Die Bergpredigt eine Zumutung?

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1 Die Bergpredigt eine Zumutung? Ich wollte, wir könnten die Bergpredigt hören frisch wie am ersten Tag ; sie hören, als hätten wir sie noch nie gehört. Wir haben es in unseren Kirchen so oft zu tun mit verwohnten Geheimnissen. Mit der Sprache unserer Tradition geht es uns manchmal, als wohnten wir in einem Schloss, dessen Schönheit wir nicht mehr wahrnehmen, weil wir zu lange darin gewohnt haben und sie gewohnt sind. Die Gefahr der Gewöhnung ist, dass wir die alten Texte hören als sei es selbstverständlich, dass die Armen selig sind; dass die Trauernden getröstet werden und dass die Sanftmütigen das Land besitzen. Die Gefahr ist, dass wir den Widerspruch nicht mehr hören, den Jesus gegen die Geläufigkeit erhebt. Geläufig ist, dass die Armen arm bleiben und meistens noch ärmer werden; dass die Barmherzigen für dumm verkauft werden und keineswegs Barmherzigkeit erlangen und dass die Friedenstifter als realitätsfeindlich verlacht werden. Lasst uns die Stimme des lästigen Jesus hören, der die Welt auf den Kopf stellt. Lasst sie uns hören ohne Gegenwehr und ohne dass wir schon wissen, was sie sagt hören wie zum ersten Ma!. Ich habe eine Hörhilfe, die meine Neutralität dem Text gegenüber zerbricht: Ich überlege, wer diese Nachricht unter Seufzen und Tränen gehört und ihr geglaubt hat, und ich glaube dem Glauben dieser alten Hörer und Hörerinnen. Ich glaube der Frau ihren Glauben, die ein Kind verloren hat und die sich an den Text des Trostes klammert. Ich glaube Mahatma Gandhi seinen Glauben, der bei seiner Friedensarbeit auf die Bergpredigt vertraut hat. Ich sehe die Seufzenden dieser Welt und Gegenwart und erkenne, dass die Botschaft dieser alten Stimme für sie unerlässlich ist. Ihr Schmerz macht mir die Nachricht

2 glaubwürdig. Ich höre die Stimmen ihrer Hoffnung und spreche ihnen nach, noch ehe mein Herz an ihren Glauben heranreicht. Ich glaube der Botschaft auf Probe und lerne so den Glauben. Im Geist der Armen, der Leidenden, der Sanftmütigen, der Friedfertigen; derer, die reinen Herzens sind und nach Gerechtigkeit hungern, kann man den alten Text hören - mit ganzem Herzen glaubend, mit halbem Herzen glaubend oder auch nur mit der Sehnsucht nach dem Glauben glaubend! Ich frage, wie unsere Kirche auf die Bergpredigt hört. Ich schaue auf ihren Durst nach Gerechtigkeit, auf ihre Aufmerksamkeit auf die Leidenden und Geschlagenen, die die Bergpredigt selig nennt. Auch die Kirche kann sich selbst zum Götzen werden, wenn sie nicht mehr sucht als sich selbst und ihre Erhaltung. Nein, ich schaue nicht nur auf die Schwächen unserer Kirche, sondern auf die Stärke, die schon da ist. Die Kirche ist ein wundervoller Verein, der größere Interessen kennt als die eigenen; ein Verein, der nicht nur an sich selber leidet, sondern die Schmerzen der Fremden wahrnimmt. Wem die Phantasie für fremdes Leid abhanden gekommen ist, der ist gezwungen, übermäßig an sich selbst zu leiden. Und umgekehrt: Wer mehr kennt und für mehr besorgt ist als für sich selbst, den werden die eigenen Sorgen nicht mehr ersticken. Wo die Kirche die Opfer wahrnimmt und für sie eintritt, baut sie an ihrer eigenen Freiheit. Es ist das Merkmal einer erwachsenen Kirche, wenn sie sich von der narzisstischen Selbstbesorgung gelöst hat und aufmerksam ist auf die Leidenden dieser Welt, auf den Frieden, auf die ökologische Bedrohung dieser Erde und der Lebensmöglichkeiten unserer Kinder und Enkel. Wir sind als Kirche dem Geheimnis Gottes nahe, wo wir uns dem Geheimnis der Armen nähern. Oscar Romero, einer der Grundzeugen und Märtyrer unserer Zeit, der in San

3 Salvador ermordet wurde (und noch nicht selig gesprochen ist!), hat es so gesagt: Wie du dich den Armen näherst, mit Liebe oder mit Geringschätzung, so näherst du dich Gott. Das Mysterium Gottes ist vom Mysterium der Armen nicht zu trennen. Der Hunger dieser Welt ist der Ort Gottes., hat der in El Salvador ermordete Jesuit Ignacio Ellacuria gesagt, er fährt fort: So müssen wir uns als Kirche fragen: Was haben wir getan, um die Armen ans Kreuz zu bringen? Was tun wir, um sie vom Kreuz abzunehmen? Was tun wir, um sie aufzuerwecken? Gott versteckt sich im Schicksal der Geschlagenen. Er wird bei uns sein bis zum Ende der Tage, wie es verheissen ist. Er ist bei uns als Trost und als Versprechen. Er ist bei uns in allen Gestalten des Elends. Eine Weise, Gott zu betrachten, ist die Elenden dieser Welt zu betrachten mit den Augen unserer Herzen. Wenn die Kirche das vergisst, dann mag sie religiös sein, aber christlich ist sie nicht. Die Kirche hat Leichen im Keller, und die Kirche wird ihre Bergpredigt nicht los. Ich setze nicht hauptsächlich auf die Qualität der vielen Christen. Ich setze auf eine Gruppe, die nicht loskommt von ihrer eigenen Herkunft. Sie hat Leichen im Keller, und gelegentlich gibt es die Auferstehung der Toten. Für immer kann die Kirche ihr Gedächtnis nicht betrügen und ihre Texte nicht fälschen. Sie sind ihr heilig, es sind für sie heilige Schriften, wenn sie sie noch so oft verrät. Es gibt nur noch wenige Gruppen mit einem verpflichtenden Gedächtnis, das sich nicht ganz vergraben lässt. Mag diese Kirche oft genug ein Sauhaufen sein. Aber es ist ein verstörter und vom eigenen Gedächtnis nicht in Ruhe gelassener Sauhaufen. Ganz ruhig kann man nie in ihr schlafen. Der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel sagte einmal in einem Gespräch mit Dorothee Sölle: Die Kirche wird

4 diesen Christus nicht loskriegen. Das mag ich ihr gönnen. Ich finde das so toll, dass sie das nicht kann. Denn seit annähernd 2000 Jahren versucht sie es. Sie weiß, wenn sie ihn loskriegt, gibt es sie nicht mehr. Solange es sie gibt, ist aber der Begründer der Kirche eine ungemeine Belastung. Der Christus der Bergpredigt eine glückliche Last der Kirche und der Christen. Die Stimme Christi aus der Bergpredigt klingt schwer. Von den Armen und Leidenden ist die Rede, vom Hunger nach Gerechtigkeit in einer Welt von Unrecht; von Verfolgung und Schmähung. Berg-predigt! In dem Wort Predigt steckt das lateinische praedicare. Das heißt, laut ansagen, ankündigen. Es heißt auch preisen. Welche Schönheit wird hier gepredigt gepriesen! Welche Würde des Menschen und welche Kühnheit! Welche störrische Unabgefundenheit mit dem natürlichen Lauf der Dinge! Die Armen sollen nicht in ihrer Armut verkommen und die Geplagten nicht in ihren Schmerzen. Uns wird die Würde des Durstes nach Gerechtigkeit und Frieden zugemutet. Die Barmherzigkeit wird uns zugetraut, jene schönste Fähigkeit der menschlichen Seele. Im Laufe der Kirchengeschichte haben Theologen gelegentlich vermutet, die Bergpredigt bestehe nur aus Räten, aus Anratungen, die für Menschen besonderer Vollkommenheit gelten; für Mönche und Nonnen etwa. Wir lassen uns die Würde nicht nehmen, die uns die Bergpredigt anpreist. Es kann ja sein, dass wir die Bergpredigt nicht zu Ende leben können. Was kann man schon zu Ende leben! Es kann ja sein, dass wir sie als Einzelne und als Kirche oft verraten. Aber wenn wir diese wundervollen Sätze Christi haben, dann können wir wenigstens lesen und bemerken, dass wir Verräter sind. Dies zu bemerken ist gar nicht selbstverständlich. Auch diese Kunst lehrt uns die Bergpredigt. Sie ist nicht dazu

5 da, uns ein schlechtes Gewissen zu machen, aber sie baut an unserem Gewissen. Darum preise ich sie praedicare! Wir lassen uns nicht vertreiben aus den Zumutungen der Bergpredigt, mit der kein Staat zu machen ist und ohne die jeder Staat verkommt. Wir leben in einem Haus, das auf dem Fundament dieser großen Lebensvision gebaut ist. Wohin sollten wir gehen, wenn wir es verlassen? Fulbert Steffensky (veröffentlicht in TeDeum 12/2011)

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