VORBILD Märklin und die Krokodile DAS TIER VOM GOTTHARD Ein Märklin-Jubiläum wäre unvollständig ohne eine Würdigung der Schweizer Elloks Ce 6/8 II und III. Als Krokodile wurden sie weltberühmt und zur bekanntesten Märklin-Modellfamilie. 92 51_Krokodile_V1.indd 92 01.07.2009 12:04:18 Uhr
Die Ursprünge des Krokodils liegen im Jahr 1903. Damals machte sich die Schweizerische Studienkommission für elektrischen Bahnbetrieb erste Gedanken über die Elektrifizierung der Gotthard-Linie. Zwei Stromsysteme kämpften um die Gunst der Kommission: der einphasige Wechselstrom niedriger Frequenz von der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) und das Drehstrom-System von Brown, Boveri & Cie (BBC). Das von der MFO favorisierte System hatte die Nase vorn, nach dem Probebetrieb elektrifizierten die Privatbahn Bern Lötschberg Simplon und die Rhätische Bahn ihr Netz ab 1907 bzw. 1913 mit Einphasen-Wechselstrom von 15.000 V und 15 Hz. Die Schweizerischen Bundesbahnen zauderten. Erst am 8. Februar 1916 entschieden sie sich fürs gleiche System, allerdings mit der Frequenz von 16 2/3 Hz. Damit befanden sich die SBB in guter Gesellschaft: Drei Jahre zuvor hatten Preußen, Bayern und Baden die gleiche Wahl getroffen, kurz darauf Österreich, Schweden und Norwegen. Lokomotiven gesucht Nun galt es, die Elektrifizierung der Gotthard-Strecke und den Bau geeigneter Lokomotiven in die Hand zu nehmen. Am 30. Juni 1917 be- 93 51_Krokodile_V1.indd 93 01.07.2009 12:04:38 Uhr
VORBILD Märklin und die Krokodile stellten die SBB vier unterschiedliche Probelokomotiven, darunter die Gebirgs-Güterzuglokomotive Fc 2 x 3/4 12201. Sie wurde 1920 zur Ce 6/8 I 14201 damit nahm die Krokodil-Geschichte ihren Anfang. Der elektrische Teil der Lokomotive stammte von BBC, die Mechanik kam von SLM (Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik). Doch die Zeiten für das Großprojekt waren alles andere als günstig: Der erste Weltkrieg tobte, und auch in der neutralen Schweiz mussten die Männer die Grenzen sichern. Zudem wurde das Material knapp und nicht zuletzt hatten die Verantwortlichen den Konstruktionsaufwand für völlig neue Lokomotiven schlicht unterschätzt. An sich hätte man nun die Prototypen gebaut, erprobt und dann die Serienloks in Auftrag gegeben. Doch den SBB rannte die Zeit davon, schon 1920 sollte der elektrische Betrieb am Gotthard starten. Bestellung ohne Probe Dieser Not gehorchend bestellten die SBB deshalb mehr als ein Jahr vor (!) Ablieferung der Prototypen u. a. eine erste Serie Gebirgs-Güterzuglokomotiven. Die Achsfolge blieb, ansonsten schlug man sowohl mechanisch als auch elektrisch einen anderen Weg als bei der Ce 6/8 I ein. Im November 1919 lieferte die Industrie die erste Lok vom Typ Ce 6/8 II ab besser bekannt als Krokodil. Wie dieser Name entstand, ist übrigens bis heute ein Geheimnis der Eisenbahn-Geschichte. Die Ce 6/8 II 14251 14283 stellten einen großen Wurf dar. Anfangs fuhren sie überwiegend auf der Gotthard-Linie. Als dann im Mittelland die SBB-Strecken mit einer Fahrleitung ausgerüstet waren, traf man die Ce 6/8 II fast in der gesamten Schweiz an. Zwischen 1942 und 1947 ließen die SBB 13 der 33 Ce 6/ 94 51_Krokodile_V1.indd 94 01.07.2009 12:04:58 Uhr
Ab 1919 wurden die Krokodile bei der SLM in Winterthur gebaut. Bis 1922 entstanden 33 Ce 6/8 II, Mitte der 20er-Jahre folgten noch einmal 18 Ce 6/8 III. Eine weitere Spielart ist das Seetal-Krokodil (unten). Die Maschinen erwiesen sich als großartige Konstruktion, die letzte hielt sich bis 1986 im Rangierdienst (ganz unten). 8 II modernisieren. Ihre Dauerleistung stieg von 2.240 auf 3.640 PS, die Höchstgeschwindigkeit von 65 auf 75 Kilometer pro Stunde. Dadurch änderte sich die Typenbezeichnung: Die schnellen Krokodile hießen Be 6/8 II und erhielten die Nr. 13251 13259, 13261 sowie 13263 13265. So standen sie weiterhin am Gotthard im Einsatz. Erst die starken Ae 6/6-Wappenlokomotiven verdrängten sie ins Mittelland. Dort mutete man ihnen trotz ihres Alters noch das Schleppen von 1.200 Tonnen schweren Kieszügen zu. Daraufhin begannen sich die Schäden zu mehren und eine Ma- 95 51_Krokodile_V1.indd 95 01.07.2009 12:05:07 Uhr
VORBILD Märklin und die Krokodile schine nach der anderen wurde ausrangiert die letzte 1982. Zwölf weitere Ce 6/8 II bauten die SBB von 1965 bis 1971 zu Rangierlokomotiven um, Leistung und Höchstgeschwindigkeit blieben gleich. Die Rangier-Krokodile fielen sofort auf: Sie besaßen nur noch einen Stromabnehmer und ihre Stirnfronten waren mit Blechen verunstaltet. Immerhin verlängerte das die Einsatzzeit der Krokodile, die letzte Ce 6/8 II konnte sich so bis 1986 halten. Die Dreier Mitte der 20er-Jahre benötigten die SBB weitere Güterzuglokomotiven mit sechs Treibachsen. Wiederum bei MFO und SLM bestellte sie daher weitere 18 Maschinen. Die als Ce 6/8 III 14301 14318 bezeichneten Loks wiesen zwar ebenfalls die Krokodil-Silhouette auf, besaßen jedoch einen SLM-Schrägstangenantrieb. Obwohl die Ce 6/8 III für den Einsatz im Mittelland gedacht waren, kamen sie lange Zeit vor allem auf der Gotthardstrecke zum Einsatz. 1956 zeichneten die SBB ih re Ce 6/ 8 III in Be 6/8 III um, es erfolgte aber keine Modernisierung, die Leistung blieb mit 2.460 PS gleich. Fortan galten zwar 75 Kilometer pro Stunde als Höchstgeschwindigkeit, doch Ein großes Geschenk: Zum Jubiläum 125 Jahre Gotthardbahn wurde ein Krokodil nett verpackt. vor schweren Güterzügen brach ten es die Loks kaum auf Tempo 40. Mit dem Auftauchen der Ae 6/6 am Gotthard wanderten die Be 6/ 8 III ebenfalls ins Mittelland, wo sie ab 1970 teilweise die 1.200 Tonnen schweren Kieszüge schleppten. Die letzten Be 6/8 III leisteten jedoch im Raum Basel Dienst bis 1977. Parallel zu den Ce 6/8 III bestellten die SBB Mitte der 20er-Jahre drei kleine Krokodil-Lokomotiven für die Nebenlinie von Wildegg über Lenzburg und Beinwil nach Luzern (Seetal). Das Trio erhielt die Bezeichnung De 6/6, die Nr. 15301 15303 und den Spitznamen Seetal-Krokodil. Obwohl die Lok wie eine abgespeckte Ce 6/8 III erscheint, lehnt sich die De 6/6 konstruktiv an die Rangierlok-Prototypen Ee 3/4 16301 und 16302 von 1923 an. Hauptsächlich im Seetal liefen die De 6/6 dann bis 1983. Zwei wurden ausrangiert, die 15301 an die Oensingen-Balstahl-Bahn verkauft. Mit dem Planeinsatz der Krokodile war ihre Geschichte aber noch längst nicht zu Ende. Fast ein Fünftel der 51 Maschinen mit der Achsfolge 6/8 hat überlebt. Vier der neun erhaltenen Krokodile kann man im Museumsbetrieb noch heute erleben ganz abgesehen von Zehntausenden Märklin-Lokomotiven, in denen der Mythos der Krokodile weiterlebt. Text und Fotos: Chr. Zellweger 96 51_Krokodile_V1.indd 96 01.07.2009 12:05:17 Uhr
Der Krokodil-Code: Das C im Loknamen steht für die Höchstgeschwindigkeit bis 65 Kilometer pro Stunde, das e für den Elektroantrieb. Die Zahl 6 bezeichnet die angetriebenen, die 8 die Zahl aller Achsen. Nach dem Umbau erhielten die Loks ein B, weil sie nun Tempo 75 schafften. 97 51_Krokodile_V1.indd 97 01.07.2009 12:05:39 Uhr