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Transkript:

das magazin von st. matthias in waldram» Wofür Klein, lernen aber fein wir eigentlich? das Seminar, Was macht Gymnasium und Kolleg in Waldram so besonders?» 24h Waldram Wir haben einen Seminaristen einen Tag lang begleitet.» Abi aber wie? Wie kann ich als junger Erwachsener das Abi am besten nachholen?

lernen Auf einen Blick»St. Matthias stellt sich vor Seite 6 Für die Schule oder doch fürs Leben?»Ein Plädoyer für mehr Offenheit Seite 12 Waldram gestern, heute und morgen»werte und Ziele in Waldram Seite 14 Ein Tag in Waldram»Wir haben den Seminaristen Tobias Pastötter 24 h lang begleitet Seite 16 Allgemeine Hochschulreife oder Abitur?» Schulleiter Claus Pointner erklärt Seite 24 Schrecken im Labor» Amüsantes aus dem Schulalltag Seite 26 glauben Glaube fürs Leben» Eindrücke eines Seminardirektors Seite 30 Provokativ und visionär» Ein Kunstprojekt Seite 32 Wegbegleiter» Interview mit Pfarrer Bernhard Waltner Seite 38 Voller Kraft voraus» Portrait eines zukünftigen Priesters, Anton Wölfl Seite 44 leben Mehr als erwartet» Der ehemalige Seminarist Florian Stadlmayr über seine Zeit in Waldram Seite 48 Von guten Mächten wunderbar geborgen» Modernste Energie-Technik in der Schule Seite 50 Vier Stimmen für Waldram» Das gefällt uns an Waldram Seite 56 Besser bleiben» Die motivierenden Ergebnisse der SEIKS-Evaluation Seite 60 Beim Helfen helfen» Wie Waldram Missionare unterstützt Seite 62 und sonst? Die Autoren dieser Ausgabe // Impressum Seite 63 Tipps zur Bewerbung // Kontakt und Anfahrt Seite 64 Kreuzworträtsel Seite 66

editorial Liebe Leserinnen und Leser, Wofür lernen wir eigentlich? Für die Schule oder doch fürs Leben? Ein Plädoyer»Seite 12 Glaube im Alltag der Jugendlichen Persönliche Beobachtungen, die Mut machen»seite 30 Die geheime Kraft im Hintergrund Reportage über das moderne Energiekonzept»Seite 50 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird meistens nur die männ liche Form genannt. Gemeint sind damit aber natürlich auch z. B. die Schülerinnen. Bei den Seminaristen verhält es sich tatsächlich so, dass es nur männliche Seminaristen gibt. Hinweis wir möchten Ihnen mit diesem Magazin das Spätberufenenseminar St. Matthias in Waldram mit seinem Gymnasium und Kolleg vorstellen und Ihnen einen Einblick in unsere Einrichtung geben. Dabei gehen wir den Fragen nach, wie sich Lernen, Glauben und Leben konkret bei uns gestalten: Was ist das Besondere beim Lernen an unserer in jeder Hinsicht fortschrittlichen Schule? Unsere Schüler selbst berichten. Begleiten Sie einen unserer Seminaristen einen ganzen Tag lang. Wie vollzieht sich gemeinsam gelebter Glaube in St. Matthias? Pfarrer Bernhard Walt ner bringt das Spezifikum des Gemeinschaftslebens in einem Interview auf den Punkt. Worin zeigt sich, dass unsere Schule anders auf das Leben vorbereitet? Vier Stimmen von derzeitigen Waldramern machen klar, was sie hier für ihr Leben gefunden haben. Es lohnt sich, St. Matthias kennenzulernen. Am besten, Sie geben das waldramag weiter, vielleicht sogar an junge Leute, die noch kein Abitur haben. Suchen Sie selbst nach einer Möglichkeit, das Abitur zu machen? Dieses Heft zeigt einen vielleicht sogar Ihren besten Weg zum Abi. In jedem Fall wünsche ich Ihnen viel Freude mit dem waldramag. Ihr Pfr. Martin Schnirch Seminardirektor

lernen Auf einen Blick Seite 6 Für die Schule oder doch fürs Leben? Seite 12 Waldram gestern, heute und morgen Seite 14 Ein Tag in Waldram Seite 16 Allgemeine Hochschulreife oder Abitur? Seite 24 Schrecken im Labor Seite 26

6 Auf einen Blick lernen Besser lernt es sich in Waldram»

7 Auf einen Blick Klein, aber fein: St. Matthias in Waldram verbindet modernste Technik und familiäre Atmosphäre zu einem einzigartigen Flair. Text: Ludwig Bolkart, Stefan Jell, Tobias Pastötter Gerade mal ein Jahr ist vergangen, seit die damals 154 Schüler von St. Matthias in Waldram ihr neues Schulgebäude bezogen: Im Oktober 2011 wurden die neuen Räumlichkeiten von Reinhardt Kardinal Marx feierlich eingeweiht. St. Matthias ermöglicht Schülern mit Hauptschulabschluss oder Mittlerer Reife, innerhalb von drei bis fünf Jahren die Allgemeine Hochschulreife zu erwerben.

8 Auf einen Blick lernen

9 «Gemeinsame Interessen verbinden Unter den Schülern befinden sich 30 Seminaristen aus den Bistümern München und Freising, Passau, Regensburg, Augsburg, Eichstätt, Rottenburg-Stuttgart und Speyer. Das Erzbischöfliche Spätberufenenseminar bietet ihnen ein geistliches Umfeld, in dem sie sich nicht nur auf das Abitur, sondern auch auf ein mögliches Theologiestudium vorbereiten können. Das Schulgebäude, konzipiert als Energiesparhaus mit Erdwärmheizung und Photovoltaikanlage, ist eines der modernsten in Bayern: Hinter den schallschluckenden Wänden der modernen Außenfassade liegen helle Klassenzimmer mit Beamer und klassischer Kreidetafel für jede Unterrichtssituation gerüstet. Auf den ersten Blick beeindruckt jedoch nicht nur die Fassade: Es sind vor allem die Menschen dahinter, die St. Matthias ein besonderes Flair verleihen. Durch den zweiten Bildungsweg, den das Kolleg bietet, profitiert die gesamte Schulgemeinschaft: Selbstverständlich geben die jungen Erwachsenen, die zuvor schon mit beiden Beinen im Berufsleben standen, ihre Erfahrung an die anderen Schüler weiter praxisorientiertes Handeln und Theorie ergänzen sich so zu einem sinnvollen Ganzen.

10 Auf einen Blick lernen

11 «Die Seminaristen leben ihren Glauben in der Gemeinschaft Keine Frage: St. Matthias ist kein gewöhnlicher Lehrbetrieb. Wir sind eine kleine, aber feine Schule, betont Schulleiter Claus Pointner. Nur sechs bis maximal 25 Schüler bilden eine Klasse. Außerhalb des Unterrichts wird in der gut ausgestatteten Bibliothek gelernt und gearbeitet: Hier stehen auch Computerarbeitsplätze zur Verfügung. In der Teeküche werden auch die externen Schüler zweimal wöchentlich mit einem warmen Mittagessen versorgt natürlich aus der hauseigenen Küche. Darüber hinaus dient sie als gemütlicher Aufenthaltsraum und Treffpunkt, selbstverständlich können die Schüler hier auch selbst kochen. Vor allen Ferien finden in St. Matthias Schulgottesdienste statt. Alle sechs Wochen veranstaltet die Schule ein gemeinsames Frühstück. Viele Absolventen halten noch Jahre nach dem Abitur auch durch den Freundeskreis den Kontakt zu ihrer Schule aufrecht, die ihnen nicht nur Wissen, sondern eben auch menschliche Werte vermitteln konnte. Deutlich wird dies besonders beim alljährlichen Sommerfest, zu dem auch ehemalige Schüler als Neupriester kommen: Sie betonen immer wieder, wie prägend die Zeit in St. Matthias war für ihr weiteres Leben. Dies gibt vielen Seminaristen den Mut, auf ihrem Weg zum Priestertum weiter zu gehen, weil es auf diesem Weg nichts zu verlieren und alles zu gewinnen gibt.

Für die Schule oder doch fürs Leben? 13 lernen Für die Schule oder doch fürs Leben? Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg effizient soll sie sein und vor allem: nützlich. Dabei kann sie auch dazu führen, sich selbst und andere besser kennen zu lernen. Ein Plädoyer für mehr Hingabe und Offenheit. Text: Ralf Wiechmann, StR i.k. Wozu Bildung? Wozu all die Anstrengungen in der Schule? Wozu brauchen wir all das Wissen und die Fähigkeiten, die wir uns in der Schule so mühsam erarbeiten? Auf diese berechtigten Fragen antworten heutige Lehrpläne, indem sie auf messbare und Nutzen bringende Kompetenzen verweisen. Wir halten es für gut und richtig, wenn Schüler am Ende die Schule ausgestattet mit nützlichen Fähigkeiten und Wissen verlassen. Schließlich besteht ein berechtigtes Interesse von Wirtschaft und zukünftigen Arbeitgebern daran. Und ebenso berechtigt besteht ein Interesse der Schüler selbst an solchem Nutzen ihrer Anstrengungen, um dann in Beruf und Studium erfolgreich zu sein. Dennoch möchten wir Bildung nicht allein auf ihren Nutzwert sei es für die Wirtschaft, die Gesellschaft oder auch für den einzelnen Schüler selbst reduzieren. Für uns beschränkt sich Bildung nicht auf das Training messbarer Kompetenzen. Jenseits allen Nutzens, den Wirtschaft, Gesellschaft und auch der Einzelne selbst sich zunächst vom schulischen Lernen versprechen, halten wir es darüber hinaus für einen grundlegenden Vorgang echter Bildung, offen zu werden und den eigenen Blick zu weiten. Nur wer die eigenen Vorstellungen vom Nutzen auch einmal außen vor lässt, und sich ganz unvoreingenommen auf die Sache selbst einlässt, entdeckt an ihr vielleicht ganz neue und ganz unerwartete Seiten. Nur wer sich unbefangen der Sache öffnet, dem erst eröffnet sich vielleicht auch die Sache selbst. Plötzlich überrascht uns dann vielleicht auch die Literatur oder Musik, aber auch die Natur oder Mathematik in all ihrer Schönheit. Eine Faszination ergreift uns, und vielleicht sind wir ebenso sehr von uns selbst überrascht, wenn wir dann eine ganz ungeahnte Fähigkeit zur Hingabe an uns entdecken. Wem es gelingt, die Frage nach dem Nutzen einmal beiseite zu lassen, der lernt nicht nur an der Sache bisher Ungeahntes kennen, sondern auch an sich selbst. Wer sich, ohne auf den eigenen Vorteil zu spekulieren, ganz auf die Sache einlässt, der erst findet wirklich zu sich selbst. Zur Bildung gehört aber nicht nur das Offenwerden für die eine oder andere Sache, sondern vor allem auch das Offenwerden für die Anderen. Gegenseitiges Vertrauen und gegenseitiger Respekt prägen die Schulgemeinschaft in St. Matthias. Hier bietet gerade das Zusammentreffen junger Gymnasiasten, bereits beruflich erfahrener Kollegiaten und der Seminaristen einen ganz besonderen Raum für die gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung verschiedener Lebensansichten und Lebenswege. Gegenseitige Toleranz verwechseln wir dabei nicht mit Beliebigkeit. Ethische Bildung geht für uns deshalb über das Training Nutzen bringender Sozialkompetenzen auch weit hinaus. Soziale Kompetenz, um in Teams an Lösungen beliebiger Probleme mitwirken zu können, ist das eine. Ethische Bildung, die sich an verbindlichen Werten orientiert und für sie einsteht, ist etwas anderes. Das ethische Grunderlebnis ist nicht das sozial kompetente Mitmachen-Können, sondern im Gegenteil das Hier stehe ich und kann nicht anders. So geht es uns nicht bloß um das Ansammeln nützlichen Wissens und messbarer Kompetenzen, sondern ebenso sehr um die nicht messbare Bildung von Persönlichkeiten mit Verstand, Herz und Charakter, die für Werte einstehen, sich einmischen und Verantwortung übernehmen. Bei aller Berechtigung der Frage nach dem Wozu von Bildung machen wir oft genug die Erfahrung, dass Schüler ein außerordentliches Engagement zeigen, zu besonderen Leistungen in der Lage sind und Verantwortung übernehmen nicht dann, wenn sie eine Antwort auf die Wozu-Frage haben, sondern gerade dann, wenn sich ihnen die Wozu- Frage gar nicht mehr stellt, weil eine Sache sie ergriffen hat und mit Hingabe und Freude erfüllt. Echte Bildung ereignet sich erst dort, wo sie nicht im Hinblick auf irgendeinen Nutzen angestrebt wird, sondern um ihrer selbst willen.

14 Waldram gestern, heute und morgen lernen Waldram gestern, heute und morgen Schon 1927 setzt St. Matthias innovative Maßstäbe und verbindet 2013 Tradition mit Moderne. Text: Pfr. Martin Schnirch

Waldram gestern, heute und morgen 15 lernen Als der Münchner Kardinal Faulhaber 1927, mitten in der Weltwirtschaftskrise, das Spätberufenenseminar gründete, betrat er damit Neuland: Zum ersten Mal sollte es möglich sein, das Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg nachzuholen. Bis dato war der Zugang zu einer Universität nur den Absolventen des Gymnasiums vorbehalten. Das Spätberufenenseminar wollte denjenigen Männern einen Weg eröffnen, die eine Berufung zum Priesteramt verspürten, aufgrund der geltenden Regelung jedoch vom Hochschulstudium ausgeschlossen waren. Nach zwei Jahren in Schwabing bezog das Seminar ein Nebengebäude des Schlosses Fürstenried. Während des Nationalsozialismus musste die Arbeit ruhen; erst 1949 öffnete die Schule wieder ihre Pforten. 1956 besuchten etwa 190 Schüler das Seminar durchweg erwachsene Männer mit abgeschlossener Berufsausbildung und dem (jedenfalls offiziell erklärten) Ziel, Priester zu werden. Ein Jahr später fand unsere Einrichtung in Waldram ein neues und endgültiges Zuhause, auf dem geschichtsträchtigen Gelände des ehemaligen Lagers Föhrenwald: Dort hatten die Nazis während des Krieges ein Arbeitslager für die Munitionsfabrik Geretsried unterhalten. Nach dem Krieg fanden die Überlebenden der Konzentrationslager hier zwölf Jahre lang Obdach. In dieser Zeit war das Regierungslager Föhrenwald ein in sich geschlossenes jüdisches Stedtl mit eigenem Krankenhaus und Kino, jüdischer Schule und Zeitung sowie nicht weniger als fünf Synagogen. Gestern wie heute spielt Waldram eine bedeutende Rolle Mit der Niederlassung des Seminars erhielt das Gelände, seit jeher Mittelpunkt des gesamten Ortes, auch den neuen Namen Waldram, der seitdem in ganz Süddeutschland für das Spätberufenenseminar St. Matthias steht. Mit der Entscheidung für eine grundlegende Sanierung und einen umfassenden Neubau des Seminars und der Schule hat das Erzbistum München und Freising ein klares Zeichen dafür gesetzt, dass diese seit mehr als 85 Jahren erfolgreich tätige Einrichtung auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der bayerischen Schullandschaft spielen soll. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Gesicht von St. Matthias in Waldram stark verändert: Aus einem Seminar, das zukünftigen Priesteramtskandidaten vorbehalten war, ist eine offene Bildungseinrichtung geworden: Männer und Frauen, Katholiken und Andersgläubige gehören heute gleichermaßen zur Schulfamilie von Waldram. Latein und Altgriechisch, aber auch die modernen Fremdsprachen Englisch, Französisch und Russisch gehören zum Fächerkanon ebenso wie alle anderen Fächer, die an bayerischen Gymnasien gelehrt werden. St. Matthias ist eine staatlich anerkannte Schule, führt die Abiturprüfungen selbst durch, und verleiht auch selbst die allgemeine Hochschulreife. Seit September 2011 steht ein nagelneues Schulhaus zur Verfügung, das in vielfacher Hinsicht zukunftsweisende Maßstäbe setzt: Als Passivhaus bzw. Nullenergiehaus erzeugt es selbst die Energie, die es auch verbraucht. Konzipiert ist die Schule für nur 180 Schüler, das bedeutet: Auch in Zukunft können wir in vergleichsweise kleinen Klassen eine familiäre Atmosphäre und individuelle Betreuung unserer Schüler sicherstellen. Das Spätberufenenseminar möchte jungen Männern auf der Suche nach ihrem individuellen Lebensweg Orientierung geben: In der konkreten Gemeinschaft junger Christen soll ein lebendiger, praktizierter Glaube erlebbar werden. Derzeit leben 27 männliche Schüler von St. Matthias im Seminar, das durchaus die Form eines Internats hat. Etliche von ihnen beschäftigen sich konkret mit der Frage, ob das Priestertum oder ein Leben in einer Ordensgemeinschaft ihr Weg sein könnte. Ehemalige Schüler kehren als Neupriester ins Seminar zurück, um mit der Hausgemeinschaft ihre Primiz zu feiern. In den vergangenen Jahren waren das immer bis zu drei. Neben den mehr als 450 Priestern und Ordensleuten sind aus St. Matthias viele Akademiker der verschiedensten Profession hervorgegangen: Ärzte, Lehrer, Architekten oder Ingenieure, die unseren Schülern heute als Mentoren bei der Berufswahl zur Seite stehen.

16 Ein Tag in Waldram lernen (und leben und glauben) ein Tag in Waldram Vierundzwanzig Stunden im Leben eines Seminaristen Text: Benedikt Gradl Fotos: Alexander Bernhard 6Uhr morgens während sich so mancher Schüler von St. Matthias in Waldram noch mal umdreht und ein knappes Stündchen weiterschlummert, klingelt bei Tobias Pastötter unbarmherzig der Wecker: Noch zweimal Seufzen, dann rafft sich der Seminarist im Spätberufenenseminar doch auf. Leicht fällt es ihm meistens nicht. 6:45 Uhr» Laudes Doch es hilft nichts, denn der 22-Jährige hat Punkt 6.45 Uhr einen wichtigen Termin: die Laudes das Morgenlob. Zweimal die Woche klingelt der Wecker noch früher: Dienstags und freitags ist bereits um 6.30 Uhr Frühmesse mit Laudes oder wie die Seminaristen sie nennen Laudesse. Beide Termine sind freiwillig, doch für Tobias stellen sie einen festen Punkt im Tagesablauf dar: Ich finde es wichtig, den Tag mit Gott zu beginnen.

Ein Tag in Waldram 17 lernen (und leben und glauben) Tobias Pastötter aus Moosen (Landkreis Berchtesgardener Land) besucht seit 2009 das Spätberufenenseminar St. Matthias. Damit tritt der 22- Jährige in die Fußstapfen seines Bruders, der ebenfalls Waldram-Schüler war. Wie er möchte auch Tobias nach dem Abitur einen geistlichen Weg einschlagen. Bis dahin hat der gelernte Technische Zeichner aber noch einiges vor sich

18 Ein Tag in Waldram lernen (und leben und glauben) Im Anschluss gibt es Frühstück für Tobias mindestens so wichtig wie das Gebet. Er holt sich ein Müsli. 7.00 Uhr» Frühstück Den Tag kulinarisch gut beginnen, sagt er mit einem Augenzwinkern. Dazu gibt s ein Marmeladenbrot mit Marmelade von daheim. Leider bleibt zum Essen nicht viel Zeit muss doch der Schulranzen gepackt und die Mitschrift der ersten Stunde nochmal überflogen werden. Kurz nach halb acht klopft der Zimmernachbar an der Türe. Sie gehen jeden Tag gemeinsam in die Schule. Zwar sind das nicht einmal 100 Meter für die beiden Seminaristen, doch geht es sich zu zweit immer leichter, auch wenn das Ziel Klassenzimmer heißt. 7.45 Uhr» Unterricht Der Unterricht beginnt täglich um 7.45 Uhr. Außer montags hat Tobias jeden Tag Nachmittagsunterricht. Da heißt es dann bis 16.00 Uhr büffeln und pauken. Griechisch hat er letztes Jahr schon abgeschlossen. Interessant sei das alles schon, aber ein richtiges Lieblingsfach gibt es für den 22-Jährigen nicht. Das ist hier eher alles Mittel zum Zweck, meint der gelernte technische Zeichner. Ich hab mir nach der Mittleren Reife halt überlegt, was ich machen könnte. Das technische Zeichnen hat mir in der Realschule schon gefallen, dann habe ich das halt gemacht. Aber ein Traumjob war das nicht. Nach den ersten sechs Stunden geht es für die Seminaristen zurück ins Seminar. Das gemeinsame Mittagessen ist einer von den fixen Punkten am Tag, zu denen die ganze Hausgemeinschaft zusammen kommt. Für die Seminaristen ist es eine willkommene Pause, für den Direktor die Möglichkeit mit seinen Schützlingen ins Gespräch zu kommen. Doch geht es nicht etwa um Noten oder Leistungen: Direktor Martin Schnirch erkundigt sich nach dem persönlichen Befinden. Der Leiter des Spätberufenenseminars in Waldram ist mit allen Seminaristen per Sie. Ich bringe ihnen das gleiche Maß an Respekt

Ein Tag in Waldram 19 lernen (und leben und glauben) Links oben» Die große Auswahl beim Früh stück ermöglicht den Seminaristen einen starken Start in den Tag. Rechts oben» Gemütlich Kaffee trinken im Morgengrauen wenn die Zeit mal nicht drängt. Kleines Bild rechts» In der allmorgendlichen Laudes stimmen sich die Seminarisen auf den kommenden Tag ein.

20 Ein Tag in Waldram lernen (und leben und glauben)

21 entgegen, das ich auch von ihnen erwarte. Das sind alles erwachsene Männer, so der Direktor. 13.00 Uhr» Mittagessen Nach dem Mittagessen geht für Tobias der Unterricht weiter: Nur montags hat er den Nachmittag frei. Da macht er gern die Dinge, für die er sonst keine Zeit hat. Die Musik bedeutet dem jungen Mann aus Moosen sehr viel: Das ist für mich das Quäntchen Entspannung zwischendurch. Zum Beispiel hat er sich im Lauf der letzten Jahre selbst das Orgelspielen beigebracht. Inzwischen begleitet er in seiner Heimatpfarrei aber auch im Seminar ganze Gottesdienste. Wenn ich alleine übe, tut mir das gut. Aber wenn die Kirche dann voll besetzt ist, bin ich schon sehr nervös noch! sagt er, und seine Augen blitzen dabei herausfordernd: Dass er sich das alles selber erarbeitet hat, macht ihn sichtlich stolz. Zu Recht, finden seine Mitseminaristen, von denen er auch oft gelobt wird. Er macht sich immer kleiner als er ist, meint einer seiner Mitschüler. Leider kann er diesem Hobby nur selten nachgehen der zeitliche Rahmen lässt ihm wenig Gelegenheiten. Wenn Tobias gegen vier Uhr nachmittags aus der Schule kommt, führt Großes Bild» Kleine Klassen, enge Klassenverbände so lernt es sich doppelt gut. Kleine Bilder» Ob Frontalunterricht in Deutsch, stille Arbeit in sprachlichen oder Experimente in naturwissenschaftlichen Fächern die engagierten und motivierenden Lehrer schaffen es leicht, die Aufmerksamkeit der Schüler zu fesseln.

22 Ein Tag in Waldram lernen (und leben und glauben) ihn sein Weg schnurstracks in die Teeküche oder im Sommer auf die Terrasse. bis 16.00 Uhr» Nachmittagsunterricht Dort trifft er auf einige seiner Mitseminaristen. Das Kaffeetrinken ist nach dem langen Schultag eine kleine Pause durchschnaufen, runterkommen und sich austauschen. Ich brauch das einfach, sagt Tobias und schlürft seinen Kaffee, da ist Zeit für Gemeinschaft. Im Sommer sitzen die Seminaristen auch gerne draußen auf der Terrasse, im Winter bleiben sie natürlich in der warmen Teeküche. Nach der gemütlichen Pause heißt es lernen, lernen, und nochmal lernen. Denn die Zeit ist knapp. Bis 17.40 Uhr will Tobias den Großteil seiner schriftlichen Hausaufgaben erledigt haben. Zwar versuchen die Lehrer schon, auf den langen Schultag Rücksicht zu nehmen, doch ganz ohne Aufgaben geht es eben auch nicht schließlich muss das Lernziel erreicht werden. Ich brauche ja auch nicht der Beste zu sein, meint der 22-Jährige. Am Ende möchte er sein Abschlusszeugnis in der Hand halten wenn möglich auch ein Gutes. Aber das genügt dann auch. 17.40 Uhr» Vesper Um 17.40 Uhr gibt es einen weiteren Fixpunkt in Tobias Tagesablauf: die Vesper. Danach geht es zum Abendessen. Dass der Tag so durchstrukturiert ist, wertet der Seminarist positiv: Man hat einen klaren Rhythmus. Abends wird in Waldram meist kalt gegessen. Freitags und zur Fastenzeit gibt es kein oder nur wenig Fleisch. Die Küche achtet hier auf die Befindlichkeiten im Haus, aber auch auf Ausgewogenheit. 19.00 Uhr >> Hl. Messe Nach dem Abendessen bleibt nicht viel Zeit für lange Gespräche. Tobias muss gleich weiter um sich für den Kantorendienst vorzubereiten, denn um 19.00 Uhr findet eine gemeinsame Eucharistiefeier statt. Der Kantor ist ein festes Hausamt im Seminar. Als begeisterter Sänger ist es Tobias eine Ehre, auch wenn ihn der Dienst noch mehr seiner kostbaren Freizeit kostet. Unter der Woche ist das nicht so schlimm, man sucht den aktuellen Psalm raus und geht ihn mit dem Organisten durch. Sonntags muss ich schon mehr üben, da ist alles viel feierlicher. Neben den Gottesdiensten gibt es in Sankt Matthias noch andere geistliche Angebote. Zum Beispiel gibt es mehrmals in der Woche ein Rosenkranz-Gebet in der Kapelle, bei dem immer einer der Seminaristen die Rolle des Vorbeters übernimmt. Auch das macht Tobias gelegentlich. Noch besser gefällt ihm aber das Taizé-Gebet, das inzwischen einmal monatlich stattfindet: Dann wird die Kirche ein wenig umdekoriert, alles wird mit Kerzen erleuchtet, das elektrische Licht bleibt aus. Was den 22-Jährigen daran besonders fasziniert sind die persönlichen, intensiven Fürbitten: Die werden eigentlich immer frei formuliert und sind dadurch keine leeren Worte. Abends ab 20.00 Uhr muss Tobias dann nochmal an die Schularbeiten. Erst wenn das geschafft ist, gibt es ein bisschen Freizeit im Tagesablauf des Seminaristen. Da setzt man sich dann in der Bierstube zusammen, unterhält sich oder schaut gemeinsam einen Film. Fußballfan ist Tobias zwar nicht, aber wenn ein Länderspiel läuft, ist er trotzdem mit vollem Elan dabei, beim Public-Viewing in der hauseigenen Bar. An manchen Abenden wird s auch später, dann sitzt man bis nach zwölf noch in der Bierstube. Aber das ist eher eine Ausnahme: Man will ja am nächsten Tag wieder fit sein und die, die in die Laudes gehen, ärgern sich im Nachhinein doppelt, erklärt der 22-Jährige. Sein Bruder hat ihn auf Waldram aufmerksam gemacht: Der war auch Seminarist, wohnte sogar im selben Zimmer. Ist fast schon Familientradition, witzelt Tobias. Sein Bruder trat nach dem Abitur ins Kloster ein, um Priester zu werden. Auch er habe sich das lange überlegt, aber zuhause galt ein Pfarrer reicht dieser Weg schien erstmal nicht in Frage zu kommen. Und heute? Tobias lächelt auf die Frage hin, noch etwas schüchtern zwar, aber entschlossen erklärt er: Ja, ich werde nach dem Abitur ins Priesterseminar gehen.

Ein Tag in Waldram 23 lernen (und leben und glauben) Großes Bild oben» Beim Mittag- und Abendessen wird es richtig voll, wenn alle Seminaristen und auch der ein oder andere Lehrer teilnehmen. Rechts unten» Bei schönem Wetter lädt die Terrasse ein, sich in den wenigen freien Stunden am Nachmittag zu treffen. Links oben» Bei der Abendmesse singt Tobias mit den anderen Seminaristen. Links unten» Einen langen Tag lassen die Seminaristen gerne in der Bierstunde ausklingen.

24 Allgemeine Hochschulreife oder Abitur? lernen Allgemeine Hochschulreife oder Abitur? Woher kommt diese Fragestellung? Ist sie überhaupt sinnvoll? Die allgemeine Hochschulreife ist doch dem Abitur gleichzusetzen, oder nicht? Ich stelle mir diese Frage nach einem eventuellen Unterschied immer öfter. Wo liegen die Gründe? Text: Claus Pointner, OStD i. K., Schulleiter Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes Abitur (examen abiturium = Abgangsprüfung ) bezeichnet den höchsten deutschen Schulabschluss, der zu einer allgemeinen und damit uneingeschränkten Studierfähigkeit führen soll und führt. Dies bedeutet eigentlich eine Gleichstellung der Begriffe allgemeine Hochschulreife und Abitur. Um diesen Anspruch erfüllen zu können, bieten die bayerischen Gymnasien, aber auch die bayerischen Kollegs (Zweiter Bildungsweg) eine durch viele Fächer gekennzeichnete Ausbildung an, die eben diese allgemeine Studierfähigkeit ermöglichen soll. Eine möglichst breite und fundierte Ausbildung im sprachlichen (mindestens zwei Fremdsprachen), mathematisch-technischen, gesellschaftswissenschaftlichen und musisch-sportlichen Bereich mündet in die Abschlussprüfungen. In fünf Prüfungsfächern, darunter Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache muss die allgemeine Studierfähigkeit nachgewiesen werden. Im Vergleich führt z. B. die Fachoberschule im klassischen Sinn zur Fachhochschulreife und im Anschluss an die Fachhochschule. Dieser mehr praxisorientierte Weg hatte also eine andere Intention als der Weg zur Universität. Nun ersetzte der Begriff des Fachabiturs schleichend den Begriff der Fachhochschulreife (Art. 16 BayEUG: Die Fachoberschule verleiht nach bestandener Fachabiturprüfung die Fachhochschulreife. ) Zuerst sprachen die Schülerinnen und Schüler vom Fachabitur, dann verwendete auch das bayerische Kultusministerium diesen Begriff anstatt den der Fachhochschulreife. Eine FOS13 und auch andere Einrichtungen wie z. B. Fachakademien ermöglichen in eigenen Prüfungen die fachgebundene Hochschulreife. Weist man entsprechende Kenntnisse in einer zweiten Fremdsprache nach, so wird die allgemeine Hochschulreife erteilt. Dieser Weg dauert drei Schuljahre, davon ein Praxissemester. Die Berufsoberschule kann als weiteres Beispiel nach mittlerem Bildungsabschluss und abgeschlossener Berufsausbildung bei Nachweis einer zweiten Fremdsprache in zwei Jahren zum Abitur führen! Unterschiedliche Prüfungen an z. B. Gymnasien, Fachoberschulen, Berufsoberschulen oder Fachakademien führen also zu einem gleichberechtigten Abschlusszeugnis. Ist diese Gleichberechtigung auch eine Gleichwertigkeit? In diesen Trend passt auch, dass immer mehr Fachhochschulen ihren Namen in Hochschulen umändern, z. B. Hochschule für angewandte Wissenschaften. Ich möchte hier nicht, dass meine Fragestellung als arrogante gymnasiale Einstellung aufgefasst wird. Gerade unsere beiden Schulen bieten begabten jungen Menschen mit verschiedenster Vorbildung eine neue Ausrichtung. Unterschiedliche Prüfungen führen zu einem gleichberechtigten Abschlusszeugnis. Mich treibt die Sorge um, dass in naher Zukunft Zeugnisse verliehen werden, die den Jugendlichen etwas vorgaukeln und mit denen sie u. U. ihre Ziele nicht realisieren können. Wir konnten und können diese Entwicklung am mittleren Bildungsabschluss beobachten. In Bayern sind ca. 50 verschiedene Abschlüsse in diesem Bereich als gleichberechtigt anerkannt! Sind sie auch gleichwertig? Diese Frage ist provozierend, aber in der Praxis ebenso hinreichend geklärt! Die Tendenz und der politische Wille sind offensichtlich: Die Zahl der Abiturientinnen/Abiturienten und damit

der Studienanfänger soll spürbar gesteigert werden. Ihre Hochschulzugangsberechtigung haben 40% der Erstsemester nicht durch eine gymnasiale Ausbildung erworben. Ist u. a. dadurch eine allgemeine Studierfähigkeit in Gefahr? Signale aus den Universitäten scheinen dies zu bestätigen. Immer mehr Studentinnen/Studenten (übrigens auch manche mit gymnasialer Ausbildung) müssen an den Unis Brückenkurse belegen, um Defizite auszugleichen. Nicht repräsentativ, doch meine Sorge aufzeigend, zitiere ich (wörtlich!) aus dem Internetportal www.gutefrage. net folgende Frage: Was ist Abitur? Kann man das haben, wenn man mit der FOS fertig ist? Welche Möglichkeiten hat man, wenn man die FOS verlässt? Kann man auf die Universität gehen? und folgende Antwort: FOS heisst Fachoberschule. Also Fachabitur. Damit kannst du auch eine FH also Fachhochschule gehen, aber nicht an eine richtige Uni. Soerit ich weiss kannst du kein richtiges Abi danach machen. Brauch man doch heutzutage auch nicht mehr?! Du kannst mit Fachabi alles Studieren... mit ein paar aussnahemn, die man seit kurzem auch umgehen kann. Ein Bekannter von mir hat Fachabi (1,2) geamcht, eine Ausbildung zum Krankenpfleger und will dann Medizin Studieren. Sogar das geht. warum willst du dann noch das echte Abi machen? Aus diesen Gründen wollen wir auch in Zukunft versuchen, unseren leistungswilligen und leistungsfähigen Schülerinnen und Schülern eine möglichst breite und fundierte Ausbildung mitzugeben (was nicht immer leicht ist, auch wegen der momentanen didaktischen Diskussion um die sogenannte Kompetenzorientierung). Diese soll zu einem allgemeinen Hochschulreifezeugnis führen, mit dem sie in ganz Deutschland bzw. bei sprachlichen Voraussetzungen in Europa ein Studium nicht nur beginnen, sondern vor allen Dingen erfolgreich beenden können. Ein Punkt sei hier nur abschließend bemerkt: Ein junger Mensch mit allgemeiner Hochschulreife sollte auch allgemeine Zukunftsfragen einer Gesellschaft sachlich mitdiskutieren können.

26 Schrecken im Labor lernen Schrecken im Labor Außer Mimesen nichts gewesen im Halbdunkel des nagelneuen Schulgebäudes sieht das aber ganz anders aus Text: Hans Bobe, StR i.k. Im Morgengrauen betrete ich das noch dunkle Laboratorium, das die Forscher seit einigen Wochen nutzen dürfen. Eine kräftige Mechanik lässt die Türe ins Schloss fallen, und mich umgibt die Nacht. Nur Umrisse deuten das Mobiliar an, und ich glaube, einen Stapel Kartons zu erkennen, der sich bedrohlich vor mir auftürmt. Der Lichtschalter, wo ist der Lichtschalter? Tastend krieche ich an der noch nach frischer Farbe riechenden Wand zurück, bis ich auf eine kleine, bewegliche Kunststoffplatte treffe. Ich drücke darauf nichts. Die Schwärze um mich herum scheint noch intensiver geworden zu sein. Meine verzweifelten Blicke schweifen in der Unendlichkeit des Dunkels umher, bis aus der Ferne ein leises Motorengeräusch zu vernehmen ist. Ein Lichtkegel huscht durch den Raum und lenkt für einen Moment meinen Blick. Die Rettung! Doch ich erschaudere denn im Augenwinkel fressen sich die Umrisse bedrohlicher Gestalten in meine Netzhaut. Angst überfällt mich. Neben mir, nur wenige Zentimeter vor meinem Kopf, erahne ich die organische Bedrohung ein Dutzend Augen, die mich inspizieren und unzählige Arme, die nach mir greifen. Ein Wesen aus der Unterwelt, ins Labor geschickt um mich zu holen. Rache für meine Jugendsünden oder was auch immer. Aber doch nicht heute, doch nicht jetzt! Die Kreatur darf mich noch nicht aus dem Leben reißen, erst steht noch die Kurzarbeit an und der Abgabetermin beim Chef; für das Mittagessen habe ich schon bezahlt, und zu Hause, da warten Licht! Mein Kollege betritt mit morgendlichem Schwung den Raum, routiniert betätigt er das Beleuchtungspaneel (was früher der Schalter war), und plötzlich strahlt das Labor im hellen Schein ergonomischer, energiesparender Designerleuchten. Ich atme auf und wie aus einem Traum erwacht, erscheint mein Spiegelbild in der blank gewienerten Fensterfront, hinter der allmählich der Tag anbricht. Die Kartonstapel sind nur noch halb so hoch und vor meiner Nase winken ein halbes Dutzend unserer neuen Labor-Mitbewohner. Riesig, gespenstisch, aber vegetarisch und absolut harmlos. Hinter der Scheibe des Insektariums krabbeln die Annam-Stabschrecken wie in Zeitlupe auf den spärlichen Ästchen ihres Futterstrauches und versuchen mir wohl klarzumachen, dass sie noch nicht gefrühstückt haben. Noch ein wenig müssen sie sich gedulden, dann kommt die Schülerin, deren Vater wir unsere Haustiere verdanken. Sie übernahm in diesem Jahr die Pflege der Tierchen und besorgt in regelmäßigen Abständen Brombeerzweige, die Leibspeise dieser Tarnkünstler und reinigt den Glaskasten. Alle drei Wochen wird das Gehege auf Vordermann gebracht, denn die Tierchen wachsen schnell. Nach zahllosen Häutungen messen sie fast 20 cm im gestreckten Zustand und legen Eier, die nach mehreren Wochen vielleicht die nächste Generation darstellen. Die Alttiere haben leider nur eine begrenzte Lebenserwartung von maximal einem Jahr, dann sterben sie an Altersschwäche. Die Hoffnung ruht daher auf den mehreren Dutzend Eiern, welche während des Jahres gelegt worden sind. Für sie sucht die Fachschaft Biologie noch einen Gespenstschreckenpfleger, der ein Schuljahr lang diese exotischen Insekten betreut. Interessenten möchten sich bitte bei den Biologen melden. Und keine Angst, wir wissen nun alle, wie das Licht angeht.

glauben Glaube fürs Leben Seite 30 Provokativ und visionär Seite 32 Wegbegleiter Seite 38 Voller Kraft voraus Seite 44

Wenn sich Glaube und Schulalltag verbinden» Diese Ikone ist eines der Ergebnisse aus dem P-Seminar Christus gestalten. Mehr davon im folgenden Artikel ab Seite 32.

Glaube fürs Leben 31 glauben Glaube fürs Leben Über das geistliche Leben im Spätberufenenseminar St. Matthias, Waldram und seinen Schulen Text: Pfr. Martin Schnirch Bild: Privat Die jungen Leute glauben nichts mehr, und von Kirche wollen sie auch nichts wissen! Diese oder ähnliche Urteile straft die Erfahrung Lügen, die ich als Priester und Leiter des Spätberufenenseminars St. Matthias in Waldram seit mehr als fünf Jahren machen darf. Ich erlebe hier die große Bandbreite junger Menschen von heute: Auf der einen Seite sind hier Seminaristen, die zu uns kommen mit dem Wunsch Priester zu werden, auf der andern Seite sind bei uns auch Schülerinnen und Schüler, die der Kirche fern- oder gar außerhalb von ihr stehen. Unter allen Schülerinnen und Schülern finde ich allerdings eine große Bereitschaft, sich ansprechen und treffen zu lassen vom Wort Gottes und von dem, was der christliche Glaube für ihr Leben zu sagen hat. Dabei sind sicher die Seminaristen also die, die sich für die Zeit in St. Matthias auch dazu entschlossen haben, den christlichen Glauben in einer konkreten Gemeinschaft von Gleichgesinnten leben zu lernen eine wichtige Stütze. Sie tragen aus freiem Entschluss mit dem täglichen Stundengebet und der Eucharistiefeier zu einer Atmosphäre bei, in der es nicht als eigenartig empfunden werden muss, heute als Christ zu leben. St. Matthias in Waldram verbindet 2000 Jahre alte Tradition mit den Bedürfnissen der jungen Menschen von heute Um jungen Menschen im 21. Jahrhundert die Botschaft des Glaubens nahe zu bringen, müssen wir auf zwei Beinen stehen: Das Eine ist die 2000 Jahre alte Tradition der Kirche und die in ihr gewachsenen Vorstellungen und Äußerungen des Glaubens. Das Andere ist die Lebenswelt der jungen Menschen von heute, die wir nicht ignorieren oder ausblenden dürfen, sondern vielmehr in die Art und Weise den Glauben zu leben und zu lehren integrieren müssen. So haben wir zum Beispiel für das Schulgebet, das am Beginn jedes Tages in jeder Klasse selbstverständlich ist, ein eigenes Heft mit den traditionellen Grundgebeten und mit Gebeten von Schülerinnen und Schülern zusammengestellt. Darin sind aber auch Texte enthalten für Menschen, die sich mit dem Glauben schwer tun oder die nicht glauben können. Die Teilnahme an den Gottesdiensten ist für alle in unserer Schule selbstverständlich. Wir feiern sie immer vor oder nach den Ferien zu den verschiedenen Anlässen des Kirchenjahres. In der ersten gemeinsamen Messe dieses Schuljahrs konnten wir beispielsweise die Grundzüge der Liturgie aufzeigen; und in der Schlichtheit der Feier und der Klarheit der Worte ist es gelungen, viele junge Menschen in ihrer Tiefe anzusprechen. Es hat mich beeindruckt, wie viele Reaktionen, auch von eigentlich Fernstehenden, ich auf diesen Gottesdienst hören konnte. Auch im Rahmen des Religionsunterrichts mache ich die Erfahrung, dass junge Menschen aufgeschlossen für traditionelle Wahrheiten und Vorstellungen der Kirche sind. So hat eine Schülerin selbst nicht getauft auf die Aufforderung, sie solle einen zeitgemäßen Titel für Jesus Christus finden, der seine Göttlichkeit jungen Menschen von heute deutlich macht, geschrieben: Man braucht nichts Neues zu erfinden. Was die Kirche seit Anfang gesagt hat, kann auch heute verständlich aufgeschlossen werden. Im Spätberufenenseminar spielt im alltäglichen Leben die Liturgie der Kirche mit Laudes und Vesper und der täglichen Eucharistiefeier eine ebenso wichtige Rolle wie auch die geistliche Begleitung und die Exerzitien, die unsere beiden Spirituale P. Peter Boekholt SDB und Dekan Gerhard Beham anbieten. Ein guter Teil der Seminaristen nimmt diese Angebote gerne und rege an. Daneben ergreifen auch Seminaristen und Schüler selbst Initiativen. Beispielsweise gestalten sie Andachten im Advent, in der Fastenzeit und im Mai und haben im neuen Schuljahr mit einem regelmäßigen Taizé-Gebet begonnen, das sich sehr guten Zulaufs auch von außerhalb unserer Einrichtung erfreut. Wir in St. Matthias bemühen uns, den Glauben und das Leben der Menschen, gerade der Jungen, zusammen zu bringen und machen damit gute Erfahrungen. Denn unser Glaube versteckt sich nicht hinter Kirchenmauern. Er ist ein Glaube fürs Leben.

32 Provokativ und visionär glauben Provokativ und visionär Das Kreuz mit der Kunst: Wie stellt man Christus zeitgemäß dar? Waldrams Schüler wagen das kreative Experiment ihre beeindruckenden Werke schmücken heute die Wände im neuen Schulgebäude. Text: Maximilian Heisler, OstR i.k. ist schön, macht aber viel Arbeit. Im P-Seminar Christus gestalten konnten sich die Kunst Teilnehmer schnell davon überzeugen, wie viel Wahres in diesem Bonmot von Karl Valentin steckt. Die Zeit für ein solches Projekt schien günstig: Der Schulneubau erstrahlte in postmoderner Funktionalität und seine nüchterne Kühle lud geradezu ein, die einzelnen Schulräume farblich zu beleben, ihnen eine persönliche Note und Atmosphäre zu verleihen. Wer könnte das besser als unsere Schüler selbst? Mit individuellem Pinselstrich und getragen von der persönlichen Spiritualität, die unser Haus auszeichnet, stellten sich die Schüler der schwierigen Frage: Wie kann man heute Christus bildlich darstellen? Ihre künstlerischen Antworten schmücken heute die Klassenzimmer unserer Schule, und vermögen es auf diese Weise, Christus eine Art heiligen Bezirk in unseren Räumen zu reservieren. Aus einem sehr persönlichen Blick auf Jesus von Nazareth haben unsere Schüler einen visuellen Orientierungspunkt geschaffen, dem nicht nur beim täglichen Schulgebet eine wichtige Rolle zukommt. Glaube gründet ja in Erfahrungen, nicht nur die Bibel legt eindeutiges Zeugnis dafür ab. Menschliches Erleben findet seit jeher Ausdruck in der Kunst und wird nicht zuletzt dadurch vermittelbar. Man kann sagen: Bilder sind eine Glaubensnotwendigkeit. Junge Menschen wollen ihren Glauben oft auch ihre Glaubensnot heute in zeitgemäßen visuellen Formen zum Ausdruck bringen. Entsprechend war es der Wunsch unserer Schüler die herkömmlichen, oft kraftlos wirkenden Schulkreuze durch ein modernes Christusbild zu ersetzen, das im aufgeklärten, säkularisierten Kontext unserer Zeit und Umwelt eine neue Wirkkraft entfalten kann. Ihr Ziel war es, der Harmlosigkeit überlieferter Bilder provokativ gegenüber zu treten, und ihrer eigenen Wahrheit Ausdruck zu verleihen ganz ohne Kitsch, dem immer auch etwas Verlogenes anhaftet. Die Herausforderung für die Schüler bestand darin, einerseits die Zerrissenheit und Gebrochenheit unserer conditio humana zu verdeutlichen und gleichzeitig in der Tradition christlicher Kunst ausgerichtet zu bleiben auf die Schönheit Gottes, die in menschlichen Werken irgendwie zum Ausdruck kommen soll. Und sie sind umso mehr Gott, seinem Lob und Herrlichkeit geweiht, als ihnen kein anderes Ziel gesetzt ist, als durch ihre Werke den Sinn der Menschen in heiliger Verehrung auf Gott zu wenden. (Vat. II, Konstitution über die Liturgie). Wer Neues schaffen will, sollte die Geschichte kennen: In Ausstellungen und Vorträgen spürten die Künstler deshalb nicht nur dem aktuellen künstlerische Empfinden nach, sondern erforschten auch die alte Geschichte des Christusbildes: ausgehend vom antiken Bild des Guten Hirten über den Pantokrator der konstantinischen Wende bis hin zu den schrecklichen Passionsbildern des Mittelalters, vom offenen Himmel des Barock zum Fragment einer Kreuzigung Francis Bacons aus dem Jahre 1950. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund stiegen auch die Erwartungen an die schöpferisch-produktive Gestaltungsfähigkeit der Schüler: Diskussionen, Zwischenpräsentationen und kritische Gesprächsrunden begleiteten den Arbeitsprozess. Die Ergebnisse wurden immer wieder auf den Prüfstand gestellt, es wurde gefeilt, verworfen und wieder neu geformt bis zum letzten Moment. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Beeindruckend ist nicht nur die Vielgestaltigkeit der Arbeiten und die gekonnte handwerkliche Umsetzung, sondern ganz besonders auch die geistige Durchdringung des Themas, die in jedem Werk spürbar wird. Die Präsentation der Schülerarbeiten in einer öffentlichen Ausstellung bildete den Abschluss des Projekts und zugleich die Dokumentation einer tiefen inneren Erfahrung, von der Josef Albers sagt: Kunst ist zuerst Vision, nicht Expression, Vision in der Kunst offenbart Einsicht Innere Sicht inneres Schauen von Welt und Leben. Im Fall unseres Seminars muss man hinzufügen: Die Kunst dient(e) der Suche nach Jesus Christus, als Manifestation letzter Wirklichkeit (P. Tillich).

Provokativ und visionär 33 glauben Informationen zum Bild siehe Seite 37 01»

Informationen zum Bild siehe Seite 37 02»

36 Provokativ und visionär glauben 03»

37 04» 05» 01» Benedikt Strodl 12 02» Marina Schimf The Two Sides of an Unique Bond 03» Matthias Zellner Als er das Brot brach, erkannten sie Ihn 04» Sophie Leutenstorfer Christus Herr und Erlöser 05» Florian Stadlmayr Vom Dunkel ins Licht 06» Jörg Moritz Frieden unter den drei großen Weltreligionen 07» Simone Guggemos Ich bin da, überall und in Allem 08» Lucas Hotter Kreuz-Weg 09» Barbara Bayer Begnadeter Stieglitz (Distelfink) und Mariendistel am Baum des Lebens 06» 07» 08» 09»

Wegbegleiter 39 glauben Wegbegleiter Zweimal im Jahr besucht Pfarrer Bernhard Waltner aus der Diözese Augsburg die Seminaristen. Denn der Leiter von Berufe der Kirche weiß, wie wichtig es ist, seinem Ruf zu folgen. Das Interview führte Seminardirektor Pfr. Martin Schnirch Pfarrer Waltner, herzlich willkommen in Waldram. Zweimal im Jahr besuchen Sie die Seminaristen aus dem Bistum Augsburg. Was ist Ihnen wichtig, dass Sie sich so viel Zeit nehmen immerhin sind Sie meist mehrere Tage hier?» Pfarrer Bernhard Waltner: Die jungen Männer hier in Waldram stehen in ihrem Leben vor ganz wichtigen Entscheidungen. Für die Seminaristen geht es dabei vor allem um die Fragen: Wie soll der Lebensweg weiter gehen und was ist mein Weg im Leben, in der Kirche, was ist meine Berufung? Mir ist es wichtig, mir für diese jungen Menschen Zeit zu nehmen, um so im Gespräch Hilfe geben zu können für die jeweils nächsten Schritte, die weiterführen. Gerade wenn im Leben so grundsätzliche Fragen anstehen letztendlich geht es um die Frage, was der Ruf Gottes für mich heißt scheint es mir wichtig, in einer sensiblen Weise die Menschen in ihren Überlegungen zu begleiten. Deshalb komme ich gerne nach Waldram und nehme mir auch gerne die Zeit, mit den Seminaristen diese Frage anzugehen.

40 Wegbegleiter glauben Was schätzen Sie an Sankt Matthias in Waldram? Derzeit sind fünf ehemalige Seminaristen aus Waldram im Augsburger Priesterseminar. Sie kennen sie gut. Was bringen die Waldramer mit?» Es ist eine großartige Möglichkeit für junge Leute, sich schulisch zu qualifizieren und gleichzeitig menschlich und geistlich zu reifen. Das vielfältige Angebot in Waldram sowohl in der Schule wie auch im Seminar, in der Liturgie wie im Leben im Haus bietet dazu viele wertvolle Möglichkeiten.» Die Waldramer bringen sehr Vieles und Vielfältiges mit: zum einen die Erfahrungen im Leben, teilweise Erfahrungen in einem Beruf, Erfahrungen in puncto Gemeinschaftsleben und Erfahrungen im Glauben. Die Waldramer haben auch gelernt, was es bedeutet, sich im Leben bewusst auf ein anstehendes Ziel vorzubereiten. Es gehört Motivation und Zielstrebigkeit dazu, sich z. B. nach einer beruflichen Tätigkeit wieder neu hinzusetzten um schulisch weiter zu kommen. Die Waldramer haben sich dazu auf einen Weg eingelassen, der nicht nur Schulinternes im Blick hat, sondern auch im menschlichen, im geistlichen, im kirchlichen und im sozialen Bereich Wachstum ermöglicht. Worin sehen Sie, vielleicht auch im Vergleich zu den vielen anderen Möglichkeiten, das Abitur zu erwerben, die besonderen Chancen des Spätberufenenseminars Waldram?» Ich sehe in der Waldramer Ausbildung eine große Chance für junge Leute, sich zu qualifizieren. Zum einen, einen Schulabschluss zu erwerben, der wiederum viele weitere Möglichkeiten eröffnet, zum anderen wird diese schulische Intention mit einem Lernen in einem sehr umfassenden Sinn verbunden: geistlich zu leben, bewusst als Christ zu leben, neue Formen des Gebetes zu praktizieren und zu vertiefen und in einer Weggemeinschaft mit Anderen zu leben.

Wegbegleiter 41 glauben Sie sind gleichzeitig auch Leiter der Gemeinschaft Offenes Seminar in der Diözese Augsburg. Mit dieser Gemeinschaft verfügt Augsburg über eine wirksame Hilfe in der Berufungspastoral. Was für Leute kommen denn zu dieser Gemeinschaft?» Zum Offenen Seminar kommen junge Leute vor allem Männer aus unserer ganzen Diözese, die Christus näher kennen lernen wollen. Viele sind vor Ort kirchlich engagiert und erleben im Offenen Seminar eine wertvolle Möglichkeit, im Glauben zu wachsen, sich mit Fragen des Lebens und des Glaubens auseinander zu setzen und Christus tiefer kennen zu lernen. So wird eine gute Basis bereitet, dass junge Menschen ihre Berufung entdecken können. Wie versuchen Sie da, Berufungspastoral konkret zu machen?» Das Entscheidende ist, jungen Leuten zu helfen, ihre persönliche Christusbeziehung zu vertiefen. Wir machen in den Kursen verschiedene Angebote: Wir diskutieren, starten Unternehmungen, machen Aktionen, arbeiten viel mit der Heiligen Schrift, beten miteinander, feiern miteinander Eucharistie und verbinden dies mit dem gemeinsamen Leben, mit Sport und Freizeit. Als Priester bin ich die ganze Zeit mit dabei und bin neben den gemeinsamen Einheiten, Runden und Gruppenarbeiten mit vielen einzeln im Gespräch. Pfarrer Bernhard Waltner ist seit 2006 Leiter der Stelle Berufe der Kirche in der Diözese Augsburg.

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Wegbegleiter 43 glauben Einen Schritt weiter in Waldram» Das offene Seminar prägt die jungen Männer und festigt ihren Glauben. Wie sehen die Resultate aus? Wie machen Sie es, dass im Offenen Seminar das Thema Berufung immer aktuell bleibt? Was ist Ihr Wunsch an Sankt Matthias in Waldram?» Bei einem der letzten Kurse sagte mir ein 16-Jähriger: Es war hier total super. Ich glaube, ich bin in meinem Glauben einen guten Schritt weiter gekommen. Und ein anderer Jugendlicher, 18, sagte mir: Wenn ich beim Gebet hier in der Kapelle bin, erlebe ich eine ganz tiefe Freude. Wenn ich sehe, wie die Wege dieser Jugendlichen weiter gehen, darf ich immer wieder dankbar feststellen, wie junge Leute im Leben reifen und im Glauben wachsen. Viele von ihnen sind im kirchlichen Dienst, sind Priester oder Ordensleute geworden oder sind als Familienväter gestandene Christen. Viele melden mir zurück, wie die Zeit im Offenen Seminar sie geprägt und ihren Glauben gefestigt hat. Sie gehen unterschiedliche Berufungswege, stehen mitten im Leben und sind fest verwurzelt im Glauben und in der Kirche.» Wir versuchen, Leben und Glauben miteinander zu verbinden. Bei unseren Kursen ist ist der Start in den Tag das gemeinsame Gebet in der Kapelle. Miteinander Sport machen, Unternehmungen starten, Freude und Spaß miteinander erleben, gehören zu einem Tag genauso wie die Auseinandersetzung mit unserem Glauben und mit Fragen des Lebens. Und wir feiern zusammen den Gottesdienst. Die Jugendlichen erleben so, dass Leben und Glauben sich gegenseitig bereichern und dass ihnen die Beziehung zu Christus einen Halt fürs Leben gibt und eine Kraftquelle ist, aus der sie schöpfen können. Ich thematisiere das Anliegen Berufung immer wieder und gehe mit den Jugendlichen der Frage nach: Was heißt der Ruf Jesu zur Nachfolge für Dich? Was heißt die Aufforderung Jesu Komm her, folge mir nach! für Dich? Hier sind vor allem die Einzelgespräche mit den jungen Leuten von unschätzbarem Wert. Letztendlich geht es darum, dass ein junger Mensch aus der Verbindung mit Christus seine Lebensantwort auf den Ruf Jesu formuliert.» Ich wünsche Sankt Matthias in Waldram, dass immer wieder junge Leute auf diese gute Möglichkeit aufmerksam werden und sie nutzen. Den Seminaristen wünsche ich, dass sie die Zeit hier nutzen und bewusst gestalten. Ich wünsche ihnen, dass sie die Freundschaft mit Christus vertiefen und so ihre Berufung klären. Allen, die Dienste tun in Schule und Seminar, wünsche ich eine gute Hand, ein gutes Gespür und Freude in ihrem Dienst. Herzlichen Dank für das Gespräch!