Welthandel: Lieferketten unter die Lupe nehmen

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1 LIEFERKETTEN Welthandel: Lieferketten unter die Lupe nehmen Der Abbau von Hürden in Lieferketten könnte das globale Wachstum sechsmal mehr steigern als die Abschaffung aller Einfuhrzölle. Bis zu 137 Millionen neue Arbeitsplätze wären möglich, wenn Unternehmen und Regierungen weltweit ihre Handelsströme einem ganzheitlichen Lieferketten-Check unterziehen und Hindernisse beseitigen würden. Vom Schiff auf die Straße Containerverladung für eine reibungslose Lieferkette. Bürokratische Hemmnisse kosten Zeit und Geld Stopp!, Stopp!, Stopp! bis zu 36 Mal hört ein Transporteur, der ein Handelsgut quer durch Indien bringen soll, den Zuruf: Stopp: Warenkontrolle! Etliche Bundesstaaten führen dort zusätzlich zur nationalen Einfuhrkontrolle eigene, zum Teil wiederholte Warenprüfungen durch. Das kostet Zeit und Geld. Die Stopps sind ein Beispiel für bürokratische Hemmnisse in weltweiten Lieferketten. Stopp! Warenkontrolle in manchen Ländern hören Transporteure den Zuruf bis zu 36 Mal, bevor sie am Ziel ankommen. 1

2 Expertenbericht entlarvt die größten Handelshemmnisse Das World Economic Forum hat in Zusammenarbeit mit der Weltbank und der Strategieberatung Bain & Company viele weitere aufgespürt: Im Nahen Osten verzögern Beschränkungen durch Ursprungsbezeichnungen oder Diebstahl die Grenzabfertigung von Technologiegütern; die Mehrkosten liegen zwischen 6 und 9 Prozent. In Brasilien kann die Abwicklung der Zollformalitäten beim Export von Agrarrohstoffen bis zu zwölfmal so lange dauern wie in der Europäischen Union (einen ganzen Tag statt zwei Stunden). In Madagaskar können Behinderungen in der Lieferketten bis zu 4 Prozent vom Umsatz eines Textilproduzenten ausmachen, weil höhere Frachtkosten anfallen und größere Lagerbestände vorgehalten werden müssen. In den USA kommt es bei fast jeder dritten Chemikaliensendung, die Bestandteile aus der Gruppe der Azetyle enthält, zu Verzögerungen; mit Standgeldern in Höhe von bis zu US-Dollar pro Tag. Der Bericht Enabling Trade: Valuing Growth Opportunities (Den Handel stärken: Wachstumspotenziale heben) arbeitet insgesamt 18 Fallstudien zum Thema Hindernisse in Lieferketten auf. Verzögerungen in der Lieferkette stellen mittlerweile größere Handelsbarrieren dar als Zollabgaben, die ohnehin den niedrigsten Stand seit 30 Jahren erreicht haben. Verzögerungen an der Grenze, uneinheitliche Produktverordnungen, mangelhafte Infrastruktur und Korruption: Ineffizienzen und Nadelöhre behindern grenzüberschreitende Waren- und Dienstleistungsströme am meisten. Zu den Hindernissen von Lieferketten zählen auch aufwändige Abfertigungen an Grenzübergängen. Großes Wachstumspotenzial in weltweiten Lieferketten Werden Abläufe international reibungsloser gestaltet, setzt das enorme Potenziale frei. Es werden weniger Ressourcen verschwendet und die Handelsfirmen arbeiten effizienter was wiederum Preissenkungen für Verbraucher und Unternehmen ermöglicht, erklärt Armin Schmiedeberg, Partner bei Bain & Company und Leiter der europäischen Praxisgruppe Industrial Goods & Services : Heutzutage geht es um die Gesamtkosten der Lieferketten. 2

3 Die Expertenberechnungen zeigen die Relevanz des Themas für Unternehmen und Regierungen gleichermaßen; das weltweite Einsparpotenzial ist enorm: Bei Reduzierung nur einiger Hemmnisse könnten das weltweite Bruttoinlandprodukt (BIP) um 4,7 Prozent und die weltweiten Exportgeschäfte um 14,5 Prozent gesteigert werden. Im Vergleich dazu würde ein Verzicht auf alle Einfuhrzölle das BIP um lediglich 0,7 Prozent und den Welthandel um 10,1 Prozent steigern. Darüber hinaus könnten weltweit 137 Millionen neue Arbeitsplätze durch die positiven Impulse des globalen BIP-Anstiegs entstehen, haben die Verfasser des Berichts errechnet. Selbst bei einer weniger radikalen Vereinfachung der globalen Lieferketten und einem moderaten Wachstum von nur 2,6 Prozent seien noch 23 Millionen neue Arbeitsplätze möglich. Nach Expertenberechnungen könnten effizientere Lieferketten die weltweiten Exportgeschäfte um 14,5 Prozent steigern. Was können Unternehmen und Regierungen tun? Ein wichtiger Schritt wäre beispielsweise die Einführung elektronischer Meldeverfahren in der Luftfrachtbranche. Damit könnten jährlich 12 Milliarden US-Dollar gespart und bis zu 80 Prozent der Verspätungen vermieden werden, die durch papiergebundene Abwicklung entstehen. Eine Lockerung der Regeldichte für kleine und mittlere Unternehmen beim Internetverkauf könnte die grenzüberschreitenden Verkäufe in diesem Segment um bis zu 80 Prozent steigern. Internetriese ebay rechnet nach eigenen Angaben sogar mit einem Umsatzplus von bis zu 10 Milliarden US-Dollar, wenn das grenzüberschreitende Geschäft weniger kompliziert und damit kostengünstiger wäre. Was sollten international agierende Handelsunternehmen also tun? Bei der Bewertung von Investitionsentscheidungen und operativen Maßnahmen nicht nur Faktoren wie Arbeitslöhne und Rohstoffkosten einkalkulieren, sondern darüber hinaus ergründen, welche Hindernisse in den Lieferketten Kosten verursachen und wie diese bei den Gesamtkosten ins Gewicht fallen: Die Lieferketten also unter die Lupe nehmen! 3

4 Elektronische Meldeverfahren könnten Verspätungen in der Luftfrachtbranche erheblich reduzieren. Ein detaillierter Fragenkatalog bringt Klarheit Um das Optimierungspotenzial in den eigenen Lieferketten zu ergründen, müssen sich Unternehmen eine ganze Reihe von Fragen stellen: Mit wie vielen und welchen Regularien und Behörden habe ich es eigentlich zu tun, wenn ich Güter von A nach B transportiere? Habe ich überhaupt eine Liste der behördlichen Regularien für jedes einzelne meiner Produkte? Wie tragen diese Bestimmungen dazu bei, inländische Hersteller, die gleiche Waren produzieren, zu schützen und inwiefern beeinflusst dies meine Kosten und meine internationale Wettbewerbsfähigkeit? Gibt es produktspezifische Einfuhrhindernisse auch in anderen Märkten, in die ich bereits exportiere? Mit welchen typischen Verzögerungen muss ich in meinen jeweiligen Zielmärkten rechnen? Wie ist die Telekommunikations- und Transportinfrastruktur ausgebaut? Auf was für ein gesamtwirtschaftliches Klima treffe ich mit welchen Auswirkungen auf meine Liefer- und Handelskosten? Das sind nur einige Beispiele aus einem umfangreichen Fragenkatalog, den die Bain- Strategen in einem Leitfaden für Unternehmen Finding the hidden costs in broken supply chains zusammengestellt haben. Er gibt Unternehmen wichtige Anhaltspunkte für eine gründliche Inspektion und damit einhergehend eine Hebung des Wachstumspotenzials in ihren weltweiten Lieferketten. Eine Fallstudie aus der Bekleidungsindustrie habe zum Beispiel gezeigt, wie Verzögerungen, inkonsequente Anwendung von Vorschriften und Infrastrukturprobleme Lohnkostenvorteile regelrecht zunichte gemacht hätten, sagt Bain-Partner Armin Schmiedeberg, und erläutert: Verzögerungen verursachen eine aufgeblähte Vorratshaltung mit höheren Lagerkosten, gleichzeitig steigt die Gefahr von Diebstahl und Lagerengpässen. 4

5 Auch in der Bekleidungsindustrie verursachen Verzögerungen hohe Kosten. Hohes Maß an Konsequenz und Geduld erforderlich Wer das volle wirtschaftliche Potenzial des Welthandels erschließen wolle, so ein Fazit des Berichts, müsse seine Anstrengungen, die Leistungsfähigkeit der Lieferketten zu steigern, erheblich verstärken. Und Geduld haben: Unsere Modellrechnungen zeigen, dass Verbesserungen erst spürbar werden, wenn ein gewisses Maß an Deregulierung überschritten ist. Halbherzige Ansätze und Stückwerk funktionieren erfahrungsgemäß nicht, so Schmiedeberg. Deshalb: Konsequent und langfristig die gesamte Lieferketten im Auge behalten! Regierungen sollten dafür eine zentrale Anlaufstelle einrichten: diese soll Vorschriften koordinieren, die die Lieferketten direkt beeinflussen. Eine solche Stelle könnte öffentlichprivate Partnerschaften aushandeln sowie Daten erheben und analysieren. Und außerdem dafür sorgen, dass Handelsvereinbarungen spürbare Veränderungen bringen. Wichtig zudem: eine globale Initiative, die bislang papierbasierte Berichtssysteme und Grenzdokumente digitalisiert und entsprechende IT-Systeme einrichtet. Die Einführung digitaler statt papierbasierter Berichtssysteme könnte Zeit und Kosten sparen. 5

6 Mehr Arbeit und mehr Chancen für Menschen in aller Welt Regeln und Sicherheitskontrollen müssen sein. Doch vielerorts wiegen Bürokratie, Formularwirrwarr und der Mangel an Standards als Handelshemmnisse viel schwerer, sagt Schmiedeberg. Abschließend hält er fest: Diese Hindernisse abzubauen, senkt nicht nur Kosten für die Unternehmen, sondern schafft Arbeitsplätze und damit neue wirtschaftliche Chancen für Menschen in aller Welt. Ein LKW fährt an der Deutsch-Schweizerischen Grenze durch ein mobiles Röntgengerät. 15. Juli 2013 Copyright: METRO AG URL: 6

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