HISTORIE UND EINORDNUNG

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Transkript:

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Aufgaben und Inhalt) 1 HISTORIE UND EINORDNUNG 1891 _ Ratzel > Erklärung der Verteilung der Bevölkerung als Beziehungsgeflecht zw. Mensch und Umwelt (Naturdeterminismus) 3. Reich > wissenschaftl. Begründung rassisstischer Konzepte (Politische Geographie) 1953 _ Trewartha > Anstöße aus USA (auch Frankreich) (Perspektivenänderung) 60er/70er > quantitative Analyse Die Bevölkerungsgeographie ist heute Teil einer modernen Bevölkerungswissenschaft, die von der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen mehreren Fachdisziplinen geprägt ist Bevölkerungsökonomie, Bevölkerungssoziologie, Bevölkerungsstatistik, Bevölkerungsmathematik, Bevölkerungsgeographie, historische Demographie, medizinische Demographie und Bevölkerungsökologie.

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Aufgaben und Inhalt) 2 BEGRIFF > aktuelles Kernverständnis [geprägt durch WOODS (1986)] Die Beschreibung räumlicher Bevölkerungsverteilungen und -strukturen (> the where?) Die Erklärung dieser Verteilungsmuster (> the why where?) > Definition [nach BÄHR (1988: 8)] Die Bevölkerungsgeographie analysiert auf verschiedenen Maßstabsebenen die räumliche Differenzierung und raumzeitlichen Veränderungen der Bevölkerung nach ihrer Zahl, ihrer Zusammensetzung und ihrer Bewegung; sie versucht, die beobachteten Strukturen und Prozesse zu erklären und zu bewerten sowie ihre Auswirkungen und räumlichen Konsequenzen in Gegenwart und Zukunft zu erfassen. zwei Hauptbestandteile der BG 1. Die Untersuchung der räumlichen Differenzierung von a. Bevölkerungsverteilung und b. Bevölkerungsstruktur sowie 2. die Analyse der Bevölkerungsdynamik

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Aufgaben und Inhalt) 3 THEMENBEREICHE > drei Theorieebenen (> Modelltypen): 1. Grand theories (umfassende Globaltheorien > Erklärung grundlegender Veränderungen) 2. Middle range theories (Betrachtung von Bevölkerungsgruppen und ihren Subkategorien) 3. Micro theories (Individuen, Familien, Haushalte) AUFGABEN a) raum-zeitliche Bevölkerungsverteilung b) natürliche Bevölkerungsbewegung in Raum und Zeit (Erfassung und ursächliche Erklärung) c) Wanderungsbewegungen (Umfang/Ursachen/Formen zu Herkunft und Ziel) d) Räumliche Differenzierung von sozialbiologischen und sozioökonomischen Bevölkerungsstrukturen e) Prognose räumlicher Bevölkerungsentwicklung und dichte unter Berücksichtigung bevölkerungs- und raumordnungspolitischer Vorgaben bzw. Maßnahmen f) Probleme der Bevölkerungsentwicklung in Verbindung mit der agrarischen, gesamtwirtschaftlichen, siedlungsmäßigen und ökologischen Tragfähigkeit Quelle: Leib, J., Mertins, G. (1983): Bevölkerungsgeographie. Westermann: Braunschweig. (=Das Geographische Seminar)

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Aufgaben und Inhalt) 4 DATENGRUNDLAGEN Problem: Wissenschaftler sind (meist) angewiesen auf die Auswertung langer Zeitreihen möglichst detaillierter statistischer Daten. Volkszählungen i. d. R. Vollerhebungen, in regelmäßigen Abständen wiederholt Fortschreibungen jährlich etc. durch amtliche Statistiken Mikrozensus Stichprobenerhebung ) erstellt Statistiken des Bevölkerungstandes Zahl / Zusammensetzung / räumliche Verteilung an Stichtag Statistiken der Bevölkerungsbewegungen Veränderungen durch Geburt / Sterbefälle / Wanderungen

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Aufgaben und Inhalt) 5 > z. T. erhebliche Schwierigkeiten hinsichtlich der verfügbaren Qualität und Quantität des Datenmaterials bzgl.: Einer inhaltlichen und räumlichen detaillierten Datendifferenzierung Der willkürlichen Abgrenzung von statistischen Raumeinheiten (administrativ, politisch) Der (mangelnden) Dauerhaftigkeit von statistischen Raumeinheiten (Vergleichbarkeit) Einer nicht gleichartigen Bevölkerungszusammensetzung der statistischen Bezugsräume Einer sehr unterschiedlichen Flächenausdehnung und Einwohnerzahl der Bezugsräume

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Bev.Verteilung und -Dichte) 6 BEVÖLKERUNGSVERTEILUNG & -DICHTE Bevölkerungsverteilung = Streuung der Bevölkerung im Raum 4 Verteilung und natürliches Wachstum der Weltbevölkerung nach Ländern um 2003 Quelle: BÄHR 2004: 58

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Bev.Verteilung und -Dichte) 7 5 Quelle: KULS & KEMPER 2000: 28 > Grundformen räumlicher Bevölkerungsverteilung 8 Quelle: BÄHR 2004: 28

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Bev.Verteilung und -Dichte) 8 Bevölkerungsdichte = Verhältnis der Bevölkerung zur Fläche Die Bevölkerungsdichte auf der Erde um 1960 Quelle: BÄHR & JENTSCH & KULS 1992: 91! Regelhaftigkeiten! > meist marititm / Kontinentalränder (Klima, Wirtschaft, Kolonien) > Flussläufe > Mittelgebirgsschwellen (Voll-)Ökumene = permanente Besiedlung und Nutzung Sub-Ökumene = Teilnutzung An-Ökumene = nicht besiedelt

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Bev.Verteilung und -Dichte) 9

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Bev.Verteilung und -Dichte) 10 LORENZKURVE Konzentration oder Gleichverteilung? 1. Prämisse: Untersuchungsgebiet muss sich in (möglichst gleich große) Untereinheiten mit bekannter Fläche und Einwohnerzahl untergliedern lassen 2. Bestimmung der Bevölkerungsdichte der einzelnen Teilräume 3. Aufteilung der Teilräume nach Dichteklassen und Sortierung nach Rangfolge 4. Für jeden Teilraum, bzw. jede Dichteklasse wird ihr Anteil an der Gesamtfläche und an der Gesamtbevölkerung des Untersuchungsraumes errechnet 5. Darstellung der kumulierten Prozentwerte der Gesamtfläche und der Gesamtbevölkerung für alle Teilräume in den Dichteklassen in einem Diagramm (Achsen Bevölkerungsanteil und Flächenanteil) und ihre Verbindung zu einer Kurve Bei einer Gleichverteilung ergibt sich eine Diagonale zwischen den Punkten 0/100 zu 100/0 (> Gleichverteilungsgerade ) Je weiter die Kurve von der Gleichverteilungsgeraden abweicht, desto größer ist die Bevölkerungskonzentration im Untersuchungsgebiet. Konzentrationsindex / GINI-Koeefizient

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Bev.Verteilung und -Dichte) 11 Statistisches Landesamt (Hg.) (2005): Von Dierfeld bis Mainz: In: Statistische Monatshefte 8. Mainz: 467 (> http://www.statistik.rlp.de/verlag/monatshefte/2005/08-2005-467.pdf) K = 0,74

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Bev.Struktur) 12 BEVÖLKERUNGSSTRUKTUR = qualitative Zusammensetzung der Bevölkerung Mögliche Charakterisierungsmerkmale: > Demographie Zustand der Bevölkerung und ihrer zahlenmäßigen Veränderungen (Geburtenrate, Zu- und Abwanderungen, Altersaufbau etc.) > wirtschaftlich und sozial Beruf, Beschäftigung nach Wirtschaftszweigen, Einkommen, HH- Größe, > ethnisch-rassische und kulturelle Staatsangehörogkeit, Rasse, Hautfarbe

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Bev.Struktur) 13 14 Quelle: KULS & KEMPER 2000: 68 1 Quelle: KULS & KEMPER 2000: 70

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Bev.Struktur) 14 20 Quelle: KULS & KEMPER 2000: 77 REFERAT: Bevölkerungspyramiden von Deutschland

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Bev.Dynamik) 15 Grundformen von Alterspyramiden Wachsende Bevölkerung Wachsende Bevölkerung Stationäre Bevölkerung Schrumpfende Bevölkerung a. Hohe konst. Geburten und Sterberate (Pyramiden-/Dreiecksform) b. Sterberate (v.a. Kindersterblichkeit) sinkt ab c. Niedrige, konstante Geburten- u. Sterberaten (Bienenkorbform) d. Wie C aber Zunahme der Geburtenrate e. Geburtenrückgang bei niedriger konstanter Sterberate (Urnenform) f. Sinkende Sterberate bei Geburtenrückgang

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Bev.Dynamik) 16 Extremform der Alterspyramide Beispiel Sun City 23 Quelle: BÄHR 2004: 94

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Bev.Dynamik) 17 NATÜRLICHE BEVÖLKERUNGSBEWEGUNGEN = Veränderungen der Bevölkerungszahl durch Geburten- und Sterbefälle Totale Fertilitätsrate in den Staaten der Erde um 2000-2005 3 Quelle: BÄHR 2004: 182

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Bev.Dynamik) 18

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie (Bev.Dynamik) 19 Stand des demographischen Übergangs 1960 und 2000 Quelle: BÄHR 2004: 222 Quelle: BÄHR 2004: 224

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie 20 Die Entwicklung der Bevölkerung während der vergangenen 10 000 Jahre QUELLE: BLUM, W. (1994): Wettlauf mit der Zeit. In: ZEIT-Punkte 4/1994. S. 9-11.

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie 21 Bevölkerung bezeichnet eine Gesamtheit von Menschen, die aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit, ihres Wohnsitzes, ihres Arbeitsplatzes oder Ähnlichem einem bestimmten Gebiet zuzuordnen sind. Größe und Struktur einer Bevölkerung sind u.a. abhängig von der Geburten-, Sterbe- und Migrationsrate. Demographie bezeichnet die wissenschaftliche Erforschung des Zustandes der Bevölkerung und ihrer zahlenmäßigen Veränderungen (Geburtenrate, Zu- und Abwanderungen, Altersaufbau etc.).

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie 22 "In der Zeit, in der wir leben, ist [ ] die Zahl der Kinder, überhaupt der Bevölkerung in einem Maße zurückgegangen, dass die Städte verödet sind und das Land brachliegt, obwohl wir weder unter Kriegen von längerer Dauer noch unter Seuchen zu leiden hatten [...] weil die Menschen der Großmannssucht, der Habgier und dem Leichtsinn verfallen sind, weder mehr heiraten noch, wenn sie es tun, die Kinder, die ihnen geboren werden, großziehen wollen, sondern meist nur eins oder zwei, damit sie im Luxus aufwachsen und ungeteilt den Reichtum ihrer Eltern erben, nur deshalb hat das Übel schnell und unvermerkt um sich gegriffen. Wenn nur ein oder zwei Kinder da sind [ ] bleibt natürlich Haus und Hof verwaist zurück, und die Städte, ebenso wie ein Bienenschwarm, werden allmählich arm und ohnmächtig." Quelle: FELDERER, B. (1983): Wirtschaftliche Entwicklung bei schrumpfender Bevölkerung. Berlin, Heidelberg, New York: 128. Die modern anmutenden Diskussionen um den Bevölkerungsrückgang durch die niedrige Fertilität einschließlich ihrer Interpretation als egoistisches Verhalten der jungen Generationen sind nicht erst in unserer Zeit aufgetreten wie das Zitat des griechischen Historikers Polybios aus dem 2. Jahrhundert vor Christus zeigt

Humangeographie II: WiGeoÜ SS2006 (Neef) Bevölkerungsgeographie 23 Quelle: Berlin Institut (für Bevölkerung und Entwicklung) (Hg.) (2006): Die demografische Lage der Nation. Wie zukunftsfähig sind Deutschlands Regionen? Kurzfassung. Berlin