Das einsame Mädchen Ronja Meyer 7b Erschrocken sahen sich die beiden an. Oh mein Gott! Was war das gerade für ein riesiges grün-weißes Monster?", rief Biz aufgeregt. Ja. Ich habe so etwas noch nie gesehen.", sagte Margelin. Wo sind wir überhaupt?" Neugierig sahen sie sich um. Sie waren in einem Raum mit vielen Bildern gelandet. Und erst jetzt bemerkten sie das riesige Bild, das vor ihnen hing. Dieses Bild zeigte vier Mädchen auf einer Brücke. Sie standen alle in einer Reihe. Eines der Mädchen sah nach vorne. Aber die anderen drei Mädchen schauten weg. Das Mädchen, das nach vorne sah, hatte kein Gesicht. Warum hat dieses Mädchen kein Gesicht?", fragte Margelin. Ich weiß nicht.", meinte Biz. Vielleicht ist sie einsam oder...traurig." Dieses Mädchen tut mir irgendwie leid, Biz", sagte Margelin mit einem traurigen Blick auf das Bild. Ich finde, wir sollten auf jeden Fall herausfinden, was mit ihr los ist." Hey, Margelin! Das ist es! Vielleicht können wir so die Pestgeister erlösen! Los! Worauf warten wir noch?" Mit diesen Worten rannte Biz auf das Bild zu und stieg hinein. Warte doch auf mich!", rief Margelin ihm nach. Langsam schwebten die beiden Geister auf eine lange Landstraße hinunter. Am Ende der Straße entdeckten sie die Brücke, die sie auf dem Bild gesehen hatten. Aber es stand nur noch ein Mädchen dort. Vorsichtig näherten sich die Geister. Das Mädchen trug ein weißes Kleid mit langen Ärmeln. Dazu schwarze Stiefel. Ihre goldblonden Haare fielen bis zu den Schultern herab. Sie hielt einen Zeichenblock in der Hand und schien zu malen. Aber sie machte ein trauriges Gesicht. Sie sieht wirklich nicht sehr glücklich aus.", sagte Biz besorgt. Wir sollten sie ein bisschen aufheitern.", schlug Margelin vor. Plötzlich blickte das
Mädchen von ihrem Block auf und erschrak, als sie Margelin und Biz vor sich schweben sah. Ah! Hilfe!", schrie sie. Wer seid ihr?" Das ist Margelin und ich bin Biz", sagte Biz. Du brauchst keine Angst vor uns zu haben. Wir wollen dir nur helfen." Auf einmal sahen die beiden, dass dem Mädchen eine Träne die Wange hinunterlief. Wie ein kleiner Regentropfen. Niemand kann mir helfen.", schluchzte sie. Margelin schwebte zu ihr und begann ihr den Kopf zu streicheln. Keine Sorge. Wir WERDEN dir helfen.", sagte sie tröstend. Warum bist du eigentlich so traurig?", fragte Biz und wischte ihr die Träne weg. Als er sie berührte, wehte sie davon wie ein Regentropfen, vom Wind weggepustet. Ich bin so traurig, weil ich überhaupt nicht weiß, wo ich herkomme. Meine Eltern sind gestorben als ich noch sehr klein war, aber niemand will mir sagen, wie", erklärte sie. Das ist ja schrecklich!", antwortete Margelin mitfühlend. Aber warum hilft dir niemand?" Alle haben Angst vor mir.", sagte das Mädchen mit gesenktem Kopf. Warum denn das?", fragte Biz. Ich besitze Zauberkräfte. Ich kann die Bilder, die ich zeichne, lebendig machen." Erstaunt sahen sich Biz und Margelin an. Das Mädchen lächelte und begann ein einfaches Strichmännchen zu zeichnen. Als sie das getan hatte, strich sie mit ihrer Handfläche über die Zeichnung und das Männchen erwachte zum Leben. Es erhob sich gähnend, als ob es hundert Jahre geschlafen hätte, und schlenderte auf dem Block hin und her. Plötzlich klappte das Mädchen den Zeichenblock zu und schlug ihn wieder auf. Das Männchen war wie vorher eine ganz normale Zeichnung. Wow!", rief Biz. Das ist toll!" Wieder senkte das Mädchen traurig den Kopf. Aber, weil ich diese Kräfte besitze, hat sich jeder von mir abgewendet. Ich habe keine Freunde, einfach niemanden mehr. Die einzigen, die noch zu mir halten, sind meine Schwestern."
Du tust uns wirklich furchtbar leid", sagte Margelin. Wie heißt du eigentlich? Du hast uns deinen Namen noch gar nicht gesagt." Das Mädchen lächelte. Mein Name ist Naminé", sagte sie. Das ist ja ein wunderschöner Name!", rief Margelin. Hast du eigentlich mal deine Schwestern gefragt, wie deine Eltern gestorben sind?", fragte Biz. Ich habe es mal versucht, aber sie haben mir nicht geantwortet. Wie wär's? Sollen wir deinen Schwestern diese Frage mal gemeinsam unter die Nase reiben?" Ich weiß nicht. Sie werden bestimmt Angst vor euch bekommen." Und was ist mit dir? Am Anfang hattest du auch Angst vor uns. Und jetzt nicht mehr", meinte Margelin. Das ist auch wieder wahr", stimmte Naminé zu. Na, also. Dann komm! sagte Biz und Margelin wie aus einem Mund. Die beiden Geister fassten das Mädchen an den Händen und flogen mit ihr davon. Sie landeten in einer einsamen Gegend vor einem kleinen weißen Häuschen mit schwarzem Dach und großem Garten. Im Garten blühten viele Blumen. Tulpen, Orchideen, Maiglöckchen und andere. Ein weißer Zaun mit einem kleinen weißen Tor umschloss den Garten. Hier wohnst du also?", fragte Margelin neugierig. Ja", sagte Naminé. Dann lass uns nachsehen, ob deine Schwestern zu Hause sind!", rief Biz. Zögernd ging Naminé auf die Haustür zu. Margelin und Biz folgten ihr. Vorsichtig öffnete Naminé die Tür. Biz und Margelin schwebten hindurch. Das Innere des Hauses war noch größer, als es von außen aussah. Der Raum, in den sie traten, war die Küche. Ein riesiger Tisch mit fünf Stühlen fiel den beiden Geistern zuerst ins Auge. Fünf Stühle? Sie hatten doch nur vier Mädchen auf dem Bild gesehen Plötzlich hörten sie, wie jemand eine lange Wendeltreppe hinunter stürmte. Es war eine etwas ältere Frau.
Wo bist du nur gewesen?!, rief sie Naminé mit Tränen in den Augen zu. Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht! Deine Schwestern suchen dich schon seit Stunden! Als sie den Kopf langsam in Biz und Margelins Richtung wandte, wurde sie leichenblass. Wer ist das?, fragte sie zitternd auf die beiden Geister zeigend. Wir sind Margelin und Biz, erklärte Margelin. Tut uns leid, dass wir sie erschreckt haben. Miss Das ist meine Stiefmutter, erklärte Naminé. Wann kommen Nanimés Schwestern zurück?, fragte Biz. Wir müssen nämlich dringend mit ihnen reden. In diesem Augenblick ging die Tür auf und drei Mädchen traten ein. Die erste (sie war bestimmt genauso alt wie Naminé) trug auch ein Kleid mit langen Ärmeln. Es war nur nicht weiß sondern rot. Auf ihrem blonden Haar saß ein Strohhut und ihre Stiefel waren schwarz wie Nanimés. Die zweite hatte rote Haare, trug ein hellgrünes Kleid und ebenfalls schwarze Stiefel. Die letzte schien die Älteste zu sein. Sie war etwas größer als die anderen beiden, trug ein dunkelblaues Kleid, hatte dunkles Haar und wie die anderen schwarze Stiefel an. Naminé!, rief sie überrascht. Hier bist du also! Wir haben dich überall gesucht! Voller Freude rannte sie zu Naminé und umarmte sie. Plötzlich stießen die beiden anderen Mädchen einen schrillen Schrei aus. Alle hielten sich die Ohren zu. Was sind das da vorne für schwebende Lappen?, fragte das Mädchen mit den roten Haaren entsetzt. Lappen?, fragte Margelin empört. Hat die uns gerade Lappen genannt? Naminé fing an zu kichern. Das sind meine Geisterfreunde Margelin und Biz. Sie sind nicht gefährlich. Sie wollen mir nur helfen. Wir drei haben eine Frage an euch, auf die ich schon lange eine Antwort haben wollte. Was für eine Frage? Das Mädchen mit den blonden Haaren hatte sich als erste vom Schreck erholt. Wie sind meine Eltern gestorben? Und wo komme ich eigentlich her? Und warum habe ich diese Zauberkräfte? Ihr drei habt sie schließlich nicht!
Das waren jetzt aber mehr als eine Frage, meinte die Älteste. Und begann zu erzählen: Du kommst aus einer Stadt sehr weit weg von hier. Sie heißt Laputa. Und von da hast du deine Zauberkräfte. Eines Tages stand eine Frau vor unserer Tür und erzählte uns, dass sie dringend eine Unterkunft für ein kleines Mädchen brauchte. Die Frau wusste nicht, ob du Eltern hattest oder nicht. Sie erzählte uns, dass du eines Tages vor ihrer Tür lagst. Sie hatte niemanden gesehen. Weder den Vater noch die Mutter. Sie konnte dich nicht selbst versorgen. Also ist sie zu uns gekommen. Die Wahrheit ist, wir wussten nie, wer deine Eltern sind und ob sie starben. Du wurdest von uns adoptiert. Und wir sind leider auch nicht deine Schwestern. Traurig senkte Naminé den Kopf. Es tut uns schrecklich leid. Wir hätten es dir früher sagen sollen, fügte die Älteste hinzu. Naminé fing an zu weinen. Oh nein. Bitte wein nicht, versuchte das Mädchen mit den roten Haaren sie zu trösten. Ist schon gut. Lasst mich einfach nur in Ruhe!, rief Naminé und lief weinend in ihr Zimmer hinauf. Wir werden lieber mal nach ihr sehen, meinten Biz und Margelin und schwebten hinterher, auf das Zimmer zu, aus dem das Schluchzen kam. Naminé? Dürfen wir rein?, fragte Biz vorsichtig. Naminé nickte. Die beiden Geister schwebten auf ihr Bett. Es tut uns leid. Es wäre besser gewesen, wenn wir die Frage nicht gestellt hätten, sagte Margelin und legte ihren Arm um die Schulter des Mädchens. Ihr könnt nichts dafür. Ich hätte mir diese Frage selbst nie stellen müssen, meinte Naminé. Aber ich wollte es so gerne wissen und jetzt habe ich mich selbst traurig gemacht. Viel mehr, als ich es schon war. Entschuldigst du uns für einen kurzen Augenblick?, fragte Biz. Naminé nickte wieder. Die Geister schwebten in eine Ecke und Biz flüsterte Margelin zu: Wir müssen den
Zauber sprechen. Ja, das sehe ich genauso, flüsterte Margelin zurück. Plötzlich erschrak Biz und fragte aufgeregt: Wie viel Zeit haben wir eigentlich noch?! Schnell sahen sie auf den Wecker, der auf dem Nachttisch stand. Es blieben nur noch fünf Minuten Zeit! Oh nein! Wir müssen uns beeilen!, rief Margelin hektisch. Sie fassten sich an den Händen und murmelten Worte, die Naminé nicht verstand. Auf einmal trennte die beiden ein grelles Licht und in diesem Licht erschienen eine Frau und ein Mann. Naminé blickte auf. Wer sind Sie?, fragte sie verwirrt. Du kommst mir irgendwie bekannt vor, sagte der Mann. Ist dein Name vielleicht Naminé? J-ja., sagte Naminé zögernd. Ich glaub es nicht! Unsere Tochter! Wir haben dich jahrelang gesucht! Der Herrscher von Laputa hatte uns zu Unrecht eingesperrt. Erst seit kurzer Zeit sind wir wieder frei. Seitdem haben wir versucht herauszufinden, wo du hingekommen bist. Und jetzt haben wir dich endlich gefunden! Naminé konnte es nicht fassen. Vor Freude rannte sie auf ihre Eltern zu und umarmte sie. Doch als sie sah, wie Biz und Margelin langsam verschwanden, rief sie: Halt! Wartet! Wo wollt ihr denn hin? Wir sind Pestgeister, die einen Weg finden mussten, uns und alle Pestgeister zu erlösen, erklärte Margelin. Nun haben wir unsere Aufgabe erfüllt. Du wirst dich nicht mehr an uns erinnern, wenn wir fort sind. Du wirst glücklich mit deinen Eltern leben. Mit jedem Satz verblassten die beiden Geister mehr und mehr. Lebe wohl!, riefen sie noch einmal, bevor sie ganz verschwanden.