Fenster und Einbruchhemmung

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Transkript:

Seite 1 Dipl.-Ing. (FH) Christian Kehrer ift Rosenheim Fenster und Einbruchhemmung Was muss der Sachverständige wissen? 1 Allgemeines Die Forderung von Seiten der Bauherren und Planer bezüglich mechanischer Einbruchhemmung von Fenstern und Fenstertüren wächst ständig; sie gewinnt mehr und mehr an Bedeutung. Bereits heute werden bei ca. 50 % der produzierten Fenster und Fenstertüren mechanische Sicherheitskomponenten wie aushebelsichere Beschläge oder durchwurfhemmende Verglasungen eingebaut. Der Anteil an normgebauten Bauteilen liegt bei ca. 5 %. Der Anspruch in Form einer möglichst hohen Widerstandsklasse steht oft im Widerspruch zur technischen Realisierbarkeit. In den folgenden Betrachtungen liegt der Schwerpunkt auf normgeprüften einbruchhemmenden Holzfenster. 2 Entwicklung und Stand der Dinge im Bereich der mechanischen Sicherheit Auf der Grundlage einer ift-richtlinie wurde mit Ausgabedatum 09.89 mit DIN V 18054 Einbruchhemmende Fenster eine erste Norm mit Anforderungen an einbruchhemmende Fenster herausgegeben. Nach der ersten Überarbeitung des Regelwerkes erschien die Folgeausgabe im Dezember 1991. Parallel dazu wurden auf europäischer Ebene Grundlagen für die Beurteilung der einbruchhemmenden Eigenschaften von Fenstern, Türen, Rollläden und sonstigen Abschlüssen mit der Normkennzeichnung ENV 1627 bis 1630 erarbeitet. Im Mai 1999 wurde die Normenreihe DIN V ENV 1627 ff. in Deutschland veröffentlicht. Im Gegenzug wurde unter anderem DIN V 18054 Einbruchhemmende Fenster zurückgezogen.

Seite 2 Auf europäischer Ebene wurde bereits wieder mit der Überarbeitung von ENV 1627ff. begonnen. Mit den fertiggestellten Normen kann im Jahr 2004 gerechnet werden. Tabelle 1 Die Normreihe zum Einbruchschutz in Deutschland und Europa DIN V ENV 1627 Fenster, Türen, Abschlüsse Einbruchhemmung Anforderungen und Klassifizierung DIN V ENV 1628 Fenster, Türen, Abschlüsse Einbruchhemmung Prüfverfahren für die Ermittlung der Widerstandsfähigkeit unter statischer Belastung DIN V ENV 1629 Fenster, Türen, Abschlüsse Einbruchhemmung Prüfverfahren für die Ermittlung der Widerstandsfähigkeit unter dynamischer Belastung DIN V ENV 1630 Fenster, Türen, Abschlüsse Einbruchhemmung Prüfverfahren für die Ermittlung der Widerstandsfähigkeit gegen manuelle Einbruchversuche 3 Normgeprüfte einbruchhemmende Fenster Am Markt wird eine Vielzahl von einbruchhemmenden Fenstern und Fenstertüren angeboten, die unterschiedliche Sicherheitsmerkmale, wie aushebelsichere Beschläge besitzen. Es wird von Sicherheitsstufen wie 2- Punkt oder 3-Punktsicherheit oder von Ahs-Beschlägen gesprochen. Betrachtet wird hier jedoch meist nur ein Bereich bzw. eine Komponente eines Sicherheitsfensters, nämlich der Beschlag. Weitere Schwachpunkte des Fensters bzw. wichtige Komponenten wie die Verglasung oder die Montage bleiben unberücksichtigt. Der entscheidende Unterschied zum normgeprüften Fenster liegt darin, dass hier ein komplettes System, bestehend aus einem definierten Rahmenmaterial mit entsprechender Falzausbildung, einem abgestimmten Beschlagsystem in Verbindung mit einer angriffhemmenden Verglasung geprüft wird, und somit alle in Frage kommenden Schwachstellen ausgemerzt sind. Je nach Widerstandsklasse halten diese Fenster eine definierte Zeit statischen, dynamischen und manuellen Belastungen stand. Der Einbau von normgeprüften Fenstern ist gemäß der von der Prüfstelle freigegeben Montageanleitung vorzunehmen.

Seite 3 Baukörper Rahmenmaterial Glas + Einbau Beschläge+ Befestigung Befestigung zum Baukörper Bild 1 Komponenten einbruchhemmender Bauteile Tabelle 2 Gegenüberstellung von Widerstandsklassen nach DIN V ENV 1627, dem Modus Operandi und der Widerstandszeit Widerstandsklassen nach DIN V ENV 1627 1 2 3 Mutmaßliche Arbeitsweise des Täters Der Gelegenheitstäter versucht, das verschlossene und verriegelte Bauteil durch den Einsatz körperlicher Gewalt zu überwinden: Gegentreten, Gegenspringen, Schulterwurf, Hochschieben, Herausreißen o. ä. Der Gelegenheitstäter versucht, zusätzlich mit einfachen Werkzeugen, wie z. B. Schraubendreher, Zange und Kelle, das verschlossene und verriegelte Bauteil aufzubrechen. Der Täter versucht, zusätzlich mit einem zweiten Schraubendreher und einem Kuhfuß, das verschlossene und verriegelte Bauteil aufzubrechen. Der erfahrene Täter setzt zusätzlich Säge- und 4 1) Schlagwerkzeuge, z. B. Schlagaxt, Stemmeisen, Hammer und Meißel sowie eine Akku- Bohrmaschine ein. Widerstandszeit in Minuten 3 5 10 1) nur mit Sonderkonstruktionen realisierbar

Seite 4 4 Konstruktionsmerkmale einbruchhemmender Holzfenster 4.1 Holzarten und Systeme Bei Holzfenstern haben sich Laubhölzer mit einer hohen Rohdichte und Spaltfestigkeit, wie Dark Red Meranti, Sipo, Niangon und Eiche bewährt. Fenster in den Widerstandsklassen 1 und 2 sind auch mit heimischen Nadelhölzern wie Kiefer, Fichte oder Lärche bei fachgerechter Holzauswahl und Verarbeitung möglich. So sind Schraubenlöcher vorzubohren und Rahmenverbindungen sorgfältig zu verleimen. Einbruchhemmende Fenster benötigen aufgrund der vorgeschriebenen angriffhemmenden Gläser und der damit verbundenen Glasdicken größere Profilquerschnitte. Fenster der Widerstandsklassen 1 und 2 sind mit Profilen ab einer Dicke von 68 mm (System IV 68) möglich. Ab Widerstandsklasse 3 sind mindestens 78 mm (System IV 78) dicke Profile erforderlich. WK 4-Fenster aus Holz sind nach derzeitigem Stand fast nicht zu realisieren. Widerstandsklasse 4 oder 5- Fenster aus Holz wurden am ift Rosenheim bis jetzt noch nicht geprüft. WK 4 1 % WK 3 22 % WK 1 13 % WK 2 64 % Bild 2 Zuordnung geprüfter Fenster und Fenstertüren zu den Widerstandsklassen (Auswertung von Einbruchprüfungen am ift Rosenheim)

Seite 5 4.2 Beschlag und Befestigung Von der Beschlagindustrie werden Beschläge für die verschiedenen Widerstandsklassen einbruchhemmender Fenster angeboten. Die in den Montageanleitungen der Beschlaghersteller gemachten Vorgaben beinhalten Angaben zur Verschraubung und Montage dieser Beschläge. Wichtig ist, dass diese Vorgaben vom Fensterhersteller eingehalten werden. Das heißt, dass Schraubentypen, Schraubenlängen sowie Verarbeitungshinweise berücksichtigt werden müssen. Die Eignung des Beschlagsystems in Verbindung mit dem Profilsystem wird in der Einbruchprüfung ermittelt. Bild 3 Beschlagbefestigung in zwei Ebenen 4.3 Angriffhemmende Verglasung und Glaseinbau Geeignet sind Verbundsicherheitsgläser der Widerstandsklassen P4A bis P8B nach DIN EN 356 bzw. A 3 bis B 3 nach DIN 52290. Sie bestehen aus mehreren Glasschichten, verbunden mit Folien, Gießharz oder Polycarbonat. Die Forderungen an die Verglasung einbruchhemmender Fenster in Abhängigkeit der Widerstandsklassen 1 bis 6 sind in DIN V ENV 1627 festgelegt. In der Widerstandsklasse WK 1 werden seitens der Norm keine Anforderungen an die einzusetzende Verglasung gestellt, d. h. der Einsatz von Standardisolierglas ist möglich. Es müssen jedoch die statischen und dynamischen Belastungen von den Elementen aufgenommen werden können, was oft in den Laborprüfungen zu Problemen führt.

Seite 6 Tabelle 3 Anforderungen an die Verglasung einbruchhemmender Fenster nach DIN V ENV 1627 DIN V ENV 1627 Klassifizierung des Glases nach EN 356 Typischer Glasaufbau Gesamtdicke in mm Korrespondierende Klasse des Glases nach DIN 52290 1 -- 2 P4 24-27 A3 3 P5 27-32 B1 4 P6 32-37 B1 5 P7 38-45 B2 6 P8 47-50 B3 Wesentlich ist das Einbringen einer zusätzlichen Distanzverklotzung zwischen Glas und Flügel sowie zwischen Mauerwerk und Blendrahmen an allen Verriegelungsstellen. Zur Absicherung der Verglasung gegen Ausglasen muss die Verglasung zusätzlich gesichert werden. Glashalteleisten sind zu verschrauben (beispielsweise 4,5 mm 45 mm; Abstand ca. 200 mm). Zur zusätzlichen Sicherung hat sich ein Verkleben der angriffhemmenden Verglasung mit dem Flügelrahmen mittels Zweikomponenten-Material bewährt. Dabei ist jedoch sicherzustellen, dass der Randverbund des

Seite 7 Mehrscheiben-Isolierglases mit dem Zweikomponenten-Material verträglich ist. Alternativ zur Verklebung hat eine Sicherung des Glases mit Stahlwinkeln, die im Glasfalz verschraubt werden, gute Ergebnisse gebracht. Wichtig ist eine versetzte Anordnung der Schrauben, um das Entstehen einer Soll- Abscherebene des Flügelprofils zu vermeiden. Werden die eingesetzten Stahlprofile als verschweißte Eckwinkel ausgebildet, wird zusätzlich die Rahmenverbindung ausgesteift. Bild 4 Einbau der Verglasung mit Stahlwinkel 4.4 Wetterschutzschiene Eine erhebliche Schwachstelle bildet die Wetterschutzschiene. Die Wetterschutzschiene lässt sich üblicherweise leicht herausreißen. So liegt der Falzbereich frei und die Beschläge können ungehindert angegriffen werden. Der Handel bietet Wetterschutzschienen für einbruchhemmende Fenster an, die durch Verstärkungen und zusätzliche Verschraubungen (beispielsweise mit nichtrostenden Schrauben 4,5 mm 45 mm vorgebohrt) den Angriff erschweren. Geeignet sind ebenfalls als Bodenschwellen ausgebildete Wetterschutzschienen.

Seite 8 4.5 Montage einbruchhemmender Fenster Wichtig ist es, die auftretenden Kräfte über die Befestigung schadfrei in die Außenwand zu übertragen. Eine in Ergänzung zur üblichen Montage zusätzliche Befestigung mit Rahmendübeln an allen Verriegelungspunkten hat sich bewährt. Dübelart und Dimensionierung müssen auf den Baukörper abgestimmt werden. Hierzu helfen die Angaben der Dübelhersteller. Entgegen der im Bereich der Verriegelungspunkte üblichen Bewegungsfreiheit ist bei einbruchhemmenden Fenstern eine druckfeste Hinterfütterung erforderlich. Bei großen Elementen (z. B. Fensterbändern) können Probleme durch unzureichende Möglichkeiten der Wärmedehnung im Bauanschlussbereich auftreten. Dies ist im Einzelfall bei Planung und Konstruktion zu berücksichtigen. Bild 5 Montagebeispiel mit Metallhülsendübel

Seite 9 5 Zusammenfassung Die Herstellung einbruchhemmender Holzfenster erfordert ein hohes Maß an Fachwissen und Know how aller am Fertigungsprozess beteiligten Personen. Deshalb sollte Wert darauf gelegt werden, dass die Hersteller einbruchhemmender Fenster neben einem Prüfnachweis nach Norm auch über eine Produktzertifizierung verfügen. Nur durch die Produktzertifizierung einbruchhemmender Fenster ist sichergestellt, dass die in einer Laborprüfung ermittelten einbruchhemmenden Eigenschaften der Produkte auf Dauer in der Fertigung eingehalten werden. Die Produktzertifizierung beinhaltet unter anderem eine laufende Eigenüberwachung sowie eine regelmäßige Fremdüberwachung durch eine neutrale Stelle. Von den polizeilichen Beratungsstellen werden nur produktzertifizierte Bauteile im Rahmen der Empfehlungspraxis weiterempfohlen.