Willi Riedler ein Feuerwerk Wolfgang Baumjohann und Bruno P. Besser Institut für Weltraumforschung Österreichische Akademie der Wissenschaften Graz Willibald Riedler sprühte zeitlebens vor Ideen und Aktivität. Was läge näher als dies mit einem Feuerwerk zu würdigen, einem Feuerwerk, das er selbst gebastelt und zusammengestellt hat, indem er immer wieder dafür gesorgt hat, dass Weltrauminstrumente made in Graz mit dabei waren, wenn russische, amerikanische und europäische Raketen in den äußeren Weltraum gestartet sind. Dieser Aufsatz fasst Willibald Riedlers Beiträge zur Erforschung der Magnetosphäre und der Planeten, Monde, Kometen) in unserem Planetensystem zusammen. Über seine Rolle bei (meist) vorausgegangenen Ballon- und Höhenforschungsraketenexperimenten berichtet ein Begleitartikel von Besser; die Rolle Willibald Riedlers in der bemannten AustroMIR-Mission wird von Koudelka beschrieben. ESRO Bereits während seiner Zeit in Schweden beschäftigt sich Willibald Riedler neben Ballon- und Raketenexperimenten auch mit Experimenten für Satelliten. Schwedens Mitgliedschaft in der ESRO (European Space Research Organisation), einer der beiden Vorläuferorganisationen der späteren Europäischen Weltraumorganisation ESA (gegründet 1975), ermöglicht es dem Observatorium Kiruna sich mit Experimenten an den ersten beiden europäischen Wissenschaftssatelliten ESRO-1 A und B zu beteiligen. Experimentatoren-Treffen mit Strukturmodell des ESRO-1 Satelliten in Paris (1966; 2.v.r.: Willibald Riedler) Start eines ESRO-1 Satelliten mit einer amerikanischen Scout-Rakete (Photo: NASA) Nach Riedlers Berufung nach Graz dauert es durch den Umstand, dass Österreich zu der Zeit nicht Mitglied der ESRO bzw. ESA ist, eine geraume Zeit, bis wieder an die Entwicklung von Satellitenexperimenten gedacht werden kann. VENERA 13 & 14 Die Einladung von sowjetischer Seite, österreichische Messgeräte auf ihren Raumsonden zu fliegen, hat ihre Ursprünge in der Zusammenarbeit bei Ballon- und Höhenforschungsraketenkampagnen mit dem W. Baumjohann, B.P. Besser: Willi Riedler - ein Feuerwerk. In Willi Riedler 75, ed. by K. Friedrich, W. Wallner, Graz, pp. 107-120, 2007 1
Weltraumforschungsinstituts (IKI) 2 der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften in Moskau. Anlässlich der COSPAR-Generalversammlung in Innsbruck 1978 lädt Willibald Riedler den Direktor des Weltraumforschungsinstituts (IKI) Roald Z. Sagdeev ein, das Weltraumforschungsinstitut der ÖAW und das Nachrichtentechnikinstitut der TU Graz zu besuchen. Nach längeren Besprechungen bietet Sagdeev den Instituten an, bei den Venera 13 und 14 Missionen zur Venus mitzuarbeiten und die am Institut entwickelten Magnetometer an Bord dieser Sonden mitzufliegen. Dabei lehnt sich Sagdeev sehr weit aus dem Fenster, da die Sowjetunion bisher nur befreundete Staaten (=kommunistische Brüderländer) zur Teilnahme an Raumsondenprojekten eingeladen hat. Die Einladung zur Teilnahme an sowjetischen Weltraummissionen erfolgt auf der Basis no exchange of funds, d.h. Österreich kommt für die Unkosten seiner Experimente selbst auf, bezahlt aber nicht für den Flug. Weil der Start der Venera-Sonden bereits für Ende 1981 vorgesehen ist, besteht der einzige Weg für eine fristgerechte Lieferung der Instrumente in der Adaptierung der bereits für SPACELAB-1 unter Entwicklung stehenden Magnetometer. 3 Die Starts der baugleichen Geschwister-Sonden, die aus je einem Orbiter und einer Landeeinheit bestehen, erfolgen am 30. Oktober bzw. 4. November 1981 und sie erreichen die Venus vier Monate später, Anfang März 1982. Die österreichischen Magnetometer sind auf Auslegern der Sonnenkollektoren montiert, damit der Abstand zur Sonde möglichst groß wird und die von der Sonde verursachten Störungen minimiert werden. Sie funktionieren einwandfrei und liefern wertvolle Daten, sowohl während der interplanetaren Flugphase, als auch während des nahen Vorbeifluges an der Venus. Venera-Sonde während des Zusammenbaus Flugbahnen der Venera 13 & 14 Sonden SPACELAB-1 Bereits im August 1975 wird zwischen Österreich und der ESA eine Vereinbarung unterzeichnet, welche Österreich die Teilnahme am bemannten Weltraumlabor SPACELAB-1, 4 einem Gemeinschaftsprojekt der ESA und der NASA, ermöglicht. Österreich ist damals noch nicht Mitglied, der aus den Vorläuferorganisationen ESRO (European Space Research Organisation) und ELDO (European Launcher Develepment Organisation) im Jahr 1975 neu gebildeten Europäischen Weltraumbehörde ESA. Aus einem Dutzend Experimentvorschlägen österreichischer Wissenschafter wird neben zwei weiteren das von Riedler vorgeschlagen Magnetometerexperiment zur Realisierung ausgewählt. 2 Институт Космических Исследований (latinisiert IKI, deutsch: Institut für Weltraumforschung). 3 Rudolf SCHMIDT, Venus, Mars, Saturn und Halley wissenschaftliche Instrumente aus Graz in den Tiefen des Weltraums, Elektrotechnik u. Informationstechnik, 117 (09), S. 586-591, 2000, bes. S. 587-588. 4 Werner BÜDELER und Stratis KARAMANOLIS, Spacelab: Europas Labor im Weltraum, Goldmann Verlag, München, 285 S., 1976. 2
Projektleitertreffen SPACELAB-1(rechts: Willibald Riedler) Die Teilnahme am Magnetometerexperiment wird möglich, da das deutsche Max-Planck-Institut für Aeronomie in Katlenburg/Lindau von seiner Beteiligung an dem Magnetometer für das Experiment 1 ES 019: Niederenergetischer Elektronenfluß und die Beeinflussung der aktiven Experimente auf SPACELAB zurücktritt. Das Weltraumforschungsinstitut kann die entstandene Lücke füllen, und entwickelt das Instrument in enger Zusammenarbeit mit dem Institut in Lindau. Dies bildet den Startpunkt für eine Serie von erfolgreichen Projekten in der Entwicklung von Magnetometern für Weltraummissionen am Institut für Weltraumforschung. Die SPACELAB-1 Mission wird zwischen 28. November und 8. Dezember 1983 erfolgreich durchgeführt, indem das Labor im Rahmen der Mission STS-9 im Space Shuttle Columbia zu seiner Reise ins All von Cape Canaveral aus aufbricht. Die Mannschaft des Shuttles besteht aus fünf amerikanischen Astronauten (Owen K. Garriot, Byron K. Lichtenberg, Robert A.R. Parker, Brewster H. Shaw und John W. Young) und dem europäischen Wissenschaftsastronauten Ulf D. Merbold. Start von STS-9 am 28. November 1983(Photo: NASA) Grazer Magnetometer auf SPACELAB VEGA 1 & 2 5 Der Erfolg der Magnetfeldmessungen durch Venera 13 und 14 führt in Folge zu einer weiteren Einladung, Magnetometer für interplanetare sowjetische Raumsonden zu entwickeln. Dabei handelt es sich um Messgeräte für die VEGA 1 und 2 Missionen zur Venus (Vorbeiflug mit Absetzen einer Atmosphärensonde) und zum Kometen Halley. 5 russisch VE = Венера = Venus, GA = Галлей = Halley 3
Start von VEGA 1 am 15. Dezember 1984 (Photo: IKI) Flugbahnen von VEGA 1 und 2 Die Starts der Schwesternsonden erfolgen am 15. Dezember bzw. 21. Dezember 1984 vom sowjetischen Raketenstartgelände Baikonur aus mit Raketen vom Typ Proton 8K82K (russ: Протон), welche ein Startgewicht von ca. 684 t (davon ca. 634 t Treibstoff) haben. Die Vorbeiflüge an der Venus erfolgen am 5. und 15. Juni 1985. Kurz vorher werden Atmosphärenballons von den Sonden ausgestoßen, die erstmals Messungen mit Ballonen in der Atmosphäre eines anderen Himmelskörpers durchführen. Danach fliegen die Sonden weiter zu ihrem Rendezvous mit dem Kometen Halley am 6. und 9. März 1986. Die Magnetometer auf VEGA 1 and 2 sind auf ca. 2 m langen Auslegern montiert und die Messungen enthüllen viele neue Erkenntnisse über die Plasma-Umgebung der Venus und des Kometen Halley. Der nahe Vorbeiflug (ca. 8000 km Abstand) am Kometen Halley gestattet erstmals in-situ-untersuchungen der Plasma-Umgebung eines Kometen und hilft durch die ersten Weltraumphotos des Kometen, die Bahn der europäischen Kometensonde Giotto zu korrigieren, damit sie möglichst nahe an den Kometenkern herankommt. Schematischer Aufbau einer VEGA Sonde VEGA-Emblem PHOBOS 1 und 2 Die nächsten sowjetischen Missionen, bei denen das Akademieinstitut eingeladen wird, wissenschaftliche Instrumente mitzufliegen (Magnetometer und elektronische Komponenten für Teilcheninstrumente), sind die Missionen PHOBOS 1 und 2 zum Planeten Mars im Jahr 1988/89. 6 6 Konrad SCHWINGENSCHUH, Die Untersuchung planetarer und interplanetarer Magnetfelder, Elektrotechnik u. Informationstechnik, 117 (09), 592-600, 2000, bes. S. 587-588. 4
Die Starts der Doppelsonden erfolgen am 7. bzw. 12. Juli 1988 durch Raketen des Typs Proton-K. Leider geht der Funkkontakt mit der Sonde PHOBOS 1 am 2. September 1988 verloren, doch die zweite Sonde erreicht ihre vorgesehene Marsumlaufbahn am 29. Jänner 1989. Das Grazer Magnetometer (MAGMA Magnetic field near Mars) funktioniert sowohl während der interplanetaren Flugphase als auch im Marsorbit und trägt wesentlich dazu bei die Plasma-Umgebung des Mars und ihre Wechselwirkung mit dem Sonnenwind genauer zu verstehen 7. Leider geht auch der Funkkontakt mit der zweiten Sonde am 27. März 1989, vor der Annäherung der Sonde an den Marsmond Phobos, verloren und beendet die Mission vorzeitig. Start von Phobos 1 am 7. Juli 1988 (Photo: IKI) Flugbahn von Phobos 2 MARS 96 Magnetometerexperiment MAREMF für die Mission Mars 96 (Elektronikbox und Sensoren) Das Weltraumforschungsinstitut (IKI) der Russischen Akademie der Wissenschaften legt nach der Phobos-Mission Pläne für eine 1994 oder 1996 (die Orbitkonstellation von Erde und Mars ist für diese Jahre günstig) startende Marsmission mit zwei Raumsonden unter dem Namen Mars- 94 vor. Bald wird das Programm auf eine Sonde reduziert (mit Start im Jahr 1996), daraus resultiert auch die neue Namensgebung, Mars 96. Zur Instrumentierung der Mission lädt Russland auch internationale Partner ein. Das Institut für Weltraumforschung beteiligt sich an der Mission mit dem Magnetometer-Experiment MAREMF, und zusammen mit dem Institut für Nachrichtentechnik und Wellenausbreitung der TU Graz mit MARIPROBE, einem Plasmainstrument zur Messung der Elektronendichte, Elektronentemperatur und Ionentemperatur des kalten Ionosphärenplasmas. 7 Willibald RIEDLER et al., Magnetic field near Mars: First results, Nature, 341, S. 604-607, 1989; Willibald RIEDLER, Konrad SCHWINGENSCHUH, Herbert LICHTENEGGER et al., Interaction of the solar wind with the planet Mars: PHOBOS 2 magnetic field observations, Planet. Space Sci., 39, S. 75-81, 1991. 5
Der Start am 16. November 1996 mit einer modifizierten Proton K-Rakete führt zum Einschuss in eine ca. 165 km hohe Parkbahn, aber die Zündung der Oberstufe ist nicht erfolgreich und das Paar Oberstufe- Sonde schafft es nicht in eine Transferbahn. Als dann timergesteuert das Triebwerk der Sonde zündet, führt das zu einer stark elliptischen Bahn. Die starke Reibung in 85 km Höhe führt nach drei Erdumläufen zum Wiedereintritt der Sonde in die Atmosphäre und zum Absturz in den Westpazifik nahe Bolivien/Nordchile. Start am 16. November 1996 (Photo: IKI) EQUATOR-S Diese Mission des deutschen Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik in Garching bei München dient der Untersuchung der Erdmagnetosphäre in einem äquatorialen Orbit und die Instrumentierung besteht aus Geräten. Das Institut für Weltraumforschung beteiligt sich mit einem Instrument zur aktiven Satellitenpotentialsteuerung (PCD Potential Control Device), welches im Rahmen der Beteiligung am Cluster-Projekt entwickelt wurde. Der Start der Mission erfolgt am 2. Dezember 1997 als Neben-Nutzlast einer Ariane-4 vom europäischen Weltraumbahnhof Korou, Französisch-Guayana, aus. Start am 2. Dezember 1997 von Korou, Französisch- Guayana (Photo: ESA) Infolge schlechten Weltraumwetters, d.h. der Zerstörung der beiden Zentralrechner durch hochenergetische Elektronen während mehrerer magnetischer Stürme, funktioniert die Sonde leider nur bis 1. Mai 1998, danach bricht die Kommunikation mit der Sonde ab. Trotzdem konnten während des fünfmonatigen Betriebs wertvolle Parameter zum Betriebsverhalten der Instrumente und neue wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden. 8 8 Wolfgang BAUMJOHANN und Gerhard HAERENDEL: Equator-S: Mission and first results. In Interball and the ISTP, ed. by D. Sibeck and K. Kudela, S. 1-10, Dordrecht, 1999 6
CASSINI/HUYGENS Die von der NASA und der ESA gemeinsam durchgeführte Mission zum Planeten Saturn und seinem Mond Titan besteht aus der den Saturn umkreisenden Sonde Cassini und der europäischen Titan- Eintrittssonde Huygens. Willibald Riedler und seine Mitarbeiter sind an zwei von den sechs Instrumenten der europäischen Landessonde beteiligt. Aerosol Collector Pyrolyser Das Experiment ACP (Aerosol Collector Pyroliser), zur Untersuchung von Aerosolen der Titanatmosphäre, wird vom Institut für Angewandte Systemtechnik des Joanneum Research in Graz unter Beteiligung von Austrian Aerospace gebaut, die Finanzierung erfolgt über das ESA-Prodex-Programm. Dabei wird die Atmosphärenluft zu zwei definierten Zeitpunkten über ein komplexes Pumpensystem eingesaugt und danach erhitzt, was zum Aufbrechen von komplexeren Molekülketten führt, und daraufhin werden diese Bestandteile einem Massenspektrometer zu weiteren Analyse zugeführt. Das Institut für Weltraumforschung beteiligt sich auch am Experiment HASI (Huygens Atmospheric Structure Instrument) mit Hardwarekomponenten. HASI dient zwei Zwecken, der Untersuchung von Atmosphärenparametern und der elektrischen Eigenschaften der Atmosphäre. Unterschriften österreichischer Politiker, Wissenschafter und Beamter, welche digitalisiert auf einer CD mit der Huygens-Sonde mitgeflogen wurden Der Start der 5,7 Tonnen schweren Sonde erfolgt am 15. Oktober 1997 mit einer Titan IV-B von Cape Canaveral in den USA aus. Um zum Saturn fliegen zu können, wird die erforderliche Geschwindigkeit der Sonde durch mehrere Swing-by -Manöver an Venus und Erde erhöht. Trotzdem dauert es aber fast 7 Jahre bis zum Einschwenken in eine Saturnumlaufbahn am 1. Juli 2004. Die Huygens-Sonde schwebt am 15. Jänner 2005 an einem Fallschirm durch die Atmosphäre des Mondes Titan, wo ACP und HASI wichtige Messungen machten 9, und landete auf dessen Oberfläche. 9 M. Fulchignoni,et al.: In situ measurements of the physical characteristics of Titan s environment, Nature, 438, 785-791 (2005); 7
Start von Cassini/Huygens am 15. Dezember 1997 von Cape Canaveral, USA (Photo: NASA) Oberflächenpanorama vom Saturnmond Titan während des Huygens-Eintritts in die Atmosphäre am 15. Jänner 2005 (Photo: NASA/ESA) DEEP SPACE 1 Diese Mission ist ein von der NASA im Rahmen des New Millenium -Programms durchgeführter Flug vorbei an Kometen und Asteroiden zum Test zukünftiger Technologie von Instrumenten und Antrieben, u.a. ein Ionenantrieb und ein autonomes Navigationssystem für die interplanetare Flugphase. Die Raumsonde wird am 24. Oktober 1998 von Cape Canaveral gestartet. Während der extended -Missionsphase fliegt die Raumsonde am Kometen Borrelly vorbei und liefert die bis heute besten Bilder und Daten von einem Kometenvorbeiflug. 10 Das Institut für Weltraumforschung ist an der Sonde mit Elektronikkomponenten für das vom Institut für Geophysik der Universität Braunschweig entwickelte Magnetometer beteiligt. Start von Deep Space 1 auf einer Delta- II-Rakete am 24. Oktober 1998 G. Israel et al.: Complex organic matter in Titan s atmospheric aerosols from in situ pyrolysis and analysis, Nature, 438, 796-799 (2005) 10 Die Ergebnisse der Untersuchungen des Kometen während des Vorbeiflugs sind in einer speziellen Ausgabe einer wissenschaftlichen Zeitschrift zusammengefasst: 11 Artikel in Icarus, 167, 2004, (S. 1-135). 8
CLUSTER Zur detaillierten Untersuchung der Erdmagnetosphäre unternimmt die Europäische Weltraumbehörde ESA die Mission CLUSTER, die aus vier identisch instrumentierten Raumsonden in polaren Orbits besteht. Das Institut für Weltraumforschung beteiligt sich mit dem ASPOC-Experiment (Active Spacecraft Potential Control) zur Satellitenpotentialkontrolle und mit Elektronikkomponenten (Analog-Multiplexer und 16-Bit Analog- Digital-Wandler) am Magnetometer-Experiment FGM (Flux Gate Magnetometer). Eine Satellitenpotentialregelung ist wünschenswert, da durch die Experiment ASPOC Sonnenstrahlung aus der metallischen Oberfläche der Raumsonde Elektronen in die Umgebung freigesetzt werden und sich die Sonde positiv auflädt. Das dabei entstehende elektrische Feld ist bei der Messung niederenergetischer ionisierter Teilchen hinderlich, da diese durch das Feld gehindert werden zu den Messgeräten auf der Sonde vorzudringen. Um dem entgegenzuwirken werden durch das Instrument der Potentialsteuerung positiv geladene Metallionen in die Satellitenumgebung abgegeben. Diese neutralisieren die Elektronen. Dadurch können nun auch die niederenergetischen Teilchen gemessen werden. Elektronik für FGM Der Erststart der vier Raumsonden an Bord der neu entwickelten europäischen Rakete Ariane-5 auf ihrem ersten Testflug am 4. Juni 1996 von Kourou, Französisch Guayana, ist nicht erfolgreich, da die Rakete durch einen Softwarefehler, der ein Abweichen von der Nominalflugbahn vortäuscht, kurz nach dem Start aus Sicherheitsgründen automatisch gesprengt wird. Nach längeren Verhandlungen entscheidet sich die ESA für eine Wiederholung der Mission mit einem Start im Jahr 2000. Die Sonden der neuen Mission werden paarweise mittels russischer Sojus-Fregat- Raketen am 16. Juli und 29. August 2000 von Baikonur aus in den Orbit gebracht. Diesmal klappt alles klaglos, die Sonden funktionieren und liefern wertvolle Daten aus der Plasma-Umgebung der Erde. 11 (Fehl-)Start am 4. Juni 1996 Start ders ersten beiden CLUSTER-Satelliten am 16. Juli 2000 mit einer Sojus-Fregat-Rakete 11 z.b. W. Baumjohann und R. Nakamura: What is Cluster telling us about magnetotail dynamics? Adv. Space Res., 36, 1909-1915, 2005 9
DOUBLE STAR (TC-1 und TC-2) Das Projekt zweier Satelliten, die in Kooperation zwischen China und der ESA, nach 2000 entwickelt werden, geht u.a. auf das Engagement Willibald Riedlers in der Zusammenarbeit mit China zurück. Es werden zwei Satelliten, einer für eine äquatoriale Umlaufbahn und ein zweiter für eine polare Umlaufbahn entwickelt. Das Institut für Weltraumforschung beteiligt sich mit einem Satellitenpotentialexperiment für den äquatorialen und mit Magnetometern für beide Orbiter. Die Satelliten werden am 29. Dezember 2003 (TC-1; äquatorial) und am 25. Juli 2004 (TC-2; polar) von chinesischen Langer Marsch -2C-Raketen in ihren Orbit geschossen. Die Messgeräte liefern speziell im Zusammenwirken mit den ebenfalls im Orbit befindlichen CLUSTER-Satelliten wertvolle Messdaten zur Topologie und Dynamik der Erdmagnetosphäre. 12 Start von Double Star TC-1 am 27. Dezember 2003 12 Erste Ergebnisse der DOUBLE STAR-Experimente sind in dem speziellen Heft der wissenschaftlichen Zeitschrift Annales Geophysicae veröffentlicht: Ann. Geophys., 23 (8), S. 2705-2966, 2005. 10
Kontrollzentrum Xichang (im Vordergrund Willibald Riedler) Start von Double Star TC-2 am 25. Juli 2004 ROSETTA Die europäische Mission zu einem Kometen besteht aus zwei Teilen, einerseits einem Orbiter, der den Kometen mehrere Jahre auf seiner Bahn um die Sonne begleitet, und andererseits aus einer Landeeinheit, die auf der Kometenoberfläche abgesetzt wird. Der ursprünglich geplante Start für Jänner 2003 wird wegen Problemen mit der Ariane-5-Rakete auf 2004 verschoben, woraus sich auch eine Änderung in dem anzufliegenden Kometen ergibt. Es wird nun der Komet Churyumov-Gerasimenko als neues Ziel ausgewählt und angeflogen. Die Sonde startet erfolgreich am 2. März 2004 von Kourou, Französisch- Guayana. Das Institut für Weltraumforschung ist mit Hardware sowohl zum Orbiter als auch zur Landesonde vertreten. Willibald Riedler und seine Mitarbeiter sind an vier Instrumenten beteiligt. Start am 2. März 2004 mit Ariane 5 G+ 11
In Zusammenarbeit mit österreichischen Partnern (Joanneum Research, Austrian Aerospace, Austrian Research Centers Seibersdorf) und der ESTEC bzw. der Gesamthochschule Kassel, entwickelt das Institut für Weltraumforschung federführend das Messgerät MIDAS (Micro-Imaging Dust Analysis System) zur Analyse von Kometenstaub. Dazu wird der Staub gesammelt und in einem Rasterkraftmikroskop (Atomic Force Microscope) untersucht. Man will damit Aufschluss über physikalische Eigenschaften der Staubemission von Kometen und über die Wechselwirkung zwischen Staub, Gas und Plasma in der Kometenumgebung erhalten. Die besondere technologische Herausforderung besteht darin, ein Rasterkraftmikroskop, das bisher nur in terrestrischen Labors eingesetzt wird, zu einem weltraumtauglichen MIDAS Instrument weiterzuentwickeln. Es ist das erste Gerät dieser Art weltweit, das im Weltraum zum Einsatz kommt. Das COSIMA (Cometary Secondary Ion Mass Spectrometer), zur chemischen und Isotopenanalyse, verwendet einen Ionenstrahl um von Kometenstaubteilchen Moleküle herauszulösen, welche anschließend detektiert werden. An diesem unter deutscher Federführung entwickeltem Instrument arbeiten mehrere Wissenschaftergruppen aus Österreich. Zusätzlich ist das Team um Riedler auch an den zwei Magnetometern, RPC-MAG am Orbiter und ROMAP am Lander, beteiligt und entwickelt Hardware dafür. Willibald Riedler und Enkel Erik während des Rosetta- Starts am 2. März 2004 SCHLUSSBEMERKUNG Mit dieser Aufstellung der Beteiligung Willibald Riedlers und seines Teams an Satellitenexperimenten und der Auswertung der von ihnen gewonnenen Daten, sollte das weitgespannte Œvre dieser Ausnahmepersönlichkeit demonstriert werden. Die Autoren hoffen, dass Willibald Riedler und sein Enkel Christian (Letzterer dann wohl nicht mehr auf dem Schoß des Großvaters sitzend) in sieben Jahren ebenso gespannt die Ankunft der Rosetta-Raumsonde am Kometen Churyumov-Gerasimenko beobachten werden. 12