozialdemokratie zuwandte, ist unklar. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass dies um 1 Zur Biographie von Ernst Drahn vgl.: Bundesarchiv Berlin, Bestände des ehemaligen Berlin Document Center; AdsD, SPD-Parteivorstand, Archiv und Bibliothek; Mario Bungert, Zu retten, was sonst unwiederbringlich verloren geht. Die Archive der deutschen Sozialdemokratie und ihre Geschichte, Bonn 2002; Paul Mayer, Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs und das Schicksal des Marx-Engels-Nachlasses, in: Archiv für Sozialgeschichte 6/7 (1966/67); Rüdiger Zimmermann, Das gedruckte Gedächtnis der Arbeiterbewegung bewahren. Die Geschichte der Bibliotheken der deutschen Sozialdemokratie, 3. erw. Aufl., Bonn 2008.

das Jahr 1912 geschah. In jedem Falle zeigte er sich mit seiner 1913 erschienenen Broschüre Zur Entwicklung und Geschichte des sozialistischen Buchhandels und der Arbeiterpresse als Kenner der sozialdemokratischen Publizistik. Eine Vielzahl weiterer Veröffentlichungen aus späteren Jahren weisen ihn zudem als rührigen Bibliographen dieses Schriftgutsegments aus. Überhaupt tat Drahn als bibliothekarischer Autodidakt alles, um sich in dem ganzen Berufsfeld Publizistik- Buchhandel-Bibliothekswesen nach Kräften zu professionalisieren, zumal er, wie es scheint, meist freiberuflich gearbeitet hat. Eine formelle bibliothekswissenschaftliche Ausbildung, wie sie zwischen 1883 und 1912 zumindest für staatliche Bibliotheken üblich geworden war, hat er nicht durchlaufen. Anfang 1915 wurde Drahn als Unteroffizier zum Landsturm eingezogen. Seine Einheit wurde bald der Njemenarmee, die im Baltikum eingesetzt war, zugeschlagen. Anschließend wurde er nach Prenzlau versetzt und bald darauf vermutlich aus Altersgründen aus dem Heeresdienst entlassen. Jedenfalls tauchte er im Juli 1917 in einer Rednerliste der Berliner SPD als Referent für Geschichte und Militärwesen auf. Im Februar 1917 räumte Eduard David, der seit 1914 das SPD-Parteiarchiv geleitet hatte, den wenig geliebten Posten. Sein Nachfolger wurde Ernst Drahn. Unklar ist, wie dieser in das Blickfeld des SPD-Parteivorstands gelangt ist, zumal er einen durchaus prominenten Vorgänger zu ersetzen hatte. Die obengenannte Publikation, weitere einschlägige bibliographische Arbeiten u.a. in der Sozialdemokratischen Parteikorrespondenz sowie Beiträge für die sozialdemokratische Wochenschrift Die Neue Zeit qualifizierten ihn vermutlich für diese Aufgabe. Darüber hinaus dürfte er als SPD-Mitglied und Publizistikexperte bisweilen im Vorwärts-Verlag anzutreffen und damit wahrscheinlich zum richtigen Zeitpunkt am rechten Ort gewesen sein. Er packte seine neue Aufgabe mit erheblichem Engagement an, wie eine Anzahl weiterer Publikationen aus der Zeit zwischen 1917 und 1920, die sichtbar diese Tätigkeit betrafen oder aus ihr geschöpft waren, belegt. 2 Die große 59 2 Ein Übersicht über Drahns einschlägige Publikationen bis 1925 in: Ernst Drahn, Lenin Vladimir Il ič Ul janov, eine Bio-Bibliographie, 2., verb. und verm. Aufl., Berlin

60 Beachtung, die Drahn den Flug- und Untergrundschriften der Kriegszeit und der Novemberrevolution schenkte, lässt ein bemerkenswertes Fingerspitzengefühl für die Erfordernisse zeitgeschichtlicher Sammlungstätigkeit erkennen. Die letzte in diesem Rahmen 1919/20 auf Initiative und in Zusammenarbeit mit Susanne Leonhard entstandene Veröffentlichung Unterirdische Literatur im revolutionären Deutschland während des Weltkrieges markierte freilich den plötzlichen und auch unrühmlichen Abschied Drahns aus dem SPD-Parteiarchiv um die Jahreswende 1919/20. Susanne Leonhard hielt sich in den 1960er Jahren zugute, den blöden Trottel Drahn, der ihr wohl naiv zugetan war, im Zuge der Arbeiten an der gemeinsamen Edition zum Kommunismus... bekehrt 3 zu haben. Sein Austrittschreiben aus der SPD vom 31.12.1919, das Drahn 1920 als Anhang einer kleinen Marx-Engels-Broschüre veröffentlichte und in dem er sich als Verfechter der Leninschen Avantgardetheorie, der notfalls auch terroristischen Diktatur des Proletariats und als vehementer Gegner der reinen Demokratie offenbarte, quittierte Otto Wels mit der Feststellung, dass er geistig nicht ganz normal sei 4 und erteilte ihm mit Wirkung vom 2. Februar 1920 Hausverbot. Damit hätte es sein Bewenden haben können, aber es folgte ein einigermaßen unappetitliches Nachspiel. Eine Veröffentlichung des Exekutivkomitees der kommunistischen Jugendinternationale zu Friedrich Engels, die 1920 erschien, basierte offensichtlich auf unveröffentlichten Engels-Briefen aus dem SPD-Parteiarchiv. Nach einer Überprüfung wurde offenbar, dass diese und andere Autographen in den Beständen fehlten. Drahn, der schnell als der mutmaßliche Verantwortliche für diese Unterschlagung ausgemacht worden war, reagierte zunächst ausweichend. Eine vom SPD-Parteivorstand erwirkte polizeiliche Hausdurch- 1925, S. 78ff. 3 Susanne Leonhard an Paul Mayer, 22.12.1963, AdsD, SPD-Parteivorstand, Archiv und Bibliothek 2/PVCA000023. 4 Karl Marx und Friedrich Engels über die Diktatur des Proletariats nebst Ausführungen über die taktische Haltung der Kommunisten bei: 1. einer Revolution, in der die reine Demokratie die Oberhand gewinnt, 2. der Proklamation der Diktatur des Proletariats, [Zsgest. u. mit einem Nachw. versehen v. Ernst Drahn], Berlin 1920, S. 37.

suchung bei Drahn förderte schließlich mehrere Kisten und Körbe aus den Beständen des SPD-Parteiarchivs entwendeten Schriftguts zu Tage. Drahn hatte sich bereits im Vorfeld seines Ausscheidens aus den Diensten des SPD-Parteiarchivs beruflich abgesichert. Seit 1919 arbeitete er als Begutachter und Sachverständiger für sozialdemokratische und sozialistische Publizistik für die Preußische Staatsbibliothek, die eigens eine Auskunftsstelle für sozialistische und revolutionäre Literatur eingerichtet hatte. Daneben intensivierte Drahn deutlich seine publizistische Tätigkeit sowohl für seriöse wissenschaftliche Publikationen und Periodika als auch für die KPD und die kommunistische Bewegung. Besonders hervorzuheben sind hierbei eine Vielzahl von Bibliound Biographien zum Sozialismus im allgemeinen sowie sozialistischen und kommunistischen Theoretikern und Politikern im besonderen wie etwa Friedrich Engels, Karl Marx, W. I. Lenin und Karl Liebknecht. Im Laufe des Jahres 1923 hatte sich Drahn der KPD entfremdet. Anfang 1924 vollzog er eine ebenso bemerkenswerte wie radikale politische Wende. Schon in seinem Austrittsschreiben aus der SPD waren gewisse nationalbolschewistische Tendenzen angeklungen. Das nationale Element gewann nun vollends die Oberhand und so finden wir Drahn unter den Mitbegründern der von Emil Unger-Winkelried 5 aus der Taufe gehobenen Vereinigung nationalgesinnter Arbeiterführer, die durchweg aus ehemaligen Sozialdemokraten rekrutiert war und sich nach zeitgenössischen Pressestimmen in ihren Richtlinien stark an die Hitlersche Bewegung in München 6 anlehnte. Als Unger-Winkelried, den Drahn aus ihrer gemeinsamen Zeit im Vorwärtshaus in der Berliner Lindenstraße kannte, nun Mitarbeiter für das publizistische Organ der Vereinigung nationalgesinnter Arbeiterführer, das er nicht ohne Häme 61 5 Langjähriger Redakteur des Vorwärts, sympathisierte während des Ersten Weltkrieges mit der national orientierten Lensch-Cunow-Haenisch-Gruppe in der SPD, 1920 Parteiaustritt. Hierbei spielte sein rabiater Antisemitismus eine tragende Rolle. 6 Emil Unger-Winkelried, Von Bebel zu Hitler. Vom Zukunftsstaat zum Dritten Reich. Aus dem Leben eines sozialdemokratischen Arbeiters, Berlin 1934, S. 110.

62 Der deutsche Vorwärts nannte, suchte, war Drahn einer der ersten Ansprechpartner. 1925 schied Drahn aus unbekannten Gründen aus den Diensten der Preußischen Staatsbibliothek aus und betätigte sich fortan als freier Schriftsteller. Entsprechend seines politischen Richtungswechsels wandelte sich nun nicht nur sein Blickwinkel sondern auch sein publizistisches Umfeld. Neben dem Deutschen Vorwärts, für den er bis 1932 als ständiger Redakteur arbeitete, schrieb er etwa bis 1936 regelmäßig für die national-konservativen Süddeutschen Monatshefte aus München. So ist es kein Zufall, dass seine 1926 in einem vaterländischen Verlag erschienene Schrift Die deutsche Sozialdemokratie. Werden, Wollen, Wirken, in der er der Politik der SPD seit 1918 u.a. einen eklatanten Mangel an nationaler Gesinnung vorwarf, den scharfen Widerspruch Paul Kampffmeyers fand. 7 Gänzlich indiskutabel wurden seine publizistischen Äußerungen in der ersten Hälfte der 1930er Jahre, als er sich etwa 1933 zusammen mit dem völkischen Publizisten Gottfried Zarnow über den 9. November 1918 als die Tragödie eines großen Volkes Gedanken machte und zu allem Überfluss im selben Jahr unter dem Titel Verbotene und undeutsche Bücher einen Führer zur völkischen Gestaltung der deutschen Leihbüchereien verfasste. 8 So mag es auch kaum verwundern, dass Drahn am 1. Mai 1933 der NSDAP beitrat und ein knappes Jahr später zum Bibliothekar bei der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und Leiter des Pressearchivs der Reichbetriebsgemeinschaft Eisen und Metall avancierte. Neben seiner Mitgliedschaft in der NSDAP und der DAF gehörte er der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) sowie der Reichsschrifttumskammer an. 1937 wechselte er als Lektor zum Arbeitswissenschaftlichen Institut der DAF. Im März 1941 wurde er mit der Begründung, dass er nur 7 Vgl.: Ernst Drahn, Die deutsche Sozialdemokratie. Werden, Wollen, Wirken, München 1926; Rezension von Paul Kampffmeyer hierzu in: Bücherwarte 1 (1926), S. 376f. 8 Vgl.: Gottfried Zarnow, Der 9. November 1918. Die Tragödie eines großen Volkes, unter Mitarb. v. Ernst Drahn, Hamburg 1933; Verbotene und undeutsche Bücher. Ein Führer zur völkischen Gestaltung der deutschen Leihbüchereien. Im Auftrage der Literatur-Prüfungsstelle der Fachschaft II, Leihbüchereien zsgest. v. Ernst Drahn, Berlin 1933.

noch nebenberuflich in geringfügigem Umfang schriftstellerisch tätig sei, aus der Reichsschrifttumskammer entlassen. Danach verliert sich seine Spur. Er lebte vermutlich bis zuletzt in Berlin-Steglitz und starb 1944 ebendort. Drahn war seit dem 27. Juli 1907 mit Hilde, geborene Illgen, geboren am 13. Juni 1880 in Dresden, verheiratet. Diese Ehe blieb kinderlos. 63

Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei (PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren - Verbreiten - Aufklären : Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung / Günter Benser und Michael Schneider (Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html Friedrich Ebert Stiftung Webmaster technical support net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung 7. Oktober 2009