1 Domvikar Dr. Michael Bredeck Paderborn Das Geistliche Wort Wachsam sein 1. Adventssonntag, 27.11. 2011 8.05 Uhr 8.20 Uhr, WDR 5 [Jingel] Das Geistliche Wort Heute mit Michael Bredeck. Ich bin katholischer Priester und Domvikar in Paderborn und kümmere mich um die Weiterentwicklung der Seelsorge im Erzbistum. Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer und eine gesegnete Adventszeit 2011! Mit dem heutigen ersten Adventssonntag beginnt die Zeit des Jahres, die viele Menschen mit großer Vorfreude erwarten. Wahrscheinlich haben auch Sie Ihre ganz persönliche Vorstellung, was zu einer schönen Adventszeit dazugehört: Ist es der Adventskranz? Oder der Kalender mit den kleinen Überraschungen? Vermutlich planen Sie auch den Besuch auf einem Weihnachtsmarkt; vielleicht haben Sie sich vorgenommen, Ihre Weihnachtspost diesmal pünktlich zu schreiben oder Sie wollen ein festliches Adventskonzert besuchen. Wie auch immer Sie den diesjährigen Advent verbringen werden, ich wünsche Ihnen heute, am Beginn des Advents, vor allem dieses: Ein gesegnete Zeit. Und ich möchte mit Ihnen überlegen, wie diese 28 Tage zu einer gesegneten Adventszeit werden könnten. Musik I Was macht eine gesegnete Zeit aus? Wörtlich heißt gesegnet ja, dass etwas mit Gutem bedacht, oder gut gesagt ist. Das Gute, was uns in der Adventszeit gesagt wird, ist, dass es nicht mehr lange dauert bis zum Fest der Geburt des Heilands wie man früher sagte, Jesus Christus. Man könnte den Advent auch als eine Art Geburtsvorbereitungskurs für das Fest der Geburt Jesu Christi sehen. Der Advent ist die jährliche Vorbereitungszeit für die Ankunft des Gottessohnes. Auch wenn heute beide Worte vielfach durcheinander gehen und man die Advents- und die Weihnachtszeit kaum mehr unterscheidet, ist diese Reihenfolge doch sehr wichtig: 1
2 Der Advent ist der Weg auf das Fest zu. Er ist noch nicht das Fest selbst! Nur dann können all die Dinge der Adventszeit überhaupt wirksam werden, segensreich wirken: der Adventskranz, der Adventskalender und die vielen kleinen und großen Rituale. Sie alle wollen dabei helfen, den Weg auf das Geburtsfest Jesu Christi bewusst zu gehen und dabei ein frohes Herz, ein Herz mit Erwartung und Hoffnung, zu gewinnen. Was gerade im Advent leicht verdeckt werden kann von den Schwaden von Glühweinduft ist dieser Anlass, auf den der Advent hinführt: Die Gewissheit, dass damals in dieser Nacht in Betlehem der Retter, der Messias, geboren wurde. Angesichts dieser Geburt dürfen wir große Erwartungen haben, dürfen wir frohen Mutes sein und mit Helligkeit rechnen. Das gilt für die abendliche Dunkelheit draußen genauso wie für unser persönliches Leben. Wir dürfen die Hoffnung in uns tragen, dass uns etwas Licht von dem vielen Adventslicht im eigenen Herzen aufleuchtet. Und dieses Licht kommt durch die Hoffnung, die Jesus Christus in die Welt, in das Leben der Menschen bringen will und zugleich kommt das Licht durch die Erwartung, dass Hoffnung durch Jesus Christus wirklich möglich ist. Ein erster Hinweis auf eine gelungene, gesegnete Adventszeit ist also dieser: Der Hoffnung im eigenen Herzen von Neuem trauen, diese Hoffnung aufs Neue glühen lassen, gerade wenn sie vielleicht etwas verschüttet ist. Musik II Der Advent kann eine persönliche, innere Zeit der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest werden. Wir können Gutes erwarten von dem Gott, der uns Menschen seine Zuwendung gezeigt hat, indem er in Jesus Christus selbst Mensch wurde. Das Geburtsfest Weihnachten ist eben viel mehr als ein weiteres von den vielen Festen, die wir Menschen halt feiern. Wenn Sie mit Hoffnung auf und Erwartung an Jesus dem Weihnachtsfest entgegengehen, dann ergeben sich verschiedenste Gelegenheiten, die eigene, die innere Vorbereitung immer wieder mitlaufen zu lassen - wie auch immer der Advent ansonsten gefüllt sein mag. Vielleicht meldet sich nun ein leiser Zweifel an: Ist das machbar, oder doch nur ein frommer Wunsch? Realistischerweise wird es doch auch in diesem Jahr wieder viele 2
3 Advents- und Weihnachtsfeiern im Wechsel mit dem Weg zum Glühweinstand geben. Realistischerweise ist auch dieses Jahr am Ende der Adventszeit wieder der Geschenkerummel für Weihnachten zu erwarten und der Stress, all die passenden Geschenke zu finden. Das mag stimmen. Andererseits bin ich fest davon überzeugt, dass wir es zu einem guten Stück auch selbst in der Hand haben, zumindest einen kleinen Schritt in Richtung einer gesegneten Zeit zu gehen; einer Zeit, in der wir nicht nur beansprucht werden und alles Mögliche machen müssen, sondern eben auch Erwartungen und Hoffnungen auf die Geburt Jesu Christi spüren dürfen. Ich glaube, dass es dazu gar nicht viel Aufwand braucht. Jesus selbst gibt uns den zweiten Hinweis, der uns dabei helfen könnte. Im Evangelium vom ersten Adventssonntag rät er: Seid also wachsam! Diesen Gedanken von Jesus gebe ich Ihnen gerne weiter. Wachsam sein. Vielleicht klingt dieses Wort zunächst bedrohlich und lässt an andere Worte denken wje Wachhund, Wachturm oder Wachmann. Aber das deutsche Wort wachen bedeutet eigentlich frisch, munter sein. Wer wachsam ist, der erlebt jeden Augenblick bewusst, der ist ganz gegenwärtig, der ist lebendig, der ist aufmerksam, der rechnet mit etwas, das ihn angeht. Zur gesegneten Adventszeit gehört also dieses Wachsam-Sein als gespannte und erwartungsvolle Aufmerksamkeit. Mit den Augen einmal genauer hinsehen. Und auch mit dem Herzen. Vielleicht lässt sich diese Haltung in eine Frage kleiden, die Sie sich etwa am Ende jedes Tages der Adventszeit stellen könnten: Wo oder wie, und durch wen oder was habe ich heute etwas von der Liebe Gottes erfahren? Wo habe ich heute eine Spur auf ihn hin gefunden? Diese Frage kann ziemlich viel im eigenen Herzen erhellen. Da kann etwas aufbrechen. Da können sich neue Einsichten ergeben. Wichtig ist nur, damit zu rechnen, dass solche Spuren auf Jesus Christus hin wirklich aufzufinden sind. Musik III In der Adventszeit suchen wir Spuren auf Jesus Christus hin: Was könnte das sein? Zum Beispiel eine Advents- oder Weihnachtsmelodie, die Sie irgendwo hören; es könnte der Besuch in einer adventlich geschmückten Kirche gleich neben dem Weihnachtsmarkt sein; es könnte das ganz bewusste Entzünden der Kerzen des Adventskranzes daheim sein, jeden Tag neu; es könnte ein Kärtchen, ein Spruch 3
4 oder ein Gedanke sein, auf den Sie scheinbar zufällig stoßen; es könnte auch die Begegnung mit einem lieben Menschen sein, mit der Sie nicht gerechnet haben. Das könnte der Besuch des Gottesdienstes an allen vier Adventssonntagen sein oder auch das Treffen auf eine Ihnen bislang unbekannte soziale Aktion zugunsten benachteiligter Menschen. Spuren auf Christus hin: das könnte ein alter Mensch sein, der in einem besonderen Moment Zuwendung braucht sei es daheim oder in der Schlange am Supermarkt. Das könnte eine unvermittelte Gelegenheit sein, irgendwo etwas Sinnvolles oder Gutes zu tun. Es gilt also, wachsam zu sein: So könnte eine eigene, innere Vorbereitungszeit auf Weihnachten aussehen. Liebe Hörerinnen und Hörer, auch in der Adventszeit werden Sie jeden Tag, wahrscheinlich mehrfach, in den Spiegel schauen. Vielleicht denken Sie in den kommenden Wochen einmal besonders daran, dass Sie im Spiegel einen von jenen Menschen sehen, zu denen Gott sich durch die Geburt seines Sohnes gesellt hat. Das ist doch das Geheimnis von Weihnachten: Dass Gott, der unendliche und unerschöpfliche Gott, ein Mensch werden wollte - einer wie wir. Einer für uns. Ihm verdanken wir unser Leben. Dieses unser Leben ist das größte Geschenk, das wir jemals bekamen. So bietet uns die Adventszeit die Chance, dass wir uns in kleinen Schritten neu einüben dürfen in den Weg des Menschwerdens, in Gottes Weg also. Dazu braucht es mehr, als bloße Anwesenheit auf Erden. Es braucht die Bereitschaft, nachzudenken; hinzuschauen und hinzuhören und die Hand auszustrecken; und es braucht ein Herz, das bereit ist, sich berühren zu lassen - zusammengefasst braucht es eben die Bereitschaft, wachsam zu sein. Das ist die Einladung von Jesus an uns für die kommenden Wochen: Seid wachsam. Halten Sie Ausschau nach dem, was Zuversicht und Hoffnung gibt. Dann wird die Adventszeit zu einer gesegneten Zeit. Ich wünsche Ihnen dabei Gottes Segen und ein offenes Herz, damit Jesus Christus Sie auf vielfache Weise berühren kann in vielen Seiner Spuren. Musik IV (Darin ) 4
5 Das war das Geistliche Wort. Heute aus der katholischen Kirche. Aus Paderborn verabschiedet sich Domvikar Michael Bredeck. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten ersten Adventssonntag. 5