Verlag Heiko Bittmann

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Transkript:

I. Einleitung Dieses Buch beschäftigt sich in erster Linie mit der Geschichte und Lehre des 'Weges der Leeren Hand' (karatedō). Darüber hinaus gewährt es Einblick in verschiedene Facetten der japanischen Geschichte und Kultur. Nach der Einleitung beschreibt ein Kapitel die historische Entwicklung der japanischen 'Wege der Kampfkünste' (budō). Anschließend wird die Geschichte des Karatedō ausführlich dargestellt und erörtert. Dabei werden auch bislang verbreitete Thesen kritisch hinterfragt. Die folgenden Kapitel wenden sich der Lehre in den traditionellen japanischen Kampfkünsten sowie des Karatedō im Besonderen zu. Werden diese Kampfkünste vornehmlich unmittelbar vom Lehrer zum Schüler vermittelt, findet sich zur Ergänzung der Überlieferung, bzw. als ergänzendes Mittel der Schulung, auch die Tradition der in Prosa oder Lyrik verfassten sogenannten Lehrschriften. Diese enthalten verschiedenartige Lehrauffassungen in Bezug auf die von ihren Meistern immer wieder besonders betonte Einheit der Komponenten 'Herz' (shin 1 ), 'Technik' (gi) und 'Körper' (tai) zum Studium der Wege der Kampfkünste oder im engeren Sinne einer jeweiligen 'Schule' (ryū 2 ). Vor allem diese Lehrschriften bieten Einblick in eine tiefergehende Zielsetzung: So kann ein Interessierter zum Beispiel aus der Sicht eines Begründers einer Schule, über ein bloßes Kräftemessen bzw. über Sieg oder Niederlage im Wettkampf, d. h. über ein messbares Ergebnis, hinaus, von einem Weg der ganzheitlichen Vervollkommnung des Menschen erfahren. Als Beispiele für Lehrschriften des Karatedō wurden Abhandlungen von den Begründern bzw. wichtigen Meistern der 'vier großen Schulrichtungen' 3 Shōtōkan, Gōjūryū, Shitōryū und Wadōryū Funakoshi Gichin, Miyagi Chōjun, Mabuni Kenwa und Ōtsuka Hironori ausgewählt. Die Darlegungen in diesen Schriften sind aber nicht nur auf das Karatedō begrenzt zu sehen: 1 2 3 Für das Schriftzeichen shin (bzw. kokoro) wurde die Grundbedeutung 'Herz' beibehalten und der in Kampfkunstkreisen zumeist verwendeten Übersetzung 'Geist' vorgezogen, um den Eindruck auszuschließen, dass dieser Begriff vornehmlich für 'denkendes, erkennendes Bewusstsein' steht. In den Kampfkünsten umfasst shin ein weites Bedeutungsspektrum, das in vielen Fällen von 'Empfindungsvermögen', 'Intuition' über 'denkendes, erkennendes Bewusstsein' bis hin zu 'innerer' Einstellung (Gesamtheit der benötigten Gedanken und seelischen Regungen) reicht. Die Übersetzung 'Geist' steht in diesem Buch für den Ausdruck seishin. Neben der Übersetzung 'Schule' kann das Schriftzeichen ryū in metaphorischer Hinsicht auch als 'Strömung' verstanden werden. Draeger (v. 1, 1973, S. 20-21) bemerkt: "There is no single word in the English language that can correctly and adequately describe the meaning of this term, but for convenience the ryu may be thought of as approximating a martial tradition". Yon dai ryūha. 9

Geschichte und Lehre des Karatedō Sie bieten im übertragenen Sinne auch Einblick in grundsätzliche Gedanken zu den japanischen Kampfkünsten. Zum besseren Verständnis wurde diesen Lehrschriften eine Einführung in die geistesgeschichtlichen Hintergründe bzw. wichtigen Grundbegriffe der japanischen Kampfkünste sowie ihrer schriftlichen Überlieferung vorangestellt. Ebenfalls vor den Lehrschriften zum Karatedō finden sich Biographien ihrer Verfasser, die nicht nur die Lebensgeschichte der Meister bzw. Kommentatoren vorstellen, sondern auch eine entscheidende Phase der Verbreitung der Kampfkunst auf die japanischen Hauptinseln und ihrer Weiterentwicklung widerspiegeln. Es folgen die zum ersten Mal direkt aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzten Lehrschriften des Karatedō mit anschließenden Erläuterungen. Die Gründe hierfür liegen zum einen im teilweisen Fehlen westlicher Übersetzungen, zum anderen in der semantischen Präzision gegenüber Sekundärübersetzungen. Dies betrifft auch andere Quellen und ihre jeweiligen Titel. Die Inhalte bzw. Erkenntnisse aus den vorangegangenen Kapiteln sind in der Schlussbetrachtung noch einmal kurz zusammengefasst und erörtert. Außerdem sind zahlreiche weiterführende Anmerkungen, ein Literaturverzeichnis sowie ein Index mit Schriftzeichen enthalten. Zur Umschrift des Japanischen wird das 'Hepburn-System' und zur Wiedergabe des Chinesischen das 'Wade-Giles-System' verwendet. Japanische Personennamen sind in der Reihenfolge 'Nachname Vorname' angegeben. Karatedō-Training von Grundschülern vor dem Hauptgebäude des Shuri-Schlosses Okinawa um 1937 auf dem Podest stehend: Shiroma Shinpan 10

2. Waffenverbote In der Literatur zum Karatedō wird häufig erwähnt, dass Waffenverbote, die in der Zeit des Königreiches Ryūkyū proklamiert wurden, eine entscheidende Rolle bei seiner Entwicklung spielten. Zunächst soll Herrscher Shō Shin (1465-1526 117 ; Regentschaft: 1477-1526) die 'Abschaffung der Waffen' im Königreich angeordnet haben 118. Weiterhin soll nach 1609, da 'Satsuma ein vollständiges Waffenverbot verhängte und alle Waffen konfiszierte', 'aufgrund der Bedürfnisse des Zeitalters die Kunst der leeren Faust entstanden sein' 119, oder aber zumindest 'ab dieser Zeit die Methode der leeren Hände und Fäuste sich rasch entwickelt haben' 120. Zuweilen heißt es im Zusammenhang mit den Waffenverbotsmaßnahmen Satsumas zudem, dass die Ausübung von Kampfkünsten ebenfalls verboten war 121. Die hier genannten Thesen sollen nachfolgend genauer untersucht werden. 2.1 Die Zeit unter Shō Shin bis zur Satsuma Invasion 1609 Die Annahme, dass es unter Shō Shin zu einer Abschaffung der Waffen (buki haishi) kam, leitet sich hauptsächlich aus der Interpretation eines Teils des vierten Artikels der in klassischem Chinesisch verfassten Inschrift der Balustrade des [Hauptgebäudes] Momo Urasoe (Momo Urasoe rankan no mei) aus dem Jahre 1509 ab. Diese Inschrift befand sich einst im Schloss Shuri und würdigte die Verdienste von Shō Shin 122. Die zur Begründung dieser These herangezogene Interpretation des Textes lautet: [Er] ließ die Waffen einsammeln, lagerte und verschloss diese in den [königlichen] Arsenalen. 123 117 Auch 1465-1527; Dritter Regent der Zweiten Shō-Dynastie. 118 Vgl. z. B. Toguchi, 1990, S. 24; Matsuo, 1990, S. 32 oder Kerr, 2000, S. 105. 119 Vgl. z. B. Funakoshi, 1922, S. 2-3. 120 Siehe z. B. Oya, 1955, S. 11 u. vgl. Miyagi, 1987, S. 18 oder Mabuni, 2003, S. 35-36. 121 Siehe z. B. Haines, 1968, S. 77-78 oder Draeger, 1969, S. 58 u. vgl. dazu z. B. Motobu, 2009, S. 10 und Kinjō, 2011, S. 140. 122 Diese heute Momo Urasoe rankan no mei genannte, ursprünglich titellose Inschrift liegt nicht im Original, sondern nur als Abschrift in den "Aufgezeichneten Inschriften im Lande Ryūkyū" (Ryūkyū kokuchū hibunki) vor. Sie umfasst insgesamt elf Artikel. Bei späteren Wiederaufbauten des Shuri-Schlosses im 17. und 18. Jh. wurde sie nicht wieder in eine Balustrade eingearbeitet; siehe dazu OBSSH, 2010, S. 206-208 oder Kinjō, 2011, S. 134-139. 123 Siehe z. B. OKKJ, 2008, S. 104. Sakihara weist im Nachwort der 'revised edition' des von Kerr verfassten Buches "Okinawa. The History of an Island People" (2000, S. 543-544) darauf hin, dass die vorgestellte Interpretation des vierten Artikels, die auf den oft als Vater der Okinawa-Studien bezeichneten Iha (auch Ifa) Fuyū (1876-1947) zurückgeht, einen 'serious error' aufweist (worauf bereits Nakahara Zenchū in einem 30

V. Zur schriftlichen Überlieferung der Lehre auf den Wegen der Kampfkünste 1. Allgemeine Übersicht zur Entwicklung und zum Inhalt von Lehrschriften Erste schriftliche Aufzeichnungen innerhalb der Kampfkünste entstehen mit dem Aufkommen der frühen Schulen und ihrer technisch-körperlichen bzw. handwerklichen Systematisierung im Verlauf der Muromachi-Zeit. Dabei handelt es sich beispielsweise um Überlieferungen zum rituellen Verhalten des Schützen bei verschiedenen Bogenschießzeremonien der Ogasawara- Schule 411 oder um Verzeichnisse von Technikbezeichnungen und gegebenenfalls dazugehörigen kurzen Erläuterungen früher Schwertschulen 412. Zwar ist es in den Kampfkunstschriften vor der Tokugawa-Zeit nach Minamoto [...] nicht so, dass sie keine Worte des Buddhismus und Konfuzianismus enthalten, doch sind deren Zitate noch nicht von größerer Bedeutung 413. Eine schriftlich niedergelegte Vertiefung der Komponente des Herzens vor allem durch konfuzianische sowie zen-buddhistische Vorstellungen und damit einhergehend von ethisch-moralischen, philosophischen und pädagogischen Gedanken, um durch die Schulung der Kampfkünste eine Einheit von Herz, Technik und Körper bzw. eine ganzheitliche Vervollkommnung des Menschen anzustreben, lässt sich von der Tendenz her erst gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts feststellen zum Beispiel bei den Schwertmeistern Tsukahara Bokuden, Kamiizumi Hidetsuna und Yagyū Muneyoshi 414. Zur Blüte gelangen Abhandlungen dieser Art dann in der befriedeten Tokugawa-Zeit 415. 411 Ein frühes Beispiel sind die "Persönlichen Aufzeichnungen zur Schießzeremonie" (Jarai shiki oder Sharei shiki; DS, Bd. 4., 1982, S. 10-19) des Ogasawara Mochinaga aus dem Jahre 1433, die 'alte Sitten und Gebräuche' (kojitsu) im Zusammenhang mit dem Bogenschießen und Reiten der Hofadelsfamilien (kuge) und der Krieger-Familien (buke) beschreiben und die sich noch nicht direkt auf das Bogenschießen als Kampfkunst beziehen. 412 Vgl. Futaki, Irie und Katō, 1994, S. 65 oder Imamura, Bd. 1, 1966, S. 26. Ein Beispiel ist das "Verzeichnis der Neuen-Passiv-Schule" (Shin Kageryū mokuroku; zur Bezeichnung der Schule siehe Kap. V. 2.2), das deren Begründer Kamiizumi Hidetsuna (auch Nobutsuna 1508 oder 1520-1577 oder 1582) in unterschiedlichen Ausgaben seinen Schülern in den siebziger Jahren des 16. Jh. weitergab (DS, Bd. 1., 1982, S. 16-17). 413 Minamoto, 1989, S. 169. 414 In den Schriften "Hundert Gedichte des Bokuden" (Bokuden hyakushu) aus dem Jahre 1571 von Tsukahara Bokuden (1470-1571), den "Unterrichtsunterweisungen des Kamiizumi Nobutsuna" (Kamiizumi Nobutsuna keikokun), Entstehungszeit unbekannt, und den "Hundert Gedichten zu den Gefechtsmethoden" (Heihō hyakushu) aus dem Jahre 1592 von Yagyū Muneyoshi (1527 oder 1529-1606) (alle drei in Imamura, Jōkan, 1989, S. 3-28). 415 Vgl. u. a. Imamura, Bd. 1, 1966, S. 26-27 oder Minamoto, 1989, S. 163ff.. 83

VI. Meister des Weges der Leeren Hand 1. Funakoshi Gichin Funakoshi Gichin wurde am 10. November 1868 in Shuri, der Hauptstadt des Königreiches Ryūkyū 512, Gemeinde Yamakawa, als einziges Kind einer Samurē-Familie geboren 513. Als Kind trug er den Rufnamen Umikami 514. Sein Vater, Funakoshi Gisū, hatte im Rangsystem des Königreiches Ryūkyū den Titel Pēchin inne 515. Als Sechsjähriger wurde Funakoshi durch den Vater, der auch ein bekannter Experte der Kunst des Stabes (bōjutsu) war, in die Grundlagen des Karate eingeführt. Etwa im Alter von zwölf Jahren kam er zu Asato Ankō, einem Freund seines Vaters, der ihn in Shurite unterrichtete 516. Neben Asato gehörte Itosu Ankō, ebenfalls ein Meister des Shurite, zu seinen wichtigsten Lehrern. Außerdem soll er auch einige Monate unter Kojō Taitei (1837-1917) Nahate gelernt haben 517. Nach Abschluss einer Ausbildung zum Schullehrer wurde Funakoshi im Alter von achtzehn Jahren zunächst Hilfslehrer an der 'Allgemeinen Grundschule von Naha' (Naha Jinjō Shōgakkō). Seinen Beruf als Schullehrer übte er mehr als dreißig Jahre aus, bevor er sich vollständig den Kampfkünsten widmete. 1905 soll er zusammen mit Hanashiro Chōmo eine Reihe von Kampfkunst-Vorführungen in Okinawa gegeben haben. 1916 stellte er Karate als Repräsentant der Präfektur Okinawa in der 'Halle für Kampfkunsttugend' (Butokuden) in Kyōto vor 518. Im Jahre 1919 bekam er die Aufgabe übertragen, die Schüler des Vorbereitungskurses der 'Lehrerbildungsanstalt der Präfektur Okinawa' (Okinawa-ken Shihan Gakkō) in Karate zu unterrichten. Anlässlich eines Besuches des japanischen Thronfolgers 519 im März 1921 in Okinawa wurde Funakoshi beauftragt, eine Vorführung zu organisieren. Ein weiteres Mal als Repräsentant Okinawas ausgewählt, ging er 1922 nach Tōkyō, 512 Zu jener Zeit war es noch nicht zur Umwandlung des Königreiches in das Lehen Ryūkyū (Ryūkyū-han) 1872 bzw. in die Präfektur Okinawa 1879 gekommen. 513 Als Geburtsdatum Funakoshis findet sich auch das Jahr 1870. 514 Sugimoto in Funakoshi, 1996, S. 307. 515 Iwai, 1992, S. 23. Siehe dazu Anm. 195 und 196. 516 OKKJ, 2008, S. 506. Karate kann nachfolgend sowohl für 'Chinesische Hand' als auch für 'Leere Hand' stehen. 517 Vgl. Iwai, 1992, S. 23 oder Hokama, 2005, S. 22. Allerdings bemerkt Arakaki (2011, S. 289) dazu, dass es dafür keinen sicheren Beweis gebe. 518 Ein weiterer Repräsentant in Kyōto war Matayoshi Shinkō (1888-1947), wobei Funakoshi die Form Kūsankū und Matayoshi tonfā vorführte (OKKJ, 2008, S. 506). Laut der Zeitung Ryūkyū Shinpō vom 26. April 1918 war Funakoshi für den 4. Mai dieses Jahres mit einer Vorführung des bōjutsu in Kyōto bei der Butokukai vorgesehen (Lu (1), 2011, S. 73). 519 Der spätere Kaiser Hirohito oder auch Shōwa tennō (1901-1989, Kaiser von 1926-1989). 107

3. Mabuni Kenwa: Haltung des Herzens des Übenden auf dem Wege der Leeren Hand 1938 Nach Darlegungen Mabuni Kenwas verfasst und kommentiert von Nakasone Genwa Kapitel 10: Haltung des Herzens des Übenden auf dem Wege der Leeren Hand (Abschnitt 33:) Die richtige Bedeutung und die Fehlinterpretationen von 'bei der Leeren Hand gibt es kein Zuvorkommen' Es gibt die Unterweisung 'bei der Leeren Hand gibt es kein Zuvorkommen', deren richtige Bedeutung dem Übenden den inneren Zustand aufzeigt, dass die Leere Hand nicht kriegslüstern ist. Es ist eine Belehrung, die besagt, dass gerade, wenn man die Leere Hand beherrscht, nicht blindlings drauflosgeschlagen und -getreten werden darf! Da mir aufgefallen ist, dass es bezüglich dieser Unterweisung zwei Arten von falscher Interpretation zu geben scheint, möchte ich diese richtigstellen. Die erste Fehlinterpretation ist das von Außenstehenden folgendermaßen geäußerte: 'Im Kampf ergreift man die Gelegenheit zum Sieg ohne Ausnahme durch ein Zuvorkommen. 'Es gibt kein Zuvorkommen' diese passive Einstellung ist nicht mit dem japanischen Weg der Kampfkünste in Einklang zu bringen'. Dies sind die Worte von denjenigen, die den wahren Geist des japanischen Weges der Kampfkünste, dass dieser 'nicht kriegslüstern ist', nicht erkennen, und eine Interpretationsweise, bei der das eigentliche Ziel des Weges der Kampfkünste in Vergessenheit geraten ist, welches besagt, dass bu 'die Hellebarde anhalten' bedeutet und dies zum Ideal erhebt bzw. dass bu das Ziel hat, den Frieden zu bewahren. Wenn jemand den Frieden stört oder wenn man von jemandem in Gefahr gebracht wird, d. h., weil dann der Krieger in den Kampf zieht, ist es selbstverständlich vernünftig, dass man zuvorkommt und der Gewalttätigkeit entgegentreten sollte. Das ist nicht der geringste Verstoß gegen die Unterweisung 'es gibt kein Zuvorkommen'. Die zweite Fehlinterpretation stammt von Übenden der Leeren Hand, die 'es gibt kein Zuvorkommen' nicht als Interpretation des Geistes der Leeren Hand erkennen und von der Erscheinung her an dieser Aussage festhalten möchten 638. Wenn es keinen Ausweg mehr gibt und man bereits in den Kampf zieht, soll man, wie oben erwähnt, zuvorkommen. Das Bemühen im Herzen, ein zuvorkommendes Zuvorkommen einzunehmen, ist die Vernunftregel der Methoden des Gefechts. Aus diesen Gründen sollte man die Worte 'bei der Leeren Hand gibt es kein Zuvorkommen' richtig interpretieren; sie haben die Bedeutung, dass jemand, der die Leere Hand betreibt, niemals von sich aus einen Zwischenfall verursa- 638 Hier ist wohl gemeint, dass man auch in Notlagen an dieser Aussage festhält. 158

Bibliographie 1. Japanischsprachige Auswahlbibliographie zum Karatedō Arakaki, Kiyoshi. Okinawa karatedō no rekishi. Ryūkyū Ōkoku jidai no bu no kenshō (Geschichte des Weges der Leeren Hand Okinawas. Verifikation der Kampfkünste zur Zeit des Königreiches Ryūkyū). Tōkyō: Hara Shobō, 2011. Arakaki, Kiyoshi. Okinawa karatedō no shinzui. Hiden no ōgi 'Heian no kata' no kenshō (Das Wesen des Weges der Leeren Hand Okinawas. Verifikation der geheimen Überlieferung des innersten Kerns der 'Heian-Formen'). Tōkyō: Hara Shobō, 2013. Arakawa, Busen. Budō no seishin (Der Geist des Weges der Kampfkünste). Tōkyō: Rinbukan, 1975. Asai, Tetsuhiko. Jitsugi karatedō. Daiikkan. Kihon kata (Praktische Techniken des Weges der Leeren Hand. Band 1: Grundlegende Formen). Tōkyō: Nichiei, 1978. Bittmann, Heiko. Karatedō ni okeru rekishi to 'oshie' ni tsuite (Zur Geschichte und 'Lehre' des Weges der Leeren Hand). Tōhoku Ajia Taiikushi, Supōtsushi Gakkai Soshiki Iinkai (Hrsg.). Tōhoku Ajia taiikushi, supōtsushi gakkai dainikai taikai shōrokushū (Sammlung von Auszügen zum zweiten Kongress der wissenschaftlichen Gesellschaft für nordostasiatische Leibeserziehungs- und Sportgeschichte). Fukuoka: Tōhoku Ajia Taiikushi, Supōtsushi Gakkai Soshiki Iinkai, 1997, S. 439-449. Bittmann, Heiko. Karatedō shi kenkyū. Ryūkyū Ōkoku jidai ni okeru kinbu seisaku shiryō ni tsuite (Forschungen zur Geschichte des Weges der Leeren Hand. Zu historischen Quellen aus der Zeit des Königreiches Ryūkyū, welche die Waffenverbots- Maßnahmen betreffen). Fujii, Masato; Bittmann, Heiko, u.a. (Hrsg.): Taiiku, supōtsu, bujutsu no rekishi ni miru 'chuō' to 'shūen'. Kokka, chihō, kokusai kōryū ('Zentrum' und 'Peripherie', wie sie in der Geschichte der Leibeserziehung, des Sports und der Kampfkünste zu sehen sind. Staat Regionale Gebiete Internationaler Austausch). Tōkyō: Dōwa Shoin, 2015, S. 263-291. Egami, Shigeru. Karatedō Senmonka ni okuru (Weg der Leeren Hand Für den Fachmann). Tōkyō: Rakutenkai, 1960. Funakoshi, Gichin. Karate wa bugei no kotsuzui nari (Die Chinesische Hand ist das Mark der Kampfkünste). Ryūkyū Shinpōsha (Hrsg.). Ryūkyū Shinpō (Neue Nachrichten aus Ryūkyū). Naha: Ryūkyū Shinpōsha, 9.1.1913. Funakoshi, Gichin. Okinawa no bugi. Karate ni tsuite Asato Ankō shi dan (jō, chū, ge) (Kampftechniken Okinawas. Über die Chinesische Hand Gespräche mit Herrn Asato Ankō. Teil 1, 2, 3). Ryūkyū Shinpōsha (Hrsg.). Ryūkyū Shinpō (Neue Nachrichten aus Ryūkyū). Naha: Ryūkyū Shinpōsha, 17.-19.1.1914. Funakoshi, Gichin. Ryūkyū kenpō karate (Chinesische Hand Methode der Faust aus Ryūkyū). Tōkyō: Bukyōsha, 1922. Funakoshi, Gichin. Rentan goshin karatejutsu (Kunst der Chinesischen Hand Zur Stählung des Mutes und zur Selbstverteidigung). Ginowan: Yōjusha, Neuauflage 1996 ( 1 1925). Funakoshi, Gichin. Karatedō kyōhan (Lehrmuster des Weges der Leeren Hand). Tōkyō: Ōkura Kōbundō, 1935. Funakoshi, Gichin. Karate nyūmon (Einführung in die Leere Hand). Tōkyō: Budō Kyōkai, 1943. Funakoshi, Gichin. Karatedō ichiro (Weg der Leeren Hand Ein Weg). Tōkyō: Sangyō Keizai Shinbunsha, 1956. Funakoshi, Gichin. Karatedō kyōhan (Lehrmuster des Weges der Leeren Hand). Tōkyō: Nichigetsusha, 1958. Funakoshi, Gichin. Karatedō ichiro (Weg der Leeren Hand Ein Weg). Tōkyō: Kōdansha Shuppan Kenkyūjo, 1976 und Ginowan: Yōju Shorin, 2004. 223

Index A Ā fūsetsu karatedō s. Eine harte Zeit auf dem Wege der Leeren Hand! A Visit to India, China, and Japan in the Year 1853 46 Abe Yoritō 23 Abendliche Gespräche im Tōkai-[Tempel] Tōkai yawa 73, 91 abgesprochenes Handgemenge yakusoku kumite 82, 214 Account of a Voyage of Discovery to the West Coast of Corea, and the Great Loo-Choo Island 45, 46, 56 Acht Verse zu den wichtigsten Punkten der Methode der Faust Kenpō taiyō hakku 116 Achtung / achten 159, 165, 178-180 187, 205, 210, 216 Adams, William 36 Aḥmad ibn Mājid 34 aikidō s. Weg des Anpassens der Energie Aikikai s. Gesellschaft des Anpassens der Energie Aisu Hisatada 92 Aji auch Anji s. Titel (Ryūkyū) Aka Chokkō 45, 53 Aka Chokushiki 45, 53, 54 Aka Chokushiki yuigonsho s. Testament des Aka Chokushiki Aka Chokushū 45, 53 al-ghūr (Insel) 34 Allgemeine Darlegungen zum Weg der Chinesischen Hand Karatedō gaisetsu 105, 106, 118, 145-157, 200-204, 214, 216, 219 Allgemeine Grundschule von Naha Naha Jinjō Shōgakkō 107 Allgemeine Grundschule von Shuri Shuri Jinjō Shōgakkō 69 Allgemeine und Höhere Grundschule von Naha Naha Jinjō Kōtō Shōgakkō 114 alte Kampfkunstwege Ryūkyūs Ryūkyū kobudō 114, 119, 145 alte Sitten und Gebräuche kojitsu 83 Ältere Staatsräte rōjū 37 Analekten des Lehrmeisters Shihan goroku 106, 125, 126, 171-194, 208-212, 219 Anfänger shoshin(sha) 85, 89, 132, 142, 163, 199, 218 Angriff s. Verteidigung und Angriff Annalen des koreanischen [Königs] Sejo Chōsen Sejo jitsuroku 32 Annalen des [Schwertes] Taia Taiaki 74, 87, 91 Ansichten eines Mannes Hitori monogatari 43, 44, 51 Arakaki Ryūkō 114 Asato Ankō 56, 61, 107, 141 Ashikaga Takauji 13 Ashikaga Yoshinori 13 Aufmerksamkeit 161, 162, 189, 191, 192, 212 Aufstand der Familie Jana Jana ichizoku no hanran 34 Aufzeichnungen der Großen Insel Ōshima hikki 44, 48, 51, 52, 59, 148, 149 Aufzeichnungen des Gesandten über Ryū- kyū chin. Shih Liu-ch'iu chi; jap. Shi Ryūkyū ki 39 Aufzeichnungen über alte Begebenheiten Kojiki 12 Aufzeichnungen über das Land Ryūkyū, an dem wir strandeten Hyōtō Ryūkyū kokuki 32 Aufzeichnungen über die Vorbereitungen zum Kampf chin. Wu-pei-chih; jap. Bubishi oder 52, 112, 116, 165 Aufzeichnungen vom großen Frieden Taiheiki 13, 20 Aufzeichnungen von Fu-chou Fu-chou fuchih; jap. Fukushū fushi 63 Aufzeichnungen zu Ryūkyū Ryūkyū kankei bunsho 47 Ausbildung / ausbilden 19, 25, 74, 75, 102, 107, 123, 140, 145, 171, 174, 175, 177, 180, 182 Ausbildungsinstitut für Polizisten der Präfektur Okinawa Okinawa-ken Junsa Yōseijo 116 Äußere Richtungen der Methode der Faust chin. wai-chia ch'üan-fa; jap. gaika kenpō 147 Ausstellung für Leibeserziehung und Bewegung Undō Taiiku Tenrankai 109 Avataṃsaka-sūtra s. Sūtra Azuma kagami s. Spiegel des Ostens 243