Gott ist größer als unser Herz! (Hosea 11,1: 3-4, 8ac-9; Joh 3, 13-17)

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1 Gott ist größer als unser Herz! (Hosea 11,1: 3-4, 8ac-9; Joh 3, 13-17) Ihr bekommt meinen Hass nicht! so der Titel eines offenen Briefes an die Attentäter von Paris im vergangenen Jahr. Geschrieben hat diesen Brief der Journalist Antoine Leiris, der bei diesen Anschlägen seine Frau verloren hat und seither mit seinem knapp zwei Jahre alten Sohn allein steht. Ich zitiere aus diesem Brief: Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Kindes, aber ihr bekommt meinen Hass nicht. Ich weiß nicht, wer ihr seid und ich will es nicht wissen, ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den ihr tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben. Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel! Ich habe sie heute Morgen gesehen. Endlich. Sie war genauso schön wie am Freitagabend, als sie ausging, genauso schon wie damals, als ich mich vor 12 Jahren hoffnungslos in sie verliebte. Selbstverständlich frisst mich der Kummer auf, diesen kleinen Sieg gestehe ich Euch zu Ich weiß aber, dass sie uns jeden Tag begleiten wird und dass wir uns in jenem Paradies der freien Seelen wiedersehen werden 1

2 Soweit einige Worte, die mir bald nach dem schrecklichen Ereignis von Paris in die Hände gefallen sind und die mich auch heute noch erschüttern. Welch eine Größe dieses Mannes! Er reagiert nicht mit Hass, nimmt deutlich Abstand von dem Motto: Auge um Auge, Zahn und Zahn. Er ist nicht auf Rache gesinnt, vor allen Dingen stellt er das Gottesbild der Mörder in Frage: Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben! Besser kann man das biblische Gottesbild kaum auf den Punkt bringen. Woran auch immer Menschen leiden, jede Wunde eines Menschen reißt auch eine Wunde in das Herz Gottes. Er schwebt nicht über dem Leid; er lässt sich davon berühren und betreffen. Dies ist die Botschaft der Bibel von Beginn an. Und so spricht sie davon, dass Gott das Elend seines Volkes in Ägypten gesehen und ihm Befreiung geschenkt hat. Sie erzählt in unzähligen Geschichten, dass die Armen und Ausgebeuteten die Lieblinge Gottes sind, dass er Ihnen zur Seite steht und dass er für die Elenden welcher Art auch immer ein Herz hat. Für die Elenden ein Herz haben das aber meint Gottes Barmherzigkeit. Diese Barmherzigkeit aber geht weit über unser menschliches Fassungsvermögen hinaus; sie sprengt all unsere Vorstellungskraft. Davon ist jedenfalls der Prophet Hosea überzeugt, den wir gerade in der Lesung gehört haben. Hosea spricht in eine Zeit hinein, in der das Volk Israel mit seinem Gott gebrochen hat. Das Volk ist zu einer unehrbaren Dirne geworden, hat sich von der Lebenszusage Gottes los gesagt. Und deshalb hat nun auch Gott beschlossen, dem treulosen Volk kein Erbarmen zu zeigen. Damit scheint alles 2

3 aus zu sein: Doch dann kommt die dramatische Wende. Wir haben sie in der Lesung gehört: Gottes Mitleid lodert auf. Sein Herz wendet sich gegen ihn, d. h. Gott selbst stürzt seine Gerechtigkeit um, er wirft sie über den Haufen: Denn Gott bin ich, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte. Darum komme ich nicht in der Hitze des Zorns! Das ist eine erstaunliche Aussage, ja mehr noch: Sie ist kaum fassbar. Mit ihr ist gesagt: Gottes Heiligkeit, sein Ganz-Anders-Sein gegenüber allem Menschlichen zeigt sich in seiner Barmherzigkeit. Was auch immer geschehen mag, Gott ist größer als unser Herz; er steht unverbrüchlich zu seiner Lebenszusage. Was auch immer Menschen einander antun und damit IHM antun, er lässt von seiner Liebe nicht ab. Genau darum ist Gott schließlich auch Mensch geworden. Weil er von seiner unendlichen Liebe nicht ablassen konnte, hat er in seinem Sohn Jesus Christus unüberbietbar offenbar gemacht, dass er ein Herz für jeden hat. Gerade deshalb hat sich Jesus besonders der Sünder und Ausgegrenzten angenommen, hat sie leibhaftig spüren lassen, dass Gott sie nicht verloren gibt und ihnen und damit uns allen seine Hand entgegenstreckt. Diese Botschaft aber stieß auf Widerstand. Wie heute konnten auch damals Menschen nicht glauben, dass Gottes Macht sich allein in der Liebe zeigt, dass sein Wesen Barmherzigkeit ist. Und so führte der Weg Jesu ans Kreuz. Weil Jesus so von der leidenschaftlichen Liebe seines Vaters erfüllt war, ging er seinen Weg der Liebe konsequent weiter. Er ließ sich nicht beirren, wehrte sich nicht, trumpfte nicht auf, sondern hielt durch bis zum Tod am Kreuz. 3

4 Am Kreuz also wird Gottes verrückte Liebe zu uns offenbar; hier zeigt sich, wie sehr Gott sich mit den Leidenden dieser Welt verbindet, wie sehr alle Wunden dieser Welt eine tödliche Wunde in sein Herz reißen. Zugleich aber ist der Gekreuzigte Grund unserer Hoffnung, dass alle Leiden dieser Welt nicht vergeblich und sinnlos sind. Das Kreuz ist nämlich nicht das Ende, der Tod hat nicht das letzte Wort, sondern die Liebe und das Leben, oder mit den Worten des Evangelisten Johannes: Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat. An diese Liebe Gottes zu glauben, hat aber weitreichende Konsequenzen sowohl für unser Gottesbild als auch für unsere Lebenspraxis. Und so sind wir aufgefordert, all jenen unseren Widerstand entgegen zu setzen, die meinen, im Namen welchen Gottes auch immer, andere brutal töten zu müssen. Wie Papst Franziskus in seiner Verkündigungsbulle zum Hl. Jahr der Barmherzigkeit betont, ist auch im Islam einer der Namen Gottes der Allerbarmer und Albarmherziger. Deshalb bekennen sich auch die wahrhaft gläubigen Muslime dazu, dass niemand der göttlichen Barmherzigkeit Grenzen setzen kann. Mit ihnen müssen wir uns verbünden und fragen, wie wir dieser Barmherzigkeit unter uns Raum geben und dem Terror ein Ende setzen können. Zugleich aber sind wir auch herausgefordert, uns mit denen zu verbinden, denen unsägliches Leid zugefügt wurde. Und so gilt nicht nur den Opfern von Paris unser Mitgefühl, sondern gerade auch den Menschen, die bei uns Zuflucht vor Terror und Gewalt gesucht haben. Zeigen wir ihnen, dass wir ein 4

5 Herz für sie haben und dass unser Glaube an die Barmherzigkeit Gottes Hand und Fuß bekommt. Amen. 5

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