München vor 100 Jahren.

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1 I. Der Mensch Freundschaften / Loyalitäten München vor 100 Jahren. Genauer: München-Schwabing, das Künstlerviertel. 11 Der Metzgermeister Strauß zieht wie jeden Tag seinen Karren über die königliche Ludwigstraße Richtung Stadtmitte. Der Weg zum Schlachthof an der unteren Isar ist weit, aber Meister Strauß ist glücklich. Nach zwei Töchtern, von denen eine früh starb, ist er jetzt Vater eines gesunden Sohnes geworden. Ein Stammhalter. Nun hat er einen Nachfolger, der alles übernehmen kann, den Eltern hilft und der Familie beisteht. Einige Jahre später wird der Kleine tatsächlich neben dem Vater den schweren Metzgerkarren ziehen, auch noch als Gymnasiast, den immer gleichen Weg. Und noch eine Tradition wird fortgeführt: Wie schon der Vater wird der Neugeborene

2 Franz Josef Strauß, der Vollgasmensch. Er war Pilot, liebte Flugzeuge, Autos und schnelle Motorräder (natürlich nur BMW). IMAGO/WEREK

3 auf den Namen Franz Josef getauft und heißt damit wie der damals seit über einem halben Jahrhundert regierende Österreichisch-Ungarische Kaiser. Ein ganzes Menschenleben später wird dieser Sohn am Ende seines Lebens tatsächlich wie ein Kaiser verabschiedet werden. Durch die aus der Kindheit vertraute Ludwigstraße werden ihn auf einer Lafette aus schwarzem Holz sechs Rappen zum Siegestor ziehen. Dahinter werden 72 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt herschreiten, umgeben von einer unübersehbaren Menschenmenge aus allen Teilen des Landes. Der amerikanische Präsident wird ihn in Washington würdigen, in Rom der Papst, sogar der Generalsekretär der KPdSU in Moskau. Ein Mann muss tausend Tode sterben vor seinem eigentlichen Tod. Das gehört zum Kodex des Helden, sagt der Schriftsteller Siegfried Lenz. 13 Franz Josef Strauß ist viele Tode gestorben zeit seines Lebens. In zahllosen Feldzügen, immer ganz vorne. Pardon wurde einem wie ihm nie gegeben.

4 FJS war ein leidenschaftlicher Jäger. Er starb (1988), wie es sich ein Waidmann erträumt: auf der Jagd, nach einem Kollaps. ULLSTEIN BILD - DPA

5 Fallen ist keine Schande, hat er mir immer wieder eingeschärft, nur Liegenbleiben. Und auf seiner Fotografie, die in meinem Arbeitszimmer steht, schrieb er in Griechisch, den Komödiendichter Menander zitierend: Ὁ μὴ δαρεὶς ἄνθρωπος οὐ παιδεύεται. Der Mensch, der nicht geschunden wird, wird auch nicht erzogen. Strauß war kein Mann für die Heiligsprechung. Vom Stil her alte Schule und Modernisierer zugleich. Er hielt frei nach Ernest Hemingway über die Arbeit eines Stierkämpfers seine reine Linie dadurch, dass er sich im höchsten Maß der Gefahr aussetzte. Lebenslang. 15 Was die politische Korrektheit ihm gebiete, wollten in der alten BRD die Vorgänger der Besserwessis Strauß ein Leben lang belehren: was er sagen dürfe und was nicht, was essen und trinken und wie sich anziehen; er hatte Spaß daran, sie auflaufen zu lassen. Mit Fleiß, wie der Bayer sagt. Und immer wieder glückliche Tage: Schon ganz früh unternahm er, der

6 Ein seltener privater Einblick: mit Ehefrau Marianne im Schwimmbad (1970). BPK / BENNO WUNDSHAMMER

7 immer auch Fernweh hatte, wunderbare Reisen mit seiner Frau Marianne und den Kindern. Als auf einer Safari mitten in der Savanne der Geländewagen zu Bruch geht und Hilfe erst am nächsten Morgen kommen kann, bewacht Strauß die ganze Nacht durch seine im Fahrzeug schlafende Familie, eine Elefantenbüchse im Anschlag. 17 Im letzten Sommer vor seinem Tod überquert er noch einmal die Hochalpen im Geländewagen. Je abgründiger und steiler, desto besser. Großes Thema im Auto war die Geschichte der Täler und abgelegenen Wege, die wir befuhren. Zu allem wusste er wunderbar zu erzählen, einschließlich der Schlachten, die dort geschlagen worden waren. Wir lachten über die Bleichgesichter in Bonn und kratzten in einem abgelegenen Dolomitental alle verfügbaren Lire- Münzen zusammen, damit er von der einzigen Telefonzelle eines Bergdorfes durch zwei, drei fernmündliche Donnerschläge am Rhein wieder Ordnung schaffte.

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