Strategie: Stimmungsmache.

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Transkript:

Vasco Boenisch Strategie: Stimmungsmache. Wie man Kampagnenjournalismus definiert, analysiert und wie ihn die Bild-Zeitung betreibt Herbert von Halem Verlag

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Vasco Boenisch Strategie: Stimmungsmache. Wie man Kampagnenjournalismus definiert, analysiert und wie ihn die Bild-Zeitung betreibt Köln : Halem, 2007 Vasco Boenisch ist freiberuflicher Journalist. Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme (inkl. Online-Netzwerken) gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. 2007 by Herbert von Halem Verlag, Köln isbn 978-3-938258-45-3 Den Herbert von Halem Verlag erreichen Sie auch im Internet unter http://www.halem-verlag.de E-Mail: info@halem-verlag.de satz: Herbert von Halem Verlag druck: finidr, s.r.o. (Tschechische Republik) gestaltung: Claudia Ott Grafischer Entwurf, Düsseldorf Copyright Lexicon 1992 by The Enschedé Font Foundry. Lexicon is a Registered Trademark of The Enschedé Font Foundry.

Inhalt Vorwort von Petra Dorsch-Jungsberger 11 1. einleitung 17 1.1 Thema 17 1.2 Quellen 22 1.3 Methodik 24 1.4 Gliederung 26 2. kampagnenjournalismus 30 2.1 Journalismus 30 2.1.1 Anspruch und Wirklichkeit 30 2.1.1.1 Funktionen der Massenmedien 31 2.1.1.2 Journalistische Qualität 41 2.1.1.3 Darstellungsformen der Tageszeitung 49 2.1.1.4 Fazit 60 2.1.2 Die Journalisten 62 2.1.2.1 Ausgangspartner und Vermittler 62 2.1.2.2 Was? Erkenntnisse der Kommunikatorforschung 65 2.1.2.3 Wie? Persuasive Kommunikation 78 2.1.2.4 Warum? Selbstbild und Berufsauffassung 80 2.1.2.5 Fazit 83 2.1.3 Formen der Berichterstattung 85 2.1.3.1 Vermittlungsjournalismus 87 2.1.3.2 Interpretativer Journalismus 88 2.1.3.3 Investigativer Journalismus 88 2.1.3.4 Enthüllungsjournalismus 89 2.1.3.5 Sensationsjournalismus 89 2.1.3.6 Boulevard- oder Unterhaltungsjournalismus 91 2.1.3.7 Fazit 91

2.2 Kampagnenjournalismus 93 2.2.1 Die Kampagne: Definition und Bedeutung 93 2.2.2 Kampagnenjournalismus: 101 Definitionsadaption und Erörterung 2.2.2.1 Definition und Merkmalskatalog 120 2.3 Fazit 120 3. die Bild-zeitung 127 3.1 Leser und Lektüre 128 3.1.1 Zielgruppe 128 3.1.2 Journalistische Charakteristik 129 3.1.2.1 Arbeitsabläufe 129 3.1.2.2 Graphische Gestaltung 130 3.1.2.3 Themen 132 3.1.2.4 Stil und Struktur 132 3.1.2.5 Sprache 136 3.1.3 Fazit 140 3.2 Tradition und politische Verortung 141 3.2.1 Gründung und Entwicklung bis 2001 141 3.2.2 Politisches und publizistisches Selbstverständnis 148 und die Bild-Kritik 3.2.3 Bild und die 68er 155 3.2.4 Fazit 157 3.3 Bild unter Kai Diekmann 158 3.3.1 Chefredakteur und Herausgeber Kai Diekmann 159 3.3.1.1 Vita 159 3.3.1.2 Journalistisches Selbstverständnis 160 3.3.1.3 Politische Verortung 161 3.3.2 Entwicklung von Bild seit 2001 163 3.3.2.1 Auflage und Reichweite 163 3.3.2.2 Inhalte 164 3.3.3 Fazit 167

3.4 Macht und Einfluss 168 3.5 Fazit 171 4. fallanalyse: die bild-berichterstattung 174 über joschka fischer und jürgen trittin 4.1 Methodik 175 4.2 Die Ausgangspartner 179 4.2.1 Joschka Fischer 179 4.2.2 Jürgen Trittin 183 4.2.3 Bettina Röhl 185 4.3 Der Fall: Die Berichterstattung über Joschka Fischer 188 und Jürgen Trittin in der Bild-Zeitung vom 4. Januar 2001 bis 3. Februar 2001 4.3.1 Chronologische Darstellung und Untersuchung 188 4.3.1.1 4. Januar 2001 188 4.3.1.2 5. Januar 2001 191 4.3.1.3 6. Januar 2001 194 4.3.1.4 8. Januar 2001 196 4.3.1.5 9. Januar 2001 197 4.3.1.6 10. Januar 2001 200 4.3.1.7 11. Januar 2001 201 4.3.1.8 12. Januar 2001 203 4.3.1.9 13. Januar 2001 203 4.3.1.10 15. Januar 2001 204 4.3.1.11 16. Januar 2001 208 4.3.1.12 17. Januar 2001 210 4.3.1.13 18. Januar 2001 219 4.3.1.14 19. Januar 2001 222 4.3.1.15 20. Januar 2001 227 4.3.1.16 22. Januar 2001 228 4.3.1.17 23. Januar 2001 229 4.3.1.18 24. Januar 2001 236 4.3.1.19 25. Januar 2001 240 4.3.1.20 26. Januar 2001 243 4.3.1.21 27. Januar 2001 245 4.3.1.22 29. Januar 2001 246 4.3.1.23 30. Januar 2001 254 4.3.1.24 31. Januar 2001 256 4.3.1.25 1. Februar 2001 257 4.3.1.26 2. Februar 2001 259 4.3.1.27 3. Februar 2001 260

4.3.2 Auswertung: Welche Merkmale von 261 Kampagnenjournalismus sind vorhanden? 4.3.2.1 Merkmal 1 261 4.3.2.2 Merkmal 2 262 4.3.2.3 Merkmal 3 262 4.3.2.4 Merkmal 4 268 4.3.2.5 Merkmal 5 269 4.3.2.6 Merkmal 6 270 4.3.2.7 Merkmal 7 272 4.3.2.8 Merkmal 8 273 4.3.3 Fazit: Hat Bild Kampagnenjournalismus betrieben? 276 5. fazit und ausblick 279 Abkürzungsverzeichnis 284 Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen 285 Literaturverzeichnis 286 Anhang 321 Übersicht: Artikel der Fallanalyse 322 Dokumentation: Bild-Artikel der Fallanalyse 338 Der Autor 377

Journalismus Vasco Boenisch Strategie: Stimmungsmache. Wie man Kampagnenjournalismus definiert, analysiert und wie ihn die BILD-Zeitung betreibt 2007, 376 S., 64 Abb., 2 Tab., Broschur, 213 x 142 mm, dt. EUR(D) 29,50 / EUR(A) 30,20 / sfr. 49,60 ISBN 978-3-938258-45-3 Propaganda, Diffamierung, tendenziöse Berichterstattung und Polarisierung immer häufiger wird der Vorwurf des Kampagnenjournalismus laut. Vasco Boenisch prüft in Strategie: Stimmungsmache, was Kampagnenjournalismus überhaupt ist und nimmt das Geflecht von Massenmedien und Politik unter die Lupe. Der Autor beschreibt Kampagnenjournalimus als eine komplexe, massenmediale Kommunikationsstrategie und benennt seine Elemente und Vorgehensweisen. Er zeigt, wie die Bereitschaft zu einem solchen Journalismus im Selbstverständnis zumindest einiger Berufsträger verankert ist. Doch welche Folgen hat es für die politische Kultur, wenn diese Journalisten sich als politische Akteure verstehen? Als Beispiel für seine Analyse dient dem Autor die Berichterstattung der Bild-Zeitung aus dem Jahr 2001 über die Straßenkämpfer-Vergangenheit der ehemaligen Bundesminister Joschka Fischer und Jürgen Trittin. HERBERT VON HALEM VERLAG Schanzenstr. 22. 51063 Köln http://www.halem-verlag.de info@halem-verlag.de H H

Vorwort Am Beispiel der Berichterstattung der Bild-Zeitung im Januar 2001 über die ehemaligen Studentenrevoluzzer Joschka Fischer und Jürgen Trittin, Außenminister und Umweltminister der Regierung Schröder, soll die Frage beantwortet werden, ob Bild Kampagnenjournalismus betrieben hat. Vasco Boenisch nimmt den Leser mit auf die Reise, das Unethische eines solchen Journalismus in der Politik verstehbar zu machen. Bild, Deutschlands größte Boulevardzeitung, gemessen an Auflage und Reichweite, wird seit ihrem Erscheinen 1952 bis heute von links gehasst und von rechts mit nun denn apostrophiert. Zwölf Millionen Leser erreicht sie täglich, die sie als Produkt des täglichen Bedarfs konsumieren und anschließend wegwerfen ein Schicksal, das jeder Tageszeitung immanent ist. Vergleicht man die Massenpresse der europäischen Länder, so fällt auf, dass Deutschland anders als etwa Italien und Spanien auf dem Sektor Sportpresse wenig zu bieten hat; die auflagenstärksten Tageszeitungen dort sind die Sporttageszeitungen; dafür hat Deutschland Bild, die vor allem wegen ihres Sportteils gelesen werde. Aber Bild bietet viel mehr. Wenn man über dieses Mehr spricht, kommt man nicht darum herum, über Emotion zu sprechen. Schließlich lässt sich das deutsche Pressewesen, Tageszeitungen und Wochenpresse, in zwei Gruppen unterteilen, von denen die eine mit einer von Rationalität bestimmten publizistischen Konzeption den Markt zu bedienen versucht, während die andere ihre Produkte mit Gefühl verkauft. Die Palette der menschlichen Gefühle ist breit, wie etwa der Topos von den sieben Todsünden lehrt. 11

petra dorsch-jungsberger Sie verweisen auf den archetypischen Charakter von als negativ eingestuften Gefühlsdispositionen: Hoffart (Arroganz), Wollust, Geiz (Habsucht), Neid, Völlerei, Zorn, geistige Trägheit, für deren moralische Ablehnung der mittelalterliche Theologe Richard de St. Victor drei sachliche Gründe anführt: Verachtung Gottes, Selbstverderben und Verletzung des Nächsten. Dieser Katalog, inklusive der Gründe seiner katholischen Ächtung, hat schon lange vor dem Entstehen der Massenpresse seine strenge Bedeutung verloren. Heute leben diese sieben nicht nur als quasi hedonistische Transformation im Unterhaltungssektor weiter als Filmtitel oder als Leitmotiv für ein trendiges Lokal in München. Man findet sie auch instrumentalisiert in redaktionellen Konzepten wieder, deren zentrales Anliegen die Aktivierung der Gefühlswelt der Leser ist ein Verfahren, das sich bewährt hat, um die Aufmerksamkeit für das Produkt zu steigern und dadurch die Kaufbereitschaft zu erhöhen: Angst einjagen, der Eitelkeit schmeicheln, Gier stimulieren, Neid schüren, Zorn anfachen bis hin zum Aggressionsanschub. Bei Bild heißt das: Stimmung machen, aufgreifen und verstärken, Polarisierung, persönliche Diffamierung, Provokation, Tabuverletzung und mehr. Vasco Boenisch, der selbst bei Bild gearbeitet hat, begibt sich mit der folgenden Analyse quasi virtuell in diese Gefühlsmanufaktur und untersucht die Ingredienzien, die zur Verkaufsförderung dieser Vertreterin der Emotionspresse so erfolgreich eingesetzt werden. Als publizistische Einstimmung der Öffentlichkeit auf die bevorstehende Zeugenaussage des damaligen Außenministers Joschka Fischer vor dem Frankfurter Landgericht im Mordprozess gegen den ehemaligen Terroristen Hans-Joachim Klein am 16. Januar 2001 gaben drei Medien den ersten Ton an: Bild, Stern und Tagesthemen veröffentlichten Bilder, die den ehemaligen Straßenkämpfer Fischer zeigten, wie er offenbar im April 1973 auf einen wehrlosen Polizisten einschlug. Damit war seine militante Vergangenheit wieder in den Schlagzeilen. Gleichsam ins Schlepptau genommen wurde die kommunistische Vergangenheit des Umweltministers Jürgen Trittin. Über Wochen besetzte das 68er-Geschehen Platz eins der politischen Agenda der deutschen Presse. Das Besondere an diesem Fall ist, dass man die Journalisten dabei beobachten konnte, wie sie selbst Politik machten. Vom breiten Publikum nicht wahrnehmbar, wurde ein Geschehen, das fast 30 Jahre zurücklag, instrumentell aktualisiert, um die rotgrüne Regierung in Bedrängnis zu bringen. 12

Vorwort Durch Einsatz von Experten von Außen, opportune Zeugen, Manipulation des Geschehens durch Verschiebung der Gewichte, Einsatz manipulierter Bilder usw. wurde bei den Bürgern der Eindruck erweckt, es handele sich um einen politischen Skandal. Dieser Versuch, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Regierung in der Tradition der 68er wirke, schlug sich insbesondere in der journalistischen Behandlung dieses Falles durch die Bild-Zeitung nieder. Bundeskanzler Gerhard Schröder reagierte schließlich drei Wochen nach Beginn dieses Hybridjournalismus ganz gezielt:»diese Kampagne wird die Regierung weder beeindrucken noch zu Fall bringen.«natürlich widersprach der Chefredakteur von Bild:»Ich bin kein Kampagnero«. Vasco Boenisch nimmt nun eine systematische Prüfung dessen vor, was eine Kampagne, was Kampagnenjournalismus ist Begriffe, die vielfach in der Vergangenheit als Vorwurf gegen die Medien zu vernehmen waren, deren eigentlicher Charakter aber bisher eher im Unklaren geblieben ist. Zunächst wird eine Reihe von normativen Prämissen gesetzt, um die Bedeutung des Journalismus in der demokratischen Gesellschaft zu fixieren. Es folgt eine gewichtete, pointierte Darstellung der wissenschaftlichen Befunde zu Journalismus und Journalisten dergestalt, dass der Kreis der Argumentation immer enger um solche Formen des Journalismus gezogen wird, die manipulativ oder normverletzend gegen das öffentliche Interesse agieren. Im Zentrum steht schließlich der Kampagnenjournalismus, für den der Autor nicht nur eine schlüssige Definition liefert, sondern auch plastisch vermittelt, welche Folgen es für die politische Kultur hat, wenn Journalisten aus der Rolle fallen und sich zu politischen Akteuren stilisieren. Die sorgfältige Auswertung der Berichterstattung belegt schließlich die Vermutung, dass Bild und wie Bild Kampagnenjournalismus betreibt. Die Warnung, die der frühere Bundespräsident Johannes Rau ausgesprochen hat, entspricht somit durchaus einem Teil der medialen Realität in diesem Land:»Gefährlich wird es da, wo Journalisten politische Prozesse oder gar Wahlentscheidungen durch aktives, von anderen Interessen geleitetes Handeln beeinflussen, gefährlich wird es da, wo durch Zuspitzung oder Halbwahrheiten Stimmungen absichtlich verstärkt oder gar erst gemacht werden.«wer wissen will, wie Kampagnen gemacht werden, sollte dieses Buch als Betriebsanleitung benutzen. Wer wissen will, was getan werden muss, 13

petra dorsch-jungsberger um guten Journalismus zu machen, sollte es studieren. Wer wissen will, wie kritisch es um einige Bereiche des Journalismus in diesem Land bestellt ist, kann sich durch die Lektüre dieses Buches ein eindrucksvolles Bild davon machen. Petra Dorsch-Jungsberger 14

Journalismus Uwe Krüger Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha- Journalisten eine kritische Netzwerkanalyse Reihe des Instituts für Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung (IPJ), 9 2013, 378 S., 30 Abb., 17 Tab., Broschur, 213 x 142 mm, dt. EUR(D) 29,50 / EUR(A) 30,20 / sfr. 49,80 ISBN 978-3-86962-070-1 Journalisten brauchen die Nähe zu den Mächtigen, um informiert zu sein. Sie begleiten Politiker auf ihren Auslandsreisen, nehmen an Hintergrundrunden im Kanzleramt teil und sind zu Gast auf der Geburtstagsfeier des Deutsche-Bank-Chefs. Das ist gut für die Informationsbeschaffung. Aber verlieren die Journalisten dann nicht die Distanz? Wird die Unabhängigkeit und damit die Kritikfähigkeit des Journalismus durch den Kontakt mit den Eliten aus Politik und Wirtschaft nicht stark beeinträchtigt? Und umgekehrt: Ab wann beeinflusst die Meinung der Eliten die Auswahl der Nachrichten und die Stoßrichtung der Kommentare? In Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha- Journalisten beschreibt Uwe Krüger mittels einer aufwändigen Netzwerkanalyse die Verflechtungen zwischen Journalismus, Politik und Wirtschaft. Mithilfe einer Frame-Analyse zeigt er zudem Auffälligkeiten, Leerstellen und Tabus in der Berichterstattung auf. H H HERBERT VON HALEM VERLAG Schanzenstr. 22. 51063 Köln http://www.halem-verlag.de info@halem-verlag.de

Medien und Gesellschaft Bernhard Pörksen / Hanne Detel Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter 2012, 248 S., 28 Abb., 2 Tab., Hardcover (Faden), 213 x 142 mm, dt. EUR(D) 19,80 / EUR(A) 20,30 / sfr. 33,50 ISBN 978-3-86962-058-9 Wikileaks blamiert zuerst eine Weltmacht und dann sich selbst. Blogger prangern einige wenige, bis dahin unbeachtet gebliebene Sätze des Bundespräsidenten an und forcieren im Verbund mit klassischen Massenmedien seinen Rücktritt. Politiker stürzen über Plagiate, die sich im Netz detailgenau dokumentieren lassen. In die falschen Kanäle gelangte Fotos und Handyvideos, SMS-Botschaften und Twittermeldungen beenden Karrieren und werden zu global zirkulierenden Beweisen eines Vergehens. Immer mehr Daten lassen sich immer leichter verknüpfen, rekonstruieren, dauerhaft speichern und eines Tages in öffentliche Dokumente der Diskreditierung verwandeln, die sich nicht mehr nur gegen Mächtige und Prominente, sondern auch gegen Ohnmächtige und gänzlich Unbekannte richten. Blitzschnell sind im digitalen Zeitalter Transparenz und Aufklärung möglich und in rasender Geschwindigkeit verbreiten sich Falschmeldungen, bilden sich Wut- und Empörungsgemeinschaften, die mit Schicksalen auf einer weltweit sichtbaren Bühne spielen. Dieser glänzend geschriebene, materialreiche Essay ist eine Provokation. Zur Debatte steht die Diagnose der Autoren: Der Skandal ist kein Distanzereignis mehr, sondern hat unser aller Leben erreicht. H H HERBERT VON HALEM VERLAG Schanzenstr. 22. 51063 Köln http://www.halem-verlag.de info@halem-verlag.de