Predigt zum Vaterunser Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Die Predigt wurde im Rahmen einer Predigtreihe zum Vaterunser am 12.3.2011 in Riedenberg von Vikar Jakob Spaeth gehalten. Liebe Gemeinde, Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Am Beginn des Vaterunsers stehen drei Bitten, in denen wir nicht etwas für uns erbitten. Am Beginn des Vaterunsers machen wir uns die Sache Gottes zu eigen. Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe. Das ist anders als bei den Bitten um unser Brot, Vergebung unserer Schuld. Aber wenn wir um die Sache Gottes beten, dann geht es auch um uns. Dein Reich komme, dein Wille geschehe sind Bitten, die unser Leben betreffen. Wenn es um die Sache Gottes geht, dann können wir nicht einfach sagen: Ach Gott, das ist deine Sache. I. Dein Reich komme Und doch identifizieren sich verschiedene Menschen gerade mit der Bitte Dein Reich komme unterschiedlich stark. Menschen, die gegenwärtig Leiden erfahren oder in Not sind, legen in die Bitte ihre ganze Last, die sie ablegen möchten, die sie in Gottes Hände geben wollen. Sie warten auf das Ende der Welt, mit Pauken und Trompeten, endlich Schluss mit dieser Welt der Ungerechtigkeit und des Elends, endlich die Wohnungen des Herrn schauen, das himmlische Jerusalem, die Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Wie sprechen wir die Bitte, wenn wir das Vaterunser beten? Je weniger ein Mensch von dieser Welt noch erwartet, desto inbrünstiger wird die Bitte; heißt das, dass es keine Bitte für diejenigen ist, die hoffnungsvoll in die Zukunft blicken? 1
Stellen wir uns vor, ein junger Mann schaut voller banger Vorfreude auf den Abend, an dem er sich mit der Frau treffen möchte, in die er sich verliebt hat. Er betet das Vaterunser und spricht die Worte Dein Reich komme. Kurz streift ihn dann aber der Gedanke an den kommenden Abend er wird an die Bitte anfügen, dass das Reich Gottes bitte erst morgen kommen soll. Sollte das Reich Gottes nicht wenigstens noch so lange warten. Es hat ja wirklich schon lange auf sich warten lassen, da kann es auch noch einen kurzen Aufschub ertragen. Seit 2000 Jahren warten Christen und beten darum, dass Gottes Reich kommt. Mal murmeln sie die Bitte eher beiläufig, mal beten sie sie mit Verzweiflung. Seit Jesus vor 2000 Jahren die Gegenwart und die Zukunft der Herrschaft Gottes gepredigt hat, warten Christen auf den neuen Himmel und die neue Erde. Aber sie erleben auch, wie auf der Erde Schlechtes zu Gutem wird und Neues beginnt, wo das Alte den Menschen belastet. Das erlebten die Jünger Jesu, die mit ihm durch Galiläa zogen, wo Jesus Wunder tat und von Gottes Herrschaft predigte. In Jesus war das Reich Gottes schon da. Aber er lehrt seine Jünger zu beten: Dein Reich komme. Christen sind guter Hoffnung Darum sind Christen guter Hoffnung. Früher sagte man das ja von schwangeren Frauen. Sie sind guter Hoffnung. Sie spüren in sich, zuerst so, dass es noch niemand sehen kann, das Neue, das entsteht. Wie so ein neues Leben wird, ist (ja) ein Wunder. Schwangere sind auf dieser Welt die Expertinnen für Wunder, für das Wunder des Lebens. Manchmal halten sich Wissenschaftler für diese Experten, wenn sie Zellen züchten können oder Gencodes entschlüsseln, aber am Wunder nehmen sie nicht teil. Ihre Sache ist die Berechnung, der Versuch, der Irrtum, auch die Ausdauer und vielleicht der gute Wille, aber das Wunder, das ist doch etwas anderes. Das Wunder geschieht ohne Kalkulation, es geschieht auch nicht nur unter Laborbedingungen. Das Wunder des neuen Lebens geschieht im echten Leben. 2
Wenn Christen guter Hoffnung sind, dann sind sie es, weil sie erleben, wie das Reich Gottes da ist: Es ist nicht so da, wie es irgendwann einmal da sein wird, aber es ist doch schon da. Es wächst unter realen Bedingungen, es wächst im echten Leben und wie es am Ende sein wird, kann keiner genau sagen. Wie auch die schwangere Mutter nicht sagen kann, wie das Kind sein wird. Aber sie spürt doch, dass es schon da ist; und dass es ein Wunder ist. Die Schwangere spürt, dass das neue Leben schon da ist, aber noch nicht da ist. Noch nicht sichtbar, aber eben auch nicht mehr wegzudenken. Schwangere sind völlig eingenommen, erfüllt im wahrsten Sinn des Wortes von der Zukunft, die sie erwartet. Das Kind wird noch einige Zeit im Bauch der Frau bleiben und dennoch sind die Gedanken und Werke, oft auch die Worte schon ganz bei dem Kind. So ist das mit der guten Hoffnung, sie bringt die Zukunft in die Gegenwart und lässt Menschen anders spüren, denken und handeln. Das Reich Gottes lässt uns Christen Menschen guter Hoffnung sein. Was in Schwangeren entsteht, hat meistens zumindest seinen Anfang in der Liebe. Menschen kommen sich näher und näher und schließlich nah. Dann entsteht Gutes. Dann entsteht Neues. Egal wie keusch man sich den jungen Mann vorstellen möchte, der sich auf das Rendezvous am Abend freut dass sich das verliebte Paar nahe kommt, wenn sie sich sehen, zumindest in Gedanken und Worten, das ist ausgemacht. Auch das Reich Gottes nimmt seinen Anfang in der Liebe. Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab. Die Liebe wird zur Nähe. Gott kommt uns nahe. Und das ist dann wirklich der Himmel auf Erden. Dann sind Christen guter Hoffnung. Hoffnung darauf, dass alles gut wird. Dazu muss man sich zunächst eingestehen, dass im Moment nicht alles gut ist, dass manches sogar richtig schlecht ist. Aber wenn wir aufmerksam schauen, sei es in die weite Welt, 3
sei es in unser eigenes Herz, dann sehen wir, dass da nicht alles so bleiben darf, wie es gerade ist. Wir haben in den Seligpreisungen gehört, dass die Armen und die Leidtragenden selig sind. Das wird auch damit zusammenhängen, dass es denen, die Wenig haben, leichter fällt, dieses Wenige loszulassen und sich aufzumachen. Ehrlich zu bitten: Dein Reich komme. Aber auch die Reichen, denen es vielleicht schwerer fällt loszulassen, auch sie leben in der Bedrohung dieser Welt. Sie können die geistlich Armen sein. Sie können die Barmherzigen sein, die Friedfertigen. Und auch sie brauchen die Hoffnung auf das Reich Gottes. Sie können guter Hoffnung sein, dass aus dem, was sie gerade tun, aus dem, was fast keiner sieht, weil sie nur so wenig tun können, dass aus dem kleinen Samen ein großer Baum wird. Was uns zur zweiten Bitte führt: Dein Wille geschehe. Die beiden Bitten gehören zusammen. II. DEIN WILLE GESCHEHE Im Vaterunser beten wir gleich nach der Bitte Dein Reich komme die Bitte Dein Wille geschehe. Wie dieser Wille zu geschehen hat, bleibt in dem Gebet offen. Aber in welchem Ausmaß es geschehen soll, das beten wir: so wie im Himmel, so auch auf Erden. Das ist ein enormer Anspruch. Denn dass es im Himmel ganz und gar nach dem Willen Gottes geht, das wollen wir doch annehmen. Es soll also alles auf der Welt so sein, dass der Wille Gottes geschehe. Das heißt kein Krieg, keine Not, kein Leiden. Das heißt Zuwendung zu meinen Nächsten, Zuwendung zu meinen Feinden. Das ist utopisch, mag mancher denken. Das passt nicht zu dieser Welt und diesen Menschen. Das mag sein aber die Bitte passt zu uns Christen. Die Bitte darum, dass Gottes Wille geschehen soll, ist auch eine pädagogische Bitte. Sie erzieht uns, die wir sie beten. Sie erinnert uns, dass wir Gottes Willen erfüllen wollen. Auch wir Christen sind manchmal vergesslich oder schläfrig die katholische Kirche nennt es träge und da tut es gut, wenn wir uns selbst daran erinnern, was in der Welt 4
geschehen soll. Gottes Wille soll geschehen. Was Gott für die Welt will, ist lauter Liebe. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab Die Bitte Dein Wille geschehe erinnert uns daran, dass wir tun sollen, was die Liebe uns rät. Liebe, und tue was Du willst heißt es schon bei Augustinus. Wer liebt, handelt nach dieser Liebe. Leider heißt das nicht, dass aus den Handlungen von Liebenden nur Gutes herauskommt. Auch wer liebt, macht Fehler, auch schlimme Fehler. Auch wer liebt, kann die Seele seines Mitmenschen verletzen und andere in Not bringen. Sonst läge es ja in unserer Hand, das Reich Gottes zu schaffen. Aber als Maßstab für das, was wir tun sollen, als Maßstab für Gottes Willen, gibt es keinen anderen. Wo die Liebe zu Gott und zu unseren Mitmenschen zur Handlung wird, da geschieht Gottes Wille. Da ist auch das Reich Gottes mitten unter uns und wird spürbar auf Erden. Dass alles Gut sein wird, wie im im Himmel, das bleibt dann allerdings der Vollendung des Reiches Gottes am Ende der Tage vorbehalten dem himmlischen Jerusalem. Da dürfen wir guter Hoffnung sein. Und was ist mit dem jungen Mann und der jungen Frau, die sich am Abend treffen möchten? Wenn Christus den Lauf der Welt nicht endgültig beendet hat bis dahin, können wir uns mit dem Paar freuen. Freuen an der Liebe, freuen an alledem, was Gutes in der Welt entsteht, wo die Liebe wächst. Wenn der Herr aber ausgerechnet heute wiederkommt, dann wird alles anders sein. Was dann aber sicher bleibt auch für den jungen Mann und die junge Frau ist die Liebe. Der Friede Gottes, welcher höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn! Amen. 5