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1 Lesung (1 Joh 16b-19) Lesung aus dem ersten Brief des Johannes 16b Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm. 17 Darin ist unter uns die Liebe vollendet, dass wir am Tag des Gerichts Zuversicht haben. Denn wie er, so sind auch wir in dieser Welt. 18 Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn die Furcht rechnet mit Strafe, und wer sich fürchtet, dessen Liebe ist nicht vollendet. 19 Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. Wort des lebendigen Gottes 1

2 Evangelium (Mk 12,26-34a) Aus dem heiligen Evangelium nach Markus Jesus sprach zu den Pharisäern: 26 Dass aber die Toten auferstehen, habt ihr das nicht im Buch des Mose gelesen, in der Geschichte vom Dornbusch, in der Gott zu Mose spricht: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? 27 Er ist doch nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden. Ihr irrt euch sehr. 28 Ein Schriftgelehrter hatte ihrem Streit zugehört; und da er bemerkt hatte, wie treffend Jesus ihnen antwortete, ging er zu ihm hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen? 29 Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. 30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. 31 Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden. 32 Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm, 33 und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer. 34 Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Evangelium unseres Herrn Jesus Christus 2

3 Homilie (P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB) Liebe Marie Luise, ich verabschiede mich nicht von dir, sondern von deinen sterblichen Überresten. Mit dir unterhalte ich mich weiter zwar anders, aber ich unterhalte mich weiterhin mit dir. Lieber Otto Julius und liebe Verwandte von Marie Luise, liebe Bekannte und Freunde von Marie Luise, ihr alle, die ihr soeben mit mir dieses tröstende Wort Gottes gehört habt, das auch Marie Luise und ich in unseren vielen Eucharistiefeiern gemeinsam gehört und aufgenommen haben: der lebt ohne Angst, und wer angstlos lebt, der lebt wesentlich. "Furcht gibt es in der Liebe nicht" (1 Joh 18), haben wir soeben im ersten Brief des Johannes gehört. Wir alle haben unsere ersten Liebeserfahrungen nicht erst in der Pubertät gemacht, sondern bereits im Mutterleib. Von Marie Luises Biografie habe ich wenig Ahnung, da können andere besser reden. Ich kenne sie eigentlich erst seit etwa 1995, als sie schon ein ganzes Leben hinter sich hatte es war im Jahr Aber sie muss schon viel befreiende Liebe im Schoß ihrer Familie erfahren haben: Von ihrem guten Verhältnis, besonders zu ihrem Vater, und von ihrer geschwisterlichen Liebe zu dir, Otto Julius, können wir alle lernen. der lebt ohne Angst, 3

4 Das hat Marie Luise wohl nicht erst aus der Heiligen Schrift gelernt, sondern sie hat sich bei unseren Eucharistiefeiern immer wieder darüber gefreut, dass sie durch die Heilige Schrift darin bestätigt wurde: Sie braucht vor Gott keine Angst zu haben! der lebt ohne Angst, Immer wieder haben Marie Luise und ich die einstmals von der Kanzel heruntergedonnerten und bisweilen immer noch unterschwellig gepredigten Drohungen entlarvt: Sie sind zwar biblisch, aber sie sind nicht für alle bestimmt, sondern nur für jene, die eigennützig lieben. der braucht keine Drohung, daher lebt so jemand ohne Angst. Wir alle kennen die Spendefreudigkeit und die Großzügigkeit von Marie Luise und dennoch geschah dies in Stille und Bescheidenheit, mit einem Wort: unbezweckt. Daher konnte sie auch herzhaft fröhlich sein, angstlos das Leben leben, die Schönheit der Natur genießen. Eine Standardverabschiedung von ihr am Telefon war: "Lass es dir gut gehen!" Und Lebensfreude erlaubt auch Spaß! "Ich bin zu jeder Lumperei bereit", sagte sie, als wir einmal spontan beschlossen, rohe Leber zu essen und darauf ein Stamperl Schnaps zu genießen, oder mit dem Rollstuhl den Ölberg hinab zu fahren, den Weg, den Jesus beim Einzug in Jerusalem auf einem Esel ritt. Mehrmals war sie mit mir in Israel, einmal haben wir uns in Sizilien getroffen einige Male in Rom. 4

5 Sie reiste überhaupt gerne, und entschied sich manchmal auch spontan dazu. Das ist eben so bei lebensfrohen und angstlosen Menschen. Solche Menschen sind auch grundlegen dankbar, denn wie wir alle wissen wer dankbar ist hat keine Zeit zum Angst haben. Die Blumenhändlerin hier in Langenargen hat sie als stets positiv strahlende Person in Erinnerung. Für das Team des Hotelpersonals am Jägerhof galt Frau Kobel ich zitiere "zu den absoluten Lieblingsgästen". Unter den Verwandten und Freunden ist sie in Erinnerung als jemand, der sie regelmäßig angerufen hat, sich stets für sie interessiert hat, ohne sich jemals einzumischen. Und: wer angstlos lebt, der lebt wesentlich. Der Schriftgelehrte, von dem wir im Evangelium gehört haben, fragt Jesus, was denn so das Wichtigste am Glauben sei. Jesus antwortet: Die Gottesliebe und die Nächstenliebe. Freilich: Wenn ich erfahren habe, dass und wie sehr Gott mich liebt, und zwar als Mensch, als sein Geschöpf unabhängig von meinen guten Taten und unabhängig von meinen Sünden und mich einfach als sein Geschöpf liebt, sodass ich keine Angst vor ihm habe, der wird auch die Mitmenschen lieben, die Gott als seine Geschöpfe genauso liebt wie mich. Und der Pharisäer gibt darauf eine verblüffende Antwort. Er, der als Gesetzeslehrer eigentlich auf das peinlich genaue Einhalten der religiösen Vorschriften schaut und schauen muss sagt erstaunlicherweise: Ja, genau, Gottes- und Nächstenliebe sind das Wesentliche, und daher weit wichtiger als sämtliche religiösen Gesetze. 5

6 Auch dies hat Marie Luise nicht erst durch die Heilige Schrift gelernt, sondern sie hat in unseren Eucharistiefeiern auch in diesem Punkt mit Freude erleben dürfen, dass sie auf dem richtigen Weg war: Der Blick für das Wesentliche macht das Leben erst lebenswert: Der dankbare Blick für die Schöpfung und der liebende Blick für die Geschöpfe. Alles andere ergibt sich von selbst. Und befreiend war es für sie immer wieder, wenn ich ihr sagen konnte: "Die biblischen und kirchlichen Gesetze sind für diejenigen, die das Wesentliche aus den Augen verloren haben." Daher bin auch ich enorm dankbar dafür, dass ich in Marie Luise einen derartig freien Menschen erleben durfte. Möge Marie Luise vom allmächtigen Gott, der sie und uns alle durch die Auferweckung seines Sohnes von jeder Angst befreit hat und befreit in sein Reich der ewigen Freude und Liebe aufgenommen werden, und sie dort mit Ernst und Oskar wieder vereinen. Und möge Marie Luise uns allen als jene Person in Erinnerung bleiben, die zumindest in den letzten 20 Jahren unbezweckt liebend ohne Angst gelebt hat, und als angstlos Lebende sich nicht von Detailsorgen kleinkriegen ließ, sondern stets souverän den Blick auf das Wesentliche gerichtet hat und jetzt den Wesentlichen schauen darf. Amen! 6

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