ARCHÄOLOGISCHE METHODE À LA FEHMARN - Digitale Archäologie Von: Nadja M. K. Mortensen, Archäologin für Vorgeschichte, GIS-Verantwortliche Übersicht über das Untersuchungsareal Die digitale Vermessung und Registrierung ist ein wichtiger Teil der Standardprozedur des Museums Lolland-Falster bei einer archäologischen Ausgrabung. Die digitale Vermessung gewährleistet nicht nur eine präzise Registrierung der archäologischen Untersuchungen, sondern auch eine Bewusstmachung unbeweglicher prähistorischer Spuren für die Nachwelt. Außerdem können digitale Registrierungen, wie nachstehend beschrieben, von entscheidender Bedeutung für die Planung archäologischer Untersuchungen sein. Bei den Ausgrabungen in Verbindung mit dem Bau der Fehmarnbelt-Querung wird alles mit GPS oder Tachymeter vermessen von den Ausgrabungsfeldern und Suchgräben bis hin zu den Bohrproben, Anlagen und Artefakten. Voruntersuchung Phase 1 Untersuchungsmethode Im Mai 2012 leitete das Museum Lolland-Falster die erste Phase der archäologischen Voruntersuchung in Verbindung mit dem Bau eines Senktunnels unter dem Fehmarnbelt ein. Dabei wurden 987 Kernbohrungen mit einem Durchmesser von 70 mm durchgeführt, und zwar in Zusammenarbeit mit dem holländischen Bauunternehmen Sialtech. Die Bohrungen waren notwendig, da die Voruntersuchung auf herkömmliche Weise nicht möglich war. Normalerweise werden bei archäologischen Voruntersuchungen sogenannte Suchgräben angelegt, mit einer Breite von 2 m und einem Abstand von ca. 15 m verteilt über das gesamte Untersuchungsgebiet. Da es sich bei 187 ha der Fläche in Rødbyhavn je-
Übersicht über die Kernbohrungen doch um eingedeichten Meeresboden handelt, war eine herkömmliche Voruntersuchung nicht möglich. Ein Versuch im Herbst 2011 zeigte, dass der Wasserdruck des Fehmarnbelts und der Grundwasserspiegel so hoch sind, dass die Seiten der Gräben ohne Spundwände zusammenfallen und die Gräben innerhalb kürzester Zeit mit Wasser volllaufen. Als eines der am niedrigsten gelegenen Länder der Erde haben die Niederlande das gleiche Problem. Vermessung mit Tachymeter (links auf dem Foto) und mit GPS (rechts auf dem Foto) Sialtech hat eine Bohrung durchgeführt und ist gerade dabei, den Bohrkern (die Erdsäule) aus dem Bohrer zu nehmen. Rechts auf dem Foto untersucht ein Archäologe gerade einen Teil einer solchen Erdsäule. Daher wurde dort eine Voruntersuchungsmethode entwickelt, die keine herkömmlichen Suchgräben, sondern Kernbohrungen umfasst. Aufgrund der positiven Erfahrungen mit dieser Art der Untersuchung eingedeichter Flächen in den Niederlanden wurde gemeinsam mit dem Bauherren Femern A/S der Beschluss gefasst, die Methode in Rødbyhavn einzusetzen und mit Schneckenbohrungen und kleinen Gruben mit Spundwänden zu ergänzen. Vor den ersten Bohrungen wurde mit Hilfe von GPS und Tachymeter ein systematisches Netz erstellt
Geologie in 3 m Tiefe um sicherzustellen, dass die Bohrungen an den richtigen Stellen erfolgten und ein möglichst breiter Ausschnitt des Gebiets abgedeckt wurde. Das geologische Modell Die Ergebnisse der Kernbohrproben ermöglichten eine stratigraphische Analyse der Sedimentschichten im Gebiet. Sämtliche Bohrproben und die verschiedenen Schichten wurden anschließend in einer Datenbank registriert, auf deren Grundlage das Museum ein digitales geologisches Landschaftsmodell für das Gebiet entwickelte. Das Modell illustriert die Geologie in beispielsweise 2 Die beiden Lagunen östlich von Rødby Havn oder 3 m Tiefe unter dem heutigen Meeresspiegel und zeigt die Lage von Sand, Lehm, Torf oder Gyttja im Verhältnis zueinander. Dadurch kann es uns neue Erkenntnisse vermitteln, wo sich zu verschiedenen Zeitpunkten in der Vorgeschichte Wasser und Land befanden und wie die Gegend einst aussah und sich im Laufe der Zeiten entwickelte. Bereits vor der Voruntersuchung war uns klar, dass zum Fehmarnbelt hin einst ein Fjord lag, der bis nach Rødby reichte, ca. 5 km von der heutigen Küste entfernt. Unser geologisches Modell zeigt zudem, dass es östlich vom heutigen Fähranleger zwei kleine Lagunen mit zugehörigen Barriere-Inseln gab. Naturwissenschaftliche Untersuchungen Von einem breiten Ausschnitt von Kernbohrungen wurden Proben für eine Salinitätsanalyse entnommen. Eine Salinitätsanalyse zeigt den Salzgehalt in den Proben an und gibt damit Hinweise, wo es Salzwasser, Brackwasser und Süßwasser gab. So wie das geologische Landschaftsmodell kann uns diese Information neue Erkenntnisse darüber bieten, wie die Lagunen aussahen und wo sich hinsichtlich Trinkwasserzugang und Fischfangmöglichkeiten günstige Siedlungsplätze befanden. Vor der Salinitätsanalyse wurden Proben für eine Radiokarbondatierung entnommen. Mit Hilfe dieser
Übersicht über die Schneckenbohrungen Methode lassen sich die verschiedenen Sedimentschichten datieren, was uns Hinweise darüber geben kann, wo sich eventuelle Artefakte und Anlagen befinden. Voruntersuchung Phase 2 Das geologische Landschaftsmodell war von entscheidender Bedeutung für unsere weiteren Untersuchungen des Fehmarnbelt-Projekts, da die Untersuchungsstrategie in hohem Maße darauf beruht. Während der gesamten dänischen Vorgeschichte bevorzugte der Mensch Siedlungsplätze in Wassernähe. Doch insbesondere gegen Ende der Altsteinzeit siedelte er vorzugsweise an den Fjorden, entweder an den Mündungen oder an den inneren Küsten der Fjorde. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse und des geologischen Landschaftsmod- MSE hat eine Schneckenbohrung mit Maschine durchgeführt und ein Archäologe untersucht die Erde auf Artefakte. Verteilung der Gegenstände nach den Schneckenbohrproben Die roten Säulen illustrieren die jeweilige Menge der gefundenen Gegenstände. ells hat das Museum die Gebiete mit der größten Wahrscheinlichkeit, Spuren steinzeitlicher Siedlungen zu finden, ausgewählt. Untersuchungsmethode Die zweite Phase der Voruntersuchung dauerte von Dezember 2012 bis März 2013. Das Museum führte in Zusammenarbeit mit dem Bauunternehmen MSE A/S insgesamt 1.119 Schneckenbohrungen mit einem Durchmesser von 120 cm durch. Zuvor hatte man die Schneckenbohrungsstellen mit Hilfe von GPS markiert die Platzierungen waren auf der Grundlage des geologischen Landschaftsmodells und unseres Wissens über die Lage
Übersicht über die Spundwandgruben der Steinzeitsiedlungsplätze sorgfältig ausgewählt worden. Ziel der Schneckenbohrungen war es, archäologische Artefakte und damit archäologische Stätten aufzuspüren. Sämtliche Funde wurden anschließend zu bestimmten stratigraphischen Sedimentschichten in Bezug gesetzt, darüber hinaus wurde jedoch in dieser Voruntersuchungsphase kein Wert auf die stratigraphischen Schichten gelegt. Außerdem wurden alle Gegenstände in einer Datenbank registriert unter Bezugnahme auf die Schneckenbohrungen, bei denen sie gefunden wurden. Die Datenbank wurde später auf eine Karte übertragen. Auf diese Weise konnte eine Gebietskarte über die Verbreitung der Artefakte bei den betreffenden Schneckenbohrungen erstellt werden. Voruntersuchung Phase 2.1 Untersuchungsmethode Als letzter Teil der Voruntersuchung wurden von März 2013 bis Juni 2013 64 4x4 m große Gruben mit Spundwänden angelegt und untersucht. Das Bauunternehmen Arkil A/S war für die Spundwände verantwortlich, während das Museum in Zusammenarbeit mit der Firma MSE A/S für die Ausgrabung und Untersuchung der Gruben zuständig war. Die Spundwandgruben wurden in den Gebieten platziert, in denen die Schneckenbohrungen die meisten Artefakte nachgewiesen hatten, in der Hoffnung, dass es sich dabei um Siedlungen oder andere menschliche Aktivitätsbereiche handelte. Die Erwartungen an die Ausgrabung der Gruben waren also von vornherein groß. Aufgrund der größeren Untersuchungsfläche bestand nun auch die Möglichkeit, eventuelle Anlagen wie Feuerstellen, Hütten, Gräber oder unbewegliche Fischfanganlagen zu registrieren und nicht nur lose Funde wie Feuersteinbeile, Pfeilspitzen, Keramik und Tierknochen. Die meisten Spundwandgruben enthielten Gegenstände, und in mehreren entdeckte man wie erhofft auch Anlagen, darunter ein gut erhaltener Fischzaun, der sich noch genauso wie bei seinem Verlassen vor ca. 5.000 Jahren präsentierte. Die außergewöhnlichen Erhaltungsbedingungen haben außerdem Funde von Tierknochen, Knochenspitzen und zugespitzten Pfählen ermöglicht, die aussehen, als seien sie erst gestern entstanden. Wir haben noch keine Menschenknochen entdeckt, aber wir hoffen, steinzeitliche Gräber im Gebiet zu finden.
Die erste eigentliche Ausgrabung Um den ganzen Umfang der Untersuchungen zu dokumentieren, wurden sämtliche Gruben nach dem Aufstellen der Spundwände mit GPS oder Tachymeter vermessen. Darüber hinaus wurden eventuelle Anlagen und Systeme senkrechter und/ oder waagerechter Stangen vermessen. Sämtliche Anlagen wurden zudem gezeichnet und fotografiert. Sofern möglich wurde auch eine Sektion der senkrechten Wand der Gruben gezeichnet und fotografiert, um die verschiedenen Bodenschichten und deren Dicke zu dokumentieren. Wie bei den Schneckenbohrungen registrierte man alle Gegenstände aus den Spundwandgruben in einer Datenbank, die anschließend auf eine Karte übertragen wurde. Naturwissenschaftliche Untersuchungen Wie bei den Kernbohrungen wurden Bodenproben sowie Proben von zugespitzten Stangen und Tierknochen entnommen, um sie mittels der Radiokarbonmethode zu datieren. Die Radiokarbondatierungen der Proben aus den Gruben untermauern unsere Theorie, dass die Gegend am Ende der Altsteinzeit und während der Jungsteinzeit besiedelt war. Die endgültigen Ausgrabungen Auf Grundlage der Gesamtergebnisse der Voruntersuchung wurden 30 Gebiete ausgewiesen, die von besonderem archäologischen Interesse sind. Innerhalb dieser Gebiete wurden wiederum kleinere Bereiche für die eigentlichen Ausgrabungen bestimmt. Die erste Ausgrabung begann Mitte August 2013 im östlichen Teil des Gebiets und wurde Mitte September 2013 abgeschlossen. Die Festlegung der Ausgrabungsbereiche erfolgte nach sorgfältiger Überlegung und basiert auf den Ergebnissen der Voruntersuchungen. Aus den Voruntersuchungen wissen wir, dass es Spuren menschlicher Aktivität aus der ausgehenden Altsteinzeit und der Jungsteinzeit gibt. Das Ausmaß der Aktivitäten ist uns jedoch noch nicht bekannt. Wie unsere endgültigen Ergebnisse aussehen werden, ist schwer vorherzusagen. Wir vom archäologischen Team des Museums Lolland-Falster freuen uns jedoch darauf, es herauszufinden! Ein Fischzaun