IP-III / CHRONO FILES

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1 IP-III / CHRONO FILES... AUSSTELLUNG/ EXHIBITION THE CHRONO-FILES FROM TIME BASED ART TO DATABASE DAUER/ DURATION: ORT/ LOCATION: LOTHRINGERHALLE 13 / D - MUNICH KURATOR/ CURATOR: MARGIT ROSEN, CHRISTIAN SCHOEN

2 THE CHRONO-FILES... THE CHRONO-FILES FROM TIME BASED ART TO DATABASE Die digitalen Technologien haben die Bedingungen des Kommunizierens, Aufzeichnens und Speicherns von Informationen verändert. Individuelle und kollektive Gedächtnisdaten bilden eine neue materielle Kultur, in der nicht die Aura des Originals über seinen Wert entscheidet, sondern seine weltweite Verfügbarkeit. In ihrer Dauer ist diese Kultur geprägt von der Fragilität der Trägermedien, ihrer Abhängigkeit von Energie, der kontinuierlichen Übertragung der Daten auf neue Träger und der Anpassung an aktuelle technische Standards. Die Projekte, die im Rahmen der Ausstellung the chrono-files in der Lothringerhalle 13 vorgestellt werden, widmen sich den Fragen der Zeitlichkeit von gespeicherten Daten und ihren materiellen Bedingungen sowie den Möglichkeiten des digitalen Archivs, das alle Formate umfasst: Texte, Sprache, Bilder, Filme, Musik und Nutzungsdaten werden einheitlich digital gespeichert. Während Filme oder Video chemisch bzw. magnetisch fixierte Informationen enthalten, die über eine festgelegte Technik ausgelesen werden, entscheiden in den computerbasierten Künsten die vom Künstler geschriebenen Programme darüber, welche Bilder und Klänge sich aus diesen Daten in Echtzeit zusammensetzen. Ereignisse der Gegenwart, vor Ort oder im Netz, beeinflussen als Variablen der Algorithmen die Form des Kunst-werkes. Annja Krautgasser zeigt mit IP-III die synästhetische Transformation von Daten der Netznutzung in räumliche Architektur und Klang (Musik: Dieter Kovacic). (Margit Rosen) video contain chemically or magnetically determined data which can be read through a given process, in the computer based arts, the programs written by the artists decide which images and sounds will come about in real-time from the data. Events of the present, whether local or in the net, influence the form of the artwork as variables of algorithms. In IP-III Annja Krautgasser (A) shows the synaesthetic transformation of internet data into spatial architecture and sound (music: Echelon). (Margit Rosen; Translation: David Quigley) E: Digital technologies have changed the conditions of communication, recording and storage of information. Individual and collective memory data constitute a new material culture in which not the aura of the original decides value, but rather its world-wide accessibility. In its duration, this culture is shaped by the fragility of its recording media, its dependence on electricity, on the continual transference of data to new media and on adaptation to current technical standards. The projects which will be presented in the framework of the exhibition the chrono-files in the Lothringerhalle 13, addresses questions of temporality and ephemerality of stored data and its material conditions, especially the potential of a digital archive which comprises all formats: texts, language, images, films, music and use data are to be uniformly stored. While film and INSTALLATIONEN

3 IP-III / NETZBASIERENTE RAUMINSTALLATION (2003) VON MARGIT ROSEN 1 Siegfried Kracauer, Über Arbeitsnachweise. Konstruktionen eines Raumes, in: Ders., Schriften, Bd. 5: Aufsätze , Frankfurt/M. 1990, S , hier:? 2 William J. Mitchell, City of bits: space, place, and the infobahn, Cambridge, Mass. 1995, S Vgl. Martin Dodge, Rob Kitchin, Mapping Cyberspace, London 2001, S. 28, außerdem: Martina Loew, Raumsoziologie, Frankfurt 2001, S. 24 f. 5 Vgl. Martin Dodge und Rob Kitchin, Mapping Cyberspace, London 2001, S Alexander Dorner, Die neue Raumvorstellung in der bildenden Kunst (1931), zit. in: Kat. Malewitsch - Mondrian: Konstruktion als Konzept. Alexander Dorner gewidmet, Kunstverein Hannover und Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen, Landau 1977, S. 2 f.... Die Raumbilder, so Siegfried Krakauer, sind die Träume der Gesellschaft. Wo immer die Hieroglyphe irgendeines Raumbildes entziffert ist, dort bietet sich der Grund der sozialen Wirklichkeit dar. Das Internet, ein eigentlich anti-räumliches Phänomen, wird in räumlichen Begriffen beschrieben und geographische Metaphern dienen als Instrument der Orientierung: Cyberspace, Chatrooms, Information Highway, Netscape Navigator etc. Die Installation IP-III von Annja Krautgasser versucht, die spezifischen Raumvorstellungen sichtbar zu machen, die auf das Internet als Kommunikations- und Handlungsraum projiziert werden. Die Künstlerin konstatiert dabei zwei unterschiedliche Konzeptionen, die parallel präsent sind: die eines absoluten und die eines relativen Raumes. Der Cyberspace wird, so Krautgasser, analog als übergeordneter, stabiler Behälterraum erfahren, der unabhängig von der tatsächlichen Nutzung existiert, der betreten und wieder verlassen wird, ohne sich zu verändern. In diesem Behälterraum definieren sich jedoch aus dem Verhalten und der Kommunikation der Nutzer relationale, temporäre, dynamische Subräume. Aus diesen zwei Konzeptionen entwickelte die Künstlerin zusammen mit Rainer Mandl und Sepp Deinhofer die Software-Tools für die Website und netbasierte Rauminstallation IP-III, in der das Verhalten von Nutzern im Web räumlich visualisiert und akustifiziert wird (Sound:Echelon). Die Kunst der klassischen Kartographie besteht in der Reduktion von Komplexität, das heißt in der Selektion wesentlicher Aspekte. Ziel ist, die Information für die menschlichen Fähigkeiten des Erkennens, Reagierens, Lernens und Erinnerns bestmöglich aufzubereiten. Dies gilt auch für das mapping des Internet, die Visualisierung von Daten, die Auskunft geben über seine Struktur und die Art seiner Nutzung. Das Cybermapping, die Kartographierung der Infrastruktur des Netzes und seiner Verwendung ist ein paradigmatisches Beispiel für eines der zentralen Probleme der Computerwissenschaften: der Optimierung der Repräsentation großer Datenmengen für die Wahrnehmungsmöglichkeiten des menschlichen Nutzers. Die Daten, die in IP-III gesammelt und in Echtzeit in Bild und Ton umgesetzt werden, sind Spuren, die ein Nutzer oder Robot bei dem Weg durch das World Wide Web hinterlässt. Sie gleichen in ihrer Struktur sogenannten Logfiles, Protokolldateien, die von einem Web Server, Proxy Server oder FTP Server generiert werden, wenn etwas auf dem Server geschieht. Logfiles können mehrere Informationen enthalten: die IP-Adresse, aus der erkennbar ist, über welchen Provider der Nutzer zugreift oder auch das Datum und die Uhrzeit des Zugriffs. Sie können beispielsweise zeigen, ob die Datei vollständig übertragen wurde oder ob der Nutzer die Übertragung vorzeitig abgebrochen hat. Darüber hinaus können sie Auskunft erteilen über die zuletzt besuchte Seite und den Browser und das benutzte Betriebssystem. Mit diesen Aufzeichnungen akkumuliert sich an unterschiedlichsten Orten eine Geschichte des Netzes respektive seiner Nutzung. Es sind automatisch erzeugte Dokumentationen, die jeden Tag ergänzt, oft ausgewertet und nur teilweise wieder gelöscht werden. High-Traffic-Sites erzeugen Protokolldateien, Texte in ASCII (American Standard Code for Information Interchange), in einem Umfang von bis zu 100 Megabyte am Tag. Für die Installation in der lothringer13/halle sollte das Verhalten der Nutzer der offiziellen Website der Stadt München sowie des Berliner Festivals transmediale beobachtet werden. Da ein direkter Zugriff auf die Logfiles der Server von und nicht möglich ist, wurde mit Einverständnis der Anbieter ein Java Script, ein kleines Programm auf in die Websites integriert, das sobald ein Nutzer die Website aufruft nach einem unsichtbaren Bild verlangt, das auf dem IP-III Server in Wien liegt. Auf diese Weise werden Nutzungsdaten in Sekundenbruchteilen auf diesen Server übertragen, dort in einer textbasierten Datenbank gespeichert und in Bild und Ton transformiert. Die Verzögerung ist nicht wahrnehmbar, die per se immer nachträgliche Aufzeichnung erscheint als Medium der direkten Beobachtung. Die Daten, die IP-III über ausgewählte Websites abfragt, ähneln Logfiles bzw. den Daten, die über Bannerwerbung gesammelt werden können. Um diese Informationen stehen Server-Betreibern zahlreiche Programme zu Verfügung. Sie erfassen die umfangreichen Textdateien, analysieren und visualisieren sie in einem benutzerfreundlichen Format. Software ist darauf ausgerichtet, das eigene Webangebot unter kommerziellen Aspekten zu überwachen und zu optimieren. IP-III entzieht die Nutzungsdaten der Logik ihrer kommerziellen Verwertbarkeit. Die Künstler gehen auf Distanz zu den Funktionen gängiger Software. Die IP-Adressen werden nicht wie üblich in eine Karte umgesetzt, aus der die nationale Herkunft der Nutzer zumindest das Land der Rechnungsadresse des Providers gelesen werden kann. Die Vorgänge im Netz werden nicht auf den realen geographischen Raum zurückgeführt, stattdessen erzeugt IP-III einen abstrakten, dynamischen Raum, dessen Form Raumkonzeptionen des Netzes reflektiert. Mit der Internet Protocoll (IP-) Adresse identifiziert sich jeder Computer im Netz. Sie besteht aus einer 32-stelligen Binärzahl, die sich aus den Zahlenwerten 0 und 1 aufbaut, zur besseren Lesbarkeit aber als vierstellige, durch Dezimalpunkte getrennten Zahl dargestellt wird. Für IP-III werden die IP-Adressen nicht zu einem Ort oder einer Institution hin zurückverfolgt, stattdessen werden sie in die Koordinaten x, y, und z eines kartesisches Systems umgesetzt. Annja Krautgasser wählte damit ein Kartographierungssystem, dessen Herstellungsprinzip nicht nur den meisten Betrachtern bekannt ist dies ist Voraussetzung, um eine Karte lesen, d. h. die Verbindungen zwischen realen Daten und grafischer Umsetzung herstellen zu können sondern ein System,

4 THE CHRONO-FILES... das in den westlichen Industriestaaten symbolisch für die Raumdarstellung per se einsteht. Mit jedem Nutzer, der auf die Webseite der Stadt München oder der Transmediale klickt, erscheint ein neuer Punkt, der sich über feine Linien mit den anderen Punkten verbindet, die alle jeweils einen weiteren Nutzer repräsentieren. In Abhängigkeit von der Reihenfolge des Erscheinens baut sich ein dreidimensionales, dynamisches Netz in Echtzeit auf. Die so entstandenen Subräume schweben in einem stabilen geometrischen Raum. Der Nutzer kann das räumliche Gebilde rotieren lassen, perspektivisch näher holen und entfernen. In der Rauminstallation von IP-III ist es zudem möglich, die einzelnen Punkte chronologisch durch Knopfdruck abzufragen: der Raumpunkt gleitet in die Mitte des Screens und entfaltet seine flag : Sie gibt Einblick in weitere Informationen der Logins (der eingewählten User), die ansonsten hinter der abstrakten Raumkonstruktion verschwinden und zeigen, wann und woher sich der Nutzer eingewählt hat. IP-III erlaubt die Beobachtung temporärer Phänomene der Kommunikation bzw. Informationsrecherche in der Form relationaler, dynamischer Räume, die sich aus den Beziehungen unterschiedlicher Nutzer zu dem beobachteten Servers ergeben, ohne dass der Betrachter Einblick in die Inhalte gewinnen könnte, die übertragen werden. Es ist ein Blick auf die Konstruktion eines zeitgleich entstehenden, gemeinsamen gedanklichen Raums zwischen Individuen, die sich an unterschiedlichen Orten befinden. Derartige Räume existieren, seitdem es transportable Speichermedien gibt. Die Leser eines Buches, können zeitgleich an unterschiedlichen Orten ein Buch zur Hand nehmen, im selben Moment auf einen gemeinsamen Informationsraum zugreifen, ebenso wie Nutzer heute von unterschiedlichen Orten aus zeitgleich die Texte einer Website aufrufen können. Dieser zeitgleiche Rezeption der gleichen Information an unterschiedlichen Orten erlebt der Radiohörer ebenso wie der Fernsehzuschauer. Der entscheidende Unterschied zwischen diesen geistigen Räumen und dem Raum, wie er in IP-III visualisiert wird, besteht in der absoluten Beobachtbarkeit: der Computer kann potentiell jeden einzelnen Vorgang aufzeichnen und speichern. Dies ermöglicht beispielsweise dem Einzelnen, sein Verhalten in Relation zu anderen zu beobachten, das heißt, er kann sehen, wer die gleiche Information sucht wie er selbst. Diese Möglichkeit ist in IP-III integriert. Der Nutzer der Website ist ebenfalls ein Punkt im dreidimensionalen Netzwerk. Durch die Funktion locate me kann er seinen Platz in der dynamischen Ordnung kommunizierender Individuen erkennen. Die dislozierten Nutzer entdecken plötzlich um eine real-räumliche Analogie herzustellen dass sie entweder Teil eines Menschenauflaufs sind, der sich um ein Ereignis auf der Strasse gebildet hat oder dass sie dort vollkommen allein stehen. Der Raum wird zum öffentlichen Raum. Damit implizieren die schwebenden Räume von IP-III auch eine Reflexion des Schattens, der mit dem öffentlichen Raum unaufhebbar verbunden ist, der Überwachung. IP-III nutzt internetspefizische Daten, IP-Adressen, um veränderte Raumkonzeptionen sichtbar zu machen, d. h. veränderte Orientierungsbilder für unsere Kommunikation und unser Handeln. Annja Krautgasser zeigt die Kontinuität des Denkens in räumlichen Kategorien. Die Konstruiertheit der Raumbegriffe sichtbar zu machen, ist eine der Fähigkeiten der Kunst. Interaktive räumliche konzipierte Interfaces wie IP-III stehen in der Tradition künstlerischer Reflexion des Raumes, in der Geschichte der Entwicklung der Zentralperspektive, ihrer Perfektionierung, ihrer Auflösung in die Multiperspektivität und der Aktivierung des Betrachters. Alexander Dorners Beschreibung des Raum der Abstrakten von El Lissitzky, den er 1927 im Sprengelmuseum Hannover installieren ließ, könnte als Off-Text zu IP-III gelesen werden: Das traditionelle Raumbild ist das vor einem halben Jahrtausend geborene perspektivische, in dem von einem festen absoluten Standpunkt aus der Raum als unendliche, homogene, dreidimensionale Ausdehnung [...] angesehen wird. Das entscheidende Novum des Kubismus ist die Verdrängung des absoluten Standpunkts durch den relativen. [...] So verschwindet im weiteren Verlauf der abstrakten Kunstentwicklung, so im späten Konstruktivismus, die absolute Ausdehnung der Körper (Lissitzky). Die Materie wird schließlich in reine Flächen und Linien aufgelöst, die, masselos und durchsichtig, sich durchdringen. So entsteht [...] der Raum als Durchkreuzung von Bewegungs- und Energieströmen. Auch durch seine Selbstreferentialität, im Sinne einer Untersuchung der Bedingungen des Materials, steht IP-III in der Tradition künstlerischer Abstraktion des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus bedient sich Annja Krautgasser eines speziellen Verfahrens dieser Untersuchung, das sich in den ersten Auseinandersetzungen mit elektronischen Technologien in den späten 60er Jahren etablierte: die Verwendung des Mediums gegen seine Benutzungslogik. So wie Nam June Paik den Fernseher nicht nutzte, um die Welt abzubilden, entwickelte Annja Krautgasser, zusammen mit Rainer Mandl, Sepp Deinhofer, Michael Aschauer und Dieter Kovacic, Applikationen, die Nutzungsdaten in abstrakte, kommerziell nicht verwertbare Bilder und Klänge umsetzt und sich damit der sozial etablierte Funktionsdefinition verweigert. Der Betrachter genießt das Schweben zwischen der Abstraktion und dem Zauber des Realen, zwischen der Visualisierung abstrakter Räume und dem Wissen das immer unter Verdacht der Täuschung stehen muss dass jeder leuchtende Punkt auf der Leinwand ein Individuum repräsentiert, das nicht weiß, dass es beobachtet wird. INSTALLATIONEN

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