BADISCHE H EIM AT. Kunstmaler Hans Franke zum 70. Geburtstag. Von Wolfgang Hartmann, Adlern

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1 BADISCHE H EIM AT M ein Heimatland 42. Jahrgang Heft 1/2 Kunstmaler Hans Franke zum 70. Geburtstag Von Wolfgang Hartmann, Adlern Es war nach den Osterferien des Jahres 1906, als in unsere Obertertia A des Freiburger Berthold-Gymnasiums ein infolge seiner Jugend noch verhältnismäßig kleiner Junge von grazilem Wuchs eintrat: Hans Franke. Der Neuling erregte schon dadurch unser Interesse, daß er ziemlich weit her war, nämlich aus Schlesien, und zwar aus dem im südlichen Teil des Glatzer Kessels gelegenen Städtchen Habelschwerdt. Nach dem frühen Tode des Vaters, der Buchhändler gewesen war, hatte seine Mutter mit ihren beiden Kindern, unserem Hans und einer inzwischen verstorbenen jüngeren Schwester, Freiburg als Wohnort gewählt. Der aus dem schlesischen Bergland Stammende wurde in unserer schönen Schwarzwaldlandschaft rasch heimisch. Dank seiner aufgeschlossenen kameradschaftlichen Art, die ihm auch im späteren Leben viel Menschengunst erwarb, erfreute sich der gemütvolle Junge bei seinen Kameraden bald großer Beliebtheit. Trotz einer gewissen Verträumtheit war er ein guter Turner, besonders aber fiel schon damals seine zeichnerische Begabung auf. Diese fand verständnisvolle Förderung durch den langjährigen verdienten Zeichenlehrer des Berthold-Gymnasiums, Friedrich Greiner, namentlich in dem außerhalb des stundenplanmäßigen Unterrichts abgehaltenen Freizeichnen. Bei der alljährlich am Schluß des Schuljahres veranstalteten Ausstellung der daraus hervorgegangenen Arbeiten war auch manch schönes Blatt Hans Frankes zu sehen. Er war auch sehr musikalisch. Bei Musiklehrer Hofner, dem Vater des späteren Freiburger Bürgermeisters, erlernte er das Violinspiel, das er noch heute mit großer Freude pflegt. Damals lauschte er auch oft dem Orgelspiel unseres Klassenkameraden Franz Philipp. Auf Wunsch der Mutter und älterer Berater sollte und wollte der junge Maler nach gut bestandenem Abitur ein Brotstudium ergreifen. Bei seiner Naturverbundenheit konnten das nur die Naturwissenschaften sein. Was davon im Bereich seiner Interessen lag, hat er mit Eifer aufgenommen, so vermittelten ihm die botanischen Exkursionen des Professors Oltmanns mancherlei Anregungen, sein Herz jedoch gehörte der Kunst, und der Gedanke, diese einmal nur nebenberuflich ausüben zu dürfen, bedrückte ihn, je näher das Examen heranrückte. Dieser Sorge enthob ihn 1914 der Ausbruch des Krieges, den er in seinem ganzen Verlauf an der Westfront, in den letzten Jahren als Leutnant und Kompanieführer, mitgemacht hat. Daß danach eine Wiederaufnahme des Studiums für ihn nicht mehr in Frage kam, ist verständlich. So wurde das Glück, aber auch die Not des freischaffenden Künstlers sein Teil. Die Unsicherheit seiner materiellen Existenz er hatte nach dem Verlust des väterlichen Vermögens auch für seine Mutter zu sorgen war die Ursache, daß er erst im 43. Lebensjahr im Spätsommer 1934 einen eigenen Hausstand gründen konnte. Er fand in Ellen Kleitz, der Tochter des ersten Konzertmeisters des Städtischen Orchesters, eine verständnisvolle Lebensgefährtin, die ihm 1 Badische Heimat 1962 l

2 auch in den Notjahren, vor allem nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, treu zur Seite gestanden ist. Inzwischen war die Ehe mit fünf Kindern gesegnet worden, und die Gesundheit des Vaters ließ zeitweilig zu wünschen übrig. Dank seinem Gottvertrauen und seinem unverwüstlichen Optimismus hat Hans Franke die schweren Zeiten überstanden und erfreut sich heute unverminderter Schaffenskraft. Er betont, daß er, vor die Entscheidung gestellt, heute wieder den gleichen Lebensweg einschlagen würde. So sehr Hans Franke in unserer oberrheinischen Landschaft bodenständig geworden ist, seine seelische Haltung zeigt unverkennbar die Wesenszüge der schlesischen Stammesart. Da ist vor allem die H inneigung zum Mystischen, die seiner kindlichen Gläubigkeit eine besondere Note verleiht. Dieser religiös-mystische Zug eignet auch seinem sehr starken und lebendigen Naturgefühl. So wurde er fähig, die Seele der Landschaft zu erfassen und in ihrer Eigenart zu gestalten. Die Wettertannen des Hochschwarzwaldes wurden ihm zum Symbol des menschlichen Lebens. Mit besonderer Liebe geht er auch den kleinen und unscheinbaren Dingen nach: Blumen und Gräser malt er mit einer an Dürer gemahnenden H ingabe. Über allem aber liegt ein Zauber von Poesie ausgebreitet. Franke ist aber nicht nur reiner Landschafter. In unverbrüchlicher Echtheit versteht er auch die Visionen seines reichen religiösen Innenlebens künstlerisch zu gestalten. So schuf er eine große Zahl religiös-kirchlicher Werke, einzelne Madonnen und Heilige, aber auch große Altarbilder mit der Heiligen Familie und den anderen Personen der christlichen Heilsgeschichte. Gern stellt er diese in die heimische Landschaft, oder er paßt den landschaftlichen Hintergrund dem Orte an, für den das betreffende Werk bestimmt ist. Auf einem für eine westpreußische Gemeinde gemalten Madonnenbild ist die Marienburg zu sehen. Als ihm das Erlebnis des Meeres zuteil geworden war, hat er die Madonna auch in die Dünenlandschaft oder vor den Hintergrund des Meeres gestellt. Unter diesen Großwerken ragt vor allem der um 1930 geschaffene Altar im Caritasjugendheim am Feldberg hervor. Der Künstler hat, der großen Verschiedenheit der Sommer- und Winterlandschaft Rechnung tragend, den Altar doppelseitig gestaltet, als Klappaltar, ähnlich dem Hochaltar des Freiburger Münsters. Aus technischen Gründen ergab sich dabei die Notwendigkeit, das Sommerbild dreiteilig, das Winterbild aber vierteilig zu machen, so daß das ganze Werk in sieben Flächen aufgegliedert ist. Wer die Kapelle betritt, ist von der Größe und Schönheit des Werkes überwältigt. Einzigartig ist auch die Wirkung der Farben, von der keine Reproduktion eine zutreffende Vorstellung vermitteln kann. Als Meister der Farbe erweist sich unser Maler auch noch in seinen späteren Schöpfungen, so in der viel zuwenig beachteten Madonna, die er 1954 für die Dorfkirche von Stadelhofen beioberkirch geschaffen hat. Ähnlich wie beim Feldbergaltar ist auch hier die Madonna von musizierenden Engeln umgeben, die teilweise die Gesichtszüge der Kinder des Malers tragen. Hans Franke kann sich auch den Himmel nicht ohne Musik denken. Als besonders bedeutendes Werk möchte ich noch das 1952/53 entstandene Altarwerk von Langenenslingen in Hohenzollern erwähnen, wo auf den Flügeln einerseits die Grablegung, andererseits die Himmelfahrt Christi dargestellt ist. Gelegentlich hat sich der Künstler ganz dem mystischen Drang hingegeben. Als Beispiel hierfür sei der Jüngling mit der Kristallkugel genannt. Mystische Stimmung zeigt auch das Bild Flucht nach Ägypten, wo Maria und Joseph an einem bedrohlich aufragenden Schneeberg vorbeireiten. Franke ist auch ein Meister der Aquarellmalerei. In dieser Technik hat er immer wieder Motive der Schwarzwaldlandschaft gemalt, die etwas ungemein Ansprechendes 2

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4 Unsere Liebe Frau vom Feldberg. Altarbild im Caritas-Haus Feldberg. (Sommer) öl H. Franke haben. Früh hat er sich auch im Porträtieren geübt, indem er seine Freunde dazu sitzen ließ. Später ist ihm manch treffliches Porträt gelungen. Daß manche seiner Bilder den Bomben zum Opfer gefallen sind, ist im Rahmen der allgemeinen Verluste zu beklagen. Dazu gehört auch das Gemälde, das er für die Ehrentafel seiner früheren Schule geschaffen hatte, und das uns Ehemaligen besonders ans Plerz gewachsen war. Schließlich verdient noch eine Eigentümlichkeit unseres Meisters Erwähnung, die mancher bei ihm als religiösem Maler nicht erwarten würde. Es ist der Humor. Als Beispiel sei das Bild des Taugenichts angeführt, der, unbekümmert um seine zerrissenen Schuhe, auf seiner Mundharmonika spielend ins Blaue zieht. So etwa könnte man sich Hermann Hesses Knulp vorstellen. Einen feinen, dem kindlichen Empfinden angepaßten Humor zeigen auch die entzückenden Wandbilder im Waisenhaus Freiburg-Günterstal, die ein Zwergenkonzert, sowie einzelne, mit Maikäfer und Hummel tanzende oder auf Heuschrecke und Schnecke reitende Zwerge darstellen. Voll kauzigen Humors ist die Darstellung eines Junggesellen aus der Zeit, wo der Künstler des Junggesellenstandes offenbar schon überdrüssig war. Leider äußert sich Frankes goldener Humor sonst fast nur in Gelegenheitskompositionen, mit denen er seinen zahlreichen Freunden seine Glückwünsche darzubringen pflegt. Es sind dies köstliche Gaben, die eine weitere Verbreitung verdienten. Hans Franke hat zweimal auch einen Abstecher ins schriftstellerische Gebiet gemacht. In dem 1936 erschienenen Hans-Franke- Buch hat er ein paar hübsche Gedichte und vier anmutige Märchen veröffentlicht, zu denen er eigene Bilder als Illustrationen benutzt. Drei Jahre zuvor hat er in einem Buch, das bezeichnenderweise den Titel Die sieben Sphären trägt, seine künstlerischen Grundsätze dargelegt. Ich greife einige für unsern Künstler charakteristische Stellen heraus. Da lesen wir auf S. 18: Wie gerne stellt sich mancher Laie den Schaffensprozeß so vor, daß die geistigen Ideen dem Künstler immer fix und fertig in den Schoß fallen und dann eben in irgendeine materielle Form gekleidet werden. Ich gehöre nicht zu 4

5 Unsere Liebe Frau vom Feldberg. Altarbild (Winter) Öl H. Franke diesen glücklichen Künstlern, wenn es solche gibt, und ich muß gestehen, daß viele Bilder, und nicht die schlechtesten, mir ganz aus dem Materiell-Sinnlichen erwuchsen, mit dem das Seelisch-Geistige in den Tiefen des Unbewußten einen kaum kontrollierbaren Verschmelzungsprozeß vollzog. An anderer Stelle S. 20: Es ist nach meiner tiefsten Überzeugung und Erfahrung wirklich etwas Wahres daran, daß man von Inspiration, von Eingebung spricht. Also von der Verwirklichung eines Etwas, das außerhalb des Künstlers existiert und durch ihn erst zur sinnlichen Erscheinung gebracht wird, und zwar eines Etwas, das nur zu einer bestimmten Zeit an ihn herantritt und auf Nimmerwiedersehen ins Nichts zurücksinkt, wenn man es nicht erfaßt hat, wenn man nicht bereit dazu gewesen ist. Wenn er auch betont, jedes Kunstwerk sei das Endresultat einer Auseinandersetzung der einmaligen Persönlichkeit eines Menschen mit dem Absoluten, Objektiven, Gesetzlichen, Göttlichen, so bekennt er doch zuletzt voll Bescheidenheit (S. 28): Wir sind gespannte Saiten, die mitklingen, wenn der unbekannte Meister musiziert, und all unsre Kunst ist nichts als Widerhall der Harmonie der Sphären. Folgende Stelle aus dem Abschnitt Künstler und Volk (S. 32) hat heute, 30 Jahre nach ihrer Niederschrift, noch die gleiche Gültigkeit: Die große Kluft, die heute weithin Künstler und Volk trennt, ist von beiden Seiten verschuldet und muß von beiden Seiten wieder ausgeglichen werden. Die Gemeinschaft, das Volk, hat die gottgesetzte Ordnung der Lebenswerte vielfach verlassen zugunsten willkürlicher, rein diesseitiger, materialistischer und intellektualistscher Wertordnungen, in denen die Kunst, von ihrem Urgrund losgelöst, hin- und hergeworfen und zum käuflichen, luxuriösen Genußmittel degradiert wird. Anderseits haben die Künstler vielfach ihre Gebundenheit an die ewigen Gesetze und Aufgaben der Kunst vergessen und geglaubt, an deren Stelle ihre eigenen, willkürlichen, zufälligen Phantasien setzen und dafür vom Volk unbedingte Anerkennung verlangen zu können. 5

6 I Madonna vom Winteraltar der Feldberg-Caritas öl Hans Franke Hans Franke in irgendeinen Ismus eingliedern zu wollen, wäre abwegig. Er legt auch keinen Wert darauf, modern zu sein. Gelernt hat er von den älteren deutschen Meistern, besonders auch von der frühen niederländischen Kunst. Aber auch unseren badischen Altmeister Hans Thoma hat er verehrt. Da gedenke ich eines persönlichen Erlebnisses aus unserer Studentenzeit. Um die Altarbilder zu sehen, die Hans Thoma für seine Heimatgemeinde Bernau gemalt hatte, wanderten wir in zehnstündigem Marsch von Hinterzarten nach Bernau und wieder zurück, die zweite Hälfte des Rückwegs in strömendem Regen! Dies ist eine von vielen schönen Erinnerungen, die mich mit Hans Franke verbinden. Daher ist es mir zugleich ein Herzensbedürfnis, wenn ich nun diesem liebenswerten Manne und echten Künstler im Namen des Landesvereins 6

7 Pieta 1923 Badische Heimat an dieser Stelle zum Beginn seines neuen Jahrzehnts die herzlichsten Glückwünsche aussprechen darf. Möge der färb. Holzplastik H. Franke Weltenlenker, dem er mit seinem Schaffen dient, dem Jubilar Gesundheit, Schaffenskraft und den verdienten Erfolg verleihen! 7

8 Verkündigung, 1951, linker Altarflügel in Rachtig Öl Hans Franke Zur Eröffnung der Hans-Franke-Ausstellung in Bad Krozingen am 9. Juni 1962 Worte der Freundschaft von Hermann Schwarzweber, Freiburg i. ßr. An einem Tag, der uns in so beglückender Weise alles zu ersetzen sucht, was uns in langen Monaten der Kälte und Düsterkeit entzogen war, sind wir hier zusammengekommen, um das Werk eines Mannes zu 8 sehen und sein Schaffen zu bewundern und unsere menschliche Verbundenheit mit ihm und seinem hohen Streben zu bekunden, der uns zu einem wahren Seelenführer und Herzensfreund geworden ist. Wennn ich hier

9 Verkündigung, rechter Altarflügel in Rachtig, 1951 HansFranke und seiner Ausstellung ein paar schlichte Worte zum Geleit auf den Weg mitgeben darf, so erfüllt mich eine beglückende Befriedigung, daß ich hier im Namen seiner Freunde sprechen kann, aber auch im Namen des Vereins, den ich nun vier Jahrzehnte schon vertrete, nämlich des Landesvereins Badische Heimat, dessen Landesvorsitzender ich heute auch schon wieder zehn Jahre sein darf. Sie alle bringen am öl Hans Franke heutigen Tage dem Künstler ihres Herzens und Gemüts mit den aufrichtigsten Wünschen zum 70. Geburtstag und zum neuen Jahrzehnt seines schaffensreichen Lebens in der Floffnung einer gnadenreichen Erfülltheit von Bild und Geschehnissen den herzlichsten Dank dar für all das, was er ihnen allen und jedem einzelnen war und was er ihnen immer wieder gegeben hat. Hans Franke steht heute für seine Ge- 9

10 Wettertännle am Feldberg meinde als ein ruhender Pol in der Erscheinungen Flucht, ein Friedensbringer und Seelentröster, einer, der auch noch im Leide lächeln kann, der auch im Sturm und Tosen einer ruhe- und friedenlosen Zeit in die Tiefe der Geborgenheit untertaucht und jene stille Heiterkeit der Seele zu gestalten vermag, die nur aus eigener Gottgläubigkeit erstehen kann und aus dem Frieden und der Sicherheit einer in ihr ruhenden Seele. Es gibt wohl keine ergreifendere Episode und bessere Kennzeichnung für das Schaffen unseres begnadeten Künstlers als jenes erschütternde Erlebnis mit dem Taubstummenlehrer, der sich in den Werken unseres Künstlers derart festgehalten hat, daß er in schwerer letzter öl Hans Franke Krankheit nur den einen Wunsch noch hatte, den Geburtstag seines verehrten Malers zu erleben, an dem er ihm ein großes Album mit seinen Lieblingsbildern übersenden wollte, die er alle mit Gedichten versehen hatte, zu denen er durch die Gemälde inspiriert worden war. Und er blieb mit der ganzen Kraft seiner frommen und begeisterungsfähigen Seele am Leben bis in die Morgenstunden des erwarteten Geburtstages. Dann war seine Lebenskraft zu Ende und sein letzter Wunsch erfüllt. Es gibt wohl nicht leicht ein ergreifenderes Beispiel für die tiefste geistige Verbindung und Beziehung zwischen Künstler und Kunstfreund wie hier dieses Geschehnis, das gleicherweise 10

11 M aria Frieden, Wallfahrtskirchlein hei Marnbach den Gebenden wie den Empfangenden ehrt. Ein zweites Beispiel für die Aussagekraft der Bilder unseres Malers erlebte ich bei meinen eigenen Kindern, die sich auf der Skihütte rüsteten für den Kirchgang in der Caritaskapelle auf dem Feldberg, und wie eines von den dreien, wohl nicht ganz mit einer langen Predigt an dem schönen Wintertag einverstanden, etwas graunzte, da hörte ich das andere sagen: Ja wenn dir die Predigt nicht gefällt, so schau doch das Altarbild von Hans Franke an, und du hast genug zum Nachdenken für den ganzen Gottesdienst! Wenn man die Art des Schaffens unseres Künstlers betrachtet, dann bekommt man auch den Eindruck, als ob es von einem höheren Willen komme und von dort gelenkt werde, als ob er andächtig dem Walten der Gottheit in sich lausche und ihr willig folge, bis es oft zu seiner eigenen großen Überraschung als vollendetes Kunstwerk vor öl H. Franke ihm und dann vor uns steht. Die Heilige Familie im Alpengebirge zwischen den Lärchen ist eigentlich entstanden aus zwei zueinander geneigten aufrechten Strichen, daraus wurden zwei Lärchen, wie sie so oft im Gebirge von Sturm und Schnee bedrängt zueinander stehen. In das Dreieck hinein mußte nun etwas Rundes, das gab die Gloriole um die ruhende Muttergottes und daneben zum Ausgleich eine kleine um das Haupt des Nährvaters Joseph. So wurde aus einer Vision eines der schönsten und ausdruckvollsten Bilder der Heiligen Familie auf der Flucht. Hans Franke gehört zu jenen begnadeten Künstlern, denen sich von selber alles zum Bilde gestaltet. Er wird dabei oft unbewußt von Ideen geleitet, denen er in einem plötzlichen Aufblitzen inneren Erlebens nachfolgt, und dann ist es eines seiner eindruckvollsten Bilder geworden. So entstand der Wolkengeiger aus einem 11

12 Frauenporträt H. W. Bild, das er von unten nach oben malte und plötzlich erkannte, daß der untere Rand des Bildes keinen Vordergrund habe, daß also die Wolken über den Bergen und Tannen ein schwereres Gewicht brauchten, und plötzlich war der Wolkengeiger im Bilde. Ein andermal hatte er ein Bildformat von absonderlicher Höhe und dabei ganz schmal. Er wartete den ganzen Tag darauf, daß ihm eine belebende Idee einfalle, schon war er einer Depression nahe, da kam mit der Abendpost ein Freundesbrief mit der seligen Erinnerung: Weißt Du noch damals in Assissi, wie wir im sommerwarmen Grase lagen und in den tiefblauen Himmel starrten? Öl Hans Franke Da war die Lösung, auf die er ungeduldig den ganzen Tag gewartet: es wurde sein berühmtes Franziskusbild des gottseligen Heiligen, der in der Erde ruht und dessen Augen in den Himmel gehen. So finden wir unseren Maler als den gottseligen Schilderer jeder großen und gottesmächtigen Natur, und wir können ihn in die Reihe der Romantiker setzen mit einem Kaspar David Friedrich, mit einem Ludwig Richter und Karl Spitzweg, und doch ist es nur die geistig-seelische Verwandtschaft und führt in die gemeinsamen Urgründe der Romantiker, die sich mit der Natur identifizieren und die Überzeugung haben, wenn 12

13 Caritaspräsident Dr. Eckert, Päpstl. Protonotar öl H. Franke die menschliche Übereinstimmung mit dieser zerbricht, beginnt das Leid. Und so sucht er diese Einheit aus den Dingen wieder heraufzuholen, sie zu enthüllen in den Augenblicken der Erleuchtung und Hingabe. Da reihen sich dann jene gottseligen Altarbilder aneinander, die wir erst in den beiden großen Darstellungen der Heiligen Familie auf den Altarbildern der Caritaskapelle am Feldberg fromm ergriffen und immer wieder andachtsvoll geschaut, erlebt und immer wieder im tiefsten Gefühl neu begriffen und erfaßt haben: die Feldberg-Madonna im Sommer und jene im Winter, die Heilige Familie auf der Flucht in gewaltiger Gebirgslandschaft, die den tönenden Hintergrund zum Flüchtlingspaar mit dem unschuldigen Kinde darstellt bis zur Schutzmantelmadonna in Maria Frieden im Wiesental. Das sind Bekenntnisse einer frommen und gottesfürchtigen Seele, die auch die Ehrfurcht vor den Dingen und Menschen dieser Welt nicht verloren hat, sondern in der großen Harmonie des Weltalls mit den Kräften des Schöpfers den Zusammenklang einer Einheit und Sicherheit von Frieden und Schönheit rein und still durch die Bilder klingen läßt. So wird dem Künstler jedes kleine und kleinste Bildlein zu einem Bekenntnis dieses zu einer Confessio des Guten, Wahren und 13

14 Alpennacht öl Hans Franke

15 H l. Familie auf der Flucht Schönen, des Edlen und Heiligen, und so sind diese Bilder für uns zu weit mehr geworden als nur ein Zusammenklingen von Formen und Farben, sondern zu einem großen und befreienden Bekenntnis des öl H. Franke Schöpferwillens Gottes auf dieser Erde und ein Bekenntnis zu Gott, dem ewigen U r grund aller Harmonie. Neben seinem stillen Humor, der niemals Spott oder Hohn wird, sondern stets ein menschlich verstehendes 15

16 Flucht nach Ägypten Lächeln in sich trägt, ist das Musikalische in seinen Bildern durch alles mitzuhören und zu fühlen. Nicht umsonst ist Hans Franke auch ein guter Musiker, und es würde eine Seite seines Wesens fehlen, wenn wir nicht 16 öl H. Franke gerade dieses Suchen nach Harmonie, nach Zusammenklingen alles Edlen und Guten als Wesenszug des Künstlers empfinden müßten. Wenn Lessing-Winkelmann als Zeichen der klassischen Kunst edle Einfalt und stille

17 Ausgießung des Hl. Geistes, 1960 Größe gefunden hatten, so möchten wir auch für Hans Frankes Schaffen dieses feststellen. Hans Franke ist seiner Gemeinde ein Führer zum Frieden und zur inneren Ruhe und Geborgenheit geworden. Er hat sie geführt zur Ehrfurcht vor allem, was lebt und Menschenantlitz trägt und zu einem Dankgebet zu Gott mit dem Menschengebot: Seid gut und ehrfürchtig! Mit Freuden kann ich. unter unserer Freundesschar Franz Philipp sehen, den wir zu seinem 70. Geburtstag als den Spielmann Gottes gefeiert haben. Was jener im Reiche der Töne in Macht und Tiefe, in Erhebung und Freude schuf, hat unser Malersmann mit Pinsel und Stift verkündet. Auch er war ein Spielmann Gottes, der uns im tiefsten Innern ergriff und uns loslöste aus Schuld und Verstrickung. Wie oft waren wir nicht wundersam ergriffen von einem Bild, das in uns plötzlich verschwundene und vergessene Erlebnisse heraufzauberte, die mit einem Male wieder lebendig vor uns standen. Die Adventsbesucher der Badischen Hans Franke. Aqu.-Entwurf zum Altarbild im Heiliggeiststift (Altersheim) in Freiburg. Nicht zur Ausführung gekommen. Fleimat in seinem Atelier in Freiburg waren so zu frommen Vorweihnachtsstunden gekommen mit dem ganzen Zauber der gnadenvollen Zeit. Das war die Kraft des wahren Künstlers, die wir auch in dem Goethewort finden: Es gibt keine höhere Religion als Ehrfurcht vor dem Leben. Heute, am Tage vor dem Pfingstfest, da ist uns das Bild der Ausgießung des Hl. Geistes vor Augen mit dem ergreifenden Altarbildentwurf für die Heiliggeistkapelle in Freiburg voll Dürerischer Kraft und Tiefe, von dem wir stets mit Wehmut und Schmerz bedauern, daß er nicht zur Ausführung kam. Gerade heute wirkt dieses menschliche Versagen gegenüber einem großen Kunstwerk besonders schmerzlich. Aber gerade deshalb sei unser Dank gegenüber dem Künstler besonders warm und menschlich verbunden. Nicht das Freuen, nicht das Leiden Stellt den Wert des Lebens dar. Immer nur wird das entscheiden, was der Mensch den Menschen war. 2 Badische Heimat

18 Abb. 1 Selbstbildnis Albert Weisgerber 1914 öl. Städt. Weisgerber-Sammlung St. Ingbert

19 Weisgerber-Ausstellung 1962 i. Schloß z. Heidelbg., Ottheinrichsbau Herrensaal phot.kurpf.museum Heidelbg. Gedächtnisausstellung Albert Weisgerber im Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses Die Berechtigung zu dem Unternehmen, in der Folge der seit 1956 alljährlich im Ottheinrichsbau gezeigten kunst- und kulturhistorischen Ausstellungen erstmalig das Gesamtwerk eines einzelnen Malers vorzuführen, liegt in der Tatsache, daß dieser Maler als einer der genialsten Künstler neuerer Zeit im südwestdeutschen Raum bezeichnet zu werden verdient. Der frühe Tod des Saarpfälzers Albert Weisgerber, er fiel am 10. Mai 1915 im Alter von 37 Jahren vor Ypern, hat seinen Namen und seine Eigenart weitgehend in Vergessenheit geraten lassen, zumal er nicht, wie etwa von Georg Poensgen, Heidelberg Franz Marc und August Macke, die gleich ihm durch den ersten Weltkrieg hinweggerafft wurden, zu den ausgesprochenen Vorkämpfern einer modernen expressionistischen oder abstrahierenden Darstellungsweise gehörte. Obwohl gleichfalls ständig um neue Ausdrucksformen bemüht und am Ende seiner Entwicklung der absoluten Malerei eines Cezanne in sehr eigener Weise angenähert, hielt er sich immer bewußt in den Grenzen der Tradition alter Kunst. Dadurch aber war gerade er berufen, uns ein sehr reales Zeitbild eigenster Art zu hinterlassen. Eminent begabt und von leiden 2* 19

20 schaftlichem Schaffensdrang, verbildlichte der sein baldiges Ende stets Vorausahnende alle Erscheinungen seiner Umwelt mit schöpferisch deutendem Blick und machte ihre Wiedergabe zum Spiegel des unruhvollen, schicksalhaften Jahrzehnts vor dem ersten Weltkrieg. Wir vermögen diese ihm zugefallene Sonderstellung in der Malerei unseres Jahrhunderts erst heute voll zu übersehen, nachdem die Füire seiner Schöpfungen, von denen ein großer Teil nach 1933 vernichtet oder ins Ausland verstreut worden war, neu erfaßt und zusammengestellt werden konnte. Obgleich viele deutsche Museen bereits seit langem bedeutende Werke Weisgerbers besitzen, die Zeugnis von seiner Meisterschaft ablegen, und obgleich Sonderausstellungen von Gemälden und graphischen Arbeiten seiner Hand, wie sie die Städtische Galerie und Lenbachgalerie, München 1953 sowie die Pfalzgalerie Kaiserslautern 1959 Vornahmen, die Gestaltungskraft und Vielseitigkeit dieses Künstlers eindringlich vor Augen führten, so ergab sich doch erst in der allerletzten Zeit die Möglichkeit, mit Hilfe seiner in London lebenden Witwe, Frau Margarete Weisgerber-Collin, zahlreiche bisher verborgene Werke aus sämtlichen Schaffensperioden des Verstorbenen aufzuspüren und chronologisch einzuordnen. Allerdings hatten schon unmittelbar nach seinem Tode sowohl in München wie in Kaiserslautern Sonderausstellungen die Größe dieses Künstlers beleuchtet. In seiner saarpfälzischen Heimat, vor allem aber an seinem Geburtsort St. Ingbert, wo eine beachtliche Städtische Sammlung und eine große Privatgalerie heute Zeugnis von seiner schöpferischen Vielfalt ablegen, war man ständig bemüht, seinem Werk zu allgemeiner Anerkennung zu verhelfen. Es ist das Verdienst des bekannten dortigen Kunstsammlers Franz Josef Kohl-Weigand, noch während des letzten Krieges eine große Anzahl von beschlagnahmten Werken Weisgerbers vor dem Untergang bewahrt und für seine Vaterstadt sichergestellt zu haben. So erscheint es sehr sinnvoll, daß die erste Gesamtübersicht der Schöpfungen dieses Künstlers im Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses, dem einstigen Mittelpunkt pfälzisch-wittelsbachischer Kultur, stattfindet. Als geborener Saarländer, der den größten Teil seiner Entwicklung in München durchlebte, kann Weisgerber als der letzte künstlerische Repräsentant der durch viele Jahrhunderte bestehenden Einheit der Pfalz und Bayerns bezeichnet werden. Von seiner beispiellos zahlreichen Produktion aus den Jahren 1898 bis 1914 sind 160 Gemälde, ungefähr die gleiche Anzahl an Handzeichnungen, eine Reihe von druckgraphischen Blättern und Plakaten sowie ein Tonbildwerk vorgeführt. Die Auswahl lag in der Hand von Wilhelm Weber, dem Verfasser des ersten Werkverzeichnisses von Albert Weisgerber, der auch den reich illustrierten Katalog der vorliegenden Schau zusammenstellte. Die Landesgewerbeanstalt Kaiserslautern, Pfalzgalerie, an der dieser jüngste Monograph des Künstlers tätig ist, war seinerzeit als Kreisbaugewerbeschule die erste Ausbildungsstätte des noch kaum vierzehnjährigen Malers aus St. Ingbert. Hier wie dort sowie im Saarlandmuseum Saarbrücken sind heute die zahlenmäßig reichsten Bestände an Werken Weisgerbers vereinigt. Sie bilden den Grundstock der vorliegenden Schau, die außerdem von 16 weiteren Museen und zahlreichen privaten Leihgebern der Bundesrepublik unterstützt wurde. So präsentiert sich das trotz schwerster Einbußen immer noch erstaunlich reichhaltige und vielseitige Oeuvre dieses genialen Künstlers in einer seine Entwicklung von 1898 bis 1914 lückenlos verdeutlichenden Abfolge. In Fachkreisen größtenteils schon seit fast 50 Jahren bekannte typische Zeugnisse seines vehementen Schaffensablaufs 20

21 Vor Stadthäuser, Gr uppen und Schafheide 1914 öl. Albert Weisgerber Stadt Weisgerber-Sammlung St. Ingbert bilden dabei das Grundgeriist. Von dem Monumentalgemälde Das Mädchen aus der Fremde (1898, Saarbrücken), über das Bildnis der Mutter (1900, Mannheim), das große Porträt des Dichters Ludwig Scharf (1905, München), die Dame mit Windhund (1905, St. Ingbert) und eine Reihe von prachtvollen anderen Bildnissen der Frühzeit (Koppen, Heuss, Prager, Baruch, Langer), die eine höchst eigenständige Ausprägung des Stils der Münchner Malerei um die Jahrhundertwende und insbesondere den Einfluß des Lehrers Franz von Stuck erweisen, führt der Weg zu den um 1906 in Paris entstandenen, das Fluidum des französischen Impressionismus von Courbet bis Cezanne und Matisse atmenden und dennoch unverkennbar Weisgerberschen Schöpfungen wie vor allem das farblich unerhört kühne Bildnis Rudolf Levy (1906, Saarbrücken), das Pariser Cafe (1906, Städt. Galerie, München), den neuerdings vom Landesmuseum Oldenburg erworbenen, koloristisch faszinierenden Bai des quatres arts (1906) und zahlreiche andere Interieur- und Porträtwiedergaben. Es folgt dann eine Spanne der Umsetzung französischer Einflüsse in die eigene deutsche Atmosphäre, wie sie einerseits durch verschiedene Aktbilder und an Ingres erinnernde Haremsszenen oder das in seiner statuarischen Strenge an Hans von Marees gemahnende Familienbild Schwarz, 21

22 andererseits durch das unübertreffbar lebensvolle ganzfigurige Bildnis des Kunsthändlers Brake (1910, Köln) charakterisiert wird. Schließlich die Endphase bis zum Kriegsausbruch, in der die verschiedenen Fassungen religiöser Themen, wie vor allem der weltberühmte Absalom der Hamburger Kunsthalle (1914), der David und Goliath (1914 Saarbrücken), die Jeremias-Bilder von 1912, die Sebastian-Bilder von 1912 und 1913 und als letztes Bekenntnis zur sinnlichen Schönheit des Daseins die Amazonenbilder mit der prachtvollen wandbildartigen Komposition der Stuttgarter Staatsgalerie von Es konnte an dieser Stelle nur eine summarische, die verschiedenen Stadien und Möglichkeiten der Entfaltung Weisgerbers thematisch annähernd umreißender Überblick des Vorgeführten gegeben werden. Das erwähnte, vom Impuls-Verlag, Heidelberg, herausgegebene Werkverzeichnis vermittelt mit über 80 Abbildungen eindringliche Begriffe von den verschiedenen oft gleichzeitigen Kategorien seiner immerhin im Laufe der Jahre mehr und mehr auf reine Form- und Farbwerte konzentrierten Malerei. Hier mögen nun lediglich einige dort nicht wiedergegebenen Gemälde stellvertretend die Stilstufen kennzeichnen: Zunächst das Bildnis eines französischen Malers Levier von 1906 aus der Sammlung Prager, München, das mit seiner maliziösen Eleganz noch der Stuckschule verpflichtet ist, in der Strenge des Aufbaues und der Schärfe des Umrisses jedoch unverkennbar die Hand Weisgerbers dokumentiert. Aus dem gleichen Jahre und ebenfalls in Paris entstanden ein außerordentlich reizvolles Atelierbild mit dem jungen Theodor Heuss als Staffage (Abb. 3). Hier findet sich französischer und nordischer Impressionismus (Munch) in einzigartiger Weise durch den deutschen Maler aufeinander abgestimmt und der Genremalerei der Münchner Leibl-Nachfolge angeglichen. 22 Aus der mittleren Schaffensperiode des Künstlers ein Liegendes Mädchen (1909, Heidelberger Privatbesitz) das, ungemein farbenreich, den starken Anteil Weisgerbers an der Ausbildung des Jugendstils evident macht und eine nur ihm persönlich eigene Fähigkeit, Distance gegenüber dem Intimen zu wahren, vor Augen führt. Eben diese Fähigkeit, mit der er sich generell von manchen allzu realistischen Darstellungen aus ungefähr der gleichen Zeit bei Trübner, Corinth oder Slevogt unterscheidet, verleiht auch seinen zahlreichen thematisch gebundenen oder zu freier Wiedergabe gewählten Verbildlichungen weiblicher Akte einen unverwechselbaren Adel. Das halb stehend, halb sitzend an ein Sofa gelehnte magere nackte Mädchen des Saarlandmuseums, 1913 entstanden, gehört in seiner verschämten, Mitleid erregenden Modellhaftigkeit zu den zartesten Verarbeitungen eines derartigen Themas in der neueren Kunst und ist zugleich farblich von höchster Delikatesse. Ungefähr um die gleiche Zeit schuf Weisgerber ein aus dem Nachlaß der Fürstin Mechthild Lichnowsky stammendes, von dieser noch selbst bei Lebzeiten des Künstlers erworbenes großes Gemälde eines Knaben mit Maske (1913). Sehr französisch und, wie Wilhelm Weber bemerkte, an den Knaben mit Querpfeife von Manet erinnernd, in der Farbenwahl aber deutlich von Cezanne beeinflußt, bezeugt es sich dabei wiederum durch den beseelten Ernst des Ausdrucks und der Verhaltenheit der Gestik als ein Spätwerk Weisgerbers, das, hier zum ersten Male öffentlich ausgestellt, seine überragende Qualität offenbaren konnte. Wie weitgehend der Künstler am Ende seines Lebens auch in der Landschaftsdarstellung zu den gleichen Resultaten äußerster Vereinfachung und Unabhängigkeit vom Objekt einem Cezanne verwandt geworden war, zeigen seine zugleich soziologisch sehr bemerkenswerten Vorstadtbilder aus dem

23 Abb. 3 Im Atelier öl Albert Weisgerber Auktionshaus Weinmüller (Inh. Eud. Neumeister) München Jahre 1914, von denen hier eines der schönsten, der Städtischen Sammlung St. Ingbert gehörend (Abb. 2), mit seinem hohen, bewölkten Himmel und der trostlosen Nüchternheit von Miethäusern im Hintergrund dieses Sondergebiet Weisgerberschen Schaffens vorzüglich charakterisiert. Kurz vor seinem Auszug in den Krieg, der seinem arbeitsreichen Leben ein Ziel setzen sollte, hat Albert Weisgerber sich zum letzten Male in Zivilkleidung verbildlicht. (St. Ingbert) (Abb. 1). Es gibt eine ganze Reihe von Selbstporträts seiner Hand, den verschiedenen Entwicklungsphasen entsprechend jeweils mehr oder weniger nach der genrehaften, physiognomischen oder farblichen Seite hin akzentuiert. Allenthalben verrät der grüblerisch forschende Blick die zu Depressionen neigende, trotz blutvoller Lebensbejahung zutiefst skeptische Mentalität des früh Verstorbenen, am erschütterndsten auf dem Selbstbildnis im Bademantel. (Saarlandmuseum, Saarbrücken). Hier aber, mit den Händen in den Hosentaschen eines hellen Sommeranzugs lässig vor dem Spiegel seines Ateliers stehend, nimmt er gleichsam Abschied von der eigenen Gesamterscheinung aus friedlichen Zeiten. Da kommt es nicht mehr auf Sondernuancen der Mimik an. Alles ist mit beispielloser Sicherheit und farblicher Frische rasch heruntergemalt. Es gilt, keine Zeit zu verlieren, wo draußen der Tod wartet. Weisgerber hat sich auch als Tonbildner versucht. Aus der Städtischen Galerie München zeigt die Ausstellung ein Kniestück 23

24 einer stehenden nackten Frau (1913), das durchaus neben gleichzeitigen Werken anderer Künstler, wie etwa Lehmbruck, seine Qualität behaupten kann. In dem gewölbten Erdgeschoßraum des mit dem Ottheinrichsbau vereinigten Apothekerturms, dessen Fenstervitrinen verschiedene Karikaturen des jungen Saarländers für die Zeitschrift Jugend enthalten (die übrigen im vorliegenden Rahmen interessierenden durchweg gleichfalls höchst qualitätsvollen Zeichnungen seiner Hand sind auf Tischvitrinen in den anderen Gemächern verteilt) erweist dieses plastische Bildwerk erst recht seine ungewöhnliche, herbe Schönheit. So kommt denn überhaupt die einzigartige Atmosphäre der die Ausstellung umfassenden Räumlichkeiten dem Wesen und gestalterischen Reichtum gerade eines Weisgerber weitest eritgegen. Der spannungsreiche Kontrast von Ruinenhaftem und neuerer Kunst hat sich schon verschiedentlich, so etwa bei der Max-Ernst-Ausstellung 1950 in dem damals noch stark zerstörten Schloß Brühl oder bei den beiden Documenta-Ausstellungen im Kasseler Friedrichsbau, als sehr reizvoll und anregend herausgestellt. Die bis hart an die Grenze formaler Vereinfachung entwickelte, dabei ungemein lebensvolle, thematisch geballte und farbenfreudige Malerei Albert Weisgerbers aber offenbart erst hier das ganze Ausmaß ihrer allen Wechselfällen des Daseins aufgeschlossene Intensität. Für eine Gesamtschau seiner Entwicklung und der Vielfalt seiner alle Strömungen zeitgenössischer Kunst von Gauguin und der Brücke bis zu Picasso und Beckmann umfassenden Ausdrucksmöglichkeiten könnte kaum ein geeigneterer Hintergrund gefunden werden, als die von Feuer, Wind und Wetter angegriffenen, dennoch in ihrer ursprünglichen Monumentalität erhalten gebliebene und von musischem Fluidum durchwehte Renaissance-Architektur des Ottheinrich-Palastes. Zugleich stellt sich das Werk Weisgerbers in diesem Rahmen denn eben auch als eine sehr nachdenklich stimmende, für jeden, der das Jahrzehnt vor 1914 noch miterlebte, erschütternd vielsagende Verbildlichung der ahnungsschwer belasteten, wennschon in scheinbarer Harmlosigkeit dahinfließenden Existenz jener letzten Atemfrist vor dem Anbruch unserer Zeitwende dar. Es gehört, wie wir glauben, zu Weisgerbers wesentlichsten, historisch bedeutsamsten Verdiensten, daß er das Gesicht jener Epoche mitlebend erfaßte und der Nachwelt unausweichbar deutlich vor Augen führte. Ganz abgesehen von allen schöpferischen Qualitäten eignet seiner Hinterlassenschaft mithin heute bereits dokumentarischer Wert. 24

25 Die Petersinsel im Bieter See Kunstmuseum Basel Auf der Petersinsei im Bieler See Ein Reisebericht des Karlsruher Hofdiakonus August Hausrath aus dem Jahre 1828, mitgeteilt von Walther Osterrieth, Freiburg i. ßr. Unsere Schweizer Nachbarn feiern in diesem Jahre voll Stolz den 250. Geburtstag von Jean-Jacques Rousseau, der am 28. Juni 1712 in Genf geboren wurde. Die Feiern sind mit vollem Recht groß angelegt. Eine Sternfahrt schweizerischer Postkutschen an den Bieler See in der Westschweiz trug Ende Mai seinen Namen von Frankfurt, München, Brüssel, Paris, Lyon und Mailand durch die Länder und Völker. Mit ihr begannen die in der ganzen Schweiz, vor allem aber an seinen Lebensstationen gefeierten Manifestations Rousseau 1962, deren Flöhepunkt die große Gedenkfeier in der Genfer Universität am 28. Juni war. Doch schon am 2. Juni wurde auf der ehemaligen, seit der Senkung des Wasserspiegels Ende des vorigen Jahrhunderts zur Landzunge gewordenen Petersinsel im Bieler See das Gedächtnis des großen Genfers begangen. Obwohl Rousseau 66 Jahre alt wurde und an manchen Orten, vor allem in Paris, längere Zeit weilte, stand dieser winzige Flecken, der Rousseau in seinem ganzen Leben nur zwei Monate lang Aufenthalt gewähren durfte, neben Genf im Mittelpunkt der Feiern und Besuche1). Nur im September und Oktober des Jahres 1765 konnte sich der wegen seines Atheismus immer wieder geächtete und verjagte Verfasser der Nouvelle FFelo'fse (1761) und des Contrat social (1762) des Friedens auf die 25

26 sem Eiland erfreuen, dann trieben ihn die Berner wieder fort und weiter nach England. Aber in dem erst 1782, also nach seinem Tode, erschienenen Buch Träumereien des einsamen Wanderers sollte der große Beweger und Anreger schreiben: Von allen Aufenthalten, die ich in meinem Leben nahm (und es gab darunter entzückende), hat mich keiner so wahrhaft beglückt und hat mir keiner eine schönere Erinnerung hinterlassen, als der auf der Petersinsel, mitten auf dem Bieler See. So dürfen wir uns also tatsächlich dort, zwischen dem Jura und dem Genfer See die Szenerie vergegenwärtigen, vor der sich eine Revolution im Verhältnis von Mensch und N atur Bahn brach 2). Hiernach bedarf die Veröffentlichung des nachfolgenden Ausschnitts aus einer Reisebeschreibung an dieser Stelle und zu diesem Zeitpunkt wohl keiner weiteren Rechtfertigung mehr, wird hier doch ein Ausflug geschildert, den im Jahre 1828 zwei in ihrer badischen Heimat nachmals zu hohem Ansehen gelangte junge Karlsruher damals im Alter von 21 und 15 Jahren auf die Petersinsel im Gedenken an Rousseau gemacht haben. * Der Ältere und der Verfasser des Berichts, der spätere Hofdiakonus August Hausrath ( )3), ist unseren Lesern schon aus dem Hebelgedenkheft der Badischen Heimat als Schüler Hebels und als Theologiestudent bekannt; wir verließen ihn dort, als er in der Silvesternacht 1826/27 im Kreise der mit ihm in Halle studierenden badischen Landsleute auf den Stuhl sprang und mit dem Glas in der Hand Hebels Andenken in dankbare Erinnerung brachte 4). Nach dem Semesterschluß trat er am 27. März 1827 die Heimreise an, deren einzelne zuerst erwanderte, dann durchfahrene Stationen uns aus den Tagebüchern bekannt sind; diese Aufzeichnungen geben uns dann, mit teilweise kräftig gezeichneten Charakteristiken der Prüfer, vor allem des Prälaten Bähr und der Kirchenräte Sonntag und Zandt, auch einen sehr interessanten und genauen Aufschluß über den Verlauf der theologischen Prüfung in Karlsruhe (Juni 1827). Obgleich Hausrath im Examen die in ihn gesetzten, sehr hohen Erwartungen noch übertraf (Äußerung von Zandt), widerfuhr ihm zunächst nichts Besseres, als seinem Vater, dem Pfarrer von Königsbach, als Vikar zugeteilt zu werden. Er nahm daher freudig zumal ihm sehr günstige Bedingungen geboten wurden das ihm angetragene Amt eines Hofmeisters an, nachdem er mit Hilfe seiner einflußreichen Gönner, insbesondere des Grafen v. Kageneck, des Medizinalrats Seubert und des Kirchenrats Prof. Zandt gegen den zunächst widerstrebenden Prälaten Bähr erreicht hatte, daß ihm diese Tätigkeit auf seine Vikariatsjahre ausnahmsweise angerechnet werde, und trat Ende November 1827, also im Alter von 21 Jahren, bei dem Handelsherrn Karl Weltzien seinen Dienst als Mentor von dessen damals 14jährigem Sohne Karl an. Dieser Knabe sollte sich später weit über Karlsruhe hinaus, wo er durch einen Straßennamen in Erinnerung bleibt, einen großen Namen als Chemiker machen5).zweieinhalb Jahre später verheiratete sich Hausrath mit der Kusine seines jungen Schülers und Freundes, Julie Weltzien aus Riga. * Nach dem Siege der Alliierten über Napoleon kehrten manche deutschstämmigen Familien aus Rußland in das Land ihrer Väter zurück, und nicht wenige zogen in das schöne und ihnen wegen seines milden Klimas zusagende Heimatland ihrer Kaiserin, die eine Tochter von Karl Friedrichs ältestem Sohne Karl Ludwig war. Die badischen Landesfürsten ihrerseits legten den größten Wert darauf, erfahrene, über weitreichende Beziehungen verfügende und vermögende Geschäftsleute in ihrer aufstrebenden Residenz Karlsruhe, die hinter anderen Hauptstädten noch erheblich zurück war, anzusiedeln. Zu 26

27 den so Umworbenen gehörte auch der aus einer alten deutschen Familie stammende Handelsmann Karl Weltzien, der 1821 mit seiner Familie aus St. Petersburg aufgebrochen war, um eine wärmere, gesündere Heimat im Süden zu suchen. Frankfurt a. M. und Mannheim gefielen auf die Dauer nicht; nun war er 1823 nach Karlsruhe gekommen, wo Großherzog Ludwig ihm für den Fall seines Bleibens ein schönes Grundstück an der Karlstraße, gegenüber dem Anwesen und Garten des ebenfalls erst kurz zuvor aus Riga zugezogenen Gabriel Leonhard von Berckholtz desselben, der Ortenberg und Schloß Aubach bei Lauf erwarb anbot. Der Vorfall, der nun den Ausschlag gab, verdient festgehalten zu werden. Noch unschlüssig, ob er die ihm gemachten Angebote annehmen und sich endgültig in Karlsruhe niederlassen sollte, geriet Weltzien eines Tages beim Spazierengehen unversehens auf den Friedhof. Dort war niemand als der Totengräber, der damit beschäftigt war, eine Sarggrube auszuheben. Halb aus Neugierde, halb zu seiner Zerstreuung sprach Weltzien ihn an und eröffnete das Gespräch mit der Bemerkung, daß jenem die Arbeit wohl auch nicht ausgehe. Die Antwort war verblüffend. Der Totengräber richtete sich auf, stieß den Spaten in die Erde und erwiderte dem vornehmen Herrn zwar ehrerbietig, aber doch mit kaum verhülltem Ingrimm, daß er schon lange verhungert wäre, wenn er sich nicht noch einen anderen Erwerb gesucht hätte. Denn in Karlsruhe würden die Leute ja nur den Alterstod, und auch den nur in hohem Alter sterben, und das käme von der guten Luft hier, eine Änderung sei daher nicht zu erwarten. Mehr brauchte Weltzien nicht mehr zu wissen6). Er entschied sich zum Bleiben und ließ sich nicht von Weinbrenner selbst, wie man lange annahm, aber von einem Weinbrennerschüler in der Karlstraße das schöne Haus bauen, das die Fliegerangriffe überstand, jetzt aber einem Neubau weichen sollte, jüngsten Pressemeldungen zufolge indessen auf die Proteste der Karlsruher Bürgerschaft und Denkmalspflege hin nun doch nicht abgerissen werden, sondern als eines der letzten Wahrzeichen von Karlsruhes großer Bauperiode stehenbleiben soll. * Der Vater Weltzien hatte auch die Wahl des jungen Hofmeisters für seinen Sohn nicht zu bereuen. Hausrath schreibt der Biograph des jüngeren Weltzien hatte auf die Entwicklung von Weltzien den größten, von letzterem stets dankbar anerkannten Einfluß; der sittliche Ernst, die geistig freie Anschauung, die Hausrath so allgemein beliebt machten, sie wurden auch die Grundzüge von Weltziens Charakter. Schüler und Lehrer fühlten sich zueinander hingezogen, daß sich unter beiden ein inniges Freundschaftsverhältnis bildete. Mit Hausrath unternahm Weltzien regelmäßig in den Herbstferien große Reisen, die meist zu Fuß zurückgelegt wurden, so an den Unterrhein, in den Odenwald, in den Schwarzwald, in die Alpen, selbst nach Norditalien, und die Eindrücke, die diese Reisen auf ihn machten, blieben ihm für sein Leben in der schönsten Erinnerung 7). Von einer solchen Reise gewiß einer der ersten handelt unser Bericht8). Die beiden jungen Leute fuhren Ende Juni 1828 von Karlsruhe im Postwagen ab und bis Basel durch, wo sie sich in den Drei Königen erfrischten. Von dort an wurde die Reise als Fußwanderung, mit nur eingestreuten Fahrterleichterungen, fortgesetzt. Am 2. Juli erreichten sie Münster (Moutier), und wir müssen sie schon von hier ab begleiten, wenn wir uns nicht das großartige Panorama, in dessen Tiefe Rousseaus Zuflucht, die Petersinsel, liegt, entgehen lassen wollen. Von Münster nach Biel Ein dichter Nebel lag bis gegen 8 Uhr über dem Tal, ein Umstand, der unseren 27

28 Jugendbildnis des späteren Chemikers Karl Weltzien ( ) Miniatur in Gouache ermüdeten Gliedern sehr zu statten kam. Endlich rangen die Bergspitzen sich los und bald strahlte die Sonne in voller Klarheit über die Berge. Mit einem kleinen Knaben, der seine Ziegenherde vor sich hertrieb, ein Lieblingsböckchen aber immer zur Seite hatte, gingen wir die erste Strecke ins Gebirg, das sich hier zum dritten Mal zu einem Felsenpaß verengt. Der Junge war sehr gesprächig; er gehört wahrscheinlich einer der zahlreichen Wiedertäufer-Familien an, die auf der Höhe des Gebirgs wohnen. Die Sonnenstrahlen brannten so entsetzlich, daß es eine Unmöglichkeit war, noch über Court hinauszukommen. Üb er dem hatten wir, unter uns gesagt, die Felsen herzlich satt, und da die Wirtin einen sehr rüstigen Gaul und einen schwäbischen Knecht hat, der sehr unternehmend in die Welt sieht und, wie sie versicherte, ein bien bon garqon sein soll, so ließen wir den Berner Wagen einspannen und fuhren in einer Tour über Malleray, Tavannes, Pierre Pertuis und Sonceboz nach Reuchenette. Die Dörfer sind reinlich und wohlhabend, und die Gegend höchst malerisch. Bei dem berühmten Pierre Pertuis, wo die Straße schon seit Römerzeiten durch den Felsen gehauen ist, verweilten wir einige Zeit und buchstabierten an der römischen Inschrift, der aber moderne Hände nachgeholfen zu haben scheinen. Die Chaussee geht hier über einen hohen und steilen Berg, über den nicht so leicht ein schwerbeladener Wagen kommen kann. Den Aufweg stiegen wir aus, als es aber die Tiefe herab ging, mußte uns der Schwabe das Roß führen. Bei Sonceboz teilt sich die Straße: ein Weg führt in das schöne Immertal und nach La Chaux-de- Fonds, der andere, den wir einschlugen, immer abwärts gegen Biel. Die Hitze war fürchterlich, doch schützte uns noch ein von der Wirtin geliehener Regenschirm. Im übrigen war die Straße wie verödet. Nur gegen Ilfingen (Orvin) sahen wir einige Mäher auf den Wiesen. In Reuchenette ließen wir uns ein oberes Zimmer anweisen, schlossen alle Läden, und ich schlief einige Stunden recht gut. Gegen Abend kühlte sich die Luft ein wenig ab, wir beschlossen, noch nach Biel zu gehen. Die Straße führt hier wieder über einen hohen Berg mit schönen Aussichten in das Tal, wo viele Mühlen an der Süß der wilden Landschaft noch ein ziemlich freundliches Aussehen geben. Höchst überraschend ist aber die Aussicht, die sich darbietet, sobald man auf der letzten Höhe angelangt ist. A uf der Seite links das schöne Aaretal mit der Kette des Juragebirgs, an dessen Ende der Weißenstein hoch ins Land ragt. Unter uns die reich mit Städten und Dörfern übersäte Ebene, die die Alpenkette bekränzt. Mit einer besonderen Pracht lagen die Gletscher des Oberlandes vor uns, von einem rosenfarbenen Abendschein umglänzt. Rechts unter uns dehnte sich an dem freundlichen Städtchen der Bieler See mit seiner kristallhellen Fläche. Die Gegend weiter hin verlor sich im Abendduft. Ein Herr erklärte uns den Horizont und zeigte uns auch auf einem Felsenvorsprung den besten Standpunkt an, 28

29 wo wir die Gegend übersehen konnten. Wir verweilten, bis der hereinbrechende Abend die Aussicht versagte, und gingen dann mit Mühe den steilen Weg nach Boujean (Bözingen) herab. Die Hirten trieben ihr Vieh nach Haus. Eine Ziege drängte sich zwischen ein Pferd und die Mauer und erhielt von dem Roß einen harten Schlag auf den Leib. Der Knabe trieb sie mit der Peitsche noch einige Schritte vorwärts, sie wankte, dann legte sie sich bedächtig und mit Anstand, wie Cicero und Caesar starben, zur Erde. Vielleicht war es der einzige Reichtum einer Witwe. Wenn Dich einmal Apollo treibt, kannst Du eine tragische Idylle darüber schreiben. Es war schon Nacht, als wir in Biel ankamen. Wir blieben hier in der Krone, einem alten Gebäude, das vielleicht einmal ein Kloster war. Man spricht hier ebensoviel deutsch als französisch. Die Bedienung ist auch doppelt, wie wir denn seitdem immer zugleich eine französische und eine deutsche Magd in den Wirtshäusern angetroffen haben. Die Wirtsstuben sind meist mit Schweizeransichten und Trachten behängt. Zu den übrigen Kuriositäten des Landes gehört, daß der Dorfschütze Hier nicht mit einer Schelle, sondern mit einer Trommel durch den Ort geht, daß alle Wagenpferde wegen der engen Wege mit einem Schellengeläute versehen sein müssen und daß die meisten Wagen den Hauptsitz nicht von hinten nach vorn zu, sondern nach einer Seite hin haben, so daß der Rücksitz geschlossen ist. Ich könnte Dir wohl auch noch von anderen Dingen schreiben, aber ich will Dich und meine Feder schonen. Auf der Petersinsel Freitag, den 4. Juli (1828) Frühe Reisende sind wir gerade nicht. Die Sonne stand schon hoch über den Giebeldächern der alten Stadt, als wir erwachten, und erst um 8 Uhr standen wir allmählich auf. Eine schattige Allee führt zum Fisch- Altersbild von Hofrat Prof. Karl Weltzien ( ) haus, wo wir eine Gondel mieteten. Der Wirt bedauerte, daß die meisten Fremden nicht wüßten, daß man auch bei ihm übernachten könne. Sein Haus hat allerdings eine höchst angenehme Lage. Zwei Knechte des Hauses von einem gutmütigen Äußeren führten uns auf die Petersinsel. Ich hatte anfangs bemerkt, daß nach der Schilderung, die Rousseau von diesem seeligen Aufenthalt gibt, vielleicht die Wirklichkeit im Rückstand bleiben möchte, aber die Natur ist doch immer schöner als ihre Beschreibungen. Die lichtgrüne Flut des Sees, den die Sonnenstrahlen mit ganz eigenen, bald hellen, bald dunklen Streifen überzogen, der schöne Wechsel der Gegenstände auf dem rechten Ufer, wo sich hinter einem heiteren Vorgebirge der Chasseral erhebt, die Villen, Dörfer und über ihnen freundliche Kirchen, besonders die von Ligerz, dann der grüne Abhang, das Rebengelände, das auf der Höhe ein Buchen- oder Eichenwald umkränzt auf der linken Seite des Sees die zwar abgeflachten und weniger romantischen Ufer, 29

30 wo aber Nidau und einige anmutige Dörfer und hinter diesen die einzeln vorragenden Gletscher doch ihre Wirkung auch nicht verfehlen, hinter uns Biel und das Gebirg, das wir seitdem durchwandert hatten, das der weit ragende Weißenstein beschließt, vor uns die Anhöhe bei Cerlier (Erlach) und in der Ecke Neuveville, und in der Mitte des Sees die berühmte Insel selbst: dies sind die Gegenstände, die Du Dir selbst zu dem Gemälde ordnen magst, das vor unseren Blicken entfaltet lag. Über dem Ganzen lag aber ein so ätherischer Duft, wie ich ihn noch nie selbst in der Natur gesehen habe, wohl aber in manchen Landschaften von Hesperiens glücklicherem Himmel, die ich fetzt erst zu verstehen meine. Besonders erschienen die ferneren Gebirge in einer veilchenblauen Kolorierung, die meine frühe Überzeugung recht angenehm wieder stärkte, daß auch die Natur nicht verschmäht, ihre rohen Werke unter einem gewissen idealen Schleier zu verhüllen und dadurch dem ästhetischen Gefühl des Menschen näher zu bringen. Ehe wir an der Insel aufs Land stiegen, kleideten wir uns unter dem schirmenden Leinwanddach unseres Schiffchens aus, um ein Bad zu nehmen, zu dem uns das durchsichtige Wasser schon lange eingeladen hatte. Neu gestärkt und erheitert wandelten wir nun unter den dunklen Buchenalleen der glücklichen Insel. Durch das Gebüsch schimmerte hie und da der glänzende See herauf, an einzelnen freien Plätzen waren Sitzbänke angebracht, von denen man eine herrliche Aussicht genießt. Ich begriff, wie Rosseau hier Jahrhunderte in ungestörter Ruhe zu verleben wünschen mochte. Beim Anblick der kleineren Insel, die zur Petersinsel gehört und mit hohem Gestrüpp und Gras bewachsen ist, fielen mir B. s Hasen ein. Unsere Schiffer erzählten mir, daß die Kinder des Pächters noch vor wenigen Jahren zahme Hasen dort gehabt hätten, die aber von den Bauern aus der Umgegend erschlagen und gestohlen worden wären. 30 Unser gutes Geschick wollte, daß gerade heute die Gouverneurs einer Erziehungsanstalt von Montmirail mit mehr denn 50 Mädchen eine Spazierfahrt hierher gemacht hatten. Dadurch wurde die Insel belebt mit lieblichen Gestalten, die unter allen Bäumen und schattigen Plätzen spielten, Kränze wanden und sich höchst vergnüglich gebärdeten. Besonders lustig nahm sich die ganze Gesellschaft beim Mittagessen unter dem großen, weitschattigen Nußbaum aus. Uns beiden wurde nebst 5 anderen Herren aus Neuveville, worunter der Pastor des Städtchens mit 4 sehr munteren Junggesellen, gegenüber der glänzenden Gruppe gedeckt. Zahme Täubchen im Hofe pickten das Brot auf, das wir ihnen zuwarfen, und näherten sich uns ohne alle Scheu. Alles hat auf dieser glücklichen Insel ein poetisches Kolorit. Selbst das Modell zu einer Julie fehlte nicht in einer reizenden jungen Dame, die, ich weiß nicht ob zur Meierei oder zur Mädchenanstalt gehörig, alles mit vieler Grazie anordnete und gewiß die Nouvelle Heloise gelesen hatte sans en avoir ete perdue. Ich fragte einen der Oberhirten über die Schäflein, ob er nicht vielleicht eine Landsmännin zu den Seinigen zählte. Aus Köln und den preußischen Rheinprovinzen besitzt er einige, aber keine aus Baden, wo die Mütter ohne Zweifel Ursache haben, ihre Töchter nicht so leicht aus den Händen zu geben. Um uns ganz glücklich zu machen, gab uns der Himmel, der uns ohne Zweifel heute unter seinen besonderen Schutz genommen hat, noch das prächtige Schauspiel eines fernen Gewitters, wodurch die Bluten des Sees sich ganz dunkelgrün färbten. Ein ferner dumpfer Ton jedoch, der sich ausnahm wie eine Kanonade, gab unseren Fischern die Besorgnis, daß ein starkes Hagelwetter über ihre Weinberge gefallen sein möge. Daß einen Teil des fernen Gebirgs ein Hagelschlag oder doch mindestens ein kleiner Wolkenbruch getroffen habe, sah man auch wirklich ganz deutlich an einem großen wei-

31 Alte ßergwege führen durch die Heimatgeschichte Die Doppelkuppe des 431 m hohen Heiligenbergs auf der rechten Neckarseite bei Heidelberg ist eingefaßt von einem zweifachen, keltischen Ringwall. Der innere Wall hat eine Länge von 2000 m und der äußere von 3000 m. Dieser äußere Wall umschließt damit ein Gelände, in dem die Heidelberger Altstadt bequem Unterkommen könnte. Bereits in der Bronzezeit lag hier oben eine befestigte Anlage, deren Reste in der keltischen Wallburg gefunden wurden. Die doppelten Wälle hatten jeweils zwei Durchlässe an den westlichen Hängen der beiden Bergkuppen. An der Ostseite war die Wallanlage durch einen Abschnittsgraben von dem übrigen Berggelände getrennt. Zu diesen Durchlässen, die heute noch sichtbar sind, führen von der Ebene herauf zwei tiefeingeschnittene Hohlwege. Nach der ersten bronzezeitlichen Befestigung zu schließen, reicht ihr Alter also mindestens bis in die Bronzezeit zurück. Begangen und befahren wurden sie bis zur Anlage der neuen Wege im Stadtwald. Diese uralten Hohlwege sollen der Ausgangspunkt der nun folgenden Betrachtung sein. Sie hat die Entstehung und Bedeutung alter Bergwege zum Inhalt und möchte dazu anregen, auch an anderen Stellen solche Erkundungen und topographischen Festlegungen durchzuführen. Zunächst gilt es, die alten Hohlen zu erkennen. Zuweilen kreuzen unsere Fußwege oder Fahrstraßen tiefeingeschnittene Schründe, die mit Bäumen und Sträuchern bewachsen sind. Die schmalen Waldwege führen dann meistens auf einem kleinen Damm über diese Gräben. An Stellen, an denen sie sehr tief sind und etwa eine Fahrstraße kreuzen, werden sie auf ein längeres Stück zugeschüttet oder gar überbrückt. Auf den ersten Blick hält man diese Hohlen für alte Bergbachläufe, da sie zuweilen auch ein Von Ludwig M erz, Heidelberg schmales Rinnsal führen. Und trotzdem gibt es nach genauerem Betrachten wesentliche Unterscheidungsmerkmale gegenüber den Bachbetten, auf die ich im Laufe meiner Ausführungen noch näher eingehen werde. Ehe alten Bergwege sind nicht von vornherein geplant und angelegt worden. Für ihre Entstehung waren die Ausformungen und die Bodenbeschaffenheit des zu begehenden Geländes entscheidend. So führen sie unregelmäßig, oftmals geteilt und Unwegamkeiten ausweichend durch das Berggelände. In unserer Gegend, z. B. am Rande der Rheinebene, beginnen sie i. a. mit tiefen Einschnitten in den weichen Lößgrund (Abb. 1). Gar oftmals wurden sie bei Unwettern zugeschwemmt und wieder auf gerissen. Wir können sowohl im Löß als auch auf festerem Grund oft recht beträchtliche Tiefen messen. Auf felsigem Untergrund sind die Steigen meistens sehr flach und von weggeräumten Felsen eingesäumt. Das verleiht ihnen den Reiz eines Hochgebirgspfades, zumal wenn der Weg durch ein Felsenmeer zieht. Meistens führen mehrere Steige auf eine Höhe, um eine gegenseitige Behinderung des Fährverkehrs auszuschließen. Außerdem sind in den einzelnen Hohlen eine bis zwei Ausweichen eingefahren, indem zwei Wege ein Stück weit nebeneinander laufen und eine Verkehrsinsel bilden (Abb. 4). Es war natürlich notwendig, daß sich die bergaufund bergabfahrenden Gespanne gegenseitig verständigen. Dabei hatte das abwärtsfahrende Fuhrwerk die Vorfahrt, weil der beladene Wagen schwer bremsen konnte. Dieses Vorfahrtsrecht des beladenen Wagens gegenüber dem leeren ist bereits im Sachsenspiegel des Eike von Repkow, einem Rechtsbuch zu Beginn des 13. Jahrhunderts, festgelegt. Wie das Original, das in der Universitätsbibliothek Heidelberg aufliegt, 4 Badische Heimat

32 Querschnitte durch Hohlwege i i _ i i i i i ( 40 nx 50

33 A u s w e i c h e ( ^ r u n d r i f s ) n <- ' ' 'J r ' * '*: - - ' -... t.c 7./ \ ßi cqlv»»4 ' & h wvt. ^ - i r C l. vz3 f c * ' < >'' r*>-\ c w o ; ' > <C ' / Nr \ v"" V1 c:> Ä bb.4 zeigt, hat der Verfasser seinen Worten auch eine bildliche Darstellung (Abb 5) beigefügt. Oben auf den Höhen und Pässen verzweigen sich die Bergwege in verschiedene Richtungen und werden dementsprechend flacher. Jenseits der Höhe vereinigen sie sich dann wieder in einem jetzt wieder tiefer eingeschnittenen Weg. Die Abzweigungen und Kreuzungen liegen oft nur wenige Meter von den heutigen abseits im Gelände, in das sie sich harmonisch einfügen. Hatte sich an manchen Stellen eine Hohle zu tief in den Untergrund eingeschnitten, so wurden sie unwegsam. Der Platz für das Fuhrwerk wurde zu eng und die Böschung zu hoch. Außerdem sammelt sich an den tiefen Stellen das Wasser, und es entstehen Suhle und Rutschen, in denen mit Vorliebe die Wildschweine wühlen oder durch die das Raubwild schleicht. Das Edelwild dagegen meidet diese Löcher, da es die Gefahren kennt, die darin lauern können. Die Berggespanne mußten diese unwegsam gewordenen Wegstrecken umfahren. Deshalb finden wir an ihrem Rande flachere Umgehungswege. Stellenweise ist es auch möglich durch einen Querweg, einen Stich, auf den benachbarten Weg hinüberzuwechseln. Die Beschwerlichkeit dieser alten Hohlwege 4 gez. Merz und Steige zeigt sich allein schon in den Bezeichnungen, mit denen die geplagten Fuhrleute ihrem Ärger Luft machten. Wir hören Namen wie Schinder, Radbreche, Höll, Teufelsgaß, Saurutsch, Loch, Engpaß, Kniebrech usw. Wer denkt heute noch an diese Mühen, wenn er seinen Wagen im Schatten des Waldes auf wohlberechneten Serpentinen mit sanften Steigungen bergaufwärts steuert? Wenn ich anfangs sagte, daß die alten Bergwege nicht planmäßig angelegt wurden, so sind sie trotzdem von ihren Benützern gepflegt worden. Die Wartung bestand im Ausräumen der Hohlen zum Nutzen des eigenen und des nachfolgenden Gespannes. In vielen Orten wurde noch am Ende des vorigen Jahrhunderts im Frühjahr das junge Volk aufgeboten, um die Stolpersteine aus dem Weg zu räumen. Durch dieses Ausräumen entstand ein für den alten Hohlweg typisches Profil (Abb. 2). Man kann ihn dadurch von den durch Wasserläufe entstandenen Schründen leicht unterscheiden. Die natürlichen Einschnitte haben unregelmäßige eingerissene und nach innen abfallende Böschungsränder. Die Hohlwege dagegen sind an der dem Tal zugewandten Seite von einem je n a h Alter und Benut 4* 51

34 Abb. 5 Ein Verkehrsbild zung des Weges unterschiedlich hohen Steinwall eingesäumt. Er entstand durch das Aufwerfen der vom Berghang herabrollenden Steine, die man begreiflicherweise auf der Talseite wieder hinauswarf. In schmalen Bachtälern wird der Bachlauf i. a. von einer, in breiteren Tälern von zwei Hohlen begleitet (Abb. 3). Manchmal wechseln die Uferwege auch auf die andere Bachseite hinüber, meistens an solchen Stellen, an denen die Bachbiegung einen steilen Prallhang geschaffen hat. Die der Bachseite zugekehrten Ausräumwälle schützen den Weg vor Überflutungen und verhindern außerdem das Abrutschen der Gespanne in das Bachbett. Für die Holzfällerei und die Holzabschleife sind solche Hohlwege heute ein sehr großes Hindernis. Sie versperren den Zugtieren, die die Stämme zum Verladeplatz schleifen sollen, den Weg. Diese Holzschleifen ziehen fast senkrecht, wesentlich flacher und ziemlich geradlinig durch das Gelände, und sie sind mit den alten Hohlen nicht zu verwechseln. Die beiden Hohlwege zum keltischen Ringwall, die den Ausgangspunkt unserer Untersuchung bildeten, haben eine weit zurückreichende Geschichte. Sie wurden vor den Kelten bereits von Menschen der Bronzezeit benützt. Die Kelten selbst zogen in kriege aus Eike von Repkows Sachsenspiegel rischen Zeiten mit ihren zweiräderigen Ochsenkarren auf diesen Zugangswegen hinauf hinter die Wälle. Nach den Kelten, die hier oben ihre Götter verehrten, wurde derselbe Berggipfel auch ein geweihter Ort für die Germanen. Als die Römer das Land besetzten, zogen sie auf den alten Wegen hinauf zu den beiden Bergkuppen und errichteten einen Wachturm auf dem niederen und ein Heiligtum auf dem höheren Gipfel. Am Fuße des Berges verehrten die Legionäre in einer Grotte den Gott Mithras. Als sich die Römer nach dem Alemannensturm auf das linke Rheinufer zurückziehen mußten, stürmten alemannische Krieger im Schutze der alten Hohlen den Berg hinunter und vernichteten das letzte römische Schanzkommando. Auf denselben Wegen fuhren Mönche aus dem Kloster Lorsch die Steine herbei zum Bau des Michaelsklosters und des Stefansklosters. Jahrhundertelang zogen an Pfingsten die Prozessionen hinauf zur Klosterkirche, und im Mittelalter erklangen in diesen Wegen die Gesänge der Geißelbrüder. Nach dem Zerfall der Klöster führten die Bewohner der benachbarten Dörfer auf diesen Wegen die behauenen Steine zu Tal, um daraus ihre Häuser zu bauen. Ein anderer, geschichtlich bedeutender alter Weg, ein Paßweg, liegt auf der linken 52

35 / ßen S tre ifen, d e r sich v o n e in e r d e r d u n k len W o lk en bis z u m S e e a n ein em A b h a n g h e ra b zo g. D u rch d ie A n stre n g u n g u n sere r S ch iffer erreich ten w ir noch N e u v e v ille v o r d e m R e g e n u n d suchten h ie r v o r d e m to b en d en S tu rm im G o ld e n e n L ö w e n b ei ein er Schale Kaffee Schutz.... A ls d e r S tu rm ausg eto b t hatte, g in g e n w ir noch in d e r A b e n d k ü h le, a n fa n g s b ei ein em leichten R e g en, N eu ch d tel z u. Anmerkungen *) Vgl. Georg Böse, Auf den Spuren Rousseaus in der Westschweiz, Reise-Beilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung v , Nr ) Georg Böse a. a. O. s) Bad. Biographien I (1875) S. 336 ff. 4) Lebensspuren Hebels, Badische Heimat 1960, S. 31 ff (S. 39). Dort auch Hausraths Porträt (S. 30). 5) Über Karl Weltzien ( ): K. Birnbaum in Bad. Biographien II (1875), S. 448 ff. 6) Ich trage keine Bedenken, diese mir von meinem Onkel Prof. Herbert Hausrath, dem Enkel von August und Julie Hausrath-Weltzien, mitgeteilte Geschichte für verbürgt zu halten, zumal sie mir erst kürzlich ( ) bei einer Begegnung in Bad Homburg v. d. H. auch noch von dem am 28. Mai dieses Jahres verstorbenen Enkel des Chemikers Karl Weltzien, Herrn Prof. Dr. Wilhelm Weltzien (Textilchemiker in Krefeld) bestätigt wurde. 7) Vgl. Birnbaum a. a. O. 8) Er scheint für Karls Kusine Julie Weltzien bestimmt gewesen zu sein, mit der Hausrath damals allerdings noch nicht verlobt gewesen sein dürfte. Kahnfahrt W ie durch ein G las gerchaut, entfteigt s dem Grunde des Sees und roiegt (ich, fchmiegt (ich in die Welle und gleitet roeg und bleibt doch auf der Stelle, oerzaubert oon dem Glanz der Mittagsftunde: Ein Ichroanher W aid, aus fchlanhen Wunderbäumen, die fchroerelos roie Haar durchs Waller fchroeben mit Alten, Blättern, die in Fluten beben lichthungrig in der grünen Tiefe träumen. Fremd ift dort unten eine W elt gebreitet, mir fchroeben lautlos drüber mit dem Kahne - 6 s ift, als ob das Herz ooll Bangen ahne das Drohende, das unter uns entgleitet. Mar Rleple 31

36 Zum hundertsten Geburtstag der Wiesentalbahn am 5. Juni 1962 Vor wenigen Wochen jährte sich der Tag zum hundertsten Male, an dem zum ersten Male ein Eisenbahnzug mit festlich gewandeten Fahrgästen die Strecke Basel Schopfheim im Wiesental befuhr; er wurde von der freudig gestimmten Bevölkerung aller anliegenden Ortschaften freundlich begrüßt und willkommen geheißen. An einem Donnerstag, am 5. Juni 1862, fand dieses denkwürdige Ereignis statt, und es geziemt sich wohl für die Wiesentäler, dieses Festtages dankbar zu gedenken. Es soll deshalb hier zu schildern versucht werden, wie der Gedanke der Erbauung einer Bahn von Basel nach Schopfheim entstanden ist und in die Tat umgesetzt wurde. Dabei sollen auch die Namen einiger Männer nicht unerwähnt bleiben, deren Initiative und Unternehmungsgeist das Planen und Vollbringen des Werkes zu verdanken ist. Nicht zuletzt wurde auch der Einweihung der vollendeten Bahnstrecke gebührend gedacht; war sie doch für Basel und für das Wiesental im wahrsten Sinne des Wortes ein Festtag. Es soll jedoch nicht Aufgabe dieser Zeilen sein, den Einfluß zu beschreiben, den der Bau und Betrieb der Wiesentalbahn auf die wirtschaftliche Entwicklung unserer engeren Heimat in den vergangenen hundert Jahren gehabt hat. D ie G rü n d u n g e in e r p riv a ten E isen b a h n gesellschaft Schon im badisch-schweizerischen Staatsvertrag vom 27. Juli 1852 war Baden neben dem Recht, seine Staatsbahn durch die Kantone Baselstadt und Schaffhausen zu führen, auch die Möglichkeit eingeräumt worden, eine Bahn von Basel in das Wiesental zu erbauen. 32 Von Albert Sturm, Lörrach Aber die badische Staatsverwaltung wollte in den Jahren um 1860 die ihr durch den Bau kostspieliger Eisenbahnstrecken, insbesonders der Odenwald- und Schwarzwaldbahn entstandenen bzw. entstehenden Schulden nicht durch die gleichzeitige Inangriffnahme kleinerer Seitenbahnen vergrößern. Es kam hinzu, daß Hindernisse politischer Art auftraten. Als in der Ersten Kammer der Badischen Stände in den Jahren 1859/60 von der Wiesentalbahn die Rede war, führte der Referent aus: Nicht wünschenswert ist es, daß der untere Teil der neuen Bahn auf Schweizer Gebiet zu liegen kommt. Für die Wiesentäler, die vor hundert Jahren lebten, war aber eine Bahnlinie ohne direkte Verbindung mit Basel ein sinnloses Fragment; Basel ist und bleibt ein kultureller und wirtschaftlicher Schwerpunkt für das Wiesental, und es ist sehr erfreulich, daß dank dem Eingreifen tatkräftiger Männer auf beiden Seiten der Staatsgrenze schließlich alle Hindernisse beseitigt wurden, die der Projektierung und anschließend der Ausführung der Bahn im Wege standen. Ich betone die Worte: auf beiden Seiten der Grenze! Wir wollen es auch heute wieder dankbar anerkennen, daß die Bahn mit Hilfe von Baslerischer Initiative entstanden ist. Dabei soll nicht verkannt werden, daß eine Anzahl schweizerischer Industrieller Betriebsstätten im Wiesental hatten und daß daher deren Eigentümer auch selbst ein Interesse daran haben mußten, durch die Wiesentalbahn an das entstehende internationale Bahnnetz angeschlossen zu werden. So kam der Gedanke zum Durchbruch, die neue Bahnstrecke nicht durch den badischen Staat, sondern durch eine zu diesem Zweck zu gründende private Gesellschaft erbauen zu lassen; jedoch sollte

37 Abb. 1 Alter Badischer Bahnhof Basel um 1900 phot. Hoffmann, Basel d e r Betrieb durch die badischen Staatsbahnen wahrgenommen werden. Am 20. Januar 1859 wurde ein an die Öffentlichkeit gerichtetes Rundschreiben bekannt, das von den Herren Wilhelm Geigy in Basel, Johann Sutter in Schopfheim und der Firma G. Müller und Consorten in Karlsruhe unterzeichnet war, in welchem für die Wahl eines Komitees geworben wurde, das die Gründung der privaten Wiesental- Eisenbahngesellschaft vorbereiten sollte. In diesem Rundschreiben wurde schon erwähnt, daß die Großherzoglich Badische Staatsregierung die Erteilung der Konzession für den Bau der Bahnstrecke Basel Schopfheim wie auch die Übernahme des Bahnbetriebes durch die Badische Staatsbahn in Aussicht gestellt habe. Als einige weitere Förderer des Projektes seien erwähnt: C. W. Grether von Schopfheim, M. Pflüger, C. R. Gebhard, A. Flath und C. R. Gutsch von Lörrach; R. Sarasin, Fr. Zahn-Geigy von Basel, letztere als Inhaber von Textilbetrieben in Haagen, Steinen und Maulburg. Das Gründungskomitee muß gute Arbeit geleistet haben: am 4. Juni 1860 gab ein Bankenkonsortium in Basel eine Einladung an die Öffentlichkeit, sich an der Zeichnung des Aktien- und des Obligationenkapitals der Wiesentalbahngesellschaft zu beteiligen und bemerkte im Text, daß im Wiesental schon 1700 Aktien (von insgesamt 3200 Aktien zu je 250 Gulden), also mehr als die Hälfte des Aktienkapitals gezeichnet worden seien. Der Rest des Anlagekapitals wurde durch die Ausgabe von Prioritätsobligationen in Höhe von Gulden beschafft. 3 Badische Heimat

38 Abb. 2 Bahnhof Riehen 1890 Nach einem Aquarell im Staatsarchiv Basel Die Unterschriften unter dieser Einladung zeigen die Namen einer Reihe von angesehenen Basler Bankhäusern wie Bischoff zu St. Alban, Ehinger & Cie., J. Merian-Forcart, Passavant & Cie., J. Riggenbach, von Speyr & Cie. sowie diejenige eines Mitgliedes des Gründungskomitees: Emanuel La Roche Sohn. Am 27. August lud das Gründungskomitee zu der am 3. September 1860 im Hirschen in Lörrach stattfindenden Gründungsversammlung der 'Wiesental-Eisenbahngesellschaft A.G., der ersten badischen privaten Bahngesellschaft, ein. Im Einladungsschreiben tritt neben dem Namen des Vizepräsidenten Johann Sutter von Schopfheim auch erstmals der Name des Sekretärs Marx Pflüger in Erscheinung. Er ist identisch mit dem unter dem Namen Markus Pflüger noch bekannter gewordenen Lörradher Hirschenwirt, Revoluzzer und späteren Abgeordneten. Die gleichzeitig mit der Einladung zur Gründungsversammlung veröffentlichte Tagesordnung zeigt, daß man sofort in medias res ging. Zunächst wurden die erforderlichen Beschlüsse hinsichtlich der Gründung der Gesellschaft und der Höhe des zu beschaffenden Aktien- und Obligationenkapitals gefaßt und Oberst W. Geigy von Basel als Präsident des Verwaltungsrates sowie Markus Pflüger von Lörrach als Präsident der Direktion der neuen Gesellschaft gewählt. Ferner erbat ein an die Großherzogliche Regierung gerichtetes Ansuchen die umgehende Ausfertigung der Konzessionsurkunde; die Konzession wurde auch alsbald erteilt, und zwar auf die Dauer von 80 Jahren, wobei sich die Badische Staatsregierung das Rückkaufsrecht vorbehielt. Etwa gleichzeitig erfolgte die Berufung des badischen Inspektors Günther als Leiter der Bauarbeiten für die gesamte Strecke von Basel bis Schopfheim. 34

39 Abb. 3 Zeichnung über die in Lörrach projektierten Bahnhofsanlagen beim Turm und,,auf dem Brühl um 1860 K. Poltier, Lörrach, Orig, im Besitz von F. Binoth, Lörrach B a u a u sfü h ru n g Ein Tätigkeitsbericht vom April 1862, welcher der Generalversammlung der Aktionäre kurz vor der Eröffnung der Bahn vorgelegt wurde, zeigte in erschöpfender Form, welch umfassende Arbeit in den knappen zwei Jahren seit der Gründung der Gesellschaft geleistet worden war. Ursprünglich waren Stationen in Riehen, Lörrach, Haagen, Steinen, Maulburg und Schopfheim vorgesehen gewesen; die Gemeinden Stetten und Gündenhausen hatten nachträglich um Errichtung von Haltestellen gebeten. Durch das Badische Handelsministerium wurde die Haltestelle für Stetten genehmigt, diejenige für Gündenhausen jedoch abgelehnt. Interessant ist es, dem Bericht zu entnehmen, daß die Bauarbeiten durch die Stuttgarter Bauunternehmung Fritz Müller ausgeführt wurden, während die Lieferung der beiden eisernen Brücken bei Brombach und Steinen durch die Firma Harkort in Westfalen erfolgte. Für die auf Schweizer Hoheitsgebiet zwischen Basel und Stetten liegende Strecke wurden Schienen aus England bezogen, für die auf badischem Boden liegenden Gleise Schienen durch die Badische Bahnverwaltung geliefert. Daß gelegentlich auch erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden waren, welche weniger den Ingenieur als vielmehr den Kaufmann oder den Verwaltungsbeamten angingen, mag aus folgendem Hinweis des Geschäftsberichtes zu entnehmen sein: In der Gemeinde Riehen waren für die Durchführung des Eisenbahnbaues 304 Parzellen, 7 Häuser und 2 Schuppen zu erwerben. Von diesen konnten nur 186 Parzellen und vier Häuser gemäß gütlicher Vereinbarung erworben werden. Die restlichen Parzellen, Häuser und Schuppen mußten enteignet werden, was in 54 Fällen zu Rekursen an das Schweizerische Bundesgericht führte. In einem Fall mußte sogar die Direktion der Wiesentalbahngesellschaft Berufung beim Schweizerischen Bundesgericht einlegen. Hatte doch die Schätzungs- 3 * 35

40 Abb. 4 Bahnübergang an der Wallbrunnstraße in Lörrach 1885 phot. Hügin Lörrach Stadtarchiv Lörrach kommission die Gesellschaft verurteilt, wegen der Nähe der Eisenbahn und der Station an das Schulhaus in Riehen eine Inkonvenienz- Entschädigung von 6000 Franken zu bezahlen, also wohl eine Vergütung für die künftig zu erwartenden Belästigungen durch Rauch und Lärm! Ob die Berufung beim Schweizerischen Bundesgericht der Wiesentalbahngesellschaft einen Erfolg gebracht hat, bleibe dahingestellt! Daß dieses während der Dauer der Bauarbeiten stattgefundene Scharfschießen in Riehen aber doch zu keiner bleibenden Verärgerung zwischen der Riehener Bürgerschaft und der Wiesentäler Eisenbahngesellschaft geführt hat, geht aus der etwas pikanten Bemerkung eines Basler Zeitungsreporters hervor, der bei der Schilderung der festlichen Einweihungsfahrt berichtet, am Stationsgebäude in Riehen sei unter hübschen Dekorationen die Inschrift zu lesen gewesen: Rosen auf den Weg gestreut und des Harms vergessen! Aber auch auf der badischen Seite der Grenze, so besonders in Maulburg und Höllstein, kam es zu energischen Einsprüchen gegen die geplante Streckenführung. Aber die Einigung scheint hier ohne das Eingreifen richterlicher Instanzen erfolgt zu sein. E rs te r F a h rp la n Unbeschadet der eben geschilderten auf beiden Seiten der Grenze zu überwindenden Hindernisse konnten die Bauarbeiten programmgemäß vorwärts getrieben werden, so daß das Großherzogliche Post- und Eisenbahnamt in Basel unterm 2. Juni 1862 im Amtlichen Verkündigungsblatt für die Bezirksämter Lörrach, Müllheim, Schopfheim und Schönau den ersten Fahrplan veröffentlichen konnte. Er ist nachstehend wiedergegeben und zeigt, daß ab 7. Juni 1862 täg- 36

41 Abb. 5 Alter Bahnhof Lörrach um 1909 lieh vier Züge in beiden Richtungen verkehrten (heute 14 Personen- und 2 Güterzüge!). Die Reisegeschwindigkeit für die rund 21 Kilometer lange Strecke war nicht gerade überwältigend; für die Bergfahrt wurden zwischen 65 und 85 Minuten, für die Talfahrt zwischen 45 und 61 Minuten benötigt (heute 31 und 28 Minuten). Die Station Stetten wird vorerst nicht bedient, weil das Stationsgebäude erst später fertiggestellt werden kann; sie wird erst am 1. November 1862 für den Verkehr eröffnet. Festliche E r ö ffn u n g d e r B ahn Bevor jedoch der fahrplanmäßige Dienst aufgenommen wurde, sollte am 5. Juni die feierliche Einweihung der Strecke erfolgen und zwar damaligem Brauche gemäß in Anwesenheit nicht nur der Regierungen des Großherzogtums Baden und des Kantons phot. Hügin Stadtarchiv Lörrach Baselstadt, sondern entsprechend der Bedeutung des Tages im Beisein der beiden Staatsoberhäupter, also von Großherzog Friedrich und dem eidgenössischen Bundespräsidenten Dr. J. Stämpfli. Das Programm für die von der Wiesental-Eisenbahngesellschaft organisierte feierliche Eröffnung der neu erbauten Strecke ebenso wie die Eintrittskarten zum Extrazug und zum Festmahl im Gasthaus Zum Pflug in Schopfheim sind nachstehend wiedergegeben. Es läßt uns Angehörige einer späteren Generation aufhorchen, schmunzeln, nachdenken und vielleicht sogar ein wenig neidisch auf die gute alte Zeit zurückblicken. Es umfaßt nicht weniger als 19 Punkte, beginnend um 6 Uhr früh in Karlsruhe mit der Abfahrt des Extrazuges, mit welchem Großherzog Friedrich nach Basel reiste, und endigend mit der Bemerkung, daß ein Extrazug abends einen Teil 37

42 Abb. 6 Alter Bahnhof in Lörrach um 1885 der Festgäste von Basel nach Freiburg bringen werde. Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, daß die in Basel separat stattfindenden schweizerischen Festlichkeiten zu Ehren des eidgenössischen Bundespräsidenten im vorstehend erwähnten Programm selbstverständlich nicht enthalten sind! So bescheiden damals verglichen.mit der heutigen Zeit die ganze Lebenshaltung gewesen sein mag, so meisterhaft verstand man es aber auch, nach dem Wahlspruch: Saure Wodien frohe Feste zu feiern. Die 19 Punkte des Programms zeigen eine so epische Behaglichkeit, daß man nur bedauernd feststellen kann, Johann Peter Hebel sei leider nicht mehr unter den Festgästen gewesen. Nur die Lokomotive, welche den Festzug führte, trug diesen Namen. Die Badische Eisenbahnverwaltung hatte es sich nicht nehmen lassen, durch die Bereitstellung gerade dieser Lokomotive für die festliche 38 Eröffnungsfahrt sich vor unserem Wiesentäler Heimatpoeten zu verneigen. Schon in Freiburg wurde der Landesherr von Vertretern der Basler Kantonsregierung begrüßt; sie begleiteten ihn auf seiner Fahrt nach Basel und ins Wiesental. Im Badischen Bahnhof in Basel wurde der hohe Gast unter Mitwirkung der Musikkapelle des 80. Schweizerischen Bataillons vom Verwaltungsrat und der Direktion der Wiesentalbahngesellschaft willkommen geheißen. Anschließend empfing Großherzog Friedrich zusammen mit den Vertretern der Wiesentalbahngesellschaft hohe Gäste aus der schweizerischen und der Basler Regierung, darunter den Eidgenössischen Bundespräsidenten Dr. Jakob Stämpfli und Bundesrat Näf, ferner aus Basel Ständerat Stähelin und Bürgermeister Burckhardt. Aus dem Programm ist ersichtlich, daß der Festzug um 11 Uhr 15 in Basel abfuhr ' und nach kürzeren oder längeren Auf-

43 Abb. 7 Schopfheim um 1865 Lith. E. Kaufmann, Lahr. Bes. K. Poltier, Lörrach enthalten an allen Stationen um 13 Uhr 30 in Schopfheim ankam. Zwei Stunden und fünfzehn Minuten für die Strecke von 21 Kilometern! Das war wirklich auch unter Würdigung der Dauer der verschiedenen Begrüßungsansprachen und der damit verbundenen Ehrentrunke an allen Stationen eine eindrucksvolle Dokumentation echt Hebelscher Gemächlichkeit und Behaglichkeit. A propos Ehrentrunke! Daß Friedrich I. sich allen Situationen, die mit dergleichen Festlichkeiten zwangsläufig verknüpft sind, gewachsen zeigte, geht aus folgender hübschen Geschichte hervor, die sich gerade ein Jahr nach der Eröffnung der Wiesentalbahn am 13. Juni 1863 in Konstanz ereignete, als die Bahnstrecke Waldshut Konstanz feierlich eingeweiht wurde. Ein badischer Minister meinte besorgt: Nun haben wir acht Ansprachen anzuhören! Die Antwort des Fürsten: Das wird sich mit Geduld ertragen lassen! Darauf ein anderer Minister: Aber die acht Ehrentrunke sind noch schlimmer! Darauf Friedrich I.: Das macht m i r keinen Kummer, dafür habe ich meine verantwortlichen Minister! Auf der Fahrt nach Schopfheim wurde der hohe Gast besonders in Lörrach durch Oberamtmann von Preen und Bürgermeister Wenner begrüßt. In seiner Erwiderung dankte Großherzog Friedrich der Lörracher Bevölkerung und gab seiner Genugtuung darüber besonderen Ausdruck, daß kurz vorher in Lörrach Staatsminister Freiherr von Lamey zum Mitglied der Badischen Abgeordnetenkammer gewählt worden sei. Die Fahrt des Festzuges durch das Wiesental war, vom herrlichsten Wetter begünstigt, unvergleichlich schön; alle O rtschaften zeigten reichen Festschmuck; überall badische, schweizerische, baslerische und schwarzrotgoldene Fahnen, Kränze, Transparente mit originellen Versen, Böllerschüsse und Glockengeläute! Das ganze Wiesental feierte mit! Der Empfang in Schopfheim zunächst durch die Kapelle des Großherzoglichen zweiten Füsilierbataillons, sodann am Bahnhof durch die Vertreter des Amtsbezirkes 39

44 GaU.B,tinztütt Maschint. Umbau. und der Stadt Schopfheim und schließlich im Rathaus war ebenfalls von großer Herzlichkeit getragen. Aber von besonders freundnachbarlicher Gesinnung -zeugten die Begrüßungsansprachen, die beim anschließenden Festmahl gewechselt worden sind. Die erste Rede hielt der Präsident des Verwaltungsrates der Wiesentalbahngesellschaft, Oberst und Fabrikant Wilhelm Geigy. Er schloß mit Hebels Versen: E frohe Ma, e brave Mal Jez schenket i und stoßet a! Es leb der Markgraf und si Hus, Ziehn t d Chappen ab und trinket us! und brachte ein dreifaches Hoch aus auf den Großherzog und auf das Großherzogliche Haus. In seiner Erwiderung sprach der Fürst davon, wie wichtig ihm persönlich jede neue Verbindung mit der Schweiz sei; er begrüßte die neue Bahn als ein freudiges Ereignis und forderte die badischen Festgäste auf, auf die schweizerische Eidgenossenschaft ein dreifaches Hoch auszubringen. Bundespräsident Dr. Stämpfli erhob sein Glas auf das benachbarte und befreundete Großherzogtum Baden, Bürgermeister Grether von Schopfheim trank auf das Wohl der benachbarten Stadt Basel und Bürgermeister Burckhardt von Basel brachte einen freundlichen Trinkspruch auf die Wiesentalbahn selbst aus. Über Bundespräsident Dr. Stämpfli habe ich in schweizerischen Akten eine hübsche Anekdote gefunden, die bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt bleiben soll. Er war in schweizerischen und kantonalen Kreisen als ein etwas hemdsärmeliger Eidgenosse bekannt; man war deshalb in dem auf Etikette sehenden Basel besonders befriedigt, als er sich seiner diplomatischen Aufgabe in Schopfheim mit eben so viel Geschick als Erfolg entledigte. Aber Basel hat dabei doch noch ein wenig nachgeholfen: Sein Begleiter, der Basler 40

45 Abb. 9 Ratsherr Im Hof, hatte auf der Fahrt vom Hotel Drei Könige zum Badischen Bahnhof mit großem Befremden festgestellt, daß sein hoher Gast aus Bern über keine schwarzen Glacehandschuhe verfügte, hatte deswegen die Kutsche kurzerhand vor einem Lädelchen im Kleinen Basel halten lassen und den Bundespräsidenten zur Anschaffung dieser nach seiner Auffassung zum Der erste Zugführer der Wiesentalbahn Kasimir Bauer Bronze-Kleinplastik im Heimatmuseum Lörrach Empfang eines ausländischen Potentaten unbedingt notwendigen Requisiten veranlaßt. Das Menu des Festessens im Pflug habe ich beim Durchstöbern alter Akten nicht gefunden. Ich bin aber überzeugt, daß es sich in würdiger und echt markgräflerischgastfreier Form in die neunzehn Punkte des Festprogramms eingefügt hat. 245 Gäste nahmen daran teil. Daß sehr bald die freu- 41

46 4x ;: e \M L ÄOUNGS - K A R r. r «r fi-tty r f ä J"t4* t 4e n k * - J **/ -* 4 ^ vti% ei,~h*ufttjnßii**r(. ^Cvffm.fx.n.n/ iu m» > e ^ -,. ERW.G. Verehr U i (Änftljaus jwm YlTutj tnscfie *}ffl 3, 4HS* Isti > %Vbr, Ittrpctim i der Wieseftlhnihtihit, M «f»t j,.. I /? jpa» ~ v v^< k*i 4«> ' :.' X^ V ' : r ^ ' 4 x $ y, \ m % s 1 n n ö«r 'p w W g ö f t d i a f s> ' *-a v rff» 8. Ju n i t8$3. Uirtfittm M r Wifse«1»*lfctk% ÄS, Pt* 49> *%.«*s*tt w*«s*» «fcmt&m fmmdto. :*< >*, &. ü*«*«**!&r» - J -4&6. 10 Einladungskarten zum Festmahl und zur Festfahrt am 5. Juni 1862

47 ^ r o i i r a t n m jut fritrfidbcn j* ij Vdrtjcha'lsvcM» S»stl \M J u s * }... Hoffnung ber ^iefen%f-cstfä r o «5. Ju n i 196». 1) 3» btt ri*b* 6 U r Slbfabrt riscl (ri-trajugrl»ob ita rlß ru b r mit S ein er Ä bniglia en 4>o$eit b iw O ircft^erjcg unb fcoa^beffen befolge, fotote ben übrigen mit $utfartf» öcrfebeue«, tipih jur 9et$cüigung am tbeill $ur ftirriiaen dtöfrur^föbvt ringriabenea Mafien aal Äarllrube. Ziffer ßag»irb nur ia Dfenburg sab farribarg Jurje 3«* f*&n»»ab um 10 Ufer 15 ISrinaien in 33aftl rintreffen, 2) ätowaittagl 8 Ui?t Abfahrt cm«? örtrajuge wn S A e p fb e ia im it Äubaitea a» bei» Stationen S R aalb arg, S te in e n, & aagtr, S o traa unb R ieb en, Wt mit freicartea wrfebeae» SSiejeitibatcr $eftgafie naa 33 af«i ju bringen. SUfunft bafelbö SBonnittagl 9 U$r. 3) Um 9*/t (Smpfang ber Rborbuang bei ^o^en fa toei$erif Aen 33nnbe*ratbl, fa»k ber R egierung»ob B afel buta bte irectioa unfc ben Scnoaltuitgöratb ber äbiejentbalbabn. 4) RaA Änfanft bei Ttrajugl oon Äarllrut* Ömpfang d e in e r JtonigliA cn c b r it bura bic $ireeiimt unb fcrn Bernwltanglroib brr SSiefenthaUxifea <utf bm f&rroa. 5) Qmfbmt uab «ege*?* S e in e r Ä ouigii Aea $ o c i t bei Q r o $ b 'U 9 g l bara bic fa»d$crifatn Beborbe*. 6) RaA ßinnabwe»on ßrfrifAuHgen fcbfabrt bei ftcfrjugl am 11 U$r 15 SRinaten t»n 33afei, in welacw fammtuae mit greifartro ber 3>ircrtioB ber ^Btcfcntbalbabn mfebenen ^erfonca Bia$ nehmen. 7) Äurjrr >alt in Sieben jar äritaa$aie brr Ortlbe^orbe mb übrigem ßtagelabenca. 8) SCnfunft in 8 o rra & 11 Ubr 50 S^inuria. gcierltcbcr Empfang roa ber auf bas Bahnhöfe be^nbitaen Srrfamtalaag. Begrünung bunfc bca Slmtloor^anb Rataenl bei Sfmflbejirfs «nb bur& ben Bütgeimetfter Ramenl ber Stabt RerraA. UebemiAen eine! (Sbrratrunfl, Vorträge ber Okfangvereinc aub SRujif. 9) Hbfabrt wn S a tra p 12 Ubr 20 2Rinuten ustcr SRitna^mc brr mit gtrifarien ber 2>irectio» bet UBicfrntbalbabn «etfthroen fcomaer äfte. 10) Ätcrgt mlte auf ben Stationen W aagen, S te in e n unb SR aulburg $ur Safnobtne ber mit grrtföritn wrfebenen Verfetten. 11) Änluaft in 6«b bfbf «Ratbmittag«1 UbT 30 Äinuten. feiert «ber Empfang fcur^ bic auf bem 33ab«bof bcfiabli^e Serfammlung. 33egTÜbaag bura ben Slmtlror^anb Ramen«bei flnmbttfru mb burib ben 33ürgcrmriftcr Ramctil ber tobt Aspfbrort* ^eflgtfarg unb SRupf. 12) S ot bem 33abubof ^ebea SBagen bereit, um S ein e JtoaigliA e ^ o b e tt ben ro $ b trjeg, bie SRitgiieber bei rcfrberjeflliaea Staatlmiai^rriuml unb bic ^räfibenten bet bobifaen Äammrrn, fomie bie $>tu* gation bei b«*bcr fa w eijerifa en 33nabclr«tbl unb ber bobcn S eg iern n g oon i a f e l naa bem 'Jiatbbanl ju geleiten, too fia aaa bie übrigen jum gefrmabl eingelobenen äfte einfinben. 13) Hn bem Ratbbaufe oorbei wirb ber wn ber Stabt S A opfbtim reranftaltete gejtjug feinen Sßeg nebtneu unb bataaf oon bem Ratbbaufe an bil jam ajibaafe jam 3Jfiug Spalier bilben Programm zur Eröffnung der Wiesentalbahn Ende nächste Seite Aus dem NVirtscbaftsarchiv Basel

48 14) S a* 9t$*t%m«bei jüotl ist SaiptKUurtaatt t u *M *tsu* btt jttm gtfhaamr attah (M c aul htm»itftallm lt, fmrft brr 2t4a»*f4mtta. brr «kifrti*, brr «irjcrufisrr tß* brr S trtrtirr brt «h i! - onb aahrwgaatf«au«tra UmtdtcsMt e*c>>f& ti» fort». (JXr $crftthun(( brr»fbbrbta aa«hon Shottbtjitft 9 e rra * m xtn ti«t Jtt» ig ü * r feebtil b tt ÖtreSbrrseij am 6. 3a»i Samittag«in S ä rta * tnt^tntantbmfa äro*.) 15) 9nfanS btt M rjjtsb im «asbanft }>«$fol* nm 2 Hbt 30 SSinnlt«für bie non btt SNwrtiw bn 5Wrjri*«lh*» btimbcrt ba;a mtartattntn #aflr. 16) Ra* Stotbiänng btftlbtn Sri«* bfr frtbrtbbrbt )Ur (Sinnabmt btl Jtafttd. Si«SI nnb Jtfijtfan( c brr ötfanjwmac. 17) Sa*mttaa«;iri dx«5»nb 5 llbr Striima»«^fabrt m S * t b f b t i n tu* " c r r a * nab»arä«anf brr Stftnbabn für Ixus $»butora na* nähmt Sk^itnrnnn,) bn Jürrrti btt 5Pir)rntbaihiim. _,8) * M»«*> 6 Mbr»ürffabrl btd Äcn;«*! na* S a ftl mii jlubaltta an bat Starten SSaalhatg, «s ttin tn, p a a g ta, g c r r a * nnb S ith rn. S tin t «e n ig liit o $ tit btt «re fb rrje s ««* $»*8Mta»folgt nmb in? e tra * btn 3««Krlaflcn «ab baftlbs 4bfrna*ttn. 19) Sa* Snfunft btd ttssagd in» a f tf teirb na* tin (Srtr«5*fl für btt mit Srtffartt» wtftbtnrn (5t9 Safte nad» Arnt>urg ahacbnt. Rückseite von Abb. 11 K \33 r! m m t in a d) ii n n c n. gür bic bribett geftfv ie bc» 5. unb (i. 3 u n i, wäprcub bcr?lnwcfenf)eit e in e r Äönigliepen ft ob eit be«re» f ilie r j V ( «treten fü r bie ta b t fiürrad) unb Umgebung ju r SBermribitttg ron Störungen unb Unfällen foli& ibe Slnorbmmgcu in K ra ft : t ) 3 n beit au p tftrafir\ ber ta b t'b ü rfe n feine SBagen tiod) anbere ben freien Berfebr betnmeitbe egenftänbe aufgeflellt i'k r gelagert werben. 2 ) 2lm Slbcnb bei 5. 3 u t \ i f t»om b eg in n bcr Slnnäljeruttg bc«saljngug«bi«511m bcenbigten Jtl jug bcr IBürgrrfcpaft au«ber 2& nrm ftrafte bic leitete für gnbrw rrf unb guftgänger gezerrt. 3 ) SBäprcnb ber 9fad )t rorn y. auf ben 6. ijt bi«srorgeti«früt> bie Spurm ftrafie unb bie Itjumringerftrafie für guprw erf a ü e rv lrt gefperrt. ic Jlb fab rt ron bcr- 8anbftrftjj\gcfd jief)t auf ber neuen trn jje läng«bem SBabnbamm unb burd) bie SHM brunnftrafie. \ 4 ) 9Cm 6. Sßormittag«b arf wäpreltb ber SluffteHung ber 35ürgrrfepaft unb bi«ju Sfuflöfung be«spalier«bie Spunnftrafie niept b efahren,y od) ofjttc rlaubnifi bcr gejtorbiter begangen reerben. 5 ) 5)>"tbtbierc aller 2lrt trerbett r o n V tt igentbüntern am 5. ltnb 6. eingefperrt gehalten werben. G) ffläbrenb bcr feftiidjen 25cleud)tuirs bcr tab t bürfen feine fffiagen in ben tragen ber Stabt 11ml) erfahren. \ 3 ebermanu wirb aufgefovbert, beim Umbaägebcal au f ben tragen ft<b moglicbft auf ber red)ten trageufeite jtt g alten, bam it gllju ftarfe«eoi^ftge unb totfung be«ffierfepr«rermieben trerpe. Ätnbtr bürfen nirtjt ohne Slufftdjt auf bic trafjci\ Per ta b t gelaffctt werben. Äinbcr, bie nod) nidjt geben fönnen, bürfen im ebräuge nidjt umlttr^etrxaen werben. 7 ) 5Dfit bem d)lug bc«gefte«nm 5.,'iw lcb \ r burd) ein mit Satbbau«glode rer= fünbet w irb, werben bie 23cwol)nrr bcr tab t S ü rra d M ic Selcnebtung ber R au fer lifepen, e«werben bic 5Birtl)fd)aften gefebloffeu, unb nad) einem jweiten sott bcr 5Ratl)pau«glocfc gegebenen 3eiepfn tritt in ben traften bcr tab t bie gewöpitlicpe Sltadjtftitle eik. Sörraep ben 1. 3 un' \ $ a «rogb. ä3ejirf«amt. ^ D a «Sürgermeifteramt.». tyreen. 9Benncr. x Abb. 12 Faksimile der Zeitungsbekanntmachungen von 1862

49 dig gehobene Stimmung zu einer festlichen Begeisterung anstieg, ist wohl verständlich. Besonders erfreulich fand ich Ziffer 17 des Programms: Während die hohen Herren im Pflug tafelten und Festreden hielten, fand zwischen drei und fünf Uhr für das Publikum eine Vergnügungsfahrt von Schopfheim nach Lörrach und zurück statt. Fahrkarten wurden dabei sicherlich noch nicht benötigt. Ließe sich dieser hübsche Brauch nach hundert Jahren vielleicht wiederholen? Aber vermutlich wäre der Andrang der heutigen Jugend erheblich geringer als dies vor hundert Jahren der Fall gewesen sein wird. Wenn schon fahren, dann lieber Auto als Eisenbahn, lautet heute die Devise! Daß im übrigen das Fest im Pflug in Schopfheim ziemlich hohe Wellen geschlagen hat, scheint mir aus der Anzeige eines Festteilnehmers hervorzugehen, die unterm 7. Juni 1862 in den Basler Nachrichten erschienen ist und folgendermaßen lautete: Verwechselt bei der Wiesenthalbahnfeier im Pflug in Schopfheim ein dunkelgrauer Paletot mit einem ähnlichen, der etwas mehr meliert ist. Gefl. umzutauschen, wo sagt die Expedition dieses Blattes. Heute können wir feststellen, daß eine Paletotverwechslung nicht nur bei der Einweihung der Wiesentalbahn vorgekommen ist Żwanzig Jahre später, einige Wochen nach den Ende Mai 1882 in Luzern, Mailand und Genua anläßlich der Eröffnung der Gotthardbahn stattgefundenen Einweihungsfeierlichkeiten, mußte der Bürodirektor des Deutschen Reichstages folgende Aufforderung an die deutschen Teilnehmer richten: Diejenigen Herren Mitglieder des Reichstages und des Bundesrates, welche seit dem Diner in Mailand noch durch vertauschte Überzieher oder Hüte leiden, werden ganz ergebenst ersucht, zum Zwecke eines eventuellen Umtausches die bezüglichen Angaben in meinem Dienstzimmer eventuell schriftlich unter Angabe des vertauschten Gegenstandes geneigtest machen zu wollen. Man sieht: was dem Basler in Schopfheim recht, das war den Deutschen zwanzig Jahre später in Mailand billig! Oder sollte in beiden Fällen nur die mangelhafte Organisation in der Kleiderablage schuld gewesen sein? Nach Tisch begab sich der Großherzog zu Fuß mit Fabrikant Sutter nach der Hebelhöhe, wo die Kaffeetafel im Freien auf die Gäste wartete; dort freute er sich an der prachtvollen Fernsicht und wurde von der großen Zuschauermenge wieder begeistert begrüßt. Festvorbereitungen in Lörrach Aus Ziffer 18 des Festprogrammes ist zu entnehmen, daß Großherzog Friedrich und sein Gefolge am Abend des 5. Juni in Lörrach übernachteten; stillschweigend ist hinzuzufügen: selbstverständlich im Hirschen! Daß dieser Programmpunkt den Behörden in Lörrach, dem Bezirksamt und dem Bürgermeisteramt, einiges Kopfzerbrechen verursacht hatte, geht aus einer Bekanntmachung im amtlichen Verkündigungsblatt vom 1. Juni 1862 hervor, die mit aller Deutlichkeit zeigt, daß es auch schon vor hundert Jahren Verkehrsverbote und Parkverbote gegeben hat. Sie sei nachstehend wiedergegeben. Damit die hohen Gäste nach dem gewiß anstrengenden Tag wenigstens ruhige Nachtstunden im Hirschen finden sollten, war gemäß Ziffer 3 der Bekanntmachung sogar für die Nacht ein Verbot des gesamten Fuhrwerksverkehr in der Turm- und Tumringer Straße erlassen. Man hat dann aber doch noch im letzten Augenblick höheren Orts die Einsicht gewonnen, daß diese Ziffer 3 als allzu rigoroses Verbot anzusehen und deshalb besser aufzuheben sei. Wenigstens erschien im gleichen Verkündigungs 45

50 blatt, jedoch erst am 4. Juni eine weitere Bekanntmachung des Bezirksamtes und des Bürgermeisteramtes des Inhalts: Der Absatz 3 unserer Bekanntmachung vom 1. Juni tritt nicht in Kraft! Jedenfalls ließ es sich die Stadt Lörrach nicht nehmen, ungeachtet aller behördlichen Gebote und Verbote den hohen Gast und die Wiesentalbahn gebührend zu feiern; Gesangsvorträge, Fackelzug, festliche Illumination der Häuser und Straßen waren äußere Zeichen der Begrüßung, mit welchen die Lörracher Bevölkerung ihrer Freude Ausdruck gab. Am folgenden Morgen besichtigte Großherzog Friedrich die Betriebe von Köchlin, Baumgartner & Cie. sowie von Sarasin & Cie. und reiste anschließend mit der Bahn nach Säckingen weiter. D e r A llta g Das große Fest war verklungen; der Alltag forderte sein Recht, und täglich fuhren vier Züge im Wiesental talauf und talab. Daß die private Bahngesellschaft in den ersten Jahren nach der Eröffnung noch nicht auf Rosen gebettet war, geht aus dem 5. Geschäftsbericht der Gesellschaft hervor, welcher den Zeitraum vom 1. April 1864 bis 31. März 1865 umfaßt. Dort lesen wir: Die allgemeine Geschäftslage hat auch dieses vergangene Jahr die Hoffnungen nicht erfüllt, welche wir berechtigt waren, von unserem Unternehmen zu hegen. Auch heute noch entspricht das Erträgnis des Güterverkehrs lange nicht unseren gewissenhaft aufgestellten Berechnungen, während dem der Personenverkehr, trotz der nicht unbedeutenden Abnahme (!) der Arbeiterbevölkerung unseres Tals, sich beinahe auf der früheren Höhe behauptete. Auch große Nachforderungen von seiten der bauausführenden Firma dürften der Bahngesellschaft einiges Kopfzerbrechen verursacht haben. Aber ein als Schlichtungsinstanz eingesetztes Schiedsgericht unter Vorsitz des schweizerischen Oberingenieurs Gränicher von Bern konnte kurz vor Jahresschluß 1864 auch diese Sorge beseitigen; als nachträgliche Entschädigung bekam der Unternehmer den Betrag von Gulden, rund 10 /o seiner ursprünglichen Forderung, zugesprochen. E n d e d e r p riv a ten B ahngesellsch aft Aber die vorstehend geschilderten Sorgen der Wiesentalbahngesellschaft erwiesen sich später als unbegründet; von Jahr zu Jahr steigerten sich die Erträgnisse. Am 5. Februar 1876 wurde von einer anderen privaten Gesellschaft erbaut die Bahnstrecke Schopfheim Zell in Betrieb genommen; diese Verlängerung der Wiesentalbahnlinie trug auch zu einer Verkehrsförderung bei. Vor allem aber und entscheidend für den Beschluß der Badischen Regierung, das Rückkaufsrecht für die Bahnlinie Basel Schopfheim in Anspruch zu nehmen, war ihr am 11. März 1887 mit der Deutschen Reichsregierung getroffenes Übereinkommen, worin Baden verpflichtet wurde, die Bahnstrecken von Leopoldshöhe (heute Weil Rhein) nach Lörrach und von Schopfheim über Wehr nach Säckingen zu erbauen und die Bahnlinie Basel Schopfheim in staatlichen Besitz zu überführen. Dieses aus strategischen Gründen geschlossene Übereinkommen veranlaßte die Badische Regierung, der Wiesentalbahngesellschaft am 22. Juni 1887 mitzuteilen, sie beabsichtige, die Strecke Basel-Schopfheim mit Wirkung vom 1. Januar 1889 käuflich zu übernehmen. Damit war nach 2 6 V2 Jahren Betriebsdauer das Ende der privaten Bahngesellschaft und der Übergang der Linie in den Besitz des Badischen Staates gekommen; der Betrieb war von jeher in den Händen der Badischen Staatsbahnen gelegen gewesen. 46

51 etfiige sunt 2?crfüut»tpu^ s Söfatt. Hlx. 67. grcitag bcn 6. 3itni nwrsj«. G. G. 14 (i. 20 ti G G G 3 5 c f < t n t i t m < t d? t t i t g e i f. (1) 23om 7. b au curjtvcii bie 3 s!ile a» f bet 2 B ie = f e n t b a t e Ü i i l m in nadjfhhniber 253ctfe: diarijnt. ÜKrqS. Diaifcm. SlbM. B a f e l. Stbg dbot> ftjctm?lba Sf!ic!;cu ll'taulburg Steilen Steinen S \SSut fangen. n üörracl) L ö rra cf). islnt ^neigen j'jtbg.. 5 * Steinen Stetten SRiefycn l'lnuu'itrg S d io p f l)cim änt B a f e l. 'Jini V 35ic R üg? Ijaltcn ooverft auf ber... S_ ta... tio n Stetten ntdjt an. 25er S a g ber (Sröffmtng biefev Station» f f f l pater befaunt gemacht U'cvbcn. afcl bcn 2. 3 n» i refif}. 2ßoft = unfc ifenbafutatut. c f a v b t. y Ahb. 13 Faksimile des ersten Fahrplans von 1862 E ntw icklu ngsjahre Das Ende des neunzehnten und der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts brachten auch der Wiesentalbahn sichtbare Zeichen der fortschreitenden Entwicklung; sie sollen hier nur kurz gestreift werden. Der Bau eines zweiten Bahnsteiges an mehreren Stationen, neue Stationsgebäude in Stetten und Lörrach und die Anlage einer neuen Station in Brombach zeugen von gesundem Wachstum. Die Gleisanlagen in Schopfheim und Lörrach wurden wesentlich erweitert, in Lörrach, Haagen, Brombach, Steinen und Schopfheim Gleisanschlüsse für industrielle Unternehmungen, teilweise von erheblicher Länge eingebaut. Schließlich kam kurz vor Beginn des ersten Weltkrieges der Umbau der ganzen Wiesentalbahn auf elektrischen Betrieb. Es war dies der erste Versuch der Badischen Staatsbahnen, zur elektrischen Zugsförderung überzugehen. Schließlich zeigt auch der Fahrplan, welche erhebliche Verkehrs Verdichtung gegenüber früheren Zeiten eingetreten ist: statt vier Stadtarchiv Lörrach Zügen in jeder Richtung weist der heutige Fahrplan rund zwanzig Züge für den Personenverkehr auf. A u sk la n g u n d A u sb lick Nun hat am 5. Juni 1962 die Wiesentalbahn ihren hundertsten Geburtstag feiern können. Sie hat in den vergangenen hundert Jahren in reichem Maße zum Wachsen, Blühen und Gedeihen unserer engeren Heimat beigetragen und sozusagen Leid und Freud redlich mit der Wiesentäler Bevölkerung geteilt. Möge ein gütiges Geschick auch im zweiten Jahrhundert ihres Bestehens über ihr walten! N a c h tra g Ein freundlicher Hinweis des neuen Leiters des Heimatmuseums Lörrach, Professor Dr. Ph. Hieber, gab mir die erwünschte Möglichkeit, ein Bildchen des ersten Zugführers der Wiesentalbahn, Kasimir Bauer, meinen Zeilen anzufügen. Die kleine Bronzefigur steht im Heimatmuseum Lörrach. 47

52 Die behäbige Gestalt zeigt unmißverständlich, daß im Bahnbetrieb der Wiesentalbahn vor hundert Jahren ein wesentlich gemächlicheres Tempo herrschte, als dies heute bei der Bundesbahn der Fall ist. Im Zeitalter der Trans-Europa-Expreßzüge wäre der Zugführer Bauer wohl kaum mehr denkbar. Welchem Gedenktag der drollige Zugführer sein Entstehen und seine Dauerstellung im Heimatmuseum Lörrach verdankt, konnte ich allerdings noch nicht herausfinden. Quellen Archiv der Stadt Lörrach: Amtliches Verkündigungsblatt 1862 Basler Nachrichten 1862; Basler Neujahrsblatt 1925 Universitätsbibliothek Freiburg: Karlsruher Zeitung 1862 A. Kuntzemüller: Die Badischen Eisenbahnen, 2. Auflage, Karlsruhe 1953 K. Seith, Markgräfler Tagblatt 1957: 95 Jahre Wiesentalbahn Schweizerisches Wirtschaftsarchiv Basel: Die Wiesental-Eisenbahngesellschaft Heimat! Heimat! Meine Seele blüht, Ganz erfüllt non Deinem Klingen. Selig Singen Durch mein ganzee Wefen zieht. Heimat! Erögebunöne Kraft Schenhft Du meinem Geift Unö W illen; Foröerft Treue, Foröerft Rechenfchaft, Foröerft Liebe, Opfer unö Erfüllen. Heimat! Reiner, großer Klang, Greif ins Herz, Auf öaß ich roeröe W üröig Deiner heiligen Eröe! Bleib mir Sehnfucht lebenslang! Heimat! Gottfrieö ßuchmann 48

53 Nedkarseite. Er führt aus der Enge des Tales zwischen dem Schloß und der ehemaligen Staufenburg (Molkenkur) über die Höhe nach Neckargemünd. Am Südwesthang des Klingenteiches entlang zieht er hinauf über eine Paßhöhe des Königstuhls und mündet im Neckartal in das Linsenteich. Nach dem Namen der Paßhöhe, der Plättelshöhe, erhielt er die Bezeichnung Plättelsweg. Der Paßweg ist mit großer Wahrscheinlichkeit bereits von den Römern begangen worden, ohne jedoch von ihnen angelegt worden zu sein. Wer am schmalen Ufer östlich der Stadt entlang geht und auf alten Kupferstichen gesehen hat, daß diese Stelle in früheren Zeiten durch einen steil abfallenden Granitriegel nahezu versperrt war, wird die Bedeutung dieses Weges erkennen. Dieser Paßweg war für die Bewohner der Altstadt die einzige Möglichkeit, aus der Stadt in die Berge und in das Hinterland zu flüchten. Das war aber auch dem Gegner bekannt und wurde von ihm ausgenützt. Deshalb heißt das Ende dieses Weges im Neckartal bei Neckargemünd nicht von ungefähr Melac-Paß. Wenn wir alte Kupferstiche, z. B. von Merian, betrachten, so erkennen wir, daß vielerorts die Wälder um die Stadt insbesondere um Schlösser und Burgen aus Verteidigungsgründen abgeholzt waren. Wenn also die Bevölkerung in die Berge floh, so konnte sie oftmals nicht die Deckung von Bäumen und Büschen aufsuchen. Somit boten die tiefen Einschnitte der Hohlwege oft die einzige Gelegenheit, sich mit Hab und Gut eine Zeitlang zu verbergen und evtl, einen kleinen Wagen und Vieh unterzustellen. Andererseits konnten die Hohlwege mit ihren Steinwällen auch als Verschanzung dienen und den Gegner von den im rückwärtigen Waldgelände liegenden Zufluchtsorten der bedrohten Bevölkerung abhalten. Die Grundbestimmung der alten Bergwege war jedoch friedlicher Natur. Sie diente der Verbindung der kleineren Seitentäler untereinander und dem Verkehr in das Hinterland. So wurde z. B. auf der Biersiedersteig im Heidelberger Waldgebiet die Gerste aus dem Elsenztal nach Heidelberg gefahren. Auf der Silberhohle wurde ein silbrig glänzendes Gestein abgefahren, und auf der Kohlhöfersteig wurde die Holzkohle von den Meilern auf der Kohlplatte in die Ebene gebracht. Wer einmal unter diesem Gesichtspunkt die Berge durchstreift, der wird neben dem Erlebnis der Bergwelt das Erlebnis eines erwanderten Stückes Heimatgeschichte mit nach Hause nehmen. Er wird spüren, wie schicksalhaft Landschaft und Geschichte miteinander verbunden sind. Ist er nun auf seinen Streifzügen nicht allein, sondern als Vater oder Lehrer in Begleitung junger Menschen, so wird er noch manche Frage zu beantworten haben. Die Jugend wird sich mit den topographischen und sachlichen Feststellungen allein nicht begnügen. Sie wird diese alten von unzähligen Menschen und Tieren durchzogenen Wege mit vergangenem Leben und abenteuerlichen Geschehnissen erfüllen wollen. Und wo die geschichtlichen Unterlagen nicht mehr ausreichen, da wird die jugendliche Phantasie die Brücken in die Vergangenheit schlagen. Die Vorstellungskraft wird angeregt, selbständig zu gestalten und zu schließen. Dann wird sich auch das erfüllen, was Professor Heuss auf einem Treffen den Wanderverbänden zum Ziel setzte: Die Heimat ohne Sentimentalität lieben! 53

54 Die Reichartshauser oder Stüber Zent 54 Von Günter Wittmann, Asbach bei Mosbach Im Rahmen der folgenden zusammenfassenden Darstellung der Geschichte der Stüber Zent kann nur in wenigen Sätzen auf die Entstehung und das Wesen der Zenten eingegangen werden, es wird auf die Spezialliteratur zu diesem Problem hingewiesen. Bei der früheren Zentforschung wurde angenommen, daß sich ein allmählicher Übergang von der germanischen Hundertschaft als Gerichtsgemeinde über die fränkische Centena und die Grafschaftsverfassung zur Zent vollzogen hat, in der vom 1 2. und 13. Jh. ab die hohe Gerichtsbarkeit vom Zentherrn ausgeübt worden ist (1). Im Laufe der Bemühungen, größere Klarheit über die Entstehungszeit der Zenten zu erlangen, konnte nachgewiesen werden, daß in der Zent ab dem 12. Jh. etwas völlig Neues in inhaltlicher Hinsicht zu sehen ist, daß aber äußerliche institutionelle Anknüpfungen an frühere Einrichtungen nicht unmöglich erscheinen. Die Zent wird ein Bezirk, in dem vom neuen Zentherren die hohe Gerichtsbarkeit ausgeübt wird. Es bestanden Zusammenhänge mit der Landfriedensbewegung in dieser Zeit und Verknüpfungen mit der Land

55 folge und dem Ausbau der Landeshoheit durch die neuen Zentherrn (2). Auch der Name Zentgraf, als Vorsitzender des Gerichts, begegnet uns zum erstenmal im hohen Mittelalter, er wird im statutum in favorem principum erwähnt (1231). Zusammenhänge mit der Entstehung der Zenten dürften weiter in der politischen Lage des Königtums nach dem Investiturstreit zu suchen sein, wobei die Reformen der Hochgerichtsbarkeit, die Zerschlagung alter Stammesherzogtümer und die Neuschaffung territorialer Machtgebilde (Rheinpfalz 1156, Hochstift Würzburg mit Zent 1168) und die Neugestaltung einer ansehnlichen Hausmacht durch die Staufer zu beachten sind. Diese schufen auch im Raume Wimpfen einen neuen territorialen Schwerpunkt, indem sie durch Tausch und Kauf ehemaliges wormsisches Kirchenlehen erwarben, das eine Ausdehnung bis in den Raum unserer Stüber Zent hatte (Wimpfener Wildbann und Beziehung der späteren Zentdörfer zur Landvogtei Wimpfen). Es ist leicht möglich, daß hier die Entstehung der Stüber Zent zu setzen ist. Die Stüber Zent, auch obere Zent im Kraichgau gelegen genannt, soll ihren N a men von der Stube haben, worin vor Alters das Zentgericht gehalten worden..., ist aber anders nichts, als das obere Zimmer des Rathauses zu Richartshusen, weshalben solche auch die Reichardshauser und zuweilen Obere Zent genennet wird (3). Folgende Ortschaften gehörten der Zent an (erste urkundl. Erwähnung): Aglasterhausen (1143), Allemühl (1495), Asbach (1100), Bargen (793), Flinsbach (1365), Breitenbronn (976), Daudenzell (976),Epfenbach (1286),Guttenbach (793), Haag (1496), Helmstadt (782), Neckarkatzenbach (1115), Michelbach (1383), Moosbrunn (1396), Neunkirchen (1369), Reichartshausen (1100), Schönbrunn (1262), Schwanheim (1369), Schwarzach (1143) und der Weilerhof (1315). Reichenbuch gehörte dem Zentverband nicht an, obwohl es zusammen mit Guttenbach eine Verwaltung und Frondienste nach Schwarzach zu leisten hatte. Dies geht aus Aussagen hervor, die bei der Verteilung des Zentwaldes (1822/23) gemacht worden sind. (4) Beigefügt sei noch eine andere Erklärung für den Namen Stüber Zent, die in der Chronik von Reichartshausen angegeben wird. Dort wird erwähnt, daß der Richtplatz der Zent auf dem Stübelberg gelegen habe, wovon dann Stüber Centt abgeleitet worden ist. Die Grenzen der Zent bildeten Straßen, Bachläufe, oder wurden durch Marksteine,,Lochbäume' und andere Merkmale gekennzeichnet. Von Zeit zu Zeit wurden Grenzbegehungen angeordnet, die mehrere Tage dauerten und an denen der Amtmann aus Heidelberg, der Zentgraf, die Zentschöffen und die Dorfschultheißen teilnahmen. An bestimmten Stellen wurden,stauchungen' vorgenommen, damit die Grenze den beteiligten Dorfbewohnern gut in Erinnerung blieb. (An einer Begehung am nahmen teil: der kurf. Zollbereiter, zwei Amtsreiter, zwei Trompeter, der Oberförster, ein kurf. Kommissar, ein Landschreiber, ein Amtsschreiber, der Zentgraf und zwölf berittene Schöffen (bei Wild, Ortschronik v. Asbach enthalten). Die erste urkundliche Erwähnung der Stüber Zent erfolgte 1360, die Zent wird an Engelhard II. von Hirschhorn von Kaiser Karl IV. verliehen: wir Karl von gottes gnaden... bekennen und verliehen auch mit diesem brieve das gerichte und die czenthe in dem Kreichgauwe, die man nennet die stüber centte, also das er und sin erben diseiben centte und gericht besitzen, nutzen niesen... (5). Engelhard III. wurden alle Lehen 1361 bestätigt, die er von seinem Vater übernommen hatte. In jener Zeit waren die Finanzen der Hirschhörner in bester Ordnung, so daß durch die verschiedensten Darlehen an Kaiser und Fürsten viele Ortschaften und andere Rechte pfand- 55

56 weise in ihren Besitz kamen so 1345 die Stadt Mosbach, 1349 waren es 11 Ortschaften in der Meckesheimer Zent, 1350 die Zent Mosbach und Sinsheim sowie andere Reichsdörfer mit dem Vorbehalt, daß nur der Pfalzgraf Rudolf und seine Erben das Recht haben sollen, sie wieder zu lösen. Auch einige Orte in der Stüber Zent kamen damals in Hirschhörner Pfandbesitz (6). - Vor 1360 war die Zent, wenigstens für eine gewisse Zeit, nicht verliehen gewesen, sie war unmittelbares Reichsgut, was aus der Urkunde von 1360 hervorgeht, wenn es heißt:. mit allen rechten und gewonheitten die darin gehören... als wir und des rieh sie uff dießen hittigen tage her gehabt..." Da keine urkundlichen Belege vorliegen, können nur vermutungsweise einige Zusammenhänge mit den Nachbarzenten Eberbach, Mosbach und Neckargemünd- Meckesheim sowie mit dem angrenzenden Bezirk Wimpfen festgehalten werden. Belegt ist, daß 1329 der Wildbann von Neckargemünd bis Lauffen und die dazugehörige Zent von der Kurpfalz (um so viel Geld als Engelhard von Weinsberg sie gehabt habe) gelöst werden (Widder I, S 357). Ein Jahr später werden Sinsheim und die Zenten Mosbach und Eberbach ebenfalls den Weinsbergern abgenommen (Widder II, 69). Bis zum Jahre 1325 erscheinen die Herren von Weinsberg als Lehensträger der benachbarten Landvogtei Wimpfen, bzw. Unterschwaben, die bis in den Raum von Neckarmühlbach und Wollenberg reichte (Lorent: Wimpfen S. 34). Die meisten dieser Rechte wurden den Weinsbergern von König Albrecht verliehen, so auch die Wildbannrechte im Wimpfener Forst im Jahre Vielleicht war auch die Stüber Zent bis Mitte der zwanziger Jahre des 14. Jhs. im Besitz der Weinsberger, fiel dann an das Reich zurück und wurde erst wieder 1360 ausgeliehen. Bemerkenswert ist auch die erste urkundliche Erwähnung zweier Ortschaften der späteren Zent im Zusammenhang mit der Landvogtei Wimpfen (Helmstadt und Reichartshausen 1278). Ob hier eine Verbindungslinie besteht zur späteren Zent, ist nicht belegbar, doch nicht ausgeschlossen. Der Zusammenhang mit dem Unteramt Dilsberg, bzw. Oberamt Heidelberg, bestand erst nach der Besitznahme durch die Pfalz, ist also für die frühere Zeit nicht wahrscheinlich. Im Jahre 1367 erhielt nun Pfalzgraf Ruprecht I. von Kaiser Karl IV. die Bewilligung, die Zent zu lösen (Koch-Wille Nr. 3689). Die Gelegenheit zur Pfandlösung war durch die Tatsache, daß Engelhard I. von Hirschhorn wegen einer Verwicklung mit seinem Schwager Burkhard Sturmfelder in Acht war, günstig für die Kurpfalz (Ritsert, S. 123). Mit der Bewilligung der Einlösung der Stüber Zent konnte die Pfalz ihr Einflußgebiet weiter nach Süden ausdehnen. Doch scheint die Einlösung lange Zeit, vielleicht am Widerstand der Hirschhörner oder aus anderen finanziellen Gründen, gescheitert zu sein, bis es in den Jahren 1378/79 zu mehreren Einlösungserlaubnissen durch Karl IV. und Wenzel kommt. Hierbei haben wahrscheinlich politische Motive eine Rolle gespielt, vielleicht aus Dank für die Unterstützung der Kurpfalz bei der Wahl Wenzels, vielleicht als Vergeltung gegen die Hirschhörner, die sich beim Mainzer Bistumsstreit auf die Seite des Elekten von Mainz, Adolf von Speyer, gestellt hatten. Jedenfalls erlaubt Karl IV. am dem Pfalzgrafen das dorf schefflenz, die dörfer in der ebene die königsleut und namentlich alles, was zur zent Mosbach und in die Stüberzent zu Richartshusen gehöret, zu lösen. Am verkündet der Kaiser den Untertanen, sie sollen der Kurpfalz gehorsam sein, am geht ein Schreiben an den Bischof von Speyer, das ihn von der getroffenen Anordnung in Kenntnis setzt, und ein paar Tage später wird dem Pfalzgraf erlaubt, notfalls mit Gewalt die Zent 56

57 in Besitz zu nehmen. Diese Anordnungen werden 1379 von König Wenzel bestätigt (Koch-Wille: Nr. 4208, 4211, 4221, 4225, 4276/77). Aus den im 2. Abschnitt erwähnten Kundschaften geht hervor, daß die Stüber Zent tatsächlich mit Gewalt genommen werden mußte, etwa um 1380/81. Im Jahre 1401 wird die Zent der Kellerei Dilsberg unterstellt, was man sich 1416 durch drei ritterliche Aussagen und durch die Zentschöffen bestätigen läßt (Brinkmann: Nr. 1 u. 2 ). zu 1.: u. a. bei K. Weller (siehe Literaturverz.) S. 22ff, K. Kollnig: Zenten d. Kurpfalz S. 25) zu 2.: u. a. H. Dannenbauer; F. Steinbach; Th. Mayer; neuestes Ergebnis bei K.Kroeschell. zu 3.: J. G. Widder: Versuch einer vollst... I. S. 406 zu 4.: Brinkmann: Nr. 55 zu 5.: Cop. 876, S. 160 zu 6.: bei Ritsert, F. E. Brüche, sowie C Brinkmann in Anm. S. XV. I I. D ie K u n d sch a ften u n d W eistiim er d e r S tü b e r Z e n t Der Zweck zweier Kundschaften aus der Stüber Zent vom 15. Jh. sollte einer Klarstellung der Rechtsverhältnisse gegenüber einem Anspruch der Mosbacher Linie der Pfalz dienen. Nach dem Tode Ruprechts III. fand eine Teilung des pfälzischen Territoriums statt. Die Kurwürde mit den Kerngebieten hatte Ludwig III. erhalten, sein Bruder Otto erhielt Stadt und Zent Mosbach. Otto erhob Ansprüche auf die Stüber Zent, unterwarf sich aber der angeführten Kundschaft, die auf Veranlassung des Bischofs von Passau ausgesprochen wurde. Der Verzicht geht aus einem Vertrag von 1427 hervor (Zimmermann: Weistümer S. 56). Andere Streitigkeiten gab es noch über Wildbannrechte im Kolbenwald bei Eberbach und über das Geleitrecht am Neckar bei Pleutersbach. Auch sie konnten 1469 beigelegt werden, nachdem bereits 1447 und 1467 Kundschaften eingeholt worden waren. (Brinkmann: Nr. 9 u. 10.) Die Sorgen mit der Mosbacher Linie der Pfalz wurden aber erst 1479 völlig behoben, nachdem man einen Erbvertrag abgeschlossen hatte, der besagte, daß nach dem Tode Ottos II. alle seine Besitzungen und Rechte an die Kurlinie zurückfallen sollen, was dann 1499 erfolgt ist (Widder I. S. 21). Die Schwierigkeiten bei der Festsetzung der kurpf. Rechte waren in der Stüber Zent besonders groß, da der eingesessene Adel, dem fast alle Dörfer gehörten, eine starke Stellung innehatte und selbst zur Oberhoheit über die Zent streben konnte. Die Pfalz wollte nun eindeutige Verhältnisse schaffen und eine Abgrenzung der hoch- und niedergerichtlichen Gewalten schriftlich festlegen. D a s erste Zentweistum der Stüber Zent stammt aus dem Jahre (Über den Begriff Weistum : K. Kollnig, Probl. d. Weistumsforschung: S. 18 ff.) Wiprecht von Heimstatt, als Beauftragter der Kurpfalz, forderte die 23 versammelten Schöffen auf, zu weisen die Rechte und Freiheiten, die die Pfalz seit alters her habe (Brinkmann Nr. 3). Es wurde festgestellt, daß die oberste Zentherrschaft der Zentherr habe, ihm stehen alle hohen Bußen zu, drei Zentfälle werden aufgezählt: uflauf, waffengeschrei und bintbar wunden. Das Strafmaß wird auf 2 3 Gulden für Edelleute und Pfarrer festgesetzt, Zentuntertanen haben 10 G. zu entrichten. Die Zentuntertanen haben die Reispflicht des Zentherrn zu erfüllen: wer es das ein geschrei käme... so soll man zu stunt zu dem Zentgrafen zum nechsten ziehen und sol demselben nachvolgen..., morder, diep, nachtbrenner, ketzer, verreder oder dergl...., sind festzunehmen. Weiter folgten Verordnungen, Aufsichtsrechte über Maße und Gewichte und wirtschaftliche Bestimmungen ( wer 57

58 reubig fiehe keuft, der verfiele dem Zentgrafen.. sowie das Gebot, bei den Gerichtssitzungen pünktlich zu erscheinen. Die niederen Straftaten wurden von den Dorfgerichten abgeurteilt, davon aber in einem anderen Kapitel. Das nächste Weistum, das uns von der Stüber Zent überliefert ist (Brinkmann Nr. 4), gibt uns die Möglichkeit, den Ausbau der Zenthoheit weiter zu verfolgen. Am 30. August 1538 wird unter Vorsitz des pfälzischen Amtmanns Hans von Gemmingen das neue Weistum vorgelesen, nachdem die Zentschöffen und der Zentgraf Niclas Schölten aus Schwarzach in der Stuben des bemelten rathaus den notarier gebeten hatten, solichen iren weistumb punkteweise zu beschreiben. Während die Formulierungen über Zentherrschaft und Buße wenig von denen im Weistum von 1430 (das 1466 ohne Änderung verlesen worden war) abweichen, weist der Artikel 3 die Grenzen der Zent auf. Weiter wird das Geleitrecht abgegrenzt; die Zentherrschaft erhält die Oberhoheit über die Waldmarken aller Orte, die das Recht auf Ausübung der hohen Jagd enthielt. Die Zentfälle werden auf zwölf erhöht: morderei, diepstal, mordgeschrei, rauberei, bintbar wunden, ehr und glimpf, unrecht maß, meß undgewicht, gottlesterung, notzüchtigung, liegen und triegen, steinwurf, kanten und krausenwurf.. Auch wird die Kostenfrage bei der Verhaftung oder dem Transport eines Verbrechers nach Dilsberg neu geregelt. Die Zent hat die Kosten zu übernehmen, was durch Ausschläge pro Kopf der Bevölkerung aufgebracht (Kollnig: Zt. d. Kurpf., S. 47), oder durch Einkünfte aus dem Stüber Zentwald gedeckt werden kann. Eine wichtige Neuerung ist die Einsetzung des Zentgerichts als Berufungsinstanz für die Dorfgerichte; kein Dorfherr darf auch seine Untertanen mehr ins Gefängnis bringen. Die Macht des Dorfherrn wird langsam gebrochen. 58 Der eingesessene Adel in der Stüber Zent, besonders die Herren von Hirschhorn, von Helmstadt und die Landschaden von Steinach, sahen mit Befremden den langsamen Ausbau der kurfürstlichen Landeshoheit und die Beschneidung ihrer Rechte. Schon während des bayerischen Erbkrieges waren sie (nach anfänglicher Zustimmung) in Opposition zur Kurpfalz getreten (Kolb: Kraichg. Rittersch. S. 189). Einen Erfolg verbuchten die Ritter 1551, als durch eine kaiserliche Verfügung die Einziehung einer Steuer durch die Kurpfalz annulliert werden mußte, und 1559 hatten sie den Versuch der Pfalz verhindert, den Zentwald an sich zu ziehen (Kap. Stüber Zentwald). Man ging sogar noch weiter und ließ in einigen Dörfern Weistümer anfertigen, wobei Reispflicht und andere Rechte, die eigentlich dem Zentherrn zustanden, für den Adel in Anspruch genommen wurden (Brinkmann: Nr. 17, 29, 44): item reisen sein die Aglasterhausener mit anderen Untertanen zu tun schuldig und ein reiswagen zu stellen mit vier pferden und zwei knechten... für die Hirschhörner. In den folgenden Jahren ( ) lief nun vor dem Kammergericht ein Prozeß, der durch einen Vertrag beendet werden konnte, in welchem die Pfalz zu weitgehende Forderungen nochmals zurückstecken mußte. Die Junker erhielten 1560 das Recht, die Schultheißen an den Orten da sie es herbracht ein- und abzusetzen. Eine genaue Abgrenzung der Hoch- und Niedergerichtsbarkeit wird getroffen, wobei die zwölf Zentfälle, die 1538 angeführt worden sind, anerkannt werden. Die Strafgewalt wird bei den niederen Freveln den Dorfherren überlassen. Das Verhaftungsrecht steht nur dem Zentherrn zu, die Reisfolge wird dem Zentherrn zuerkannt (rais, musterung und wehr). Forstfrevel sollen vor ein unparteiliches Gericht gebracht werden, und beim Wolfsjagen sind die Untertanen der Junker nur innerhalb der Zent zum

59 Jagen verpflichtet. In jedem Dorf sollen aber noch einige Leute Zurückbleiben, damit bei unvorhergesehenen Unglücksfällen jemand zur Verfügung steht. Was die Berufung bei Gericht betrifft, so ist im allgemeinen das Hofgericht zuständig, nur die Herren von Heimstatt und von Hirschhorn können sich unmittelbar an das Reichskammergericht wenden. Damit hatte die Ritterschaft nochmals einen Sieg errungen, doch nur für kurze Zeit (Brinkmann: Nr. 5 und Nr. 6). Dieser Vertrag von 1560/61 stand bis ins 18. Jh. im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen zwischen der Kurpfalz und den Kraichgaurittern: Die Gerechtsame des hohen Kurhauses Pfalz in beiden Zenten (Stüber und Meckesheimer) über die vogteilichen Ortschaften hat der jetzige Kurfürstliche geheime Rath und Landschreiber zu Heidelberg von W reden öffentlich vertheidigt, wobei der Zentvertrag und das Weistum (1560/61) abgedrucket sind (Widder I. S. 355 An). Mit dem Vertrag von 1560/61 enden die politischen Weistümer (nach Zimmermann: Die Weistümer... S. 56 f), Weisungen über Dorfrechte, Grenzen, genossenschaftliche Belange und vieles mehr werden auch später noch in Erscheinung treten. Mit diesen Weistümern konnte die Kurpfalz ihre Landeshoheit immer mehr ausbauen und festigen und die Untertanen zu einem festen Verband zusammenschließen. In früher Zeit nahm man die Hilfe der Untertanen in Anspruch, später brauchte man sie nicht mehr, da die Rechte des Adels bedeutungslos geworden waren. Mit der Verkündung der Landordnung und des Landrechtes (1582/1610) werden die Zentgerichte vereinheitlicht. Die Strafen werden genau vorgeschrieben, so sieht die Malefiz-Ordnung bei den Criminalia vor: Feuertod für Zauberei, Enthaupten oder Abhauen des Schwurfingers bei Meineid, Vierteilen für Beleidigungen der Majestät, Ertränken bei Verrat, Radflechten oder zu Tode schleifen bei Mord und Tod durch Schwert oder Wasser bei schwerem Diebstahl. Die neue Untergerichtsordnung sah vor, daß jedes Jahr 4 8 Gerichte in den Dörfern abgehalten werden sollten, dabei sollen sich unsre Schuldtheyß und Schopffen hinfür auff unser gemein Landts Rechts beziehen und sich von keinem alten Brauch abhalten oder Irr machen lassen (Landrecht I. S. 2 ff). Durch die Einführung des römischen Rechts und der Aufzeichnung der Strafen war die Bedeutung der Schöffen als Schöpfer des Rechtes nach eigenem Gewissen und altem Herkommen gesunken. Die schriftlichen Arbeiten nahmen zu, der Zentgraf wurde zum Protokollführer und zur Urteilsfindung wurden gelehrte Richter herangezogen. Hier lagen die Anfänge der späteren Entwicklung, die aus den Zenten (als Gerichtsbezirke) untere Verwaltungsbezirke werden ließen, die zwischen den Dörfern und den Oberämtern zu verbindender Kraft wurden. III. D ie O rg a n e d e r Z en t Zu den Organen der politischen Verwaltung und der hohen Gerichtsbarkeit gehörten der Zentgraf, als Einberufer und Leiter des Zentgerichts, die Zentschöffen, die eigentlichen Urteilsfinder, der Zentschreiber und der Zentbüttel. Oberster politischer und richterlicher Beamte vom Oberamt war der Fauth. Oft waren verschiedene Ämter auf einer Person vereinigt, insbesondere im ausgehenden 17. Jh. und während des 18. Jhs. Bei den folgenden Ausführungen werden die Hauptpersonen der Zentverwaltung betrachtet werden.: D e r Zentgraf: Im allgemeinen war der Zentgraf dem Amte unterstellt, zu welchem die Zent gehörte. Die erste urkundliche Erwähnung eines Zentgrafen in der Stüber Zent erfolgte Hier wird ein Martin 59

60 von Dudenzelle als zentgreve der zent zu Richartshusen genannt (Brinkmann N r. 2). Die Zentgrafen der Stüber Zent entstammen fast alle dem bäuerlichen Geschlecht. Oft übten sie noch gleichzeitig das Amt des Dorfschultheißen aus, später wurden sie noch mit der Führung der Kellerei Schwarzach-Minneburg betraut und waren Rechnungsführer im Stüber Zentallmendwald. Der Zentgraf, der ein angesehener und charakterlich guter und fester Mann sein mußte, hatte das Zentgericht einzuberufen und zu leiten. Er verkündete das Endurteil und war für die Vollstreckung des Urteils verantwortlich. Ferner oblag ihm die Aufsicht über Maß und Gewicht, die Instandhaltung der Gerichtsstätte und das Anlegen von neuen Zentwegen und anderen gemeineigenen Dingen (Brinkmann Nr. 3 u. 4). Bei der Reispflicht hatte er die Untertanen zu einem festgelegten Sammelplatz zu führen (Brinkmann Nr. 7), alle strafbaren Handlungen und Verstöße gegen die Zentweistümer mußten von ihm zur Anzeige gebracht, Übeltäter und Verbrecher zum Dilsberg transportiert werden (Brinkmann: Nr. 4). Die Umwandlungen, die sich anfangs des 17. Jhs. in der Zentverfassung vollzogen, bestimmten auch eine Veränderung des Aufgabenbereichs des Zentgrafen. Er wurde mehr und mehr zu einem Verwaltungsbeamten, eine Zusammenfassung mehrerer Ämter trat ein: Ein zeitlicher Keller und Zentgraf zu Schwarzach hat nebst der Kameral Receptur nicht nur die Untersuchungen als Zentgraf, darüber ordentliche Protokolle zu führen, sondern verrichtet auch die Ausfauthey, er hat auch die Jurisdiction ind cognition in geringen Sachen (St. C. spec. u. Ortsgesch. Asbach). Ab Mitte des 17. Jhs. war der Zentgraf der Stüber Zent noch Keller von Schwarzach und Minneburg. Die Kellerei Schwarzach wurde nach dem 30j'ährigen Krieg mit der Kellerei Minneburg vereinigt (1657). Oft kam es 60 auch vor, daß ein Zentgraf versuchte, für seinen Sohn die Anwartschaft auf die Zentgrafenstelle zu bekommen. In der Stüber Zent wurde 1763 dem Zentgraf Georg Michael Gräff die Nachfolgeschaft seines Sohnes auf den Zentgrafenposten zugesichert, obwohl der Sohn noch gar nicht mündig, j'a selbst beim Tod seines Vaters noch nicht berechtigt war, die Stelle zu übernehmen. So mußte zunächst ein Verwalter eingesetzt werden, bis Constantin Gräff für vier Jahre das Amt des Zentgrafen und Kellers erhielt. Der letzte Zentgraf in der Stüber Zent war Georg Beckert, der 1785 das Amt angetreten hatte. Aus einer Besoldungsordnung von 1743 können wir die Vergütungen für einen Keller zu Schwarzach und Zentgraf der Stüber Zent ersehen: Die jährliche Vergütung war etwa 30 Klafter Holz, 50 Gulden, zwei Wagen Heu, 25 Malter Korn, 25 Malter Hafer, die Nutzung einer Wiese und des halben Obstzehnten von Neunkirchen, die Erträge bestimmter Äcker in verschiedenen Zentgemeinden und Spesen bei der Anfertigung von Verträgen, Kaufbriefen und bei Zeugen verhören; von den Zünften bekam der Zentgraf jährlich zwei Gulden bei Abhalten von Versammlungen etc. (Ortsgesch. v. Asbach). D i e Schöffen: Das ordnungsgemäß besetzte Zentgericht bestand aus dem Zentgrafen und den Schöffen. Die Zahl der anwesenden Schöffen, die ebenso dem bäuerlichen Geschlecht entstammten, Dorfschultheißen sein konnten und zu ihrem Amt gewählt worden waren, schwankt in den einzelnen uns erhaltenen Protokollen: 1430 sind 23, 1416 nur 21 und 1538 sogar nur 12 anwesende Schöffen aufgeführt. Bei ihrem Amtsantritt hatten sie den Amtseid abzulegen: Hierbei gelobten sie, unparteilich und rechtmäßig zu urteilen auch weder umb Lieb, Neid, Gab, Freundschaft, Feindschaft, noch keinerley sach darwieder be

61 wegen lassen,... oder entgegennehmen.. die Heimlichkeit des Gerichts den Parteien oder anderen weder vor noch nach dem Urteil zu eröffnen (Ztschr. v. Rhein 1906 S. 67 f). Nach der Einführung des römischen Rechts und den zentralen Bestimmungen der Oberämter wurde die richterliche Tätigkeit der Zentschöffen immer mehr eingeschränkt, lediglich das Anlegen von Frevelregistern war ihnen noch geblieben. Für die Gerichtssitzungen wurden gewisse Vergütungen gegeben, vom Frondienst und von Abgaben waren die Schöffen befreit. Neben ihrer richterlichen Tätigkeit waren sie bei der Abfassung von Weistümern und bei Grenzbegehungen anwesend. D e r Zentbüttel: Die wichtigste Funktion eines Zentbüttels war die Vorladung der angeklagten Zentuntertanen vor das Zentgericht. Außerdem hatte er die anfallenden Botendienste zu verrichten und Frondienste den betreffenden Dörfern zur Kenntnis zu bringen. Die Besoldung erfolgte in Naturalien und später in Geld, ferner besaß er eine freie Wohnung und das Nutzungsrecht einiger Zentäcker. Bei seiner Einsetzung hatte er zu geloben: getreu und hold zu sein, unsern Schaden zu warnen, Frommen und Bestes zu werben, williglich zu reiten und zu dienen..., als dem Dienst... zusteht. (Mannh. Geschichtsbl. Hft. 10 S. 265). D ie Zentuntertanen: Die Bedeutung der Zenten für die bäuerliche Bevölkerung lag nicht allein darin, daß sie die Institution zur Ausübung der Gerichtsbarkeit bildeten, sondern daß der Bauer in seinem ganzen wirtschaftlichen Leben von ihnen erfaßt wurde, die Zent verkörperte nebst der Gemeinde die wichtigste Gemeinschaft, der der Bauer angehörte (Kollnig: Zent d. Kurpf. S. 58). Welches waren nun die Verpflichtungen und Lasten der Untertanen? Alle Bürgersöhne mußten den Untertaneneid schwören, in welchem sie sich verpflichteten, dem Landesherrn alle Obrigkeit, Recht und Herkommen zu geben und alle Zentgebote zu halten. Solche Huldigungen fanden 1629, 1717 und letztmals 1750 statt. Betont wurde in dem Centeyd insbesondere, das alte Herkommen der Centh zu achten... keiner unziemlichen Neuerung statt zu geben und gemeinlich zu halten und zu thun alles, das Centhleuthe Ihrem rechten Herrn Undt Obristen Centhfürsten schuldig und pflichtig sind... (1504 St. Cent Conv. 4 N r 7 teilw. in Ortsg. v. Asbach). Aus der Reißpflicht der Untertanen hatte die Kurpfalz ein gut organisiertes Untertanenheer zusammengestellt. In einer Notiz über diese Heerespflicht der Stüber Zentuntertanen heißt es 1565: Centgraf zeigt an, daß die ganze Cent seie schuldig einen reiswagen zu rüsten, mit aller zugehörung, nichts ausgenommen, auch mit pferden. Die costen muß die Cent allein tragen, bis den wagen aus der Cent kom bt... (Brinkmann: Nr. 7). Im Reißbuch anno 1504 ist eine Zusammenstellung aller Kriegsvorbereitungen der Kurpfalz für den bayer.-pfälz. Erbfolgekrieg gegeben, eine Aufzählung der angeworbenen Ritter und aufgebotenen Untertanenverbände der einzelnen Oberämter. In den 15 Abschnitten werden weiter die Geschütze und Fahrzeuge aufgezählt, die Ausrüstung der Mannschaften und vieles mehr beschrieben. Die Rychertshuser zent in der vogtey Heidelperg hatte 52 spiese, 19 helmparter, summa 71 mann zu stellen, dazu kamen noch 4 reißwagen, item 6 zimmermann in der selben zent. Unter den burgmannen und dienern werden Angehörige derer von Heimstatt und Hirschhorn erwähnt sowie mehrere Bürger aus den Zentdörfern, darunter ein Heinrich Stupf aus Aspach (Reißbuch abgedr. in ZGO. A. F. 26). Im Jahre 1574 mußten wiederum 650 Mann aus der Stüber Zent aufgebracht werden zur Abwehr der Franzosen, und 1587 waren es 470 Untertanen 61

62 und zwei Reißwagen; (aus Asbach wurden 29, aus Daudenzeli 20, aus Neunkirchen 40, aus Aglasterhausen 28 und aus Schwarzach 39 Mann rekrutiert). Nach den verheerenden Kriegszügen im 17. Jh., durch welche die Bevölkerung sehr dezimiert worden war, gab man im allgemeinen dieses System der Heerespflicht auf und verlegte sich mehr und mehr auf die Besteuerung und Schatzungen, wobei das Vermögen der Bürger geschätzt und eine Abgabe daraus errechnet wurde. Die Gemeinde Helmstadt hatte so Gulden aufzubringen, eine schwere Belastung in der damaligen Zeit. Hinzu kamen noch die vielen Einquartierungen und Truppendurchmärsche, insbesondere während des 30jährigen Krieges, des polnisch. Erbfolgekrieges (1733/38) und des pfälz.-franz. Krieges, die alle Not und Elend mit sich brachten. Ganze Ortschaften wurden zerstört: von weiteren dorfgerechtigkeiten ist nichts bekannt, weilen vor ungefähr hundert jahre das ort (Asbach) durch kriegsleut angezündet wurde... und völlig abgebrannt... (Brinkmann Nr. 21). Eine der wichtigsten Verpflichtungen für die Zentuntertanen waren die Fronen, die von der Zentobrigkeit und von den Dorfherren verlangt wurden. Die Fronarbeiten waren ihrer Natur nach ungemessen, das Maß, nach welchem sie verlangt wurden, richtete sich nach dem Bedarf. Man unterschied die Hand- und Spannfronen. Die herrschaftlichen Fronen bestanden in der Kurpfalz vornehmlich in Jagd-, Holz- und Baufronen, hinzu kamen Fuhr- und Feldfrondienste. Am drückendsten und gefährlichsten waren die Jagdfronen von den Zentuntertanen empfunden worden, dabei waren die Wolfsjagden am meisten gefürchtet überreichte der Heidelberger Landschreiber dem Oberjägermeister eine Beschwerde der Untertanen, wonach sich diese erboten, lieber 12 kr. pro Mann zum Kauf von Wolfsfallen beisteuern zu wollen, als 62 noch weiter mit zu den Jagden zu gehen (Pf. gen. 2417). Daß es auch im Gebiet der Stüber Zent viele Wölfe gegeben hat, geht aus einer Eingabe des Asbacher Pfarrers Sixtus hervor, der 1656 um die Herstellung eines Zaunes um das Pfarrhaus bittet, da er nun durch Gottes Gnade sieben Kinder habe, die man nicht in einen Sack fassen kann, sondern ihren Lauf ein wenig lassen müsse, aber wegen den Wölfen große Gefahr vorhanden sei, da man sie mitten im Sommer im Dorf gesehen habe (Akt. Kirchengem. Asbach). Bereits in den Zentweistümern wurden genaue Vorschriften über die Wolfsjagden gegeben, wobei in iglichen dorf etliche bauern gelassen werden, damit in zutragenden feuers- oder andern unversehentlichen Fellen ir dorf dennoch nit gar bloß gelassen (Brinkmann: Nr. 5). Lästig war es auch, daß die Hauptjagdzeiten mit den Erntezeiten zeitlich zusammenfielen, wodurch der Bauer seiner Feldarbeit entzogen wurde und dadurch Einbußen erleiden konnte. Bei den Forstfronen war bau und brennholz zu hauen, schleifen, buschein, binden und ins schloß (Schwarzach) führen für ein Laib Brot pro Fuhre (Brinkmann: Nr. 43). Die Waldwege mußten in Ordnung gebracht und für Nachpflanzungen gesorgt werden. Genaue Vorschriften gegen den Raubbau in den Wäldern wurde durch die Wald- und Forstordnung von 1711 erlassen. (Schölten: Fron wesen). Die landwirtschaftlichen Arbeiten können aus Aufzeichnungen von 1534 und 1582 ersehen werden item zum ersten... die wiesen die sie mehen, gibt man morgens ein suppe kes und brot, und wan sie abgemehet, aber ein sup, kes und brot und ein viertel weins dazu... den einfürern ein becher wein, furleut und abladere... man geb inen kes und b ro t... wan man mehet, so mußen sie das gras dör machen, auch heu und omat in das schloß führen... item in der ernt müssen alle... abschneiden, ufbinden und einfüren, item

63 die undertanen seien schuldig den flachs auszureifen, waschen, zubereiten... so man erbsen, linsen, gersten oder an derküchenspeis sehet, sollen die undertanen abschneiden, mehen und eintun... Die Frauen (witfrauen) mußten botenlaufen, brieftragen die Männer hatten noch Wildhäge anzulegen (Brinkmann Nr. 43, 60, 62). Die Ffauptlast der Frondienste lag insbesondere auf dem ärmeren Teil der Bevölkerung, denn sämtliche herrschaftlichen Beamten, Schultheißen, Förster, Gemeindediener und Pfarrer waren von diesen Verrichtungen befreit (Schölten: Das Fronwesen... S. 70). Die Aufhebung der Fronen, die in den letzten Jahrzehnten der Zentherrschaft nicht mehr so drückend empfunden wurden, erfolgte nicht gleichzeitig mit dem Verschwinden der Zentbezirke, sondern erst Die einzelnen Ablösungsverträge ließen noch etwas auf sich warten, so wurde 1842 zwischen der Ortsherrschaft von Helmstadt und der Gemeinde die endgültige Ablösung geregelt. Der Zehnte wurde 1820 in Asbach und 1837 in Helmstadt aufgehoben. Aus der gerichtsherrlichen Gewalt leitete die Herrschaft auch die Leibesherrschaft an den Untertanen ab. Beim Tod eines Leibeigenen war das Besthaupt (beste Stüde Vieh) oder das Wadmal (beste Kleid) zu entrichten (Brinkmann: S. 152), später wandelte sich diese Abgabe zu einer Art Erbschaftssteuer um: Die Leibeigenschaft wurde mehr eine Art Besteuerung der Untertanen in unserem Raum. Dazu kamen bestimmte Abgaben an festgesetzten Tagen, so das Fastnachtshuhn, Martinshuhn, die ernbede, der große Zehnte (Korn, Wein etc.) und der kleine Zehnte (Sommerfrüchte, Flachs, Gemüse), sowie der Viehzehnte, einschl. der gewonnenen tierischen Produkte (Minneburger Urbar 1369). An direkten Steuern wurde in der Stüber Zent der Türkenkriegsbeitrag gezahlt (Brinkmann: Nr. 43) und die verschiedenen Taxen bei Genehmigungen von Wirtschaftsbetrieben u. a. m. (z. B.: Schildgerechtigkeit des Gasthauses zum Hirsch in Asbach 1760: Öriginalurk. beim Verfasser). IV. D as Z entgericht Das Zentgericht hat seinen ordentlichen Sammelplatz zu Reichartshausen, und ist gleich den anderen bestellet. Der Zentgraf wohnte sonst in dem Orte des Gerichts, seit dem aber die Burgen Minneberg und Schwarzach zu den Kammergütern wieder eingezogen und daraus eine besondere Kellerei errichtet worden, hat man die Zentgrafenstelle dem jeweiligen Keller übertragen, wobei es bis auf den heutigen Tag verblieben is t... Die Zentschöffen hingegen werden aus den Gemeinden eines jeden Zentdorfes... gewählet... (Widder: I. S. 408). Das Zentgericht versammelte sich im Rathaus zu Reichartshausen unden uf dem boden, und zog sich dann zur Beratung in die große Stube uf dem Rathaus zurück (Brinkmann: Nr. 4 u. 51). Die Zentgerichtsverfassung kannte verschiedene Gerichtsarten: 1. Das Malefiz- oder Blutgericht, hier wurden die zwölf Zentfälle (1538 angeführt) abgeurteilt. 2. Das Ruggericht, das Feldund Allmendfrevel zu bestimmten Zeiten rügte. 3. Die Gemeindegerichte. Bei den Ruggerichten waren die festgesetzten Tage in den einzelnen Dörfern verschieden. Nach dem Vertrag von 1560 sollten jährlich mindestens drei bis vier Sitzungen abgehalten werden. In Schwanheim hatte die Kurpfalz jährlich einmal umb Georgii, die Vogtsherrschaft mittwoch nach drei könig und mittwoch nach Michaelis das Ruggericht zu halten, (Brinkmann: Nr. 59). Was die Bußgelder betrafen, so was unter büß auf 30 kr. gestraft wird, gehört der gemeind allein dagegen muß die gemeind die diäten zahlen, was aber höher und über 30 kr. gestraft wird, gehert die 63

64 straf gnädigster herrschaft alleinig.. Brinkmann: Nr. 26). Nach dem Ruggericht tagte oft das Zentgericht als Appellationsinstanz der Dorfgerichte. Die Berufung gegen das Urteil hatte innerhalb von 10 Tagen zu erfolgen und wen einer von einem endurteil appelliren wolle, so muß er solche appelation dem Zentgrafen inwendig 10 tagen, den nehesten anpringen und vor dem landgericht ausfüren, wo er aber die appellatio nit angepracht oder nachkommen were, so sei er meinem gnedigsten (kurfürstlichen und herrn zehen lb. heller zu straf verfallen... (Brinkmann: Nr. 101). Die Bürger hatten sich zu den Gerichtssitzungen einzufinden, so einer bei offenem gericht nicht erscheint, muß selbiger vors erstemal ein unrecht mit 10 dn. entrichten, und wann einer 3 gerichtstag ausbleibet, soll selbige dem keller 3 1 heller 5 ß in der straf sein (Brinkmann: Nr. 64). Eine andere Gerichtsart war das Kaufzent, sollte ein Streitfall eilig behandelt werden, mußte ein Kaufgericht bestellt werden. Dafür mußten 12 dn dem Schultheißen gegeben werden (Brinkmann: Nr. 64). Schilderungen über Sitzungen eines Malefizgerichtes und den Ablauf eines Ruggerichtstages finden wir in den Arbeiten der Zent Schriesheim (K. Kollnig) und in der Ortsgeschichte von Helmstadt (G. Senges). Die Richtstätte der Stüber Zent befand sich in Reichartshausen am Galgenoder Stiefelberg. Die letzte Hinrichtung fand am statt, die Kosten für den Prozeß und die Vollstreckung des Urteils an der kindsmörderin E. Kunzmann aus N. beliefen sich auf 1200 Gulden, wie aus dem Ein- und Ausgabenbuch der Stüber Zent von 1781 hervorgeht. In der Nachbarzent Meckesheim war bereits 1762 bei einem ähnlich gelagerten Fall die letzte öffentliche Hinrichtung vollzogen worden (letztere Nachricht in der Gesch. von Meckesheim enthalten). 64 Für die Instandhaltung von stock und galgen hatte der Zentgraf zu sorgen. Nachdem sich im Laufe der Jahre die zentrale Verwaltung immer stärker durchgesetzt hatte, ein ordentlicher Unterbeamter zur Verwaltung aller, sowohl der Zent als auch der Vogteigerichtsbarkeit angeordnet wird, und die Zentrichter auf eine geringe Zahl von Schöffen herabgesetzt worden waren (Widder II, 128), mußte der alte Zentverband bei der Neugestaltung der rechtsrheinischen Pfalz und Badens den Bedürfnissen der Zeit weichen. Die Organisationsedikte von 1803 hoben die ehemaligen Zentbezirke auf, die Stüber Zent wurde zunächst zum Amt Neckarschwarzach umbenannt, später wurden die einzelnen O rtschaften den Amtsbezirken Heidelberg, Mosbach und Sinsheim zugeteilt. V. D e r S tü b e r Z e n tw a ld : Im Bereich der Reichartshauser oder Stüber Zent gab es neben grundherrlichen und Gemeindewäldern den Stüber Zentwald. Bis zur Auflösung der Zenten in der Kurpfalz waren alle Orte der Stüber Zent an der Nutzung dieses alten Markwaldes berechtigt. Bau- und Brennholz durfte je nach Bedarf entnommen werden, und als Weideplatz stand der Wald den Zentuntertanen für ihr Großvieh und ihre Schweine zur Verfügung. Bei der Untersuchung der Frage, wann und auf welche Weise der Zentwald an die einzelnen Gemeinden als Allmendgut gekommen sei, wurde oft aus dem reichen Sagenschatz dieses Gebietes geschöpft. Tatsächlich hat sich im Bereich der Stüber Zent ein alter Markwald erhalten, der in gemeinsamer Nutzung mehrerer Dörfer war. Bei der Besiedlung kam zu jeder Siedelstelle ein entsprechender Anteil an Wald und Weide, der nicht wie die Ackerflur aufgeteilt worden ist, sondern von den Dorfbewohnern gemeinsam genutzt wurde. Der Stüber Zentwald ist innerhalb des Bereichs des

65 Wimpfener Wildbannes gelegen, den Otto III. 988 an Bischof Hildibald von Worms geschenkt hat und ein umfangreiches Gebiet von Neckargemünd bis über Wimpfen hinaus umfaßte (Schannat II, p. 27 f). Durch das Privileg von 988 wird neben der Ausübung des Jagdrechts, wozu auch die Fischerei gehörte, das bisher dem königlichen Fiskus vorbehaltene Strafgeld für Wildfrevel unter Zustimmung der boni milites jener Gegend dem Domstift verliehen (Christ: S. 145 ff). Die Schenkung wurde von Heinrich II. und Heinrich III. (1006 u. 1048) bestätigt (Schannat: II, p 36 u. 55). Bereits früher soll Worms hier Lehensrechte besessen haben, (638 sollen alle Wälder im Odenwald von König Dagobert I. an Bischof Amandus II überlassen worden sein). König Ludwig gestattete 858 Worms die Einkünfte von Wimpfen einzuziehen, die Bestätigung erfolgte von Otto I. am (Schann. II, p. 21). Wenn auch keine Klarheit über die sehr früh datierten Rechtsansprüche besteht, so muß angenommen werden, daß bestimmte Rechtsverhältnisse gegeben waren, die das Bistum Worms vergrößern konnte. Später mußte der Bischof von Worms den Staufer Heinrich VII. (1227) mit Wimpfen und Zubehör belehnen (Schann. II, p. 107). So kam der Forst wieder in unmittelbare königliche Gewalt, bevor er aber endgültig eingezogen werden konnte, bemächtigte sich Worms nochmals der alten Rechte, nachdem um 1252 Konrad IV. aller Güter verlustig erklärt worden war übertrug nun König Albrecht den Edlen von Weinsberg und ihren Erben die H ut des Wildbannes vonneckar-gemonde bis Lauffen durch eine Urkunde (Widder I. 357). Von den Weinsbergern kamen 1419 große Teile des Wildbannes an die Pfalz, die damit das landesherrliche Recht auf hohe Jagd ausüben konnte (Christ: S. 145 f). Der eigentliche Stüber Zentwald umfaßte ursprünglich etwa 2350 Morgen Wald und 38 Morgen Wiese sowie etwas mehr als 5 Morgen Ackerfläche. Von einem Versuch der Kurpfalz, den Zentwald an sich zu ziehen (wie in den anderen Zenten), erfahren wir durch eine Beschwerde der Zentorte, die sich durch die Ritterschaft vertreten ließen. Kurfürst Friedrich II. mußte (1559) seinen Plan aufgeben, weitere Versuche, den Zentwald zu erwerben, wurden von der Pfalz in späteren Jahren nicht mehr unternommen (Hausrath: S. 53). Die Nutzung des Waldes war mannigfaltig. In der Stüber centallmendwaldung ist der o r t... gleich anderen centdörfern sich mit abgängigen holz zu beholzen, auch mit rind- und schweinvieh den waidgang und die atzung zu besuchen berechtigt. (Brinkmann Nr.21). Mit den Einnahmen aus dem Zentwald konnten Gerichts- und Verwaltungskosten bezahlt werden, armen Untertanen wurde eine Unterstützung zugeteilt. Den starken finanziellen Rückhalt der Stüber Zent durch den Waldbesitz ersehen wir aus einem Bericht des Oberamtes Heidelberg (1800), in welchem hervorgehoben wird, daß nur in Stüber Zent durch den Holzerlös Kapitalien angelegt werden konnten, womit die Kosten in Zentverfallenheiten bezahlt werden könnten. Die anderen Zenten mußten Kopfsteuern erheben (Walter: Zent Kirchheim S. 221 ff). Für die Aufrechterhaltung der Ordnung im Zentwald hatten die Allmendschützen zu sorgen. Als Besoldung dienten die anfallenden Bußgelder, die für Waldf revel entrichtet werden mußten ( Fanggelder : Brinkmann, Nr. 42). Nach der Auflösung der Zent versammelten sich die Vertreter der Stüber Zentgemeinden in Neckarschwarzach (1813), um über eine Verteilung des alten Marktwaldes zu beraten. Entweder sollte das Waldgebiet aufgeteilt oder an das Land für bares Geld verkauft werden. Man entschloß sich, jeder Gemeinde einen bestimmten Teil der Waldfläche zuzusprechen. Anfangs der 20er Jahre 5 Badische Heimat

66 des 19. Jh. erfolgte dann die genaue Aufteilung (beendet ). Nach der Aufteilung verkauften die Gemeinden Bargen, Breitenbronn, Daudenzell und Guttenbach ihre Anteile, die anderen Gemeinden wurden Eigentümer der entsprechenden Waldflächen, wovon von Zeit zu Zeit Teile an den Staat verkauft worden sind, um für besondere Auslagen Geld zu bekommen. Das Gebiet der Zentwaldung, in welchem noch 11 ehemalige Stüber Zentgemeinden Anteile haben, wird durch zwei staatliche Betriebsbeamte beförstert. Literatur Außer Teilen von Quellen aus dem Generallandesarchiv Karlsruhe: Carl Brinkmann: Sammlung bad. Weistümer und Dorfordnungen. I. Meckesheimer und Reichartshauser Zent (Heidelberg,1917). Koch-W ille-oberndorff: Regesten der Pfalzgrafen am Rhein ( ) Kurpfälzische Landordnung 1582 und Kurpfälzisches Landrecht Allgemeine Literatur: Bosl, Karl: Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, (in Gebhardt, Hdb. d. dtsch. Geschichte, Aufl.) Christ, Karl: Aus der Rechtsgesch. des Elsenz- und Neckargaus (Mannh. Geschichtsbl ) Dannenbauer, H.: Hundertschaft, Centena u. Huntari (Hist. Jahrb ) Dinklage, Karl: Gesch. der Zentgerichte in Franken (Mainfr. Tahrb. f. Gesch. und Kunst 1952) Hausrath, Hans: Die Geschichte des Waldeigentums im Pf. Odenwald (1913) Hirsch, Hans: Die hohe Gerichtsbarkeit im MA (1958 mit Nachwort von Th. Mayer) Häusser, Ludwig: Die Geschichte der rh. Pfalz (2 Bd Neudr.) Knapp, Hermann: Die Zenten des Hochstifts Würzburg (2 Bd. 1907) Kolb Gustav: Die Kraichgauer Ritterschaft,.. (Freib. Diss. 1909) Kollnig, Karl: Die Zent Schriesheim (Heidelb. Abh. zur mittl. u. neueren Gesch. Heft 62, 1933) Kollnig, Karl: Die Zenten der Kurpfalz (ZGO. N.F ) Kollnig, Karl: Die Probleme der Weistumsforsch. (Heidelb. Jhrb ) Krieger, Albert: Topogr. Wörterbuch des Großh. Baden ( A) Kroeschell, Karl: Die Zentgerichte in Hessen u. die frank. Zenten (Ztschr. f. Rechtsgesch. Germ. Abt. Bd ) Metz, Friedrich: Der Kraichgau ( Aufl.) Mone Franz: Das Neckartal von Hdlbg. bis Wimpfen (ZGO. A.F. 11) Lorent, Adolf: Wimpfen am Neckar (Stuttgart 1870) Ritsert, Friedrich: Die Geschichte der Herren v. Hirschhorn (Arch. f. Hess. Gesch ) Schaab, H.: Veröffentl. in ZGO. N.F : Anf. der kurpf. Herrschaft um Heidelberg. Schannat, J. F.: Hist, episc. Wormat. I./II Schölten, Walter: Das Fronwesen der Kurpf. (Heidelb. Diss. 1909) Senges, Gustav: Die Ortsgesch. von Helmstadt (1937) Steinbach, Franz: Hundertschar, Centena, Zentgericht (Rhein. Vierteljahresbl. 1950/51, Jhg. 15/16) Trautz, Fritz: Das untere Neckarland im frühen MA (Heidelb. 1953) Walther, Fr.: Die Kirchheimer Zent (Mannh. Geschichtsbl. 10) Weech, v.: Das Reißbuch anno 1504 (ZGO. A.F. 26) Weller, K.: Die Zentgerichtsverf. württ. Franken (in Mainfr. Jahrb ) Widder, J. G.: Versuch einer vollst. geogr.- hist. Beschreibung der Kurpfalz am Rheine (4 Bd ) Wild, H.: Material zur Ortsgesch. von Asbach (unveröffentl.) Zimmermann, Fr.: Die Weistümer und der Ausbau der Landeshoheit in der Kurpfalz (Berlin 1937) 6 6

67 Die Stüber Zent*) Von Karl Halter, Freiburg i. Br. Das Gebiet in dem auf der Landkarte so markant heraustretenden Neckarknie hinter Heidelberg ist der kleine Odenwald. Einst war es die Zent. Diese zerfiel in die obere oder Stüber Zent und die untere, die Meckesheimer Zent. Da dort die mageren Buntsandsteinböden sich wenig für den Feldbau eigneten, wurde dieses Gebiet bei der Landnahme durch die Römer und später durch die Germanen nicht besiedelt; es blieb Reichsgut, und die davon angefallenen Nutzbarkeit ward der königlichen Kammer zugewiesen. Im Jahre 983 wurde der Wildbann in diesem Königsgut dem Bistum Worms verliehen. Bald aber fiel er wieder an das Reich zurück. Nochmals wurde er verpfändet, und zwar an die Grafen von Weinsberg und die Herren von Hirschhorn. Später gestattete Kaiser Ludwig IV., der Bayer, seinem Vetter, dem Pfalzgrafen, die Zent einzulösen. Als die Pfalz im Jahre 1419 auch noch die Herrschaft Schwarzach erworben hatte, besaß sie das ganze Gebiet im Neckarknie. Um jene Zeit war das Gebiet besiedelt worden. Wir begegneten Ortsnamen, die in der Hauptsache den Bächen und Brunnen entliehen sind, was andeutet, daß diese Orte erst spät gegründet wurden. Es taucht auch der Name Zent auf, so die Zent auf dem Kraichgau im Jahre Weil die Herrschaft über diese Zent vom Reich ausging, waren die hier Eingesessenen niemand als dem Kaiser dienstpflichtig, und sie wachten streng auf ihre Sonderrechte, nicht anders als die Hauensteiner und Harmersbacher. Die Unterordnung unter die Pfalz beschränkte sich auf den Ausbau der inneren Rechtsweisungen und der Verwaltungsorganisation. Der Zent selbst aber verblieb die Zuständigkeit für Maß und Gewicht, die Regelung des Arbeitslohnes sowie die Veterinär- und Sittenpolizei. Es kamen dazu Privilegien der Freizügigkeit, des Judenausschlusses und der Zollfreiheit. Die Stüber Zent besaß einen Allmendwald, den Zentwald, der gemeinsam verwaltet und genutzt wurde. Dieser Wald war durch Steine abgegrenzt. Jedes Jahr fand ein Umgang der Grenze entlang statt. Dazu wurden auch die Buben mitgenommen, damit sie schon früh den Verlauf der Grenze kennen lernten. Wenn es einmal Unklarheiten gab, wurden nämlich die Männer befragt, wie es zu ihrer Jugendzeit gewesen ist. Damt die Buben das Gesehene sich gut einprägten, wurden recht drastische Mittel angewandt. Bei den Marksteinen erhielt jeder eine Ohrfeige, und man stauchte ihn mit dem Hinterteil kräftig auf die Steine; wo die Grenze einem Bachlauf folgte, wurde von Zeit zu Zeit bald dieser, bald jener Bub unvermutet in den Bach hineingestoßen. Aus diesem Zentwald bezogen die Zentleute ihr Bauholz, das Brennholz, die Laubstreu und sie lasen dort die Bucheckern für ihr ö l (Äckerichtrecht). Sie durften auch die Schweine hineintreiben. Immer wieder einmal hat die Pfalz versucht, diesen Wald an sich zu ziehen; es ist ihr nie gelungen. Nachdem diese Zent mit der Kurpfalz an Baden fiel, verblieb der Wald den ehemaligen Zentgemeinden, wurde aber aufgeteilt. Die Verteilung war recht unpraktisch, und die entfernter liegenden Gemeinden hatten wenig Nutzen davon; die Auslagen überschritten die Einnahmen. Deshalb verkauften Bargen, Helmstadt, Daudenzell, Breitenbronn und Guttenbach ihre Teile dem Staate. Andere folgten mit der Zeit. Was der Kurpfalz einst nicht gelun 5* 67

68 gen war, nämlich den Zentwald an sich zu bringen, wurde nun vom badischen Staat auf friedlichem Wege erreicht. Der Name Zentwald aber und die Namen der Eigentümer haben sich erhalten wie auch das Bewußtsein der einstigen Zusammengehörigkeit. Noch immer pflegen die Zentgemeinden freundschaftliche Beziehungen. Zur Stüber Zent gehörten die Orte Haag, Schönbrunn, Moosbrunn, Schwanheim, Neunkirchen, Schwarzach, Michelbach, Reichertshausen (früher 1813 bei Kolb Reichardshausen, 1904 bei Krieger Reichartshausen) und Epfenbach. Dazu kamen die abgelegenen Gemeinden Neckarkatzenbach, Guttenbach, Breitenbronn Aglasterhausen, Daudenzell, Helmstadt, Asbach, Flinsbach, Bargen und jenseits des Neckars Reichenbuch. Der Hauptort war Reichertshausen. In der Rats -Stube tagte die Regierung, das Zentgericht, woher der Name Stüber Zent kam. Den Vorsitz im Zent führte der Zentgraf. Das durfte nur ein Mann aus dem Volke sein; Adelige waren ausgeschlossen. Ihm standen die Zentschöffen zur Seite. Diese wurden von den einzelnen Gemeinden je nach Erfordernis bestimmt. Das Zentgericht war zuständig für Vergehen wie Diebstahl, Notzucht, Mord, Brandstiftung und Zauberei. Die leichteren Vergehen wurden vom Dorfschultheiß geahndet. Zu den Pflichten der Zentleute gehörten Söldnerdienst, Schutz und Geleit. Nahmen die Wölfe überhand, dann hatten die Gemeinden Jäger und Treiber aufzubieten. Rechte und Pflichten waren in Weistümern festgelegt. Im Jahre 1401 stellte sich die Zent unter die Vogtei Heidelberg; fünfzehn Jahre darauf wurde dem Kurfürsten seine Herrschaft über die Zent anerkannt. Diese beschränkte sich aber, wie schon eingangs erwähnt, auf die Pflege und den Ausbau der Rechtsweisungen und der Verwaltungsorganisation. Die Zuständigkeiten des Zentgrafen und der Zentschöffen wurden dabei nicht berührt. Zur Sicherheit errichtete die Zentregierung im Jahre 1430 ein förmliches Weistum über die die Zent anklebigen Gerechtigkeiten, wie sich I. Goswin Widder in seiner Beschreibung der Kurfürstlichen Pfalz (Frankfurt und Leipzig 1786) ausgedrückt hat. Den besten Einblick in die Verhältnisse in der Stüber Zent erhalten wir durch den Bericht über eine Sitzung am 30. August 1538, vormittags 10 Uhr in der Stube im Reichertshauser Rathaus. Es erschienen der Edel Junker Hans von Gemmingen, derzeit Faut zu Heidelberg als Stellvertreter des Kurfürsten Ludwig, Wendel Dymel, Zentgraf von Neckargemünd, Peter Ritzbub, Schultheiß zu Wiesloch, Georg Wetzel, Bürger zu Heidelberg, Benedikt Bender von Lobenfeld, Hans Schulz, Schultheiß zu Wimmersbach, Georg Oelmüller von Wimmersbach, Hans Schneider von Reichartshausen. Dazu waren die Zentrichter erschienen: Niclas Schollen von Unterschwarzach derzeit der Zentgraf, Weber von Asbach, Hans Braun von Aglasterhausen, Hans Untzmann von Epfenbach, Hoffmann von Michelbach, Hagk von Reichartshausen, Gieser von Flinsbach, Stech von Daudenzell, Konrad von Guttenbach, Schweiker von Katzenbach, Stoll von Unterschwarzach. Die Zentschöffen baten, man möge ihre Weistümer aufschreiben, so wie sie es wüßten und wie sie es auf Glaub und Eid aussagen könnten. Und der Zentgraf, der Bauer Niclas Schollen, begann: 68

69 Zum ersten bekennen, sprechen und gestehen wir einmütiglich, daß es heutzutage Gewohnheit und alt Herkommen ist, so wie es von unseren Vorfahren auf uns kam, daß der Pfalzgraf der oberste Herr und Vogt der Zent sei und Gebote, hohe und niedere, zu machen hat, und daß sein Gebot vor allen Geboten soll vorgehen und gehalten werden. 2. daß dieser gegenwärtige Pfalzgraf Ludwig unser gnädiger Herr und Obrist Zentherr ist, dem wir zuweisen alle hohen und niederen Bußen, alle Zentfrevel und die Strafgelder, die Pfaff und Edelmann zu zahlen hat für Auflauf, Mordgeschrei und verursachen von bindbaren Wunden. 3. die Grenzen der Stüber Zent sind: Beginnend dort, wo Eschelbronner und Neidensteiner Mark in der Schwarzbach sich treffen, mitten in der Schwarzbach hinauf bis nach Waibstadt mitten auf der steinernen Brücke und die Schwarzbach weiter bis zur Einmündung der Bischofsheimer Bach, dieser entlang bis zur Bischofsheimer Brücke am Tor und wieder zum Wimpfener Forst, der Flinsbacher Mark dann entlang, auch der Bargener Mark, Wollenberger, Hüffenharder, Kälbertshauser, Asbacher, Mörtelsteiner Mark, in der Mitte des Neckars nach Hirschhorn und die Finsterbach entlang bis zur Epfenbacher Bruck. 4. in dieser Mark hat der Pfalzgraf jedermann zu geleiten, zu schützen und zu schirmen. 5. die Zent selber hat zu rechtfertigen: Mordgeschrei, Diebstahl, Mord, Raub, bindbare Wunden, Ehr und Glimpf, Unrecht und Maß, Gewicht, Gotteslästerung, Notzucht, Lüge, Trug und dergleichen, Steinwürfe, Kantenwurf, Kraußenwurf, und so einer einen Stein aufhebt über einen, über das Knie brecht und auch nicht wirft. 6. der Kurfürst kann mit dem Übeltäter machen wie er will, doch auf seine Kosten. Die Zent schafft ihn auf ihre Kosten in den Turm zu Dilsberg. 7. in der Zent darf kein Einwohner durch den Dorf junker ins Gefängnis gelegt werden. 8. die Zent hat den Wirt zu strafen, der seinen Wein nicht schätzen läßt, und den Bäcker und Müller, die dem Brot sein Gewicht nicht geben. 9. Berufung kann nur beim Hofgericht eingelegt werden. 10. sollte man zu Kriegszeiten ausziehen, so muß der Zentgraf vorausgehen. 11. wer einen Uebeltäter erwischt, hat ihn dem Zentgrafen zu bringen, und der soll ihn auf die Zentkosten auf den Dilsberg bringen lassen. 12. sollte man einen Gerichtsstuhl oder Galgen brauchen, so hat ihn der Zentgraf abzugeben. Auf weiteren Tagfahrten, so am 15. Mai 1560 und im Jahre 1567 wurden diese Weistümer bestätigt und auch ergänzt. So, daß jährlich 4, wenigstens 3 Ruggerichte abzuhalten sind, daß zu Wolfsjagden der Dorfjunker seine Untertanen nehmen kann, doch so viele Leute im Dorf zurücklassen muß, daß im Falle eines Brandes jemand da ist, daß der Pfalzgraf jedermann in der Pfalz zu schützen und zu schirmen hat. Es wurde auch genau bestimmt, welche Fronarbeiten zu leisten sind: Brennholz zu hauen und zu führen, leere Fässer auf dem Dilsberg zu holen und den Wein auf den Dilsberg zu führen, Dung zu führen, Frucht zu schneiden, Rüben zu holen, Keit (Kraut) zu setzen, zu ruren und hacken, Zäune machen, Gräben auswerfen, Heu zu machen, Schloßbauten aufzuführen, bei der Jagd Hunde zu führen. * Vieles zu diesen Ausführungen ist I. Goswin Widder, Beschreibung der Kurfürstlichen Pfalz, Frankfurt und Leipzig 1786 entnommen, anderes C. Brinkmann, Badische Weistümer und Dorfordnungen, Heidelberg

70 Abb. 1 Schloß in Neclcarschwarzach Neckars chwarzach Wasserburg, Kellerei und staatliches Forstamt 70 von W ilibald Reichwein, Baden-Baden Die im Band IV des Badischen Kunstdenkmälerwerkes bei der Abhandlung über Unterschwarzach nur mit ein paar kurzen Sätzen erwähnte Veste Schwarzadi oder Veste Neckarschwarzach verdient es, zum Gegenstand einer gesonderten Betrachtung gemacht zu werden. Der in ihrer Gegend weniger Bewanderte möge erfahren, daß die einstige Veste zwischen Aglasterhausen und Neunkirchen auf der Höhe des Neckarhügellandes im heutigen Landkreis Mosbach gelegen ist; genauer gesagt, zwischen den beiden Burgweilern, die sich bereits im Jahre 1460 in Ober- und Unterschwarzach unterschieden, aber bis zum Anfang des vorigen Jahrhunderts eine politische Gemeinde waren. In der Nachbarschaft der einstigen Veste liegt auf der Karte 1 : der dort mit Stiftshof bezeichnete Schwarzacher H of, heute eine Zweiganstalt der Johannesanstalten der Inneren Mission in Mosbach. Die Veste Neckarschwarzach lag einst noch weit mehr aus der Welt und in der Verschwiegenheit als heute; denn die Straße von Aglasterhausen über Unter- und Ober-

71 schwarzach nach Neunkirchen, die in unmittelbarer Nähe vorbeiführt, stammt erst aus dem vorigen Jahrhundert. Man gelangte früher von Aglasterhausen nach Neunkirchen auf dem in der erwähnten Karte als Aglasterhausen er Weg eingezeichneten Straße, die östlich von Unter- und Oberschwarzach vorbeiführte. Damals führte in unmittelbarer Nähe der Burg, zwischen dem Stiftshof und ihr, nur ein sog. Chaisenweg vorbei, dem Straßenstern im Stüber Centwald zu. Es handelte sich bei der Veste Neckarschwarzach einst um eine Wasserburg oder um ein Wasserschloß, das inzwischen wie so viele seinesgleichen seine kriegerische Rüstung abgelegt hat. Trotz der nahen Autostraße liegt der einstige Edelsitz auch heute noch in der stillen Ruhe von alten Bäumen, Gärten, Wiesenanlagen und Begrenzungshecken verborgen, die über dem eingeebneten Wall und Schanzgraben entstanden sind. Der Name Schwarzach ist zunächst ein Bachname. Ortsnamenendungen auf -ach kommen aus dem Althochdeutschen, wo aha fließendes Wasser bedeutet hat. Im Gotischen bezeichnet ahwa einen Fluß. Schwarzach heißt also soviel wie: an dem Schwarzbach gelegener O rt. Die Hinzufügung von Neckar sollte der besseren Unterscheidung von den beiden Burgweilern Schwarzach und auch von anderen Orten gleichen Namens dienen. Von der alten Wasserburg sind heute nur noch spärliche Reste vorhanden. Aber das Generallandesarchiv in Karlsruhe besitzt einen Plan des Erdgeschosses der Veste, der hier als Abbildung 2 abgedruckt ist, und nach dem wir uns die alte Burg in Verbindung mit einigen überkommenen Schriftsätzen desselben Archives einigermaßen rekonstruieren können. Wir entnehmen ihm, daß es sich einst in Neckarschwarzach um eine stattliche Festungsanlage gehandelt haben muß, wenn wir auch keine Fassadenansichten mehr besitzen. Die Burg war durch zwei breite und tiefe Wassergräben gesichert oder in ihnen geborgen (woher das Wort Burg kommt; Schloß dagegen von schließen, beschließen, beherbergen). Beide Gräben heben sich auf dem Plane durch eine dunklere Farbgebung ab. Wir erkennen den äußeren Wallgraben hinter einem davor errichteten Wall und zum anderen den eigentlichen Burggraben, der die Ringmauer unmittelbar umschloß. Beide Gräben wurden durch den Überlauf einer Quelle im Burghof, vor allem aber durch den bei Neunkirchen entspringenden Schwarzbach gespeist. Über die beiden Gräben führte ursprünglich je eine hölzerne Zugbrücke: eine über den Wallgraben von Nordwesten und eine über den Burggraben von Westen her. Auf dem Gelände zwischen den Gräben, der sogenannten Vorburg, waren beim Betreten links an das Torhaus anschließend Pferdestallungen und Mannschaftsräume (Kasernenräume) angebaut. Im übrigen befanden sich auf dem weiten Gelände der Vorburg Stallungen für Schafe, Schweine und Mastvieh sowie eine Fruchtscheuer. Einen besonderen Schutz für die innere Zugbrücke über dem Burggraben bedeutete der in der ganzen Breite oder Tiefe des Zwingers aus der Burg vorspringende Wachtturm, oder wie er hier genannt wurde: das Wachthaus. Dies wie die Ringmauer der Burg bis zur Grabensohle hinabreichende Wachthaus barg, oder besser verbarg, in seinem untersten Teile das Haupt- oder Burgverlies, in das man nur von den heute noch vorhandenen großen gewölbten Kellern unter dem Hauptbau aus gelangen konnte. Es ist uns kein in der Geschichte bekannter Gefangener überliefert, der in Neckarschwarzach geschmachtet hätte; wer aber weiß, wieviel leibliches und seelisches Leid an dieser feuchten, kalten und finsteren Stätte durchlitten 71

72 Abb. 2 Alter Plan der Wasserburg Neckarschwarzach Aus dem Generallandesarchiv Karlsruhe (Abt. 229 Sp. A., Fasz ) wurde!? Im Stockwerk darüber führte ein gewölbter Gang durch das Wachthaus und auch noch ebener Erde durch den Palas (Hauptbau) hindurch in den Innenhof der Burg und rechter Hand in das Wachlokal, den Raum für die Wachmannschaft. Das über dem gewölbten Tordurchgang gelegene zweite Stockwerk des Wachthauses war nicht wie die unteren aus Steinen, sondern aus Buchen- und Forlenholz (Fachwerk) gebaut. Hier befand sich der Raum, in dem die Zugbrücke und das große Fallgatter bedient wurde, das dauernd seine eisenbeschlagenen Zähne in die Toröffnung hinunterstreckte. Zu beiden Seiten des Tordurchganges führten 72 ebenfalls durch Fallgatter abgesicherte Türen in den Zwinger, den Raum zwischen Ringmauer und Burggebäuden, der wohl hier wie auch anderswo als Küchengarten angelegt war. Die Ringmauer mit ihren Wehrgängen bildete fast ein Quadrat, dessen Grundform eine Seitenlänge von 34 Metern aufweist, die aber an der Nordseite so sehr abgeschwächt ist, daß die Westseite nur 28 Meter mißt. Die Burg lag mit ihren Breitseiten den vier bekannten Himmelsrichtungen zu. Der Eingang mit dem Wachthaus lag im Süden. An ihren vier Ecken war die Burg von je einem vorspringenden Turm flankiert, von

73 denen der im Südwesten der stärkste und zugleich höchste war. Seine Reste weisen noch eine Mauerdicke von 1,18m auf. Er diente wohl als Bergfried, als Hauptturm der Burg. Von allen Türmen sind heute nur noch Reste von 3 bis 4 m Höhe vorhanden. Aus den Ruinen des nordwestlichen Turmes wächst heute ein Baum. Zum Bergfried führt heute noch die bereits auf dem Plane eingezeichnete Türe, die im obersten Stein der Torleibung die Jahreszahl 1596 trägt (Abb. 3). Über dem heutigen wohl alten und an diese Stelle versetzten Kellereingang befindet sich eine Zahl, bei der die letzte, die Einerzahl, unleserlich ist; 129. (?). Diesen Zahlen nach scheint die Burg wohl im letzten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts erbaut worden zu sein. Über dem Tordurchgang durch den Hauptbau (Palas) befand sich die große Wohn- und eine kleinere Schreibstube. Bemerkenswert ist, daß auf dem Plan die Fenster des Erdgeschosses fast ganz fehlen. (Der vorhandene Plan ist der Plan des Erdgeschosses). Vielleicht ist aber aus einer Bemerkung der Renovaturnotizen aus dem Jahre 1659 zu schließen, daß die unteren Räume der Burg aus Sicherheitsgründen mit Oberlichtfenstern versehen waren. Offene Kamine gaben den Räumen ebenfalls Licht und mittelalterliche Gemütlichkeit. Im Erdgeschoß befand sich weiter die Küche, ein Stall und die Gesindestube. Die Küche scheint der Raum gleich hinter dem Palas gewesen zu sein, zu der vom Innenhof der Burg eine Treppe führte. Im inwendigen Hof ist noch ein stark springender Brunnen zu erwähnen, der in einen großen steinernen Trog lief. Die Brunnenstube war in der Ringmauer eingeborgen. Der Überlauf floß in den Burggraben. In dem hinteren nach Osten gelegenen Bau befand sich die gelbe Stube und ein großer Saal, dessen Decke in der Mitte von einer Säule getragen wurde, und dessen Boden aus gebackenen Steinen bestand. Zu diesem Saal konnte man nur über eine Treppe vom Innenhof der Burg aus gelangen. Die Hauptbauten waren mit Ziegeln gedeckt, nur die Nebenbauten in der Vorburg trugen Strohdächer. Über den Ursprung der Veste Neckarschwarzach ist uns nichts überliefert. Es sind keine Urkunden oder Überlieferungen darüber erhalten. Aus dem Jahre 1143 stammt die erste Erwähnung der beiden Ortschaften Svarza (Regesta Badenia, nach Krieger, Topographisches Wörterbuch). Krieger erwähnt ebenfalls eine Handschrift der Darmstädter Bibliothek, die Swarcach nennt. Eduard Schuster (die Burgen und Schlösser Badens, Karlsruhe, 1908) schreibt von einem noch im 15. Jh. vorhandenen eigenen Ortsadel. Die Quelle dafür nennt er nicht. In dem ältesten Kirchenbuch der evangelischen Kirchengemeinde Neunkirchen (S. 23) findet sich der Eintrag aus dem Ende des 16. Jahrhunderts: Margarethe, die Edelfrau von Schwarzach und ihre Tochter Anna Meria. Aus dem Jahre 1583 (S. 52) steht: Des Junkers von Schwarzach, landtschad Mutter. Beide Einträge bringen aber keine Bestätigung eines Schwarzacher Ortsadels, denn sie können genau so gut nur der dem augenblicklichen Besitzer des Schlosses Neckarschwarzach zuerkannte Titel gewesen sein. Die Veste Neckarschwarzach selbst wird erstmals von Goswin Widder in seiner Beschreibung der Kurpfalz, (Band 1, aus dem Jahre 1786) genannt. Er bezeichnet dort aber nicht das Jahr ihrer Erbauung, das oben in das Ende des 13. Jahrhunderts gelegt wurde, sondern er führt eine Urkunde aus dem Jahre 1319 an, die besagt, daß die Veste schon lange bestanden hat, und zwar als bischöflich Wormser Lehen im Besitz der Herren von Weinsberg. Sie haben die Veste damals nebst den dazugehörigen Dörfern an den Kurfürsten Ludwig III. von der Pfalz verkauft. 73

74 Aus einer anderen Urkunde vom Jahre 1401 geht hervor, daß dort sowohl Reinhart von Helmstadt wie Engelhard X. von Weinsberg jeweils durch ihre Gattinnen an der Veste Neckarschwarzach Anteil hatten. Die Gemahlin des Helmstädters hieß Anna geb. Rosenberg und die des Weinsbergers Anna von Leiningen. Es scheint zwischen den Burgherren zu Unstimmigkeiten gekommen zu sein, die dann in der Urkunde von 1401 beigelegt oder ausgeglichen wurden, indem ihre Rechte zur Zufriedenheit beider neu festgelegt wurden. Beide Schloßherren sind uns auch sonst bekannt. Reinhart von Helmstadt ist 1404 gestorben. Sein Grabstein steht heute noch in der Kirche zu Neckarbischofsheim. Engelhard X. wurde 1393 in das Amt eines kaiserlichen Landvogts in Schwaben, Breisgau und Elsaß eingesetzt und 1401 von Kaiser Ruprecht zum kaiserlichen Hofrichter ernannt wurde er nebst seinem Sohn Konrad VII. (von dem nachher noch die Rede sein wird) durch Kaiser Sigismund in eine der höchsten Reichswürden (in die eines Reichskämmerers) eingesetzt. Dieses Amt verblieb nun in der Familie, bis es, nach dem Tode des letzten Sprosses Philipp, 1507 an Graf Eitel Friedrich von Zollern überging. Der Sohn Engelhard X. mit Namen Konrad VII. wurde 1411 samt seiner Gemahlin Anna von Hohenlohe, der Witwe Konrads von Brauneck, ebenfalls Herr von Neckarschwarzach. Bischof Johann II. von Worms ( ) belehnte ihn 1411 mit dem Schlosse Gutenberg samt den dazugehörigen Dörfern Neckargartach, Groß- und Kleingartach, Burg und Stadt Winnenden, sowie der Burg Neckarschwarzach und Zugehör. In Konrad VII. von Weinsberg hatte Neckarschwarzach einen Burgherrn, der dem bedeutenden Geschlechte der Weinsberger (die zusammen mit den Herren von Hirschhorn vor der Kurpfalz die Beherrscher und Besitzer des gesamten unteren Neckarlandes waren) den höchsten, aber auch letzten Glanz verlieh. Erzogen am pfälzischen und badischen Hofe, verdankte er seine staatsmännische Ausbildung seinem Onkel, dem Erzbischof Konrad von Mainz. Von Sigismunds Kaiserwahl (1411) in Frankfurt an, der er persönlich beiwohnte, war er stets dessen Ratgeber und Vertrauter und ordnete in dessen Auftrag viele Streitigkeiten im Reiche, wozu es vieler weiter Reisen und eines öfteren Aufenthalts in Wien beim Kaiser bedurfte. Von den Päpsten erhielt er mehrfach Indulgenzbriefe (Ablaßbriefe) z. B. für seine Teilnahme am Kriege gegen die Hussiten wurde er von Kaiser Sigismund zum Reichsmünzmeister ernannt und mit den Reichsmünzstätten in Frankfurt, Nördlingen und Basel belehnt, wonach er dort Goldgulden mit seinem eigenen Wappen schlagen ließ begleitete er König Sigismund zum Konzil nach Konstanz und wurde zum Protektor des Konzils ernannt, wobei er sich die Gunst aller deutschen Großen erwarb. Ebenso erwählte ihn Kaiser Albrecht 1439 zum Protektor des Konzils zu Basel. In diesem Amte wurde er auch nach König Albrechts Tod von dem Reichsvikar Pfalzgraf Ludwig und nach der zu Basel erfolgten Krönung des Herzogs Friedrich von Österreich als deutscher König Friedrich III. (bei der Konrad persönlich anwesend war) von dem neuen König bestätigt. Er durfte Papst Felix V. die Meldung von der Königskrönung überbringen und errang sich dadurch aufs neue die Anerkennung des Papstes und aller dabei anwesenden Großen begleitete er noch König Friedrich nach Frankfurt und zur Kaiserkrönung nach Aachen. Von 1415 nahmen seine Kräfte wohl infolge der vielen anstrengenden Reisen rasch ab, und er wurde schwer krank, wozu ihm Papst Felix in einem persönlichen Schreiben seine Teilnahme aussprach. Trotzdem ordnete er noch viele wichtige Reichs- 74

75 Abb. 3 Tür zum Bergfried 1596 phot. Fuchs geschäfte, Fehden und Streitigkeiten, sowie seinen eigenen Besitz bis zu seinem 1448 auf der Burg Weinsberg erfolgten Tode. Ich verdanke diese Exkursion in die Weinsberger Geschichte einem Artikel von Erwin Hildt aus dem Jahre 1924 in einem Fremdenführer der Stadt Weinsberg (Verlag des Justinus-Kerner-Vereins) und habe sie deshalb unternommen, damit der Wert der Heimat und ihrer Baulichkeiten hier der Veste Neckarschwarzach für uns zunehme, wenn wir bedenken, daß in ihr in Anwesenheit Konrads (wenn auch gewiß nur selten) immerhin doch auch Reichsgeschichte gemacht wurde. Schon Anfang des 14. Jahrhunderts hatten die Herren von Weinsberg wegen der ungeheuren Auslagen, die ihnen besonders ihre Stellung als Landvögte verursachten, sich zu umfassenden Veräußerungen aus dem Hausbesitz und ihren Lehen genötigt gesehen. Durch seine vielen Amtsreisen als Reichserbkämmerer im In- und Ausland, durch seinen vielfachen Aufenthalt am Kaiserhofe, besonders aber durch den großen Aufwand, den ihm als Protektor die beiden Konzile in Konstanz und Basel auferlegten, hatte sich unter Konrad VII. die Schuldenlast so gehäuft, daß nach seinem Tode nur noch ein kleiner Hausbesitz übrigblieb. Wohl hatte er König Sigismund nach und nach eine ungeheuer große Summe von Goldgulden geliehen und war dafür auf Reichseinkünfte angewiesen, um die er erst streiten mußte, und die nur in unzureichender Weise hereinkamen. So ist es denn verständlich, wenn dieser große und einst so reiche Mann am 24. März 1419 die Burg Schwarzach mit ihren Burgweilern Ober- und Unterschwarzach, einem Teil von Neunkirchen und Schwanheim, von Haag und dem Wildbann in dem Gebiete zwischen Neckar, Elsenz, Lobenfeld, Aglasterhausen und Obrigheim dem Reichsvikar Kurfürst Ludwig III. und dessen Gemahlin Mechtild um 4200 rheinische Gulden verkaufte. In einem besonderen Schreiben teilte Konrad damals außerdem noch mit, daß er die Veste Neckarschwarzach eigentlich vom Bischof in Worms zu Lehen gehabt habe (für Geld geliehen habe), und daß er diesen seinen Lehensherrn noch um die Einwilligung zu dem Verkaufe bitten wolle. Kurfürst Ludwig III. machte dann am 4. August 1421 zu Heidelberg sein Testament, weil er auf Wunsch des römischen Königs mit dessen Ritterschaft nach Böhmen ziehen sollte. Darin vermachte er seiner Gemahlin Mechtild von Savoyen unter vielem anderen auch die Pfandschaften zu Schwarzach und Stolzeneck. (Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, Bd. 22, S. 192) Kurfürst Ludwig III. überlebte aber den Husittenkrieg. Somit änderte sich durch dieses Testament am Eigentumsrecht über die Burg 75

76 Neckarschwarzach nichts. Allerdings aber durch einen anderen Umstand; denn das Lehen Neckarschwarzach wurde von den auf Bischof Johann II. folgenden Bischöfen Friedrich II. ( ) und Reinhard I. ( ) samt der Vogtei und den zugehörigen Dörfern in den Jahren 1427 und 1446 immer wieder neu demselben Konrad von Weinsberg bestätigt, der das Lehen Neckarschwarzach 1419 verkauft hatte. Daraus ist nach Mühlhaupt, Geschichtsbilder aus dem Kirchspiel Haag im Kleinen Odenwald, zu schließen, daß Konrad VII. von Weinsberg die Burg Neckarschwarzach und Zugehör (als er wieder einmal gut bei Kasse war) nochmals von der Pfalz zurückgekauft hat. Das könnte 1425 geschehen sein, wo er nachweislich die halbe Herrschaft Weinsberg, die er 1412 einmal an die Pfalz versetzt hatte, wieder zurückkaufte. Doch sehr lange konnte er den Besitz auch diesmal nicht mehr halten. Reichsvikar Kurfürst Ludwig IV. von der Pfalz hat die Burg Neckarschwarzach und Zugehör schließlich mit Zustimmung des Bischofs Reinhard von Worms endgültig von Konrad von Weinsberg erworben. In welchem Jahre das geschehen ist, ist nicht bekannt; es kann aber jedenfalls erst nach 1446 gewesen sein, wo Bischof Reinhard den Konrad noch im Besitze der Burg bestätigt hat. Seither erfüllte sich auch für die Gegend der Veste Neckarschwarzach das Volkslied: Ein Jäger aus Kurpfalz, der reitet durch den grünen Wald, er schießt das Wild daher, gleich wie es ihm gefällt! Und an den großen Konrad von Weinsberg erinnert uns nur noch sein und seiner Gemahlin Standbild aus Bronze im Kloster zu Schöntal, das den beiden in Dank verbunden war. Recht gute Abbildungen der beiden Standbilder befinden sich auf Seite 12 und 13 der Schrift Kloster Schöntal von Dr. W. Betzendörfer, Verlag Kling, Mergentheim, sowie im Bilderanhang von Willy P. Fuchs-Röll, Kloster Schöntal, Verlag Dr. Abb. 4 Kath. Kirche zu Unterschwarzaeh phot. Reichwein Benno Filser, Augsburg. (Deutsche Kunstführer, Band 19). Aus dem Jahre 1483 ist die Nachricht vorhanden, wonach sich Neckarschwarzach immer noch im Besitz der Kurpfalz befand. Kurfürst Philipp ( ) erwähnt in einer Aufzählung seiner Lehen auch die Burg Schwarzach mit ihren Dörfern. Aber auch die Kurpfalz hatte Zeiten, in denen das Geld knapp war, und 1507 verpfändete sie Neckarschwarzach an Heinrich von Handschuhsheim. Im Bauernkrieg 1525 scheint die Burg schwer Not gelitten zu haben. Nach dem durch die Fürsten siegreich beendeten Bauernkrieg belehnte der Kurfürst von der Pfalz den Heerführer des Schwäbischen Bundes und Sieger in der Schlacht bei Königshofen, die das Schicksal der Bauern besiegelte, den Vaut von Heidel 76

77 berg, den pfälzischen Obermarschall und Feldobristen Wilhelm von Habern, der bereits die Minneburg von ihm zu Erblehen hatte, auch mit der Burg Schwarzach. Von 1518 an war er Vogtsjunker über Minneburg und von 1534 an auch über das Schloß Neckarschwarzach. Am 2. November 1534 ist er gestorben. Sein Sohn scheint von 1534 an Herr der Minneburg und der Burg Neckarschwarzach gewesen zu sein. In einem Dilsberger Verzeichnis vom 1. April 1549 heißt es: den Pleutersbach, der von Allemühl läuft und nach Schwarzach gehört, hat jetzt Hans von Habern als Pfandherr Schwarzachs zu genießen; er hat Forellen und andere gute Fisch. Hans von Habern hatte sich am Schmalkaldischen Kriege beteiligt und starb 1560 durch einen Sturz vom Pferde. Nach dem Aussterben der Herren von Habern zog die Pfalz das Lehen Neckarsch warzach wieder ein, um es 1556 an Christoph Landschad von Steinach zu vergeben, der es bis 1578 besaß. Im Jahre 1572 erscheint das Schlößlein Schwarzach zum ersten Male in dem 1569 beginnenden Kirchenbuch der damaligen evangelischreformierten Kirchengemeinde Neunkirchen (Seite 12). Im Jahre 1582 hat der Keller auf der Minneburg Philipp Metzler (wohlgerade nachdem die Burg Neckarschwarzach mit den zugehörigen Dörfern von Christoph Landschad wieder an die Pfalz heimgefallen und noch nicht wieder neu verliehen war) auf kurfürstlichen Antrag hin die Rechte der Burg Schwarzach, die sie von ihren Orten zu beanspruchen hatte, also die Frondienste, die sie zu leisten hatten, zusammengestellt. Danach haben die Leute der Dörfer Ober- und Unterschwarzach, Neunkirchen, Schwanheim und Haag ihre bestimmten Fronpflichten gehabt; das heißt, insofern und insoweit sie zur Kellerei oder Amtskellerei Neckarschwarzach gehörten. Pflichten dieser Art waren u. a. das Abführen des gesamten in Neckarschwarzach anfallenden Mistes auf die Felder oder das Herbeiführen aller Zaunpfähle, die man für die Umzäunung der Burg nötig hatte, oder etwa Bauholzfahren. Die Kurpfalz verpfändete Neckarschwarzach nach seiner Wiedergewinnung gleich wieder an einen Herrn von H andschuhsheim und von an den Herrn Uriel von Aptenzell (Appenzell) mit allen zugehörigen Dörfern Oberschwarzach, Unterschwarzach, Haag und einen Teil von Neunkirchen und Schwanheim kam Neckarschwarzach auf die gleiche Weise an den Freiherrn von Winneberg oder Winnenberg. Der Grabstein eines Fräuleins Barbara zu Winnenberg, das nach dem Kirchenbuch am 28. Dezember 1599 im Schloß Neckarschwarzach verstorben ist, wurde bei einer Renovatur der evangelischen Kirche in Neunkirchen (wo er im Chor der Kirche gestanden hatte) irrtümlicherweise nach der Minneburg verbracht. Er hat dort im Erdgeschoß des Palas in einer Wandnische einen Platz gefunden, der ihn in immer stärkerem Maße Beschädigungen aussetzt. Das Familienwapppen in der Mitte und die vier Ahnenschilder sind bereits bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Aber immerhin ist der Stein noch so viel wert, daß er der evangelischen Kirchengemeinde Neunkirchen zurückgegeben werden sollte. Die schmuckarme evangelische Kirche in Neunkirchen würde dem Stein gewiß einen würdigen Platz zuweisen. Letzter Lehensträger der Burg Neckarschwarzach vor dem Dreißigjährigen Krieg war dann von der Vogtsjunker Pleikart von Helmstadt. Er wollte sich gleich nach der Übernahme der Burg ihres schlechten baulichen Zustandes annehmen. Aus seiner Zeit, nämlich aus dem Jahre 1603 stammt die erste erhaltene Beschreibung der 77

78 Abb. 5 Plan der Wasserburg Neckarschwarzach Aus dem Generallandesarchiv Karlsruhe (Abt 229, Sp. A., Fasz ) Schäden der Burg. Aber die folgenden Zeitläufe haben es anders gewollt. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Burg noch viel mehr beschädigt. Die Ursache dafür ist in mehreren Tatsachen zu suchen. Einmal war der Vogtsjunker Pleikart von Helmstadt evangelisch, und zum anderen war er ein Schwager des mit Agnes von Helmstadt vermählten Deutschen Herzens Friedrich von Hirschhorn und später dessen alleiniger Erbe. Er stand beim Kurfürsten von der Pfalz in hoher Gunst. Das war ja auch der Grund zu seiner Belehnung mit Neckarschwarzach gewesen. Nach seines Kurfürsten königlichem 78 Aufstieg und frühem Sturz in der Schlacht am Weißen Berge bei Prag war die Pfalz in großer Gefahr, von der katholischen Liga überrannt zu werden. Da reihte sich Pleikart von Helmstadt in den Freundeskreis mit ein, der die Pfalz beschirmen wollte, während sich der Kurfürst und Winterkönig geächtet in Holland verborgen hielt. Pleikart bot seine Dienste dem Markgrafen von Baden- Durlach an, der seinem Thron entsagt hatte und nur noch Soldat und Heerführer war, um seine Freundestreue ohne Schädigung für sein Land und dessen Bewohner unter Beweis stellen zu können. Markgraf Georg

79 Friedrich hat ihn dann zum Obristen und Befehlshaber des Pforzheimer Regiments Unterbaden gemacht, das aus Männern aller zwischen Pforzheim und dem Rheine gelegenen Ämtern bestand und (seiner weißen Fahne wegen) auch das Weiße Regiment genannt wurde. Als Führer dieses Regimentes hat er dann in der Schlacht bei Wimpfen am 26. April 1622 mit ihm sich vortrefflich geschlagen und dem Markgrafen Georg Friedrich von Baden-Durlach durch sein heldenmütiges Aushalten den Rückzug gedeckt und ihm so das Leben gerettet. Tilly wendete sich nach dieser Schlacht ungehindert der Kurpfalz zu und wies seinen Truppen vornehmlich die Güter des Kraichgauer Adels an, die ihm widerstanden hatten. Damit erhielten auch Neckarschwarzach und die Ortschaften des oberen Schwarzbachtales bayerische oder spanische Truppen als Besatzung. Und was das bedeutet, wird jedem klar, der bedenkt, daß in jener Zeit die Truppen sich aus dem Lande ernährten, in dem sie Krieg führten. Neckarschwarzach (als die Burg Pleikarts von Helmstadt) wurde dabei besonders hart mitgenommen. Was sich so in den folgenden wechselvollen Jahren ergeben hat, kann ich für Neunkirchen und seine Umgebung (darum auch für Neckarschwarzach) nicht belegen und nur etwa so umschreiben, wie es Haebler in seiner Badischen Geschichte für den Großraum Badens geschrieben hat: Die Burgen als Horte der Ordnung zerstört oder zum mindesten unbrauchbar gemacht; die Bevölkerung dezimiert, zum Teil geflohen oder ausgewandert; mit dem schon vorher zu geringen Viehbestand aufgeräumt; die Äcker verwüstet, Straßen und Häuser verbrannt und verwahrlost. Wölfe streiften in den Wäldern. Niemand war mehr seines Lebens sicher. Pleikart von Helmstadt war bereits am 7. Mai 1621, also etwa ein Jahr vor der Einnahme der Minneburg durch Tilly (20. März 1622) alleiniger Erbe des Hirschhörner Besitzes geworden. Der Schwedenkönig hat ihn später darin ausdrücklich bestätigt und ihm den Titel verliehen: Herr zu Hünsingen und Hirschhorn, fürstlich württembergischer geheimer und auch Kriegsrat sowie Landhofmeister. Von Neckarschwarzach ist darin nicht mehr die Rede, das er wohl im Zusammenhang mit der verlorenen Schlacht bei Wimpfen samt den dazugehörigen O rtschaften aufgegeben oder verloren hat. Und als Pleikart von Helmstadt am 22. Juli 1636 fünfundsechzigjährig fern der Heimat und seiner einstigen Güter in Metz verstarb, da bezeichnete ihn der Neckarbischofsheimer Pfarrer im Totenbuch auch nicht mehr als Herrn von Hirschhorn, sondern nur noch als Herrn von Hüsingen. Nach dem Friedensschluß im Anschluß an den Dreißigjährigen Krieg wurde die Pfandschaft Pleikarts abgelöst und alle Gefälle zur Kurfürstlichen Hofkammer gezogen; welche in der Burg eine Wohnung für die jeweiligen Amtskeller hersteilen ließ, denen zugleich das Centgrafenamt und die Amtskellerei Minneburg übertragen wurde. DieKurpfalz war ja bekanntlich bereitsl367 in den Besitz der Stüber Cent gekommen und hat deren Amtsort von Reichartshausen nach Neckarschwarzach verlegt. Nach 1634 saß wieder ein kurpfälzischer Amtskeller in Neckarschwarzach, der immer neue Gutachten und Bauberichte über den ruinösen Zustand der Burg nach Heidelberg sandte, doch immer noch ohne Erfolg. In den allgemeinen Notzeiten mußte man mit dem vorliebnehmen, was vorhanden war, und konnte man keine allzugroßen Ansprüche stellen. So erhielt auch im Jahre 1650 erneut ein kurpfälzischer Amtskeller und Centgraf der Stüber Cent die Burg Neckarschwarzach (noch im alten ungenügenden Zustand) von der Kurpfalz als Dienstwohnung zugewiesen. Zu einigen Reparaturarbeiten wurden 1659 Dachgebälk, Türen und Fenster von der im Dreißigjährigen Krieg stark angeschlagenen, teil 79

80 weise zerstörten und noch keiner neuen Aufgabe zugeführten Minneburg herbeigeholt. Mit dem Pfalzgrafen Philipp Wilhelm ( ) begann für die Pfalz eine Zeit katholischer Regenten. In ihr mußten auch die Amtskeller katholisch sein. Vor dem Dreißigjährigen Krieg war die politische Verwaltung (man sagte dafür Kellerei) und die kirchliche Verwaltung (die Kollektur) der zur Burg Neckarschwarzach gehörigen Dörfer in einer Hand vereinigt. Der Keller in Neckarschwarzach war also zugleich Kollektor. Wir erkennen daraus, von welcher Bedeutung es war, welcher Konfession diese Person angehörte. Schon unter dem ersten katholischen Amtskeller wurden die beiden Amtsbereiche wohl getrennt: die Kellerei blieb in Schwarzach und die reformierte Kollektur kam nach Mosbach. Aber auch das gab Anlaß zu Streit und Unzufriedenheit, wenn etwa ein Keller der katholischen Religion die reformierten Heiligenrechnungsakten, die nach Mosbach sollten, nicht herausgab, oder auch sonst seine Kellereigeschäfte einseitig zugunsten seiner Konfession geführt hat. Besonders zwei Neckarschwarzacher Amtskeller verstanden es, die für sie günstige Zeit zu nützen. Das waren zwei Amtskeller namens Gräff. Sie waren nicht nur vorzügliche Vertreter der kurpfälzischen Verwaltung sondern auch ebensogute Förderer ihrer konfessionellen Belange. Der eine Johann Henrich Gräff war ursprünglich evangelischlutherisch, ist aber später römisch-katholisch geworden. Er verstarb 1711 in Neckarschwarzach, nachdem er gar manchen Streit jener Tage zugunsten seiner Konfession zu entscheiden gewußt hatte. Ihm folgte sein Sohn, der es fertig brachte, daß die ruinöse alte hölzerne Zugbrücke über den Burggraben, die beständig teure Reparaturen verlangt hatte, als gewölbte Steinbrücke aufgeführt und gepflastert wurde. Sie ist heute noch zu sehen, wie die Abbildung Nr. 1 ausweist. Sie ist nur inzwischen mit Platten belegt worden. Sie war viel began 80 gen; denn aus dem Jahre 1735 besitzen wir eine Nachricht, wonach in der Burg auch eine Kaserne war. Gräff hat auch der Gemeinde Schwarzach, zu der damals noch Oberschwarzach gehörte, zu einer neuen katholischen Kirche verholfen. Die erste Unterschwarzacher Kirche, die eine Holzkirche war (Fachwerkbau) und bei der Kirchenverteilung den Katholiken zugefallen war, mußte wegen Baufälligkeit abgerissen werden wurde dann mit dem Neubau der heutigen katholischen Kirche Unterschwarzachs begonnen (Abb. 4). Ebenfalls in einem Schreiben aus dem Jahre 1742 lesen wir, daß in der Zeit vor der katholischen Holzkirche keine Kirche in Unterschwarzach gestanden habe, sondern im dortigen Schloß, also in Neckarschwarzach, der Gottesdienst bisher gehalten worden ist. Von 1765 an häufen sich wieder die Bittgesuche um Reparatur der Burg. Im ersten heißt es: Schloß und Stallung sind dem Einsturz nahe. Das Wachthaus war 1775 so reparaturbedürftig, daß es abgerissen und nach dem Voranschlag des Dilsberger Kasernenverwalters für 201 Gulden neu aufgeführt werden sollte. Aber der kurfürstliche Kriegsrat in Heidelberg hielt den Neubau des Wachthauses für unnötig. Dafür wurden von dem in der Burg stationierten Invalidenkommando des Nachts wechselweise einige Mann ein oder mehrere Male mit Laternen um das Schloß herumgeschickt, um die Gegend zu visitieren. Im Jahre 1778 bewohnte noch Amtskeller Gräff die Burg, die sich in einem nicht mehr reparierbaren Zustand befand begegnen wir auf Neckarschwarzach einem Amtskeller Beckert. Er forderte in diesem Jahre für seine Centgeschäfte ein eigenes Amtszimmer und eine Centstube in der Burg zu den Sitzungen, in denen die Centschöffen über die Geschicke der Cent entschieden. Auch sollte die ganze Burg (abgesehen von den Wohn- und Amtsräumen) als Centgefängnis hergerichtet werden. Das einstige t

81 Gefängnis im Wachthaus genügte dafür nicht mehr. Dafür solle die Burg in Zukunft aus Kameralmitteln (Staatsmitteln) erhalten werden, und die Centbehörde solle zu den Reparaturarbeiten einen Beitrag von tausend Gulden geben wurde der Viehstall in der Vorburg zwischen den beiden Gräben abgerissen, aber 1788 war mit der geplanten grundlegenden Reparatur der Burg immer noch nicht begonnen. Am 26. August 1788 zwischen elf und zwölf Uhr ist das an die Kaserne angebaut gewesene Torhaus zur hölzernen Zugbrücke über den äußeren Graben bis auf das Mauerwerk des Erdgeschosses abgebrannt. Der Brand war dadurch entstanden, daß das vierjährige Kind des in der Kaserne wohnenden Centknechtes Johann Walch in Abwesenheit seiner Eltern spielenderweise in einen vor dem Torhäuslein lagernden Strohhaufen glühende Holzkohlen geworfen hat; wodurch das Feuer entzündet wurde und auf im Torhäuslein aufbewahrt gewesenes Heu übergegriffen hat. Durch das emsige Arbeiten der Löschkommandos aus den nahegelegenen Orten wurde eine Ausbreitung des Brandes verhütet, der der alten, baufälligen und dem Einsturz nahen Kellerei hätte gefährlich werden können. Am 5. September 1789 hat der Kurfürst die Herstellung der Kellereiwohnung und eines Fruchtspeichers zu Schwarzach nach dem Voranschlag von 7860 Gulden und 17 Kreuzern dergestalt genehmigt, daß die Baulichkeiten in drei Jahren erstellt und das dazu nötige Bauholz aus den herrschaftlichen Waldungen in natura abgegeben werden soll. Aber erst 1798 wurde die Neckarschwarzacher Burg, die schon lange ihres alten Wehrcharakters entkleidet war, niedergerissen und von Maurermeister Bauschenbach als herrschaftliches Kellereigebäude neu aufgeführt, wie es uns bis heute erhalten ist. Es ist ein einfacher zweistöckiger Bau ohne architektonischen Schmuck ein Bau von 24 m Länge, 12 m Breite und mit 17 viereckigen Fenstern in der Front. Centgraf Beckert machte wiederholt Anzeige darüber, daß die zu der Kellerei Nedcarschwarzach neu einverleibten Minneburger Kellerei-Orte sich weigerten, zu dem bereits angefangenen Kellereibau die schuldigen Fronden zu leisten. Es handelte sich dabei um Bewohner der Gemeinden Katzenbach, Guttenbach, Reichenbuch, Schönbrunn, Asbach und Neunkirchen. Wie der Streit schließlich ausgegangen ist, ist unbekannt. Bei dem Neubau der alten Veste oder Wasserburg Neckarschwarzach scheinen im wesentlichen die beim Generallandesarchiv vorhandenen Baupläne (Abbildung 5 und 6) zur Ausführung gelangt zu sein. Die 2 m hohe Ringmauer, die auch heute noch den Hof des Kellereigebäudes umschließt, ist noch die (aber wesentlich erniedrigte) Ringmauer der alten Burg. Der Wehrgang ist nirgends mehr zu erkennen. Es erinnern nur noch rechts und links von dem damals aus der Ringmauer herausgebrochenen Eingangstore zum einstigen Burghofe je eine Schlüsselschießscharte an ihren alten Wehrcharakter. An der Stelle des heutigen Hauptbaues wurde sie in dessen Neubau einbezogen, der von der alten Burgfront bis zur Ringmauer hinausverlegt wurde. Die Scheuer in der Nordwestecke des Kellereihofes mit ihren einstigen Pferdestallungen und ihrer Wagenhalle dient heute als Autogarage. Der Backofen im einstigen Backhaus daneben wird nicht mehr benützt. Der Raum dient als Waschküche. Der Brunnen, der einstens im Hofe sprang, spendet heute sein Wasser in der Nordwestedke des großen tonnengewölbten Kellers im Hauptbau. Nur der Brunnentrog steht heute an der Ostwand der Hofmauer. Das Hauptgebäude ist also nicht nur nach außen bis zum Ringwall, sondern auch dem Innenhofe zu erweitert worden. Nach der Abbildung Nr. 5 sollte von den Türmen nur der einstige Bergfried der Burg erhalten werden. Sie sind aber (wenn auch 6 Badische Heimat

82 Abb. 6 Pläne der Veste Neckarschwarzach als kümmerliche Ruinen) noch alle da. Der südöstliche, der eingestürzt war, ist unter Verwendung der alten Steine neu aufgeführt worden. Nur von den Mansardenbauten der Abbildung Nr. 6 wurde Abstand genommen. Vielleicht ist über dem Bauen das Geld ausgegangen. Der damals errichtete Bau scheint im großen und ganzen jedenfalls der gewesen zu sein, der heute das staatliche Forstamt Neckarschwarzach beherbergt. Der äußere Graben wurde im Jahre 1803 völlig Aus dem Generallandesarchiv Karlsruhe (Abt. 229, Sp. A., Fasz ) und der innere teilweise aufgefüllt, um den Zugang zum Hof ohne Brücke zu ermöglichen. Man kann aber den Verlauf des äußeren Grabens heute noch an dem dort gegenüber dem übrigen Gelände etwas eingesunkenen Boden und der anderen Wiesenflora erkennen, die heute noch auf einen dort besseren Feuchtigkeitsgehalt des Bodens schließen läßt. Die Bäume, von denen einige wohl schon die alte Veste gesehen haben, raunen noch von den Geheimnissen einer 82

83 stolzen Vergangenheit (im Jahre 1959 wurden zwar einige gefällt, weil sie dem Forstamt angeblich zu viel Schatten bereitet haben, sowie den unzähligen Forellen im einstigen, breiten und tiefen Wallgraben. Im heutigen Gemüsegarten, westlich des Hauptbaues, befinden sich noch Gemarkungssteine mit dem kurpfälzischen Wappen. Im Jahre 1823 haben sich die beiden Gemeinden Ober- und Unterschwarzach, die Jahrhunderte lang eine gemeinsame Geschichte hatten, getrennt. Die Gemarkungsgrenze, die damals vereinbart wurde und Grund und Boden der beiden Gemeinden scheiden sollte, verläuft seitdem mitten durch das Kellereigebäude und heutige staatliche badisch-württembergische Forstamt hindurch. Ein Grenzstein der Gemeinde Oberschwarzach steht vor der Waschküche im Hofe des Forstamtes. So ergab sich vor wenigen Jahren die seltsame oder wunderliche Tatsache, daß die Grenze mitten durch das Schlafgemach des forstmeisterlichen Ehepaars hindurch ging, und die beiden Ehegatten beharrlich auf zwei verschiedenen Ortsgemarkungen oder in zwei verschiedenen Orten schliefen. Von der Zeit, da die Kurpfalz durch den Reichsdeputationshauptschluß von Regensburg aufgehört hatte zu bestehen, berichtet ein kurbadisches Hofratsprotokoll vom , daß das ehrwürdige Gebäude nunmehr nur noch für Amtsboten, Amtsdiener, Wächter und Gefangene benutzt wurde. Es diente also im wesentlichen als Gefängnis. Damals war auch erst ein Teil der Pfalz zum Kurfürstentum gekommen kam mit der Errichtung des Rheinbundes noch mehr dazu, und Karl Friedrich wurde Großherzog. Nunmehr verwandelte sich die Amtskellerei Neckarschwarzach in ein badisches Amt. Als 1823 auch die Centen aufgehoben wurden, erlosch die Tätigkeit der Centgrafen. Im gleichen Jahre wurde das badische Amt Neckarschwarzach aufgelöst und zur Aufnahme eines staatlichen Forstamtes eingerichtet. Auch die Sage hat sich Neckarschwarzachs bemächtigt. Bekannt ist die Sage vom Ritter von Schwarzach sowie vom geheimnisvollen Weiher bei Neckarschwarzach. Ich habe sie in den Glockenklängen aus der Heimat vom 17. Juni 1951 und vom 7. Juni 1953 abgedruckt. Eine andere aber soll auch hier wiedergegeben werden, weil sie ihres Fluches wegen bis in unsere Tage immer wieder beredet wird. Sie überliefert: Als eine arme Frau einmal in das Wasserschloß Neckarschwarzach gekommen ist, um Brot für ihre Kinder zu betteln, habe sie der hartherzige Schloßherr davongejagt. Die Frau aber habe daraufhin das Schloß verwünscht. Es sollten ihm für alle Zeiten keine Kinder geboren werden. In der neueren Zeit aber jedenfalls hat sich dieser Fluch mehrfach unwirksam erwiesen. Unsere alten Wehrbauten (wie Neckarschwarzach) waren als Sinnbilder von Macht und Sicherheit errichtet worden. Sie sind also rein technische Werke gewesen. Aber überall dort, wo Reste dieser Werke auf uns gekommen sind, erkennen wir, daß es unsere Vorfahren verstanden haben, diese alten Zweckbauten über ihren Nutzwert hinaus zum Kunstwerk zu gestalten. Das ist es auch, was uns bei ihrer Betrachtung (im Unterschied von der modernen Sachlichkeit) mit Ehrfurcht erfüllt. Etwas davon auch bei der Betrachtung der einstigen Veste Neckarschwarzach zu erwecken, war mein Ziel. Kein Land und dessen Menschen leben allein von der Gegenwart, sondern auch von ihrer Vergangenheit, deren Produkt sie sind. Gehen wir ihren Spuren auch in Neckarschwarzach dankbar nach! Meine erste Erinnerung an Neckarschwarzach stammt aus dem Jahre 1918, wo ich als Großstädter bei Verwandten in Unterschwarzach einen Soldatenurlaub verbringen durfte. Mit einem Jungbauern spa- 6* 83

84 zierte ich an einem Sonntagnachmittag bei Stille und Schwüle in der herbstlichen Sonne dort vorbei, und wir vernahmen wie in dem mit Büschen zugewachsenen Garten des Forsthauses ein Mädchen märchenhaft wie eine unerlöste Prinzessin zur Laute sang: Drei Lilien, drei Lalien, die pflanzt ich auf ein Grab, da kam ein stolzer Reiter und brach sie ab... Ach Reitersmann, ach Reitersmann laß doch die Lilien stehn; die soll ja mein Feinsliebchen noch einmal seh n! Ich wäre gerne stehengeblieben auf dem Wege, der vorüberführte, aber mein Begleiter, der mehr wußte und wohl auch schon erlebt hatte von dem, was mich mit leiser Wehmut und noch unbestimmter Sehnsucht hier erstmals angerührt hatte, drängte weiter. Wir jungen Männer, die bis vor kurzem auf der Schulbank gesessen waren, um das Abitur zu machen, und seither auf dem Kasernenhof Rekruten spielten, hatten davon bisher noch nichts gewußt oder gefühlt. Wir waren ihm höchstens literarisch, d. h. unpersönlich begegnet. Nun aber war das mit einem Male anders geworden, und in den nächsten Tagen entstand mein erster schriftstellerischer Versuch. So persönlich nahe steht mir Neckarschwarzach für alle Zeit. Hegaumärchen Hinterm fehl-offen Hohenlträhen Steht Im Blau öle roelbe Wollte. Nieöer ftürzt non öa im gäben Fall öer Felo zum ftruppigen Kolhe. Tief im Tal bläft öie Schalmeie Junger Schäfer traumoerloren. M it öes Fällten hellem Schreie Fliegt öer Ton zu zarten Ohren. Unö öer junge Schäfer fehnt fleh Bis in Spitzen feiner Sinne. Unö öa s Eöelfräulein öehnt fich Zehenfpitzig Uber öie Zinne. Dehnt unö fehnt fich, bis öie Zroeie Plötzlich zauberhaft Vertaufchten Sonöer Schafe unö Schalmeie Sich umarmen gleich ßeraufditen: V o r öer roeißen Wollte hebt lieh Feinen Fräuleins öunltle Ranöung: Haupt unö hohe Hanö belebt fleh. W inltenö flattert öie Geroanöung. Weißer Weihei, roeiße Schafe Wechfeln heimlich ftumme Zeichen: Denn öer Burgherr nidtt im Schlafe Unö öie heißen Stunöen fchleichen. Zu feinem 85. Geburtetag am 30. Juli 1902 Unö öie Zroei finö mach mir Beiöen Munöharmonihaoerfponnen. MUffen garnicht Sehnfucht leiöen. Spult unö Wollte finö zerronnen. Vorzeitliebe, Heuzeithabe, Habt ein zeitentrudtt Erbarmen: Junger Schäfer, alter Knabe Hält fein Junglieb längft in Armen! F. Ä. Schmiö Nocrr 84

85 Die St.-Achatius-Kapelle von Grünsfeldhausen Im wiesengeschmückten, quellenreichen Grünbachtal liegt bei Grünsfeldhausen, unweit von Tauberbischofsheim, die alte St.-Achatius-Kapelle, die schon zu manchen wissenschaftlichen Kontroversen Anlaß gegeben hat. Während wir sonst in der lichterfüllten fränkischen Landschaft des Madonnenlandes um mit Hermann Eris Busse zu sprechen den wie Perlen über die seit alters her waldfreie und offene Gaulandschaft hin verstreuten Madonnenbildern und Bildstöcken begegnen, tritt uns hier im Grünbachgrund ein an San Vitale in Ravenna erinnernder Zentralbau aus der Blütezeit des romanischen Baustiles gegenüber. Dieses merkwürdige achteckige romanische Gotteshaus, welchem in unmittelbarer Nähe noch die altehrwürdige Sigismundiskapelle bei Oberwittighausen entspricht, müssen wir uns als eine Stätte der frühesten christlichen Glaubensverbreitung denken. Die heutige Anlage ist als eine stabilere Ausführung an Stelle einer provisorischen ursprünglichen Taufkapelle aus der Frühzeit der Missionierung zu sehen. Allein schon die Tatsache eines Zentralbaues überrascht im Tauberland, über welches schon recht viel geschrieben worden ist, obwohl nichts von alledem an die klassische Schilderung Wilhelm Heinrich Riehls, des Altmeisters der deutschen Landesund Volkskunde, in seinem unvergleichlichen Gang durchs Taubertal heranreicht. Wenn wir es trotzdem wagen, den Gegenstand erneut zu behandeln, so deshalb, weil wir den Rahmen in Vergleichen über den Bereich des Tauberlandes hinaus gespannt haben. Stilistisch ist die St.-Achatius-Kapelle dem ausgehenden 12. Jahrhundert zuzuschreiben und wurde demnach noch unter der Herrschaft der Herren von Zimmern errichtet, denn 1313 ging das Dorf Grünsfeldhausen in Ein Stück fränkischer Heimatgeschichte Von Gernot Umminger, Freiburg den Besitz der Grafen von Rineck über. Die Oktogon-Kapelle zeigt ein großes flachgedecktes Achteck im Aufriß, an welches später ein kleineres, aber gewölbtes Polygon mit achtseitigem Zeltdach angeschlossen wurde. Ein Verbindungsgang über dem sich der achtseitige Turm, welcher heute mit einer stillosen, unansehnlichen taubenschlagähnlichen Verkleidung und einem Schieferdach versehen ist, erhebt eint beide Bauelemente. Die nahe beim Grünbach sehr tief gelegene St.-Achatius-Kapelle wurde lange im Diens e eines germanischen Wasserkultes in ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung gesehen, und zwar einzig und allein aus der Tatsache der sehr tiefen Lage am Grünbach. Diese alte mythologische Deutung und Auffassung ist aber auf das heutige, immerhin relativ späte Bauwerk, in dessen Zeitalter der Entstehung germanisch-heidnisches Denken längst überholt war, nicht mehr anzuwenden. Denken wir doch nur daran, daß der Bau der jetzigen St.-Achatius-Kapelle stilistisch und zweckdienlich so sehr großen Beispielen oder gleichzeitigen christlichkirchlichen Schöpfungen ähnelt. Auf das großartige Vorbild von San Vitale in Ravenna haben wir ja schon eingangs hingewiesen, und in diese Reihe zählt auch die Aachener Pfalzkapelle, die gleichfalls als gleichseitiges Achteck gegliedert ist und deren acht Ecken mächtige Pfeiler betonen. Karls des Großen Aachener Pfalzkapelle, die Mitte des heutigen Münsters zu Aachen, war die symbolische und tatsächliche Mitte des Karolingerreiches und repräsentiert das besterhaltene Hauptwerk karolingischer Baukunst in Deutschland als einen Stil eigener Art, der sich selbständig von der Baukunst jenseits der Alpen im Mittelmeerraum abhebt. Wohl setzt die Aachener Pfalzkapelle den Zentral- 85

86 Oberwittighausen, Sigismundiskapelle phot. Umminger bau südlich der Alpen voraus, aber der Hauptbaumeister war der Franke Magister Odo von Metz, der Oberleiter der Künstlerwerkstätten Abt Ansegis von St. Wandrille. Der Ratgeber in allen auftauchenden Fragen und führender Hofbaumeister Karls des Großen aber war Einhard. Es waren also keine Südländer, sondern Germanen, die den Bau zu Aachen schufen. Angesichts dieser Tatsachen müssen wir doch, trotz des bis 1919 sich in der Grünsfeldhausener St.-Achatius-Kapelle befindlichen sogenannten Heidealtars, unter dem viel Asche gefunden worden sein soll, vor allem aber im Bewußtsein weiterer eigenartiger achteckiger Kapellen, die vom Volk öfters Heidenkirchlein genannt werden und wenn wir weiter auch an die nicht allzu weit entfernt liegende Einhardsbasilika in Steinbach im Odenwald denken, die mythologische Deutung auf den heutigen Bau ablehnen. Blicken wir deshalb im historischen Zeitablauf zurück, so sehen wir, wie im langjährigen Ringen zwischen Alemannen und Franken die letzteren um das Jahr 500 das Land zwischen Main, Tauber und Neckar besetzten. Fränkisches Volkstum drang bis zu einer Linie von der Oos und Murg zur Hornisgrinde und weiter östlich bis etwa dem Hohenasperg bei Ludwigsburg und der Höhe von Ellwangen vor. Die alte alemannische Gaugliederung wurde durch fränkische Grafschaften ersetzt, wobei man bewußt auf die bisherigen Gaugrenzen keinerlei Rücksichten nahm und das Land nach ganz neuen militärischen, gerichtlichen, wirtschaftlichen und kirchlichen Gesichtspunkten einteilte. Die neueste historische Forschung hat die von verschiedenen Seiten bisher verfochtene These der kontinuierlichen Entwicklung endgültig zum Scheitern gebracht. So sind vor allem auch die da und dort noch im Schrifttum umhergeisternden Gaugrafen ad acta zu legen; es hat sie in der historischen Wirklichkeit nie gegeben. Die alten alemannischen Gaunamen blieben zwar als im Volke verwurzelte Begriffe für die Landschaften erhalten, dienten aber nur mehr noch der geographischen Ortsbestimmung. Der Frankenkönig Chlodwig war mit seinen Fürsten und Edlen zum Christentum übergetreten, und allenthalben wurden Kirchen und Klöster gegründet. Für die Christianisierung und Besiedlung unserer engeren rheinfränkischen Heimat ist das an der Weschnitz zwischen Worms und Heppenheim im Jahre 763 gestiftete Benediktinerkloster Lorsch, welches 774 unter Anwesenheit Karls des Großen geweiht wurde, am bedeutendsten geworden. Die Äbte von Lorsch geboten als weltliche Fürsten über weite Teile Südwestdeutschlands, so etwa der Rheinebene, des Kraichgaues, des Odenwaldes, Baulandes und Taubergrundes. Weitere Klöster wurden durch die 86

87 fränkischen Fürsten vielfach in der Nähe alter großer Ringwälle und meist nicht ohne Bezug auf alemannische heidnische ehemalige Kultstätten angelegt. So entstand etwa das Kloster Amorbach in dem schönen Talkessel der Amerbach aus der Cella bei einem Fleilquell, den schon vor den Germanen die Römer verehrt hatten, in der Nähe des Miltenberger Ringwalles im Anfang des 8. Jahrhunderts und das Kloster auf dem Heiligenberg bei Heidelberg im Jahre 865 als monasterium in monte Abrahae. Auch das von Einhard nach 815 bei Steinbach in der Michelstadter Muschelkalksenke gegründete Kloster, dessen efeuumsponnene Ruine heute noch als Einhardbasilika einen tiefen Zauber auf uns ausübt, ist im Zuge dieser fränkischen Missionierung entstanden. Martinskirchen zeigen den Weg dieser durch Bonifatius getragenen fränkischen Christianisierung. Auch das Kloster Mosbach, dessen Lage ähnlich wie bei Tauberbischofsheim noch umstritten ist, gehört in diese ganz frühe Gründungs- und Missionierungszeit. Während Amorbach und Tauberbischofsheim unter Mitwirkung Pirmins, also im Anfang des 8. Jahrhunderts entstanden, wurde Tauberbischofsheim bereits durch Bonifatius und seine Begleiterin Lioba um 725 gegründet. Wenn das gewaltige karolingische Säulenkapitell, das heute im Schloß zu Tauberbischofsheim aufgestellt ist und solchen der alten Fuldaer Domkirche gleicht, tatsächlich von der alten Tauberbischofsheimer Klosterkirche stammt, müssen wir uns dieselbe als einen ungemein stattlichen Bau vorstellen. Seitdem die alte thüringisch-fränkische Herzogs- und Markgrafenstadt Würzburg im Jahre 741 durch Bonifatius Bemühungen bei Karlmann Bischofssitz geworden war, des von Bonifatius gestifteten Bistums, steigerte sich der Einfluß der alten fränkischen Herzogsstadt im eigentlichen Mainzer Einflußbereich im Odenwald, dann aber vor allem im Tauberland wie auch im Bauland und den weiter östlich sich anschließenden Gaulandschaften, Achatiuskapelle, Wasserhöhezeichen phot. Umminger wo überall auch schon Kilian tätig gewesen war, und jetzt lösten bald Kilians- und Burkarts- als auch Marienkirchen die älteren Martins- und Georgskirchen ab, besonders im ehemaligen Würzburger Landkapitel Buchen. Die 704 erstmals erwähnte Feste Marienberg war bis zu der Erbauung der fürstbischöflichen Residenz Sitz der Fürstbischöfe von Würzburg und der Herzoge von Franken. Die Schloßkirche zu Unserer Lieben Frau, ein frühmittelalterlicher Rundbau, zählt mit zu den ältesten Teilen der Marienburg, wie ja die Gottesmutter Maria im besonderen die Patronin des Madonnenlandes ist. Welch anderes Wort könnte auch die fromme Schlichtheit, das Erhabene und Vollkommene dieser vom Siegeszug der Technik noch fast unberührten fränkischen 87

88 Osterburken, Kilianskapelle phot. Umminger Landschaft des Hinterlandes oder wie es noch im Volksmund genannt wird Badisch- Sibiriens, besser ausdrücken? Nun zurück zu unserem Ausgangspunkt, der St.-Achatius-Kapelle! Wie auf Bergeshöhen suchten die fränkischen Missionare auch an den alten heidnischen alemannischen Heilquellen die alten Kult- und Wallfahrtsstätten zu verdrängen oder aber dieselben doch zum mindesten in christliche Heiligtümer umzuwandeln, wie wir ja schon beim Beispiel der Klostergründung von Amorbach gesehen haben. An vielen Quellen und Bächen erhoben sich schon bald die eigenartigen achteckigen Kapellen, die ohne Zweifel den altheidnischen Wasserkult bannen sollten. Hier müssen wir dann auch vor allem an die heute noch im Volksbewußtsein fest lebenden unzähligen Sagen von den Wasserfräulein u. a. m. erinnern, wie auch die bildnerische Ausschmückung vieler der in der Volkssprache Heidenkirchlein genannten Kapellen noch mehrfach den Kampf zwischen Christentum und grauer heidnischer Vorzeit erkennen lassen. Schon im alten offenen Bauland bei Osterburken beginnen diese achteckigen Kapellen, wie die auf den Fundamenten einer gleichartigen älteren Kapelle am Kirnachufer stehende Kilianskapelle, dann folgen die St.-Achatius-Kapelle bei Grünsfeldhausen und die Sigismundkapelle bei Oberwittighausen, die alle in ihrer jetzigen Bauform zwar der romanischen Zeit angehören, aber sehr wahrscheinlich ältere, wenn auch einfachere Vorläufer hatten. Bei einem Besuch dieser altehrwürdigen Stätten drängt sich uns die Frage nach den Bauherren und Schöpfern dieser einzigartigen Kunstdenkmäler in unserem südwestdeutschen Raum auf. Dazu kommt unwillkürlich die geographische Lokalisierung aller dieser in ihrem Baustil einheitlichen Kapellen, die uns auffällt und nachdenklich stimmt. Die Chroniken des Mittelalters berichten uns von Wallfahrtswegen in der Nähe dieser Kapellen, und beim eingehenden intensiven Studium und der Verfolgung dieser uralten Pilgerpfade geben uns dieselben mancherlei wichtige und überraschende Aufschlüsse. So erhalten wir eingehende Hinweise und wertvolle Anhaltspunkte für einen der ältesten und mit am meisten begangenen dieser mittelalterlichen Wallfahrtswege in einer klassischen Darstellung bei Karls des Großen Biographen Einhard. Dieser schildert die Überführung der Reliquien des heiligen Marcellinus vom Kloster Steinbach nach Seligenstadt an den Main. Am 16. Januar des Jahres 828, einem auffallend milden, regnerischen Wintertag, machte sich Einhard mit der Prozession von Steinbach aus auf den Weg und gelangte längs der Mümling bis Mömlingen und von dort aus dann über den verhältnismäßig niedrigen Gebirgssattel bis zum Abend in die Nähe von (Groß-)Ostheim im Pflaumbachtal, wo übernachtet wurde. 88

89 Am nächsten Tag ging es auf der alten Römerstraße an die Gersprenzmündung und nach Mulinheim, bzw. Saligunstat (Seligenstadt). Dieser Weg wird bis auf den heutigen Tag noch allenthalben von Bildstöcken begleitet und ist so leicht im Gelände festzustellen. Auch beiderseits der Einhardsbasilika selbst läßt sich noch in unseren Tagen ein uralter Wallfahrtsweg beobachten, der auf dem rechten Mümlingufer zunächst der Eulbacher hohen Straße (einer alten Römerstraße) folgt, dann an der heute abgebrochenen, im Volksmund aber immer noch als Kreuzkapelle bekannten Stelle am sogenannten Kiliansfloß vorbei nach der hölzernen H and führt. Bekannter dürfte allerdings der von Jagsthausen über Osterburken meist dem Limes entlang führende Wallfahrtsweg nach Walldürn sein. Dieser folgt dem Laufe des ehemaligen römischen Grenzwalles über Berg und Tal weg, auch wenn heute keinerlei oberirdische Spuren des Pfahlgrabens oder der Heidenmauer mehr sichtbar sind. An die schon erwähnte Sigismundiskapelle bei Oberwittighausen führt vom Main her der sogenannte Böhmerweg (dieser Weg wurde sicher von Wallfahrern aus Böhmen besonders stark benutzt), und auch bei den anderen der vorgenannten Kapellen sind solche uralte, mehrere dieser Kirchlein verbindende Pilgerfahrtenwege bekannt. Dieselben verdienen weit mehr Beachtung, als ihnen in der landeskundlichen Forschung bisher zuteil geworden ist, schon deshalb, weil sie uns doch über so manche verschwundene Kapelle, als auch über Flurnamen, Flurformen und die Beschaffenheit des Geländes wertvollen Aufschluß geben können. Die schon erwähnte Schrift Einhards gibt uns darüber hinaus wertvollen Bescheid, aus wie weiten Gegenden schon in diesen frühen Zeiten die Wallfahrer und auch die Kranken herbeiströmten. So kamen zur Verehrung des Marcellinus und Petrus nach Steinbach neben den Gläubigen aus der näheren und weiteren Umgebung, wie von Achatiuskapelle phot. Umminger Höchst und Suntilinga (Sindlingen) am Main, von Ursel im Niddagau und aus der Wetterau, auch solche vom oberen Main (so etwa ein Aquitaner auf einem Getreideschiff), von Köln, von Lüttich, aus der Champagne, ja sogar ein Alemanne aus dem schweizerischen Aargau. Man kann also wie aus dem dargelegten eindeutig hervorgeht, den mythologischen Deutungsversuchen, die letztlich doch immer nur Vermutungen und Rätsel bleiben müssen, nur zustimmen, wenn man die heutigen, in so großartiger Weise im kunstgeschichtlichen Sinne, vorhandenen Bauwerke in jeder Beziehung aus dem Spiele läßt. An solchen Orten, wo sich in germanischer Frühzeit eine heidnische Kultstätte befand, hat die christliche Zeit diese Kapellen errichtet. 89

90 Oberwittighausen, Sigismundiskapelle phot. Umminger Die Rätsel um die St.-Achatius-Kapelle lösten sich für den Kunsthistoriker und den Architekten erst, als man klar erkannt hatte, daß Hochwasser die Kirche halb zugeschüttet und bauliche Veränderungen notwendig gemacht hatten, um das Kirchlein weiter zum Gottesdienst benutzbar zu erhalten. So soll 1804 unter der Leitung eines Pfarrers Breitenbach in Grünsfeld der Boden und das äußere Terrain um etwa drei Meter durch Aufschütten erhöht worden sein. Anders wird wiederum in Chroniken berichtet, der Bach habe allmählich alles zugeschwemmt, da er auch heute noch schnell und oft Hochwasser bringe. Die Lößlehmdecke nimmt denn auch nur langsam die starken Regenmengen auf, die meist in Form von heftigen Güssen bei sommerlichen Wärmegewittern fallen, und die Waldecke, die aufsaugend den Wasserhaushalt regeln könnte, ist längst zerstört. So ist denn auch die Geschichte des Taubergrundes überreich an solchen Katastrophen. Ständig haben die Hochwasserfluten so vor allem eine Aufhöhung der Talsohle und die auffallende Verflachung der Hänge begünstigt. Von Oberbaibach berichtet uns J. Berberich, daß 1835 nach einem ungeheuren Wolkenbruch der Talboden im Umkreis des Dorfes um eineinhalb bis zwei Meter erhöht wurde. Daher stecken dort manche Häuser so auffallend tief im Boden. Ähnliches läßt sich au der Kirche von Königshofen feststellen. So friedlich im allgemeinen die Grün- und die Wittichbach dahinfließen, so können sie doch zur Zeit großer Gewitter durch Überschwemmung reißende Ströme werden. Darum standen in Grünsfeld, wo sie zusammenfließen, das Wassertor und daneben ein Turm, deren Wächter die Aufgabe hatten, auf eine etwaige Wassersnot zu achten. Ein solcher Wasserturm stand übrigens einst auch in Tauberbischofsheim. Während das Dorf Distelhausen sicher auf dem Hochgestade der Tauber angelegt ist, liegt die malerische Friedhofskapelle St. Wolfgang im Hochwasserbereich auf der anderen Tauberseite. Deshalb behaupten auch die, hier wie überall gern zum Scherz, Spott und einer Neckerei aufgelegten Bewohner der Nachbarorte, liebevoll von den Distelhäusern, daß sie zweimal sterben müßten: einmal im Bett und ein zweitesmal durch Ertrinken im Grab. Die Grünsfeldhausener St. Achatiuskapelle kann wie aus dem Dargelegten eindeutig hervorgeht, nur von Baumeistern mitten auf die Talaue gestellt worden sein, die keine Ahnung von den örtlichen geographischen Gegebenheiten hatten und die daher mit den gerade hier vorliegenden Eigentümlichkeiten des leicht der Überschwemmung ausgesetzten Landes nicht vertraut waren. Am Außenbau läßt sich ein Aufriß leichter ablesen, insofern, als der Hauptbau etwa in halber Höhe durch einfache Abstufung in zwei Geschosse gegliedert zu sein scheint. Auffallend ist jedoch im Innern die vollständige Schmucklosigkeit. Die Malereien am Chorgewölbe sind als einziger ursprünglicher Schmuck wohl noch ins 13. Jahrhundert zu datieren. Sonst ist nicht einmal der Aufriß der Wände im Innern auch nur irgendwie gegliedert. Eine Art Obergeschoß wird durch eine Reihe von zwei Rund- und fünf Rundbogenfenstern gebildet. Die reine Raumwirkung wird leider durch allzu reichlich an allen Wänden aufgehängten Bilderschmuck stark beeinträchtigt. 90

91 Das einst tief in der Erde steckende Gotteshaus wurde erst 1903 von den jahrhundertealten Anschwemmungen des kleinen Grünbaches freigelegt. Aber man muß heute noch etwa zwei Meter unter die eigentliche Talsohle hinabsteigen, um zum Portal des künstlerisch so wertvollen und bedeutsamen Baudenkmals unserer Heimat zu gelangen. Bei den Ausräumungsarbeiten des Jahres 1903 hatte man das Südportal zugeschüttet und ein neues Portal in die Ostseite der Polygon- Kapelle gebrochen, um dieselbe dann gewissermaßen als Vorhalle zu benutzen, nachdem sie früher die hehre Aufgabe eines Chores erfüllt hatte. Heute ist das ursprüngliche Südportal das künstlerisch wertvolle wieder freigelegt und das unsinnig in barbarischer Weise stillos eingebrochene Portal an der Ostseite des Polygons wieder zugemauert und dasselbe wiederum seiner alten Funktion als Chor der Kirche zurückgegeben worden. So fühlt man sich wieder in einem einheitlichen, gewollten und künstlerisch durchgeführten Raumgebilde, selbst im Bewußtsein der Tatsache, daß das kleinere Polygon aus einer etwas jüngeren Zeit als Anbau stammt. Gerade weil die St. Achatiuskapelle zu Grünsfeldhausen nicht so leicht erreichbar ist, abseits der schnellen Verkehrsstraßen unserer schnellebigen Zeit, lohnt sich ein Besuch dieses kunstgeschichtlichen Juwels im badischen Frankenland. Denn nur in solchen abgelegenen Weltwinkeln gewinnt auch das scheinbar Unscheinbare seine historische Bedeutung und nur an solchen Stätten findet man noch die Stille und Beschaulichkeit, welche solch großen Kostbarkeiten früherer Jahrhunderte in unserer heimischen südwestdeutschen Landschaft gebührt. 91

92 Die Streitkreuze zu Reicholzheim Ein kleines Kapitel Sagenkunde und Sagendeutung Auf der Höhe zwischen Reicholzheim im fränkischen Taubertal und dem nahegelegenen Kloster ßronnbach liegt auf einsamer Höhe ein seltsames Dokument volkstümlicher Kunst verborgen. Eng aneinandergereiht, mit einer grobgefügten Steinmauer verbunden stehen dort 14 aus Sandsteinblöcken gehauene Kreuze. Am Hals des weit in das Tal der Tauber vorspringenden Satzenberg hat man sie zusammengetragen, alldort, wo der Weg sich abzweigt hinab zum Tal in südlicher Richtung gen Bronnbach, in nördlicher gen Reicholzheim, in östlicher über den First nach Höhefeld. Es ist eine wichtige Straßenkreuzung, an der wir stehen und von der aus wir nach dem harten Aufstieg eine lohnende Rückschau in das Tal halten. Vor vielen Jahren mußte man diesen Weg fahren oder gehen, um bei Höhefeld den Anschluß an die alte Tauberstraße zu bekommen, welche von Wertheim aus über die Eicheier Steige und die östlichen Höhen des Taubertales führte und den unwirtlichen, von dichtem Wald und engen Schlünden gezeichnetenteil an der unteren Tauber umging. (Es liegt bei dieser Wegeführung eine Parallele nahe, die nach Mittelbaden weist und einen ähnlichen Vergleich in der Weinstraße findet, welche auch das schrundige Tal der Murg meidet, um auf den Höhen des Hohloh zum schwäbischen Land zu streben.) An dieser Stelle stehen nun einsam die 14 Kreuze. Weiter unterhalb auf halbem Weg ist uns ein weit kleineres begegnet. Es fällt nur dem mit wachem Auge die Heimat durchstreifenden Wandersmann auf, weil man es in eine Stützmauer hineingebaut hatte. Dieses Kreuz trägt eine griechische Form mit gleichlangen Armen. Der Bildstock 92 von Heinz Bischof, Rastatt in der Nachbarschaft der großen Kreuze will so gar nicht recht zum Anblick passen. Seine Traubenbänder stammen auch aus einer späteren Zeit, vielleicht schon von damals, als man Sinn und Ursache dieser stummen Weggenossen vergessen hatte. Doch was sollten sie bedeuten? Einige Acker oben auf der Höhe tragen den Namen Streitäcker, und nicht weit entfernt in der Flur Der Galgen sollte einmal das Blutgericht stattgefunden haben. Haben doch alte Leute im Dorf meinem Vater erzählt, daß zur Fassung eines Brunnenrandes ein größerer Stein von diesem Galgen Verwendung gefunden habe. Ehe wir uns aber diesen Möglichkeiten anschließen, wollen wir die Sage zu Wort kommen lassen, welche den Streitkreuzen ihren Ursprung zuwelsen will. In Waldenhausen war wieder einmal Kirchweih, so erzählt man sich im Dorf. Wenn die Musikanten dieser Gemeinde zum Tanz in die Krone einladen, dann braucht man nie Bange um einen vollen Saal zu haben. Aus allen Ortschaften des unteren Taubertales strömten Burschen und Mädchen herbei. Der Ruf drang auch bis hinauf nach Höhefeld. 10 Burschen machten sich auf den Weg, einer nahm seine Schwester mit. Doch hätte man geahnt, welchen Lockvogel man sich da aufgeladen hat, wer weiß, ob die Burschen nicht lieber allein gegangen wären. Nicht allein nur in der Krone zu Waldenhausen wußte dieses leichte, lustige Ding Verwirrung zu stiften, wenn es in wilder Sinnenlust seine Augen auf- und niederklappen ließ. Auch den Burschen verwirrte das Mädchen Sinn und Verstand. Denn als man nach Mitternacht über Reicholzheim zur Höhe aufstieg, da erbosten sich die Burschen in ihrer gegen-

93 seitigen Liebe zu dem Mädchen so sehr, daß sie aufeinander losschlugen. Einer, der wildverwegendste unter ihnen, zückte das Messer, und Blutrausch überfiel die wackeren Liebhaber. Nachdem der Bruder merkte, welch schauriges Unheil das Mädchen mit seinem gefährlichen Spiel angestellt hatte, und er die Leichen seiner Kameraden am Boden liegen sah, da zückte er das Schwert und hieb der Schwester den Kopf ab. Klagend verließ er den Ort der schaurigen Tat. Jedoch beim Aufstieg zur Gamburger Steige, da sollte er vor Gram und Scham sich selber das Leben genommen haben. Anderntags fanden die Reicholzheimer oben auf der Höhe die toten Burschen. Es waren 11 Leichen an der Zahl, welche sie zu Tal trugen. Das Blut floß bis zur halben Steige hinab. Aus Sandstein errichtete man dort die Kreuze. Jenes, welches zum Gedächtnis der Schwester errichtet wurde, trägt ein Schwert als Inschrift. Auf den anderen bildete man einen Dolch, einen Hammer, einen Speer sowie einen Totenkopf ab. So weit das Blut den Weg hinabgeflossen war, zeigte man mit der Errichtung eines kleineren Kreuzes an, eben dasjenige, das in griechischer Form gehalten in die Stützmauer eingefügt ist. Sollen diese Wegkreuze nun hier aufgestellt worden sein, um von diesem Unglück zu künden? Sind es Gedächtnisstätten, ähnlich den Marterl im Tirolerlande, aufgerichtet am Ort eines geschehenen Unglückes, die den Wandersmann um ein Vaterunser für die Verunglückten bitten? Dagegen spricht ihre Zahl. Auch der Gewanname Galgen dürfte mit diesen im Blutrausch hingemordeten Burschen aus Höhefeld wenig zu tun haben. Wohl besaß Reicholzheim das sogenannte Straßengericht, das in den Beziehungen des Klosters Bronnbach zu den Grafen von Wertheim in Urkunden und Berichten sehr oft genannt wird. Und man nimmt nun an, daß dort oben auf der Höhe diese gerichtliche Sühne für schwere Verbrechen stattgefunden habe. Die Beziehung, bzw. Ableitung dieser Kreuze als Gedenkstätten für die Gehängten, zumindest der Hinweis auf die Insignien sind vollkommen fehl am Platz. Der Galgen auf dieser Höhe bestand bis etwa zum Jahre Dort muß das Holz morsch geworden sein. Der Galgen war als Richtstätte nicht mehr zu verwenden. Der alten Gepflogenheit zufolge, nach der man eine Hinrichtungsstätte niemals wieder am alten Platz aufstellte, wurde der Galgen am anderen Ende der Gemarkung errichtet. So erklären sich u. a. die vielen Flurnamen mit Galgen, Hochgericht u. ä. auf ein und derselben Gemarkung. Als ursprünglich dort oben die 11 Kreuze gestanden haben, da wußte die Volksphantasie in ihrer naiven Erzählungsweise nichts damit anzufangen. Das primitive Gemeinschaftsgut einer Sage suchte sich einen Reim zu bilden auf die bald alltägliche Frage: Was wollen diese Kreuze nur bedeuten? Man hat sie gefunden, dort aufgestellt, nun sollte man auch den Grund wissen weshalb und warum. Doch ein klein wenig Erinnerung schwang vielleicht bei dem Suchen und Finden mit. Man wußte, daß es dort oben auf der Höhe oftmals nicht ganz geheuer war. So fügte man der Sage einen Zusatz bei. Es soll in dunklen Nächten dort ein Mann umgehen und sein Unwesen treiben. Als schwerer Klotz hängt er sich den Vorübergehenden auf den Rücken, um sich ein Stüde des Weges forttragen zu lassen. Und selbst drunten im Dorf ist es manchmal nicht ganz geheuer. Ein Lärmen entsteht des Nachts, als wenn der Schornstein einzustürzen drohte. Hunde bellen. Dann kann man ein helles Licht im Garten geistern sehen, das allmählich zu verlöschen beginnt. Und drüben auf dem alten Weg von Reicholzheim nach Dörlesberg geht seit uralter Zeit der feurige Mann um. 93

94 94 Um 1800 erzählte der Amtmann des Klosters Bronnbach, Jakob Lohr, folgende Geschichte: Gegen Ende des Jahres ging ich am Tage vor Weihnachten morgens um 2 Uhr von Urphar nach Bronnbach. Als ich einige Zeit auf der Höhe fortgegangen war, erblickte ich in der Ferne ein Feuer, welches ich bald aus den Augen verlor, jedoch, als ich kaum durch die Hecke kam, vom Richtplatz her den Weg nach Bronnbach kommen sah. Nahe vor mir blieb es stehen. Es war über mannshoch, und ich erkannte darin eine männliche Gestalt, deren Gesichtszüge, ja selbst Haare ich unterscheiden konnte. Nicht lange, so verließ es seinen Platz und wandelte mit mir eine gute Strecke gegen das Kloster. Manchmal brannte es ganz ruhig, dann loderte es wild auf oder sprühte Funken nach allen Seiten. Als es im Kloster zur Mette läutete, versank das Feuer augenblicklich. Selbst wenn wir mit bestem Willen der guten Phantasie des biederen Amtmannes Glauben schenken wollen, müssen wir eines feststellen, daß es da oben auf der Höhe manchmal wirklich nicht mit rechten Dingen zugegangen sein muß. Später hat man dann zu den 11 Kreuzen 3 weitere ausgegraben, so daß sich deren Zahl nun auf 14 erhöhte. Und in dieser Zahl 14 dürfte auch des Rätsels Lösung enthalten sein, ohne daß wir uns der Mystik der Sage noch der Mythologie vergangener Götterwelten anheimzugeben brauchen. In den 14 Kreuzen haben wir nichts anderes als die Stationen eines Kreuzweges vor uns. Wenn nicht die Zahl, so müßten die Insignien uns diese Lösung vor Augen stellen. Schwert, Dolch, Hammer, Hakenspeer und Totenschädel zieren in einfachster Symbolik einige dieser Kreuze, während die anderen schmucklos dastehen. Auf manchen großen Wegkreuzen im Tirolerland sind zum Zeichen des Gedächtnisses an das Leiden Christi die Marterwerkzeuge dargestellt, also Lanze und Stab mit Gummischwamm, beide überkreuzt, darunter ein Dolch, den Hammer und die Nägel. Auf dem Fußbrett liegen die Würfel. Mit der Lanze wurde die rechte Seite des Herrn am Kreuz durchbohrt, mit dem Schwamm am Rohr hatte man seinen Durst gestillt, mit dem Dolch wurden die Gewänder durchschnitten, um die man gewürfelt hatte. Mit Hammer und Nägel ward der Leib des Herrn an das Kreuz geschlagen. Eine einfache Symbolik in natürlicher Darstellungsweise. Es mögen die letzten Stationen auf dem Wege des Kreuzweges die Höhe hinauf gewesen sein, welche diese Insignien getragen haben. Die ersten schmucklosen galten der Stelle des Gebetes, der verinnerlichten durch keinen Bilderschmuck abgelenkten Andacht. 14 Stationen der Andacht eines Kreuzweges. Und sie finden ihre Bestätigung darin, daß es in einer alten Urkunde aus dem Jahre 1496 lautet: der Weg an den Kreuzen hinauf. Dort standen also diese Kreuze noch am Wege. Als in den wechselvollen und wirren Jahren der Reformationszeit die Bekenntnisse zu Reicholzheim so häufig sich änderten, daß die Bewohner bald selbst nicht mehr wußten, sind sie nun katholisch geblieben oder evangelisch geworden, da hat man in ungezähmter Bilderwut diese Denkmäler tieffrommer Volksandacht beschädigt, niedergerissen und viel viel später auf diesem Platz zusammengetragen. Seither spricht man von dem Platz bei den Kreuzen. Hat nun der Streitacker mit diesen Bildwerken etwas gemein, oder wurden hier Wirklichkeit und Phantasie kunstvoll miteinander gekoppelt? Wir gehen einmal weit zurück in die Mythologie des Volkes. Der Satzenberg war ehemals ein Opferberg der ansässigen Kelten. Im Vergleich mit der Wettenburg über dem Main läßt sich diese

95 Möglichkeit erschließen. Beide Berge sind gleichgeformt, an drei Seiten von Wasser umflossen, weit als sogenannter Sporn in das Tal ragend, prädestiniert als Berg des Opferns, zu dem nur von einer Seite her, dem Hals des Berges, sich ein Zugang finden und ermöglichen läßt. Über beide Berge aber zogen ehemals wichtige Straßen. Bei der Wettenburg war es ein alter Höhenweg, der hinab in das Tal des Maines führte und eine wichtige Straßenfurt bei Urphar fand. Hier bei dem Satzenberg, dem Sassenberg, verlief der Zugangsweg zu der Straße von Wertheim nach Tauberbischofsheim. Audi aus den Flurnamen wird erkenntlich, daß wir es bei beiden Bergen mit alten Opferstätten zu tun haben. Bei der Wettenburg ist es das Gewann Tännich, das in den Hexenprozessen des siebzehnten Jahrhunderts oftmals als Zusammenkunftsplatz von Hexen und Unholden genannt wurde. Am Satzenberg mag es die Sage von den Streitäckern sein, mehr aber noch das Umgehen des feurigen Mannes. In der Mythologie unserer Sage finden wir sehr oft die Erscheinung, daß die neuen Götter mit den alten in hartem Kampf lagen. Als das Christentum in fränkischer Zeit sich auch das Tauber- und Maintal eroberte, wurden diese Kultplätze einer heidnischen Religion zu Stätten grauenerregenden Anlasses. Was einst heiligstes Gut bedeutete, wurde nun zur Stätte der verdammungswürdigen Hölle. Götter wurden Teufel, gespenstische Gestalten, zu ruhelosem, ewigem Umhergehen in den Fluren verurteilt. So suchten die Missionare die Anhänglichkeit der germanischen Volksstämme an die alten Gottheiten zu beseitigen. Die Opferberge wurden zu verrufenen, verwunschenen Stätten zauberischer Untaten. Es entstand aus diesen Anlässen manche Sage, welche von brennenden Lichtern, blühenden Blumen künden, die die Menschen in das Verderben lochen. Wir erkennen darin den Urgrund der Sage von der Irrblume auf der Wettenburg und vielleicht auch jener Lichtflämmchen und feurigen Gestalten bei Reicholzheim, die dann verschwinden, wenn die Glocke die Christenheit zur Messe ruft. Aber nicht durch das Verdammen allein beseitigten die Missionare die Vorstellungen der Vorfahren an die heidnische Götterwelt. Mit systematischer Gründlichkeit wurden die Opferstätten zerstört, später aber in christlicher Glaubenssymbolik wieder erneuert. Dies finden wir bei mancher einsamen Waldkapelle bestätigt, die ein frommer Einsiedler sich am Ort einer Kultstätte errichtete, zumindest aber aus ihren Steinen zusammengefügt hatte. Die Kraft der Tradition des heidnischen Götzendienstes wußten die Missionare geschickt zu umgehen. Denn kaum hatten sie die ersten Fackeln des neuen Glaubens angezündet, die Wurzeln des heidnischen Übels aus den Herzen der Bekehrten gerissen, so errichteten sie zu eben jenen Stellen alter Kultbezirke neue Wege der Buße und Andacht. So mancher Berg, ehemals dem Heidengotte Donar geweiht, wurde nun zu einem Petersberg. Manche Quelle wurde Anlaß zur Wallfahrt des einfachen Volkes, um Maria zu verehren. Den Weg zum Satzenberg hinauf aber errichtete man einen Kreuzweg, eine Stätte der christlichen Andacht. Viel Mühe und Schweiß mußte man sich geben, kniend und sich niederwerfend diese Stationen hinaufzubeten. Es hätte vielleicht nur der Errichtung einer Kapelle bedurft, so wäre auf dem Satzenberg eine ähnliche Wallfahrt entstanden wie auf dem Engelsberg bei Miltenberg. Der Grund, warum dies verhindert oder nicht ausgeführt wurde, ist den Urkunden nicht mehr zu entnehmen. Er mag vielleicht darin zu suchen sein, daß in dem nahen Bronnbach im Jahre 1151 ein Kloster gegründet worden war. Bis dahin hatte 95

96 Reicholzheim die Führungsrolle im unteren Taubertale inne. Mit dem Errichten des Zisterzienserklosters verloren diese Kreuzwegstationen sicherlich mehr und mehr ihren missionarischen Wert. Die Stürme der Reformation taten das ihre, um diesen alten Weg zu einer ehemals heidnischen Kultstätte auf dem Satzenberg vollkommen in Vergessenheit geraten zu lassen. Die Volksphantasie allerdings wußte etwas noch, wenn auch nicht mehr den rechten Grund und bildete in ihrer sehr primitiven Deutungsanschauung die eingangs erwähnte Sage, welche vielleicht ihren Niederschlag in den Streitäckern gefunden, nicht aber in dem Namen Streitkreuze erhalten hatte"'. Die Sonne ist bereits tief im Westen gesunken. Mit ihren matten Strahlen beleuchtet sie diese Symbole aus rotem Sandstein, deren Schatten wie lange Zeigefinger über die dahinterliegende Flur fallen. Sie haben weit in die Vergangenheit uns zurückgeführt. Ihre Gegenwart erfreut den Wanderer, der sie auf diesem Höhenweg findet. Ihre Geschichte läßt erschauern, wenn man weiß, daß diese Kreuze ehemals der christlichen Andacht dienten, heute aber vergessen und beraubt dieses Zaubers hier ein museales Dasein fristen müssen. Vergessen im Nebel der aufgekommenen Abenddämmerung, so schlummern sie in die neue Nacht hinein, deren Schatten sich drunten im Tal auszubreiten beginnen. Müde und matt klingt die Abendglocke, derweilen wir Abschied nehmen. Über den Satzenberg geht es abwärts zur Landstraße, von der aus wir den Weg zurück in das Dorf nehmen, in dem man sich an langen Winterabenden noch manches von den Kreuzen dort oben an der Wegscheide zu erzählen weiß. 81 Zu dem Flurnamen Streitäcker weist eine andere Deutung meines Vaters auf das Jahr 1454 hin, in welchem die Feldschieder wegen dieses Gewannes einen Streit mit der Gemeinde auszufedhten hatten. Sommerbilö Hoch im blauen DunCt oerloren hlingt ein jubelnö Lerchenlieö; roeißes Wölhchen, hauchgeboren, mit ihm in öie Weite zieht. Rings im Schroeigen ftehen Wälöer, öunhler Wächter j'eöer Baum,- über fonnenroarme Feiöer geht öes Som m ers Erntetraum. Chriftlan Baumann

97 Ortszeichen an der Bergstraße und im vorderen Odenwald Auf den Spuren einer kurpfälzischen Landvermessung Wer über die weiten Gefilde des ehemaligen Amtsbezirks Weinheim a.d.b. schreitet ob auf den Höhen des Odenwaldes oder unten in der weiten Rheinebene der begegnet Grenzsteinen, die durch ihr Alter und die nicht immer sofort erklärbaren geheimnisvollen Zeichen und Zahlen auffallen. Weil wir meistens mit ihnen nichts anzufangen wissen, betrachten wir nur einen oder höchstens zwei dieser Steine und gehen dann kopfschüttelnd weiter. Die folgenden übersehen wir mit Absicht. So entgeht es unserer Aufmerksamkeit, daß die Figuren auf diesen Steinen von Ortschaft zu Ortschaft wechseln und mit ihnen die unter den Zeichen angeführten Jahreszahlen. Wir lesen in Schriesheim und Leutershausen 1790, in den Sachsendörfern 1791, in Weinheim 1792 usw. und erfahren so, wann die Steine anläßlich einer kurpfälzischen Landesvermessung gesetzt wurden. Wer sich zuvor Kenntnisse über Siegel und Ortswappen in den Gemeinden des alten Amtsbezirks Weinheim sammelte, stellt gar bald eine Verwandtschaft der ortsüblichen Wappenbilder mit den Figuren auf unsern Steinen fest. Wir stehen vor den Ortszeichen der Dörfer, die wir soeben durchwanderten. Nicht immer ist uns die Bedeutung dieser Zeichen klar. Wenn z. B. die Konturen des Hemsbacher Lenkscheides durch zwei gleichstarke Linien mit dem unmittelbar darunter stehenden großen lateinischen H verbunden sind siehe Zeichnung so entsteht ein Gebilde, das seinem Beschauer Kopfzerbrechen verursacht. Ohne Kenntnisse der Hemsbacher Ortsheraldik dürfte der Fall kaum zu klären sein. Sind dann noch links neben der Figur eine verzerrte 5 und auf Von Johannes ßartenbach, Weinheim a. d. ß. der andern Seite des Zeichens rechts oben (!) ein nur halb so großer Kreis eingehauen, dann dürfen wir es keinem verübeln, wenn er dies nicht als Zahl 50 sofort lesen kann. Und doch ist es eine 50. Denn der Stein zuvor trug die Zahl 49 und der dahinter stehende nennt 51. Wir erkennen: die Steine sind fortlaufend numeriert. (Auf meiner Zeichnung habe ich auf die Wiedergabe von Nummern verzichtet, um die Wirkung der Ortszeichen nicht abzuschwächen.) Alle diese Zahlen und Zeichen wurden von den Steinmetzen ohne viel Aufwand von Kunst eingraviert. Daher ändern auch die Figuren von Stein zu Stein ihr Gesicht, namentlich dann, wenn sie schwieriger zu formen waren. Sie sind also nicht immer kongruent. Wir finden diese Steine nicht nur an den Grenzen als Gemarkungssteine, bei denen jeweils das Ortszeichen auf der nach dem Gemeindegebiet zugewendeten Fläche eingehauen ist, sondern wir begegnen ihnen auch innerhalb des Ortsetters. Hier aber sind sie nur einseitig beschriftet und dienen der Abgrenzung gemeindeeigenen Bodens oder der Kennzeichnung von Gebäulichkeiten, die der Ortsverwaltung unterstehen. Dort aber hat heute ein Teil von ihnen seine Bedeutung verloren, wo der Gemeindeatlas infolge Verbesserung des Bodens, einer Rodung, Entsumpfung, Aufforstung, Wegeoder Bahnbau oder Änderung der sozialen Verhältnisse neu auf gebaut werden mußte. Welche Zeichen präsentieren sich uns nun auf unsern Steinen? a) Schriesheim: zwei gekreuzte Pfeile, auf denen im Ortswappen der Pfälzer Löwe steht. 7 Badische Heimat

98 Schriesheim «Leulershausen * Großsachsen Hohensachsen o Luthefsacbsen o Wein heim '/ / * / V??/ f')7}/ }/)}})}) ))}}}))}}? })$ } S uhbach <> Hem sbach o Laudenbach i/)/rr//f)rr//fr/[) >Wf) >7P>>))})?)?)))/?//)' /w r'w rrrrn /f/fw rrft ffippentse/ert Oßhockenbadj <> Ursen b ach Ortszeichen an der Bergstraße und im Odenwald gez. Bartenbach

99 b) Leutershausen: eine Hirschstange, das Wappenbild der Herren von Hirzberg (Hirschberg). c) Großsachsen: nicht einwandfrei zu klären, aber im Ortswappen seit 1617 nachweisbar. Dieses Zeichen steht auf Bronze-Rasiermessern, die in Dänemark gefunden wurden, und ist auch im nordund mitteldeutschen Raum bekannt. Nach Ferd. Seitz ist es als Vorläufer der heraldischen Lilie anzusprechen. d) Hohensachsen: ein mit einem Kreuz gekrönter Bischofshut (?). Vergleiche mit Wappen der Gemeinde Ketsch a. Rhein! e) Lützelsachsen: geteilter Kreis, d. h.: nicht das ganze, sondern nur das kleine (little) Sachsen Lützelsachsen. f) W e i n h e i m : Weinleiter, das Wappenbild der hier seßhaft gewesenen Familie v. Swende. g) Sulzbach: fünfzackiger Stern. h) Hemsbach: Lenkscheid mit H. i) Laudenbach: Rebmesser. k) Rippenweier: Lothringer Kreuz. l) Oberflockenbach: Hufeisen mit Tanne, gelegentlich auch Laubbaum. m) Ursenbach: Rehstange (auch Hirschstange), weil einst zum Lehen der Hirzberger (Hirschberger) gehörend. ßrückenheilige Die lieben, alten, grauen ßriiehenheiligen! W a s roiffen fie oom Leben noch, öem eiligen? Sie haben ihre Zeit roohl haum oergeffen, Co Diele Macht roar ihnen zugemeffen, zu fchützen öie geroagten Übergänge, auf öaß hein Feinö öes W anörers Leib beöränge. Sie gönnten Troß unö Reiter freie Bahn, bemachten auch öes Filetiere leichten Kahn. Schön roar es, Fich in blanher Flut zu fpiegeln unö Licht zu trinhen roie aus oollen Tiegeln. Sie ließen ihr Geroanö im W inöe flattern Unö hörten gern aus Wiefen Gänfe fchnattern. W a r öa s ein Leben, roenn fie fich erhoben unö flügelfchlagenö auseinanöer ftoben! Der Fluß lecht trag an feften ßrilchenpfeilern, öort ftanöen fie, öie Heiigen, nah Öen Weilern. Zuroeilen fchaun fie noch in fchmale Gaffen unö trauern, roeil öie Menfchen fie oeriafien... HcOrotg Salm 7-99

100 Zu den Küchenaltertümern des Gebietes zwischen Neckar und Main gehört ein Pfannengericht: die Semmede. Diese Behauptung stützt sich jedoch weder auf urkundliche Belege, noch auf sonstige Aufzeichnungen. Denn einmal wurden bäuerliche Kochrezepte vergangener Zeiten kaum aufgeschrieben, und zum andern fand die Semmede in den zahlreichen gedruckten bürgerlichen Kochbüchern des 17., 18. und 19. Jahrhunderts keine Aufnahme. Ihre Grundstoffe sind nämlich sehr dürftig, die Zubereitung ist höchst einfach, der Geschmack aber entbehrt für den, der sie nicht seit seiner Kindheit gegessen hat, jeglichen Reizes und läßt sich zudem durch Zuspeisen kaum verbessern. Gerade diese Kennzeichen lassen jedoch auf ein hohes Alter des Gerichts schließen. Und wenn die Forschung als älteste Speise den Brei annimmt1), so dürfte die Semmede nicht viel jünger sein. Über den seltsamen Namen traut sich das große Grimmsche Wörterbuch nach über 100 Jahren Germanistik nichts Sicheres zu sagen. Ein Zusammenhang mit dem lateinischen similia = Weizenmehl besteht ebensowenig wie mit dem Wort Semmel. Dagegen leitet ein schwäbischer Sprachforscher in Übereinstimmung mit dem Herausgeber des Badischen Wörterbuches Prof. Dr. E. Ochs Semmede von Zu-sämmete ab und kommt damit der eigentlichen Bedeutung als etwas Zusammengestoßenes am nächsten. Vorsorglich sei darauf hingewiesen, daß im Fränkischen Wortverbindungen mit zusammen auch einen gegenteiligen Sinn haben können; beispielsweise besagt einen Topf zusammenschlagen, daß er in Scherben zerbricht. So ist auch mit Semmede etwas Bröckeliges gemeint. Zu anderen urtümlichen Namen, die nicht auf die Bestandteile, sondern nur auf die Herstellungsweise 100 Semmede Von Heiner Heimberger, Adelsheim einzelner einfacher Mehl- und Eierspeisen hin weisen, gehören auch Verstorrt s und Kratzete, also mit dem Rührlöffel oder dem Bratschäufelchen während der Zubereitung zerkleinerte Gerichte. Nach der ältesten in Erfahrung gebrachten Kochvorschrift für Semmede setzte die Hausfrau Mehl von Dinkel oder Roggen mit der nötigen Menge Salz in einer Pfanne auf das Herdfeuer und überbrühte es mit kochendem Wasser. Das hatte zur Folge, daß das Mehl an der Oberfläche sofort verkleisterte. Damit das Wasser auch vom Pfannenboden her das Mehl in Kleister umwandeln konnte, mußten mit dem Rührlöffelstiel drei Löcher in die sich schließende Teigoberfläche gestoßen werden. War das gesamte Mehl in kurzer Zeit zu einem Brühteig geworden und das überflüssige Wasser abgegossen, dann wurde die zähe Masse kräftig mit dem Löffel umgerührt und verstorrt, bis sie brödtelig war. Zum Schluß gab die Hausfrau möglichst viel Schmalz in die Pfanne, so daß die Teigklümpchen ( Riwwele ) über und über vom zergangenen Fett glänzten. So kam das Gericht auf den Tisch. Die zähe, nur durch das Fett schlüpfrige Speise verlangte natürlich eine feuchte Zukost, meist Milch, im Sommer auch Apfelbrei oder gekochte Zwetschgen und im Winter Dörrobst. Im badischen und hessischen Odenwald bevorzugte die Hausfrau früher Haaremehl, gemahlenen Buchweizen. Dieses Mehl wurde aber, anders wie im Bauland, in das kochende Wasser geschüttet, das dann durch die mit dem Löffelstiel gestoßenen Löcher hindurch über das Mehl sprudelte. Wurde aber das richtige Verhältnis zwischen Mehl und Wasser nicht getroffen, dann mißlang die Zubereitung, und es ergaben sich Briehkläiß (Brühklöße2).

101 Während die Mehlsemmede kaum mehr bekannt ist, kommt eine Abart, die Kartoffelsemmede, heute noch da und dort auf den bäuerlichen Mittagstisch. Hier lockern lediglich auf dem Reibeisen geriebene und unter das Mehl gemischte Kartoffeln den festen Brühteig auf. Die Zubereitung bleibt die gleiche, doch darf die Kartoffelsemmede nach dem Abschmälzen nur kurz auf dem Feuer bleiben, sonst wird sie krustig. Bezeichnend für die Beliebtheit der magenfüllenden, schwerverdaulichen Mehl- und Kartoffelsemmede ist der aus Dainbach, Krs. Tauberbischofsheim stammende Kinderspruch: Wie freu i mi uf d Imeszeit (Essenszeit), weil s Semmede un Hutzel (Dörrobst) geit. Die Einwohner von Dallau, Krs. Mosbach, sind weit und breit als Semmedekittel und Semmededrücker bekannt. Der erste dieser Spottnamen wird damit erklärt, daß die Dallauer Bauern während der Ernte auf ihren weitab vom Dorf liegenden Äckern für das Vesper die Kitteltaschen mit Semmede füllten und sich so den zeitraubenden Heimweg über Mittag ersparten. Der Sinn von Semmededrücker ergibt sich durch Einfügung der Silbe ver : verdrücken bedeutet im Volksmund nichts anderes als viel essen oder hinunterschlingen. In Hemsbach, Krs. Buchen, zeichnete Max Walter, Amorbach, folgende Redensart auf, mit der sich die Dorfbewohner über ihre bucklige Gemarkung lustig machen: Wenn unsere Bückel Bäuch wäre un die Schteemauern Mehlsemmede, dann täte mer die Semmede nei d Bäuch stopfe, dann ging s uns gut! Für eine alte Eberbacherin birgt die Semmede eine unvergeßliche Jugenderinnerung an strenges mütterliches Verhör mit nachfolgender leidvoller Maßregelung. In ihrem wohlhabenden Elternhaus diente eine Magd aus Wagenschwend, die Mehlsemmede so vorzüglich zubereitete, daß das bäuerliche Gericht auch im Bürgerhaus zur Freude von groß und klein wöchentlich mindestens einmal auf den Tisch kam. Eines Sonntags beobachtete die Mutter in der Kirche, daß ihr Töchterchen während der Predigt aß. Was das Kind da genascht hatte, war nichts anderes als das kalte Überbleibsel der Semmede vom Samstag, das die Kleine vor dem Kirchgang heimlich in eine Tüte gefüllt hatte3). Anders erging es einem Neudenauer Bauern. Er hatte in den Hungerzeiten der Kriegsgefangenschaft die Semmede von einem Odenwälder Landsmann über alle Maßen rühmen hören. Nach der glücklichen Heimkehr bat er seine Frau, eine Waldmühlbacherin, ihm doch auch einmal Semmede zu machen. Nach dem ersten Bissen aber stand der Mann vom Tisch auf und schüttete die Semmede den Hühnern in den Hof. Un wann i net hordich e Schissei voll Wasser no dezu geschtellt hätt, wäre d Hihner a noch dro verworcht! Das Verbreitungsgebiet der Semmede erstreckt sich über das Bauland und den Odenwald hinaus. Seine südliche Grenze scheint die Höhe zwischen Jagst und Kocher zu sein4). Dafür spricht auch der Belegeort Kochendorf an der Mündung des Kochers in den Neckar, den das Schwäbische Wörterbuch5) anführt. Dort heißt das Gericht Sämmete und besteht jedoch auch nicht mehr aus reinem Mehl-Brühteig, sondern ist ebenfalls, der leichteren Verdaulichkeit wegen, mit geriebenen Kartoffeln gemischt. In derselben Quelle wird aus Edelfingen, Krs. Mergentheim, der bisher östlichste Beleg genannt. Aufschlußreich ist der Hinweis im Schwäbischen Wörterbuch, daß es sich bei der Semmede um eine rein fränkische Speise handelt, die sonst nirgendwo in Württemberg bekannt ist. Auf der Höhe jenseits des Taubertales, im sogenannten Gau, ist die Semmede kaum bekannt. Die westlichsten Belege stammen aus dem Kleinen Odenwald (um Neunkirchen, Krs. Mosbach) und aus der Gegend um Sinsheim. Nach Norden hin, im Spessart und 101

102 in der Rhön, haben seit der Einführung der Kartoffel gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Kartoffelklöße wohl die alten Brühteiggerichte verdrängt, aber ihren Namen Zammede übernommen und bis heute behalten. Im Coburgischen heißt jetzt noch sogar der Kartoffelbrei Zammet 6). Die Überlegung, warum sich im Gebiet zwischen Neckar und Main das urtümliche Gericht so lange erhalten hat, erbringt einleuchtende Gründe. Noch vor hundert Jahren lebten große Teile der Bevölkerung unter recht kärglichen Bedingungen. Im Odenwald, einer sehr armen Gebirgsgegend, deren rauhes Klima und magerer Boden den Getreideanbau als Handelsfrucht unmöglich macht, bildete die Waldwirtschaft seit eh und je die wichtigste Verdienstquelle. Die ärmeren Leute aber lebten, wie der Volksmund sagt, von den drei B, vom Beerensammeln, Besenbinden und Betteln. Das weitaus fruchtbarere Bauland dagegen war wie alle Getreideanbaugebiete in der Lebenshaltung wie auch in Sitte und Brauchtum traditionsgebundener. Aber auch hier konnte die Bäuerin für das Alltagsessen nichts kaufen außer dem Salz sondern mußte je nach der Jahreszeit nehmen, was sie gerade zur Hand hatte, und es, abhängig von Reichtum oder Armut des Hofes, reichlicher oder sparsamer verwenden. Erst mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert begann mit der Hebung des Lebensstandards eine allgemeine Umstellung der Ernährung. Die frühere unterkalorische Kost trug übrigens bei der harten körperlichen Wald- und Feldarbeit zur Gesunderhaltung des Körpers mehr bei als die heutige fleisch- und kalorienreiche Nahrung. Ein anderes, in Vergessenheit geratendes Gericht, das im Gebiet zwischen Neckar und Main am winterlichen Schlachtfest früher immer auf den Tisch kam, heute nur noch selten gegessen wird, ist die Schlachtsemmede. Sie hat allerdings nur den Namen mit der oben geschilderten Speise gemeinsam. Die Zutaten bestehen aus einer Schüssel voll frischen Schweineblutes und dem klein zerstückelten Fleisch vom Stichstückle. Dies ist die Stelle am Schwein, an der durch einen Messerstich das Ausbluten des Tieres erreicht wird und die daher zum Einsalzen nicht genommen werden kann. Blut und Fleisch werden in einer Pfanne aufs Feuer gesetzt, mit zerkrümeltem Schwarzbrot zu einem dicken Brei gekocht und mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt. Des scharfen Gewürzes wegen heißt das Gericht da und dort auch Metzei- oder Schlachtpfeffer. In Süddeutschland, wo Mehlspeisen im allgemeinen bevorzugt werden, sind Brühteiggerichte in anderen Zubereitungsarten als die der Semmede sehr beliebt. Für die Schupfnudeln im Schwarzwald und die Stöpferle in Oberschwaben wird ein gebrühter Schwarzmehlteig in einer Backsdhüssel angemacht. Aus ihm werden Teigklümpchen abgerissen und zwischen den Handflächen zu länglichrunden Nudeln gerollt, die an beiden Enden spitz zulaufen. Diese müssen dann in Salzwasser gekocht und vor dem Anrichten mit feingeschnittenen, in Fett braun gerösteten Zwiebeln geschmälzt werden. Man ißt sie dort zum Sauerkraut und Schweinernen. Der Name Stöpferle besagt, daß dieses Gericht stopfend, das heißt magenfüllend und schwerverdaulich ist. Die Gwichsten aus dem Rottal (Oberbayern) sind kleine Roggenmehl-Knödel aus Brühteig, mit glatter, fettglänzender Oberfläche. Ihnen darf ma ka Mal akenne, wenn ma s übern Stadelfirst schmeißt, so fest müssen sie sein! 1) Wörterbuch d. dtsch. Volkskde, Stuttgart 1955, unter Brei und Speisen. 2) Aufgezeichnet von Mößinger, Schloß Fürstenau, in Dorf Erbach und Obermossau. 3) Erzählt von der 85jährigen Frau L. Britsch. 4) Nach Mitteilung von E. Breyer, Öhringen. 5) Fischer, Schwäbisches Wörterbuch Bd. VI/2 Eberbach a. N. Nachträge Spalte Hinweis von Fr. Schmidt-Ebhausen. 6) Mitgeteilt von Dr. Max Walter, Amorbach. 102

103 Dr. Charles ßurneys musikalische Reise 1772 Im Frühjahr 1956 besuchte ich die Schwetzinger Festspiele. Während im Schloßtheater Goldonis Schlaue Witwe über die Bretter ging und jenen Geist wachrief, der in Heiterkeit ja zum Leben sagt, klangen im vollbesetzten Tanzsaal des Zirkelhauses unter der Stabführung EugenBodradsWerke der Mannheimer Schule, die einst die europäische Welt aufhorchen gemacht und den jungen Mozart im Mannheimer Goüt schreiben ließen sowie den jüngsten Sohn Johann Sebastian Bachs, Johann Christian, den Mailänder oder Londoner Bach, nach Mannheim riefen. Was war es denn, das die Musikkultur jener Tage schuf und die Tonsetzer in hellklingender Jugendfrische sich abwenden hieß von der Polyphonie des Hochbarock, das sich in Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach noch einmal zu klingenden Gipfeln des Könnens und der seelischen Kraft erhoben hatte und der motivischen Stimmführung nun einfache homophone Klangbildungen mit einer neuen Thematik entgegenstellte? Ausdruck und Drang des Lebens durch Überwindung des früheren Zeitempfindens!... Es waren die gleichen Kräfte, die der Aufklärung der europäischen Welt zugrunde lagen und einen Jean Jacques Rousseau rufen ließen: Zurück zur Natur! Am Hofe Karl Theodors zu Mannheim, in Wien, in Italien begann man anders zu schreiben als bisher, hörte man Töne, die dem Schaffen eines Jomelli und Tartini, eines Gluck und Haydn die Richtung gaben. Naturgeist wurde hier Zeitgeist, und man konnte glauben, diese jugendstarke Bewegung sei in den verschiedensten Musikzentren Europas aus dem nämlichen Drang der Erneuerung gleichzeitig tönend bewegte Von Alexander Reuß, Schwetüngen Wirklichkeit geworden. Allein das ist nur bedingt der Fall, und man muß den Kern der mannigfaltigen Erscheinungen suchen, in welchem das Schaffen und Denken, das Fühlen und Wollen der neuen Zeit bewußt geworden ist. Lange lag Dunkel über diesen Zusammenhängen, auch nachdem Hugo Riemann die Werke der Mannheimer Schule neu entdeckt hatte. Man wußte nur: die Musiker am Hofe Karl Theodors, die zuerst im neuen natürlichen Stil musizierten, waren fast alle zugewanderte Deutsch-Böhmen, schienen beeinflußt von einer gemeinsamen Bewegung, die auch Italien erfaßt hatte und Österreich aufhorchen ließ. Wo war das Zentrum? Wenn man den Werdegang Glucks und Tartinis sowie vieler anderer, die ihrer Zeit das musikalische Gepräge gaben, verfolgt, stößt man mittelbar oder unmittelbar auf einen Mann, auf einen Pater aus Böhmen, der in seiner Heimat und in Italien gewirkt hat, der Gluck und Tartini persönlich unterrichtete, auf Bogoslav Czernohorsky, und in ihm müssen wir den heimlichen Lehrer Europas auf musikalischem Gebiet sehen, über dessen Leben die Zeit einen Schleier gebreitet hat, dessen Tonschöpfungen fast alle durch eine Feuersbrunst vernichtet worden sind, und der dennoch in den Klängen weiterlebt, welche die Wiener Klassik schufen und bis an die Grenze unserer Zeit Geltung behalten haben. Es ist hier nicht der Ort, tiefer auf die kulturhistorische Bedeutung des Mönches aus Nimburg (geb gest. 1740) einzugehen. Aber als Charles Burney, der englische Musiker und Musikwissenschaftler, 1772 Holland, die Kurpfalz, Württemberg, 103

104 Bayern und Österreich durchstreifte und das Tagebuch einer musikalischen Reise schrieb, fand er bei Schilderung des gegenwärtigen Standes der Tonkunst in Deutschland die Klassik, welche man nicht ganz zu Recht die neutönerische Klangwelt nennt, in Mannheim in voller Blüte und war ebenso von ihr beeindruckt wie der junge Mozart, wie das Paris von damals und wie wir, wenn wir im Rahmen der Schwetzinger Festspiele die Sinfonien, die Divertimenti, die Menuette und Naturszenen mit der doppelten Besetzung der Hörner, mit der neuartigen Behandlung der Holzbläser, mit der individuellen Gestaltungskraft der Soli hören. Charles Burney wurde am 7. April 1726 zu Shrewsbury geboren und kam im Alter von 18 Jahren nach London, wo er den Musikunterricht Arnes genoß. Früh erhielt er eine Stelle als Organist an einer Londoner Kirche und einen Posten im Orchester des Drurylane-Theaters, für das er die Operette Robin Hood komponierte nahm er eine Stelle als Organist in Lynn in der Grafschaft Norfolk an, kehrte aber auf Veranlassung des Herzogs von York nach London zurück, wo er durch seine Tonschöpfungen bald so großen Ruf erlangte, daß ihn die Universität Oxford 1761 zum Doktor der Musik ernannte. Um Stoff zu einer ausführlichen Geschichte der Musik zu sammeln, unternahm er 1770 eine Reise durch Frankreich nach Italien, 1772 eine zweite durch Flandern, die Niederlande und Deutschland bis nach Wien, deren Ergebnis zwei Werke: The present state of music in France and Italy (London 1771) und The present state of music in Germany (London ) waren. Sein Hauptwerk ist die General History of Music from the earlist ages to present period (London ). Außerdem schrieb er zu der 1784 in London veranstalteten Gedächtnisfeier für Händel eine kurze Lebensbeschreibung des Meisters sowie 104 ein Leben Metastasios (London 1796). An Kompositionen hinterließ er Sonaten und Konzerte für Klavier und Violine, Werke für Orgel, Kantaten und anderes. Seit 1790 war er Organist am Chelsea Hospital in London und starb dort am 12. April Eine deutsche Übersetzung des Reiseberichts über den derzeitigen Stand der Musik in Deutschland erschien bereits 1772 bis 1773 in Hamburg. Dies Reisetagebuch des Doktors Charles Burney in der Ausgabe von C. D. Ebeling ist fast nicht mehr zugänglich. Allein das von Burney gesammelte Kulturgut verlangt, erhalten und gelesen zu werden. Als ich durch die Klänge der Mannheimer Schule in Schwetzingen an Charles Burney erinnert wurde, und noch mehr, als ich kurz darauf gelegentlich einer Reise nach England durch St. Omer kam, wo sein Tagebuch beginnt, erwachte der Musikwissenschaftler in mir und neben ihm der Kulturhistoriker, der Dichter und der Doktor der Philosophie. Ich beschloß, den zweiten Teil der Erinnerungen Burneys mit seinem Gedenken Karl Theodors von der Pfalz, an den Herzog Karl Eugen von Württemberg, an Christian Friedrich Daniel Schubart, der nicht nur auf dem Hohen Asperg gesessen, sondern auch die erste deutsche Musikästhetik geschrieben hat, und an viele andere neu herauszugeben. Kenner und Liebhaber wissen, was der Begriff Mannheimer Schule bedeutet. Zumindest haben sie ganz allgemein die Vorstellung, daß in Mannheim und Schwetzingen einmal eine neue Stilrichtung in die Erscheinung getreten ist, ein Wandel des musikalischen Denkens und Empfindens, der sich in Mannheim mit seinen aus Böhmen stammenden jungen Komponisten Johann Stamitz und Anton Filtz, mit dem Österreicher Ignaz Holzbauer, dem Oberdeutschen Franz Xaver Richter, den Italienern Toeschi und Danzi wie in einem Zauberspiegel sammelte

105 und von hier aus Europa von London bis Rom, von Paris bis Wien beeinflußte und noch heute nachwirkt. Einer der sieben großen Encyklopädisten Frankreichs, der deutsche Baron Grimm, Parteigänger Glucks, schrieb 1753 in Paris für Stamitz und dessen Musik das Büchlein Le petit prophäte de Boehmisch-Broda. Die Nachfolger der ersten Mannheimer Musikergeneration, Cannabich, Carl und Anton Stamitz, Abt Vogler (der Lehrer Carl Maria von Webers) und Franz Beck wanderten mit ihrem Mannheimer Stil nach München, nach Darmstadt, nach Bonn und Wien und wurden so Vorboten der neuen Klassik, welche man nicht ganz zu Recht die Wiener nennt, denn weder Haydn, noch Mozart, noch Beethoven waren aus Wien. Von Mannheim aber gehen geistige Stammbäume zu J. B. Cramer, Johann Christian Bach und schließlich zum jungen Mozart und dessen, vermannheimertem Gusto sowie zu Spohr und seiner Geigenkunst. Gerade der Londoner Bach, welcher den Knaben Mozart liebevoll gefördert und beeinflußt hat, hatte engebeziehungen zur Mannheimer Schule, und Mozart war zweimal am Hofe Karl Theodors: als Sechsjähriger mit seinem Vater Leopold und seiner Schwester Nannerl in Schwetzingen und 1777 auf der Reise nach Paris, und hier war es, wo er über sein unerhörtes formales Können hinaus zum ersten Male die Erschütterung menschlicher Schicksale durch die Liebe erlebte. Er fand hier die beiden Kusinen Carl Maria von Webers, Aloysia und Constanze, seine spätere Frau. Aber was war denn der Mannheimer Stil? Unter dem Einfluß Jean Jacques Rousseaus suchten die jungen Musiker Europas den Weg Zurück zur N atur, denn sie fühlten wohl, daß die Weltgipfel Bach und Händel den Abschluß einer Epoche bildeten und daß hier eine Nachfolge keine Weiterentwidtlung, sondern nur Epigonentum gewesen wäre. Selbst die Söhne J. S. Bachs empfanden das, und im Sinne einer Abkehr ist auch das Wirken Philipp Emanuel Bachs am Hofe Friedrichs des Großen und in Hamburg zu werten, den Burney in seinem Reisetagebuch erwähnt. Zurück zur Natur! war der Wille der Musiker, die in Mannheim glänzende Orchesterwerke, Kirchen- und Theatermusiken schrieben, die das Orchester-Crescendo an die Stelle der Terrassen-Dynamik setzten, das Menuett in die Sinfonie einfügten, nachdem sie auf den Generalbaß und weitgehend auf den Kontrapunkt verzichtet hatten und ihre Einfälle als Themen und Seitensätze oder Episoden flächig und harmonisch-homophon ins Ohr schickten, während sie die Holzbläser unter Zuziehung der eben aufkommenden Klarinette mit neutönerischem Hörnerklang zu nie dagewesenen Effekten mischten und einem unerhörten, stürmisch-jugendlichen, weit ausholenden und tief aufatmenden Naturgeist die Seele öffneten... Kaum dreißig Jahre hatten genügt, die neue Richtung über den Status einer Mode hinauszuheben und zum Ausdruck des abendländischen Geistes werden zu lassen, der die Sterbende Welt des Rokoko überdauern und einerseits zum Ausdruck stärkster individueller Seelenkräfte als höhere Offenbarung denn alle Weisheit und Philosophie machen sollte, wie Beethoven es ausgedrückt hat, anderseits die Musik aus der Kirche und aus den Häusern adeliger und bürgerlicher Musikfreunde in die weltliche Öffentlichkeit sozial umfassender Kultur verpflanzte, jedermann zugänglich, alle ansprechend als Ausdruck einer Zeit der sich selbst befehlenden Freiheit, der Romantik, der historischen Impression letztlich bei Richard Wagner, welche aus dem Vergangenen nie Dagewesenes gebiert. War es da nicht verständlich, daß aufgeweckte Menschen in entfernten Ländern sich 105

106 aufmachten, um das neue musikalische Europa und insbesondere Deutschland zu besuchen? Eine einzigartige Berühmtheit unter diesen Reisenden hat Charles Burney erlangt, der sich zweimal, wie gesagt, zu einer Festlandreise aufmachte und seine Eindrücke in den verschiedensten Ländern in Tagebüchern niederlegte. Burney hat auch Mannheim und Schwetzingen besucht. Wir bringen hier seine Berichte, eingeleitet von der Reise durch Hessen und ausklingend in die Fahrt nach Ludwigsburg, wo er Christian Friedrich Daniel Schubart traf... Aber lassen wir ihn selbst zu Worte kommen: A uf dem Wege nach Mannheim kam ich durch Darmstadt, und als ich aus dem Wagen stieg, zog gerade die Wachtparade des Landgrafen auf. Ich habe nie eine Militärmusik gehört, die mir besser gefallen hätte. Das Corps bestand aus 4 Hoboen, 4 Klarinetten, 6 Trompeten (an jeder Seite der Hoboen und Klarinetten drei), und an jedem Flügel schritten 2 Fagotte. Das ganze Glied zählte 18 Mann. Dahinter kamen die Post- und Jagdhörner, und diese Zusammenstellung ergab eine vortreffliche Wirkung. Sie begeisterte ungemein, und obgleich die Trompeten und hohen Hörner im geschlossenen Raum gewöhnlich überscharf gellen, konnte sich hier im Freien der Ton ungehindert entfalten, wodurch das Ohr nicht so heftig angegriffen wurde. Ehe ich in meinem musikalischen Bericht fortfahre, muß ich ein paar Worte über das schlechte, ja hinterhältige Betragen der Postmeister und Postillone in diesem Teil der Welt sagen. Niemand kann ihren Tücken entgehen. Als ich übers Gebirge in der Wetterau kam, spannten sie mir drei Pferde vor einen Karren, den sie Postchaise nannten. Nachdem ich mir die Mehrkosten einmal hatte gefallen lassen, war nicht wieder daran zu denken, daß ich mit weniger Vorspann 106 hätte weiterkommen können, ln Frankfurt sträubte ich mich hartnäckig, aber vergebens, obwohl der Gastwirt und die Einheimischen insgesamt versicherten, daß sie niemals mehr als zwei Pferde nähmen, wenn sie Extrapost brauchten. Berge konnte der Posthalter hier nicht vorschützen. So mußte es diesmal der Sand sein, ungeachtet der Weg von Frankfurt nach Mannheim durchweg der erträglichste von allen war, die ich bisher in Deutschland befahren hatte. In diesem Lande sind die Frauen aus dem Volke auffallend häßlich vielleicht weniger von Gestalt als durch die Art sich zu kleiden und durch Nachläßigkeit und Unsauberkeit. Das Haar verstecken die Weiber unter einer A rt Haube, welche gewöhnlich aus bunter Leinwand oder aus Kattun besteht. Selten sieht man bei ihnen Schuhe oder Strümpfe an den Füßen, während das Mannsvolk beides trägt. Das gilt von allen Ständen. Ich möchte von den Leuten hier gern mit Zurückhaltung sprechen. Aber jeder fremde Reisende wird ihnen gegenüber die Galle steigen fühlen. Ohne zu schmeicheln oder zu verleumden, muß ich gestehen, daß einen dort unzählige Bettler überlaufen, obgleich sie oft jung, stark, wohlgenährt, gesund und arbeitsfähig sind. Das unaufhörliche Durcheinander verschiedener Münzsorten und der unvermeidliche Verlust beim Umwechseln, die Habgier, Unfreundlichkeit und Grobheit der Postbediensteten bedeuten für einen Reisenden unerträgliche Plackerei. Mannheim Auch hier waren die ersten Töne, welche ich hörte, Regimentsmusik. Mein Gasthof lag am Paradeplatz. Der Zapfenstreich bestand nur aus Trommeln und Pfeifen, und auch bei der Reveille fiel nichts vor, was das Zuhören verlohnt hätte. Hätte ich Lust verspürt, die Wirkung der Blasinstrumente einer Regimentsmusik in prunkenden Worten zu schildern, ich hätte London nicht zu

107 verlassen brauchen. Denn wir haben jetzt auf dem St. James-Platz und im Park jeden Morgen ein vortreffliches Hoboistenkorps, und so wenig ich bis jetzt irgendwo Soldaten von besserem Aussehen gefunden habe als die unsrigen, so wenig brauchen wir der Musik und den Musikern an andern Orten einen Vorzug einzuräumen, es sei denn hinsichtlich der Anzahl und der Verschiedenheit der Instrumente. Unsere englische Militärmusik hat in den letzten zwanzig Jahren große und schnelle Fortschritte gemacht. Denn damals war bei unsrer Garde zu Fuß nur der Marsch aus Scipio im Gebrauch, und die Feldregimenter wußten von nichts als gewöhnlichen Trommeln. Doch gehen im kleinen Mannheim Pracht und Aufwand erstaunlich weit. Das Schloß und die Hofgebäude machen fast die Hälfte der Stadt aus, und die halbe Einwohnerschaft steht in Hofdiensten und lebt auf Kosten der andern, welche ziemlich arm zu sein scheint. Das Jesuitenkolleg, welches der gegenwärtige Kurfürst hat bauen lassen, liegt dicht neben dem Schloß und hat 30 Fenster nach der Straße zu, die Kirche nicht mitgerechnet. Sie ist die prächtigste in Mannheim. Die Stirnseite des Theaters, welches nur einen kleinen Schloßflügel einnimmt, besitzt gleichfalls 30 Fenster. Die Stadt selbst ist reinlicher, schöner und regelmäßiger als alles, was ich je gesehen habe. Ihr Grundriß ist ein Oval. Die Gassen sind wie die von Lille von einem Ende zum andern geradlinig wie mit der Schnur gezogen. Es gibt viele große Plätze und etwa 1548 Häuser, und im Jahre 1766 belief sich die Einwohnerzahl auf Donnerstag, den 6. August 1772 Heute Abend besuchte ich das hiesige öffentliche Sommertheater, wo Zemire und Azor in deutscher Übersetzung zur hübschen Musik von Gretry zur Aufführung kam. Es war das erste dramatische "Werk, das ich in Deutschland zu hören bekam. Im Sommer ist der Kurfürst mit seinem Hoflager in Schwetzingen, drei Meilen von Mannheim, und während dieser Zeit hat eine reisende Schauspielertruppe die Erlaubnis, die Bürgerschaft zu unterhalten. Sie spielt in einer auf dem großen Marktplatz auf geschlagenen Bude. Indessen obgleich man von außen nichts als Bretter zu sehen bekam war doch das Ensemble recht gut auf der Höhe, und die Szenerie sowie die Garderobe waren nicht ohne Geschmack ausgesucht und zusammengestellt. Ich war neugierig, ein deutsches Schauspiel zu sehen, aber noch begieriger, Deutsche singen zu hören, und ich muß gestehen: Ich stellte mit Staunen fest, daß die deutsche Sprache trotz ihrer zahlreichen Mit- und Kehllaute sich besser zur Musik schickt als die französische. Die junge Frau in der Rolle der Zemire hatte zwar keine große Stimme; ihre Art zu singen war indes natürlich und gefällig. Sie beherrschte ihre Koloraturen und übertrieb nie. Dabei hielt sie Ton. Unter den Männern befanden sich zwei mit ziemlich guten Stimmen, und deren Portamento sowie Ausdruck wäre selbst denen nicht zuwider gewesen, die an die beste italienische Gesangskunst gewöhnt und auf sie eingeschworen sind. Im ganzen war ich mit diesem Gesang besser zufrieden als mit allem übrigen, was ich seit meiner Abreise aus England gehört hatte. Die Deutschen sind in der Tat so weit in der Musik fortgeschritten und haben so manchen vortrefflichen Komponisten unter ihren Landsleuten, daß ich mich wundern muß, warum sie nicht Originalstücke in ihrer Muttersprache schreiben und vertonen, oder wenn sie Übersetzungen haben müssen warum sie diese nicht mit neuen Tonschöpfungen versehen. Das Mannheimer Orchester war lange nicht so gut wie das in Brüssel, sowohl was die Besetzung als was die Disziplin betrifft. 107

108 Denn die besten Instrumentalisten weilten am Hofe der Sommerresidenz zu Schwetzingen, sodaß die Sänger keine andere Unterstützung fanden als ihr eigenes Können. den 7. August 1772 Den 7. August verbrachte ich in der öffentlichen Bibliothek, einem prächtigen Bau, in welchem schöne Bücher stehen, allein nicht sehr alte und wenig Handschriften, weil diese im Dreißigjährigen Kriege 1622 von den Bayern weggeschafft und dem Papst zum Geschenk gemacht worden sind. In der Vatikanischen Bibliothek kennt man sie allgemein unter dem Namen der Heidelberger oder Pfälzer Kollektion. Immerhin soll die Mannheimer Bibliothek aus Bänden bestehen. Allein was auch die auffallende Nachricht in den Pfälzer Jahrbüchern (Etrennes Palatines) von Manuskripten erzählt, von denen behauptet wird, daß sie in einem besonderen Zimmer verwahrt werden. So gestand mir doch Herr Lamey, der Bibliothekar, an den mir Herr Girard in Brüssel einen Empfehlungsbrief gegeben hatte, daß die Sammlung erst vor viel zu kurzer Zeit angelegt worden sei, als daß sie schon reich an Handschriften hätte sein können, und daß sie nur wenige Unica von einiger Bedeutung enthielte. Schwetzingen Um einen eindrucksvollen Begriff von der Hofkapelle Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht zu geben, brauchte ich nur ihre Namensliste herzusetzen. Sie besteht aus beinahe hundert Personen Sängern und Spielern. Ich will gleichwohl nur einige nennen, die sich in England bereits einen Namen gemacht haben. Ignaz Holzbauer ist einer der Kapellmeister, Christian Cannabich und Carl Toeschi sind Primgeiger beziehungsweise Konzertmeister. Cannabich leitet die Italienische Oper, To'eschi die Französische und Deutsche. Von diesen drei Meistern besitzen wir verschiedene vortreffliche Sinfonien, wovon einige in England gedruckt sind. Johann Baptist Wendling fungiert als erster Flötist, und unter den Geigern sind noch Johann Toeschi, Trenzel, Friedrich, und Carl Wendling sowie Kramer zu nennen, welch letzterer für einen der besten Violinvirtuosen in ganz Europa gilt. Ich möchte jedoch wenig über ihn schreiben, weil er sich gerade in England auf hält, sodaß meine Landsleute Gelegenheit haben, selbst über seine Talente zu urteilen. Die Kurfürstliche Hofkapelle umfaßt 23 Sängerinnen und Sänger, wovon einige besonders hervorgehoben zu werden verdienen, vor allem Frau Wendling, Frau Danzy und Frau Kramer, ferner die Herren Roncaglio, Pesarini und Saporosi. Verschiedene Angestellte, die auf der Liste stehen, tun entweder altershalber keinen Dienst mehr, oder sie sind überzählig. Wenn die ersteren eine Zeitlang beim Kurfürsten in Diensten gestanden haben und durch Krankheit ihre Stimme verlieren oder sonst nicht mehr verwendbar sind, so erhalten sie eine hübsche Pension und bleiben solange in deren Genuß, als sie in Mannheim wohnen, und erst wenn sie sich in ihre Heimat zurückziehen oder sonstwohin begeben, wird ihnen nur noch die Hälfte ihres Ruhegeldes zugestanden. Ich wünschte vor allem, meiner Hauptaufgabe entsprechend, die Besten aus dieser Kapelle zu hören. Aber in Deutschland muß man Geduld haben. Eile mit Weile! scheint hier der Leitspruch zu sein. Dies zeigte sich, als ich am ersten Tag Besuch machte und ihn Tags darauf wiederholte. Am dritten bestand einige Wahrscheinlichkeit, aber keine Gewißheit, daß ich die nachgesuchte Zusage erhalten würde. Es ist hinlänglich bekannt, daß man meinem Landsmann John Bull in allen Weltgegenden Ungeschliffenheit und die gänzliche Verachtung aller Menschen 108

109 und Dinge, die nicht typisch englisch sind, nachsagt. Ich hin kein Freund unglimpflicher Aussprüche über ganze Nationen. Gleichwohl kommt einem aber zuweilen ein einzelner Charakter über den Weg gelaufen, der an all das erinnert, was man über ganze Völker hat sagen hören. Der französische Abe, den ich zu Antwerpen antraf, war so ein Mensch, den man einen Franzosen par excellence hätte nennen mögen, ln der Folge jedoch habe ich mit Leuten zu tun gehabt, die man ob ihrer Langsamkeit und Begriffsstutzigkeit wahre Deutsche nennen könnte. Wenn ich morgens einem Gelehrten, einem Bibliothekar oder einem Musiker den Zweck meiner Reise so deutlich wie möglich erklärt und ihm den Plan meines künftigen Werkes erläutert hatte, war es meist so, daß ebenderselbe Mann des Abends sagte: Sie haben also vor, eine Musikgeschichte zu schreiben? Hm! Gut. Und womit, meinen Sie, daß ich Ihnen behilflich sein kann1 Mir blieb nichts übrig, als meine Historie in einem mühseligen Da-capo noch einmal zu erzählen und um Beistand zu bitten. Das Reisen ist in Deutschland nicht eben an der Tagesordnung, und die Leute scheuen wie auch in England alle Fremden und wünschen sie zum Teufel, ln Frankreich und Italien sind die Eingesessenen hingegen gewohnt, auswärtigen Besuchern alle Ehre zu erweisen, und tun es mit Anstand. Was meine besonderen Quellenforschungen betraf, welche mehr die deutsche Ehre als die meine angingen, s o fand ich nur geringen Beistand. Es hielt meist schwer, herauszufinden, wer mir ein bißchen Hilfe leisten könne, und noch schwerer, diejenigen zu finden, welche guten Willens waren. Zuweilen wünschte ich, ich hätte einen öffentlichen Ausrufer zur Verfügung gehabt, wenn ich in einer deutschen Stadt ankam, um den musikalischen Einwohnern klarzumachen, wer ich sei und was ich suche. Denn an Orten, wo ich keinen britischen Konsul oder Handelsvertreter fand, kam es oft vor, daß ich beinahe abgereist wäre, ehe meine Absichten begriffen worden waren. Sonntag, den 9. August 1772 Am Abend hörte ich La Contadina in Corte, eine Opera buffa, im Kurfürstlichen Theater, Musik von Sacchini, ein Werk voller Klarheit, Anmut und edler Einfalt, wie sie für diesen Komponisten charakteristisch sind. Die Rollen waren gut besetzt mit Signor Giorgietto, einem italienischen Diskantisten, dessen Stimme allerdings schwach und dessen Geschicklichkeit nicht eben groß war, und mit Signora Francesca Danzy, einer deutschen Frau. Sie besitzt eine brillante Stimme und Schulung. Außerdem hat sie einen schönen Wuchs, beherrscht ihre Koloraturen und zeigt einen Vortrag, der so unverkennbar italienisch ist, als ob sie ihr ganzes Leben in Italien zugebracht hätte. Kurz, sie ist eine sehr angenehme Sängerin und verspricht weit mehr, denn sie ist jung und in diesem Sommer zum erstenmale aufgetreten. Signor Zonca, ein italienischer Tenor, war vor einigen Jahren in England. Sein größtes Lob lautet noch immer: Er ist erträglich! Und Signora Allegrante, eine junge Italienerin, Schülerin Holzhauers, singt in einer artigen, nicht affektierten Manier. Und wenn sie gleich mit ihrer Stimme nicht gerade die ersten Rollen wird übernehmen können, so scheint, daß sie für die zweiten auf eine anziehende Art in Betracht kommt. Zwischen den Akten wurden zwei Ballette gegeben. Eines stellte einen deutschen Jahrmarkt oder eine Kirmes dar und hat mir von allem, was ich dieser Art gesehen, noch am besten gefallen. Als eine der reifsten Tänzerinnen trat die Tochter des jüngst verstorbenen berühmten Stamitz auf, von dessen Schwung und Geist sich hauptsächlich der neue Sinfonie-Stil herschreibt, welcher 109

110 voll nachhaltiger Wirkungen, voll Licht und Schatten ist. Der Kurfürst, die Kurfürstin und die Königlichen Prinzessinnen von Sachsen (Polen) hörten die Oper an. Das Schwetzinger Theater ist klein, aber bequem; Dekoration und Garderobe sind sinnreich zusammengestellt und geschmackvoll. An Komparsen und Statisten waren mehr vorhanden, als ich in der Großen Oper zu Paris oder London je gesehen habe. Im Ballett Die Kirmes traten ungefähr hundert Personen zugleich auf. Dennoch ist das Schwetzinger Theater unbedeutend im Vergleich zu dem, welches im Winter in Mannheim zur Verfügung steht. Es ist einer der gewaltigsten und glänzendsten Theaterbauten Europas und faßt 5000 Personen. Dort beginnt man am 4. November mit den Opernaufführungen, und es wird bis zum Gründonnerstag wöchentlich zweimal gespielt. Man hat mir berichtet, daß allein die Illumination im Mannheimer Nationaltheater für jede Vorstellung an Wachslichtern über 480 Gulden zu stehen kommt und daß die Kosten für eine neue Oper auf dieser Bühne sich gegen Gulden belaufen. In diesem Riesentheater soll im kommenden Winter ein Werk von Johann Christoph Bach aufgeführt werden, dessen Ankunft aus London man schon täglich erwartete, als ich in Mannheim war. Ich darf diesen Abschnitt nicht beschließen, ohne dem Kurfürstlichen Orchester Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, das in ganz Europa berühmt ist. Ich fand seinen guten Ruf bestätigt. Natürlich hat ein großes Orchester immer eine besondere Wirkung. Aber hier zeugt die richtige Anwendung der Stärke von guter Disziplin. Es sind in diesem Klangkörper mehr Solovirtuosen und treffliche Komponisten vereint als vielleicht in jedem andern europäischen Orchester. Es ist eine Armee von Generälen, alle geschickt, einen Plan zu einer Schlacht zu entwerfen und darin zu fechten. Doch ist die Instrumentalmusik nicht allein in der Großen Oper des Kurfürsten so vervollkommnet und verfeinert, sondern auch in seinen Konzerten, in denen diese außerordentliche Kapelle Gelegenheit und Raum findet, ihr ganzes Können zu beweisen und ungeahnte Wirkungen hervorzubringen, ohne durch die Rücksicht behindert zu sein, daß die größeren und innigeren Schönheiten der Vokalmusik verdunkelt würden. Hier eben war's, wo Johann Stamitz zuerst die Grenzen der alten Opernouvertüre durchbrach, welche bis dahin im Theater gleichsam nur als Herold diente, um durch ein Aufgeschaut! Stimmung und Aufmerksamkeit für den Auftritt der Sänger zu heischen. Seit der Entdeckung, auf welche Stamitz Genie verfiel, sind alle Wirkungen versucht worden, deren eine Mischung von unerhörten Tönen fähig ist. Hier war die Geburtsstunde des Mannheimer Crescendo und Diminuendo, und hier entdeckte man, daß das Piano, welches vorher hauptsächlich als Echowirkung gebraucht wurde, wie auch das Forte musikalische Farben sind, die so gut ihre Schattierungen haben als Rot oder Blau in der Malerei. Indessen fand ich doch in dieser Kapelle eine Unvollkommenheit, die sie mit allen andern gemein hat, welche ich bisher gehört habe, die aber so aufgeschlossene und geschickte Männer bald aus dem Wege räumen werden. Ich meine eine nicht ganz reine Intonation der Bläser. Man weiß, wie leicht sich Instrumente verstimmen. Allein nur etwas Weniges von der Kunst und dem Fleiß, die diese großen Künstler bei Überwindung von Schwierigkeiten anderer Art bewiesen haben, würde hier sehr gut angewandt sein, um den Sauerteig auszufegen, der allen Wohlklang durchsetzt und verdirbt. An diesem Abend war es mit den Hoboen und Fagotten gar zu merklich. Sie klangen schon zu Anfang zu hoch und wurden bis zum Ende der Oper immer höher. 110

111 Sonst konnten meine Ohren während der ganzen Aufführung keinerlei Unvollkommenheit im Orchester entdecken, und der erwähnte Fehler ist gemeinhin bei allen Klangkörpern so sehr zu finden, daß meine Bemerkung keinen strengen Fadel für das hiesige Orchester bedeutet und andern Holzbläsern keinen Anlaß zum Triumph geben sollte. Der Kurfürst, welcher selbst sehr gut Flöte bläst und auf Solostücke auf dem Violoncell spielt, hat jeden Abend in seinem Schloß Konzert, wenn im Theater nicht gespielt wird. Ist dies aber der Fall, so haben nicht nur seine Untertanen, sondern auch alle Fremden unentgeltlichen Zutritt. Kommt man des Sommers aus der Oper und tritt in den Kurfürstlichen Garten, der nach französischer A rt außerordentlich schön angelegt ist, so hat man den aufheiterndsten, prächtigsten Anblick, den man sich denken kann. Die Gegend ist an sich flach und kahl und deshalb für die freie offene Art der englischen Gärten nicht so vorteilhaft als diejenige, der man bei der Anlage des Schwetzinger Parks gefolgt ist. Die Orangerie ist größer als die zu Versailles und vielleicht als irgendeine andere in Europa. Die Anzahl der Personen, welche dem Kurfürsten im Sommer nach Schwetzingen folgen, übersteigt Alle wohnen an diesem kleinen Orte auf kurfürstliche Kosten. Jeden, der an Sommertagen durch die Gassen von Schwetzingen schlendert, muß es anmuten, es sei gänzlich von einer Musikantenkolonie bewohnt, in der jeder seinen Beruf ständig ausübt. In einem Hause hört man einen gewandten Geiger, in einem andern eine Flöte, hier einen vortrefflichen Hoboisten, dort ein Fagott, eine Klarinette, ein Cello oder ein Konzert von allerlei Instrumenten zugleich. Musik scheint Seiner Durchlaucht liebster und beständigster Zeitvertreib zu sein, und die Opern und Konzerte, zu denen all seine Untertanen Zutritt haben, heben den musikalischen Geschmack im ganzen Kurfürstentum. Ludwigsburg Die Stadt liegt auf einem unregelmäßigen wilden Gelände. Aber man findet schöne Gassen, Spazierwege und Häuser. Die Umgebung ist nicht gerade angenehm, doch fruchtbar, besonders reich an Reben. Sie erzeugt eine große Menge des sogenannten Neckarweines. Eigentlich ist Stuttgart die Hauptstadt des Herzogtums Württemberg. Allein seit mehr als zehn Jahren hat der Herzog dort nicht mehr residiert, und die Oper sowie die andern musikalischen Einrichtungen, deren Leitung sieben Jahre lang Jomelli innehatte und welche die besten und prächtigsten zu sein pflegten, sind heute nur noch ein Schatten dessen, was sie gewesen. Von den Einschränkungen, die der Herzog vornahm, wurden auch seine Oper und Kapelle betroffen, indem eine größere Zahl der alten Angestellten auf halben Sold gesetzt wurde. Aber wie die musikalischen Virtuosen meist zu weitherzig sind, um mit der Gage auszukommen, sie sei so groß sie wolle, so haben diejenigen unter den Besten am hiesigen Hofe, welche ihr Talent für Geld verkauften, in der Herabsetzung ihres Gehalts eineverabschiedung gesehen, und sobald sich nur eine Gelegenheit zeigte, anderwärts unterzukommen, suchten sie um Erlaubnis nach, neue Dienste zu nehmen. Als ich in Schwetzingen abreiste, verließ ich den geraden Weg nach Wien, weil ich in Ludwigsburg, wie man mir sagte, nicht nur den Herzog finden, sondern auch Opern, Konzerte und große Virtuosen zu hören bekommen würde. Allein nachdem ich mich in der Postkutsche 14 bis 15 Stunden lang hatte durchrütteln lassen und fast lebendig gebraten in Ludwigsburg ankam, erfuhr ich leider, der Herzog halte sich 13 Meilen von Ludwigsburg entfernt zu Graveneck auf, 111

112 und kaum ein guter Musikus sei in der Stadt. Indessen erhielt ich ein genaues Verzeichnis vom gegenwärtigen Stande der württembergischen Musik hei Hofe, im Theater und in der Kirche.... Die vornehmsten Organisten sind Friedrich Seemann und Christian Friedrich Daniel Schubart... A uf der Pensionsliste für die Oper stehen an neunzig Namen. Allein manche figurieren noch darauf, wenn sie schon längst nicht mehr Dienst tun. Auch führt die Liste die Instrumentenschlepper, Notenkopisten und Balgtreter auf. Der Fürst ließ im letzten Winter zwei Opern aufführen, eine von Jomelli, die andere von Sacchini. Das Theater ist außerordentlich groß und besitzt eine offene Hinterbühne, welche ein amphitheatralisches Freilichtpanorama bildet, das zuweilen mit Leuten aus dem Volk besetzt wird, um Wirkungen in der Perspektive zu erreichen. Das Gebäude ist wie alle Schauspielhäuser, die ich in Deutschland sah, nach italienischem Muster errichtet. Herzog Karl Eugen, welcher sonst ein Vermögen für die Musik an seinem Hofe und für die Oper verschwendet, hat, soviel ich gehört, bei seinen Regimentern nur Trompeten, Trommeln und Pfeifen. Der Fürst, der selbst ein guter Cembalist ist, hatte früher zu gleicher Zeit drei der größten Violinvirtuosen Europas in seinen Diensten: Ferari, Nardini und Lolli, außerdem die beiden Hoboisten Le Plats und einen berühmten Fagottisten namens Schwarz, der noch hier ist, ferner den Waldhornisten Walther und Jomelli als Hofkomponisten sowie die besten Sänger der Komischen Oper und der Opera seria aus Italien. Augenblicklich ist die Reihe seiner Virtuosen freilich nicht so glänzend. Dennoch kommt es mir vor, als sei die Einschränkung mehr scheinbar als wirklich, denn in der Solitude, einem sommerlichen Lustschloß, hat er mit erstaunlichen Kosten eine Schule für die Künste nebst einem Konservatorium errichtet, in welchem 200 arme Findelkinder erzogen werden, wenn sie Fähigkeiten zeigen. Eine große Anzahl von ihnen lernt Musik, und es sind schon vortreffliche Opernsänger und Schauspieler aus der Anstalt hervorgegangen. Andere lernen klassische Sprachen, treiben Poesie; manche werden Schauspieler und Tänzer. Unter den Sängern dieser Schule befinden sich bereits 15 Kastraten, denn der H of hat zwei Bologneser Wundärzte eingestellt, die die erforderliche Operation ausgezeichnet verstehen sollen. Auch in Ludwigsburg befindet sich ein Konservatorium für hundert Mädchen, die in der gleichen A rt und zum selben Zwecke erzogen werden wie die Knaben auf Schloß Solitude. Dieses Lustschloß hat eine Front von Fuß. Es ist eine Lieblingsbeschäftigung des Herzogs, dieses Institut zu besuchen und die Kinder essen und lernen zu sehen. Ich kann nicht umhin, hier Herrn Schubart, Organist an der lutherischen Kirche, meinen Dank abzustatten. Er war der erste wahre große Klavierspieler, den ich in Deutschland angetroffen habe, wie auch der erste, der begriff, daß der Zweck meiner Reise gewissermaßen eine nationale deutsche Angelegenheit sei. Ich reiste ja nicht wie ein gewöhnlicher Musikus, um Geld zu verdienen, sondern um es zu verzehren, musikalische Talente und Verdienste festzustellen, wo ich sie nur finden konnte, um sie meinen Landsleuten bekanntzugeben. Herrn Schubart schien dies einzuleuchten, und er gab sich alle erdenkliche Mühe, meine Ohren und Wünsche zu befriedigen. Er ist von der Bachischen Schule, aber ein Enthusiast und ein geniales Original. Viele seiner Werke sind in Holland gestochen und zeigen Feuer und Geschmack. A uf dem Klavier spielte er mit großer Feinheit sowie mit viel Ausdruck. Seine Hand ist brillant und seine Phantasie sehr reich. Er versteht sich auf 112

113 einen tadellosen Doppeltriller, den nur wenige Klavierspieler zustandebringen. Schubart war einige Zeit Organist in Ulm und hatte dort ein vorzügliches Orgelwerk unter den Händen. Hier aber steht ihm nur eine ganz erbärmliche Orgel zur Verfügung. Wo er jetzt hin verpflanzt ist, kennt man ihn nur wenig. Das gemeine Volk hält ihn für närrisch, und die Übrigen kümmern sich nicht um ihn. Wir tauschten unsre Gedanken auf eine seltsame Weise aus. Ich war noch nicht so weit in der deutschen Sprache und auch viel zu begierig, Schubarts Ideen kennenzulernen, um im Deutschen mit ihm Schritt zu halten. Er hingegen sprach weder Französisch noch Italienisch, war jedoch des Lateinischen mächtig, weil er in der Jugend für die Kirche bestimmt gewesen ist. Und ich staunte, wie schnell und leicht er alles auf lateinisch ausarücken konnte, was er wollte. Für ihn war es wirklich eine lebende Sprache. Ich unterbreitete ihm einen deutschen Auszug, meines Planes der Geschichte der Musik, und er um mich zu überzeugen, daß er meine Absichten verstünde übersetzte und las ihn mir auf der Stelle lateinisch vor. Wenn ich auch gewohnt gewesen wäre, Latein zu sprechen, hätte er meine englische Aussprache wohl doch nicht verstanden. Allein da er Italienisch verstand, wenn er es gleichwohl nicht sprach, so führten wir unsere Unterredung in zwei Sprachen, in Latein und Italienisch. Fragen, welche in der einen Sprache gestellt wurden, erhielten Antwort in der andern. A uf diese Art waren wir den ganzen Tag über sehr gesprächig. Außerdem aber spielte er mir nicht nur auf der Orgel, dem Cembalo, dem Pianoforte und Hammerklavier vor, sondern zeigte mir auch das Theater und alle Sehenswürdigkeiten von Ludwigsburg und beschrieb mir den Charakter aller Musiker am H of und in der Stadt. Gegen Abend hatte er die Liebenswürdigkeit, drei oder vier Bauern in sein Haus kommen und von ihnen Volkslieder singen und spielen zu lassen, weil ich großes Verlangen danach gezeigt hatte. Die öffentliche Bibliothek besteht hier noch nicht lange und ist daher nicht reich an alten Handschriften und Büchern. Der Professor der Geschichte und Bibliothekar, Herr Uriot, ein geborener Franzose, war ungemein zuvorkommend und gab sich große Mühe, meine Wißbegier zu befriedigen. Er tat dies vornehmlich dadurch, daß er mir eine sonderbare astronomische Maschine zeigte, welche ein Herr Hahn, Prediger in Onstmettingen, im Zeitraum von anderhalb Jahren verfertigt hatte. 8 Badische Heimat

114 Schloß Aubach mit Burg Lauf (Neuwindeck) 1905 öl W. Conz ( ). Besitz w. Osterrieth 114 Bilder aus der Ortenau Von W. O sterrieth, Freiburg i. ßr. N ur durch die große, zur Ebene hin leicht abschüssige Wiese, die wir auf beiden Bildern, dem Liebhaberaquarell des Offiziers und dem Ölgemälde des bedeutenden Karlsruher Akademieprofessors, sehen, von einer Bundesstraße getrennt und daher den die Einsamkeit suchenden Wanderern ebenso wie den immer eiliger der Höhe zustrebenden motorisierten Ausflüglern zu nahe und zu niedrig gelegen, träumt Schloß Aubach1) abseits der Badischen Weinstraße zwischen Lauf und dem Erlenbad in Obersasbach von seiner zwar nicht bewegten, aber den Freund der guten alten Zeit bewegenden Vergangenheit. Wie freundlich spricht sie uns schon aus dem Bildchen an, das offensichtlich mit Hingebung und Liebe zu malen der Hauptmann August Freiherr Göler von Ravensburg2) in seinem Dienst als Ordonanzoffizier des Erbgroßherzogs Ludwig noch Muße genug fand! Dieser Dienst spielte sich freilich auf Aubach selbst ab, wohin der gemütskrank gewordene Sohn des Großherzogs Leopold gebracht worden war, um von Dr. Roller, dem ersten Leiter der nahen Illenau, betreut zu werden3). Wir bedürfen keiner blühenden Phantasie, um uns die besinnliche Stille und den ländlichen Frieden auszumalen, dem sich die kleine militärische Suite des hohen Patienten inmitten einer der lieblichsten Landschaften unserer badischen Heimat auf Aubach hin

115 geben durfte, von wo man in klaren Abendstunden eine herzbewegend-schöne Fernsicht auf die Rheinebene und die im Abendgold tiefblau schwingende Silhouette der Vogesen und das Straßburger Münster haben kann: eben den Blick, den Reinhold Schneider so tief empfand und wie kein anderer geschildert und gedeutet hat4). Wir glauben also nicht fehlzugreifen, wenn wir annehmen, daß es kein schwerer Dienst gewesen sei, den der Hauptmann v. Göler mit den anderen Herren bei dem damals erst leicht erkrankten5) Thronfolger zu versehen hatte; jedenfalls scheint uns das reizende Blatt von seiner Hand, in das so viel Gemüt und Heiterkeit ja: auch Zartheit eingegangen ist, zu verraten, daß die Dämonen noch fern waren. Biedermeier-Zeit... Plötzlich wettert scharfe Luft in den Trödelladen: Spielerischer Traum verpufft auf den Barrikaden6). Auch die Aubacher Idylle wurde von dem Sturm der Revolutionsjahre 1848/49 weggefegt, der Erbgroßherzog in die Flucht getrieben. Sprachen wir von der guten alten Zeit? Nein: auch diese Zeit war gar nicht gut, und als die Volks- und Militäraufstände von auswärtigen Truppen niedergeschlagen waren, wurde sie sogar in einem uns noch heute empörenden Maße bösartig; wir haben das im letzten Heft dieser Zeitschrift berührt7). Auf diesen Beitrag Vor 111 Jahren bitten wir den Leser, um ihn nicht mit Wiederholungen über Frau von Harder zu ermüden, ohnehin verweisen zu dürfen, wenn wir uns nunmehr dem Gedicht zuwenden. Denn diese, dem Aquarell seines Vaters beigegebenen Verse des 1837 geborenen Großherzoglich Badischen Kammerherrn Carl Ernst August Freiherr Göler von Ravensburg sind für Frau Sophie von H arder geschrieben, die ehemalige Herrin auf Schloß Aubach (bis 1843) und Lindenhaus. Beide Stücke entstammen einer Festgabe, die sie an ihrem 100. Geburtstage, dem 7. Mai 1905, von Angehörigen und Freunden in Obersasbach erhielt,8) wo sie sich nach dem Tode ihres Mannes niedergelassen hatte. Schon mit der Übersiedlung von Schloß Aubach in das Lindenhaus hatte sie sich im Jahre 1843 etwas verkleinert, wie wir heute sagen würden, aber dann ging sie darin beim Bau ihrer Strohhütte in Obersasbach noch einen Schritt weiter. Indessen: die Größen groß und klein sind bekanntlich nur relativ, und das neue Haus war noch immer geräumig genug, um später eine Fülle von Enkeln, Urenkeln und Ururenkeln aufnehmen zu können. Sein Giebelspruch, von Frau v. Harder verfaßt, lautet: Ganz einfach sollt es werden, das alte wieder neu, ein Denkmal uns auf Erden von Dank und Lieb und Treu. Wer uns geliebt hinieden, der gehe ein und aus, und Gottes heiliger Frieden wohn in dem kleinen Haus. Zuletzt freilich ließ sie sich einen ausgedienten Eselsstall am Rande ihres großen Gartens um- und ausbauen, und hier, im Schwalbennest, verbrachte sie ihre letzten Jahre. Auch wenn draußen die Julisonne strahlte, konnten die unter den großen Bäumen spielenden Jungen, wenn sie einmal ans niedrige Fenster kamen, die steinalte Grandmaman in ihrer schweren Pelerine am Kamin sitzen und in das flackernde Holzfeuer blicken sehen. Je älter sie wurde, desto lebhafter stiegen in ihr wir wissen es aus ihren bis zuletzt geführten Tage- und Traumbüchern frühe Erinnerungen wieder empor, an ihre Kindheit und Jugend in St. Petersburg, an Ballfeste am Zarenhof, an das Kleid der jungen schönen Kaiserin 8" 115

116 Was haben Augen einst ins umrußte lange Verglühn der Kamine geschaut: Blicke des Lebens, für immer verlorne...9) Die in ihrer liebenswürdigen Zartheit des Empfindens dem Aquarell des Vaters ebenbürtigen und den Verfasser nicht weniger als die Bedachte ehrenden Verse des Kammerherrn gelten der Frau, die sich aus den von ihrem Bruder, dem großen Sanskritisten Otto von Böhtlingk, ins Deutsche übersetzten Indischen Sprüchen diesen als Wahr- und Leitspruch erwählt hatte: Schonung alles Lebenden und Wahrheit: auf diesen beiden beruht das Recht 1 2*S.»). Anmerkungen: *) Über Aubach vergl. den bald nach seinem Erscheinen auf Anordnung des NS-Regime eingestampften und daher selten gewordenen 2. Band des Werkes von Fritz Hirsch Hundert Jahre Bauen und Schauen 1932, S. 157 ff, wo auch schon S. 163 f. das Gölersche Aquarell und die zweite Strophe des Gedichts veröffentlicht sind. Eigentümer von Aubach war von jener Gabriel v. Berckholtz, der die Ruine Ortenberg am Eingang des Kinzigtals erwarb und von Eisenlohr wieder aufbauen ließ. 2) Franz Wilhelm August Freiherr Göler v. Ravensburg ( ) war seit Ordonanzoffizier beim Erbgroßherzog Ludwig. Er wurde Ende 1858 mit dem Charakter als Generalmajor pensioniert. Näheres bei Fr. Hirsch a. a. O. S. 166, Anmerkung ) Über Roller vergl. Max Fischer in Mein Heimatland 1937, S. 259 ff; siehe auch Badische Heimat 1961 S. 302 ff. Über das Leiden des Erbgroßherzogs und späteren Großherzogs Ludwig II. vergl. Fr. Hirsch a. a. O., Haupttext S , 164 f. Die ständige ärztliche Betreuung Ludwigs in Aubach war dem Assistenzarzt und späteren Nachfolger Rollers, Dr. Hergt, übertragen. 4) Reinhold Schneider: Schicksal und Landschaft (1934); abgedruckt in Badische Heimat 1960, S. 257 f. 5) Roller und Hergt erklärten noch im Dezember 1847 eine Heilung nicht für ausgeschlossen; vergl. Fr. Hirsch a. a. O., S ) Josef Weinheber, Schlußstrophe des Gedichts Biedermeier aus dem Gedichtband Wien wörtlich, ) Badische Heimat 1961 S. 302 ff. Das zeitgenössische und spätere Schrifttum über die revolutionären Umtriebe in Baden 1848/49 und ihre Folgen ist so umfangreich, daß es auch hier nicht angeführt werden kann, doch sei die Erwähnung von Kußmauls Jugenderinnerungen in Anm. 3 unseres ebengenannten Beitrags ergänzt durch den Hinweis auf C. B. A. Ficklers wichtiges Memoirenwerk In Rastatt 1849 ; über Fickler vergl. Max Weber in der Festschrift zum 150- jährigen Bestehen des Ludwig-Wilhelm-Gymnasiums in Rastatt, Humanitas (1958) S. 146 ff. 8) Wir verdanken die Veröffentlichung dem Eigentümer des Albums, Herrn Studienrat i. R. Günter Schiele in Entringen, einem Großneffen der Frau v. Harder. Auch wegen des Bildes der Hundertjährigen sei auf das letzterschienene Heft der Badischen Heimat (1961, S. 306) verwiesen. Die anmutigen Knaben auf dem Bilde der Frau v. Harder sind ihre Ururenkel, frühverstorbene Söhne des Karlsruher Malers und Radierers Prof. Walter Conz ( ). Dessen Aubach-Bild vom gleichen Jahr 1905 wir hier wiedergeben. *) R. M. Rilke, Sonette an Orpheus II, 2. 10) Mündliche Mitteilung (vom ) der inzwischen verstorbenen Frau Ada v. Frisching, geb. Freiin v. Reck, die als junge Frau diesen Spruch und seine Bedeutung von Sophie von Harder gehört und ihn dann bis in ihr eigenes hohes Alter treu bewahrt hat. Der Spruch ist nicht wörtlich in der von S. v. Harder im Jahre 1868 bei F. A. Brockhaus in Leipzig herausgegebenen Blütenlese Indische Sprüche enthalten, klingt aber an den 77. derselben an. Er lautet: Mitleid, Nachsicht, Wahrhaftigkeit, Schonung alles Lebenden, Redlichkeit, Selbstbezähmung, Zuneigung, Gewogenheit, Liebenswürdigkeit und Milde sind die zehn Formen der Selbstverleugnung. 116

117 Schloß Aubach bei Lauf 1847 Aquarell, August von Göler Äubach Lanöfchaft fchön, erinnerungereich! Rebenhügel, öuffge Matten, Bergeshöhen, Walöesfchatten! Voller Sehnfucht grüß ich euch. A u b a c h, ruo mein Vater roar Unö öies hleine ßilö öort malte, A ls öle Junifonne ftrahlte Jetzt oor nah'zu fechzig Jahr! L ln ö e n h a u s mit Ihm unö Ihr, Mit Öen eölen treuen Freunöen, Die in ihrer Bruft oereinten, W a s öes Menfchen hellfte Zier! Unö öu S t r o h h ü t t ', too alsöann Sie als Witroe liebreich roeilte, W o fie tröftete unö heilte, Mutterherz für jeöermann! Hochbetagt als Himmelsbraut Sieöelt fie zum S c h ro a lb e n n e fte, W o öie Eöelfte unö Befte Weiter liebt unö Gott oertraut. W enn öie Greilin aber heut' Zählet h u n ö e rt Lebenslenze, W inöen roir ihr Blütenhränze, Ehrfurchtsooll in Danhbarheit. Dazu bring' öies Blatt ich öar, Das mein lieber Vater malte, A ls öie Junifonne ftrahlte Jetzt oor nah'zu fechzig Jahr. Ern ft AuguTt oon Göler Begleitgeöicht zu obigem Aquarell oon Schloß Aubach figniert mit Gezeichnet oon Hauptmann (fpäterem General) Frhr. Auguft oon Göler 1S47"

118 Su rcn n e 3 T^cnfmal frei a$bad). Turenne-Denkmal bei Sasbach-Ackern Alter Stich vor 1857 Erinnerungen an Sophie v. Harder von Kirdienrat D. Heinr Als ich 1890 als Diasporapfarrer nach Adlern kam, wohnte Frau v. Harder schon längere Zeit als Witwe in ihrem Schwalbennest in Obersasbach, einem Diasporaort von Adlern. Wie alle meine Gemeindemitglieder besuchte ich auch sie. Dabei bekam ich gleich beim ersten Zusammentreffen den Eindruck, daß sie eine bedeutende Frau war, und jedes weitere Zusammensein vertiefte diese Überzeugung. Frau v. Harder war für ihre weitere Umgebung ein Segen. Großherzogin Luise kehrte bei ihr an, aber auch die einfachsten Leute suchten und fanden Hilfe, Rat und Trost bei ihr. Dabei ging eine wunderbare Kraft von ihr aus, die auch der Direktor und der Pfarrer der nahen 118 ch Neu, Heidelberg*) Irrenanstalt Illenau sich zunutzen machten; selbst die aufgeregtesten Kranken wurden in ihrer Gegenwart ganz ruhig. Wie lebhaft wußte die Greisin von ihren reichen Lebenserfahrungen zu erzählen. Hier nur eine Episode: In ihrer Nähe stand das Denkmal, das den Tod Turennes kündete: ein Obelisk mit der Aufschrift: Hier ist Turennius vertötet worden. Bei dem Denkmal wohnte ein französischer Wärter zur Aufsicht und Pflege wollte nun eine Schar Sasbacher in falschem Patriotismus diesen Obelisk Umstürzen. Da trat Frau v. Harder unerschrocken unter die Schar und veranlaßte sie, von ihrem Vorhaben abzustehen.

119 Unter meinen ersten Erinnerungen ist eine Photographie von Frau v. Harder von Weihnachten 1904, die nach der Widmung der Hundertjährigen mit den Worten schließt: Kam ein lieber Brief, Ich sogleich die Feder rief, Um zu danken, Wie mir kamen die Gedanken. Wenn auch alles wahr, Ist auch alles klar, Was die Feder hat geschrieben, Wenn das Herz sie hat getrieben. s' Anmerkung: Der jetzt 99jährige Verfasser des bekannten Nachschlagewerkes Pfarrbuch der evangelischen Kirche Badens hat nach dem Erscheinen unseres letzten Heftes der Badischen Heimat dem Verfasser des dort veröffentlichten Beitrages Vor 111 Jahren diese Zeilen geschrieben und, wofür wir ihm auch hier danken, ihre Veröffentlichung erlaubt. Der Tod des Marschalls Turenne bei Sasbach Aus dem Buche des Franzosen Eugen Guinot Ein Sommer in Baden-Baden" 1857, in deutscher übersefeung, Leipzig 1858 S.91 ff. Auf dem Platz, wo der Held fiel, erhebt sich ein seinem Andenken geweihtes Denkmal. Kardinal Rohan, Bischof von Straßburg und Eigentümer von Sasbach, hatte den Platz an Frankreich abgetreten; am 27. Juli 1829 wurde das Denkmal errichtet. Mitten aus einem mit schönen Bäumen untermischten lebenden Haage erhebt sich ein Obelisk, mit der Inschrift: La France ä Turenne Frankreich seinem Turenne. Auf den vier Seiten des Piedestals befinden sich: die Büste Turennes, seine Wappen, die Namen der Schlachten: Arras, die Dünen,Sinzheim,Enzheim, Türkheim, denen er seine Unsterblichkeit verdankt und die Worte: Hier wurde Turenne am 27. Juli 1675 getötet. Am Eingang der Umzäunung hält sich ein Invalide auf, um das Denkmal zu bewachen und den Rasen, die Blumen und Bäume zu pflegen. Einige Schritte entfernt von der Pyramide steht ein Stein, auf dem die Inschrift: Hier wurde Turenne getötet, sich wiederfindet, und zwar in drei Sprachen, der französischen, lateinischen und deutschen. Ein anderes kleines Denkmal bezeichnet die Stelle, wo der große Held, nach dem tödlichen Schüsse, vom Pferde fiel. Zur Rechten des Obelisk umgibt eine Einfassung von schwarzem Holze eine alte Trauerweide, die von ihren jungen und kräftigen Sprößlingen beschattet wird. Die durch den Hüter des Denkmals erhaltene Überlieferung sagt, der zerfallene Baum sei derselbe, an welchem die verhängnisvolle Kugel, die Turenne tötete, abgeprallt war. Auch diese tödliche Kugel wird vom Invaliden noch gezeigt. Soweit der Bericht des Franzosen Guinot, der auch in das Englische, nicht nur in das Deutsche übersetzt wurde. 119

120 Zur Geschichte des Spielmanns in Baden Die Spielleute des Mittelalters bildeten einen Teil des fahrenden Volkes. Sie bevölkerten in großer Zahl die Wasser- und Landstraßen, vogelfrei von Land zu Land und von Stadt zu Stadt ziehend. Sie waren aller werlt ein gast und musizierten gegen Lohn in Tanzhäusern, Rats- und Badestuben, in Schenken, Burgen und im Freien vor allen Schichten der Bevölkerung. Ihr Repertoire war so vielfältig wie das Leben, es umfaßte alte Heldenlieder ebenso wie modische Tanz weisen, kunstvolle Instrumentalmusik neben einfachsten Volksliedern. Sie waren die Hauptträger des profanen Musiklebens, aber auch zur farbvollen Ausgestaltung kirchlicher Feste, wie etwa der Fronleichnamsprozessionen in den Städten, unentbehrlich. Der ihnen von der Frühzeit her anhaftende Makel der Ehr- und Rechtlosigkeit konnte nur dadurch abgeschüttelt werden, daß sie sich, Vaganten bleibend, zu Bruderschaften mit bindenden Statuten zusammenschlossen oder aber in ein fürstliches bzw. städtisches Dienstverhältnis begaben, seßhafte Bürger wurden, Steuern zahlten und so unter Beachtung der geltenden Rechts- und Sittenordnung an allgemeinem Ansehen gewannen. Dieser Prozeß vollzog sich seit dem 13. Jahrhundert in einer langwierigen Dauer und gelangte erst um 1600 zu einem teilweisen Abschluß. Wie schwer es den weltlichen und geistlichen Obrigkeiten fiel, diese Handlanger des Teufels von ihren Diskriminierungen zu befreien, ersieht man etwa daran, daß Spielleuten noch im 15. Jahrhundert im Bistum Basel der Empfang der hl. Kommunion nur bedingt gestattet wurde, das Baseler Konzil ( ) gewährte nur den in der Bruderschaft von Alt-Thann zusammengeschlossenen Pfeifern, nicht aber den ungebunden fahrenden ir kirchliche rechte... Von Walter Salmen, Freiburg wie andern Kristen luten. Die Stadt Basel verbot 1397 Spielleuten das Tragen von Schwert und Harnisch, Hochzeitsordnungen wie die von Konstanz aus dem Jahre 1444 beschränkten ihr Wirkungsfeld1), Polizeierlasse beschnitten ihr Auftreten nach Einbruch der Dunkelheit und an Sonntagen oder verboten wie etwa 1495 in Freiburg den Empfang von Gaben zu Weihnachten2). So wurde der Spielmann auch in der Gewandung als fürstlicher Hofbeamter oder Stadtpfeifer bis in die Neuzeit hinein nur mit Vorbehalten in der bürgerlichen Gesellschaft geduldet und geachtet. Quellen zur Geschichte des Spielmannes in Baden sind nur in unzureichender Zahl erhalten. Während man von den völlig ungebunden umherziehenden Sängern und Instrumentalisten fast nichts weiß, gewinnt man über die eingezünftelten Berufskollegen nur dann ein runderes Bild, wenn man außerbadische Archivalien mit berücksichtigt. Es ist zwar bekannt, daß sich als rechtsrheinisches Gegenstück zur berühmten Pfeiferbruderschaft von Rappoltstein auch in Riegel die badischen Spielleute im 15. Jahrhundert unter das Patronat der Gottesmutter mit fester Satzung stellten3), oder daß die Stadt Freiburg mindestens seit dem Jahre 1416 einen musizierenden Wächter auf dem Münsterturm unterhielt4), daß die Markgrafen von Baden oder die Bischöfe in Konstanz Pfeifer und Trompeter im Dienst hatten, doch liegen darüber nur recht spärliche und lückenhafte Quellen vor. Da aber auch die patronisierten Spielleute entweder von ihren Herren aus mancherlei Gründen häufig als Boten außer Landes geschieht oder aus persönlichen Gründen zur Aufbesserung des Einkommens bzw. zum Erlernen neuer und fremder Lied- und Spielweisen nur teilweise seßhaft wurden, werden oberrhei-

121 Grabmal des Hoftrompeters an der Südwand der St.-Peters-Kirche zu Heidelberg phot. H. Speer

122 nische Spielleute als Empfänger von Geldund Sachgeschenken oft in Rechnungsbüchern außerbadischer und ausländischer Gemeinden aufgeführt. Diese Reisen zu Fuß oder zu Pferde waren zur Bereicherung des heimischen Musiklebens sehr wichtig, denn vor der Zeit des Notendrucks war nur auf diese Weise ein fruchtbringender Austausch mit den mittelalterlichen Zentren der Musikentwicklung möglich. Viele fremde Spielleute kehrten in badischen Burgen und Städten während des 15. und 16. Jahrhunderts als Gäste ein, viele badische Pfeifer und Trompeter zogen aber auch aus in frembde Lande. Die engsten wechselseitigen Beziehungen wurden naturgemäß mit dem benachbarten Elsaß und den schweizerischen städtischen Gemeinden unterhalten. Am 11. September 1458 wurde eigens zwischen den Pfeiferbruderschaften von Rappoltstein und Riegel vereinbart, daß, wann Breissgauer spilleuthe oder varande leuthe in das Eisass kommen, sie selbiger bruderschaft, die Elsässer aber auch hin wieder, so sie in dem Breissgau sind, selbiger bruderschaft dienen sollen 5). In Basel gehörten Spielleute aus Baden zu den ständigen Gästen. Seit 1380 sind dort in dichter Folge des marggrafen von Nidern Baden trumpetere und pfeiffer nachweisbar6). Im Jahre 1398/99 begegnet dort erstmals ein trumpater von Heidelberg, 1452 Pfeifer und Trompeter des Bischofs von Konstanz, 1464, 1497 und 1508 Pfeifer aus Offenburg, 1533 auch ein trummenschlacher Michel Moringer aus derselben Stadt. In Zofingen waren während des 15. Jahrhunderts Spielleute aus Freiburg nicht selten anzutreffen7), ebensowenig wie in Luzern, wo nach 1441 Pfeifer der Bischöfe von Konstanz neben denen aus Überlingen oder Ravensburg und Straßburg aufspielten8). Freiburg im Üchtland verzeichnet in den Stadtrechnungsakten erstmals 1429 drei Spielleute, die aus Heidelberg gekommen waren; diesen schlossen sich an im Jahre 1430 zwei Pfeifer aus Überlingen, 1431 zwei aus Freiburg im Breisgau, 1432 und 1438 Vertreter aus Konstanz, Laufenberg und vom niederbadisch-markgräflichen Hofe, 1440 abermals drei Spielleute aus Freiburg und 1442 aus Uberlingen9). Badische Spielleute lassen sich aber auch über die Nachbarlandschaften hinaus nachweisen. Während etwa am herzoglichen Hofe von Niederbayern 1392 Konstanzer Pfeifer mit ihrer Kunst aufwarteten, sind Trompeter aus Heidelberg zur selben Zeit und später am Hofe zu Innsbruck zahlreich anzutreffen, wo u. a auch Konrad, lautensleger Markgr. Albrechts von Baden begegnet10). Ein Paukenschläger aus Heidelberg ließ sich 1514 und 1515 gar am Mecklenburg-Schweriner Hofe hören11). Musizierende Sendboten der badischen Markgrafen warteten aber auch im Inneren Frankreichs bei Tisch oder zum Tanze spielend auf, so 1404 ein Fauhain, menestrier du marquis de Baude vor Herzog Ludwig von Orleans oder 1432 ein anderer in Dijon12). Selbst Belgien wählten einige joueurs d instruments als Reiseziel; so wurde 1484/85 und 1498/99 Mecheln von badischen Pfeifern besucht13), Trompeter werden am 24. August 1500 mit 100 sols auf belgischem Boden beschenkt14). Mithin spielten in dem regen westeuropäischen Musikantenverkehr während des späten Mittelalters auch die badischen menestriers eine beachtenswerte Rolle. Nach den erhaltenen Quellen zu schließen, dürften Heidelberg, der Markgrafenhof, Offenburg, Freiburg und Konstanz die Hauptmusizierstätten gewesen sein, wo neben den in Stadt und Land üblichen Pfeifern auch Trompeter in Dienst standen15). Letztere repräsentierten ein bis in die Neuzeit hinein sorgsam gehütetes Privileg der weltlichen und geistlichen Fürsten sowie seit dem 15. Jahrhundert auch der wirtschaftlich mächtigen Städte, da man Trompeter und Pauker als klingendes und sichtbares Zeichen der Würde und des Reich 122

123 tums betrachtete. Sie waren die ersten, denen man unter den Musikanten des Mittelalters die Prädikate des erbaren vnt vornehmen zuerkannte, wie man es etwa auf dem hier abgebildeten Grabstein eines Heidelberger Hoftrompeters von 1582 lesen kann, der sich heute nach freundlicher Auskunft von Dr. S. Hermelink an der Südwand der St. Peterskirche befindet. *S. 1) Siehe Zs. f. d. Gesch. d. Oberrheins 14 (1862), S ) H. Schreiber, Das Theater zu Freiburg, Freiburg 1837, S. 10 f sowie J. Stosch, Der Hofdienst der Spielleute im deutschen Mittelalter, Diss. Berlin 1881, S. 7. 3) Zs. f. d. Gesch. d. Oberrheins 41 (1887), S. 303 ff.; M. Vogeleis, Quellen und Bausteine zu einer Geschichte der Musik und des Theaters im Elsaß, Straßburg 1911, S ) A. Harter, Zur Musikgeschichte der Stadt Freiburg um 1500, Diss. Freiburg 1952, S. 5. 5) V o g e 1 e i s, a. a. O., S ) F. Ernst, Die Spielleute im Dienste der StadtBasel im ausgehenden Mittelalter, in:basler Zs. f. Gesch. u. Altertumskunde 44 (1945), S. 227 f. 7) G. Gross, Von den Spielleuten im alten Zofingen, in: Zofinger Neujahrsbl. 1924, S. 9. 8) P. X. Weber, Musiker und Sänger im alten Luzern, in: Der Geschichtsfreund 93 (Stans 1938), S ) K. G. Feilerer, Mittelalterliches Musikleben der Stadt Freiburg im Uechtland, Regensburg 1935, S ) W. Senn, Musik und Theater am Hof zu Innsbruck, Innsbruck 1954, S. 2 ff. Zur Geschichte der spillüte der niederbadischen Markgrafen siehe auch Zs. f. d. Geschichte d. Oberrheins 14 (1862), S. 128 und Regesten der Markgrafen von Baden 3 (1907), S u ) C. Meyer, Geschichte der Mecklenburg- Schweriner Hofkapelle, Schwerin 1913, S ) O. z u r N e d d e n, Quellen und Studien zur oberrheinischen Musikgeschichte im 15. und 16. Jahrhundert, Kassel 1931, S. 11; J. Marix, Histoire de la Musique et des Musiciens de la Cour de Bourgogne sous le Regne de Philippe le Bon, Straßburg 1939, S ) Ann. du Congres d Archeologie de Malines 1911, S ) Revue beige d Archeologie et d Histoire de l Art 4 (1934), S. 40. lä) Vergl. hierzu W. S a 1 m e n, Der fahrende Musiker im europ. Mittelalter; Kassel 1960 sowie W. S a 1 m e n, Der Spielmannsverkehr im spätmittelalterlichen Konstanz in Zeitschr. für Gesch. des Oberrheins 106 (1958) S. 176 ff. Fränkifche Giebel Die Giebel ftnö Öen Gallen zugehehrt, öa s pflanzt lieh fort in grauen Zachenfpitzen, ale hätte fleh öa s Dörflein felblt beroehrt, lein ßilö öem Himmel öroben einzuritzen. Dem Himmel, öer Öen Hügeln lieh oerfchenht, öen Reben unö Öen öunheln Föhrenhämmen - Vch, roenn man fo öea ftillen Lanös geöenht, ilt eine Flut uon Heimroeh kaum zu öämmen! Heörolg Salm 123

124 Flußperlmuscheln im Steinachtal des Odenwaldes Der Begriff Perlfischerei lenkt die Gedanken unwillkürlich in exotische Länder, in der Hauptsache nach Japan und China. In der Tat aber gibt es in unserer Heimat, in unseren heimatlichen Gewässern auch eine Perlfischerei, nämlich in dem durch seine idyllische Lage bekannten Steinachtal im badischen Odenwald. Der Perlfischfang ist jeweils ein Ereignis besonderer Art. Noch heute steht die Perlfischerei unter staatlichem Schutz und darf zum Schutze der Perlmuschel nach den Bestimmungen der Perlfischerei-Ordnung aus dem Jahre 1888 nur alle sechs Jahre ausgeübt werden. Eine wissenschaftliche Untersuchung dieser Flußperlmuscheln erbrachte die erstaunliche und überraschende Feststellung, daß diese Perlmuscheln gar keine heimatlichen Tiere sind. Weitere Forschungsarbeiten schafften Klarheit und ergaben, daß die Perlmuscheln auf gar eigenartige und seltsame Weise in unser heimatliches Gewässer gelangten. Die Steinachperle als solche ist ein natürliches Erzeugnis der Flußperlmuschel (Margaritana margaritifera Linne). Für die Erklärung der Herkunft der Flußperlmuschel ist es unerläßlich, um ca. zweihundert Jahre zurückzugreifen. Es war um das Jahr 1760, in jener Zeit der obrigkeitlichen Herrschaft des Kurfürsten Karl Theodor. Seine Hoheit feierten im Riesenbau des Mannheimer Schlosses und den lauschigen Gärten des großen Schloßparkes zu Schwetzingen glänzende Feste in Pracht und verschwenderischer Fülle. Eine Zerrüttung der Finanzverhältnisse war die Folge dieser überschwenglichen Festlichkeiten. In diesem Augenblick erinnerte sich der Finanzminister, Freiherr von Zedwitz, an die perlmuschelreichen Flüsse und Bäche im Fichtelgebirge, im Land seiner väterlichen Höfe, und setzte 124 Von L. Herion, Schönau b. Heidelberg seiner Hoheit einen Floh ins Ohr: Selbstgezüchtete Perlen sollten die zerrüttete Staatskasse wieder sanieren. Solche Musik liebte Hoheit so steht es in den vorhandenen Urkunden. Nun los! Perlenzüchterei lautete die Devise. Perlen, die kannten kurfürstliche Gnaden nur zu gut; spielten sie doch in den Schäferspielen der rauschenden Festtage, aber auch in den Rechnungen der Goldschmiede eine große Rolle. Perlen im eigenen Lande, in den Gewässern der geliebten Pfalz! Während nun in den hellerleuchteten Festsälen des Mannheimer Schlosses großes Treiben herrschte und draußen im Schwetzinger Garten sich die Herren in den Rollen der verliebten Schäfer gefielen, rumpelte aus dem Bayrischen Wald eine Extrapost nach Heidelberg mit sonderbarer Fracht: Achthundert Stück Flußperlmuscheln. Neun Jahre später folgten weitere vierhundert Stüde. So wurde unsere Heimat Schauplatz ereignisreicher Regierungsmaßnahmen des kurpfälzischen Hofes. Trotz der weiten Entfernung hatten die Tiere die Reise gut überstanden, und unter sorgfältiger Behandlung setzte man die Perlfrösche wie man die Tiere nannte in das Wasser der Steinach. In der Zwischenzeit angestellte Versuche hatten nämlich ergeben, daß die Beschaffenheit des von Peterstal kommenden Wassers dem Fortkommen der eingeführten Flußperlmuscheln am besten zuträglich sei, weil sie hier ähnlich gleichgünstige Verhältnisse fanden wie in ihrer östlichen Heimat. Welche bedeutende Wichtigkeit der Kurfürst der Perlmuschelzucht beilegte, illustriert dessen Verordnung, daß die Beschädigung oder Entwendung der Perlen und Muscheln mit der Hinrichtung durch den Strang gesühnt werden sollte! Aber selbst diese Verordnung

125 war dem Gedeihen der Perlfrösche nicht dienlich, und als schließlich eine Naturkatastrophe den Bestand der Tiere bedrohte, war man entschlossen, den Perlfröschen in der Steinach zwischen Altneudorf und Schönau neues Lebensgebiet zu geben. Und hier stellte sich der gewünschte Erfolg sehr bald ein. Die Margaritana zeigten sich nun lebensfähig und lieferten die so heiß ersehnten Perlen an ihren Gebieter ab. Mit dem Tode Karl Theodors im Jahre 1799 geriet auch die Perlmuschelzucht wieder in Vergessenheit; im übrigen weiß man wenig mehr von dem überkommenen Erbe aus kurpfälzischen Zeiten. Erst als im Jahre 1817 spielende Kinder in der Steinach einige echte Perlen fanden, und diese von einem bekannten Juwelier aufgekauft wurden, erlangten die Perlmuscheln wieder besondere Beachtung. Eine große Aktion begann. Im Jahre 1822 hat man sich dann nochmals großherzoglicherseits der Perlfischerei angenommen und 1824 eine besondere Perlfischerei-Verordnung erlassen. Die nach dieser Verordnung alle zwei Jahre erfolgten Perlfänge zeigten unterschiedliche Ergebnisse. Schließlich verzichtete das Großherzogtum Baden Mitte des vorigen Jahrhunderts auf die Rechte der Perlfischerei und übertrug die Berechtigung zur Ausübung dieses Regals den Gemeinden Schönau, Altneudorf und Heiligkreuzsteinach. Sehr bald wurde erkannt, daß die Verordnung von 1824 der Perlmuschelzucht keinen ausreichenden Schutz bietet. Es wurde deshalb die Perlfischereiordnung vom erlassen und darin die Perlfischerei weiterhin dem staatlichen Schutz unterstellt. Diese Ordnung bildet heute noch die Grundlage für die Abschlüsse der Pachtverträge und die Ausübung der Fischerei. Jeder Perlfischzug wird noch heute nicht nur von der gesamten Bevölkerung, sondern auch der näheren und weiteren Umgebung mit großem Interesse verfolgt. Festgestellt sei, daß die Perlmuschel ein fremder Gast in unserem heimatlichen Gewässer ist; ein Naturdenkmal jedoch, das es wert ist, erhalten zu werden als Souvenir an Zeiten kurfürstlicher Gnaden! 125

126 Fundgrube Um Sinn und Sendung des Wanderns Randbemerkungen von Otto Ernst Sutter, Gengenbach Der Mensch ist am ehesten bei sich selbst und hat es am leichtesten, sich als sich selbst gehörend zu empfinden, wenn er, losgelöst aus Werkelei und Alltag, wandert. An der Richtigkeit dieser Feststellung ändert der naheliegende Einwand nichts, viele Menschen empfänden kaum, was sich in ihnen abspiele, wenn sie wanderten die täten es einfach, weil es ihnen Vergnügen bereite. Je nun, damit wird nur sozusagen etwas vereinfacht ausgesprochen, was oben angemerkt wurde. * Beim Wandern kommt es ebenso auf die körperliche Betätigung an wie auf das Mitgehen von Geist und Gemüt. * Zum Genuß des Wanderns gehört auch das Gefühl der Genugtuung über einen gemeisterten Weg. Wer sich aber voll Wortschwall und Pathos mit seinen Leistungen brüstet, verrät, daß ihm der wirkliche Sinn des Wanderns noch nicht aufgegangen ist. Um diesen wirklichen Sinn des Wanderns ist es freilich eine nicht ganz einfache Sache. Abgesehen davon, daß das Wunder zu jenen sozusagen dokumentarischen Äußerungen gehört, die nach Temperament und übriger geistiger Veranlagung des Einzelnen sehr verschiedenartig sind, lassen sich viele seiner Wesenszüge zwar erahnen, aber kaum in Worten darstellen. Könnte man nicht von einem geheimnisvollen Zauber sprechen, der sich im Wandern birgt? Und strahlt nicht gerade dieses Okkulte jene Kraft aus, die uns immer wieder den Wanderstab in die Hand drückt? * Es möchte nicht als Ketzerei aufgefaßt sein, wenn betont wird, die letzte Offenbarung von der Sendung des Wanderns sei dem Alleingang Vorbehalten. Alle Achtung vor dem Gemeinschaftswandern und es kann nicht hingebungsvoll genug gefördert und betrieben werden. Wandernde 126 d e r Heimat Jugend zumal steht jedem Volk beispielhaft gut zu Gesicht! Aber ab und zu sollte man sich doch als Einzelmensch auf den Weg machen man muß doch wohl allein sein, um den Hauch des Geheimnisvollen zu verspüren... * Es liegt nun einmal im Sachverhalt des Älterwerdens, daß es einem Verzichte zumutet und abringt. Dem Schreiber dieser Randbemerkungen erscheint auf seinem Lebensweg im achtundsiebzigsten Jahr kein Verzicht so bitter wie der auf das ungehemmte, wackere, herzenslustige Wandern... Aber er will nicht undankbar sein, der Skribent. Er hat das Wandern immer als die wundervolle Gunst der Götter betrachtet, die es ist, und hat diese olympische Gunst in vollen Zügen genossen. Nun, und zu Wanderungen, die zu erfrischen vermögen, reicht es noch immer auch zu solchen, auf denen der Altgewordene wie.in jungen Jahren, mit wachem Herzen das Geheimnisvolle ahnend, empfindet, was dem Wandern einen gewissen kultischen Nimbus verleiht. Ein Weltkataster der Naturdenkmale Im Berner Bund war am 3. März diese Nachricht (UPI) aus Washington zu lesen: Präsident Kennedy hat in einer Botschaft an den amerikanischen Kongreß eine ständige internationale Zusammenarbeit zum Schutz und zur Entwicklung der Naturschätze der Welt befürwortet. Er forderte den Kongreß auf, an die zahllosen Generationen der Zukunft zu denken und ein weitreichendes Schutzprogramm zu entwerfen, das teilweise von denen finanziert werden solle, die die Erholungsgebiete in den Vereinigten Staaten in Anspruch nähmen. Die Bemühungen der Vereinigten Staaten zur Erhaltung der Natur sollen mit denen in andern Ländern kombiniert werden. Ob und wo diese Meldung in bundesdeutschen Zeitungen abgedruckt wurde, entzieht sich der Kenntnis des Skribenten. Hätte sie nicht in Fettdruck mit einer Balken-Überschrift auf die erste Seite gehört, nicht eine nachdrückliche Bekundung der Genugtuung und

127 Freude über den Vorschlag des Präsidenten verdient? In einer Zeit, in der täglich über eine beängstigende Fülle berichtet wird von Unternehmungen, Werken, Maßnahmen, dazu bestimmt, wenn es notwendig erscheint, erneut die Furien erbarmungsloser Zerstörung auf den Plan zu rufen, gewinnt die Kunde aus dem Weißen Haus ihre besondere Bedeutung. Zumal die von Kennedy vertretene Idee, die Vereinigten Staaten sollten ihre Bemühungen um die Erhaltung der Natur mit andern Ländern kombinieren, beansprucht, besonders beachtet zu werden. Nun gibt es zwar eine Union Internationale pour la Protektion de la Nature (UIPN) mit dem Sitz in Brüssel allein, diese Internationale Vereinigung für Naturschutz läßt sich kaum als Ruferin vernehmen für eine aktive, fast möchte man sagen, militante Naturschutzpflege auf der Grundlage internationaler schöpferischer Tätigkeit. Die Wahrnehmung von Landschafts- und Naturschutz bereitet heute allen Staaten sehr erhebliche Sorge. Die Ausweitung der Bereiche von Industrie und Verkehr droht immer mehr Naturdenkmale zu gefährden. Es gibt freilich auch Beispiele für die geglückte Durchsetzung von Forderungen des Landschaftsschutzes bei der Schaffung von Ingenieurbauten. Neben anderen Schöpfungen dürfen hier die deutschen Autobahnen genannt werden, die insbesondere, weil an ihnen jegliche Wirtschafts-Reklame vermieden ist, sich mit spürbarer Selbstverständlichkeit in die Landschaften, die sie durchmessen, oft geradezu reizvoll einfügen. Sie läßt man sich selbst gefallen, wenn sie Naturschutzgebiete berühren. Völlig anders liegen die Dinge meist bei Projekten des Wasserbaus. Da tauchen Vorhaben auf, deren Verwirklichung auch beim vielzitierten besten Willen nicht möglich ist, ohne daß der Landschaft harte Einbußen an ihrer natürlichen Beschaffenheit zugemutet werden müssen. Man braucht in diesem Zusammenhang nur daran zu denken, wie abträglich der wahrhaft einmaligen landschaftlichen Schönheit des Abschnitts zwischen Konstanz und Schaffhausen eine Schiffbarmachung des Hochrheins oberhalb etwa von Waldshut würde. Von dieser, die Gemüter von Hunderttausenden Naturfreunden stark bewegende Frage soll hier nicht erneut im einzelnen gehandelt werden es sei aber doch wieder daran erinnert, daß die längst fällige Rettung des Bodensees durch eine Fortführung der Schiffbarmachung bis zum See nur noch schwieriger gemacht würde... Schmerzenskinder des Landschaftsschutzes gibt es in allen Ländern der zivilisierten Welt. Um die meisten wird seit Jahren gerungen. Wäre es nicht an der Zeit, daß ein Weltkataster der Naturdenkmale Landschaften, deren Erhaltung unumstößliches Gebot ist aufgestellt würde? Aus den so begrüßenswerten Verhandlungen, die alljährlich Naturschützer und Landschaftspfleger auf der Bodensee-Insel Mainau zusammenführt, ist eine Grüne Charta hervorgegangen. An sie ließe sich anknüpfen. Naturdenkmale, die in den Weltkataster eingetragen werden, würden unantastbar! Der Schreiber dieser Zeilen ist darauf gefaßt, daß es der Stimmen nicht wenige sein werden, die rundweg erklären, der hier entwickelte Gedanke sei zu ideologisch er sei schlechthin unausführbar. Daß es ohne vermutlich heftige Auseinandersetzungen nicht abgehen würde beim Aushandeln der Objekte, denen der unabdingbare Schutz des Eintrags in das Welt-Naturdenkmal-Buch zugebilligt wird, ist leicht vorauszusehen aber es dürfte doch auch Fälle geben, in denen der Eintrag nicht allzu schwer erreichbar wäre. Eines ist gewiß, der amerikanische Präsident könnte auf die begeisterte Zustimmung von Millionen und aber Millionen naturverbundener Angehöriger der verschiedensten Nationen zählen, wenn er den von ihm aufgeworfenen Gedanken, eine Art, sagen wir, von Völkerbund des Landschaftsschutzes ins Leben zu rufen und zur aktiven Organisation auszubauen, planvoll und mit dem ihm eigenen, sympathischen, jugendlichen Elan verfolgen würde. Otto Ernst Sutter Von der Liebe zu alten Bäumen Alljährlich will uns der Tag des Baumes ermahnen, in Bäumen das zu sehen, was sie sind, von Grund aus liebenswerte Geschöpfe und Erscheinungen der Natur. Wie die alten Menschen nicht alle, aber viele treulicher Obsorge bedürfen, so erwarten auch Bäume, daß sie, alt werdend, der Pflege nicht zu entbehren brauchen. Wie man alten Bäumen beistehen kann, davon soll hier berichtet werden. Am Südhang des Nöllen, einer Erhebung im Nordwesten der ehemaligen Reichsstadt Gengen- 127

128 bach, stehen auf halber Höhe fünf herrliche Eichenstämme, die auf Stockausschläge einer alten gefällten Eiche zurückgehen. Sie sind stehengeblieben, als vor wohl über einem halben Jahrhundert der Wald an dieser Berglehne gelichtet wurde. Mehrfach drohte den fünf Eichen, die heute zirka 30 m hoch sind und deren Silhouette eine Breite von 25 m aufweist, Unheil. Aber immer fand sich ein gutes Herz, das sich für sie einsetzte, und so blieben sie erhalten bis heute. Was ein echtes Gengenbacher Gemüt ist, liebt die fünf. Nun stellte sich all- 128

129 mählich die Gefahr ein, die etwa 75 bis 80 Jahre alten Stämme könnten starken Stürmen nicht mehr Widerstand genug entgegenstellen. Deshalb hat man ihnen eine Verstrebung angedeihen lassen. Bei der Berechnung dieser Verstrebung wurden 50 kg Wind auf einen qm Baumfläche bei einem Knickmoment der halben Gesamthöhe in Rechnung gestellt. Während unser Photo die Bäume im Frühjahr 1962 zeigt, läßt die Zeichnung erkennen, wie die Verstrebung angebracht ist. Der Draht, mit dem die Schellen um die einzelnen Bäume zusammengehalten werden, ist 12 mm stark. Erwähnt zu werden verdient noch, daß der Baustatiker Emil Dreusicke die erforderlichen Berechnungen durchgeführt und der Architekt Dipl.-Ing. Claus Schwarze das Rettungswerk betreut hat. In diesem Rettungswerk erfährt die Lehre vom Tag des Baumes eine nachahmenswerte Bestätigung, die besonders für Freiburg wichtig erscheint, dessen Grünanlagen vor einem Verlust von 130 (!!) Bäumen stehen. O.E.S. 9 Badische Heimat

130 Auszug aus dem Familienbuch Eh mann, Rinschheim b. Buchen. Von Kurt Zwingenberger, Münster i.w. Vor 100 Jahren im Odenwald. Damals gab es noch nicht viele Bücher; Zeitungen, Reporter und Zeitkommentare waren den meisten Menschen unbekannt. Was geschah, wanderte von Mund zu Mund, bis es in Vergessenheit geriet oder von Wichtigerem verdrängt wurde, falls nicht ein schreiblustiger, vorsorgender und am öffentlichen Geschehen interessierter Ahne einiges davon zu Papier brachte, um es der Nachwelt zu überliefern. So entstand im Laufe vieler Jahrzehnte das Haus- und Hofbuch der Familie Ehmann in Rinschheim bei Buchen, des jeweiligen Ochsenwirts, das heute noch im Familienbesitz ist. Es enthält getreuliche Aufzeichnungen über Haus und Hof, über Wetter und Ernteaussichten, Eiersegen, Viehaufzucht, Hausmittel bei Krankheiten und Dienstverträge mit dem Knecht und den Mägden. Aber es enthält auch Berichte und persönliche Stellungnahmen zu dem, was geschah und was heute schon Geschichte ist. Wir bringen einen Auszug aus den Jahren in unserer heutigen Schreibweise : hatten wir teure Zeiten, die höchsten Preise war das Korn 25 bis 30 Gulden pr. Mil., Dinkel 12 bis 14, Haber 8 bis 9 G/30 pr. Mil., Kartoffeln 10 G. pr. Mil. daher 6 Pfd. Brot 36 Kreuzer, das war im Mai, im Juni sind die Preise wieder gesunken. Obst gab es im Überflüsse, besonders Äpfel, Kartoffeln wenig : im März brachen überall Unruhen aus, die Grund- und Standesherrschaft wurde stark in Anspruch genommen, viele Kanzleien erstürmt, die Akten fuhrweise verbrannt,beamten mußten sich flüchten, die ertappt wurden, sind mißhandelt worden, Freiheit wurde ausgerufen, Juden mißhandelt etc : Wurden viele Volksversammlungen abgehalten, auch in unserer Gegend: Sindolsheim, Eberstadt, Hardheim, Adelsheim, Buchen, zuletzt wurde eine Volksversammlung in Offenburg im Breisgau abgehalten, am 13. Mai, wo es beschlossen wurde, dem Großherzog vorzulegen zur Anerkennung, also wurde beschlossen nach 130 Familienkunde Karlsruhe zu gehen, dem Militär wurde stark gepredigt, namentlich hat in Rastatt ein gewesener Feldwebel Baumwart vieles erwirkt, am 14. Mai ging es in Karlsruhe los. Die Kasernen wurden demoliert, der Großherzog samt den Ministern entflohen, viele Offiziere taten desgleichen, etliche blieben auch eine Zeitlang dabei. Die Exekutivkommission oder Provisorische Regierung nahm ihren Sitz in Karlsruhe und verfügte; am 15. Mai wurde 1. Waffenaufgebot verlangt bei uns, um den Major Hinkeldei, welcher mit einer Schar Dragoner entflohen ist, festzunehmen; derselbe wurde auch bekommen. Die Provisorische Regierung Brentano, Peter Eichsfeld und Georg gaben Gesetze, Verordnungen etc. heraus, und der Großherzog mit seinen Ministern war in Mainz und Frankfurt, die Wehr-Mannschaften von 18 bis 30 Jahr ledigen Standes mußten exerzieren, neue Landbünde wurden gewählt am l.juni. Pfarrer, Beamte, Bürgermeister etc. mußten neu schwören der Regierung. Am 9. Juni kam der Befehl raus, daß die Wehr-Mannschaft des 1. Aufgebotes am 10. morgens früh 4 Uhr in Buchen eintreffen muß, bei Vermeidung standrechtlicher Behandlung; von hier gingen ab 15 Mann mit 10 Gewehren, sie mußten nach Mosbach, wurden zum Auerbach einquartiert, mit demselben war vereinigt, worunter die Schloßauer, Seckacher, Oberneudorfer sich befanden, sie wurden zum 2. Fähnlein, 6. Banner, eingeteilt, sie kamen von Auerbach nach Heidelberg und wurden zu einem Bataillon(!) eingereiht und dem Befehl des Obersten Ullrich, Kommandant der Volkswehr der Nördlichen Neckar-Armee, mit dem ich selbst gesprochen habe, in Heidelberg zugeteilt. Am 20. Juni mußten viel Soldaten wie auch Volkswehr von Heidelberg fort gegen Waghäusel, wo die Preußen und Bayern standen. In Schwetzingen waren an Mann Militär, Volkswehr und Freischärler über Nacht: am 21. morgens halb 7 Uhr ging das Gefecht an, die Wehrmannschaft wie auch viele Soldaten entflohen, die Kanoniere fochten ritterlich, die Schlacht wurde verloren, unsere Leute (von der) Wehrmannschaft kamen nach Hause, und unsere

131 alte Regierung und der Großherzog wurden wieder anerkannt, wir erhielten wieder Regierungsblätter vom Großherzog über Amnestie und Standrecht, und das ganze Land wurde in Kriegszustand gesetzt. Es wurden sehr viele standrechtlich zum Tod durch Erschießen und auf 10 Jahre Zuchthaus verurteilt, vom Zivilgericht wurden auf 5, 4, 3, 2, 1 Jahr, auch auf Monate und Wochen zu Zucht- und Korrektionshaus-Strafe verurteilt; wer Anteil an Revolutionen und Verteidigung gegen Preußen nahm, kam in Untersuchung. Pfarrer und viele Schullehrer nahmen Anteil an der Republik, wurden auch einige erschossen, ins Zuchthaus und viele von ihren Diensten versetzt und auch ganz entlassen. Beamte, Schreiber, Bürgermeister wurden viele versetzt und abgesetzt. Es kamen im August Preußen nach Buchen, Walldürn, Hardheim, auch in den Taubergrund, wurden aber im September wieder abgerufen nach Heidelberg und Rastatt. Die Festung Rastatt hat sich zuletzt ergeben, es waren viele Soldaten (Waffenaufgebot) und Freischärler da, welchen die Waffen abgenommen wurden und in die Kasematten eingesperrt worden sind, und nicht gut behandelt wurden. Ein Teil zog unter Führung des Generals Siegel das Land hindurch in die Schweiz. Die Anführer wie auch die Provisorische Regierung gingen nach Amerika. Soldaten kamen wieder aus der Schweiz, wurden auch in die Kasematten eingesperrt und, nachdem sie verhört waren, wurden sie beurlaubt. Soldaten, die bei den Gefechten desertiert sind und nach Haus kamen, wurden bei Amt verhört. Es sind viele nach Amerika ausgewandert und sehr viele Familien unglücklich gewesen : Mußten einige Eskadron Dragoner und einige Kompanien Infanterie nach Preußen als Sträfling, wo sie schlechte Kost und Bompernickelbrot (!) bekamen. Sie kamen aber wieder bald zurück ins Land, und die Preußen mußten bis 1. Dez. das badische Land räumen. Der Kriegszustand dauerte als noch fort. Kriegssteuer mußten wir viel zahlen, das Militär wurde streng behandelt, die Zivilisten desgleichen, die entflohenen Offiziere kamen wieder zurück, eine Straf-Kompanie wurde in Rastatt errichtet und daheim verurteilt zu 1 bis 12 Jahre /52: ging es friedlich zu starb der Großherzog; es sollten Seelenämter bei den Katholischen abgehalten werden, der Erl. Erzbischof ging es aber nicht ein, einige Pfarrer, welche hielten, wurden bestraft, dadurch entstand ein Haß von den Lutheranern gegen die Katholiken : Stand der Erl. Erzbischof darauf an die Ausführungen der Kanonischen Rechte, die ihm zugestanden, zu vollziehen, wodurch er sich bei dem Ministerium und dem ganzen lutherischen Volk in Baden verhaßt machte, welches er aber nicht fürchtete. Er erließ einen Hirtenbrief, worin die ganzen Sach Verhältnisse angegeben waren, an die Geistlichen zum Vorlesen, die Regierung aber verbot es, den Hirtenbrief vorzulesen, die Beamten gingen zu den Pfarrern und schickten auch Gendarmen zu denselben, welche die Hirtenbriefe abnehmen mußten; mehrere gaben sie ab, einige aber auch nicht; diejenigen, wo sie abgegeben haben, suchten sie wieder zu bekommen, sodann wurde der Hirtenbrief in unserer Gegend am 1. Adventssonntag von der Kanzel verlesen. Im Taubergrund früher, dort wurden die Geistlichen mit Arrest bestraft, wodurch eine große Aufregung geschah bei uns wurden sie mit Geld bestraft von 25 Gulden bis 250 Gulden, unser Pfarrer wurde um 100 Gulden gekürzt, derselbe erhielt das Strafgeld ab 100 G. wieder vom Erzbischof. Die Regierung hat später den Hirtenbrief, welchen sie anfänglich verbot, zum Verkaufen erlaubt. Im April wurde von der Regierung die Stiftungsglieder Verrechner aufgegeben, nur Ausgaben anzuweisen, welche vom Amt genehmigt werden und diejenigen, welche der Erzbischof anweisen will, nicht gültig sind. Am 21. Mai kam wieder ein Hirtenbrief vom Erl. Erzbischof, welcher auf die nämliche Weise wie der vorhergehende durch Abnahme nicht (zur) Vorlesung behandelt wurde, jedoch wurde derselbe nachträglich noch vorgelesen, von denen welchen derselbe abgeschrieben worden ist. Am 23. Mai schickte der Beamte einen Arzt zum Erzbischof, um ihn zu untersuchen, ob er ein Verhör aushalten könnte, auf dessen Bejahung ging der Beamte nebst einem Sekretär zum Erzbischof, um ein Verhör vorzunehmen, sie erhielten aber gar keine Antwort von ihm. Dar 9* 131

132 auf wurde der Erzbischof durch Gendarmerie bewacht, es gab großen Auflauf in Freiburg, ein Bittgang wurde gerade abgehalten, welcher in der größten Trauer und ohne Glockengeläute vollzogen wurde. Am 25. Mai auf Christi Himmelfahrt kam es auch in unsere Gegend, und alles Läuten, Singen, Orgelspiel hörte auf, die Bittgänge wurden nur mit Gebet ohne Gesang vorgenommen. Die Knaben klapperten und kerrten wie in der Karwoche, es war sehr traurig, in den Kirchen wurde es nur gebetet und gar nicht mehr gesungen, die weltliche Macht legte sich darein und befahl, daß morgens, mittags und abends geläutet werden mußte. Am 28. Mai kamen 4 Kompanien Infanterie nach Buchen als Durchmarsdh. 1 Kompanie mußte gleich nach der Ankunft, von dort durch Wagen gefahren, nach Tauberbischofsheim, die übrigen gingen den anderen Tag auch nach. Nach Götzingen kam am 28. Mai 1 Eskadron Dragoner welches als Exekutionstruppe dort einquartiert wurde; die 3 Offiziere bekamen täglich Zulage vom Ort nebst Kost und Futterage, die Gemeinen 15 Kr pro Mann, wie auch obiges, die Soldaten waren sehr bescheiden und ruhig. Weswegen der Beamte (Buchen) ihnen auch den Vorwurf machte, sie seien keine Exekutionstruppen, sie müßten strenger mit den Leuten verfahren; wenn er nur Preußen hätte, diese wären ganz anders. Am l.juni gingen 30 Mann ab, welche nach Mudau kamen und dann auch einige davon kamen von dort nach Hainstadt. Am 2. Juni mußte die Götzinger und Mudauer Einquartierung fort nach Bretzingen. Am 4. Juni, auf das Hl. Pfingstfest, wurde es wieder zum erstenmal geläutet und der Gottesdienst wieder abgehalten wie früher. Am l.ju n i kam die Nachricht, daß der Erzbischof nicht mehr bewacht werde und sein Protokoll geschlossen und dem Hofgericht übergeben sei. Am 18. Juni auf einen Sonntag, wo die Fronleichnamsfeier gehalten wurde, wurde wieder ein Hirtenbrief vorgelesen, worin der Erl. Erzbischof sich sehr verteidigte auf die von der Regierung und Zeitungsschreibern über ihn gemachte Lügen und Beschmähungen. Das Volk, welches noch Religion hatte, fand eine Freude daran, weil der Erl. Erzbischof sich so gut verteidigte. Die Regierungs-Anhänger wurden sehr getroffen und die, welche bei der 1849er Revolution davon getroffen seien und die, welche der Provisorischen Regierung gehuldigt haben, diese sind so strenge verfahren gegen die Geistlichen jetzt. Zu Tauberbischofsheim wurde der Beamte Ruth und Bürgermeister Steinmann exkommuniziert, welches im ganzen Amtsbezirk von der Kanzel herab verkündet worden ist. Der Ministerialrat Bruner, von Walldürn gebürtig, wurde nach Rom zur Unterhandlung der kirchlichen Sachen geschickt und war bis Sommer 1857 dorten, wo er dann in Rom gestorben ist und die Unterhandlungen waren noch nicht beendigt. Dann wurde wieder eine andere Kommission nach Rom gesandt und die Unterhandlung wurde fortgesetzt. Unter dieser Zeit wurde keine Pfarrei besetzt mit definitiven Pfarrern, sondern mit Pfarrverwaltern, welche täglich 1/30 kr. erhielten und der weitere Ertrag der Pfarrpfründe kam in den Religionsfond nach Heidelberg, Karlsruhe etc : ging ein Religionsfondverrechner mit 6500 Gulden über den Rhein und wollte Traubenkur machen und kam nicht mehr zurück und dieses Geld war fort : wurde der Pfarrer Schell von Götzingen von dem dort in Ruh versetzten Lehrer Auerbach, gebürtig von Hettingen, der Gendarmerie angezeigt, er habe den Großherzog Friedrich einen Lausbuben gescholten. Dieselben zeigten es dem Bezirksamt an, und es wurde Untersuchung gepflogen. Dem Pfarrer Schell war alles abhold: die Zeugen und sogar seine Amtsbrüder Dekan Lautner von Buchen und Pfarrer Ehrlich von Hettingen und der Beamte selbst auch. Es kam vom Hofgericht das Urteil auf ein Jahr Staatsarrest nach Rastatt. Der Pfarrer appellierte, und es blieb dabei. Er nahm auch den Weg der Gnaden, welcher auch vergebens war, und er mußte am 13. Juni 1857, den Sonntag nach dem Fronleichnamsfest, zur Strafantretung nach Rastatt und wurde dorten im Schloß in ein Zimmer eingewiesen, unter Aufsicht eines Gefangenenwärters gestellt. Anfangs durfte er nicht funktionieren, dann später erhielt er die Erlaubnis, Messe zu lesen; man durfte auch zu Ihm 132

133 selbst. Die hiesige Gemeinde ließ ein Gnadengesuch an Großherzog Friedrich machen, und der Bürgermeister Hollerbach ging selbst nach Karlsruhe und gab dieses Gesuch ab. Dann ging er nach Rastatt und besuchte den Pfarrer allorten. Dieses Gesuch wurde abgeschlagen und die Gemeinde muß ziemlich Sportel bezahlen. Es wurden noch mehr Gesuche von Verwandten und Bekannten eingereicht und zuletzt vom Pfarrer-Ort Götzingen auch, dieses letztere hat Georg Blümlein, Wagner, und Andreas Friedlein, Schmied, beide von Götzingen, dem Großherzog selbst überreicht, und erhielten das Versprechen, daß der Pfarrer Schell befreit werde. Wie der Pfarrer am 13. Juni abging, ist die Pfarrei 4 Wochen ohne Geistlichen gewesen, und es wurde auch keine Kirche abgehalten, Taufen und Begräbnis wurden vom Schlierstadter und Eubigheimer vorgenommen, dann bekamen wir wieder einen Vikar mit Namens Grimer von Tauberbischofsheim, welcher die beiden Orte verwalten mußte. Dieser war tätig, weswegen er sich zu Götzingen auch verhaßt machte, und im November wurde ihm eine schändliche Pasquille gelegt, welche er öffentlich von der Kanzel herunter las und bemerkte, daß er solche verruchte Menschen nicht weiter verfolgen werde und er sein ihm angetanes Unrecht mit Geduld ertragen werde. Am 25. März 1858 wurde H. Pfarrer Schell begnadigt und seines Arrestes entlassen, und kam am 29. März wieder nach Götzingen und der Kaplan blieb auch noch da bis 7. Mai, wo derselbe nach Schwetzingen beordert wurde, und auch dahin ging. Die Gemeinde bezahlt H. Pfarrer Schell Kaplanskostgeld 115 Gulden. Im November gab es ein so großes Glatteis, daß viele Bäume zusammenbrachen und ein sehr großer Schaden in den Waldungen vorkam. Leute., die auf der Reise waren, wie es glatteiste, sind ganz ins Eis eingehüllt worden, der Wasserstand blieb als noch sehr gering. Die Lutherischen bekamen auch neue Kirchengesetze, welche ihnen nicht angenehm waren : Herr Pfarrer Schell sollte einigemal von Götzingen abziehen, wurde aber jedesmal wieder vernichtet, bis endlich am 23. August mußte er als Verwalter nach Hohensachsen bei Schopfheim abziehen, und wir bekamen einen Verwalter mit Namen Stetter von Freudenberg gebürtig. Das Pfarreinkommen von Götzingen hatte Pfarrer Schell zu beziehen 100 G. Kaplansbesoldung und 1/30 Pf-Gebühr bezog Stetter. Am 28. Juni 1859 wurden zu Rom zwischen Papst Pius IX. und den Bevollmächtigten des Großherzogs Friedrich von Baden das Konkordat(!) unterschrieben und in allen Kath. Kirchen auf der Kanzel vorgelesen. Diese Vereinbarung wurde von vielen angefeindet, Katholiken, Lutheranern und Juden wie auch von den Sieben Schwaben in Heidelberg : Ende März wurde auf unserem Landtage das abgeschlossene Konkordat von 45 Landständen widersprochen, 15 waren dafür, die erste Kammer auch und das Ministerium, es wurden 2 Minister entlassen und dafür 2 von den lärmenden Landständen als Minister vom Großherzog angenommen : kam Pfarrer Schell nach Büdig bei Bretten als Pfarrer und der Kirchenstreit wurde ausgeglichen und die Pfarreien wieder besetzt. Amerika-Auswanderer aus Baden-Durlach im Jahre Von Friedrich Krebs, Speyer. Nadi Pennsylvanien auswandern wollte Johannes B i s c h o f f, bürgerlicher Einwohner zu Dietlingen, wogegen das Oberamt Pforzheim nichts einzuwenden hatte, weil in Dietlingen an bürgerlichen Einwohnern kein Mangel sei. Er wurde deshalb von der Rentkammer mit Frau und zwei Kindern gegen Zahlung von 50 fl. manumittiert. (Pr Nr. 1185, Pr. 839 Nr. 724). Nach Pennsylvanien durfte auch auswandern Margarethe, die Witwe des Johannes Sturm von Unterwössingen, nebst ihren 4 Kindern gegen Zahlung von 25 fl. Manumissionstaxe. Vielleicht ist Johannes S t o r m im Oktober 1749 mit dem Schiff Lydia in Philadelphia gelandet (Liste 142 C). Ein Sohn der betr. Familie. Ebenso durfte nach Pennsylvanien emigrieren gegen Zahlung der Gebühren die Witwe des ehemaligen Einwohners zu Stein, Michael H ö r i s. (Pr. 840 Nr. 910, Pr Nr. 1660). Nach Pennsylvanien wollten Michael Bastian, der Beisitzer von Berghausen, der mit Frau und 2 Kindern gegen Zahlung von 7 fl. manumittiert wurde, ferner Jacob B ertsch, 133

134 Bürger und Schuhmacher zu Göbrichen, wegen Vermögenslosigkeit gratis manumittiert (Pr. 840 Nr. 915, 916, Pr Nr. 1792, 1793) (Michael Bastian, Jacob Berts ch, Eidesleistung Philadelphia , Schiff Lydia). Nach Pennsylvanien ziehen wollte auch Ulrich Britz der Schneidmühlenbeständer zu Rußheim (Pr. 840 Nr. 1001), mit Frau und 5 Kindern gegen Zahlung von 20 fl. Manumissionstaxe manumittiert. (Pr Nr. 1803), ebenso Adam Renkk e r (t) von Opfingen, der mit Frau und 3 Kindern gegen Zahlung von 20 fl. manumittiert wurde. (Pr Nr. 2116) (vermutlich G. Adam Renecker, Schiff Royal Union, Eidesleistung Philadelphia 15. August 1750), auch Anna Maria S a 11 z e r, Ehefrau des Maurers Saltzer von Müllheim, mit ihrem Ehemann gegen Zahlung von 12 fl. (Pr Nr. 2115). Georg Adam Gorenflo, Einwohner von Friedrichsthal, mit Ehefrau, und Isaac Friedrich Gorenflo und Philipp Onofre Gorenflo von ebenda konnte ich in den Rentkammerprotokollen und den Schiffslisten des Hafens von Philadelphia nicht finden. Das Reiseziel war ebenfalls Philadelphia. Nach Pennsylvanien wollten vermutlich auch Adam B e n t z- 1 i n (Benzle) von Kleinsteinbach mit Ehefrau Constantia, die wegen Vermögenslosigkeit nur 6 fl. Abzugsgebühr zahlen mußte (Pr. 840 Nr. 912, Pr Nr. 1790), sowie Johan Georg Säemann, Untertan zu Dietenhausen (Pr. 840 Nr. 913). Bei Jacob und Michael K a u t z, 2 unverheirateten Brüdern zu Göbrichen (Pr. 840 Nr. 1036) ist zwar kein Reiseziel angegeben, sie sind aber sicherlich identisch mit Jacob und Michael Kautz, mit dem Schiff Lydia in Philadelphia 1749 gelandet, dort am 19. August 1749 den Treueid leisteten. Sie wurden gratis manumittiert gegen doppelte Expeditionstaxe. (Pr Nr. 1835). (In den Schiffslisten des Hafens von Philadelphia heißen sie irrtümlich Jacob und Michael Kantzl). Um Auswanderungserlaubnis nach Pennsylvanien baten auch Theobald Nagel, Hans Georg Schauffler, und Michael Lehmann (Pr. 842 Nr. 2792), die auch manumittiert wurden (Pr Nr. 4855, 4856, 4857). Alle stammten von Blankenloch (wahrscheinlich identisch mit Dewalt Nagel, Schiff Phönix, Ankunft Philadelphia 28. August 1750, Hs. Georg Schauffler, Schiff Brotherhood, Ankunft Philadelphia , Michael Lehmann, Schiff Phönix, Ankunft Philadelphia ). Nach Pennsylvanien durfte endlich Maria Magdalena, Witwe des Andreas S o u z, Einwohners zu Friedrichstal mit ihren 7 unmündigen Kindern (Pr. 840 Nr. 1956). (Vielleicht ist Johann Jacob Sutz, Schiff Ann, Landung Philadelphia ein Sohn davon). Schließlich konnte auch noch Caspar Tieffenbach (Diefenbacher) für seine 4 Kinder manumittiert, gegen Abkauf von 6 fl. nach P. auswandern. (Caspar Dieffenbacher, Schiff Edinburgh, Ankunft Philadelphia ). Margaretha E 1 ß e r, Barbara Schmied, Catharina Zimmermann, 3 Witwen aus Rußheim, die dringend nach Pennsylvanien wollten, wurden schnell abgefertigt (Pr Nr. 841, Pr Nr. 1696, 1697, 1698). Wieder 1749 als Bürger in seinem Heimatort Dietlingen durch persönliche Entschließung des Landesherrn in Gnaden aufgenommen wurde Johann Michael Jung, von Beruf Schmied, der als löjähriger Knabe 1744 mit seinen Eltern Johannes Philipp Jung und Geschwistern nach Pennsylvanien gezogen war, aber unterwegs Eltern und einige Geschwister verloren hatte und mit den Auswanderern von 2 Schiffen spanischen Seeräuber in die Hände gefallen und nach der Befreiung durch die Engländer mit Pässen und Reisegeld nach Holland versehen worden war und schließlich bat in seinem Heimatort wieder als Bürger angenommen zu werden und sein Handwerk ausüben zu können, was ihm unter Berücksichtigung der Tatsache, daß er seinen Eltern wider Willen gefolgt war, auch gewährt wurde ein Auswandererschicksal des 18. Jahrhunderts. (Pr. 842 Nr. 2740). (Quelle: Hofrats- und Rentkammerprotokolle von Baden-Durlach, Generallandesarchiv Karlsruhe.)

135 Badisches Huus am Bugg, mein neues Buch Eine Selbstanzeige von Hubert Baum, Freiburg i. ßr. Es ist mir wie so vielen gegangen: zum Dichten kam ich aus Heimweh. Ich war wieder einmal nach harter Zeit in der Fremde daheim in Sulzburg, wo ich zwar nicht geboren bin, aber eine unbeschwerte, glückliche Jugend verbracht habe. Es wohlte mir im Heimeligen, Vertrauten, umtönt von den Lauten der Muttersprache. Da begann ich aufmerksamer hinzuloosen auf Besonderheiten und sammelte die Wörter, die die Alten noch wußten. Das Großeli und der alt Salesi, ja fast alle jene Ehrwürdigen sind nicht mehr, aber ihre urchigen Wörter habe ich noch bewahren können, ehe sie für immer verhallt sind. Diese Liebe zum Wort, und daß es auch lebendig bleiben möge, brachte dann später mein drittes Buch zuweg Alimannischs Wörterbüechli, in dem in Terzinen selten zu hörende Wörter dargeboten werden. Jener Wörtersuche war eine ernstere Beschäftigung mit der Dichtung und zwar nicht nur der alemannischen vorausgegangen. Da saß eines Tages mein Töchterchen Urschli beim Strickenlernen und E chlaini Strickeri entstand. Es ging mir dabei um die Wärme, um das Innige, Heimelige Hebelscher Art, aber im Bemühen, den Unvergleichlichen nicht nachahmen zu wollen. Wohl sollten die sechszeiligen Strophen an ihn erinnern, sogar das erste Wort Potz tausig an tausigjappermost, sonst aber wollte ich bewußt etwas Anderes bringen. Ich ließ mir den Vorgang des Strickens haarklein erklären, und so entstand das lehrhafte Sprüchli: Ai Noodle drii un ummeglait durzoge un e Letschli draiht! Den Schweizer Lehrsatz für Lisme : Iinestäche, umeschloo-durezieh un abeloo! kannte ich damals noch nicht. Alt und jung, Lernen und Können und das Gedächtnis an meine Mutter, die beim Stricken lesen konnte, das alles liegt diesem Gedicht zugrunde. Und das Lehrhafte ist ja Alemannenart. Es kommt bei mir hinzu, daß der Großvater Lehrer gewesen war. Mein sehnlicher Wunsch, denselben Beruf ergreifen zu dürfen, konnte wegen der Zeitumstände nicht in Erfüllung gehen. Schrifttum Alemannenart ist es auch, am Überkommenen festzuhalten, an Sitten und Gebräuchen wie an der alten Sprache. Es wirkt immer wieder wie ein Wunder, wenn man bei uns Wörter findet, die 1500 Jahre und älter sind, wie z. B. Ata-Ätti, oder noh = noch. Und in dem Bestreben, einerseits das Alte zu bewahren, andererseits dem Verschwinden von Formen und Gebräuchen entgegenzuwirken, war ich bemüht, bisweilen eine strengere Gesetzmäßigkeit im alemannischen Gedicht walten zu lassen. Jene ersten Gedichte kamen ohne mein Zutun in die Hände von Hermann Burte, welcher mir spontan jenen Brief schrieb, der jetzt in meinem neuen Buch Huus am Bugg veröffentlicht wurde. Es entspann sich ein freundschaftliches Verhältnis, das bis zum Tode dieses Großen währte, obwohl uns Grundsätzliches in der Lebensauffassung trennte. Burte war ein dynamischer Mensch, während ich vom Statischen her mehr dem Stillen, Friedlichen zugewandt war; ich suchte stets zusammenzuführen, was ja auch darin zum Ausdruck kam, daß ich 1954 jene achtzig Dichter und Schriftsteller zu einem Treffen in Badenweiler und Müllheim vereinigte und 1951 im Hebelkranz einundfünfzig Autoren zu einer Huldigung an Hebel aufrief. Mein Verhältnis zu Burte könnte vielleicht so gesehen werden wie jenes, das Burte zu Hebel hatte. Es ist ja bekannt, wie Burte immer wieder in Ehrfurcht vor diesem Genius unserer Heimat stand, ihn ehrte, ihm alljährlich einen Strauß schönster Verse widmete wie keiner vor und nach ihm, obwohl er selbst doch ein so ganz und gar anderer war. In der Liebe zur Form baute ich mein erstes Buch Johr us Johr ii nach einer gewissen Zahlensymbolik im Jahresablauf wie einen Kalender auf. Es gab damals schon vier auf solche Art zusammengestellte Gedichtfolgen: Eines von dem Kärrnern Merker, dann Mein Blauer Kalender von Georg Thürer (1941), Johraus, johrei von Sebastian Blau (1934) und O Mensch gib acht von Josef Weinheber (1937). Ich studierte sie alle vier genau und fand das von Weinheber nach der äußeren Form als das geeignetste. Es war selbstverständlich, daß ich eine völlig andere Gruppeneinteilung wählte als 135

136 alle die vorliegenden. Wo ich Anklänge an Weinheber suchte, war dies bewußt und gewollt wie z. B. im Gedicht Bergpredigt, bei welchem mir das von Weinheber besungene Selbstbildnis Dürers als Christusbild vorschwebte: Uf Synre Stirne stoht das Hailig Liecht Weinheber: Auf seiner Stirne steht das deutsche Licht. Immer war ich bemüht, das, was schon Burte 1944 geschrieben hatte, nämlich Gesicht und Klang eigener Prägung zu bewahren. Äußerlich modelte ich die alemannische Sprache in Versformen, in denen sie bisher nicht bekannt war. Daneben versuchte ich neben rein bäuerlichen, einfachen Themen auch andere, etwa die Kunstbetrachtung eines Bildes oder eines musikalischen Werkes. Dabei aber achtete ich darauf, das streng Formale hinter dem natürlich gesprochenen Wort zu verbergen, um somit nur den tiefer Interessierten, den in der Literatur mehr Bewanderten, neben dem Idyllischen unserer herrlichen Sprache anzuregen. Das Bühnenstück Hochzeit auf der Schildwach ist ein Volksschauspiel, das nach der gleichnamigen Erzählung von Hebel frei gestaltet ist und in Probleme unserer Zeit hineinleuchtet. In der Form des Akrostichons innerhalb eines Sonettenkranzes huldigte ich vierzehn Alemannen und nannte das von Herbert Rothweiler mit Holzschnitten geschmückte Bändchen Die alemannischi Seel. Daneben verfaßte ich die beiden Bücher für zwei unserer Großen im Lande: Hermann Burte 80 Jahre und Franz Philipp 70 Jahre, worin in Zeugnissen von Zeitgenossen eine Würdigung des Werkes dieser beiden dargelegt ist. In meinem neuen Buch Huus am Bugg sind die mir wesentlich erscheinenden Gedichte aus meinen bisher erschienenen alemannischen Schriften und daneben auch Unveröffentlichtes enthalten. Dieses Huus am Bugg ist eigentlich ein Hüüsli, in dem die meisten meiner Gedichte entstanden sind. Es steht über dem Pulsierenden, Hastenden des modernen Lebens und enthält so Gedanken und Empfindungen, wie sie sich da oben einfanden. Mein ganzes Sinnen und Trachten galt immer der Pflege unserer Muttersprache, und so erachte ich es als eine besonders glückliche Fügung, daß neulich die Gründung des Arbeitskreises für alemannische Sprache und Dichtung erfolgte, wobei ich zum Leiter dieses Kreises erkoren wurde. Hier haben sich alle, denen es im Ernst um die Sache geht, zusammengeschlossen, um in Kameradschaft und gegenseitiger Achtung miteinander und füreinander zu wirken, um unser Alemannisch zu hegen und zu bewahren. Meine Bilder und Eindrücke holte ich aus dem reichen Kinderland meines Heimatstädtchens Sulzburg und aus der inneren Fülle des einfachen Lebens in den Dörfern meiner markgräfler Heimat. Zu ihnen zurückzukehren, ist meine immerwährende Sehnsucht, und sei es nur, indem diese Gesichte und Gedanken in verklärter, dichterischer Form wieder dorthin gelangen, woher sie einmal kamen. 136

137 Ein Leben für die Heimat Oberstudienrat Dr. Leopold Döbele zum 60. Geburtstag Murg, eine der ältesten Siedlungen, am Hochrhein und ehemals einer der acht Einungsorte des Hauensteiner Landes, ist die Heimat von Oberstudienrat Dr. Leopold Döbele. Seit rund 400 Jahren ist das Geschlecht der Döbele hier ansässig, und sein Name begegnet uns oft in den Aufzeichnungen zur Geschichte von Murg und der benachbarten Gemeinden des Rheintales und Hotzenwaldes. Dieser Heimat der Vorfahren, der Hochrheinlandschaft und vor allem dem Hotzenwald gilt das Lebenswerk von Dr. Leopold Döbele. Seine tiefverwurzelte Liebe zur Heimat ist ihm von jeher auch heilige Verpflichtung gewesen, dieser Heimat, unbeirrt durch alle Zeitströmungen, selbstlos und mutig zu dienen. Sein Vater Leopold Döbele war ein arbeitsfreudiger und unternehmender Handwerksmeister und Kaufmann, der in Murg das Kaufhaus Döbele begründete. Die Mutter Johanna geborene Studinger stammte von Oberweschnegg auf dem Höchenschwander Berg. Für den jungen Leopold Döbele, dem das Interesse für Geschichte und Heimatkunde im Blut lag, war das alte Murg mit seinen romantischen Winkeln und Gassen ein wahres Paradies, in dem es immer etwas zu entdecken gab. Dazu erzählten ihm die alten Leute von der Hammerschmiede, von den Mahl- und Sägemühlen und von der Ölmühle, von Nagelschmieden, Posamentern und anderen heute vergessenen oder untergegangenen Handwerksberufen, und an der Rheinfähre unten berichtete der alte Fischer Gottfried Lüthy noch manche Begebenheit von den Flößern und Schiffsleuten, die bis nach Holland gekommen waren. Von Hans M a tt-wi 11m att, ßannholz Was beim Knaben mehr Spiel und abenteuerliche Entdeckungsfreude war, drängte den Studenten zu Streifzügen mit Skizzenbuch und Kamera durch die heimischen Gefilde und den ganzen Hotzenwald. Als begabter Zeichner und begeisterter Photograph hielt Leopold Döbele damals viele reizvolle und treffliche Motive fest, die heute bereits historischen Wert haben, weil sie dem neuzeitlichen Fortschritt oder den Naturgewalten längst zum Opfer gefallen sind. Gerade diese Zeichnungen geben den Veröffentlichungen von Dr. Döbele eine ganz persönliche Note und machen sie besonders wertvoll. Nach dem Besuch der Volksschule, der Höheren Schulen in Säckingen und Schopfheim und dem Studium der Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten München und Frankfurt/Main legte Leopold Döbele die Prüfung als Diplom-Kaufmann und Diplom-Handelslehrer ab und promovierte 1928 mit der Dissertation Die Entwicklung des badischen Hochrheins unter dem Einfluß der Industrialisierung an der Universität Frankfurt zum Doktor der Staats- und Wirtschaftswissenschaften. Seit 1947 wirkt Dr. Leopold Döbele, der 1959 zum Oberstudienrat ernannt wurde, von Konstanz kommend, an der Höheren Handelsschule in Säckingen, das ihm seit wenigen Monaten auch zum Wohnsitz geworden ist. Der Hotzenwald mit seinen landschaftlichen Schönheiten ist heute allgemein bekannt und zu einem Begriff geworden. Als Dr. Döbele 1929 seine erste Veröffentlichung über den Hotzenwald herausbrachte, es war die Schrift Die Hausindustrie des Hotzenwaldes als Sonderausgabe der 137

138

139 Schriftenreihe Heimarbeit und Verlag in der Neuzeit von Prof. Dr. Arndt, war dies ganz und gar nicht der Fall, und zudem bestanden völlig irrige Vorstellungen über das als Hotzenwald bezeichnete Gebiet zwischen Wehra und Alb und seine Bevölkerung. Es ist das bleibende und sozusagen geschichtliche Verdienst von Dr. Leopold Döbele, einer der Pioniere des Hotzenwaldes gewesen zu sein, die in der geschichtlichen Vergangenheit wurzelnde Eigenart seiner Menschen richtig gedeutet und in unermüdlicher jahrzehntelanger Tätigkeit auf die dringende Notwendigkeit der wirtschaftlichen Unterstützung hingewiesen zu haben, wie sie nun mit der Hotzenwaldhilfe Wirklichkeit geworden ist. Darüber hinaus setzt er seine ganze Kraft dafür ein, daß der Hotzenwald bei allem unerläßlichem technischen Fortschritt in seiner einmaligen Ursprünglichkeit erhalten bleibt, eine Aufgabe, deren Bedeutung vielleicht erst kommende Generationen in ihrem vollen Ausmaß würdigen können. Während der ersten praktischen Tätigkeit bei der Industrie- und Handelskammer Schopfheim erschien ebenfalls 1929 die Denkschrift Der Hotzenwald eine sozialökonomische Untersuchung, durch welche auf Veranlassung der Handelskammer die erste Notstandsaktion für den Hotzenwald eingeleitet und begründet wurde. Bereits im folgenden Jahr trat Dr. Döbele mit seiner ersten volkskundlichen Abhandlung über den Hotzenwald an die Öffentlichkeit. Als Nr. 35 der vom Landesverein Bad. Heimat herausgegebenen Heimatblätter Vom Bodensee zum Main 1930 Karlsruhe, erschien die hervorragende Abhandlung Das H otzenhaus in welcher das Haus des Hotzenwälders anschaulich in seiner Eigenart und in allen seinen Teilen geschildert ist. In über 50 Zeichnungen und Photos des Verfassers ist darin das charakteristische Hotzenhaus mit Laube und Schild, Einfahr und Fürbüehni, wie es in seiner ursprünglichen Art kaum noch anzutreffen ist, der Nachwelt erhalten. Bemerkenswert ist der Schlußsatz dieser Schrift, der dem Sinn nach als Geleitwort über allen Arbeiten von Dr. Döbele steht: Könnte sie Sympathie und Interesse wecken für ein Volk, das wie die Hotzen trotz seines harten Kampfes ums Dasein an seiner Kultur, seinem Haus und seiner Scholle mit oft rührender Treue und Liebe festgehalten hat, und könnten diese Zeilen weiter Veranlassung dazu sein, daß in allen an der Erhaltung gesunden Volkstums interessierten Kreisen Maßnahmen zur Förderung des Hotzenwaldes und zur Erhaltung des Hotzenhauses getroffen werden, so hätte diese Abhandlung wohl ihren Zweck erreicht. In dem leider längst vergriffenen Jahresband des Landesvereins Badische Heimat Hochrhein und Hotzenwald vom Jahre 1932 ist Dr. Döbele mit zahlreichen Bildern und den Beiträgen Die Heimarbeit auf dem Hotzenwald und die Industrie am Hochrhein und Hotzenwälder Originale vertreten, in dem in köstlicher und feinsinniger Weise Lebensschicksal und Bild mancher urwüchsigen Gestalt des Hotzenwaldes festgehalten ist. Dr. Döbele hat auch hierbei manches gezeichnet und aufgezeichnet, was sonst schon längst vergessen und für immer verloren wäre. Es würde Seiten füllen, alle wissenschaftlichen und heimatkundlichen Veröffentlichungen von Dr. Döbele einzeln aufzuzählen, und es seien von den größeren Abhandlungen, die in der Zeitschrift Mein Heimatland bzw. Badische Heimat erschienen, nur die Beiträge über die Auswanderung der Hotzen nach Ungarn, über markante Persönlichkeiten des Hotzenwaldes und über den Hotzenpfarrer Döbele in Görwihl herausgegriffen. 139

140 Begeisterte Aufnahme bei allen Naturund Heimatfreunden fand der 1955 herausgegebene Wanderführer Der Hotzenwald, eine handliche und kurzgefaßte, aber umfassende kleine Heimat- und Volkskunde des Hotzenwaldes, in der Landschaft, Geologie, Geschichte, Wirtschaft, Volkskunde, Wald, Pflanzen- und Tierwelt mit großer Sachkenntnis dargestellt sind. Was das mit hübschen Skizzen und guten Aufnahmen illustrierte Büchlein nicht nur für den Wanderfreund besonders liebenswert macht, ist die aus jeder Zeile spürbare Liebe zur Heimat, mit der es geschrieben und zusammengestellt wurde. Erfreulicherweise hat dieser vorbildliche Wanderführer auch in Schulkreisen großen Anklang gefunden. Krönung all dieser Arbeiten, die als Ergebnis der Erforschung von Geschichte, Volks- und Brauchtum und der landschaftlichen Belange des Hochrheins und Hotzenwaldes im Verlauf von drei Jahrzehnten veröffentlicht wurden, ist die 1960 erschienene Geschichte von Murg am Hochrhein, die ohne Übertreibung als eines der besten Werke der Heimatliteratur bezeichnet werden darf. Dies gilt sowohl in erster Linie für den auf Grund langjähriger Studien bearbeiteten Inhalt, als auch für die gediegene und geschmackvolle Ausstattung und die wertvolle Illustration. Trotz der Fülle des Materials verfällt Dr. Döbele nicht in eine trockene Aneinanderreihung von Urkunden und Akten, sondern gibt ein anschaulidies und lebendiges Bild von der Vergangenheit von Dorf und Einung Murg und dem Leben und Schaffen der Vorfahren. Aus dem vielseitigen Schaffen von Dr. Döbele im Dienst und zum Segen seiner engeren und weiteren Heimat muß vor allem auch seine Vortragstätigkeit hervorgehoben werden. Überall, wo es gilt, überliefertes Volks- und Brauchtum zu erhalten und zu fördern, ist Dr. Döbele zur Stelle. Seine Farblichtbildervorträge sind ein Erlebnis, seien es seine herrlichen Aufnahmen vom Hotzenwald und Rheintal oder Bilder aus der Schweiz, Österreich, Frankreich, Italien und Spanien, um damit Beziehungen und Unterschiede zwischen Landschaft und Kultur jener Länder und der Heimat aufzuzeigen und im Erkennen der Eigenart fremden Volkstums den richtigen Maßstab für die Schönheit und den Wert des eigenen Volkstums zu vermitteln. Ein Herzensanliegen von Dr. Döbele ist es, den Heimatgedanken nicht nur im kleinen Kreis zu pflegen, sondern in weite Kreise der Bevölkerung hineinzutragen und lebendig zu erhalten. Ausdruck dieser Bestrebungen war auch die am 2. Oktober 1931 erfolgte Gründung einer Ortsgruppe des Landesvereins Badische Heimat in Säkkingen, bei welcher auch der Verfasser zugegen war. Nach der Unterbrechung durch den zweiten Weltkrieg wurde die rege Tätigkeit der Säckinger Ortsgruppe 1956 wieder aufgenommen und diese noch zur Bezirksgruppe Säckingen-Hotzenwald erweitert. Bei der Pflege des Heimatgedankens spielt die Erhaltung der Tracht eine besondere Rolle. Dr. Döbele ist selbst Träger der schönen und malerischen Hauensteiner Tracht und arbeitet seit jeher eng mit der Trachtengruppe Alt-Hotzenwald zusammen. Bei der Gründung der Trachtengruppen und Trachtenkapellen in Görwihl und Hartschwand-Rotzingen wirkte er entscheidend mit und steht auch der Trachtengruppe Hauenstein als Freund und Förderer zur Seite. Daß die Heimatpflege den restlosen Einsatz der Persönlichkeit erfordert, erfuhr Dr. Döbele als überzeugter Vertreter des Naturund Denkmalschutzes, als dessen unerschrockenen Vorkämpfer im Hochrhein- und Hotzenwaldgebiet man ihn anerkennend bezeichnen darf. Es geht ihm bei den aktuellen Fragen des Natur- und Landschafts- 140

141 Schutzes, die sich aus dem Bau der großen Kraftwerksanlagen am Hochrhein und auf dem Hotzenwald für Gegenwart und Zukunft ergeben, nicht um eine mahnende Stellungnahme um der Kritik willen, sondern darum, Unersetzliches nach Möglichkeit vor dem Untergang zu bewahren, wenn es einen für beide Teile annehmbaren Weg dazu gibt. Als die Säckinger Holzbrücke, die mit den Brücken in Altenburg-Rheinau und Dießenhofen die letzte gedeckte Holzbrücke über den Hochrhein ist, bedroht schien, nahm Dr. Döbele die Interessen des Heimatschutzes wahr und trat mutig für die Erhaltung der Brücke ein, deren Bestand heute gewährleistet ist. Die schwerwiegenden Eingriffe und Veränderungen der Landschaft infolge der geplanten Anlage des Säckinger Rheinkraftwerks und vor allem des Hotzenwaldkraftwerks veranlaßten Dr. Döbele zu den Aufsätzen Zerstört uns die heiligen Wasser nicht und Heimatschutz oder Hotzenwaldwerk in der Zeitschrift Badische Heimat. Im Einvernehmen mit dem Landesverein Badische Heimat konnte dank seinen unermüdlichen Bemühungen doch erreicht werden, daß die der Landschaft drohenden größten Gefahren vermieden werden und ohne Beeinträchtigung der technischen Belange und wirtschaftlichen Erfolgsaussichten den wichtigsten Grundsätzen des Naturschutzes Rechnung getragen wird. Auch mit dem Problem der Schiffbarmachung des Hochrheins setzt sich Dr. Döbele in allgemein interessierenden Ausführungen auseinander. Ein Leben für die Heimat kann man über die Lebensjahrzehnte von Oberstudienrat Dr. Leopold Döbele schreiben, der am 27. Juli seinen 60. Geburtstag begehen konnte. Sein von selbstlosem Idealismus getragenes Wirken und Schaffen ist in der heutigen, allzu sehr den materiellen Vorteilen zugeneigten Welt um so höher zu bewerten und anzuerkennen. Der schönste Lohn und Dank an den getreuen Ekkhart des Hotzenwaldes, wie wir Dr. Döbele mit Recht nennen dürfen, ist die Unterstützung seiner Bemühungen und seiner Tätigkeit zum Wohl und Segen der Heimat und künftiger Geschlechter in Wort und beispielhafter Tat. Die Gegenroart ruht auf öer Vergangenheit, unö das Heutige hann morgen Gefchichte fein. Jede Generation, jeöe Gemeinde, ruir alle zehren oon den Leiftungen der Vergangenheit. In unferer rafchlebigen Zeit ift es daher nicht nur nühlich, fondern fogar notroendig, daß mir uns deffen Dergeroiffern, roaa uns die Vergangenheit an Werten, Kenntniffen und Erfahrungen hinterlaffen hat. Dr. Leopold Döbele 141

142 2ln f)an6 SrcmFe?um 7 0. (Beburtstag am D on Öen (Blpfeln d e in e s ilebens blltfft D u beute mllö ju cü tf auf Me p u ren d e in e s treb ens. H Jar es jteiben? H Iar es (BlücP? 'URlt D ir tuanöern beut öle H ielten, öle D u a u s öem n ic h ts erfcbufft, S ilb e r unö (Bertolten gelten als öle?eugen, öle Du rufft. 2 lu s öen blmmllfchen (Befllöen fingen D ir a u s HJeft unö Oft ftllluergnügt öle brauen mllöen HIolFengelger Irö'fchen Tfroft. JLlebllcbe W taöonnen thronen ln öes cbtoarjtoalös Tfannenöuft, unö a u s zarten ärcbenfronen fcbmal öle 'UFtonöenüchel lugt. Du belebft öle 2!Mumenbügel m it öem H ieben öer H a tu r, jeöer Tfelch mtrö b>er zum plegel göttlicher (BeöanPenfpur. D agabunö unö W uflfante fcblenöern unbefcbtuert Ins n ic h ts, überall trlffft D u 3eFannte, Immer ladjenöen (Belichte. 2 lls öen 'M alerölchter fdjaufelt Dich öer leichte bunte i^abn öurch öle HIellen, unö es gaufelt D ir oor 2lugen jener fchöne H Iabn: D on öem IReld;, öas niem als enöet, öas D u fanöft ln f i a ^ unö?abl, beut boft D u für Dich uertuenöet jene / / l e b e n 77 (öezlm al... ). Ifjecmarm pflügec

143 K A R L SR U H E Filialen: FREIBURG/ßr. MANNHEIM PFORZHEIM SINGEN (H) mit Zweigstelle Donaueschingen WERTHEIM a. M. Für Auslandsreisen: Reiseschecks, Sorten und Devisen SPARKONTEN ERLED IGUN G ALLER BANKGESCHÄFTE Seit MONINGER BIER - l* apai/&ke ^M n /tcut/tcu t SCHÜLER &CD -fveiöuw /i anerkannt hervorragend

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